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Full text of "Goethe-Jahrbuch"

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Goethe-Jahrbuch. 


Herausgegeben 


Ludwig  Geiger. 

FÜNFUNDZWANZIGSTER  BAND. 


Mit  dem  neunzehnten  Jahresbericht 


Goethe-Gesellschaft. 


Frankfurt  VM. 

Literarische    Anstalt 

RüTTEN    &   LOENING. 
1904. 


Mit  dem  Bild  vo\  Christiaxe 
IN  Lichtdruck 

NACH   EINER    HaNDZEICHNUNG    GoETHES 

(vgl.  S.  VI). 


Druckerei  von  August  Osterrieth  in  Frankfurt  a.  M. 


Vorwort. 


ünfundzwanzigjährige  Jubiläen  werden,  da  sie  gar 
zu  häufig  sind,  von  Staat  und  Gemeinden  zwar 
nicht  gefeiert;  eine  literarische  Vierteljahrhundertfeier  soll 
aber  nicht  ganz  unerwähnt  vorübergehen.  Der  Heraus- 
geber des  Goethe-Jahrbuchs  darf  daher  froh  auf  die  ersten 
25  Jahre  des  Bestehens  des 'von  ihm  gegründeten  Unter- 
nehmens hinweisen,  sich  der  stattlichen  Reihe  der  nun  vor- 
liegenden Bände  freuen,  den  Mitarbeitern,  der  Verlags- 
handlung, die  stets  dieselbe  gebUeben  ist  und  nicht  zuletzt 
der  Goethe-Gesellschaft  Dank  sagen,  die  von  ihrem  Be- 
stehen an  das  Jahrbuch  zum  Organ  wählte  und  dem 
Herausgeber  stets  ihr  Wohlwollen  bewiesen  hat. 

Zur  Erinnerung  an  das  25  jährige  Bestehen  des  Unter- 
nehmens dachte  ich  an  eine  stille  Feier:  sie  sollte  nicht 
in  Selbstbeweihräucherung,  sondern  in  einer  literarischen 
Gedenkfeier  bestehen.  Zu  diesem  Zwecke  hielt  ich  es  für 
angemessen,  mich  an  die  11  überlebenden  unter  den  28 
Mitarbeitern  des  ersten  Bandes  zu  wenden  (ich  selbst  zähle 
mich  bei  dieser  Zusammenstellung  nicht  mit)  und  sie  um 
einen  Beitrag  auch  für  diesen  25.  Band  zu  ersuchen.  Sechs 
unter  ihnen,  die  Herren  F.  Bobertag  in  Breslau,  M.  Ehrlich 
in  Berlin,  H.  Hüfter  in  Bonn,  F.  Muncker  in  München,  G. 
Weisstein  in  Berlin,  W.  Willmanns  in  Bonn  antworteten  trotz 
aller  Sympathie  für  den  Gedanken  ablehnend ;  D.  Jacoby  war 
durch  seine  Erkrankung  nicht  in  der  Lage  theilzunehmen; 


rV  Vorwort. 

E.  Schmidt  hatte  einen  Beitrag  in  sichere  Aussicht  gestellt, 
der  dann  infolge  seltsamer  rein  äußerlicher  Zufälle  nicht 
geliefert  werden  konnte;  die  übrigen  drei,  die  Herren 
C.  A.  H.  Burkhardt  in  Weimar,  W.  Creizenach  in  Krakau, 
R.  M.  Werner  in  Lemberg  sind  mit  Beiträgen  in  diesem 
Bande  vertreten.  Ich  spreche  ihnen  meinen  besonderen 
Dank  aus,  daß  sie  durch  dieses  Wiederauftreten  nach 
25  Jahren  die  Gemeinsamkeit  unserer  Studien  und  ihr 
Interesse  am  Centralorgan  für  diese  Arbeiten   bethätigten. 

Ursprünglich  hatte  ich  wohl  den  Gedanken,  der  ver- 
storbenen Mitarbeiter  und  besonders  derer  des  ersten  Bandes 
pietätvoll  zu  gedenken ;  der  Ausführung  des  Planes  stellte 
sich  aber  die  große  Anzahl  dieser  Helfer  und  vor  allem 
der  Umstand  entgegen,  daß  der  meisten  bereits  in  besonderen 
Nekrologen  gedacht  worden  war.  Als  eine  Art  Ehren- 
tafel sei  die  Liste  dieser  Nekrologe  hier  verzeichnet: 
Biedermann,  Gustav  Woldemar  Freiherr  von,  5.  März  18 17 
bis  6.  Februar  1903,  Nekrolog  von  Adolf  Stern  XXIV, 
Seite  289—295;  Boxberger,  Robert,  gestorben  8.  März  1890 
XIII,  Seite  251;  jDm«/;^^/',  Heinrich,  12.  JuHi8i3  bis  16.  De- 
zember 1901,  Nekrolog  von  Richard  M.  Meyer,  XXIII, 
Seite  244 — 247;  Goedeke,  Karl,  15.  April  1814  bis  28.  Oktober 
1887,  Nekrolog  von  M.Heyne  und  E.  Jeep,  IX,  Seite  275  bis 
285;  Grimm,  Herman,  6.  Januar  1828  bis  16.  Juni  1901, 
Nekrolog  von  Karl  Frenzel,  XXIII,  Seite  236—241;  Hir:(el, 
Ludwig,  23.  Februar  1838  bis  i.  Juni  1897,  Nekrolog  von 
Daniel  Jacoby,  XIX,  Seite  223  —  226;  Loeper,  Gustav  von 
27.  September  1822  bis  13.  Dezember  189 1,  Nekrolog  von 
Ludwig  Geiger,  XIII,  Seite  243  —  246;  Redlich,  Karl  Christian, 
7.  Oktober  1832  bis  27.  JuU  1900,  Nekrolog  von  Bernhard 
Suphan,  XXIII,  Seite  229— 234;  Scherer,  Wilhelm,  26.  April 
1841  bis  6.  August  1886,  Nekrolog  von  Erich  Schmidt,  IX, 
Seite  249—262;  Urlichs,  Ludwig,  9.  November  18 13  bis 
3.  November  1889,  Nekrolog  von  Bernhard  Seuffert,  XII, 
Seite  270—274. 

Von  den  übrigen  Mitarbeitern  des  i.  Bandes  dieses 
Unternehmens  haben  die  folgenden  im  Goethe-Jahrbuch 
keine  Nekrologe  erhalten ;  auch  ihre  Namen  seien  dankbar 
und    verehrungsvoll   genannt:    Arndt,    Wilhelm,    27.   Sep- 


Vorwort.  V 

tember  1838  bis  10.  Januar  1895,  ^^^  ^'"'j'^  verstorbene 
Historiker,  der  von  seinen  palaeographischen  gern  in 
Goethestudien  ausruhte  (vergl.  seine  werthvoUen  Ausgaben 
von  Jery  und  Bätely  und  die  Briefe  an  die  Gräfin  Auguste 
Stolberg),  ohne  sie  etwa  leicht  zu  nehmen;  Bartsch,  K., 
der  hervorragende  Germanist  und  Romanist  der  Heidel- 
berger Universität,  der  noch  zu  einer  Zeit,  da  beide  Haupt- 
gebiete sich  getrennt  und  jedes  in  zahllose  Einzelgebiete 
sich  aufgelöst  hatte,  ihre  Einheit  zusammenzuhalten  ver- 
suchte; Beaiilieu-Marconiiay,  K.  von,  der  Diplomat  und 
Historiker,  der,  noch  ein  Zeuge  der  Goetheschen  Zeit,  mit 
einer  Kenntniß,  die  fast  nur  von  seiner  Anmut  übertroffen 
\vurde,  in  die  entlegenen  herrlichen  Tage  zurückzuführen 
verstand ;  Holland,  W.  L.,  der  gründliche  Uhlandkenner, 
der  nicht  in  großen  gewandten  Darstellungen,  sondern  in 
kleinen  Monographieen  und  säubern  Einzelbeiträgen  der 
Literaturwissenschaft  förderUch  war;  Keller,  Adelbert  von, 
mit  dem  Ebengenannten  in  enger  Verbindung,  gleich  ihm 
Schüler  und  Freund  Uhlands,  der  hochverdiente  Begründer 
und  langjährige  Leiter  des  Stuttgarter  literarischen  Vereins, 
der  auf  dem  Gebiet  der  neueren  Literatur  namentlich  durch 
kritische  Beiträge  zum  Schillertext  sich  verdient  gemacht 
hat;  Meyer  von  Waldeck,  F.,  ein  Sohn  der  russischen 
Ostseeprovinzen,  aber  zum  Lehrer  an  deutschen  Hoch- 
schulen geworden,  der  sich  in  Einzeluntersuchungen  über 
Goethes  Märchen  vertiefte ;  Schröer,  K.  J.,  der  Begründer 
des  Wiener  Goethevereins,  dem  man  recht  eigentlich  die 
Anregung  zu  dem  schönen  Wiener  Denkmal  zu  danken  hat 
und  der  sich  durch  seine  Ausgaben  der  Goetheschen  Dra- 
men (in  Kürschners  deutscher  National-Literatur)  und  durch 
seine  in  mehreren  Auflagen  vorliegende  Ausgabe  des  Faust 
ein  Denkmal  gesetzt  hat. 

Eine  Einführung  in  den  25.  Band  des  Jahrbuchs  soll 
aber  keine  Totenklage,  sondern  ein  Dank  und  Aufruf  an 
die  Lebendigen  sein.  Wenn  dieser  Band  etwas  später  er- 
scheint als  seine  Vorgänger,  also  den  Mitgliedern  der  Goethe- 
Gesellschaft  nicht  wenige  Tage,  sondern  vier  Wochen  nach 
der  Generalversammlung  dargeboten  wird,  so  trifft  die 
Schuld  weder  den  Herausgeber,   noch  den  Verleger.     Das 


VI  Vorwort. 

verspätete  Erscheinen  liegt  vielmehr  daran,  daß  der  Fest- 
redner nicht  in  der  Lage  war,  sein  Manuscript  einige 
Wochen  vor  Fertigstellung  des  Jahrbuchs  abzuliefern,  son- 
dern daß  er  es  erst  am  Tage  nach  der  Versammlung  der 
Verlagshandlung  übermittelte. 

Sonst  hat  das  Jahrbuch  gegen  früher  kaum  einige 
Veränderungen  aufzuweisen:  In  altgewohnter  Weise  sind 
Beiträge  des  Goethe-  und  Schiller-Archivs  als  besondere 
Zierde  auch  diesem  Bande  zu  theil  geworden.  Aus  den 
Schätzen  des  Goethe-Nationalmuseums  ist  das  Titelbild 
entnommen,  über  das  C.  Ruland  als  berufenster  Kenner 
Folgendes  bemerkt: 

»Bei  der  Sichtung  der  hunderte  von  Goetheschen 
Zeichnungen  und  Skizzen,  die  sich  im  Nachlasse  des 
Dichters  vorfanden,  fand  sich  eine  ziemUche  Anzahl  von 
ihm  zu  bestimmten  Gruppen  vereinigt,  z.  B.  Umschläge 
mit  autographen  Bezeichnungen:  Botanisches,  Zoologie  etc. 
Eine  Mappe  trug  und  trägt  noch  heute  das  Rubrum  y>iur 
menschlichen  Gestalta.  In  ihr  fanden  sich  anatomische 
Uebungen  aus  der  Zeit,  da  Goethe  bei  Loder  Vorlesungen 
hörte,  Akte,  Köpfe  u.  dgl.,  und  in  einem  besonderen  Um- 
schlage eine  Anzahl  Zeichnungen,  Christianen  darstellend, 
zwei  in  ganzer  Figur,  die  übrigen  nur  den  lockigen  Kopf  in 
verschiedenen  Auffassungen  zeigend.  Eine  derselben  ist  im 
XV.  Bande  des  Jahrbuchs  1894  veröffentlicht  worden,  die 
in  dem  diesjährigen  Bande  mitgetheilte  hat  das  besondere 
Interesse,  daß  sie  ohne  Zweifel  aus  den  allerersten  Zeiten 
von  Goethes  Bekanntschaft  mit  Christianen  stammt,  viel- 
leicht noch  aus  dem  Sommer  1788.  Das  anmuthige  junge 
Mädchen  sitzt  an  ein  Tischchen  gelehnt  in  einem  Zimmer 
des  Gartenhauses  am  Stern,  dessen  Wände  mit  den  aus 
Rom  mitgebrachten  großen  Prospekten  des  Forums  und 
des  Pantheons  geschmückt  sind;  über  dem  Tischchen  hängt 
die  kleine  Aquarellcopie  von  Tischbeins  großem  Gemälde : 
Goethe  auf  den  Trümmern  der  Campagna,  die  jetzt  neben 
dem  Bilde  Christianens  in  einem  der  Schaukästen  des 
Goethe-National-Museums  ausliegt.  Das  Original  16,5  cm 
hoch  und  26,5  cm  breit,  ist  mit  einer  harten  schwarzen 
Kreide  auf  Schreibpapier  gezeichnet.« 


Vorwort.  VII 

Für  die  Uehcriassuni;  der  ungedruckten  Stücke  aus 
dem  Goethe-  und  Schiller-Archiv,  für  die  ertheilte  Erlaub- 
niß,  die  eben  ausführlicher  behandelte  künstlerische  Vorlage 
aus  dem  Goethe-Nationalmuseum  verwerthen  zu  dürfen, 
sei  dem  hohen  Besitzer  dieser  Anstalten,  Sr.  Königlichen 
Hoheit,  dem  Großherzoge  Wilhelm  Ernst  von  Sachsen 
ehrerbietiger  Dank   gesagt. 

Wie  gern  möchte  ich  nun  die  Geschichte  des  Goethe- 
Jahrbuchs  erzählen,  alle  die  gelungenen,  aber  auch  die  ver- 
fehlten Versuche,  die  Versprechungen,  die  mir  gemacht  und 
nicht  erfüllt  wurden,  die  Anregungen,  die  ich  gab,  und  für 
die  ich  keine  Theilnahme  fand,  worunter  auch  meine  Be- 
ziehungen zu  Goethes  Enkel  kein  uninteressantes  Kapitel 
bilden  würden.  Wie  viel  hätte  ich  von  groben  Briefen 
Abgewiesener  und  Gekränkter,  von  ungerechten,  weil  un- 
verständigen Recensionen,  und  dem  Besserwissenwollen 
namentlich  der  Jüngeren  zu  erzählen.  Ich  hatte  den  Ver- 
such gemacht,  eine  Zusammenstellung  aller  der  in  den 
25  Bänden  veröffentlichten  Briefe  von,  an  und  über  Goethe 
zu  geben,  ich  unterließ  es,  um  jeden  Verdacht  der  Selbst- 
rühmung  zu  ersticken. 

Was  den  vorHegenden  Band  betrifft,  so  wollte  ich  ihn 
auch  in  anderer  Weise  als  Jubiläumsband  kennzeichnen, 
indem  ich  zwei  jüngere  Freunde  aufforderte,  den  100.  Todes- 
tag von  Klopstock  und  Herder  zu  feiern;  Paul  Legband, 
der  sich  durch  manche  theatergeschichtliche  Arbeiten  einen 
guten  Namen  gemacht  hat,  tritt  damit  zuerst  in  unsere 
Reihen,  Julius  Goebel,  der  ordentliche  Vertreter  der 
deutschen  Literatur  an  der  Universität  von  Palo  Alto  in 
Amerika  (dies  zur  Ergänzung  der  Notiz  im  Goethe-Jahr- 
buch XXIV,  Seite  6)  setzt  dadurch  seine  erwünschte  Mit- 
arbeit fort.  Eine  andere  Anregung  bestand  darin,  daß  ich 
infolge  eines  wissenschaftlichen  Streites,  der  schwedische 
und  deutsche  Zeitungen- beschäftigte,  Herrn  Professor  Hansen 
in  Giessen  bat,  Goethe  als  Botaniker  zu  behandeln.  Ich 
bin  dem  verehrten  Collegen  aufrichtig  dankbar,  daß  er 
meiner  Aufforderung  folgte.  In  allen  Abtheilungen  des 
Bandes  begegnen  neben  einzelnen  neuen  Mitarbeitern  alte 
bewährte  Theilnehmer;  ich  wünsche  der  Goetheforschung 


Vin  Vorwort. 

und  mir,  daß  alle,  die  bisher  mich  so  freundlich  und  treu- 
lich unterstützten,  diesem  Jahrbuch  noch  recht  lange  ihre 
förderhche  Theilnahme  zuwenden,  damit  es  immer  mehr 
zu  dem  werde,  was  es  bei  seiner  Begründung  zu  sein  sich 
vorsetzte:  ein  wirkliches  Centralorgan  der  Goethe- Wissen- 
schaft. 

Und  damit  Glückauf  beim  Abschluß  des  ersten  Viertel- 
jahrhunderts. 

Berlin,  den  5.  Juni  1904. 

Ludwig  Geiger. 


I.  Neue  Mittheilungen. 


Goethe- Jahrpuch    XXV. 


I.  Mittheilungen  aus  dem  Goethe- 
UND  Schiller-Archiv. 


I.  BRIEFWECHSEL  ZWISCHEN  GOETHE  UND 

AMERIKANERN. 

GOETHES  GESCHENK  AN  DIE  HARVARD  UNIVERSITY. 

L 

Das  Thema  »Goethe  in  Amerika«  hat  H.  S.  White  im 
Goethe-Jahrbuch'  vor  nunmehr  20  Jahren  ausführlich  und  mit 
vielen  Belegen  behandelt,  um  so  mehr  werden  die  folgenden 
bisher  unbekannten*  Briefwechsel  zwischen  Goethe  und  Ameri- 
kanern von  besonderem  Interesse  sein,  denn  darin  tritt  das 
persönliche  Element  zum  ersten  Mal  klar  hervor.  Wenn 
Everett,  als  Staatsmann  und  Redner,  und  Bancroft'  als  His- 
toriker und  Botschafter  zu  Berlin  in  Deutschland  auch  besser 
als  die  anderen  bekannt  sind,  so  war  es  doch  Lyman,"*  durch 
den  Goethe  Byrons  »Manfred«  kennen  lernte,  Calvert, '  der 
zuerst  in  Amerika  Bücher  über  Goethe  schrieb,  und  Cogswell,^ 
der  ihm  am  nächsten  stand,  und  dem  es  zu  verdanken  ist, 
daß  Goethe  18 19  seine  sämmtlichen  Werke  der  Universität 
Harvard  verehrte. 


'  V  219—256;  vgl.  auch  L.  Vierecks  sehr  dankenswerthe  Arbeit 
{in  Rep.  Comtn.  of  Education,  Washington  1902,  eh.  XIV  =  I  531—708), 
im  Einzelnen  jedoch  nicht  immer  ganz  zuverlässig.  Auch  die  oft  nur 
zu  eilige  und  oberflächliche  Compilation  von  Karl  Knortz,  als  Anhang 
zu  seinem  »Goethe  und  die  Wertherzeit«  (Zürich  1885). 

*  Doch  vgl.  Anm.  20,  49,  58  und  62.     [S.  27  f.] 

3  vgl.  unten  S.   18. 

^  vgl.  Anm.  I  und  Brief  2. 

5  vgl.  S.  19  f. 

6  vgl.  S.  6  f. 


Neue  Mittheilunx-ex. 


Wenn  der  treffliche,  Goethe  und  Herder  wohlbekannte 
Benjamin  Franklin'  schon  1730  ein  deutsches  Gesangbuch 
druckte,^  und  zwei  Jahre  darauf  wahrscheinlich  die  »Phila- 
delphia Zeitung«  begründete,  1766  Göttingen  selbst  besuchte, 
und  sonst  viel  dazu  beitrug  die  deutsche  Sprache  in  Amerika 
einzuführen  und  andere  ihm  beistanden,  so  blieben  diese  Ver- 
suche noch  meistens  sporadisch.  Ein  lebendiges  Interesse  an 
Goethes  Werken,  z.  B.,  in  Amerika  vor  1817  ist  bekanntlich 
kaum  nachzuweisen. 

Edward  Everett  (1794 — 1865)  promovirte  iSii  auf  der 
Universität  Harvard,  wo  er  181 5  zum  Professor  der  griechischen 
Sprache  ernannt  wurde,  und  ging  alsdann  nach  Göttingen  um 
weiter  zu  studiren.  Eine  Zeit  lang  gab  er  die  »North  American 
Review«  heraus,  war  10  Jahre  Mitglied  des  amerikanischen 
Congresses,  viermal  Governor  of  Mass.,  Botschafter  in  London, 
wo  er  hochangesehen  war,  dann  Präsident  der  Harvard  Uni- 
versity.  Nach  dem  Tode  seines  Freundes  Daniel  Webster 
ward  er  Staatssekretär,  darnach  Mitglied  des  Senats,  und  1860 
(nicht  gewählter)  Kandidat  der  »Constitutional  Union«  Partei 
für  die  Stellung  eines  Vicepräsidenten  der  Vereinigten  Staaten. 
Als  Redner  erwarb  Everett  in  Amerika  einen  ungeheueren 
Ruhm,  und  seine  klassischen  »Orations  and  Speeches«  werden 
noch  immer  gelesen.  Er  war  ein  edler,  hochgebildeter  Mann,^ 
nicht  eben  besonders  liberal  und  oft  fast  kalt  und  steif,  so 
daß  seine  Werke  Erhabenheit,  fast  aber  keinen  Humor  zeigen.. 
Mit  seinem  Freunde  George  Ticknor  (1791  — 187 1),  Verfasser 
der  klassischen  Geschichte  der  spanischen  Literatur,  der  eben- 
falls in  Göttingen  studirte, '  empfohlen  von  Sartorius  und 
Fr.  A.  Wolf,*    besuchte    Everett  Goethe    am    25.  Oct.   1816,  ^ 


'  vgl.  Annalen  1817,  Tageb.  27.-29.  Apr.  1S17,  30.— 51.  Dec. 
1828  und  unten  Anm.  53,  S.  29. 

*  vgl.  Viereck  541  fg. 

5  vgl.  Anm.  IG,  S.  25, 

■♦  S.  schreibt  (10.  Sept.  ungedr.  im  .Archiv):  »Ein  paar  Nord- 
amerikaner, Herr  Ticknor  und  Professor  Everett,  die  sich  hier  seit 
einiger  Zeit  aufhalten,  und  unserer  Liebe  und  Freundschaft  sich  erfreuen, 
da  sie  solche  in  vollem  Maße  verdienen,  bitten  mich  um  ein  Empfehlungs- 
schreiben an  Sie,  und  dies  habe  ich  ihnen  um  so  weniger  versagen 
wollen,  da  es  Ihnen,  wie  ich  hoffe,  selbst  Freude  machen  wird,  sie 
kennen  zu  lernen.  Sie  reden  leidlich  Deutsch  und  kennen  Ihre  Schriften 
besser,  als  viele  Deutsche;  diese  letztern  haben  sie  eben  angetrieben,. 
wie  sie  mir  oft  gesagt,  nach  Deutschland  zu  kommen.  Mögen  sie  Ihnen 
zu  einer  bequemen  Stunde  in  Weimar  begegnen!  .  .  .  (vgl.  Briefe  27,. 
433  zu  Nr,  7582  q.  v.).  Wolfs  Empfehlung  gedruckt  in  Briefe  27,  416 f. 
zu  Nr.  7531  q.  v.  Ein  paar  Zeilen  (Eing.  Br.  S.  418)  von  Ticknor  »im 
Elephant  Oct.  25.  1816«  bitten  G.  eine  Zeit  für  die  Aufwartung  zu  be- 
stimmen. 

5  vgl.  Gespräche  3,  269  f.  (nach  Ticknors  »Life«  etc.  I  113  f.)  und 
White  a.  a.  O.  222 f.  auch  übers,  bei  Knortz  a.  a.  O.  37 f. 


Briki  wi-chsi;l  zwisciikn-  Gokthk  lnd  Amikikani.un.  5 

wobei  das  besprach  auf  Ryron '  kam.  Am  folgenden  Tag 
empfahl  sie  (loethe  weiter  an  Lenz*  in  Jena.  Schon  im  Januar 
181  7  veröffentlichte  Everett  im  North  Anieric  an  Re\ic\v  einen 
Aufsatz  über  (Joethe. ' 

Von  Edward  Everett.       Ga-ttini^en,  September  7,  18 17. 
Mav  it  please  your  Excellency, 

In  the  stroni,'  hope  th.it 
Mr.  Lvman",  mv  countrvman  and  friend,  a  gentleman  of 
one  of  our  best  t'amilies,  of  great  expectations,  and  of  great 
literary  acquirements  and  taste,  would  have  an  opportunity 
of  presenting  himself  to  you,  I  have  not  been  able  to  refrain 
from  seizing  the  opportunity,  of  waiting  lipon  you  with 
my  own  Respects;  and  should  be  much  flattered  in  case 
Mr.  Lyman  should  not  be  so  fortunate  as  to  procure  a 
better  introduction  to  You  notice,  if  this  letter  should 
procure  him  the  honour  of  making  Your  acquaintance. 

Having  heard  that  your  Excellency  feit  an  interest  in 
the  handwriting  of  distinguished  Persons*,  I  have  taken 
the  liberty  to  enclose  the  Envelope'  of  a  letter  of  Intro- 
duction to  Lord  Holland \  with  which  Mr.  Monroe  ^  lately 
chosen  President  of  the  United  States  of  America,  has 
been  so  good  as  to  favour  me.— Should  your  Excellency 
desire  it,  I  can  procure  also  specimens  of  the  writing  of 
Messrs.  Adams^,  Jefferson,  and  Madison,  the  predecessors 
of  Mr.  Monroe,  in  the  presidency,  and  perhaps  also  of 
General  Washington",  our  first  president. — 

I  also  take  the  liberty  to  beg  your  Excellency  to  accept 
a  copy  of  the  last  Poem  of  Lord  Byron  called  the  »Lament 
of  Tasso«*,  of  which  I  believe  the  copies  have  not  yet 
reached  Germanv. — 

It  is  with  great  diffidence,  that  I  express  to  your  Ex- 


'  %'gl.  Brand!  im  G.-J.  20,  4. 

*  gedr.  in  Briefe  27,  209,  nicht  erwähnt  bei  Ticknor,  vgl.  Eichhorn 
an  Eichstädt  unten  S.  6  f. 

'  vgl.  White  221  f.  und  unten  S.  26,  Anni.  12. 

♦  \oii  und  your  in  der  Anrede  ist  im  Original  bald  groß  bald 
klein  geschrieben.  —  Die  sachlichen  Anmerkungen  zu  diesem  Briefe 
und  allen  folgenden  sind  unten  S.  24!?.  zusammen  gedruckt.  Auf  diese 
beziehen  sich  die  folgenden  Citate,  z.  B.  S.  7,  A.  2  u.  s.  w. 


Neue  Mittheiluxgen'. 


cellency  a  wish  on  the  Part  of  the  University',   to  which 
I  am  attached  in  America. — 

It  has  been  my  desire  to  procure  for  the  Library  of 
the  University  a  memorial  of  distingiiished  characters,  in 
Europe,  &  many  in  England  as  well  as  [in]  Germany'"  have 
already  done  us  the  honour  to  present  the  Library,  with 
a  Copy  of  some  One  of  their  writings.  Should  it  be  agree- 
able  to  your  Excellency  to  favour  us,  with  any  Volume 
of  your  Writings,  you  may  chance  to  have  at  band,  and 
to  address  it  in  your  own  handwriting  to  our  Library,  we 
should  feel  ourselves  at  once  highly  gratified  &  honoured." 

Nor  can  I  close  this  letter  without  praying  Your  ex- 
cellency, on  my  own  part,  to  have  the  goodness  to  write 
your  name  on  the  blank  leaf  of  the  Copy  of  Hermann 
&  Dorothea",  which  I  have  asked  Mr.  Lyman  to  band 
You,  &  to  forgive  this  Intrusion 

of  Your  Excellency's  obedient  humble  servant, 

Edward  Everett.  — 

2. 

Von  Theodore  Lyman. 

Mr.  Lyman,  an  American  gentleman  has  the  honour 
of  sending  to  His  Excellency  the  Minister  von  Goethe  a 
poem  of  Lord  Byron's''  from  Professor  Everett,  and  he 
begs,  at  the  same  time  that  His  Excellency  will  allow  him 
the  honour  of  offering  another  poem'*,  which  it  may 
happen,  that  His  Excellency  has  not  yet  seen — .  Mr.  Lyman 
ventures  to  solicit  an  opportunity  of  paying  his  respects 
to  His  Excellency  at  any  moment,  which  his  Excellency 
will  please  to  appoint.'^ 

Erb-Prinz.  Oct.  ii.  [1817] 

IL 

»Diese  Zeilen  überbringen  wieder  zwey  junge  Ameri- 
canische  Gelehrte,  die  bey  Ihnen  .  .  .  eingeführt  seyn  wollen. 
Es  sind  die  Herrn  Loyswell '  [Cogswell]  und  Thorndike;*   der 


'  So  hat  G.  auch  den  Namen  auf  Eichstädts  kurzen  Begleitbrief 
vom  27.  März  (Eing.  Br.  S.  137)  notirt.  Daher  der  Irrthum  im  Tagtb. 
dieses  Tages. 

*  Augustus  Thorndike,  aus  Boston,  ein  Zögling  Cogswells. 


Brii  1  \vi  ciisKi.  zwiscm  N  Goiriii-  L\n  Amkkikam  k\.  7 

erstere  war  schon  eine  Zeit  lang  Privatlehrer  auf  der  Univ. 
Cambridge  bey  Boston,  und  begleitet  den  letzten  auf  seiner 
Reise  durch  Deutschland.  .  .  Sie  möchten  gern  sich  die 
(Gelegenheit  verschaffen,  dem  Herrn  Minister  von  (Jöthe  ihre 
Verehrung  persönlich  zu  bezeugen,  und  bitten  um  ein  paar 
Zeilen  von  Ihnen,  die  sie  bey  ihm  einfuhren«.  So'  schrieb 
am  22.  März  181 7  Eichhorn  in  (Jöttingen  an  Eichstädt  in 
Jena,  der  am  27.  die  Fremden  bei  (loethe  im  mineralogischen 
Museum  einführte,  wo  sie  sehr  freundli(  h  aufgenommen  wurden. 
Sie  besahen  das  Museum  und  sprachen  üljer  Literatur.' 

Joseph  Green  Cogswell  (1786 — 187 1),  der  auch  in  Cam- 
bridge promovirt  hatte,  ging  1816  zum  dritten  Mal  nach 
Europa  um  zu  studiren  und  zu  reisen.  In  (Jöttingen  hörte 
er  nicht  nur  Eichhorn,  Blumenbach  und  Hausmann  über 
Naturwissenschaften,  sondern  mit  Benecke  auf  der  Bibliothek 
begründete  er  jene  Kenntniß  der  Bibliographie,  die  er  später 
so  wohl  ausgenützt  hat.  Er  ging  auch  nach  der  Schweiz 
und  Italien,  und  besuchte  in  England  Scott  und  Southey.  In 
München,  durch  Vermittelung  seines  Freundes  Schlichtegroll, 
wurde  er  zum  Mitglied  der  Akademie  der  Wissenschaften' 
ernannt,  auch  erhielt  er  Befehl  den  König  zu  besuchen,  und 
wurde  ganz  »sans  ceremonie«,  wie  er  sagt,  freundlich  em- 
pfangen. •♦  Mit  Karl  August  hatte  er  schon  mit  großem  Interesse 
gesprochen.» 

Bald  nach  seiner  Rückkehr,  Ende  1820,  ward  er  Biblio- 
thekar und  Prof.  der  Mineralogie  und  Chemie  an  der  Harvard 
l'niversity.  1823  begründete  er  mit  George  Bancroft  die  be- 
rühmte »Round  Hill  School«^  bei  Northampton  Mass.,  wo 
deutsche  Methoden  und  deutsche  Lehrer  stark  herangezogen 
wurden.  Viele  ihrer  Schüler  sind  später  bekannt  geworden, 
z.  B.  der  Historiker  J.  L.  Motley.'  Doch  1834  gab  er  diese 
L'^nternehmung  auf,  lehrte  in  Raleigh  N.  C,  ging  wieder  nach 
Europa  im  Jahre  1836,  und  dann  nach  New  York,  wo  er  John 


'  Ungedruckt  im  Arcliiv  (Hing.  Br.  S.  211). 
*  Vgl.  Anni.  16. 

5  März  1819,  vgl.  Life  p.  in  f.  und  Denkschriften  (1S21)  VII 
S.  XLVL 

4  Vgl.  Life  p.  ii2f 

5  Life  p.  107,  wahrsclieinlich  im  Aug.  1819,  doch  ist  C.  in  den 
Fourierbüchern  nicht  erwähnt. 

^  Ausführliches  in  »Life«,  vgl.  »Old  and  New«  July  1872  (mir 
unzugänglich  —  Life  p.  I38f)  und  »The  Springfieid  [Ma'ss.]  Weekly 
Republicana  6.  Nov.  1903  (mir  mitgetheilt  durch  meinen  Onkel  Herrn 
T.  B.  Mackall  in  Baltimore),  auch  die  Fußnote  unten  S.  18.  Herzog 
Bernhard  besuchte  die  Scliule  am  11.  Aug.  1823  (vgl.  seinen  Bericht, 
»Reise  durch  Nordamerika«  I,  106  f). 

7  Vgl.  Anm.  47. 


8  Neue  Mittheill'xgen'. 


Jacob  Astor  beeinflußte,  die  große  »Astor  Library«  '  zu  be- 
gründen, deren  erster  Verwalter  er  wurde.  In  diesem  müh- 
samen Amte,  nominell  erst  1861  aufgegeben,  erwarb  er  wirk- 
liche und  dauernde  Verdienste  als  Bibliograph,  und  arbeitete 
bis  an  sein  Lebensende  (er  starb  in  Cambridge)  immer  weiter 
dafür.  Dieser  edle,  rastlos  thätige,  viel  gereiste  Mann  war 
auch  in  seinen  Freundschafts -Verhältnissen  besonders  treu, 
und  im  großen  und  ganzen  würdig  Goethes  »werther  Freund« 
zu  heißen,  wie  dieser  ihn  ja  auch  genannt  hat.  ^ 

Von  J.  G.  Cogswell.  [Mitte  Juni  1818.] 

Probablement  Mons.  de  Goethe  ne  rappelera  pas  un 
inconnu  Americain  qui  avait  l'honneur  d'etre  presente  a 
lui  ä  Jena  Mars  1817,  dans  le  cabinet  de  la  societe  mine- 
ralogique'*,  par  Mons':  Eichstädt.  En  causant  de  rAmerique 
et  du  progres,  que  les  sciences  y  fönt,  particulierement 
la  mineralogie,  on  a  fait  mention  d'un  traite  elementaire'", 
qu'on  venait  de  publier  a  Boston,  sur  cette  science,  dans  lequel 
on  trouve  beaucoup  sur  les  mineraux  du  pays,  et  je  demandai 
la  liberte  d'envoyer  un  exemplaire  a  Mons":  de  Goethe.  J'ai 
manque  ma  parole  jusqu'ä  present,  faute  d'opportunite,  hier 
Mons.  Cattaneo'^  m'informait  qu'il  avait  une  caisse  de  Uvres 
d'expedier  ä  Weimar,  et  qu'il  se  chargerait  du  susdit  pour 
votre  excellence,  et  c'est  ä  lui,  que  je  le  consigne.  S'  en 
le  feuilletant  V.  E.  trouverait  quelques  mineraux  de  mon 
pays  qui  manquent  au  cabinet  de  Jena,  il  me  ferait  un 
grand  plaisir  de  me  permettre  de  remplir  le  vide,  et  comme 
j'ai  la  meme  chose  ä  faire  pour  Messrs.  Blumenbach  et  Haus- 
mann"' de  Göttingue,  je  pouvais  me  servir  de  la  meme 
occasion  pour  les  expedier  en  Europe.  Mons"".  le  professeur 
Lenz''  me  promit  de  me  donner  son  addresse  pour  ces 
objects,  mais  il  ne  le  jamais  fit;  des  batimens  pour  Ham- 
bourg,  Breme  et  Amsterdam  partent  de  Boston  presque 
chaque  mois.  Si  votre  excellence  me  daignerait  une  ligne 
en  reponse,  il  me  ferait  un  grand  honneur.   Mon  addresse 

'  Begründet  1848,  1895  mit  den  Lenox-  und  Tilden-Stiftungen 
vereinigt  als  »The  New  York  Public  Librar)'«.  Der  »Director«  ist  der 
bekannte  Bibliograph  der  Medizin  Dr.  J.  S.  feillings,  vgl.  seinen  Report 
in  »Papers  etc.  of  the  Am.  Libr.  Assoc.«   1902  p.  215  f. 

*  Vgl.  Anm.  42  und  Briefe  8,  9  und  12. 


BrIEKWKCHSKI.    ZWISCIIKN-    GOETHK    UND    A.MKKIKANhKN.  9 

sera  toujours  »aux  soins  de  Wclles  &  Williams  Banquiers 
Paris.« 

J'espere   que  Mons^  de  Goethe,   ine   pardonnera  pour 
avoir  pris  la  liberte  de  lui  ecrire  et  qu'il  nie  croira 
avec  le  plus  profond  respect 

et  plus  toute  consideration 

son  serviteur  tres  humble 

Joseph  G.  Couswell. 

An  Cogswell. 
(A   Monsier  Joseph   Cogswell   aux   soins   de   Mrs.  Welles 
(S:  Williams  ä  Paris.)' 

La  lettre  dont  vous  venez  de  m'honorer,  Monsieur, 
n'auroit  jamais  pu  arriver  plus  ä  propos;  car  consacrant 
quelques  semaines  de  loisir  ä  etendre  et  ä  perfectionner 
l'idee  generale  que  j'avois  concue  de  la  Situation  tant  passee 
que  presente  des  Etats-unis  de  l'Amerique,  je  m'entoure 
de  tous  les  ouvrages  anciens,  ainsi  que  des  descriptions  de 
voyage  les  plus  rccentes.*' 

La  contemplation  de  cet  etat  immense,  compose  de 
tant  de  diverses  regions,  a  fait  naitre  en  moi  le  desir  bien 
naturel  d'en  connoitre  les  rapports  geologiques  qui,  en 
designant  la  forme  de  la  surface  de  la  terre,  determinent 
souvent  la  division  des  provinces  diverses  et  nous  mettent 
ä  mcme  de  juger  jusqu'a  un  certain  point,  de  leurs  produits. 
Surtout  quand  nous  savons  y  joindre  les  proprietes  du 
climat, 

Tous  les  ouvrages  que  j'avois  consultes  jusqu'a  ce 
moment  ne  m'avant  procure  qu'une  lumiere  tres-incertaine 
je  m'etois  vu,  des  le  premier  pas,  arrcte  dans  mon  travail, 
qui  ne  devoit  pas  etre  superticiel;  ainsi  vous  jugerez  tacile- 
ment  de  l'agreable  Impression  qui  a  faite  dans  un  tel  instant 
sur   moi   l'ouvrage   que   vous   m'avez   envoye,  je    me  suis 

'  Der  Brief  an  Cogswell  ist  von  einem  Schreiber  geschrieben, 
dem  das  Französische  vollständig  fremd  war ;  seine  Abschreibefehler 
sind  daher  nach  der  normalisirten  Orthographie  des  Abdrucks  in  der 
Weimar.  Ausgabe  (29,  212  ff.)  corrigirt  worden;  es  blieb  auch  die  alte 
Schreibung  oi  statt  ai  (avoit).    (ll\i':lc.) 


10  Xeue  Mitthfilvxgen. 


hate"  de  la  parcourir,  et  je  m'empresse  de  vous  en  temoi- 
gner  ma  vive  gratitude. 

Avant  ä  faire  une  reponse  relativement  ä  l'envoi*'  de 
Ms.  Cattaneo,  et  desirant  d'y  joindre  la  presente,  je  ne  puis 
m'etendre  autant  que  je  le  voudrois,  ni  peindre  l'admiration, 
que  me  causent  la  richesse  de  l'ouvrage  et  son  excellente 
methode.  Je  me  bornerai  ä  vous  observer  que  la  societe 
mineralogique  de  Jena'*  recevra  avec  reconnaissance  tout 
envoi  qui  nous  eclairera  sur  les  rapports  geognostiques  des 
Etats-unis.  Nous  desirons  ardemment  les  documents  des 
observations,  indiquees  ä  la  fin  de  l'ouvrage,  depuis  page  637 
jusqu'ä  page  641 '5,  qui  nous  donneroient  une  idee  claire 
et  parfaite  de  la  carte  geographique  illuminee,  et  nous 
recevrons  de  meme  avec  gratitude  tout  ce  qui  peut  jeter 
quelque  jour  sur  les  importantes  localites  des  Etats-unis; 
dont  l'ouvrage  fait  mention. 

Si  vous  voulez  bien  nous  faire  cet  envoi,  ayez  la  bonte 
de  l'adresser  ä  la  direction  de  la  societe  mineralogique 
de  Jena,  ä  remettre  au  chateau  du  prince,  et  comme  la 
voie  de  Hambourg  paroit  la  plus  siire,  on  pourroit  le  confier 
aux  soins  de  Monsieur  Jiistns  Perthes,  libraire  tres  renomme 
de  cette  ville  commercante. 

Desirant  faire  Hommage  a  la  bibliotheque  publique  de 
Boston  de  ceux  de  mes  ouvrages  qui  pourraient  avoir  quelque 
int^ret  pour  les  habitants  d'outre  mer,  ainsi  que  de  ceux 
de  quelques  autres  personnes'*,  oserais-je  vous  prier  ä  mon 
tour  de  me  marquer  occasionellement  oü  je  devrois  adresser 
un  tel  envoi. 

Puissent  ces  circonstances  me  fournir  l'avantage  de 
connoitre  de  plus  en  plus  ce  pays  etonnant,  qui  fixe  sur 
lui  les  regards  de  l'univers  par  l'etat  legal  de  paix,  lequel 
tavorise  un  accroissement,  dont  on  ne  saurait  prejuger  les 
limites.  Honorez-moi  de  votre  souvenir,  et  tant  que  nous 
sejournerons  ensemble  sur  ce  globe,  donnez-moi  de  tems 
ä  autre  de  vos  nouvelles  et  de  Celles  de  vos  compatriotes. 
Abgesendet  Ende  Juni^^ 
1818. 


Brieiwechskl  zwischen  Goethe  und  Amkrikanerv.  1 1 

Von  Cogswell. 

d  Mons.  de  Goethe 
a  Weimar. 

Monsieur 

Votre  tres  gracieuse  lettre  du  27.  Juin  apres  une  voyage 
en  Italie  et  en  Suisse  me  trouvait  ici  ä  Paris  il-y-a  quelques 
jours.  Je  suis  charme  de  savoir  que  le  livre  de  Mons.  Cleave- 
land  peut  vous  etre  de  quelque  utilitc,  et  je  me  hate  de 
rassembler  Ics  documens  indiqucs  dans  cet  ouvrage,  lesquels 
vous  desirez  d'avoir.  Mons.  Maclure  l'auteur  d'un  des 
plus  importants  se  trouve  actuellement  ä  Paris;  il  vient 
de  publier  une  nouvelle  edition  de  ses  »Observations  on 
the  Geology  of  the  United  States  of  America»'^,  et  il  en 
attend  plusieurs  exemplaires  par  le  premier  batiment  de 
Philadelphie;  sitot  qu'ils  arrivent  je  vous  en  expedierai  un, 
avec  »Observations  on  the  Geology  of  the  West  Indies«'^, 
par  le  meme,  et  d'autres  recentes  brochures  sur  l'histoire 
naturelle  de  mon  pays.  Dans  l'interim  vous  trouvez  une 
traduction  de  la  premiere  edition  de  ces  Observations  dans 
le  Journal  de  Physique  pour  Fevrier  1812.^° 

Vous  faires  mention  de  vos  intentions  tres  flatteuses 
vers  notre  bibliotheque  de  Boston;  c'est  ä  Cambridge  une 
heure  de  Boston  oü  la  plus  grande  bibliotheque  en  Ame- 
rique  se  trouve,  et  oü  il-y-a  beaucoup  de  jeunes  gens 
capables  de  lire  et  de  comprendre  la  langue,  ä  laquelle  vos 
ouvrages  ont  donne  une  renomme  au  dessus  de  celle  de 
toute  autre  langue  vivante.  C'est  ici  011  se  trouve  la 
meilleure  Universite  en  Amerique,  mais  malheureusement 
la  meilleure  est  assez  mauvaise  a  cause  du  Systeme  monas- 
tique  y  adopte  ä  l'instar  de  Celles  d'Angleterre.^'  Ose-je 
vous  prier  de  diriger  vos  bontes  sur  cette  bibliotheque,  et 
c'est  par  la  voie  d'Hambourgh,  que  l'envoi  serait  fait  le 
plus  facilement,  addresse  a  Messieurs  Pitcairn,  Brodies 
et  C°.  Hambourgh  et  au  dedans  pour  la  bibliolhcque  de 
l' Universitc  de  Cambridge^'  en  Amerique. 

Je  vous  remercie  beaucoup  pour  la  permission  que 
vous  m'avez  accorde  de  vous  donner  de  tems  en  tems  mes 
nouvelles;  je  ne  manquerai  pas  de  le  faire,  je  vous  assure; 


12  Neue  Mittheiluxgex. 


mais  cela  serait  toujours  pour  les  Communications  de  science, 
je  ne  presumerais  pas  pour  moi  personellement  de  vous 
gener  avec  mes  lettres.  Dans  peu  vous  recevrez  les  ou- 
vrages  ci-mentionnes  et  dorenavant  tout-ce-qu'il-y-a  sur 
l'Amerique,  que  peut  vous  interesser. 

Veuillez,  Monsieur  agreer  l'assurance  de  la  plus  haute 
consideration  de  son  serviteur  tres  humble 

Paris  ce  5  7^.-  1818.  J°^-  ^'  Cogswell. 

Mon  addresse  ä  Paris  est: 

chez  Messieurs  Welles  et  Williams 
Banquiers 
Fvue  Faubourgh  —  Poissoniere  No.  26. 

6. 

Von  Cogswell. 

Mons.  Cogswell  a  l'honneur  de  remettre  ä  Mons. 
de  Goethe  les  observations  de  Mons.  Maclure  sur  la  Geo- 
logie des  Etats  Unis  "  avec  quelques  numeros  d'un  Journal 
scientifique  public  ä  Philadelphie,  dans  lequel  il-y-a  des 
memoires  interessantes  sur  l'histoire  naturelle  de  son  pa3's 
particulierement  celui  de  Mons.  Maclure  Page  133  sur  la 
Geologie  des  Indes  Occidentales.'"*  Mons.  de  Goethe  est 
prie  d'agreer  cet  hommage  de  la  part  de 

son  tres  devoue  et  respectueux  serviteur 

r.    •  c     u      o  o  Jos.  G.  Cogswell. 

Paris  ce  17.  Sep''^^  18 18.  •'  ^ 

7- 
Mons":  J.G.  Cogswell  de  Boston  Etats  Unis  de  l'Amerique 
est  maintenant  ä  Weimar  et  aura  l'honneur  de  presenter  ses 
respects  ä  Mons":  de  Goethe  ce  soir,    s'il  lui  serait  conve- 
nable  de  le  voir. '' 
Weimar  ce  10.  Mai  18 19. 

8.'« 
An  Herrn  Joseph  Georg  Cogswell  nach  Dresden. 

In  Hoffnung  daß  dieser  Brief,  theuerster  Herr  und 
Freund,  Sie  noch  in  Dresden  finden  werde,  lege  ich  ein 
Diplom  der  mineralogischen  Gesellschaft  für  Herrn  Parker 


BrIKI  WECHSIX   ZWISCIIKN    GOKTIII-    UND    AmKRIKANI-KW  I^ 

Cleaveland  in  Boston  bcy;  dieser  würdige  Mann  hat  ge- 
dachtem wissenschaftlichem  \'erein  sein  belehrendes'  Werk 
freundlich  zugesendet  und  verpflichtet  uns  zu  dankbarer 
Anerkennuni,'.'^ 

Nun  aber  frai,'  ich  an,  wohin  Sie  die  läni^'st  zugesagte 
Sendung  meiner  dichterischen  und  wissenschaftlichen 
Schritten  wollen  gerichtet  wissen,  die  ich  Ihrem  vater- 
ländischen Institut  mit  Vergnügen  wiedme,*  damit  auch 
über  dem  Meere  mein  Andenken  gestiftet  sei.  Erhalten 
Sie  mir  Ihre  freundlichen  Gesinnungen  und  lassen  mich 
manchmal  aus  jener  Weltgegend  einiges  erfahren  wie  ich 
denn  versichern  darf  daß  Herrn  Warden's  Werk  aufs 
fleißigste  studirt  werde,  besonders  aber  auch  der  kleine 
Aufsatz  aus  dem  Edinburgh  Magazine  mir  die  schönsten 
Aufschlüsse  verliehen,  so  daß  ich  ihn  nicht  genug  lesen 
und  wieder  lesen  kann.  Man  lernt  bedeutende  sich  auf 
eine  eigne  naturgemäße  Art  entwickelnde  Zustände  kennen.'^ 
Weimar  den  29'*^°  July  18 19. 

9- 

Von  Cogswell. 

Yesterday  on  my  return  to  Dresden  from  Carlsbad, 
where  I  had  been  spending  a  few  weeks,  I  had  the  pleasure 
of  receiving  the  letter  of  July  29*^  which  your  Exe?  did 
me  the  honour  to  write  to  me,  inclosing  the  Diploma  for 
Prof.  Cleaveland,  which  I  shall  forward  to  him  immediately.'' 
How  delightful  is  the  country  around  Carlsbad,  (S:  how 
interesting  in  a  geological  view;  I  had  the  pleasure  of 
examining  all  the  formations  described  in  your  Excellency's 
2norpI?ologic*°  &  the  satisfaction  of  coUecting  nearly  all 
the   substances  therein  enumerated,  which  I  shall  preserve 

'  In  anderem  Concept  spricht  G.  von  Cleaveland's  »bedeutenden 
Bemühungen«,  und  »vorzüglichen  Werken«. 

*  In  anderem  Concept  »Ihrem  Vaterland  bestimme«;  und  am 
Ende:  »Die  Meinigen  hatten  Sie  vor  einigen  Wochen  in  Dresden  ver- 
fehlt, welches  mir  um  so  mehr  Leid  thut,  als  der  kleine  Zirkel  der  sich 
um  mich  versammelt   mit  Vergnügen   der  Abendstunden   gedenckt  die 

Sie  ihn  so  angenehm  zu  machen  wußten in  Hoffnung  daß  Sie 

überall  meiner  freundlichst  gedenken  mögen«  u.  s.  \v. 


14  Neue  Mittheilu\ge\. 


ns  a  double  souvenir,  —  of  the  place  in  which  I  found  them 
&  of  the  author,  who  guided  me  in  my  search  after  them. 

You  ask  where  you  can  send  the  copy  of  your  poetical 
(Sc  scientific  works,  which  you  design  for  the  »Librar}'  of 
Harvard  University  Cambridge  New  England.«  —  if  you  will 
permit  me  to  take  charge  of  them,  please  to  address  them 
to  me,  care  of  Bassenge  &  Co.  Dresden  —  I  remain  here 
tili  the  middle  of  September.  AUow  me  to  express  to  you 
in  advance  that  gratitude,  which  I  am  confident,  not  only 
the  Governors  &  Senate  of  that  University,  but  the  whole 
literary  Community  of  my  country  will  feel  for  the  dis- 
tinguished  honor  you  confer  upon  them.  This  library  has 
long  been  the  medium,  thro'  which  the  friends  of  learning 
in  the  old  world  have  expressed  their  zeal  for  its  advance- 
ment  in  the  new;  it  enrols  among  its  patrons"*'  many  of 
the  most  liberal  Maecenases  &  finest  scholars,  which  Europe 
has  had  during  the  last  two  centuries,  but  there  is  no 
name  upon  its  records,  which  it  will  be  more  proud  to 
point  out  among  its  benefactors^  thou  that  of  your  Ex- 
cel lency. 

I  did  not  acknowledge  the  reception  of  that  most 
precious  Andenken'*',  you  sent  me  some  weeks  since, 
because  I  thought  to  have  had  occasion  to  have  written 
you  a  letter  accompanying  some  scientific  works,  which 
I  have  expected  every  day  from  America,  but  as  they  are 
not  yet  arrived,  I  must  make  use  of  th^  present  to  express 
to  you  my  sense  of  the  high  honor  you  conferred  upon 
me,  &  to  assure  you  I  regard  it  as  the  most  invaluable 
of  all  the  Souvenirs  I  possess. 

I  take  the  liberiy  of  sending  your  Exc>'  (mit  der  fah- 
renden Post)  the  three  last  No's  of  the  North  American 
Review'*'  published  at  Boston;  they  will  serve  to  give  you 
some  idea  of  the  hterary  spirit  which  now  exists  in  that 
part  of  my  country.  At  the  same  time  I  send  the  last  No. 
of  the  London  Quarterly"*^,  thinking  perhaps  you  may  not 
yet  have  seen  it.  A  friend  of  mine  writes  me  that  Byron's 
new  poem  of  Don  Juan'**  is  far  inferior  to  all  his  former 
productions,  but  1  am  too  great  an  admirer  of  Byron '•*  to 
think  he  can  ever  take  a  retrograde  step. 


Bkii;i"\\  hcnsia.  zwiscukn"  Goütue  und  Amkkik.\ni;i<\.  15 

Permit  me  to  reciprocate  the  hope  that  you  were 
pleased  to  express,  that  our  rclation  will  not  cease  with 
my  departure  from  Europe;  Perthes  &  Besser  of  Hamburg 
are  kind  enough  to  say  they  will  always  be  happv  to  talce 
care  of  whatever  1  receive  from  (S:  send  to  liurope  6:  it 
is  thro'  them  that  I  hope  to  transmit  to  vou  from  time 
to  time,  such  ot  our  Uterary  6c  scientific  productions,  as 
will  be  interesting  to  you/"  Excuse  my  writing  in  English; 
it  is  the  language  of  my  heart  cs:  in  writing  to  you  my 
heart*'  must  speak,  &  it  does  now  in  saving: 

I  am  with  the  most  protound  respect  ts:  highest  con- 
sideration 

Your  Excellency's  devoted  friend' 

Jos.  G.  Cogswell. 

Baron  de  Goethe 
Dresden  Aug.  8,  1819. 

10.  *' 

An  Cogswell. 

Sie  erhalten  hiebey,  mein  Theuerster,  durch  Bemü- 
hung* der  Herrn  Bassenge  5"  &  Comp,  ein  Paquet,  worin 
meine  nachverzeichneten,  sowohl  poetischen  als  wissen- 
schaftlichen Schriften  enthalten  sind.  Sie  sind  gut  gepackt 
und  ich  wünschte  nicht  daß  sie  auseinander  genommen 
würden.  Vielleicht  Heßen  Sie  solche  wegen  der  weiten 
Reise  noch  in  einen  Kasten  schlagen;  doch  dieses  sey 
Ihnen  überlassen. 

Mögen  Sie  bey  Übersendung  dieser  Resultate  meiner 
Studien  und  Bemühungen  Ihren  lieben  Landsleuten  mich 
zum  besten  empfehlen,  so  werde  ich  es  dankbar  erkennen. 

Auch  ich  bereite  mich  zu  einer  Reise  nach  Carlsbad'' 
vor,  bitte  mir  aber  nach  hieher  die  Nachricht  zu  senden, 
daß  das  Paquet  wohl  angelangt  sey.  Gar  sehr  hätte  ich 
gewünscht    in    jener   wichtigen  Gebirgsgegend    mich    mit 

'  Nach/nV«J  etwas  unleserliches,  es  scheint  &:  und  eine  Abkürzung 
für  ein  Höflichkeitswort  zu  sein:  etwa  servaul?  Es  ist  derselbe  Schnörkel 
wie  am  Schluss  von  Nr.  12.     (IVahle.) 

*  So  im  Concept.  In  der  Abschrift  des  Originals  heißt  es  Be- 
nüt^ung,  vgl.  Anm.  49. 


l6  Neue  Mitthei;  uxgem. 


Ihnen  über  bedeutende  Vorkommenheiten  unterhalten  zu 
können.  Wenn  Sie  mir  die  Nummern  anzeigen  die  in 
Ihrer  Sammlung  der  Carlsbader  Mineralien  fehlen,  so  kann 
ich  vielleicht  auch  diese  nachsenden. 

Bei  einem  fleißigen  Studium  von  Herrn  Warden's^* 
höchst  interessanten  Werke  befinde  ich  mich  oft  in  Ihrer 
Heimath,  wo  ich  Sie,  wenn  Sie  uns  verlassen  sollten,  mit 
Gedanken  und  Gemüth  fleißig  besuchen  werde. 

Leben  Sie  glücklich  und  vergnügt  und  lassen,  sowohl 
diesseits  als  jenseits,  manchmal  von  sich  hören.  Die  zu- 
gesagten Zeitschriften"  erwarte  ich  mit  Verlangen, 

,,,  .  treulichst 
Weimar  ^      , 

j         .         o  Goethe 

d  II  Aug  1819 

loa.  5^ 

Sendung  nach  

von  Goethes  Werke  Bd.  1—20. 
»  ')        Zur  Farbenlehre  B.  i.  2. 

»  »  —    Kupfer  dazu  in  4°. 

»  »        Propyläen  Bd.  i.  2.  3. 

»  »        Ph.  Hackert. 

»  »        Italiänische  Reise  B.  i.  2. 

»  »        Kunst  und  Alterthum  B.  i.  Heft  i — 3. 

Bd.  2.  Heft  I. 
»  »        Zur  Naturwissenschaft  Heft  i. 

»  »        Böhmische  Gebirge.    3  Exempl.  '^ 

»  »        Iphigenie  neu-griechisch.  3  Expl.** 

»  »        Festgedichte.  '^ 

Weimar  d.  11 1  Aug. 
1819. 
H.  B.  und  C. 

Dresden. 

11.58 

An  die  Harvard  University. 

»Translation  of  Goethe's  Note. 
Thro'  the  Agency  of  Mr.  J.  G.  Cogswell 
Goethe's  Works  Vol.  I-XX 
Doctrine  of  the  Colours  Vol.  I — II 
—    Plates  4.*° 


Brikkweciisel  zwischen  Goktmk  lnd  A.\h;iuka\krn.  17 

The  Propylaea  Vol.  I— III 

Life  of  J.  G.  Hacken,  [sie] 

Travels  in  Italy  Vol.  I  — II 

Art  &  Antiquity  \'ol.  I— II 

Ün  Natural  Science. 

Bohemian  Mountains  (3  Copies) 

Iphigenia  translated  into  Modern  Greck  (5  Copies) 

Occasional  Poems 

The  above  poetical  &:  scientitic  works  are  presented 
to  the  library  of  the  University  of  Cambridge  in  N.  Eng- 
land, as  a  mark  of  deep  Interest  in  its  high  literary 
Character,  &  in  the  succesful  Zeal  it  has  displayed  thro' 
so  long  a  Course  of  Years  for  the  promotion  of  solid  & 
elegant  education." 

With  the  high  respects  of  the  Author 
J.  W.  V.  Goethe.        Weimar  Aug.  11.  1819.« 

12.*" 
Von  Cogswell. 

Dresden  Sept.  21,  1819. 
His  Excellenc}'  the  Minister 
de  Goethe. 

Dear  Sir, 
On  my  return  here  from  Göttingen,  I  found  the  books 
you  sent  to  my  care  for  the  library  of  Harvard  College; 
it  is  impossible  for  me  to  express  to  you  my  sense  of  the 
honor  you  confer  on  that  Institution,  or  the  gratitude  I 
as  its  friend,  feel  for  your  munificent  present.  Thev  are 
already  on  their  way  to  Hamburg  &  will  I  trust  now  be 
forwarded  to  America,  from  which  you  shall  have  accounts 
of  their  arrival  as  soon  as  it  takes  place. 

I  leave  this  [city]  for  Paris  in  a  few  days,  &  then  I 
hope  to  send  something  from  my  countrv,  which  will  be 
of  interest  enough  to  afford  me  an  apology  for  troubling 
you  again  with  a  letter  from 

Your  most  devoted  friend 

&  very  respectful  svt.  [?] 

Jos.  G.  Cogswell.^* 

Goethe-Jahrecch  XXV.  2 


Neue  Mittheilukgex. 


Von  der  Harvard  University. 
»University  in  Cambridge    New  England  27.  Nov.  18 19. 

The  Corporation  received  notice   from  Mr.  Cogswell 

at  Dresden  that  he  had  transmitted  through  the  American 

Consul"  at  Hamburgh    the   foUowing  works   of  J.  W.  v. 

Goethe  viz. 

(hier  folgt  eine  genaue  Abschrift  der  Liste  wie  in  der 

»Translation  of  Goethe's  Note«) 

The  same  notice  was  accompanied  by  a  note  from 
this  distinguished  author  in  which  he  signifies  that  he 
presents  the  foregoing  works  to  the  Library  of  our  Uni- 
versity, &  expresses  kind  sentiments  &  gives  a  flattering 
testimonial  in  favor  of  the  Institution. 

The  Corporation  are  highly  gratified  that  the  Uni- 
versity in  Cambridge  N.  England  is  an  object  of  attention 
and  interest  to  this  celebrated  writer,  possessing  so  elevated 
a  rank  among  the  men  of  genius  &  Hterature  in  Europe. 
They  receive  with  great  satisfaction  the  donation  of  his 
works  for  the  Library/'*  &  return  him  the  grateful  acknow- 
ledgments  of  the  University  for  this  valuable  proof  of  his 

President« 
IIL 


regard.  John  T.  Kirkland 


In  Göttingen  studirten  damals  (obwohl  nicht  alle  gleich- 
zeitig) nicht  nur  Everett,  Ticknor  und  Cogswell,  sondern  auch 
George  Bancroft'  (1800 — 1891),  der  wohlbekannte  Verfasser 
der  großen  Geschichte  der  Vereinigten  Staaten.  Nachdem  er 
Sekretär  der  Marine  1845,  und  dann,  wie  früher  Everett,  Bot- 
schafter in  London  gewesen  war,  vertrat  er  1867  —  74  sein 
Vaterland  in  Berlin,  wo  er  die  Freundschaft  Rankes  und  Theo- 
dor Mommsens  erwarb. 

Empfohlen  von  einem  Professor  in  Göttingen,  besuchte 
Bancroft  Goethe  in  Jena  am  12.  October  1819  (lautTageb.)  und 
erhielt  einen  Empfehlungsbrief  an  Riemer,  der  ihn  bei  Ottilie 
einführte.* 


340 


vom     O.     l-'CC      5LCUL     Cllic     nui^v-     x-*wci^      v'^'ii     u.     uiiu    xvwuüu     *jiii    ^\.ii\j\jl. 

Doch  so  viele  Deutsche  gab  es  dort  sicher  nicht.  Folien  z.  B.  war  nicht  da. 
»  Vgl.  Anm.  68  u.  69. 


BiUKi-wECHsi:!.  zwisciiKS'  GoKiHi;  UNO  Ami-.kik.wi;i<n-.  19 

14. 

\'on  George  Bancrolt. 

Ich  muß  Ew.  Excellenz  um  Verzeihung  bitten,  daß  ich 
den  versprochenen  Band  ^*  über  die  Urbewohner  von  Nord- 
America  Ihnen  nicht  zugeschickt  habe.  Bev  meiner  Rück- 
kehr nach  Göttingen  fand  ich,  daß  der  Herr  Hofrath 
Schulze,^"  indem  er  glaubte,  darin  neue  Beweise  für  eine 
Lieblingstheorie  zu  finden,  eine  deutsche  Ausgabe  von  dem- 
selben schon  angefangen  hatte.  Er  ersucht  mich,  das  Buch 
für  die  Gegenwart  m  seinen  Händen  zu  lassen,  Sie  von 
ihm  zu  grüssen  und  ihm  zur  Ehre  mich  über  nicht  ge- 
haltenes Wort  bey  Ihnen  zu  entschuldigen.  So  bald  als 
ich  das  Werk  bekomme,  werde  ich  mit  ungewöhnlichem 
Vergnügen  es  Ihnen  übergeben;  denn  wie  es  jedem  Ameri- 
kaner machen  muß,  so  auch  mir  macht  es  große  Freude, 
daß  Sie  unser  neu-entstandenes,  und  an  Kunst  und  Gelehr- 
samkeit gar  armes  Land  Ihrer  besondern  Aufmerksamkeit 
werth  achten.  ^^ 

Der  Frau  Kammer-Räthinn  von  Goethe  bitte  ich  Sie 
mich  bestens  zu  empfehlen  —  Für  die  freundschaftliche 
Aufnahme,  die  ich  bey  Ihnen  in  Jena,  und  in  Ihrem  Hause 
zu  Weimar^^  fand,  empfangen  Sie  meinen  herzlichsten  Dank. 

Mit  tiefer  Verehrung 

George  Bancroft. 
Göttingen  den  10.  November  1819. 

IV. 

Am  7.  und  12.  März  1821'  besuchte  Goethe  ein  »Herr 
Beresford  aus  der  Gegend  von  Boston«,  der  schon  ein- 
mal in  Weimar  gewesen  war;  am  19.  September  1824  William 
Emerson,  Bruder  von  Ralph  Walde*  und  am  27.  März  1825 
kam  George  H.  Calvert'  (1803  —  89),  ein  Abkömmling  des 
Lords  Baltimore,  die  Maryland  begrimdeten,  und  seitens  seiner 


*  Vgl.  Tageb.  und  Bücher-Verm.  Liste  dazu  S.  510.  (Das  Buch 
befindet  sich  nicht  im  Goethe-Hause.) 

*  Vgl.  White  231  und  C.  Thomas  im  G.-J.  24,  155. 

3  Vgl.  Anm.  71  f.  und  White  233  u.  255.  Lange  nach  Goethes 
Tode  war  C.  wieder  in  Weimar,  vgl.  »Scenes  and  Thoughts  in  Europe« 
2nd  Ser.  (N.  Y.  1852).  Eine  Bibliographie  von  Calverts  Werken  nebst 
ganz  kurzem  Lebensabriß  steht  in:  —  »Cat.  of  the  Books  in  the  Redwood 
Libr.  bequeathed  .  .  .  by  G.  H.  Calvert«  (Newport  R.  L  1900). 

2* 


20  Neue  Mittheiluxgen. 


Mutter  des  Malers  Rubens.  Er  studirte  in  Deutschland, 
wohnte  dann  in  Baltimore  als  Schriftsteller,  und  nach  1S43 
in  Newport  R.  I.  Von  seinen  Studentenjahren  in  Göttingen' 
i824f.  (wo  er  besonders  mit  Benecke  befreundet  war)  bis  zu 
seinem  Tode  studirte  er  eifrig,  zwar  etwas  dilettantisch,  deutsche 
Literatur  und  namentlich  Goethe.  Sein  Hauptwerk  über  Goethe 
erschien  1872.' 

15- 
Von  G.  H.  Calvert. 

Mr.  Calvert  takes  the  liberty  of  sending  this  American 
Review  to  bis  Excellency  thinking  that  it  will  not  be 
without  Interest  to  him  if  bis  Excellency  has  not  yet 
Seen  it.'" — 

Mr.  C.  begs   to   be   pardonned  for  having  omitted  to 
mention  it   yesterday^'  and  had  intended  to  offer  to  lend 
it    to    bis   excellency   in   case   he   obtained   the  honour  of 
seeing  him.  — 
Monday  March  28?^-7»  [1825] 

V. 

Während  dieser  Zeit  scheint  Goethes  Interesse  an  Amerika 
(schon  nach  den  Tagebüchern)  sehr  rege  gewesen  zu  sein. 
Hier  sei  nur  einiges  hervorgehoben.  Anfang  1819  las  er  die 
Beschreibung  der  berühmten  Reise  von  Lewis  und  Clarke  * 
im  Nordwesten  der  Vereinigten  Staaten,  worin  manches  der 
Welt  zum  erstenmale  bekannt  gemacht  wurde.  1822  von 
Mitte  November  an  studirte  er  Struve's  Buch  über  nord- 
amerikanische Mineralogie  und  Geologie*  1823  las  er  Irvings 
»Sketch  Book«,  5  ohne  den  Namen  des  Verfassers  zu  wissen: 
im  Jahre  1828  sein  Leben  des  Columbus.^  Schon  1825  be- 
gannen seine  eingehenden  Studien  der  verschiedenen  Kanal- 
projekte für  Central-Amerika',  wovon  jetzt  so  viel  die  Rede  ist. 


'  Vgl.  »First  Years  etc.«  p.  86  fg.  (schon  in  »Putman's  Magazine« 
1856.) 

*  Nicht  1875,  wie  White  228  angibt. 

5  Aus  der  Bibliothek  entliehen  9.  Jan.  —  9.  Mai  —  vgl.  auch 
Tageb.  13.  Jan.  1819  und  Anm.  dazu.  Keatings  »Narrative«  kam  1826 
dazu,  vgl.  Tageb.  25.  Feb.  nebst  Anm. 

^  Tageb,  13.  Nov.  und  sehr  oft.  Vgl.  Tageb.  8,  524  und  Nat.  W. 

IG,   273. 

5  29.  u.  31.  Aug.  und  Brief  an  August  vom  30.  Aug.  (Tageb.  9, 376). 

^  5.  Juni. 

7  7.  März,  II.,  21.,  22.  Aug.,  13.— 15.,  17.,  18.,  21.  Feb.  1827 
(17.  Oct.  1828  —  10.  Feb.  1829  a.  d.  Bibl.  »Humboldt  &  Bonpland 
Memoires«),  vgl,  Eckermann  21.  Feb.  1827.  11. — 12.  Aug.  1826  a.  d.  Bibl. 


Briefwechsel  zwischen  Goethe  lnd  A.mekh<.\nek\.  21 

Mit  Herzog  Bernhards  Reise  in  Nordamerika  (1825-26) 
hat  Cioethe  sich  viel  bes(haftij,'t,  und  ihm  ist  die  W^röffent- 
lichung  der  Tagebücher  des  Herzogs  über  jene  Reise  wohl 
größtentheils  zu  verdanken.'  Das  wohlbekannte  Gedicht 
»Amerika,  du  hast  es  besser«*  u.  s.  w.  muß  jetzt  auch  genannt 
werden.  Coopers  Romane  las  (ioethe  mit  Interesse  und  oft 
mit  Bewunderung.'  Was  Geschichte  betrifft,  so  war  ihm 
Ramsays  Buch  über  die  amerikanische  Revolution"*  bekannt, 
und  Jeffersons  »Memoirs«  '  kamen  auch  später  dazu.  Ja  sogar 
das  in  Amerika  so  beliebte  und  in  jedem  Hause  neben  der 
Bibel  vorhandene  »W'ebsters  Dictionary«  ^  hat  auch  er  benutzt. 


Humboldts  »Essai  polit.  sur  .  .  .  nouv.  Espagne«  2  vols.,  wovon  I  p.  LX 
u.  11  —  28  [=  eh.  II]  wie  auch  im  Atlas  dazu  (181 2)  PI.  IV  hier  in 
Betracht  kommen.  So  auch  sein  »Essai  polit.  sur  .  .  .  Cuba«  (1S26) 
II,  282 fg.,  wozu  Eckermann  a.  a.  O.  und  Anm.  zu  Tageb.  13.  Feb.  1827. 
In  dem  Cubabuch  (II,  540),  wie  schon  bei  Wardcn  a.  a.  O.  III,  355 
wird  der  Erie-Kanal  erwähnt,  vgl.  das  Medaille  bei  Schuchardt  (Goethes 
Kunstsammlungen  II,  225,  Nr.  170  und  s.  auch  S.  312  Nrn.  1767  ft'.) 
und  Tageb.  18.  Nov.  1826:  endlich  Pniower  (Faust  S.  149). 

'  Vgl.  unten  S.  31,  White  228,  Tageb.  12.  Feb.  1826,  21.  Mai,  4.  Juni, 
2.-4.  Juli,  31.  Aug.,  9.  Sept.,  5.,  12.,  15.,  16.  (das  Gedicht  an  den 
Herzog,  Loeper  2,  266  u.  5  5of.),  18—20,  30.  Oct.;  Briefw.  mit  Karl  Aug. 
II,  280—284  u.  290;  Briefw,  mit  Zelter  IV,  228  u.  V,  196;  an  Stern- 
berg (Sauers  Ausg.  1902,  S.  125  fg.);  v.  Müller  a.  a.  O.  198.  Neues 
enthält  das  wohl  zum  ersten  Mal  unten  (Anm.  58)  erwähnte  Heft  im 
Archiv.  Vgl.  auch  Tageb.  20.  Apr.  1827  [dazu  »Reise«  I,  250  u.  260], 
13.  Aug.  1828  [dazu  Reise  I,  135]  und  24.  März  1830  [dazu  Reise 
I,  502?].  Das  Buch  erschien,  hrsg.  von  Heinr.  Luden,  in  Weimar  1828, 
2  Bde.  Noch  in  demselben  Jahre  erschien  auch  eine  anonyme  Ueber- 
setzung  in  Philadelphia.  Ueber  des  Herzogs  Besuch  der  Harvard-Univ. 
vgl.  Reise  I,  81—84  und  White  228  u.  256.  Im  Goethe-Hause  ist  noch 
ein  Exemplar  des  Am.  Quart.  Rev.  Sept.  1828  [von  F.  F.  H.  Küstner 
in  Leipzig  (Strehlke  I.  380)  erhalten]  worin  p.  244  fg.  eine  Recension 
der  deutschen  Ausgabe,  vgl.  Tageb.  1829  16.  Jan.  fg.  u.  8.  Feb.  nebst  Anm. 

*  V.  Loeper  3,  283  t.  Ueber  »Amerika  in  d.  deutschen  Dichtung« 
überhaupt  vgl.  Goebel  (»Forsch,  z.  d.  Phil.«  Festg.  f.  R.  Hildebrand, 
Leipzig  1894,  S.  102  fg.)  und  Minors  Recension  (Gott.  gel.  Anz.  1896. 
S.  662  fg.).  Auf  diese  beiden  Arbeiten  hat  mich  Herr  A.  L.  Jellinek 
in  Wien  freundlichst  aufmerksam  gemacht. 

3  1826,  Pioneers  (30.  Sept.  bis  2.  Oct.);  Last  of  the  Mohicans 
(15.- 16.  Oct.);  Spy  (22.-24.  Oct.);  Püot  (4.  Nov.);  1827,  Prairie 
(23.— 27.  Jan.);  1828,  Red  Rover  (21.— 29.  Jan.,  a.  d.  Bibl.  3.— 31.  Jan., 
vgl.  Eckermann,  27.  Dec.  1829);  19.— 20.  Dec.  1829  im  Juni-Heft  d. 
Edinb.  Rev.  eine  Recension  von  Coopers  »Notions  of  the  Americans« 
[darnach  Anm,  Tageb.  12,  387  zu  berichtigen].  Vgl.  auch  Hempel 
29,  253  f. 

■*  Tageb.  25.  26.  Oct.  1826  und  Anm. 

>  ed.  Randolph,  Lond.  1829,  4  vols.  a.  d.  Bibl.  14.— 22.  Mai  1830. 

6  Part  I  a.  d.  Bibl.  29.  Sept.  bis  12.  Oct.  1830.  Im  allgemeinen 
vgl.  auch  Tageb.  5.  Oct.,  30.— 31.  Dec.  1820,  30.  Jan.  1821,  19.  Aug. 
1824,  13.  Feb.  1828  und  Briefe  an  Weller  2.  März  1822.  (Döring,  S.  544, 
dazu  v.  Bojanowski  G.-J.  XXI,  108.) 


22  Neve  Mittheiluxgen. 


Von  den  Amerikanern,  die  laut  den  Tagebüchern '  nach 
Calvert  Goethe  besuchten,  sei  hier  nur  Albert  Brisbane  (f  1890), 
der  später  als  Socialist  bekannt  geworden  ist,  besonders  ge- 
nannt, denn  er  hat  einen  wenig  bekannten  Bericht*  über 
seinen  Besuch  geschrieben.  Begleitet  von  dem  Engländer 
Chambers  Hall,  kam  er  am  30.  Juni  1829.'  Er  fand  den 
Dichter  in  schwacher  Gesundheit;  Goethe  »spoke  slowly 
following  with  difficulty  his  trains  of  thought;  and  the  most 
that  I  retain  of  that  interview  was  a  remark  he  made  on 
the  tendancy  of  the  human  mind  to  accept  those  theories 
which  are  most  congenial  to  the  individual  character.« 

»Germany  has  for  the  last  half  Century  been  prolific  in 
works  of  literature  and  science :  —  and  whatever  may  be  the 
faults  or  vices  of  its  literature  considered  in  a  moral  point 
of  view*  or  an  object  of  taste  it  cannot  be  doubted  that  it 
is  a  subject  of  rational  curiosity,  and  in  many  respects  of  just 
admiration.«  So  berichtet  Prof.  Andrews  Norton  (1781  — 1853), 
der  bekannte  Theologe,  November  1818,  als  Bibliothekar ^  der 
Harvard-Universität,  und  wahrscheinlich  klangen  solche  Worte 
damals  ziemlich  radikal.^  179O1  im  Jahre  des  Erscheinens  des 
Faust-Fragments,  war  auch  ein  lateinischer  Katalog  der  Har- 
vard-Bibliothek, damals  bei  weitem  der  besten  in  Amerika, 
erschienen;  aber  keine  deutschen  Werke  werden  darin  an- 
geführt:   was   nicht   so    selten  erscheint,    wenn  man  bedenkt, 


'  23.  Sept.  1825,  L.  D.  V.  Schweinitz  (1780— 1834),  ein  Herrn- 
huter  und  bedeutender  Botaniker.  (Appletons  Cycl.  Am.  Biog.  V,  434. 
—  19.  Aug.  1826,  H.  E.  Dwight  (1797— 1832),  vgl.  White  228 f.  u. 
Applet,  a.  a.  O.  II,  284.  —  9.  Juli  1827,  Cunningham  von  Boston,  hatte 
in  Göttingen  studirt.  —  12.  Aug.  1828,  Edward  Robinson  (1794  — 1863), 
bedeutender  Theolog.  (vgl,  Applet,  a.  a.  O.  V,  284f.)  und  seine  Frau 
Therese,  geb.  v.  Jakob  (=  »Talvj«),  die  Uebersetzerin  der  serbischen 
Gedichte  u.  s.  w.  vgl.  Hempel  29,  575  —  595;  A.  D.  B.  28,  724  und  ihren 
Briefw.  mit  G.  hrsg.  v.  R.  Steig  im  G.-J.  XII,  3  3  fg.,  wo  dieser  Besuch 
nicht  erwähnt  wird.  —  6.  April  1829,  James  C.  Richmond  (1808  — 1866), 
ein  Geistlicher.  —  14.  Oct.  1829,  zwei  van  Reusslaer  v.  New -York.  — 
9.  Dec.  1829,  Lieut.  Col.  Low  und  R.  Ray,  »membre  de  plusieurs  soci^tcs 
litteraires«  aus  New-York.  —  (24.)  25.  März  1830,  Harrisson  (sie)  aus 
Virginia  empfohlen  v.  Herzog  Bernhard  [vgl.  Reise  I,  302]. 

'  p.  79  seines  Lebens  von  seiner  Witwe  (Boston  1893):  mir 
gütigst  mitgetheilt  von  Mr.  James  L.  Whitney  in  Cambridge. 

3  Vgl.  Tageb. 

+  Solche  hat  der  edle  Mann  bei  Goethe  wie  bei  Byron  gefunden 
und  stark  getadelt:  aber  das  alles  geschah  nicht  »1881«,  wie  ein  Druck- 
fehler bei  Knortz  a.  a.  O.  41  f.  gibt,  sondern  bereits  1833.  Vgl.  N.'s 
»Statement  of  Reasons«  etc.  2  ed.  p.  XXX  und  11  — 13  (Boston  1856). 

>  Der  Druck  hier  nach  der  Hs.  unter  den  Harvard-Akten.  Doch 
findet  sich  diese  Stelle  anonym  im  N.  Am.  Rev.  Dec.  1818,  p.  195. 
Norton  war  Universitäts-Bibliothekar  1813  — 1821,  also  zu  der  Zeit,  da 
die  Bücher  Goethes  ankamen.     Vgl.  Anm.  43. 

'  Doch  vgl.  Anm.  9  und  Viereck  552. 


BrIKI  WKCHSIil.    ZWISCIIKS    GoilTllF.   UND    A.MhRIK.WKRN. 


daß  theologische  Bücher  20  mal  so  viel  Seiten  darin  füllen, 
wie  dramatische  und  poetische  Werke  zusammen  !  und  theo- 
logische Abhandlungen  sogar  65  mal  so  viel  wie  mathematis(  he 
und  physikalis(  he  I  1830  dagegen  waren  die  deutschen  Klas- 
siker ziemlich  gut  vertreten  und  1834  noch  hesser.  Doch  bis 
1856  scheint  der  zweite  Theil  des  Faust  immer  noch  nicht 
vorhanden  gewesen  zu  sein.  Der  Zuwachs  seit  1825  ist  wohl, 
zum  Theil  wenigstens,  dem  Einfluß  des  gleich  zu  nennenden 
P'ollen   zuzuschreiben.' 

Die  University  of  Virginia  besaß  jedenfalls  1828'  —  wahr- 
scheinlich schon  Anfang  1826'  —  die  Werke  Goethes,  Schillers, 
Lessings  u.  s.  w. 

1S25,  in  dieser  von  Jefferson  geplanten  und  geleiteten  Uni- 
versität, wurde  Deutsch  zum  ersten  Male  in  einer  amerikani- 
schen Hochschule  von  Anfang  an  von  einem  dazu  bestimmten 
Professor  wirklich  gelehrt.'*  In  demselben  Jahre  fing  auch  ein 
Deutscher,  Karl  Folien  (1796  —1840),  an,  darüber  in  Cambridge 
zu  dociren,  aber  er  wurde  nur  für  zehn  Jahre  unterstützt.^ 
\Vohl  ist  er  der  eigentliche  Begründer^  einer  damaligen,  seitdem 
bis  jetzt  unbekannten  »German  Society«''  in  Boston  oder 
Cambridge  (übrigens  ist  Cambridge  jetzt  nur  durch  den  Charles 
River  von  Boston  getrennt).  Die  Mitglieder  waren:  —  »C. 
Folien,  S.  A.  Eliot,  G.  Ticknor,  S.  H.  Perkins,  Wm.  T. 
Andrews,  F.C.Gray,  J.  Pickering,  N.  I.  Bowditch,  E.Wiggles- 
worth,  F.  Lieber,  Mr.  Miesegaes,  T.  Searle,   J.  M.  Robbins«. 


'  Vgl.  »Reise«  a.  a.  O.  I,  81—84  und  Pollens  Works  I,  159 
(Boston  1842). 

'  Mitth.  des  Herrn  Oberbibliothekars  J.  W.  Page. 

3  Vgl.  Writings  of  Thos.  Jefferson  ed.  Ford  X,  376. 

•♦  Daselbst  X,  335  und  ausführliches  bei  Viereck  a.  a.  O.  538, 
S52fg.  und  passini  (mit  Vorsicht  im  Einzelnen  zu  benutzen).  1825 
besuchte  Herzog  Bernhard  Jetierson  und  die  Universität;  von  deren 
schönen  Gebäuden  (nach  Jetfersons  eigenen  Entwürfen)  er  auch  Pläne 
wiedergibt.     Vgl.  »Reise«  I,  297  u.  s.  w. 

5  Vgl.  White  229  f.  Zuverlässiges  über  ihn  in  seinem  »Life«  von 
seiner  Witwe,  als  vol.  I  seiner  »Works«.  (Boston  1841/2  5  vols.) 
Vgl.  auch  Viereck  553;  A.  D.  B.,  Brockhaus  und  Meyer  sind  hier  sehr 
ungenau. 

6  Vgl.  Works  I,  209  f,  und  221. 

7  Im  Sommer  1902  fand  ich  bei  einem  Antiquar  in  Boston  Platens 
»Rom.  Oedip.«  (1824)  und  Ed.  v.  Schenks  »Schauspiele«  I.  Th.  (Cotta 
1829),  beide  ungebunden,  und  auf  beiden  Umschlägen  aufgeklebt  ge- 
druckte Zettel:  vorn  »German  Society,  1828«,  Namen  wie  oben  u.  s.  w. 
hinten  »Rules«  für  Benutzung  der  Bücher  der  Gesellschaft.  Diese 
scheint  also  wenigstens  bis  zum  Jahr  1829  fortgelebt  zu  haben,  doch 
ist  sie  sonst  gänzlich  unbekannt.  Ich  habe  niemand  hnden  können,  der 
etwas  davon  wußte.  Offenbar  war  sie  dazu  bestimmt,  das  Lesen  deutscher 
Bücher  zu  fördern. 


24  Neue  Mittheiluxgex. 


Diese  Namen  sind  fast  alle  noch  bei  uns  bekannt, '  einige 
wie  Folien,  Ticknor  und  Lieber  wohl  auch  in  Deutschland. 
Eine  bedeutendere  Gesellschaft  konnte  es  damals  dort  nicht 
gegeben  haben. 

Bis  zum  Tode  Goethes  ist  hier  weiter  nichts  mehr  zu 
erwähnen,  und  damit  schließen  wir.  Nur  am  Schlüsse  sei 
ganz  kurz  bemerkt,  daß  1876  mit  der  Begründung  der  be- 
rühmten Johns  (sie)  Hopkins  University  in  Baltimore  zum 
ersten  Mal  deutsche  Methoden  in  großartiger  Weise  eingeführt 
wurden,  und  das  wissenschaftliche  Studium  der  deutschen 
Sprache  in  Amerika  begonnen.'  Auch  das  deutsche  »Irving 
Place  Theatre«  in  New  York  sei  kurz  erwähnt,  das  unter  der 
trefflichen  Leitung  Heinrich  Conrieds  vom  künstlerischen 
Standpunkt  als  das  beste  Theater  in  Amerika  anerkannt  ist.' 
Selbst  im  fernliegenden  California  wurde  im  December  1903 
die  Herderfeier  würdig  begangen.*  Endlich  sei  genannt  das 
ganz  neue  »Germanic  Museum« '  in  Cambridge,  das  ohne 
Zweifel  eine  bedeutende  Rolle  zu  spielen  bestimmt  ist,  und 
das  auch  neulich  der  Deutsche  Kaiser  mit  großen  Geschenken 
wesentlich  befördert  hat.  So  schließen  wir,  wie  Goethe  so 
manchen  Brief  »Das  Beste  wünschend!« 

Anmerkungen    zu   den   Briefen. 

'  Theodor  Lyman  (1792  — 1849),  bekannter  Philanthrop, 
studirte  auf  der  Harvard  University,  reiste  in  Europa  und  181 7 
mit  Everett  nach  Griechenland.  1834 — 35  war  er  Bürger- 
meister von  Boston.  In  einem  Brief  »viro  clarissimo  F.  A. 
Wolfio«  empfiehlt  Everett  Lyman  als  »carissimus  mihi  inter 
cives  meos«  (Gottingae  VIII,  Id.  Sept.  [=  6.  Sept.]  1817  — 
ungedruckt?  auf  der  Königl.  Bibl.  zu  Berlin  aus  Wolfs  Nach- 
lass)  vgl.  Lymans  Brief  an  Goethe  (oben  Nr.  2)  und  An- 
merkungen dazu. 


*  Eliot,  später  Bürgermeister  von  Boston,  war  der  Vater  des 
jetzigen  Präsidenten  der  Harvard  University.  Ticknor  war  damals  Smith 
Prof  der  französischen  und  spanischen  Literaturen :  in  dem  Vorwort  zu 
seiner  Geschichte  der  spanischen  Literatur  gedenkt  er  Grays.  Pickering 
war  der  Philolog;  Bowditch  Sohn  des  Mathematikers.  Näheres  über 
den  bekannten  Publizisten  Franz  Lieber  in  seinem  »Life«  von  T.  S.  Perry 
(Boston  1882,  übers,  v.  F.  v.  Holtzendorff  1885)  und  vgl.  Viereck  691  f. 
Searle  war  ein  Freund  Cogswells  (»Life«  61  u.  64)  und  viel  in  Deutsch- 
land gewesen. 

'  Vgl.  Viereck  538  u.  5 64 fg. 

3  Vgl.  White  2 50 fg.  und  N.  Hapgood  »The  Stage  in  America« 
(N.  Y.  u.  London  1901)  auch  Viereck  686.  Jetzt  ist  C.  Director  des 
Metropolitan  Opera  House  geworden,  unter  ihm  wurde  Wagners  Parsifal 
dort  aufgeführt. 

■♦  [Vgl.  unten  J.  Goebels  Vortrag.]     L.  G. 

5  Vgl.  Viereck  öygfg.,  feierlich  eröffnet  10.  Nov.  1903. 


Briefwechskl  7,\vischk\'  Gokthk  und  A.mkrikaners*.  25 

*  Ueher  (loethes  Autographen-Sammlung  (jetzt  im  Ooethe- 
Archiv)  vgl.  [Brockhaus]   »Zum  28.  August   1S99«   S.   1 1  ff . 

'  Nicht  mehr  vorhanden. 

*  Henry  R.  F.  X'assall  (1773— 1840)  3rd.  Haron  Holland, 
Staatsmann  und  Literat,  am  meisten  durch  seine  literarischen 
Gesellschaften  in  »Holland  House«  bekannt.  Vgl.  Dict.  Nat. 
Biog.  20,  126;  Prinzessin  Marie  Lichtenstein  »Holland  House« 
(1873);  Ticknors  Life  etc.  i.  264^,   294f.,  408  u.  G.-J.  20,  254. 

*  James  Monroe  (1758  — 1831),  während  Jefferson  Präsident 
war,  im  Jahre  1803,  mit  R.  L.  Livingston.  erwarb  Louisiana 
für  die  Ver.  Staaten  (jetzt  gefeiert  durch  die  Welt-Ausstellung 
in  St.  Louis),  18 16  Präsident  der  Ver.  Staaten,  1820  wieder- 
gewählt. 1823  promulgirte  er  in  einem  »Message  to  Congress« 
die  jetzt  so  bekannte  »Monroe  Doctrine«.  Vgl.  sein  Leben 
von  D.  C.  Gilman  (Boston   1883). 

*  John  Adams,  Vice-Präsident  unter  Washington,  ward 
1797  Präsident,  Thomas  Jefferson,  Verfasser  der  »Declaration 
of  Independance«  und  Begründer  der  University  of  Virginia, 
war  Präsident  1801— 1S09,  vgl.  oben  S.  2^.  James  Madison, 
Präsident   1S09  — 17. 

7  L^nter  Goethes  Autographen  findet  sich  nur  ein  Brief 
von  Washington  (nur  Unterschrift  eigenhändig)  an  Wm.  M<= 
Intosh  vom  8.  Jan.  17 88.  Nach  einer  zurückbehaltenen  Ab- 
schrift schon  1835  veröffentlicht  von  Jared  Sparks  (Writings 
of  W,  9,  300),  aber  als  nicht  wichtig  in  Fords  großer  Aus- 
gabe weggelassen  (vgl.  XIV,  476).  Der  Brief  fehlt  in  Goethes 
Verzeichniß  (Brockhaus  a.  a.  O.  und  G.-J.  4.  2i6f.),  doch 
ist  nicht   anzunehmen,    daß  Goethe   ihn    von  Everett   erhielt. 

8  2  ed.  London  1817  [i  ed.  17.  Juli],  ungebunden,  noch 
im  Goethe-Hause,  wo  mir  Herr  Geh.  Hofrath  Ruland  gütigst 
alles  zur  Verfügung  gestellt  hat,  mit  folgender  Widmung:    — 

His  Excellency  The  Minister 

Von  Goethe  from  His  humble  Servant 
Edward  Everett  of 
Boston  America 

Goettingen   7'^-  Sept.    181 7.   — 

9  Schon  im  Febr.  181 5  ward  er  Prof.  of  Greek  in  der 
Harvard  University  (vgl.  Quincy  Hist.  Harv.  Univ.  IL  313).  — 
26.  Aug.,  28.  Nov.  und  später  erhielt  er  $  500,  wofür  er 
deutsche  Bücher  für  die  Universitätsbibliothek  kaufen  sollte. 
Auch  Ticknor  1816  wurde  beauftragt  $  1000  für  französische 
und  italienische  Bücher  zu  verwenden.  (Privatbrief  an  mich 
von  Herrn  Oberbibliothekar  W.  C.  Lane)  vgl.  Ticknor  a.  a. 
O.   I,    120. 

'"  z.  B.  1817—20  Eichhorn,  Blumenbach.  F.  A.  Wolf, 
Buttmann,  Bouterwek  (in  dessen  Familie  Everett  und  Ticknor 


26  Neue  Mittheiluxgex. 


in  Göttingen  wohnten),  die  Brüder  Grimm  und  Sömmerring. 
(Nach  »Book  ofDonations  to  the  Library  1812  — 1821«  folio, 
H.  U.   5I9-25-) 

"  Vgl.  oben  Briefe  4  — 13  und  Anm.   26  u.  s.  w. 

"  ob  jetzt  im  Besitz  seines  Sohnes  Dr.  A\'m.  Everett  in 
Quincy  Mass. '?  In  den  in  seinem  Besitz  befindlichen  Briefen 
Everetts  wird  Goethe  nicht  erwähnt:  auch  nur  einmal  ganz 
flüchtig  genannt  in  E's.  »Orations«  etc.,  vgl.  oben  S.  5. 
Vgl,  Herzog  Bernhards  »Reise«  u.  s.  w.  I,  81  und  White 
a.  a.  O.  256,  vgl.  Anm.   58. 

''  Vgl.  oben  Anm.  8. 

'*  »Manfred«,  London  [16.  Juni]  1817.  (Rulands  kurze 
Notiz  im  Publ.  Engl.  G.  Soc.  (1889,  V,  189  ist  bisher  un- 
beachtet geblieben.)  Das  ungebundene  Büchlein  im  Goethe- 
Hause  trägt  die  Widmung:   — 

»For 

His  Excellency  the  Minister 
Von  Goethe 
with  the  highest  respect  of 
His  Excellency's  most  faithful  Servant 
Theodore  Lyman  of 
Boston -United  States  of  America.« 

'5  L.  sah  Goethe  erst  am  13'*".  Vgl.  Tageb.  11.  — 13.  Oct., 
Brief  an  Knebel  13.  Oct.  (Briefe  28,  277),  und  Brandl  im 
G.-J.  20,  7  f.  Ueber  Lymans  Beziehungen  zu  G.  ist  in  Amerika 
nichts  weiter  bekannt.  Nicht  nur  erhielt  G.  »Manfred«  von 
einem  Amerikaner,  sondern  von  Ticknor  erfuhr  Byron  zuerst, 
daß  Manfred  als  eine  Nachahmung  Fausts  galt  (vgl.  Ticknor 
a.  a.  O.  I,  165,  20.  Oct.  181 7  mit  Byrons  Letters  ed.  Prothero 
4,  177,  23.  Oct.  1817  —  Zusammenhang  bisher  unbeachtet), 
und  sehr  wahrscheinlich  zuerst  von  Bancroft  (s.  oben  S.  18) 
hörte  Byron  von  Gs.  Bewunderung  seines  Don  Juans  und  der 
Recension  der  letztgenannten  Dichtung.  (Vgl.  Letters  a.  a.  O. 
6,  74,  26.  Mai  1822.  [In  Ottiliens  Abschrift  (unter  Gs.  Byron- 
Papieren)  des  Briefes  —  nach  Moores  Life  of  B.  —  heißt  es 
noch  y>Ro7L'croft<-<  statt  Bancroft:  vgl.  auch  »The  Critic«  (N.  Y.) 
N.  S.  8,   142  (1887)  und  10,   104  (1888)]). 

'^  Am  27.  März  vgl.  oben  S.  7  und  unten  Anm.  37 
und  Cogswells  sehr  interessante  eigene  Berichte  in  dem  »Life 
of  Joseph  Green  Cogswell,  as  sketched  in  his  Letters,  privately 
printed  at  the  Riverside  Press  Cambridge  [Mass.]  1874  8° 
[von  Ticknors  Tochter  Anna  Eliot  T.]  Dieses  sehr  seltene 
Werk  besitze  ich,  doch  da  ein  vollständiger  Abdruck  hier 
leider  ausgeschlossen  ist,  muß  ich  auf  Herman  Hagers  [vgl. 
Transact.  Manchester  Goethe  Soc.  (Warrington,  1894)  p.  182] 
theilweisen  einfachen  Abdruck  in  Herrigs  Archiv  87  Bd.,    ^jz 


Brief\vi:chsi;l  z\vischi:n  Gokthk  lno  Ami;kikanj;r\.  27 

Heft  (1S91)  S.  247  ff.  jedesmal  verweisen  feit.  »Haj^er«  so 
z.  B.  ///(•/-  S.  24Sff.|  V.  Biedermann  folgt  nicht  dem  Original 
sondern  Kuno  Kranckes  Aus/.ilgen  und  seiner  Paraphrase  in 
»Harvard  Monthly«  Juni  1S90.  Zu  Hager  S.  248  ü])er  C'onstant 
vgl.  jetzt  »Journal  Intime«  de  B.  C.  (1895)  und  .Albert  Haas 
in  Euphorion   7,   521  f.  (1900). 

'7  An  Elementary  Treatise  on  Mineralogy  and  (leology, 
by  Parker  Cleaveland,  Boston  1816.  Das  Exemplar  indoethes 
Hause  trägt  die  Widmung:   — 

Offert  a  Monsf  de  (ioethe 
par 

Joseph  G.  Cogswell 
de  Boston 
Etats  Unis  de  l'Amerique. 

Das  Werk,  ein  klarer  und  ernster  Versuch  zwischen 
Werner  und  Haüy  zu  vermitteln,  wurde  vielfach  lobend  recensirt 
z.B.  N.  Am.  Rev.  6,  145  und  12,  134;  Edinb.  Rev.  Sept.  1818; 
(rött.  gel.  Anz.  1818  St.  160,  5.  Oct.;  Sillimans  Journal  i,  35 
und  vgl.  auch  L.  Woods  »Addreß  on  .  .  .  P.  Cleaveland« 
(Brunswick  [jetzt  in  Maine]  2  ed.  1860.  Humboldt,  Hausmann 
und  Bremster  schätzten  es  sehr  hoch.  (Vgl.  Briefe  4  und  8 
und  Anm.   22  u.  37.) 

'^  (laetano  C,  Direktor  des  Münzkabinets  zu  Mailand, 
schickte  Bücher  und  Medaillen  u.  s.  w.  vgl.  Tageb.  12.,  16., 
17.  Juni   1818;    Strehlke   Gs.    Briefe   i,   104    und   z.  B.  Briefe 

28,  341. 

'^  B.  undH.  waren  nicht  nur  Lehrer,  sondern  nahe  Freunde 
Cogswells  in  Göttingen,  vgl.  Life  p.  60  —  62  u.  97.  Goethes 
Freund  J.  G.  Lenz,  Stifter  der  Mineralogischen  Gesellschaft 
in  Jena,  vgl.  Anm.  37. 

*°  Während  des  Druckes  des  Jahrbuches  wird  dieser  Brief 
vielleicht  schon  in  der  Weimarer  Ausgabe   erscheinen. 

Diese  Uebersetzung  {hier  nach  dem  Concept)  rührt  (nach 
Schüddekopfs  gütiger  Mittheilung)  von  Laves  her  (vgl.  Briefe 

29,  123  und  22,  405)  auf  (rrund  eines  deutschen  Concepts 
auch  von  Wellers  Hand.  Einige  Hörfehler  hat  G.  mit  Tinte 
corrigirt,  vgl.  Tageb.   17.  u.  27.  Juni  und  Cogswells  Antwort. 

"  Vgl.  Tageb.  14.  April,  »Karte  durch  Bertuch«  14. — 
15.  Juni,  und  Brief  an  Voigt  vom  19'^"  Juni.  In  den  Ausleihe- 
büchern der  Bibliotheken  in  Weimar  und  Jena  sind  keine 
\\'erke  über  Amerika  damals  als  von  (ioethe  entliehen  an- 
geführt. Doch  im  (ioethe-Hause  finden  sich:  —  »Neue  Erd- 
beschreibung von  ganz  Amerika«  a.  d.  engl.  v.  A.  L.  Schlözer 
(Gott.  u.  Leipzig  1777)  und  »Der  Deutsche  in  Nordamerika« 
(Stuttgart  1818)  und  v.  Müller  unter  dem  13.  Juli  1818,  vgl. 
auch  Briefe  23,  305  —  308  f.   und  Nat.  ^^'.   12,   2380". 


28  Neue  Mittheilungex. 


'*  Vgl.  Tageb.  i6.  Juni  ».  .  .  angekommen  .  .  .  Cleaveland 
Mineralogie  .  .  .  Dasselbe  Werk  zu  studiren  fortgefahren 
bis  zu  Nacht  um  ii  Uhr,«  s.  auch  Tageb.  17.  und  18,  Juni 
und  2.  Dec. 

*'  Vgl.  oben  Anm.   18  und  Tageb.  27.  Juni. 

'■*  Vgl.  Anm.   16  und  37. 

*5  i.  e.  »Remarks  on  the  Geology  of  the  United  States, 
explanatory  of  the  subjoined  geological  map  (PI.  VI)«  mit 
Hinweisen  auf:   — 

i)  Privat-Briefe  von  H.  H.  Hayden  (1769  — 1844),  Zahn- 
arzt und  Geolog,  in  Baltimore,  wo  seine  »Geological  Essays« 
1820  erschien,  vgl.  Appletons  Cycl.  Am.  Biog.  III  i3if.  und 
N.  Am.  Rev.  12,  134 ff. 

2)  Maclures  Memoir  und  Karte,  vgl.  Anm.   28. 

3)  S.  L.  Mitchills  Berichtigungen  (Bruce's  Am.  Min.  Journ. 
I,  129 f.)  seiner  früheren  Beobachtungen  der  Nordseite  Long 
Islands,  die  Maclure  aufgenommen  hatte.  [Privatbriefe  an  mich 
von  den  Herren  Professoren  Clarke  und  Mathews  in  Baltimore.] 

'^  Goethes  jetziges  Eingehen  auf  Everetts  unbeantwortete 
Bitte  ist  natürlich  seiner  Freundschaft  für  Cogswell  zuzu- 
schreiben. Uebrigens  kannte  G.  Everett  als  »von  Cambridge 
bey  Boston«  (Tgb.  25.  Oct.  181 6),  Cogswell  dagegen  als  aus 
Boston  selbst  (vgl.  Anm.  17  und  Tgb.  27.  März  181 7).  Goethe 
sandte  nur  seine  eigene  Werke,  vgl.  unten  Brief  10.  Vierecks 
Vermuthung  a.  a.  O.  p.  552  ist  nicht  zu  billigen,  zumal  da 
in  der  That  Ebelings  Bibliothek  erst  durch  Cogswells  Einfluß 
und  Vermittelung  gekauft  wurde. 

'7  Das  Original  war  vom  27.  Juni  datirt,  vgl.  Cogswells 
Antwort  und  Anm.  20.  Trotz  der  Adresse  (des  Conceptes 
wenigstens)  nach  Paris,  schickte  Vogel  (vgl.  Tgb.  27.  Juni) 
den  Brief  wohl  nach  Mailand  zu  Cattaneo  (vgl.  Anm.  i8). 
Doch  am  26.  Juli  schon  schreibt  Cogswell  (Life  p.  59  note) 
»Yesterday  I  had  a  letter  from  Goethe  in  which  he  speaks 
in  the  highest  terms  of  Cleaveland's  Mineralogy!« 

^^  William  Maclure  (1763  — 1840)  ein  vielgereister,  sehr 
bedeutender  Geolog,  der  große  »surveys«  in  den  Ver.  Staaten 
auf  eigene  Kosten  durchführte,  war  von  18 17  an  Pres,  of  the 
Academy  of  Natural  Sciences  in  Philadelphia,  vgl.  unten  Anm. 
33  u.  34  und  Applet.  Cycl.  Am.  Biog.  4,   147. 

*9  Vgl.  Anm.  34. 

'"  Diese  irrthUmliche  Angabe  wahrscheinlich  nach  Maclures 
Preface  (p.  IX)  zur  Ausgal)e  von   181 7,    vgl.  unten  Anm.  ^^. 

''  Vgl.  Cogswells  Aufsatz  in  Blackwoods  Magazine  Feb. 
181 9  p.  548  und  unten  Anm.  38.  Auch  sei  bemerkt,  daß 
noch  Herzog  Bernhard  eine  »German  friendly  society«,  ge- 
gründet schon  1766  in  Charleston  S.  C,  gesehen  hat.  (Vgl. 
seine  Reise  II   11  f.)  vgl.  oben  Schlußbericht  S.  21   und  23. 


BRIKI  WECHSEL   ZWlSClll-N    GoKTlIK    UND    AmKUIKANKKN.  29 

^  Vgl.  oben  Brief  ii   und  unten  Anm.   59. 

"  Vgl.  Text  zu  Anm.  28  und  30.  »Oljservation.s  on  ihe 
Geology  of  the  United  States  of  America  .  .  .  hy  W'm.  Mar  iure« 
Philadelphia  181 7.  Das  Kxemi)lar  in  (I.s.  Bibliothek,  trägt  die 
Inschrift  (von  Marlures  HandV]  »for  Mr.  Cox  Barnett  Cooper«. 
Am  20.  Jan.  1809  las  M.  den  Aufsatz  den  Mitgliedern  der 
American  Philosophical  Society  [seit  1743,  deren  Ursprung 
auf  Franklins  »Club«  zurückgeht,  dessen  »Rules«  Herder  1792 
übersetzt  und  im  folgenden  Jahre  in  der  ersten  Sammlung  der 
Humanitätsbriefe  veröffentlichte,  vgl.  Suphans  Ausg.,  Bd.  17 
und  18,  538  ff.  I  in  Philadelphia  vor  und  er  erschien  noch  1809 
in  ihren  »Transa<tions«  VI,  411  f.  Darauf  eine  Uebersetzung 
nebst  Karte  im  Journ.  de  Physique  Sept.  1809,  T.  69,  p.  201  f. 
u.  204f.  und  J.  d.  P.,  Feb.  181 1,  T.  72,  p.  137  f.,  (vgl.  Anm.  30). 
Neu  revidirt  las  M.  den  Bericht  wieder  vor,  und  außer  den 
oben  erwähnten  Einzelausgaben,  erschien  er  1818  in  den 
»Transactions«  N.  S.  I,  i — 91.  Die  »Transactions«  vols  1—6 
(1789  — 1809)  und  N.  S.  1—4  (1818fr.)  sind  auf  der  Weimarer 
Bibliothek  noch  vorhanden. 

^*  Englisch,  pp.  134  —  149  des  »Journal  of  the  Acad.  of 
Nat.  Sciences  [vgl.  Anm.  28]  of  Philadelphia«  vol.  I,  Pt.  I, 
Philad.  18 17.  Noch  im  Goethe-Hause.  Maclure  hatte  die 
Inseln  sehr  eingehend  studirt. 

'^  Ueber  Cogswells  Besuch  bei  G.  an  diesem  Tage,  wo 
er  V.  Müller,  Meyer  und  Ulrike  v.  Pogwisch  traf,  vgl.  Hager 
S.  250,  v.  Müller-  44  [=  Gespräche  4,  11],  und  Tageb.  [v. 
Müller  schrieb  »Boxwell«,  berichtigt  nicht  nur  von  White 
(G.-J.  5,  231),  sondern  schon  187 1  von  T.  S.  Perry  in  »The 
Nation«  N.  Y.   5.  Jan.  p.   12.  Vgl.  auch  Anm.  38  u,  42. 

'^  Vgl.  Tageb.  29.  Juli.  Hier  nach  dem  datirten  Concept 
von  John  [bis  auf  »versichern«]  und  Kräuter.  Ein  anderes 
undatirtes  Concept  [vgl.  unter  dem  Text]  ist  auch  vorhanden. 
Goethes  Correcturen  mit  Tinte  sind  für  uns  ohne  Bedeutung. 

"  (Vgl.  Anm.  17.)  Parker  Cleaveland  (1780  — 1858),  ein 
seinerzeit  bedeutender  Geolog,  aber  sehr  excentrischer  und 
fast  unglaublich  scheuer  Mensch,  studirte  zu  Harvard  Uni- 
versity  und  ward  1805  nach  Bowdoin  College,  Brunswick,  Mass. 
[jetzt  in  Maine],  als  Professor  berufen,  wo  er  äußerst  regel- 
mäßig bis  an  sein  Lebensende  lehrte.  Vergl.  über  ihn  L.Woods 
»Address  on  . .  .  Parker  Cleaveland«  (Brunswick  1860,  2^  ed.), 
und  das  schöne  Sonett  seines  Freundes  Longfellow  (Poet. 
Works,  Oxford  1893,  in  i  vol.,  p.  717).  Ueber  die  »Minera- 
logische Gesellschaft«  vgl.  Goethes  Aufsatz  (Nat.W.  9,92  und 
IG,  202,  Hempel  34,  195)  und  Tag- und  Jahres-Hefte  1803-04 
und  1807  (W.  35,  138,  155,  177  und  36,  12  =  Hempel  27, 
Abs.  327,  375  f.,  426,  647  nebst  v.  Biedermanns  Anmerkungen), 
auch  Briefe  13,  377.    Unter  den  Akten  (181 9)  der  Gesellschaft 


30  Neue  Mittheilukgex. 


findet  sich  dazu  nur  der  folgende  Brief  —  wofür  ich  den 
Herren  Professoren  Ernst  Haeckel  und  Linck  in  Jena  ver- 
pflichtet bin   —  ; 

»Bowdoin  College,  Brunswick,  Massachusetts. 

June   i6,   1818. 
Sir, 

I  took  the  liberty  of  sending  a  copy  of  my  Elementary 
Treatise  on  Mineralogy  to  the  Mineralogical  Society  of  Jena, 
the  last  autumn.  It  went  from  Boston  to  London.  But,  from 
information  just  received  [durch  Cogswell  y],  I  have  reason 
to  fear,  that,  by  accident,  no  address  was  put  on  the  book; 
and,  of  course,  that  it  has  not  been  received  be  the  Society.  — 
Another  cop)'  is  therefore  now  sent. 

With  much  respect 
The  Secretary  of  the  I  am.  Sir, 

Mineralogical  Society  Yours  &c. 

of  Jena.  Parker  Cleaveland.« 

1822  erschien  in  Boston  eine  zweite  Auflage  des  Buches  in 
2  Bänden  (vgl.  Silliman's  Journ.  V,  404),  wovon  ein  Exemplar 
jetzt  noch  im  Goethehause  mit  Widmung 

»To 

The  Mineralogical  Society 
of  Jena 

from  the  Author.« 

Vgl.Tageb.  1823,  9.  April,  19.  Juni;  Brief  an  Graf  Sternberg  vom 
20.  Juni  1823  (Sauers  Ausg.  1902,  S.  51);  an  Lenz  22.  Juni; 
und  Nr.  814  f.  der  Sprüche  in  Prosa  (Nat.  W.  11,  105  f.)  und 
Woods  a.  a.  O.,  p.  46.  Es  ist  ein  Irrthum,  wenn  Goethe,  in 
beiden  Briefen,  Lenz  in  seinen  »Annalen«  u.  s.  w.  (s.  unten), 
Musculus,  und  darnach  v.  Loeper  (zu  Spruch  814),  und  die 
Herausgeber  der  Tagebücher  (9,  351)  annehmen,  daß  Cleave- 
land Professor  in  Boston  sei.  Auch  hat  er  nicht  »in  Freiberg 
studirt«  (Goethe  an  Sternberg),  obgleich  er  sehr  oft  »Werner 
of  Freyberg  in  Saxony«  nennt.  Cleavelands  »Diplom«  (vgl. 
Anm.  39)  lautete  auf  »auswärtige  Mitgliedschaft«.  Zwischen 
Jan.  1823  und  December  1824  [nach  Empfang  der  zweiten 
Auflage  seines  Buches?]  ward  er  »Ausw.  Ehrenmitglied«.  Vergl. 
»Annalen  d.  Großh.  S.  Soc.  f.  d.  ges.  Mineralogie  in  Jena«  V, 
274,  und  VI,  295  und  502  [vgl.  Tageb.  8,  325  und  10,  297.  — 
»Annalen«  u.  s.  w.  V  und  VI  =  »Neue  Schriften«  u.  s.  w.  I  und 
II,  wonach  auch  A.  D.  B.  18,  277  zu  berichtigen  ist].  Unter  den 
früheren  Mitgliedern  waren  so  verschiedene  Leute,  wie  z.  B. 
»Joseph  Müller,  Edelstein-S<-hneider  in  Karlsbad«  (Hempel  i2>i 
513,  dazuG.-J.  18,  17)  und  die  Malerin  Luise  Seidler  (Erinn.^  86; 
dazu  das  Titelkupfer  zum  fünften  Bande  der  »Annalen«  u.  s.  w. 


BkIKI  WHCIISKL    /.WISCIII.N'    GüK  Till-    UND    AM1:RIK.\N1.RN-.  3  I 

a.a.O.);  doch  da  uns  kein  vollständiges  Verzeichniss  mehr 
erhalten  ist,  können  wir  nur  vermuthen,  dass  auch  Cogswell 
Mitglied  war. 

5^  I).  B.  Warden  —  »Statistic  al.  Political,  aiul  Historie  al 
Account  of  the  United  States  of  North  .America«,  PMinb.  1819, 
3   vol.,  8°,   noch  im  (loethehause  mit  Widmung: 

»a  Mons'':  de  (ioethe 

hommage  de 

Jos.  G.  Cogswell 

de  Boston 
Weimar  ce    10  Mai    1819.  Etats  Unis  d^Ameriejue.« 

Vgl.  Anm.  35.  Tageb.  1819,  10. —14.  Mai,  1826,  19.,  20.,  24., 
27.,  28.  Sept.  und  7.  Oct.  und  an  »Frommann  den  Jüngeren« 
7.  Oct.  1826  (ungedruckt,  Concept  im  Archiv  in  einem  Heft 
betreffend  »Herzog  Bernhards  Reise  in  Nordamerika«,  vgl. 
oben  S.  21,  Anm.  i):  »  .  .  .  Ich  lege  das  schon  vorgewiesenen 
Buch  bey,  mit  welchem  wir,  wenn  die  Sache  zu  Stande  käme, 
zu  rivalisiren  hätten  .  .  .  «  Eine  stark  verkürzte  Uebersetzung, 
von  J.  G.  F.  Cannabich,  erschien  zu  Ilmenau  1824  in  einem 
Bande  (auf  der  Weimarer  Bibliothek).  Das  Werk  selbst  recen- 
sirte  Cogswell  (vgl.  Life,  p.  106  n.)  1821  im  Juli-Heft  (No.  32) 
der  N.  Am.  Rev.  (in  Goethes  Bibliothek.  »Eingetauscht«  im 
Mai  1822.  Vgl.  Buch.  Verm.  Liste  (Tageb.  8,  320,  wo  fälschlich 
1822  steht).  Am  Ende  des  ersten  Bandes  von  \\ardens  Buch 
ist  eingeklebt  ein  Abdruck  (aus  Blackwood's  Edinb.  Mag.  Mar. 
181 9  =  vol.  4,  p.  641  ff.)  von  Cogswells  zweitem  Aufsatz 
[vgl.  Febr.-Heft  und  oben  Anm.  31]  »On  the  State  of  Learning 
in  the  U.S.  of  A.«,  vgl.  Tageb.  1819,  11.— ^12.  Mai.  Ganz 
ohne  Cogswells  Erlaubnil^  schickte  Böttiger  den  Aufsatz  an 
Göschen  (vgl.  Life,  99  f.),  der  bald  darauf  eine  Uebersetzung 
in  seiner  jetzt  sehr  selten  gewordenen  Zeitschrift  »Amerika, 
dargestellt  durch  sich  selbst«  [vgl.  meine  Mittheilung  in  Beil. 
z.  Allg.  Ztg.  1903.  Nr.  120  vom  29.  Mai.  S.  382,  und  die  bald 
erscheinende  deutsche  Ausgabe  von  ^'iscount  Goschens  Leben 
G.  J.  Goschens],  und  zwar  in  den  Juninummern  43—45,  sogar 
mit  einer  Einleitung,  worin  es  geradezu  heißt  »wir  verdanken 
folgenden  Aufsatz  der  Güte  seines  Verfassers,  des  Herrn  [.  G. 
Cogswell  aus  Boston,  welcher  .  .  .  uns  die  Erlaubniß  gegeben 
hat  solchen  .  .  .  für  unsere  Zeitschrift  übersetzen  zu  dürfen.« 
59  Auf  dem  Titelblatt  der  zweiten  Auflage  von  Cleavelands 
Buch  [vgl.  Anm.  37]  steht:  —  »Fellow  of  the  Mineralogical 
Society  of  Jena«,  doch  nach  freundlichster  Mittheilung  des  Herrn 
Oberbibliothekars  Geo.  T.  Little  sind  Goethe,  die  Mineral. 
Gesellschaft  und  Cogswell  überhaupt  nicht  erwähnt  in  Cleave- 
lands Nachlaß,  jetzt  in  liowdoin  College  Library;  doch  vgl. 
Woods  a.  a.  O.  p.  46,  wo  CJoethes  Sprüche  angeführt  werden. 


32  Neue  Mittheiluxgen. 


*°  .  .  Zur  Naturwissenschaft  tiberhaupt,  besonders  zur 
Morphologie  .  .  Ersten  Bandes,  erstes  Heft«  .  .  1817  Zur 
Naturw.  S.  33  ff.  »Zur  Kenntniß  der  böhmischen  Gebirge«. 
(Nat.  W,  9,  7  fr.,  400 ff.  u.  IG,  177.)  Vgl.  unten  Anm.  55. 
Am  21.  Juli  181 7  (laut  Tageb.)  sandte  G.  ein  Exemplar  an 
Sartorius  in  Göttingen,  der  vielleicht  seinen  Freund  darauf  auf- 
merksam machte,  wenn  Cogswell  das  Heft  nicht  von  Goethe 
selbst  erhielt. 

^'  Vgl.  z.  B.  Anm.   10  und  64. 

^*  Ein  Geschenkexemplar  (vgl.  Hirzels  Verz.  S.  86)  des 
Maskenzug,   18.  Dec.   1818,  mit  eigenhändiger  Widmung: 

Seinem  werthen  Freunde 
Herren  Cogswell 
zu  geneigter  Erinnerung 
des  IG  May  1819 
Weimar  Goethe 

(vgl.  Anm.  35  u.  38).  Nach  freundlicher  Mittheilung  des  Groß- 
neffen Cogswells  Mr.  D.  G.  Haskins  jr.  in  Cambridge  Mass., 
der  das  Buch  besitzt,  soll  Cogswell  an  jenem  Tage  Goethe 
mit  einem  alten  Freunde  [Meyer  V  vgl.  dessen  »trockene« 
Bemerkung  bei  v.  Müller,  a.  a.  O.  S.  44]  ausgesöhnt  haben. 
[Wie  mir  Dr.  Billings  (vgl.  oben  S.  8,  Anm.  i)  schreibt,  ist 
trotz  Whites  Anm.  G.-J.  5,  219  kein  solches  Buch  in  New- 
York  vorhanden].  Wohl  wählte  Goethe  gerade  dieses  Büchlein, 
da  es  nicht  nur  mit  ihm  selbst  sondern  mit  dem  ganzen 
weimarischen  Kreise  eng  verbunden  war.  Auch  war  es  sein 
erstes  Geschenk  an  Carlyle  (Briefw.  S.  3)  und  vgl.  Anm.   57. 

^5  N.  Am.  Rev.  nos.  22.-24.  Dec.  1818,  Mai  und  Juni 
1819,  noch  vorhanden.  In  den  Inhalts-Verzeichnissen  hat 
Cogswell,  nicht  immer  richtig,  versucht  die  Namen  der  ano- 
nymen Verfasser  anzugeben,  z.  B.  nurichtig  Nortons  Report 
(vgl.  oben  S.   22). 

■*■*  Wohl  das  April-Heft  mit  Recensionen  einiger  Werke 
von  Fr.  Schlegel,  A.  v.  Humboldt  und  Shelley. 

^^  Cantos  I — II  waren  anonym  zusammen  am  15.  Juli  18 19 
erschienen.  Vgl.  die  neue  großartige  Ausgabe  von  E.  H.  Coleridge 
(=  Poetry  vol.  6:  dazu  Bibliog.  in  vol.  7).  Am  10.  Sept.  be- 
richtet Hüttner  (vgl.  Strehlke  a,  a.  O.  i,  293  und  P.  Gedans 
Monographie,  Lpzg.  1898)  aus  London  darüber:  »Dies  Ge- 
dicht hat  erstaunliches  Aufsehen  gemacht,  weil  man  .  .  .  wußte 
daß  es  von  Lord  Byron  herrühre,  und  weil  darin  Religion, 
Moralität,  Anstand  und  Alles  was  dem  Menschen  theuer  ist 
auf  das  schamloseste  mit  Füßen  getreten  wird  ....  Bei 
alledem  ist  nicht  zu  leugnen,  daß  er  hier  wie  immer  als  Genie, 
kühner  Denker  und  feuriger  Dichter  erscheint,    dem  man  als 


BkU  I  WI-CIISII.    ZWlSCIllN    GOHTIIK    UND    A.MIKIK  ANI-RN.  33 

solchem  seine  Bewunderung  nicht  versagen  kann.  Ja,  Manche 
halten  diese  Rhapsodie  für  sein  gelungenstes  Werk.  Aber 
was  den  Inhalt  betrilTt  so  setzt  sich  der  liederliche  I.ord  .  .  . 
über  alle  Urtheile  hinweg  .  .  .«  (diese  »Hauptsätze«  aus  der 
Hs.  mir  gütigst  mitgetheilt  von  Herrn  (Jeh.  Hofrath  v.  Boja- 
nowski,  vgl.  (I.-J.  XXI,  loi  fg).  Am  /j.  Oct.  schreibt  (i.  an 
Frau  V.  I'ogwisch)  vgl.  Strehlke  2,  43:  dazu  Hirzcl  S.  143): 
»Von  Byrons  neuesten  Werken  habe  ich  nur  gehört.  Don 
Juan  rühmen  seine  Landsleute  unendlich,  dann  mäkeln  sie 
wieder  daran,  wie  immer«.  |vgl.  Coleridge  a.  a.  O.  und 
l.etters  IV,  275  fg..  346,  3S4  u.  ü.|.  (;.  l)ekam  das  Buch  am 
6.  Dec.  1819  (vgl.  Tagel).,  und  über  (Ts.  Recension  [W.  41  I 
245  f.]  u.  s.  w.     Brandl  in  (i.-J.  XX,   13). 

^*  Cogswell  schwärmte  sehr  für  Byron  (vgl.  die  in  Anm.  35 
erwähnten  Stellen).  Noch  im  achtzigsten  Lel)ensjahre  schreibt 
er  1866  (Life,  p.  309):  —  »I  never  realized  how  sui)erlatively 
beautiful  Italy  is  until  I  read  »Childe  Harold«,  and  I  never 
read  any  descrijjtion  of  it,  but  Byron"s,  which  had  the  magic 
]iower  to  call  up  the  precise  impression  it  had  made  upon  me. 
Rogers  is  really  tame  in  comparison«  vgl.  auch  Hager  a.  a.  O. 
S.  250.  Ueber  Goethes  Verhältniß  zu  Byron  vgl.  Brandl  im 
G.-J.   20,  3—37. 

•»7  Nach  O.  W.  Holmes  (Life  of  J.  L.  Motley,  Lond.  1878, 
]).  15  —  V  darnach  A\"hite  im  (r.-J.  5,  231)  schickte  Cogswell 
1830  an  Ottilie  einen  .\ufsatz  über  CJoethe  von  seinem  damals 
sechzehnjährigen  Schüler,  dem  später  so  berühmt  gewordenen 
(ieschichtschreiber  der  Niederländer.  In  Ottilies  Antwort 
äußerte  sie  den  Wunsch  Motleys  erstes  Buch  zu  sehen.  Ab- 
gesehen von  dem  nächsten  Briefe  ist  in  Weimar,  oder  sonst 
so  viel  ich  weiß,  nichts  vorhanden,  was  weitere  Beziehungen 
zwischen  Goethe  und  Cogswell  bezeugt,  vgl.  Anm.  38. 

^^  Vgl.  Hager  a.  a.   ü.  S.   251. 

*'^  Eine  L^ebersetzung  dieses  Briefes  von  Miss  Ticknor 
erschien  schon  1874  (im  Life  p.  105  f  —  danach  z.  B.  Hager 
a.  a.  O.  251  und  sonst).  Das  Original  wird  hier  zum  ersten 
Male  veröffentlicht  nach  einer  Abschrift,  die  die  Besitzerin, 
Mrs.  James  O.  \\'atson  in  Orange  N.  J.,  gütigst  zur  Verfügung 
gestellt  hat.  Nur  Datum  und  Unterschrift  sind  eigenhändig, 
das  Uebrige  wahrs<  heinlich  von  Kräuter,  wie  auch  ein  Concept 
im  Archiv  (vgl.  Tageb.  10.— 11.  .\ugust  1819  und  Lesarten 
S.  292).     Vgl.  Anm.  58. 

5°  »Bassange«  im  Original  und  Concept  [viellei(  ht  dun  h 
Verwechslung  mit  dem  Namen  des  Juweliers  der  Halsband- 
geschichte oder  etwa  mit  dem  Pariser  Verleger  Bossange]. 
I)as  Richtige  im  Tageb.  29.  Juli  1819  und  Cogswells  Brief 
vom  8.  August,  hier  Nr.   9.  S.    14. 

Goethe-Jahrbl'Cu  XXV.  J 


Neue  Mittheilcxgex. 


5'  Laut  Tageb.  ging  Goethe  am  12.  Aug.  nach  Jena  und 
am  26.  nach  Carlsbad. 

>*  Vgl.  Anm.  38. 

55  Vgl.  Anm.  43. 

5*  Das  Original-Verzeichnifi  ist  verschwunden.  Hier  nach 
dem  Concept  von  Kräuters  Hand,  vgl.  Anm.  49  u.  58. 

5>  Abdruck  aus  »Zur  Naturw.«,  vgl.  Anm.  40. 

5*  Die  von  Goethe  geschätzte  Uebersetzung  des  in  Jena 
studirenden  Papadopulos,  Jena  1818,  vgl.  Tag-  und  Jahres- 
Hefte  1817  (Hempel  27,  Abs.  954  f.);  Tageb.  25.  u.  27.  Juli 
und  I.  Dec.  1817;  i.  u.  28.  Jan.,  17.  Aug.  und  26.  Sept.  1818 
und  Brief  an  Weller  vom  18.  Aug.  1818  (Döring  S.  321); 
auch  Charl.  v.  Schiller  3,  384.  Im  Archiv  (Eing.  Br.  1818, 
S.  551,  zwischen  Briefen  vom  6.  und  8.  Sept.)  ein  Blatt  mit 
der  gedruckten  Widmung  an  Goethe,  adressirt:  —  »ä  Mon- 
sieur de  Goethe,  3  Mohren«   [=  Gasthaus  in  Carlsbad]. 

"  Das  in  Anm.  42  genannte  Werk. 

5^  Das  Original  ist  leider  verschollen,  auch  ist  kein  Concept 
vorhanden.  Der  Druck  hier  folgt  meiner  Abschrift  der  amt- 
lichen Uebersetzung  unter  den  Harvard  Univ.  Akten  (Harv. 
Coli.  Papers  IX  14).  Nicht  ganz  genau  veröffentlicht  von 
Kuno  Francke  (vgl.  G.-J.  XII,  284,  288  u.  328)  und  darnach 
bei  Hager  a.  a.  O.  S.  252  und  vgl.  G.-J.  15,  288.  Dem  Herrn 
Oberbibliothekar  W.  C.  Lane  verdanke  ich  die  interessante 
Vermuthung,  daß  diese  Urschrift  von  Everett  herrührt.  Cogs- 
well  war  noch  nicht  zurückgekommen.  Offenbar  war  das 
Verzeichniß  identisch  mit  dem  Obengedruckten  S.   16. 

>'  Vgl.  Cogswells  Brief  vom  5.  Sept.  181 8,  hier  Nr.  5,  S.  11. 
Am  8.  Sept.  1636  wurden  400  iS  für  »a  school  or  College« 
bewilligt,  und  nach  dem  Tode  John  Harvards  (1607 — 38),  der 
sein  Vermögen  und  seine  Bücher  der  vorgeschlagenen  Stiftung 
vermacht  hatte,  das  »General  Court«  of  Mass.  »ordered  that 
the  colledge  agreed  upon  formerly  to  be  built  at  Cambridge 
shall  bee  called  Harvard  Colledge.«  [s/c]  (Mar.  1638  —  39) 
vgl.  Dict.  Nat.  Biog.  25,  77  f.  und  J.  Quinc:y  »Hist.  of  Harvard 
Coli.«  Cambr.   1840,   2   vols. 

^°  Zwischen  12.  und  26.  Aug.  besuchte  Cogswell  Goethe 
in  Jena,  aber  es  ist  ganz  unmöglich  gewesen  die  Zeit  genau 
zu  bestimmen.  Vielleicht  war  es  am  i5ten.  Vgl.  Tageb.  und 
Hager  a.  a.  O.  S.   250  f. 

^'  Vgl.  Anm.  47. 

^*  Das  Original  ist  nif:ht  in  Weimar  vorhanden.  Franckes 
Druck  ist  nicht  ganz  genau.  Hier  folge  ich  meiner  Abschrift 
der  Urschrift  aus  den  Harvard  Akten.  (Harv.  Coli.  Papers 
IX,   15).     Vgl.  Anm.   58. 

^'  Namens  Wyer  (nach  Alman.  de  Gotha). 


Bkii;i  whciisi:!.  zw  isciius"  Goi-.tiik  und  Amkkikankrn-.  35 

^  Nach  dem  schon  in  Anm.  10  angeführten  »Book  o( 
Donations«  u.  s.  w.  (p.  $^)  wurden  die  1U1<  her  erst  am  20.  März 
1820  »received«.  Nach  einem  handschriftlichen  »Report« 
Cogswells  selbst,  als  Uberbii)liothckar,  waren  alle  Duplikate 
schon  vor  1822  verkauft  worden,  —  was  nöthig  war  um  neue 
^\'erke  anzuschaffen.  Doch  ist  ein  Exemplar  der  Iphigenie- 
Uebersetzung  aus  dem  Nachlasse  C.  C.  Feitons  [vgl.  White  232J 
endlich  zurückgekommen.  In  jedem  gebundenen  Buche,  auf 
der  damals  üblichen  Universitätsbibliothek  ex  libris,  steht 
»The  Gift  of  the  |  Author  John  W.  |  von  Goethe  |  of  1  Ger- 
many  |  Dec.  8.  181 9,«  von  einem  Schreiber  eingetragen.  Nur 
in  einer  Liste  der  »Donors  to  the  Library  1780— 1840« 
findet  sich  (bei  Quincy  II,  575)  der  PLintrag:  »Goethe,  J.W.  von 
(Frankfort)  39«  [=  Bücher  i.  e.  K  u.  A  als  2  Bde.  berechnet] 
»the  celebrated  Goethe  ofGermany«.  (Cat.  of  Libr.  of  Harv. 
Univ.   1S30.  p.  XII.) 

*>  Rev.  ].T.  Kirkland  (1770— 1840)  war  Präs.  d.  Univ. 
iSio  — 28. 

'*  Welches  Werk  gemeint  sei,  habe  ich  nicht  ermitteln 
können. 

*^  G.  E.  Schulze  (1761  — 1833),  genannt  »Aenesidimus- 
Schulze«  nach  seinem  Hauptwerke,  war  damals  ord.  Professor 
der  Philosophie  zu  Göttingen.    Vgl.  A.  D.  B.  32,  776. 

*^  Vgl.  die  sehr  interessanten  Stellen  in  Bancrofts  groß- 
artiger »History  of  the  United  States«,  X,  90  — 96  f.  (1874)  und 
IX,  475  (1866).  Auch  »brave,  warm  hearted«  Carl  August,  der 
noch  blutjung  dem  Soldatenhandel  mit  England  entschieden 
entgegentrat,  wird  hier  würdig  gelobt.  B.'s  »Studies  in  Ger- 
man  Literature,  1824«  fg.  [mit  »Translations,  1818  — 1824« 
von  G.,  Schiller  u.  s.  w.]  befinden  sich  in  seinen  «Lit.  and 
Hist.  Miscellanies«  (N.  Y.  1855)  pp.  103—246,  vgl.  White 
a.  a.  O.  226  und  Anm.  70  unten. 

^'  Vgl.  oben.  S.  18.  Nach  J.  G.  Wilsons  sehr  inter- 
essanten Mittheilungen  (Deutsche  Revue,  Okt.  1899,  S.  81  f.) 
soll  Bancroft  Goethe  auch  später  in  ^^'eimar  begegnet  sein.  (?) 
Wilsons  Annahme,  dass  Bancroft  Byron  zum  zweiten  Male 
gesehen  habe,  wenn  /////*  auf  Grund  eines  Briefes  Byrons  vom 
vom  »22  March  1822«,  scheint  nicht  haltbar,  denn  damals 
war  kein  Brief  unter  jenem  Datum  bekannt,  und  in  Byrons 
Briefen  wird  Bancroft  überhaupt  ;////-  in  der  in  Anm.  15  an- 
geführten Stelle  erwähnt.  Eine  Antwort  auf  den  vorliegenden 
Brief  ist  nicht  bekannt. 

7"  N.  Am.  Rev.  üct.  1824,  worin  ein  für  jene  Zeit  guter 
Aufsatz  über  Goethe  [von  Geo.  Bancroft).  Vgl.  Anm.  72  und 
().-].   5.   224  ff.  und  S.  IV. 

'''  Calverts  Besuch  bei  Goethe  und  ihr  (iespräch  über  die 
Präsidentenwahl  schilderte  Calvert  in  Putnams  Magazine,  Sept. 

5* 


36  Neue  Mittheilunxex. 


1856  (jetzt  in  seinem  Buche  »First  Years  in  Europe«,  Boston 
1866,  p.  165  ff.)  [vgl.  Diezmanns  Uebersetzung  (1858),  abge- 
druckt in  Gespräche  5,  167  ff.  —  Lyons  Anm.  dazu  (9,  226) 
giebt  fälschhch  »Baltimore«  statt  »Prince  George"s  County« 
als  Calverts  Geburtsort].  Vgl.  Tageb.,  27.  —  29.  März.  Vgl. 
White  a.  a.  O.  226  f.,  und  Knortz  a.  a.  O.   52  f. 

7*  Noch  am  Abend  des  28.  sandte  Goethe  die  Revue 
zurück  mit  »a  note  of  thanks  [verschollen],  which  stated  that 
he  had  a  few  hours  before  received  a  copy  of  the  same  number 
from  a  friend  in  Berlin.  But  the  pith  of  the  note  was  in  the 
end  of  it  —  an  invitation  to  Goethe's  house  on  the  following 
evening«  (»First  Years«  u.  s.  w.,  p.  174).  Am  29.  empfing 
Ottilie  Calvert,  aber  Goethe  blieb  zurück  und  arbeitete  an 
der  Helena  (vgl. Tagebuch).  Eckermanns  Gespräch  (im  III.  Th.) 
soll  daher  wohl  vom  29.  März  statt  30.  März  datirt  sein.  Der 
»friend  in  Berlin«  warVarnhagen  (vgl.  Tageb.,  28.  März,  3.  und 
IG.  April).  Niemand  ahnte,  wer  der  Verfasser  des  Aufsatzes 
sei.  Am  3.  April  schreibt  Goethe  an  Varnhagen  (Varnhagens 
Nachlaß,  Königl.  Bibl.,  Berlin): 

»Ew.  Hochwohlgeb. 

haben  mich  durch  die  übersendete  Zeitschrift  aufs  neue 
verpflichtet.  Es  ist  auf  jeden  Fall  merkwürdig  zu  sehen  wie 
so  nach  und  nach  die  Wirkungen  eines  langen  Lebens  durch 
die  Welt  schleichen,  auch  da  und  dort,  nach  Zeit  und  LTm- 
ständen,  Einfluß  gewinnen.  Ich  mußte  lächeln,  als  ich  mich 
in  einem  so  fernen  und  überdies  republikanischen  Spiegel  zu 
beschauen  hatte. 

Uebrigens  macht  dieser  Aufsatz  auf  jedermann  eine  gute 
Wirkung;  soviel  Verstand  und  Einsicht,  verbunden  mit  einem 
jugendlich  =  wohlwollenden  Genuß  an  dem  Dichtwerke,  erregt 
eine  gewisse  theilnehmende  anmuthige  Empfindung.  Selbst 
die  Lücken  wo  ihm  besondere  Kenntniß  abging  wußte  er 
freundlich  auszufüllen,  und  überhaupt  das  Ganze  mit  Euphe- 
mismus abzurunden.  .  .  .  Das  nordamerikanische  Heft  sende 
nächstens  [10  April]  zurück,  Sie  werden  selbst  am  besten 
beurtheilen  welch  ein  schicklicher  Gebrauch  davon  gelegent- 
lich zu  machen  sey  .  .  . 
Weimar  den  3  April  treulichst 

1825  Goethe.« 

So  viel  ich  weiß,  sind  diese  Aeußerungen  bis  jetzt  nicht 
in  Verbindung  mit  Bancrofts  Autorschaft  gebracht  worden. 

Schon  im  vorigen  Jahre  (G.-J.  XXIV.  6  f.)  hat  Herr  Geh. 
Hofrath  Prof.  Suphan,  als  Director  des  Archivs,  diese  Mit- 
theilung angekündigt.  Mir  ist  es  heute  eine  angenehme  Pflicht 
ihm    für    die    Bereitwilligkeit,    mit    der    er    alle    Schätze    des 


Alsiegungi-n:  dks  Makchi  \s. 


37 


Archivs  für  den  Zweck  dieser  Publikation  mir  zur  VerfUj^ung 
gestellt  hat,  herzlich  zu  danken.  Hei  Benutzung  der  dort 
aufbewahrten  Handschriften  hat  besonders  Herr  Dr.  Julius 
\VahIe  unermüdlich  und  kundig  manche  Stelle  für  mich  ent- 
ziffert. Auch  hat  er.  wie  bei  früheren  Mittheilungen,  die 
Correcturbogen  mit  den  Urschriften  im  Archiv  mit  bekannter 
(Genauigkeit  collationirt.  Leonard  L.  Mackall. 


2.   AUSLEGUNGEN  DES  MÄRCHENS. 

Das  M  ä  h  r  c  h  e  n 
welches  die  Utiterballioigeji  der  Aiisi^eivanderten  schloß,  ladet 
zu  Deutungen  ein,  indem  es  Bilder,  Ideen  und  Begriffe  durch- 
einander schlini,n.  Zur  Zeit  seiner  Erscheinung  versuchten 
sich  mehrere  Freunde  daran.  Drey  solcher  Auslegungen, 
wovon  die  letzte  einem  Frauenzimmer  gehört,  habe  ich  in 
nachstehender  Tabelle  zu  erhalten  gesucht. 

Weimar  d.  24.  Junv  G. 

1816. 


Fluß. 


Fähr- 
mann. 

Irrlichter. 


Gold. 
Schlan£:e. 


Die   Noth,   die  Ver- IDasFließende  Die    Hinder- 


legenheit;    im   all- 
gemeinen     jede 
schwierige  Aufgabe. 
Mechanisches     Wir- 
ken.    Fleiß. 

Leichter  Sinn.  Das 
Genie.  Bei  Esprit. 
Der  Adel. 


des  Lebens. 


nisse       des 
Lebens. 


Der      Stand    Die     reine 
der  Natur.       sinnliche 

I     Thätigkeit. 
IhrNahmeist  j  Die     Stutzer 
Legion.  Die  I     undSchma- 
;     rutzer. 


Versucher 
von  Anfang. 
Speculanten. 
Sophisten. 

Der  Schein. 

Industrie  und  Specu- 1  Die  Cultur.    ;  Das  Volk. 

lationsgeist.       Die 

Nachahmung.    Der 

Verstand  überhaupt. 


38 


Neue  Mittheiluxgf.w 


Mann 
mit  der 
Lampe. 

Lampe. 

Höhle. 

Jenes 
Mannes 
Frau. 

Kohl- 
häupter, 

Jüngling. 

Riese. 


Lilie. 
Mops. 

Kanarien- 
vogel. 

Habicht. 


Harfe. 
Tempel. 

Drey 
Könige. 


Die  Einbildungskraft. 


Die  Natur. 

Der  bornirte  Sinn. 


Realität. 

Die  Leidenschaft. 

Die  öffentliche  Mei- 
nung. Das  Vor- 
urtheil.  Das  Gesetz. 

Die  Caprice.  Die 
Phantasterey. 


Die  Gunst  von  oben. 
Der  glückliche  Mo- 
ment. 


Die    Klug-     DieVernunft, 
heit. 


Der  Glaube, 


Die  Mensch- 
heit, 
Der  Wahn. 


DieWahrheit. 
Die  Grazien, 

Die  Treue. 

Die  lyrische 
Poesie. 

Die     Vor- 
sehung. 
Augur.  Der 
heil.   Geist. 
Das  Genie. 


Der  Genuß  und  die   Die*   Ver- 
Ruhe als  der  letzte      nunft. 
Zweck  des  Lebens. 


DerMenschen- 
verstand. 


Die  Mensch- 
lichkeit. 

Der  Schlen- 
drian. 

DieWeibhch- 
keit. 

Die  Sinnhch- 
keit. 

Gesang  ohne 
Empfindung. 

Die     Ahn- 
dungs-   und 
Darstel- 
lungskraft. 

Gesang     mit 

Empfindung. 

Die  Vereini- 
gung aller 
Kräfte. 

Die    noth- 
wendigsten 
Eigen- 
schaften des 
Regiments. 


'  Hs.  hat  Der. 


AUSLEGUNGHM   DES   MÄRCHENS. 


59 


Der 

Vierte. 


Diese  Eit,'en- 
schaften  un- 
förml.  ver- 
bunden. 


Goethes  eigene  der  Tal)elle  vorangehende  kurze  Bemer- 
kung sagt  eigentlich  alles,  was  zum  Verständniß  der  ganzen 
Aufzeichnung'  im  allgemeinen  nöthig  ist.  Im  einzelnen  würde 
nur  interessiren,  wer  die  Urheber  der  drei  Deutungen  des 
Märchens  sind.  Das  Frauenzimmer,  von  dem  die  letzte  her- 
rührt, ist  Charlotte  von  Kalb.  Sie  schrieb  um  die  Mitte  des 
November  1795  ^^  Cloethe:  »Den  3.  Band  von  W.  Meister 
hab  ich  noch  nicht  gelesen  —  er  ist  noch  beym  Buchbinder. 
Aber  das  Mährgen.  ich  will  es  wiederlesen,  und  dann  will 
ich  Ihnen  meinen  AN'ahn  und  Traum  von  diesem  Mähr<  hen 
sagen.  —  Es  haben  schon  viele  über  meine  Deutung  gelächelt. 
und  andere  gestutzt  —  für  mich  ist  viel  Wahrheit  und  Sinn 
darin  und  das  l.icht,  welches  mir  das  Ganze  beleuchtet,  wird 
hoffe  ich  noch  kommen,  einiges  dünkt  mir  bekannt,  vieles  ist 
mir  verständlich!«  (Goethe-Jahrbuch  13,  53  f.)  Ihr  Brief, 
worin  sie  die  Deutung  Goethe  mittheilte,  hat  sich  nicht 
erhalten.  Am  23.  December  schreibt  Goethe  an  Schiller: 
»Hier  liegt  eine  Erklärung  der  dramatischen  Personen  des 
Märchens  bei,  von  Freundin  Charlotte.  Schicken  Sie  mir 
doch  geschwind  eine  andere  Erklärung  dagegen,  die  ich  ihr 
mittheilen  könnte.«  Am  25.  schickt  Schiller  »einen  kleinen 
Beitrag  zu  der  Interpretation  des  Märchens«  mit  dem  Be- 
merken :  »Er  ist  mager  genug,  da  Sie  mir  mit  dem  besten 
schon  zuvor  gekommen  sind.  In  dergleichen  Dingen  erfindet 
die  Phantasie  selbst  nicht  so  viel,  als  die  Tollheit  der  Menschen 
wirklich  ausheckt,  und  ich  bin  überzeugt:  die  schon  vor- 
handenen Auslegungen  werden  alles  Denken  übersteigen.« 
Schillers  Interpretation  ist  verloren  gegangen  ;  denn  von  den 
beiden  ersten  hier  abgedruckten  Auslegungen  scheint  keine 
den  Stempel  seines  Geistes  zu  tragen.  Die  Urheber  derselben 
bleiben  demnach  unbekannt. 

Unter  anderen  Zeitgenossen  bemühte  sich  auch  der  Prinz 
August  von(iotha  gleich  nach  dem  Erscheinen  des  Märchens  im 
4.  Bande  der  Hören  (S.  108  —  152)  mit  dem  ihm  eigenen  leiden- 
schaftlichen Eifer  in  den  Sinn  dieser  Dichtung  einzudringen. 
Am  15.  December  schickte  Goethe  einen  Brief  des  Prinzen  an 
Schiller  zum  Zeugniß  dafür,  daß  das  Märchen  seine  Wirkung 
ni<ht  verfehle;  und  S(  hiller  antwortete  am  17.   »Es  ist  prächtig. 


'  Sie  steht,  mit  -\usnahme   des  eigenliändigen  »G«  von  Kräuters 
Hand  geschrieben,  auf  einem  Bogen  Conceptpapier. 


40  Neue  Mittheiluxgex. 


daß  der  scharfsinnige  Prinz  sich  in  den  mystischen  Sinn  des 
Märchens  so  recht  verbissen  hat.  Hoffentlich  lassen  Sie  ihn  eine 
Weile  zappeln ;  ja  wenn  Sie  es  auch  nicht  thäten,  er  glaubte 
Ihnen  auf  Ihr  eigenes  Wort  nicht,  daß  er  keine  gute  Nase 
gehabt  habe.«  Der  humoristische  Brief  des  Prinzen,  der  keine 
wirkliche  Deutung,  sondern  nur  einen  kleinen  Ansatz  dazu 
enthält,  mag  hier  als  ein  neuer  Beitrag  zur  Charakteristik  des 
merkwürdigen  Mannes  und  seines  Verhältnisses  zu  Goethe  an 
die  Oeffentlichkeit  gelangen. 

»Drey  sind  die  da  herrschen  auf  Erden :  die  Weisheit, 

der  Schein   und  die  Gewalt Die  Liebe  herrscht 

nicht,  aber  sie  bildet  —  und  das  ist  mehr.«    (I.  Br.  Joh.  V,  8.) 

Wie  man  doch  leichtsinnig  und  ungerecht  ist  auf  Erden! 
bester  Göthe!  Ein  Wanderer  bespricht  sich  auf  seiner  Reise 
mit  einem  Freunde,  ob  Johannes  nicht  vielleicht  noch  lebe? 
Der  Freund  glaubt  es  nicht.  Der  Wanderer  findet  dieß 
nicht  ganz  unwahrscheinlich,  und  zeichnet  es,  bescheiden, 
in  sein  Tagebuch  ein,  damit  es  die  Welt  auch  hoffen 
möge,  wie  er.  Die  verkehrten  Menschen  fangen  es  auf, 
in  ihrem  bösen  Sinne,  und  sagen  untereinander:  Dieser 
Wanderer  hält  sich  seihst  für  den  Jünger  und  Evangelisten 
Johannes,^  u.  s.  w. 

Ich  aber,  der  ich  dieses  schreibe,  glaube  es  auch,  daß 
dieser  Johannes  noch  lebet,  und  finde  ihn  in  dem  zehnten 
Stücke  der  Hören,  des  Jahrganges  1795.  Haben  Sie  die 
Gefälligkeit,  sich  dieses  Stück  geben  zu  lassen;  lesen  Sie 
von  der  loS^in  bis  zur  152?!^  Seite;  und  nun  sagen  Sie  mir, 
ob  auf  jenen  Wanderer  noch  der  mindeste  Verdacht  fallen 
könne,  und  ob  sich  nicht  vielmehr  alle  Umstände  vereinigen, 
den  unbekannten  Verfasser  des  angeführten  Aufsatzes  in 
den  Hören   für  den  Jünger  und  Evangelisten  Johannes  zu 


'  Vgl.  die  Worte  des  Ahen  im  Märchen:  »Die  Liebe  herrscht 
nicht,  aber  sie  bildet  und  das  ist  mehr«.  (Weim.  Ausg.  18,  268.) 
Eine  wenn  auch  anders  gemeinte  Beziehung  des  Märchens  zur  Offen- 
barung Johannis  liegt  in  Goethes  Äußerung  zu  Riemer  vom  21.  März 
1809:  »Das  Märchen  komme  ihm  gerade  so  vor  wie  die  Offenbarung 
St.  Johannis,  die  man  noch  heut  zu  Tage  auf  Napoleon  deute.  Es 
fühle  ein  jeder,  daß  noch  etwas  drin  stecke,  und  wisse  nur  nicht  was.« 
(Riemer,  Mittheilungen  über  Goethe  2,  604;  vgl.  auch  Riemers  Tage- 
bücher in  der  Deutschen  Revue  1887,  Januar,  S.  16.) 


AUSLKGUNGKX    UKS   MäRCIII.N;».  4I 

halten,  oder  ihn  mit  dieser  Anmaßunt,'  zu  vcrschreyen;  er 
möge  nun  seyn,  wer  er  wolle?  Ich  bleibe  aberdabey:  lir 
ist  es  wirklich.  Die  verderbte  Welt  kann  darüber  lachen, 
oder  es  beseufzen,  oder  unwillig  darüber  mit  den  Zähnen 
knirschen;  mich  soll  nichts  in  dieser  Meinung  stören! 
Johannes  ist  gefunden,  er  ist  nicht  gestorben,  er  lebt  noch 
mitten  unter  uns.  Aber  unter  welchem  Namen?  wo  ist 
jetzt  sein  Aufenthalt?    Das  weiß  ich  nicht. 

Gleichwohl  wird  Keiner  weder  heimlich  noch  öffentlich 
auftreten,  und  ihn  anschuldigen,  daß  er  sich  selbst  dafür 
halte,  oder  es  der  Welt  zumuthen  wolle,  ihn  für  solchen 
zu  erkennen.  Und  eben  hierin  fällt  mir  die  Ungerechtigkeit 
der  Menschen  auf,  daß  sie  jenen  Wanderer  geradezu  bey 
dem  Aermel  fassen,  und  vor  Pilatus  und  Kaiphas  führen, 
und  jeden  andern  reden,  thun  und  schreiben  lassen,  was 
und  wie  er  will.    Ü  tempora,  ö  mores ! 

Daß  der  Buchdrucker  (vielleicht  auf  seine  eigene  Ge- 
fahr) die  Ueberschrift  hinzu  gesetzt  habe:  Mähreben  u.  s.  f., 
wie  könnte  mich  diese  Freyheit  oder  diese  Frechheit  irre 
machen  ?  Wenn  man  so  kühn  wäre  die  Worte :  Offenbarung 
Johannis  auszustreichen,  und  Mähreben  dafür  hinzuschreiben, 
würde  sie  darum  minder  heilig  sevn !  Fragen  Sie  unsern 
Herder,  der  sie  vor  einigen  Jahren  so  gründlich,  so  schön, 
so  unumstößlich  vertheidiget  hat,  daß  sich,  seit  jener  Zeit, 
nicht  einmahl  die  National-Convention  dawider  hat  aut- 
lehnen dürfen.  Ich  bin  überzeugt,  daß  ihm  sowohl  seine 
Kritik  als  seine  Hermeneutik  nicht  erlauben  werden,  es  im 
geringsten  zu  bezweifeln,  daß  die  Offenbarung  Johannis  und 
dieses  sogenannte  Mährehen  aus  einer  und  eben  derselben 
Feder  geflossen  sind.  FreyUch  hat  sich  der  Verfasser  einiger- 
maßen nach  den  Sitten  und  Gesinnungen  unseres  Zeitalters 
richten  und  bequemen  müssen.  Jetzt  durfte  er,  z.  B.  die 
große  Babylonische  Heldinn  nicht  ganz  so  aufführen,  wie 
vordem;  daher  stellte  er  uns  eine  Alte  vor  Augen,  die 
blos  in  ihre  Hände  verliebt  ist,  und  es  nicht  verdauen 
kann,  daß  eine  derselben  schwarz  werde,  und  schwinde; 
sogar  hat  er  die  Schonung  sie  zuletzt  völlig  verjüngen  und 
verschönern  zu  lassen,  u.s.  w.  Alles  nimmt  ein  erwünschtes 
Ende;  aber  darum  bleibt  doch  noch  alles  in  seiner  prophe- 


42  Neue  Mittheiluxgex. 


tischen  Dunkelheit.  Man  weiß  so  wenig  wer  die  metallenen 
Könige  sind,  als  dort,  wer  die  vier  und  zwanzig  Alder- 
männer  gewesen.  Gold  ist  Weisheit,  Silber  ist  Schein,  Erz 
ist  Macht  oder  Gewalt,  die  Vermischung  fällt  zusammen; 
aber  wer  ist  der  junge  König?  wer  ist  die  schöne  LiHe? 
(doch  wohl  nicht  die  französische?)  wer  ist  der  alte  Fähr- 
mann? wer  ist  der  Alte  mit  der  Lampe?  wer  ist  die  Alte 
mit  dem  Korbe,  und  warum  mußte  ihre  Hand  schwinden 
und  wieder  geheilt  werden?  wer  ist  die  Schlange?  wer 
sind  die  beyden  IrrUchter?  (doch  w^ohl  keine  Jakobiner.?) 
wer  ist  der  Kanarienvogel?  wer  ist  der  Habicht?  wer  ist 
der  Mops?  wer  ist  der  Riese?  wer  sind  die  drey  Ueber- 
bringerinnen  der  Harfe,  des  elfenbeinernen  Stuhls,  und  des 
Sonnenschirms?  was  sind  die  drey  Artischocken?  was  sind 
die  drey  Kohlhäupter?  was  sind  die  drey  Zwiebeln?  kurz, 
wer  ist?  w^as  sind?  wer  ist?  was  sind?  w-er  ist?  was 
sind?  Hat  nicht  jedes  seinen  Schlüssel?  Aber  wer  mag 
diesen  Bund  Schlüssel  finden,  und  seine  Kunst  an  jedem 
Schlosse  beschimpfen  ?  Hieran  erkenne  ich  den  schlauen 
Offenbarer,  der  sogar  im  ij'^  Jahrhunderte  dem  großen 
Isaac  Newton  beynahe  das  Gehirn  verrückte,  als  er  die 
Zahl  666  berechnen  wollte,  statt  sich  an  die  Verhältnisse 
des  Lichtes,  der  Anziehungskraft  und  der  Fliehekraft  zu 
halten,  als  wenn  diese  ihm  nicht  schon  Ruhm  genug  ge- 
bracht hätten.  Vestigia  me  terrent.  Genug  daß  ich  wisse, 
Johannes,  der  Jünger  und  EvangeHst  lebe  noch  mitten  unter 
uns,  dunkel  und  offenbar,  geheimnißvoll  und  verständlich, 
und  jener  Wanderer  habe  nie  daran  gedacht,  sich  für  ihn 
ausgeben  zu  wollen.  Zeitgenossen  und  Nachwelt  mögen 
ihren  Witz  daran  beweisen,  oder  mit  ihm  an  diesen  Khppen 
scheitern;  meine  Entdeckung  bleibt  mir  die  wichtigste: 
Johannes  ist  nicht  gestorben !  Uebrigens  mag  er  uns  seinen 
Aufschluß  selbst  geben,  wenn  ihm  etwas  daran  liegt,  voll- 
kommen verstanden  zu  seyn.  Es  ist  ja  schon  gewöhnUch, 
daß  man  in  dem  folgenden  Stücke  eines  französischen  oder 
teutschen  Merkurs  den  Armen  an  Geist  zu  Hülfe  komme, 
und  ihnen  das  Wort  des  Räthsels,  oder  Logogryphs  treulich 
vor  die  Augen  lege.    Davus  sum,  non  Oedipus. 

Gleichwohl    ist    die   Darstellung    sehr  anziehend    und 


AUSLKGU\GE\    DES   MÄRCHENS.  43 

anlockend,  und  ich  kann  es  dem  Buchdrucker  nicht  wohl 
verzeihen,  daß  er  sich  unterfangen  habe,  das  Wort:  Mährchen 
hin  zu  setzen,  wo  Offenbarung  oder  gar  kein  Titel,  als 
Fortset:{iing,  u.  s.  w.  hingehörte.  Wenigstens  konnte  er  die 
lästerliche  Offenbarung,  daß  er  die  Sache  nur  für  ein  Mährchen 
halte,  ganz  für  sich  allein  behalten.  Im  Ganzen  gehet  mir 
zwar  einiges  Licht  auf,  aber  ich  darf  es  nicht  wagen,  mich 
den  beyden  Irrlichtern  damit  in  die  Mitte  zu  stellen;  sie 
möchten  ein  gar  zu  lautes  Gelächter  aufschlagen,  wenn  ich 
den  Mops  statt  den  Riesen  träfe  und  die  drey  Kohlhäupter 
für  die  drey  metallenen  Könige  ansähe;  denn  mit  dem 
vierten,  der  nur  ein  dicker  Klumpen  ist,  mag  ich  mich  gar 
nicht  abgeben,  weil  er  mir  nicht  so  entfernet  scheinet,  daß 
er  nicht  vollends  auf  mich  zusammen  fallen,  und  mich  unter 
seiner  Last  erdrücken  könnte. 

Darf  ich  mir,  liebster  Göthe,  nachdem  Sie  mich  so 
lange  angehört  haben,  nun  auch  Ihr  Urtheil  und  Ihre 
Erklärung  über  diese  seltsame  Erscheinung  ausbitten?  Ich 
weiß  gewnß,  daß  Ihr  Scharfsinn  meinem  Stumpfsinne  zu 
Hülfe  kommen  könne,  wenn  Sie  nur  wollen,  und  in  dieser 
Hoffnung  empfehle  ich  mich  Ihnen  schönstens  und  bestens. 
Gotha  den  13'in  December  1795. 

Goethe  ging  auf  den  humoristischen  Ton  des  Briefes  ein 
(vgl.  seine  Antwort  Briefe  10.  351  f.);  seine  eigene  Auslegung 
wolle  er  nicht  eher  herausgeben,  als  bis  er  99  Vorgänger 
vor  sich  sehen  werde.  »Denn  Sie  wissen  wohl,  daß  von  den 
Auslegern  solcher  Schriften  immer  nur  der  letzte  die  Auf- 
merksamkeit auf  sich  zieht.« 

Zu  welchem  Zwecke  Goethe  jene  Tabelle  zusammen- 
gestellt hat,  ist  nicht  bekannt.  Das  Tagebuch  sagt  unter  dem 
gleichen  Datum  nur:  »Auslegungen  des  Märchens.«  Auf- 
zeichnungen zu  InhaltsentwUrfen  für  das  erste  und  zweite 
Heft  des  zweiten  Bandes  von  Kunst  und  Alterthum  machen 
es  wahrscheinlich,  daß  die  Tabellen  oder  eine  daran  sich 
knüpfende  Niederschrift  zum  Abdruck  für  diese  Zeitschrift 
l)estimmt  war.  »Mährchen  Allegorisirt«  steht  auf  einem  Blatt 
(vgl.  Weim.  Ausg.  41,  i.  Abth,  S.  459),  »das  Mährchen  aus- 
gelegt« auf  einem  anderen  (ebendas.  S.  462). 

Als  Carlyle  im  Jahre  1830  Goethe  die  Absicht  kund  gab, 
einen  Commentar  über  das  Märchen  zu  schreiben,  erwähnte 
Goethe  in  seiner  Antwort  zwei  Auslegungen,  die  er  aufsuchen 
und   senden    wolle    (vgl.   Goethes    und    Carlyles  Briefwechsel 


44  Neue  Mittheiluxgek. 


S.  95  und  104).  Dies  scheint  jedoch  unterblieben  zu  sein; 
denn  weder  in  einem  späteren  Briefe  Goethes,  noch  in  einer 
Antwort  Carlyles  ist  eine  auf  diese  Sendung  bezügliche  Er- 
wähnung   zu    finden.     (Vgl.    auch    Graf,    Goethe    über    seine 

Dichtungen  I.   i,   360  f.) 

°  Julius  \\ahle. 


^ 


3.    DANKBRIEFE  FÜR  DIE  ÜBERSENDUNG  VON 
WILHELM  MEISTERS  LEHRJAHREN.    ■ 

Nach  einer  Bemerkung  Goethes  in  den  Annalen  s.  a.  1795 
waren  die  Dankbriefe,  die  er  nach  der  Versendung  der  Frei- 
exemplare seines  Wilhelm  Meister  erhielt,  »nur  theilweise  er- 
freulich, im  ganzen  keineswegs  förderlich ;  doch  blieben  die 
Briefe,  wie  sie  damals  einlangten,  und  noch  vorhanden  sind, 
immer  bedeutend  und  belehrend.  Herzog  und  Prinz  von  Gotha, 
Frau  von  Frankenberg  daselbst,  von  Thümmel,  meine  Mutter, 
Sömmerring,  Schlosser,  von  Humboldt,  von  Dalberg  in  Mann- 
heim, Voss,  die  meisten,  wenn  man  es  genau  nimmt,  se  defen- 
dendo,  gegen  die  geheime  Gewalt  des  Werkes  sich  in  Positur 
setzend.«  Wie  Humboldt,  Goethes  Mutter  und  Voss  den  Roman 
auffaßten,  ist  inzwischen  bekannt  geworden.  Von  den  Briefen 
der  übrigen  mögen  hier  nach  den  Originalen  im  Goethe- 
Schiller-Archiv  ein  paar  Proben  folgen,  die  im  Wesentlichen 
Goethes  Charakteristik  bestätigen ;  nur  sei  noch  bemerkt,  daß 
der  Roman  in  vier  Bänden  erschien  und  zwar  Buch  I  und  II 
Anfang  1795,  Buch  III  und  IV  im  Frühjahr,  Buch  V  und  VI 
im  October  desselben  Jahres,  Buch  VII  und  VIII  im  October 
des  folgenden  Jahres. 

Johann  Georg  Schlosser  verschweigt  natürlich  nicht  die 
moralistischen  Bedenken,  die  in  seinem  Kreise  besonders 
stark  hervortraten;  er  schreibt  aus  Ansbach,  20.  Febr.  1796: 
»Ich  wollte  Dir  für  Deine  2  Theile  Meisters  nicht  danken, 
Lieber  Bruder,  ohne  Dir  etwas  dagegen  zu  geben.  Hier 
kommts,  nimms  gut  auf.  Ich  erhielt  es  erst  selbst  zu  Anfang 
dieser  Woche.  Im  folgenden  Theil  führst  Du  hoffentlich 
Deinen  Meister  aus  der  fatalen  Gesellschaft,  in  die  er  gefallen 
ist,  und  in  welcher  ein  Mann,  wie  Du  ihn  angesehen  haben 
willst,  nicht  so  lang  hätte  bleiben  sollen.  Doch,  Montagne 
[so]  sagt,  dünkt  mich,  sehr  recht  »quand  on  juge  d'une  action 
particuli^re,  il  faut  considerer  l'homme  tout  entier  qui  l'a 
produite,  avant  [de]  la  batizer« ;  also  wollen  wir  warten,  bis 
Dein  Meister,  der  nun  nur  kaum  noch  mit  den  Waden  heraus- 
guckt, ganz  vor  uns  steht.«  —  Den  damals  schon  erschienenen 
dritten  Theil  (Buch  V  und  VI)    mit    den  Bekenntnissen  einer 


Dankhuii;!  K  1'Ck  du:  Übf.rsendunc;  v.  Wii.ii.  Mmsiiks  Li-.iikj.miki.n-.  45 

srhünen  Seele  hatte  Schlosser  vermuthlich  nicht  erhalten  ; 
übrigens  ist  aus  den  Mittheilungen  Lappenhergs  /u  erkennen, 
daß  Schlosser  im  (legensatz  zu  Stolherg  und  andern  au<  h 
durch  diesen  Theil  nicht  milder  gestimmt  wurde. 

Von  Dalberg  findet  sich  bloß  ein  Ausschnitt  aus  einem 
Brief  an  einen  dritten,  den  er  bittet,  (loethe  zu  sagen,  »daß 
mich  sein  neuer  dramatischer  Roman  entzückt;  welche  große 
Seelen-  und  Kunstlehre  enthält  dies  \\'erk  nicht  schon  für  den 
Schauspieler?  Sehnlich  hoffe  ich  auf  den  3'Ji'  und  die  folgenden 
Bände  ;  wann  werden  sie  erscheinen  ?«.  -  -  Au<h  von  Thümmel 
liegt  kein  Dankbrief  an  (loethe  selber  vor,  sondern  nur  ein 
Brief  an  den  Prinzen  August  von  Gotha  (Sonneberg,  6.  Jan. 
1795),  worin  er  bittet,  Goethe  seinen  Dank  für  das  (ieschenk 
des  Wilhelm  Meister  zu  übermitteln. 

Interessanter  sind  die  Briefe  derjenigen  Mitglieder  des 
Gotha'schen  Kreises,  die  den  Roman  bereits  aus  der  ersten, 
nur  handschriftlich  verbreiteten  Fassung  kannten.  So  schreibt 
Prinz  August  »am  Wilhelmstage  den  2  8lil' Mai  1795«:  »Es  ist 
heut  in  meinem  Kalender  der  Namenstag  Ihres  Wilhelm 
Meisters,  und  dieser  Zufall  muß  etwas  zu  bedeuten  haben. 
Empfangen  Sie  also  an  diesem  Tage  meinen  innigsten  Dank 
wegen  der  Übersendung  des  zweiten  Bandes,  mit  dessen  Lesung 
ich  eben  in  diesem  Augenblicke  fertig  geworden  bin,  von  der 
ersten  Seite,  die  ich  gestern  angefangen,  bis  zur  letzten,  die 
ich  alleweile  geendigt  habe.  Warum  sollt'  ich  es  Ihnen  nicht 
freimüthig  bekennen  dürfen,  daß  mich  dieser  zweite  Band  un- 
gleich mehr  angezogen  hat,  als  der  erstere,  dem  ich  seine  alte, 
mir  längst  bekannte  (icstalt  gewünscht  hätte,  worin  ich  vieles, 
zumal  die  Drathpuppengeschichte,  weit  mehr  an  ihrer  natür- 
lichen Stelle  fand,  als  so  wie  sie  im  Drucke  erschienen  ist.«  — 
Ebenso  gibt  ja  auch  Herder  in  seinem  Brief  an  die  Gräfin 
Baudissin  vom  Anfang  1795  (Aus  Herders  Nachlaß  i,  20)  der 
ersten  Fassung  den  Vorzug,  in  welcher  man  den  jungen 
Menschen  von  Kindheit  auf  kennen  gelernt  habe,  und  auch 
Wieland  fand  nach  Böttigers  Mittheilung  (Literarische  Zu- 
stände I,  170)  das  erste  Buch  in  der  ursprünglichen  Redaction 
»viel  natürlicher«,  obwohl  Goethes  späteres  Verfahren,  uns 
gleich  in  medias  res  zu  führen  und  den  Helden  erst  in  einer 
nachträglichen  Erzählung  von  seinen  früheren  Erlebnissen 
berichten  zu  lassen,  an  ^^'ielands  eigenes  Verfahren  im  Agathon 
erinnert. 

Nach  dem  Erscheinen  der  Bekenntnisse  einer  schönen 
Seele  schreibt  Prinz  August  Gotha  22.  Nov.  1795:  »Ein  ge- 
wisser Kardinal,  dessen  Name  mir  entfallen  ist,  sagte,  als  er 
den  Orlando  furioso  gelesen  hatte,  zum  Verfasser :  Signor 
Luigi,  dove  diavolo  avete  pigliato  tante  cogl  .  . .  .  ?  und  ich 
möchte  jetzt  sagen  :    Signor  Giovan-Volfgango,   dove  diavolo 


46  Neue  Mittheilun'gen. 


avete  pigliato  tanta  devozione '?  Am  Ende  dürften  beide 
Fragen  vielleicht  auf  eins  hinauslaufen.«  —  Bekanntlich  war 
dieser  Kardinal  Hippolyt  von  Este  und  das  i)unktirte  Wort 
ist  mit  .coglionerie'   zu  ergänzen. 

Auch  die  Gemahlin  des  Gotha'schen  Ministers  von  Franken- 
berg erinnerte  sich  der  ersten  Fassung.  Sie  schreibt  am  9.  Jan. 
1795:  »Ich  danke  Ihnen  herzlich,  lieber  Goethe,  daß  Sie  auch 
an  mich  bei  Gelegenheit  ^^'ilhelm  Meisters  gedacht  haben. 
Seine  Erscheinung  hat  mich  unendlich  erfreuet,  und  mit  der 
größten  Begierde  bin  ich  zur  Erneuerung  so  vieler  alten  lieben 
Bekannten  geschritten.  Ich  habe  sie  auch  alle  sogleich  wieder 
gekannt,  wenn  sie  schon  hin  und  wieder  etwas  anders  und 
neu  aufgestutzt  einhertreten.«  W.  Creizenach. 


4.    AUGUST  VON  GOETHES  REDE 
BEI  NIEDERLEGUNG  DES  SCHILLER'SCHEN  SCHÄDELS 

AUF  DER 
GROSSHERZOGLICHEN  BIBLIOTHEK  IN  WEIMAR. 

Theurer  Freund, 
verehrteste  Anwesende ! 

Die  erste  Pflicht,  welche  ich  heute  zu  erfüllen  habe, 
ist  die,  meinen  Vater  zu  entschuldigen,  daß  er  diesem 
feyerlichen  höchstwichtigen  Act  nicht  selbst  beiwohnen 
kann. 

Es  war  früher  sein  fester  Wille  dieses  zu  thun,  doch 
am  heutigen  Morgen  wurden  in  ihm  alle  die  Gefühle 
mächtig  rege,  welche  jene  Vergangenheit'  vorüberführten, 
wo  er  mit  seinem  geliebten,  unvergeßUchen  Freunde 
Friedrich  von  Schiller  die  schönsten  Tage  verlebt,  auch 
manche  Trauer  erduldet  hatte*,  einem  Freunde  und  Zeit- 
genossen, dessen  früher  Tod  einen  Riß  in  das  Leben 
meines  Vaters  brachte',  welchen  weder ^  Zeit  noch''  Mit- 
welt zu  heilen  im  Stande  war.  —  Auch  uns  Lebende,  die 

'  Nach  Vergangenheit  gestrichen  an  ihm. 

*  hatte  über  der  Zeile  nachgetragen. 
J  brachte  eingesetzt  für  machte. 

*  Nach  weder  und  noch  gestrichen  die. 


August  vox  Goethes  Rede.  47 

Söhne  der  zwey  Unzertrennlichen,  vertrautester'  Freund, 
trennte  das  waltende'  Schicksal,  indem  es  mich  hier  fesselte, 
Dir  aber  in  der  Ferne  Dein  Loos  bereitete.  Im  Geiste  sind 
wir  uns  immer  nah  und  danken  wollen  wir  der  Leitung  die ' 
uns  so  in  den  größten  Lebens-Momenten  zusammenführt. 

Wenn  mir  nun  heute  mein  Vater  auftrug,  an  seiner 
Stelle  dieser  Fever  bey  zu  wohnen,  so  fühle  ich  ganz  die 
Wichtigkeit  und  die  Ehre  dieses  Auftrags  und  darf  gewiß 
Ihnen  sämmtlich^  nicht  näher  ausführen,  wie  mein  Gemüth 
von  allen  denen  Gefühlen  durchdrungen  und  erhoben  ist, 
welche  bei  großen  Gelegenheiten  den  Geist  berühren,  ja 
bestürmen. 

Die  zweite  Pflicht,  welche  wir  Anwesende  sowohl  als 
jeder  5  Weimaraner  gewiß  gern  erfüllen  wird,  ist,  den  Dank 
auszusprechen  gegen  Dich,  geliebter  Freund,  und  die  üb- 
rigen Hinterlassenen  Deines  grossen  Vaters,  wenn  Du 
heute  das  theure  Haupt  des  Geliebten,  Verehrten  einem 
Lande,  einer  Stadt ^  weihst,  wo  sein'  hoher  Geist  die^ 
schönsten  Blüthen  entfaltete  und  die  herrlichsten  Früchte  trug. 

Doppelt  aber  muß  unser  Dank  seyn,  da  Du  außerdem'^ 
noch  die  von  dem  Prof.  Dannecker  im  Jahre  1805  mit  so 
vieler  Liebe  als  Kunst  ausgeführte  Marmorbüste  des  großen 
Mannes  unserm  verehrten  Landes-Fürsten  und  dieser  An- 
stalt überließest  und  so  gleichsam  den  ernsten  Tod  mit 
dem  heiteren  Leben  verbandest. 

Was  nun  die  Aufbewahrung  dieses  heiligen  Überrestes 
anlangt,  so  soll  derselbe  in  jenem  Postament,  auf  welchem 
schon  die  vorerwähnte  Büste  steht, '"  in  einer  würdigen 
Hülle  nieders^eleirt  werden.    Der  Schlüssel  zu  diesem  Behält- 


'  vertrautester  eingesetzt  für  geliebter. 
^  waltende  eingesetzt  für  eiserne. 

5  der  Leitung  die  eingesetzt  für  dem  Schicksal  wenn  es 
♦  sämuitlich  eingesetzt  für  allen. 

>  jeder  über  der  Zeile  nachgetragen. 

6  Nach  Stadt  gestrichen  ja  einer  Anstalt. 
~  sein  eingesetzt  für  Deines   Vaters. 

8  die  eingesetzt  für  seine. 

9  Du  außerdem  über  der  Zeile  nachgetragen. 
'"  steht  eingesetzt  für  Schillers  aufgestellt  ist. 


48  Neue  Mittheiluxgex. 


niß  soll  stets  in  den  Händen  der  Oberaufsicht  pp,  bleiben 
und  nur  solchen  Personen  die  Anschauung  des  Verwahrten ' 
gestattet*  seyn,  von  denen  man  mit  Gewißheit  voraussetzen 
kann,  daß  nicht  Neugier  ihre  Schritte  leitet,  sondern  das 
Gefühl,  die  Erkenntniß  dessen,  was  jener  große  Mann  für 
Deutschland,  für  Europa,  ja  für  die  ganze  cultivirte  Welt 
geleistet  hat. 

Und  nun  sey  mir  vergönnt,  noch  einen  wichtigen 
Punckt  zur  Sprache  zu  bringen!  Schon  sind  mit  wohl- 
empfundener Danckbarkeit  die  Bemühungen  anerkannt, 
welche  von  wohlgesinnten  Männern  diesem  Geschäft  ge- 
widmet worden,  wir  aber  sehen  uns  in  dem  Falle,  sie 
nochmals  um  geneigte  Verwendung  anzugehen.' 

Es  ist  nämlich  zu  vollkommenem  Abschluß  dieser  An- 
gelegenheit höchst  wünschenswerth,  die  noch  außer  diesem 
theuren  Haupt  vorhandenen  Reste  des  zu  früh  Geschiedenen'* 
nach  erfolgter  genauer  Anerkennung^  ebenfalls  so  lange 
hier  beigelegt  zu  sehen, ^  bis  man  über  die  Vorschläge ^  zu 
schickUcher^  Beisetzung  und  zu  würdiger  Bezeichnung^  der 
Stelle  sich  vereinigt  und  worüber  mein  Vater  seine  Ge- 
sinnungen zu  eröffnen  sich  vorbehält.'" 

Und  indem  wir  auf  diese  Weise  dem  auflösenden 
Moder  einen  köstlichen  Schatz  entziehen,  so  gleichen  wir 
den  hohen  Alten,  die  nach  erloschenem  Holzstoß,  aus  ver- 
glommenen   Kohlen,    aus    unreinlicher   Asche    fromm    das 


'  des  Venvahrten  eingesetzt  für  desselben. 

'  gestattet  aus  verstattet. 

3  Der  ganze  Absatz  Und  nun  sey  mir  vergönnt  —  anzugehen  am 
Rande  nachgetragen. 

*  Es  ist  nämlich  in  voUkonnnenem  Abschluß  —  Geschiedenen  ein- 
gesetzt für  Die  noch  außer  diesem  theuren  Haupt  vorhandenen  Reste  des 
:(M  früh  Geschiedenen  sollen, 

5  Anerkennung  eingesetzt  für  SonJerung. 

6  lu  sehen  eingesetzt  für  werden. 

7  man  über  die  Vorschläge  eingesetzt  für  mein  Vater  einen  Vorschlag. 

8  lu  schicklicher  eingesetzt  für  :;^ur  öffentlichen. 

9  Bezeichnung  eingesetzt  für  Betrachtung. 

'°  sich  vereinigt  und  —  vorbehält  eingesetzt  für  ßir  Mit-  und  Wach- 
welt gethan  hat. 


August  vo\  Goktuks  Rkde.  49 

Überbliebene  sammelten,  um  solches,  in  würdii^er  Urne 
bewahrt,  mit  lan^e  daurcnden  Monumenten  zu  schmücken.' 
Jetzt  ersuche  ich  Sie,  Herr  Bibliothekar  Riemer,  die 
theuren  Reste  zu  übernehmen,  mir  zu  folgen,  damit  wir 
sie  i^emeinschaftlich  und  in  Ge,<;en\vart  dieser  geehrten  Ver- 
sammlung an  dem  ihnen  bestimmten  Ort  niederlegen. 

Auf  Sonntag,  den  siebzehnten  September  1826,  Vor- 
mittags II  Uhr,  war  der  feierliche  Act  anberaumt  worden, 
mittelst  dessen  jener  Schädel,  den  der  Bürgermeister  Karl 
Leberecht  Schwabe  im  März  1826  als  den  Schädel  Schillers 
aus  dem  Graus  des  Weimarer  Kassengewölbes  an  das  Licht 
des  Tages  heraufgefördert  hatte,  auf  der  Großherzoglichen 
Bibliothek  niedergelegt  werden  sollte.  Ernst  von  Schiller, 
des  Dichters  zweiter  Sohn  und  Mandatar  der  Familie,  wollte 
zugegen  sein:  am  2.  September  war  er  in  Weimar  eingetroffen, 
um  den  Nachlaß  der  vor  einigen  Monaten  abgeschiedenen  Mutter 
zu  ordnen,  und  zu  gleicher  Zeit  gedachte  er  sich  der  Pflicht 
zu  widmen,  die  der  Rest  von  seines  Vaters  irdischer  Erscheinung 
ihm  auferlegte.  Von  der  P\amilie  Schiller  war  Danneckers 
Marmorbiiste  erworben  worden,  deren  Piedestal  man  zum 
Aufbewahrungsort  der  ehrwürdigen  Reliquie  ausersehen  hatte; 
der  Kanzler  von  Müller  hatte  im  Auftrage  Karl  Augusts  die 
Unterhandlungen  geführt.  Noch  am  9.  September  zwar  war 
ihm  durch  Karoline  von  Wolzogen  aus  Jena  ein  ablehnender 
Bescheid  zugegangen  (in  dem  unten  zu  erwähnenden  Fascikel) : 
»Verehrter  Herr  Kanzler,  Bei  näheren  Bedencken  haben  wir 
gefunden  daß  wir  die  Marmor  Büste  doch  nicht  weggeben 
wollen,  und  sie  als  ein  gemeinsames  Familien  Eigenthum  auf- 
zubewahren gedencken.  Haben  Sie  also  die  Güte  dieses  unsern 
Verehrten  Goethe  zu  sagen«  (vgl.  Goethes  Tagebuch  vom 
10.  September:  »War  Vormittag  Herr  Canzler  von  Müller  bey 
mir,  um  wegen  der  Schillerischen  Verhandlungen  in  Jena  zu 
sprechen«),  doch  hatte  wohl  schließlich  die  Absicht,  jedem 
Streit  der  Hinterbliebenen  um  das  kostbare  Erbgut  aus  dem 
Wege  zu  gehen  (vgl.  Ernst  an  seinen  Bruder  vom  31.  Juli  1826 
in  »Schillers  Sohn  Ernst«  S.  290),  die  Familie  dem  Wunsche 
des  Großherzogs  geneigt  gemacht,  so  daß  Goethes  Tagebuch 
zum  14.  September  melden  konnte:  »Schillers  Büste  dur<  h 
Kaufmann  abholen  lassen«.    Daß  Goethe,  mitten  in  den  Vor- 

*  Der  ganze  Absatz  Und  indem  wir  auf  diese  Weise  —  schnücken 
eingesetzt  für  Suchten  doch  die  Alten  aus  den  Trümmern  des  Scheiters,  auf 
li-elchen  ihre  Lieben  den  Flammen  übergeben  worden,  noch  sorgfältig  die 
Reste  der  Gebeine,  um  ihnen  für  die  Xaclrwelt  Monumente  der  Unvergäng- 
lichkeit  ^u  set^^en. 

Goethf-Jahrbwch  X\V.  4 


^O  Neue  Mittheiluxgek. 


bereitungen  zu  dem  Monumente,  das  er  sich  und  dem  Freunde 
durch  Herausgabe  ihres  Briefwechsels  setzen  wollte,  als  Ver- 
treter der  Oberaufsicht  über  die  wissenschaftlichen  Anstalten, 
der  Feier  beiwohnen  würde,  erschien  selbstverständlich ;  aber 
am  bestimmten  Tage  buchen  seine  Aufzeichnungen:   »Verab- 
redung   mit   meinem   Sohn   wegen    des    heutigen  Actes«,  und 
der  Inhalt   dieser   Verabredung   erhellt    aus    den    Zeilen,    die 
kurz  vor  Beginn  der  Ceremonie  August  von  Goethe  an  Ernst 
von   Schiller    gerichtet   hat   (»Schillers   Sohn  Ernst«  S.  296): 
»Theurer  Freund,  mein  Vater  ist  seit  gestern  über  das  Bevor- 
stehende so  ergriffen,  daß  ich  für  seine  Gesundheit  fürchtete. 
Heut    früh    sechs    Uhr    ließ    er   mich    kommen,    um    mir    mit 
Thränen  zu  eröffnen,  daß  es  ihm  unmöglich  sei,  dem  heutigen 
feierlichen  Akte  selbst  beizuwohnen.    Ich  vertrete  ihn  daher«. 
Und   so  ist  es  August  von  Goethe   gewesen,    der,    indes   sein 
Vater   auf  einer  Spazierfahrt   nach  Berka   dem  Ansturm  weh- 
müthiger   Erinnerungen    zu    entgehen    suchte,    aus    der   Hand 
des  Tugendgenossen  Ernst  den  »heiligen  Überrest«,   »das  un- 
schätzbar   herrliche    Gebild«     entgegengenommen    und    dem 
Oberbibliothekar  Riemer  weitergegeben  hat.    Über  den  edel- 
einfachen  Vorgang  wurde  vom  Bibliotheksekretär  Kräuter  ein 
Protokoll  aufgenommen,  das  alle  Anwesende  unterzeichneten ; 
die  Ansprachen,   die  Ernst  von  Schiller,  August  von  Goethe, 
der  Kanzler   von  Müller   gehalten   hatten,    wurden    beigefügt. 
Ein  ausführlicher  Bericht  über  die  Feier,  wahrscheinlich  vom 
Kanzler  verfaßt,  erschien  in  Nr.  223  der  »Berlinischen  Nach- 
richten   von    Staats-    und    gelehrten    Sachen«    vom    23.   Sep- 
tember   1826;    ein    Aufsatz    aus    der    Feder    von    Gersdorffs 
gelangte  auf  Wunsch  des  Großherzogs  mit  Rücksicht  auf  die 
mißwollend-kritischen    Stimmen,    die    seit    der   Durchsuchung 
des  Kassengewölbes  nicht  zur  Ruhe  gekommen  waren,   nicht 
zur  Veröffentlichung,  da  es,  wie  Gersdorff  am  29.  September 
an  Müller  berichtete,  nach  Karl  Augusts  Meinung  »gerathener 
erscheine,  der  Angelegenheit,  ohne  Aufforderung  von  Außen  her, 
von  hier  aus  weitere  Anregung   nicht  mehr  zu  geben«.     Das 
erwähnte  Protokoll   mit  den  Reden   ist  mitgetheilt  bei  Julius 
Schwabe  :  »Schiller's  Beerdigung  und  die  Aufsuchung  und  Bei- 
setzung   seiner    Gebeine.     (1805,   1826,   1827).     Nach    Acten- 
stücken  und    authentischen  Mittheilungen    aus  dem  Nachlasse 
des  Hofraths  und  ehemaligen  Bürgermeisters  von  Weimar  Carl 
Leberecht  Schwabe.  Leipzig  1852«  S.  85  — loi;  nachSchwabes 
Aussage  befand  es  sich  damals  bei  den  Acten  der  Großherzog- 
lichen   Bibliothek,    aus   denen    es    seither    verschwunden    ist. 
Eine  andere  Ausfertigung  ist  enthalten  in  einem  Fascikel  »Die 
Übersiedelung  von  Schillers  Überresten«,  das  als  Bestandtheil 
des  Kanzler-Müller-Archivs  (Nr.  565)  im  Goethe-  und  Schiller- 
Archiv    aufbewahrt   wird.     Schon    Schwabe   hat    zu   der  Ver- 


Alglst  von  Goi-thf.s  Rkde.  51 

Sicherung  des  Protokolls,  die  drei  Anspra<  hen  seien  »meist 
unvorbereitet«  gehalten  worden,  sein  rnilkrauisches:  »Ist  wol 
zu  bezweifeln«  angemerkt,  und  für  die  Rede  Augusts  wenigstens 
hat  sein  Zweifel  Bestätigung  gefunden:  im  (ioethe-Anhiv  ist 
das  Concept  dazu  zum  Vorschein  gekommen,  von  Augusts 
Hand  auf  zwei  gebrochene  Foliobogen  gewöhnlichen  blau- 
grauen  Conceptpapiers  geschrieben.  Im  Vorstehenden  ist  es 
abgedruckt:  die  Commentirung  hat  Bernhard  Suphan  mir  über- 
tragen. Und  noch  mehr  ergibt  sich  aus  diesem  Concept : 
die  Rede  ist  nicht  eine  Arbeit  Goethes  des  Sohnes,  sondern 
Goethes  des  \'aters. 

Von  der  endgültigen  Fassung,  wie  sie  durch  die  Abschrift 
bei  Muller  und  den  Druck  von  Schwabe  dargestellt  wird, 
weicht  unser  Concept  mehrfach  ab.  Nicht  nur  in  offenkundigen 
Versehen  jener,  die  man  auf  Rechnung  der  Schreiber  setzen 
mag;  der  Müller'sche  erweist  sich  obendrein  noch  als  echten 
»Weimeraner«  —  so  schreibt  er  das  Wort  Seite  47,  Zeile  14. 
Nur  irrthUmlich  scheint  beispielsweise  das  zzcey  (Seite  47, 
Zeile  i)  ausgefallen  und  das  Epitheton  hohen  (Seite  48,  Zeile  24) 
durch  frommen  verdrängt  worden  zu  sein.  Wenn  hingegen 
das  farblose  Auftrag  (Seite  47,  Zeile  8)  im  Hinblick  auf  das 
auftrug  in  der  zweiten  Zeile  vorher  durch  Vertrauen  und  das 
ungeschickte  beigelegt  (Seite  48,  Zeile  18)  durch  aufbewahrt 
ersetzt  worden  ist,  wenn  der  Landesfürst  die  geziemende 
Respectformel  Durchlauchtigsten  statt  verehrten  (Seite  47, 
Zeile  2^)  und  Riemer  (Seite  49,  Zeile  3)  den  ihm  zustehenden 
Titel  Professor  erhalten  hat,  so  erscheinen  darin  bewußte 
Änderungen  einer  letzten  Revision  und  also  wohl  Resultate 
jener  Durchsicht,  die  Goethe  am  Tage  nach  der  Feier  vor- 
genommen hat  (Tagebuch:  »Augusts  gestrige  Rede  durch- 
gesehen«). Näheres  muß  dem  Apparat  der  Weimarer  Ausgabe 
vorbehalten  bleiben,  die  an  dieser  Rede  nicht  vorbei  gehen  wird. 

Und  nun  das  Manuscript  Augusts  selbst.  Es  zeigt  eine 
eingehende  Durcharbeitung  des  Dichters,  eine  doppelte,  erst 
mit  Bleistift,  dann  mit  Tinte ;  zweimal  sind  ganze  Absätze 
nachgebracht  worden.  In  den  Anmerkungen  unseres  Druckes 
wird  die  erste  Fassung  des  Textes  mitgetheilt,  wobei  auch 
hier  Kleinigkeiten  dem  Apparat  der  Weimarer  Ausgabe  zu- 
gewiesen worden  sind.  Nach  Erwägung  aller  Möglichkeiten 
kann  man  nicht  umhin  anzunehmen,  daß  Goethe  alle  diese 
Umgestaltungen  nicht  etwa  nachträglich,  etwa  am  18.  September, 
vorgenommen  hat,  sondern  daß  sie  bereits,  als  August  auf  der 
Bibliothek  sprach,  in  das  Concept  eingetragen  waren.  Was 
endlich  die  Grundlage  des  Ganzen,  den  ursprünglichen  Wort- 
laut angeht,  so  darf  man  von  vornherein  gegründete  Bedenken 
hegen,  ob  Goethe,  ceremoniös  und  eifrig  darauf  bedacht,  jeder 
Lebenslage  im  Ausdruck  ihr  Recht  zu  geben,  bei  so  wichtiger, 

4* 


52  Neue  Mittheiluxgex. 


ja  einzigartiger  Gelegenheit  dem  Sohne  anheim  gegeben  habe, 
was  zu  sagen,  was  zu  verschweigen  sei.  Und  so  stellt  sich 
denn  thatsächlich  das  Manuscript  in  seinen  eilfertigen  Schrift- 
zUgen,  die  sich  auf  Andeutung  der  Endungen  beschränken,  die 
sogar  ganze  Wortbestandtheile  vernachlässigen  {Sc/iciters,  in  der 
ersten  Fassung  von  Seite  48,  Zeile  22 ff.  ist  doch  wohl  ver- 
stümmelt aus  »Scheiterhaufens«),  als  hastige  Niederschrift  nach 
Dictat  dar  ;  Wiederholungen  und  selbst  Hörfehler  sind  nicht 
ausgeblieben.  Goethe  hat  dictirt;  seine  Redeweise  wird  man 
nicht  verkennen.  In  den  größten  Lebens-Momenten  (Seite  47, 
Zeile  5)  —  dieser  Ausdruck  gehört  seinem  Sprachschatz  an ; 
Gefühle,  welche  den  Geist  berühren,  Ja  bestürmen  (Seite  47, 
Zeile  II  f.)  —  das  ist  sein  Stil;  Klimax  (Seite  48,  Zeile  6)  wie 
Antiklimax  (Seite  47,  Zeile  18)  sind  ihm  geläufig.  Seine 
Gedankenwelt  ist  es,  die  Hörer  und  Leser  umgiebt.  Der 
erduldeten  Traner  konnte  nur  der  in  diesem  erhebenden  Augen- 
blick wehmüthig  gedenken,  der  sie  vor  Zeiten  wirklich  selbst  im 
Herzen  getragen  hatte.  Und  weiter :  den  ernsten  Tod  mit  dem 
heiteren  Leben  verbinden,  das  ist  Goethes  Lieblingsvorstellung, 
das  Credo  desThätigen,  Nimmermüden,  der  in  aller  »erduldeten 
Trauer«  dem  Leben  heiter  zugewendet  bleibt.  In  den  Terzinen, 
die,  entstanden  in  dieser  Zeit  des  Erinnerns,  handschriftlich 
die  Bezeichnung:  »Zum  17.  Sept.  1826.«  tragen,  drängt  sich 
dem  Dichter  der  gleiche  erhabene  Gedanke  auf,  da  er  bei 
Betrachtung  von  Schillers  Schädel  selbst  im  ernsten  Beinhaus, 
sich  frei  und  wärmefühlend  erquickte,  »als  ob  ein  Lebens- 
quell dem  Tod  entspränge.«  Wenn  er  sich  dann  weiterhin 
in  jenen  Strophen  vernehmen  läßt:  »Dich  höchsten  Schatz 
aus  Moder  fromm  entwendend«,  so  klingt  auch  hierzu  W^ort 
und  Wendung  in  unserer  Rede  vor:  Und  indem  ivir  auf  diese 
Weise  dem  auflösenden  Moder  einen  köstlichen  Schatz  entziehen. 
Die  Terzinen  schließen  mit  dem  weihevollen  Aufblick  zur 
»Gott-Natur«,  die  das  Geisterzeugte  fest  bewahrt;  ein  Symbol 
war  es  dieser  Unsterblichkeit,  wenn  die  hohen  Alten  die 
Asche  des  Geschiedenen  sammelten,  um  sie  ;////  lange  daurendcn 
Monumenten  zu  schmücken.  Max  Hecker. 


11.  Verschiedenes. 


A.    Ungedrucktes  von  Goethe. 

I.   UNBEKANNTE   »NEUJAHRS -POSSEN«   GOETHES 

UND  V.  SECKENDORFFS  VON  1778/79. 

Mitgetheilt  von  C.  A.  H.  Burkhardt. 

Zu  den  \ielen  sikleinen  Ernst-,  Scherz-  und  Spott^^edic/itcnv, 
die  Goethe  wiederholt  als  verloi-en  gegangene  bezeichnete, 
gehören  unstreitig  seine  Neujahrspossen.  Zuletzt  sprach  er 
sich  über  diesen  Verlust  im  Jahre  1825  aus,  wo  er  in  seiner 
Unterhaltung  mit  dem  Kanzler  von  Müller  sich  des  an  Luise 
von  Cioechhausen  gerichteten  Neujahrswunsches  freilich  nur 
dunkel  erinnerte,  da  er  über  das  Jahr  der  Entstehung  dieser 
kleinen  Invective  wie  auch  über  ihren  Wortlaut  keine  genaue 
Rechenschaft  geben  konnte.  Außer  diesem  (iedichtchen,  das 
in  Goethes  Unterhaltungen  mit  v.  Müller  zum  ersten  Male 
veröffentlicht  wurde  (in  II.  Aufl.  S.  182),  ist  nur  noch  sein 
Wunsch  an  Frau  von  Stein  bekannt  geworden,  der  wiederholt 
in  den  Goethe-Stein  Briefen  zum  Abdruck  gelangt  ist. 

Wie  aus  Cioethes  Tagebüchern  hervorgeht,  wurden  sämmt- 
liche  Wunsche  am  Abend  des  30.  December  1778  in  Gemein- 
schaft mit  dem  Kammerherrn  Siegmund  von  Seckendorft' 
»geschmiedet«.  Beide  waren  im  Gefolge  des  Herzogs  Carl 
August,  der  am  30.  und  31.  December  in  Apolda  Jagens 
halber  sich  aufhielt.  S(  hon  der  Umstand,  daß  der  Entwurf 
dieser  Gedichte  eine  bis  nac  h  Mitterna<ht  fortgesetzte  Thätig- 
keit  in  Anspruch  nahm,  ließ  auf  eine  größere  Anzahl  der 
zu  Stande  gebrachten  Reime  schließen.  Ein  mir  vorliegendes 
Manuscript  von  Philipp  Seidels  Hand  [Weimar.  Archiv  z.  Z. 
ohne  Signatur]  gibt  endlich  erwünschten  Aufschuß  über  die 
Zahl  und  die  Entstehung  dieser  Gedichte.  Ueber  letztere 
glaube  ich  Folgendes  vermuthen  zu  dürfen. 


54  Neue  Mittheilun'gex. 


Da  Goethe  am  Abend  des  31.  December  eiligst  nach 
Weimar  ritt,  handelte  es  sich  lediglich  um  die  Fertigstellung 
der  Neujahrswünsche,  für  die  allem  Anscheine  nach  bisher 
nur  flüchtige  Entwürfe  vorlagen.  Das  ergibt  die  Handschrift 
Seidels,  die  sich  als  ein  höchst  flüchtiges  Dictat  Goethes  er- 
weist, weil  sich  in  diesem  nicht  allein  Hörfehler,  ungenügende 
Adressen,  Nachträge  und  große  Mängel  in  der  Interpunction 
finden,  sondern  weil  auch  in  dieser  Handschrift  alle  charakte- 
ristischen Eigenthümlichkeiten  der  Seideischen  Schreibweise 
zahlreich  vertreten  sind.  Um  die  Originalität  dieser  Quelle 
nicht  zu  verwischen,  lehnt  sich  unser  Text  der  Gedichte  genau 
an  das  vorliegende  Manuscript  an,  nur  ist  der  häufig  fehlende 
Umlaut  ergänzt,  da  Seidel  durchgehend  gefährlich,  böse, 
koren  etc.  zu  schreiben  pflegte. 

Es  war  nun  Seidels  Aufgabe,  nicht  allein  einen  iin- 
bekan/iten  Schreiber  für  die  Abschriftnahme  der  Gedichte  zu 
beschaffen,  sondern  auch  alle  äußeren  Schwächen  zu  ver- 
wischen, die  bisher  dem  Manuscripte  anhafteten.  Sicherlich 
wurde  dies   nicht   ohne  jede  Beihülfe  Goethes  bewerkstelligt. 

Nach  dem  Original  für  Frau  v.  Stein  im  Goethe-Archiv 
zu  urtheilen,  wurden  sämmtliche  Gedichte  auf  doppelte  Quart- 
blätter' geschrieben,  von  denen  eines  für  die  Adressen  be- 
stimmt war,  an  die  am  i.  Januar  die  bezüglichen  Glückwünsche 
gelangten.  Diese  waren,  wie  der  folgende  Abdruck  zeigt,  haupt- 
sächlich für  die  Damen  der  Hofkreise  bestimmt.  Eine  Aus- 
nahmestellung nahm  Herder  ein ;  der  für  diesen  bestimmte 
Wunsch  soll  später  veröfientlicht  werden.  Der  Vollständigkeit 
wegen  sind  die  beiden  bereits  gedruckten  Gedichte  (s.  oben) 
nach  dem  Wortlaut  unserer  Handschrift  wieder  zum  Abdruck 
gebracht  und  Erklärungen  beigefügt,  in  soweit  solche  nöthig 
odermöglich  waren,  da  für  eine  Reihe  von  Personen  sich 
das  genealogische  und  biographische  Material  nur  schwer  be- 
schaffen ließ.  Immerhin  sind  auch  die  für  die  minder  wichtigen 
Personen  bestimmten  Wünsche  und  Invectiven  von  Interesse, 
weil  wir  uns  ein  Gesammtbild  von  der  Thätigkeit  Goethes 
und  v.  Seckendorffs  entwerfen  können,  die  beide  am  30.  De- 
cember für  die  Fertigstellung  ihrer  Neujahrspossen  bis  zum 
Anbruch  des  31.  December  entfalteten  und  je  nach  Verdienst 
und  Würden  ihren  Wünschen  Ausdruck  gaben.  Jedenfalls 
sind  die  Verkehrsformen,  die  in  den  Hofkreisen  von  1779 
herrschten,  durch  diese  Invectiven  hinreichend  gekennzeichnet; 
ein  Ergebniß,  das  in  culturgeschichtlicher  Beziehung  unstreitig 
seinen  Werth  behaupten  wird,  wenn  auch  die  flüchtigen 
Reime  nur  vereinzelt  Anspruch  auf  dauernden  Werth  erheben 
können. 


'  Das  2.  Blatt  ist  dort  abgerissen. 


Unbekawte  Neujahrs-Possen  Goethes  und  v.  Seckendorffs.  55 
I.    Gustgen,     [Seite  i.] 

Gemeint  ist  Augusta  Eleonora  von  Kalb,  die  jüngere  Schwester  des 
Kammerpräsidenten  Johann  August  von  Kalb.  Sie  war  geb.  1761,  15.  Sept., 
damals  also  17'/*  Jahre  alt,  bei  Hofe  wohl  noch  nicht  eingeführt  und 
scherzhaft  als  Kind  im  Gedicht  behandelt.  Sie  wurde  1796  Gattin  des 
Majors  Hans  Georg  Leberecht  von  Luck,  gehörte  1778 — 81  unter  die 
Misels,  der  vielfach  in  Goethes  Briefen  an  Frau  von  Stein  gedacht  wird. 
Vgl.  Joh.  Ludwig  Klarmann,  Geschichte  der  Familie  von  Kalb,  S.  84,  wo 
eingehende  Nachweise  über  ihre  Person  und  Lebensschicksale  sich  finden. 

Goldne  Lämmgen* 

Ein  grünes  Stämmgen 

Und  schöne  Aeste 

Und  dran  das  beste 

Von  Marzipan 

Zum  heiigen  Christ 

Geht  das  wohl  an 

So  lang  du  ein  klein  Gustgen  bist 

Doch  fürwahr 

Das  neue  Jahr 

Bleibt  dir  was  schuldig 

Sei  nur  geduldig. 

2.   Fräul.  V.  Stein. 
Charlotte  Freyin  von  Stein,  Hofdame  bei  der  Herzogin  Amalia. 

Wils  Gott  daß  du  nur  heute  lachst 

So  sind  wir  aus  grofser  Gefahr 

Wir  bitten  dafs  du  heut  nur  nicht  Gesichter  machst 

Erschrök  uns  nicht  das  neue  Jahr. 

3.    Fräul.  V.  Waldner. 

Luise  Adelheit    von  Waldner,  Stiftsdame    zu   Schacken,  Hofdame    der 

Herzogin  Luise  bis  1830,  s.  Klarmann,  S.  151   u.     66. 

Alle  Tage 
Lebendige  Geister 
Und  zu  ieder  Sprache 
Einen  neuen  Meister. 


corrigirt  aus  Lämpgen. 


56  Neue  Mittheiluxgek. 


4.  Frau  von  Werther. 
Amalia  Freifrau  von  Werthern,  geb.  v.  Münchhausen.  Sie  heirathete 
im  Juli  1775  den  weimarischen  Stalhneister  Freiherrn  Christian  Ferdinand 
Georg  von  Werthern-Beichlingen.  Die  Hochzeit  fand  auf  der  Stein- 
burg (Hannover)  statt.  In  Weimar  wurde  von  dieser  Verbindung  nur 
durch  Verlesen  auf  der  Kanzel  Act  genommen.  Düntzers  Angabe 
(Goethe's  Eintritt  in  Weimar),  daß  die  Hochzeit  Mitte  August  statt- 
gefunden, ist  unrichtig;  auch  Steinsdorf  ist  dort  falsch.  Ueber  sie  und 
ihr  weiteres  Schicksal  vgl.  Klarmann,  Geschiclite  der  Familie  von  Kalb, 

S.  79,  566. 

Mögst  du  an  dem  bösen  Orte 
Wohin  deine  Reise  geht 
Immer  schnarren,  immer  lispeln 
Dafs  dich  nie  ein  Mensch  versteht 
Und  dein  Weeg  dann  ungedultig 
Nach  den  Leuten  wieder  gehn 
Die  dein  Schnarren  und  dein  lispeln 
Gerne  hören  und  verstehn. 

5.    An  Caroline  Uten, 
V.  Uten,  Geliebte  des  Prinzen  Constantin. 

Du  siehst  wie  es  gefährlich  ist 

Gefährlich  zu  seyn 

Freundhch  gefällig  wie  du  bist 

Lädst  du  so  gar  das  böse  Fieber  ein 

Es  plagt  dich  wie  du  andre  weifst  zu  plagen 

Du  kannst  es  nicht  von  deinem  Herzen  lagen 

Wie  ieder  der  dich  ein  mal  kennt 

So  leicht  sich  nicht  von  deiner  Kette  trennt. 

6.    Herz.  Loui  se. 

I779>  3-  Fsbr.  wurde  Luise,   älteste  Tochter  der  Herzogin  zu  Weimar 
geboren;  starb  aber  schon  1784,  den  24.  März. 

Man  liebt  dich  heut  wie  in  den  alten  Tagen 

Nur'  darf  man  dirs  nicht  immer  sagen 

Doch  dieser  Tag  bricht  allen  Zwang 

O  sei  uns  freundHch  sei  es  lang 

Im  neuen  Jahr  da  du  uns  neues  Leben 

In  ihm  willst  geben. 


*  Corrigirt  aus  Doch. 


Ukbekannte  Neujahrs-Possen  Goethes  und  v.  Seckendorffs.  57 

7.   Fr.  V.  Stein.     [Seite  2.] 
Du  machst  die  Alten  iung  die  Jungen  alt 
Die  Kalten  warm,  die  Warmen  kalt 
Bist  ernst  im  Scherz,  der  Ernst  macht  dich  zu  lachen, 
Dir  gab  auf's  menschliche  Geschlecht 
Ein  süfser  Gott  sein  längst  bewährtes  Recht 
Aus  Weh  ihr  Wohl,  aus  Wohl  ihr  Weh  zu  machen. 

8.   Mammf.  Schröter. 

Corona,  [Mamsel  weil  unadlich]. 
Wir  mögten  gern,  du  kannst  es  glauben 
Nur  auf  ein  Jahr 

Dir  die  Gestalt  und  die  Verehrer  rauben 
Du  wärest  glükUch  ganz  und  gar 
Du  ehrtest  mehr  die  seltne  Gaben 
So  schön  zu  seyn  und  so  viel  Dienst  zu  haben. 

9.   Fräul.  Noftiz. 

Johanne  Luitgard  von  Nostitz,  bisherige  Hofdame  der  Herzogin  Amalia, 

schon  seit  1778  aus   angedeuteten  Gründen  pensionirt.     Sie  starb   am 

25.  September  1790. 

Am  Hof  gabs  doch  noch  was  zu  thun 
Und  du  wardst  immer  mehr  zur  Diken 
Und  iezo  willst  du  völlig  ruhn 
Wir  bitten  dich  nicht  zu  erstiken. 

10.    Fiekgen. 

Für  die  Ansicht,  daß  unter  Fiekgen  Sophie  Friederike  von  Kalb  verstanden 
sein  müsse,  treten  Fielitz  und  Klarmann  ein.  Sie  war  am  2.  November 
1755  geboren  und  heirathete  am  2  5.0ctober  1779  den  Herrn  von  Secken- 
dorff.  Vgl.  Klarmann,  Gesch.  der  Familie  von  Kalb,  S.  77.  Nach 
Fielitz  kommt  auch  die  Stelle  im  G.-Jahrb.  IX,  8  in  Betracht,  Fielitz 
denkt  an  eine  stille  Liebe  Fiekgens  zu  Goethe.  Jedenfalls  konnte 
Sophie  von  Kalb  bei  den  Neujahrs-Possen  nicht  unberücksichtigt  bleiben 
und  es   ist   deßhalb  völlig  ausgeschlossen,   unter  Fiekgen   eine   andere 

Person  vermuthen  zu  dürfen  (Klarmann). 
Auserlesen 
Artiges  Wesen 
Mögst  du  genesen 
Von  deinen  stillen 
Lieblichen  Grillen. 


Neue  Mittheilungen'. 


II.    Fräul.  Volgstädt. 
Tochter  des  Kriegsrathes  Carl  Albrecht  v.  Volgstedt. 

Verstand  und  Tugend  bleibt  der  Menschheit  schönster  Tag 
Ihn  trübt  wohl  fürchterhch  des  Schiksals  Donnerschlag 
Doch  ruht  [der  Weise]'  stets  auf  unerstiegnen  Höhen 
Ins  Land  der  Eitelkeit  mit  stillem  Blick  zu  sehen. 

12.  Malchen  Hendrich. 

Tochter  des  Regierungs-Raths  v.  H.  wirkl.  Geh.  Rathes. 

In  deinem  Herzen 
Ist  nicht  viel  Plaz, 
Drum  alle  acht  Tage 
Einen  neuen  Schaz. 

13.  Fräulein  Reinbaum. 

Die  Tochter   Franz  Ludwigs  von  Reinbaben,   Hofrath   pp.   (Reinbaum 
ist   Hörfehler),   vielleicht  die    1755,    30.  Nov.    geborene    Sophie    Bern- 
hardine Friederike. 

Immer  recht  viel 

Zu  lesen 

Und  nach  dem  Schauspiel 

Ganze  Portechaisen. 

14.    Anngen  Müllern.     [Seite  3.] 

Zweite  Tochter  des  verstorbenen  Raths  und  Hofmedicus  Dr.  Friedrich 

Gottlieb  Müller.     Sie  war  damals  19  Jahre  alt  und  ihr  heiteres  Wesen 

wird  auch  nach  ihrem  Ableben  gerühmt,   als  sie  am  16.  Januar  1804 

zu  Weimar  gestorben  war.     (Weimar.  Wochenbl.  1804,  S.  26). 

Käzgen 

Ein  Schmäzgen 

An  mich 

Und  deinem  Schäzgen 

Gar  lieblich 

Ein  Dutzend  mehr 

Ach  wer  doch  nur  dein  Schäzgen  war. 


'  [  ]  Mit  anderer  Schrift  von  Seidels  Hand. 


Unbekannte  Neujahrs-Possen  Goethes  und  v.  SECKENDORrrs.  59 

15.    Fräulein  Goch  häufen. 
Sie  war  1752   zu  Eisenach   geboren,    starb    1807,  7.  Sept.  zu  Weimar, 
wo  sie  seit  1785  Hofdame  der  Herzogin  Amalia  war,  Gesellschafterin 

war  sie  bereits  1782. 
Erster  und  zweiter  Druck  des  Gedichts  in  Goethes  Unterhaltungen  mit 
V.  Müller  2.  Aufl.  S.  182.  Abdruck  in  der  Weimarer  Ausgabe,  Gedichte 
Bd.  4,  364  mit  falscher  Zeitbestimmung  1780.  Die  vierte  Zeile  weicht 
also  von  den  Drucken  ab,  in  denen  es  heißt  »nun  magst  du  ihnen 
wieder  nützen.« 

Der  Kauz  der  auf  Minervens  Schilde  sizt 
Kann  Göttern  wohl  und  Menschen  nüzen 
Die  Musen  haben  dich  beschüzt 
Nun  magst  du  sie  beschüzen. 

16.   Fräul.  V.  Opp  el. 
Tochter  des  Landschafts-Cassa-Direktors  Johann  Siegmund  von  Oppel. 

Wo  Adel  in  der  Ordnung  prangt 

Und  alles  wohl  zusammenhangt 

Ist  wünschen  Ueberflufs 

Der  Fall  ist  dein,  wir  sehn  zufrieden 

Dich  was  dir  Glük  und  Stand  beschieden' 

Im  dauernden  Genufs. 

17.   Frau  von  \Vi ziehen. 

Frau   des  Geheimen   Raths   Friedrich   Hartmann   v.  Witzleben,   damals 
Obermarschall. 

Werth  dem  Gemahl  den  Freunden  teuer 

Wird  ieder  frohe  Tag  für  dich  auch  uns  zur  Feier. 

18.   Gräfin  Giannini. 

Oberhofmeisterin  der  Herzogin  Luise,  Frau  Wilhelmine  Elisabeth  Eleonore, 

Stiftsdame  zu  Herford.     Sie  starb  den  22.  Mai  1784. 

Dir  wünschen  wir  nach  altem  Brauch 
Zum  neuen  Jahre  Glük  und  Seegen 
Doch  unter  andern  auch 
Der  nötigen  Zerstreuung  wegen 


'  Dein  vor  Glück  ist  gestrichen. 


6o  Neue  Mittheilukgex. 


Ein  tägliches  Conzert  mit  Pauken  und  mit  Zittern 
Den  ganzen  Horizont  beladen  mit  Gewittern 
Und  pour  accomplir  le  bonheur' 
Im  taroc  ombre  Spiel  beständig  les  Honneurs. 

19.  Frau  von  Oertel. 
Frau  Johanna  Caroline  von  Oertel  war  eine  geborene  Lange,  Tochter 
des  Bürgermeisters  und  kursächs.  Kriegsraths  Gottfried  Lange  in  Leipzig. 
Sie  heirathete  den  K.  Poln.  und  Kurf.  Sachs,  wirkl.  Hof-  und  Justizrath 
Freiherrn  Friedrich  Benedict  von  Oertel,  Erbherrn  auf  Döbitz,  der  1745 
6/1 1.  in  den  Reichsadelstand  erhoben  war.  Die  Familie  hielt  sich  in 
Weimar  auf,  verkehrte  vielfach  am  Hof  (Fourierbücher),  doch  wurde 
die  Frau  nur  selten  zur  Tafel  gezogen.  1779  hatte  die  Familie  mehrere 
noch  kleine  Töchter,  von  denen  Karoline  (geb.  1769  29.  Jan.  zu 
Weimar)  1798  18.  Nov.  den  Fürsten  Heinrich  von  Carolath-Beuthen 
(geb.  1750)  heirathete.  Nachdem  sie  am  i.  Febr.  18 17  Wittwe  geworden, 
heirathete  sie  in  zweiter  Ehe  den  Kammerherrn  und  adl.  Kreissteuer- 
einnehmer Johann  Friedrich  von  Ponickau.  Wie  es  scheint  ist  der 
1794  an  der  Regierung  zu  Weimar  angestellte  Christian  Ludwig  von 
Oertel  ein  Sohn  des  Benedict  von  Oertel,  der  jedenfalls  in  Weimar  so 
einflußreich  war,  daß  der  Sohn  unmittelbar  von  der  Universität  Jena 
kommend,  in  Weimar  bei  der  Regierung  Anstellung  fand.  Frau  v.  Oertel 
war  1741  geboren,  starb  68  Jahre  alt  zu  Weimar  1809;  ihr  Gemahl 
schon   1795  im  Februar. 

Mutter  Tugend  ist  kein  leerer  Name 
In  den  Töchtern  keimt  des  Guten  Saame 
Wenn  aus  ihren  zarten  Fingerspizzen 
Die  Eltern  blizzen. 

20.    Frau  V.  F  e  1  g  e  n  h  a  u  e  r. 

Frau   Christoph  Ludwig  Adolfs   v.  F.,   früher  Hofkammerrath,   später 

Geh.  Kriegsrath,  der  sich  auf  seinem  Gute  außer  Lande  aufhielt. 

Das  Weib  das  Gott  der  Herr  erschuf 
Schuf  er  zu  mancherlei  Beruf 
Allein  der  süfseste  von  allen 
Ist  der  den  Männern  zu  gefallen 
Wir  danken  Gott  zu  dieser  Frist 
Dafs  du  ein  Weib  geworden  bist. 


*  Corrigirt  aus  les  bonlieurs. 


UXBEKAWTE  NeUJAHRS-PoSSEX    GoETHES   UND   V.  SeCKEN'DORFI'S.    6i 

21.  Fräul.  V.  Wöllwarth.  [Seite  4.] 
Hofdame  der  Herzogin  Luise,  Marianne  Henriette  v.  W.,  Stiftsdame  zu 
Lippstadt.  Fielitz  giebt  folgenden  Zusatz:  Später,  1782,  30.  Sept.  ver- 
mählt mit  dem  Kammerherrn  und  Oberforstmeister  v.  Wedel,  der  sich 
lange  um  sie  bewarb.  G.-J.  IX,  7,  v.  Wedel  ist  danach  mit  dem  Hause 
Felgenhauer  verwandt,  seine  Mutter  stammte  aus  diesem  Hause.  — 
Wegen  ihrer  Trauung  verweise  ich  auf  das  Weimarische  Wochenbl.  1782, 
S.  315,  wonach  Herder  die  Trauung  vollzog. 

Hofnung  macht  wachsen 

Besonders  in  Sachsen 

Du  wärst  in  Schwaben 

Längst  schon  begraben. 

Hier  giebts  noch  Herzen 

Brennend  wie  Kerzen 

Wenn  sie  erloschen  sind 

Flugs  mit  ein  wenig  Wind 

Bläst  du  zusammen 

Feuer  und  Flammen 

Wohl  dir  wenns  gut  geräth 

[Erhörter  Wunsch  kommt  nie  zu  spät.]* 

22.   Frau  von  Lichtenberg. 

Frau  des  Rittmeisters  vomHerzogl.  Husarencorps  Friedrich  v.  Lichtenberg. 

Sophie  Marie  Karoline  von  Uten,  geb.  1755,   hatte  26.  Juni  1778  den 

Rittmeister  v.  Lichtenberg  geheirathet.    Nach  Klarmanns  Mitth.    Siehe 

Famihe  von  Kalb  S.  85  und  558. 

Dafs  schnell  dir  dieses  Jahr  verging 

Ist  eben  wohl  kein  Wunderding; 

Mit  gutem  Appetit  geniefen 

Vom  Morgen  bis  zum  Abend  külTen 

Und  fest  sich  an  den  Schnurrbart  schUeßen 

Kann  lange  Nächte  leicht  versüfsen 

Fast  weis  man  nicht  bei  deinem  Wohl 

Was  man  dir  weiter  wünschen  soll 

Als  etwa  nach  vollendeten  Redouten 

Einen  kleinen  schreienden  Rekroutten. 


*  [  ]  Später  von  Seidel  mit  größerer  Schrift  nachgeholt. 


62  Neue  Mittheiluxgek. 


2.   AN  DEN  SENAT  DER  FREIEN  STADT  BREMEN. 

Mitgetheilt  von  Ludwig  Geiger. 

Einem  Hohen  Senat 

Verehrung  und  Vertrauen! 

Niemand  wird  läugnen,  daß  demjenigen  ein  besonderes 
Glück  zugedacht  se}-,  der  sich  gern  und  mit  Freuden  seiner 
Vaterstadt  erinnert.  Mir  ist  es  geworden,  indem  ich  mich 
rühmen  darf,  durch  Geburt  einer  der  vier  Städte  an- 
zugehören, welche  ihre  Freyheit  von  den  ältesten  Zeiten 
her  bis  auf  den  heutigen  Tag  erhalten  haben. 

Gewiß  ist  kein  schönerer  Blick  in  die  Geschichte,  als 
derjenige  der  uns  belehrt,  wie  die  Städte  des  nördlichen 
und  südUchen  Deutschlands,  durch  Thätigkeit,  Rechtlich- 
keit, Zuverlässigkeit  die  bedeutendsten  Körper  gebildet, 
und  sowohl  über  dem  Meere  als  über  den  Bergen,  indem 
sie  Leben  und  Handel  verbreiteten,  sich  die  größten  Vor- 
theile  zu  sichern  wußten.  Daher  ist  solchen  Corporationen 
anzugehören  für  den  denkenden  und  fühlenden  Menschen 
von  der  größten  Wichtigkeit,  und  er  ehrt  sich  selbst,  wenn 
er  auszusprechen  wagt,  daß  er  des  treuen,  biedern  Sinnes 
seiner  frühsten  Stadtgenossen  sich,  auch  entfernt,  unter 
den  mannigfaltigsten  Umständen  und  Bedingungen,  nicht 
unwerth  zu  erweisen  das  Glück  hatte,  ja,  wenn  man  ihm 
das  Zeugniß  nicht  versagt,  daß  er  den  gemäßigten  Freysinn, 
eine  rastlose  Thätigkeit  und  geregelte  Selbstliebe,  wodurch 
seine  Mitbürger  ausgezeichnet  sind,  an  sich  in  den  viel- 
fältigsten Lagen  zu  erhalten  getrachtet  hat. 

Nehmen  deshalb  die  Hochverehrten  freyen  Städte, 
deren  jede  ich  mit  der  Empfindung  eines  Mitbürgers  be- 
trachten darf,  meinen  verpflichteten  Dank,  daß  sie  durch 
ein  entschieden  ausgesprochenes  Privilegium  mir  und  den 
Meinigen  die  ökonomischen  Vortheile  unablässig  bemühter 
Geistesarbeiten  haben  zusichern  wollen. 

Darf  ich  nunmehr  mit  der  Hoff"nung  schließen,  daß 
diese  glückliche  Einleitung  auch  künftighin  anderen  Mit- 
genossen der  literarischen  Welt  zu  Gute  kommen  werde, 


A\"  DEN-  Sekat  der  Freien'  Stadt  Bremen.  63 

SO  empfinde  den  Vorzug  doppelt  mich  eben  so  getrost  als 
verehrend  unterzeichnen  zu  können: 

Eines  Hohen  Senats 
ganz  gehorsamster  Diener 
gez:  Johann  Wolfgang  von  Goethe. 

Weimar,  den  16.  Januar 
1826. 

Auf  das  vorstehende  Schreiben  wurde  ich  aufmerksam 
gemacht  durch  eine  mir  von  Herrn  V.  Ruß  übersendete  Notiz 
aus  der  von  G.  Bäuerle  hgg.  Allg.  Theaterzeitung  in  Wien, 
6.  Juli  1826.  Die  Notiz  lautet:  »Vor  einiger  Zeit  hat  Goethe 
zwei  Danksagungsschreiben  an  den  Senat  zu  Bremen  ein- 
gesandt, das  eine  für  die  Ertheilung  des  Privilegiums  gegen 
den  Nachdruck  und  Verkauf  des  Nachdrucks  der  neuen  Aus- 
gabe seiner  Werke  in  Bremen  und  dessen  Gebiet;  das  andere 
Schreiben  für  die  Uebersendung  einiger  Flaschen  sehr  alten 
Rheinweins  aus  der  Rose  im  Bremer  Rathsweinkeller  zur  Zeit 
als  Goethe  von  seiner  letzten  schweren  Krankheit  genesen 
war«.  Auf  Grund  dieser  Notiz  wandte  ich  mich  an  den  Senat 
der  Stadt  Bremen  und  erhielt  durch  Vermittlung  meines  alten 
Göttinger  Universitätsfreundes,  des  Herrn  Archivars  Dr.  V\'. 
von  Bippen  den  oben  abgedruckten  Brief  zugleich  mit  der 
Notiz,  daß  ein  anderes  auf  eine  Weinsendung  bezügliches 
Schreiben  nicht  erhalten,  auch  in  den  Akten  keine  Bemerkung 
darüber  vorhanden  sei.  In  der  That  waren  die  Flaschen  kost- 
baren Weins  durch  Vermittlung  des  Bremer  Freundes  Nik. 
Meyer  an  Goethe  gelangt;  dieser  erhielt  auch  den  für  die 
Spende  bestimmten  Dankbrief  (4.  Jan.  1824,  Freundsch.  Br.  von 
G.  und  seiner  Frau  an  Nicolaus  Meyer,  Leipzig  1856,  S.  40  ff.). 

Aus  dem  Bremer  Rathsprotokoll  vom  20.  August  1823 
ist  nach  freundlicher  Mittheilung  W.  von  Bippens  Folgendes 
zu  entnehmen  : 

»Der  Präsident  theilte  einen  Privatbrief  des  Senators  Dr. 
Heineken  mit  (der  sich  damals  zum  Abschluß  einer  Weserschiff- 
fahrtsakte  in  Minden  befand),  worin  dieser  auf  den  ^Vunsch 
des  Regierungsraths  Dr.  N.  Meyer  anheim  gibt,  ihm  etwa  vier 
halbe  Flaschen  Rheinwein  aus  der  Rose  zukommen  zu  lassen, 
um  solche  dem  Herrn  Geheimrath  von  Goethe  zu  Weimar  zu 
dessen  nächstens  einfallenden  78^"^'^  (sie  f)  Geburtstage  als 
Geschenk  zuzustellen  u.  zeigte  an,  daß,  um  Aufschub  zu  ver- 
meiden, Bürgermeister  Nonnen  bereits  jenen  Wein  übersandt 
habe,  worüber  er  die  Rechnung  ad  10  ^  24  g  vorlegte. 
Natürlich  genehmigte  der  Senat  das.« 

»Das  Geschenk,«  so  fährt  W.  von  Bippen  fort,  »ist  so 
ungemein    dürftig,    daß  Goethe    vielleicht    gar   keinen    Anlaß 


64  Neue  Mittheilungen. 


gesehen  hat,  dafür  ein  Dankschreiben  loszulassen ;  vielleicht 
aber  hat  er  ein  solches  an  den  Senator  Heineken  gerichtet  und 
dieser  es  als  werthvolle  Reliquie  behalten.« 

Während  daher  das  erste  in  unserer  Quelle  genannte 
Schreiben  gar  nicht  geschrieben  wurde,  ist  das  zweite,  eben 
das  voranstehende,  abgeschickt  worden  und  erhalten.  Dies 
nach  Bremen  gerichtete  Schreiben  ist  im  Tgb.  14.  Jan.  1826 
notirt.  Nach  einer  Notiz  bei  Strehlke  (I,  S.  186)  soll  es  gleich- 
lautend mit  dem  nach  Frankfurt,  Hamburg  und  Lübeck  be- 
stimmten sein.  Da  das  Frankfurter  jedoch  (datirt  vom  13.  Jan.) 
nur  in  den  Grenzboten  von  1872,  also  an  einem  für  die 
Meisten  schwer  zugänglichen  Orte  gedruckt  ist  (daraus  in  einer 
Brochüre  1876),  so  wird  seine  Wiedergabe  nach  dem  Originale 
an  dieser  Stelle  erwünscht  sein.  —  Der  Brief  ist  datirt  und 
die  Unterschrift  von  »Eines«  an  eigenhändig,  der  Name  mit 
deutschen  Buchstaben  geschrieben.   — 

Auch  dies  Schreiben  hat  seine  Geschichte,  die  ich  gleich- 
falls mit  den  Worten  des  Herrn  v.  Bippen  angebe.  Der 
Frankfurter  Sj'ndicus  Danz  erstattete  darüber  einen  Bericht 
an  die  Städte  und  machte  den  Entwurf  eines  Privilegs,  den 
Frankfurt  acceptirte.  Bremen  und  Hamburg  faßten  das  Privileg 
im  wesentlichen  im  gleichen  Wortlaut  wie  Frankfurt  ab,  Lübeck 
in  etwas  abweichender  Form.  Alle  diese  Privilegien  wurden 
dem  sachsen-weimarschen  Bundestagsgesandten  zur  Beförde- 
rung an  Goethe  übergeben.  Die  Ausfertigung  der  Privilegien 
geschah  von  allen  vier  Städten   im  November  25. 

Danz  hatte  dies  mit  Schreiben  vom  23.  October  bei  Bremen, 
Hamburg  und  Lübeck  betrieben.  Er  schickte  mit  diesem 
Schreiben  Abschrift  eines  Schreibens  Goethes  an  ihn'  ein, 
von  dem  ich  Abschrift  anlege.  Danz  schreibt  dazu:  »Herr 
von  Göthe  will  nun  schlechterdings,  wie  es  scheint,  ein  be- 
sonders ausgefertigtes  Privilegium,  und  es  genügt  ihm  nicht 
an  anderen  förmlichen  Zusicherungen,  welches  erstere  ohne 
Zweifel  auf  den  Preis  des  Verlagsrechts,  bey  welchem  sich 
die  Buchhändler,  wie  die  Fama  sagt,  überbieten  sollen,  von 
bedeutendem  Einfluß  ist«.  Danz  räth  deshalb,  die  Städte 
möchten  nun  die  Privilegien  ausfertigen  und,  wie  oben  gesagt 
ist,  mit  ihnen  verfahren,  denn  »ohne  eigene  Anschreiben 
(sc.  von  Goethes  Seite)  die  Uebersendung  unmittelbar  zu 
bewirken,  das  scheint  mir  doch  in  der  Höflichkeit  zu  weit 
gegangen  zu  sein«. 

'  Hier  muß  ein  Irrthum  obwalten,  denn  das  Schreiben  vom 
17.  October  1825  ist  nicht  an  ihn,  sondern  an  Herrn  v.  Leonhard  in 
Frankfurt  a.  M,  Vgl.  Tgb.  zum  genannten  Tage.  Der  Brief  ist  mit 
der  Angabe  des  richtigen  Adressaten  gedruckt,  Grenzboten  1874,  Nr.  33, 
vgl.  Strelilke,  Bd.  I,  sub  Leonhard.  —  L.  G. 


"^S- 


MiTTHEILL'XG    AUS   HaNDSCHRH-TEN'.  65 

3.   MITTHEILUNG  AUS  HANDSCHRIFTEN. 

L.  F.  Ofterdinger  hat  in  diesem  Jahrbuch,  Band  7, 
S.  274 — 5  von  einigen  Goethehandschriften  der  Freiherr!, 
von  Mauclerschen  Bibliothek  auf  Schloß  Ober-Herrlingen  bei 
Ulm  Mittheilung  gemacht  und  dabei  auch  einiger  Blätter  mit 
verwischten  Schriftzügen  Erwähnung  gethan,  deren  Entzifferung 
nicht  gelungen  war.  Diese  Blätter  habe  ich  durch  die  Güte 
Sr.  Excellenz  des  Freiherrn  von  Maucler  in  Muße  einsehen 
dürfen.  Auf  dem  einen  finden  sich  oben  von  der  Hand  des 
Schreibers  John  die  Worte :  Gegen  Ende  des  Jahres  ergaben. 
Das  von  John  nicht  weiter  benutzte  Blatt  hat  dann  Goethe 
in  seiner  haushälterischen  Weise  zu  verschiedenen  Entwürfen 
und  Skizzen  verwendet.  Zunächst  zu  einem  Briefentwurf,  der 
zum  Zeichen  der  Erledigung  durchstrichen  ist : 

1.  Sind  die  Graphischen  Darstellungen  vom  Oktober  und 
November  7üieder  nach  Jena  gelangt? 

2.  Sind  Z7i'ey  Hefte  der  von  Zachschen  Corr(espondenz) 
von  hier  übersendet  worden? 

j.  IVas  befindet  sich  noch  von  Graph(ischen)  Darstellungen 
hier  welches  hinüber  zu  senden  wäre,  vielleicht  einige  Blatt  gen  (?) 
von  Wien  und  Carlsbad. 

4.  Wünschte 

Der  mit  3.  bezeichnete  Absatz  lautete  in  erster,  durch- 
strichener  Form: 

Dabey  lagen  tabellarische  Bar(ometer)  Stände  (?)  von  Abo 
und  Tilsit  mit  Jena  (?).  Für  vielleicht  einige  Blättgen  (?) 
von  Wien  und  Carlsbad  stand  zuerst:  z.  B.  von  Carlsbad  und 
Wien  auf  kleinen  Blättgen  (?). 

Die  andere  Seite  dieses  Blattes  enthält  einige  inter- 
essantere Stücke.  Zunächst  drei  unbekannte  Faustverse  aus 
dem  Helenaakt: 

£rst  gings  nach  Sparta  Taillig  fandet  ihr  Euch  ein 
Doch  wars  nicht  Sparta  euch  und  uns  gefiels  nur  so 
Jetzt  sind  tvir  in  der  Ritterlichen  Burg. 

Die  Verse  waren  wohl  für  Mephisto  bestimmt.  Man 
könnte  noch  an  die  Chorführerin  Panthalis  denken,  aber  euch 
und  uns  paßt  nicht  recht  für  sie.  Glücklicherweise  hat  Goethe 
auf  diese  übermäßig  deutliche  Kennzeichnung  des  Ganzen  als 
Phantasmagorie  verzichtet.  Unter  diesen  Versen  steht  der 
folgende  Entwurf: 

Wußte  man  von  diesen  schönen  Verfahren  nichts  in  Frank- 
reich und  Italien,  oder  vernachlässigte  man  sie  vielleicht  weil 
die  großen  Analytiker  des  vorigen  Jahrhunderts  die  Analy- 
tischen Methoden  bewunderten,  die  bey  dem  geometrischen  Ver- 
fahren (?)  Linien  zu  finden  und  zu   beweisen,    dasjenige  tcas 

Goethe-Jahrblcu  XXV.  J 


66  Neue  Mittheilungen. 


leicht  ivar  erscJnverten.    Diesen  Fehler  bemerkt  jnau  überhaupt 
an  de?i  Mathematikern  unserer  Tage. 

Auf  der  Innenseite  eines  halben  blauen  Buchumschlags 
findet  sich,  mit  Rötel  durchstrichen,  ein  Schema  für  die  »Tag- 
und  Jahreshefte«  : 

1801  Pyrmont  Göttingen 

1802  Lauchst(ädt)  Theater  in   JF(eimar)  und  Jena 
j8oj  Zu  Hause  Wolf 

Grimmer  Nat(ürliche)  Tochter 
1804  Litt(eratur)  Z(eitung)  v.  Stael 
i8oj  Schillers  Tod 

1806  Carlb(ad)  Invas(ion) 

1807  Jena,  B  .  .  .  cht   Wolf 

1808  Erf(urter)  Congr(eß) 

Die  Jahre  1805 — 8  stehen  vor  1801— 4.  Ueber  Grimmer 
vgl.  Weim.  Ausg.  35,   149,   2. 

Die  am  Schlüsse  von  Ofterdingers  Mittheilung  erwähnten 
Zeilen  lauten: 

jj.  Dieses  Gedicht  begleite(te)  Ein(e7i)  verschlungenen 
Lorbeer  und  My(r)tenkranz  zum  Symbol  eines  in  Liebe  und 
Dichtung  wetteifernden  Paares  xvie  Hatem  und  Suleika. 

44..  Zu  ei?i(em)  trefflichen  Blume?i  Gemälde  in  dem  reichsten 
Rahmen. 

Es  sind  Entwürfe  zu  Nr.  42  und  41  der  »Aufklärenden 
Bemerkungen«,  die  Goethe  der  Gedichtabtheilung  »Inschriften, 
Denk-  und  Sendeblätter«  beifügte.  In  der  endgiltigen  Fassung 
(Weim.  Ausgabe,  Band  4,  S.  81,  Z.  18  —  22)  haben  sie  außer 
der  veränderten  Bezifferung  auch  einige  Textänderungen  er- 
fahren. — 

Die  Blätter  gehören,  wie  ihr  Inhalt  zeigt,  dem  Jahre 
1825  an.  Max  Morris. 


B.  Mittheilungen  von  Zeitgenossen  an  und  über  Goethe. 

I.    EIN   ANTICIPIRTES   PHYSIOGNOMISCHES   URTHEIL 
LA  VATERS  ÜBER  GOETHE. 

Mitgetheilt  von  Alfred  Stern. 

In  dem  reichen  Lavater-Archiv,  das  die  Verwaltung  der 
Stadt-Bibliothek  Zürich  der  Forschung  auf  liberale  Weise 
eröffnet  hat,  befindet  sich  wenigstens  in  Bruchstücken  auch 
die  Korrespondenz  Lavaters  mit  Johajin  Konrad  Deinet.  Es 
ist  nicht  nöthig  an  dieser  Stelle  über  diesen  Mann,    den  be- 


Ein  AXTicii'iRTKS  PHVsioGX.  Urthf.il  Lavaters  über  Goethe.   67 

kannten  Herausgeber  der  »Frankfurter  Gelehrten  Anzeigen«, 
ausführlich  zu  sprechen.  (Vgl.  Goethe-Jahrbuch  X,  171  ff.  und 
die  Register  s.  v.  Deinet,  ebenso  das  Register  zur  Einleitung 
von  Seufferts  Neudruck  der  Frankfurter  Gelehrten  Anzeigen 
vom  Jahre  1772,  Heilbronn  1882,  1883.)  Lavater  stand  mit 
ihm  seit  1772  in  brieflicher  und  geschäftlicher  Verbindung. 
Seine  an  Deinet  gerichteten  Briefe  haben  sich,  wenigstens  für 
die  Jahre  1772  — 1775  abschriftlich  in  Zürich  erhalten.  Häufig 
wird  Goethe  in  diesen  Briefen  erwähnt.  Die  merkwürdigsten 
Stellen  der  Art  hat  Fi/nck:  Goethe  und  Lavater.  Weimar  1901, 
Schriften  der  Goethe-Gesellschaft  XVI,  S.  382,  t^2>^  abgedruckt 
oder  ausgezogen  (vgl.  daselbst  das  Register  s.  v.  Dei/iet). 
Eine  Stelle  jedoch,  die  er  übergeht,  verdient  wohl  hier  mit- 
getheilt  zu  werden.  Sie  lehrt  uns  auf  beinahe  erheiternde 
Weise,  welche  Vorstellung  der  Physiognomiker  Lavater  a  priori 
von  dem  Verfasser  des  Götz  sich  machte.  Die  Wirklichkeit 
entsprach,  wovon  er  selbst  sich  bald  überzeugen  konnte,  frei- 
lich kaum  in  einem  Zuge  seiner  Phantasie. 

Lavater  an  Deinet,   22.  Oktober  1773. 

. .  .  Meine  Verse  werden  Sie  erhalten  haben ich, 

so  sehr  ich  blange  (ob  Sie  dies  gute  Schweizer  Wort  ver- 
stehn,  weiß  ich  nicht?)'  Goethes  Porträt  noch  nicht  — 
Vielleicht  morgen,  eh  dieser  Brief  abgeht.  Jtzt  Freytags 
Abends  um  10  Uhr  —  will  ich  Ihnen  also,  eh'  ich  das 
Porträt  vor  mir  sehe,  sagen,  wie  ich  mir  Goethen  un- 
gefähr vorstelle  —  und  auf  meine  ganze  Ehrlichkeit  ver- 
sichere ich  Sie,  daß  ich  von  seiner  Gesichtsbildung  noch 
nicht  das  mindeste  weiß. 

Unter  einem  hohen  Duppe*  stelleich  mir  eine  schräge, 
spitze  Stirn  —  mit  einem  starken  Vorbug  bey  den  Augen- 
braunen —  ein  helles  blaues  Aug,  davon  wenigstens  das 
Eine  bis  fast  auf  die  Mitte  sich  zusenkt  —  eine  entweder 
stark  gebogne  große  —  oder  dann  sehr  feine  kleine  Nase, 
die  fast  nicht  zu  zeichnen  ist,  vor  —  den  Mund  sehr  sicht- 
bar, viel  Drucker  in  der  Mittel  Linie  —  einen  vom  Ende 
vorwärts  gehenden  Schatten  an  der  OberUppe  —  die  Unter- 
Lippe  —  Yorikisch,'  uneben,  eckigt  —  einen  Einschnitt  am 

'  B'langen  =  Sehnsucht  empfinden.  S.  Schweizer  Idiotikon,  III,  1534. 
*  So  statt  Toupet. 

5  Vgl.  Hamlets  Bemerkung  beim  Anblick  des  Schädels  Yoricks 
^Akx  5,  Scene  i):  »Quite  chap-fallen«. 

5* 


68  Neue  Mittheiluxgen. 

Kinn  —  ein  sehr  rundes  vorwärts  gehendes  Kinn  —  und 
beym  Ohr  herab  einen  eckigten  Kinnbacken  —  einen 
schlanken  Leib  —  ein  stark  gezeichnet  Ohr  —  viel  Züge, 
Muskeln,  Zickzag,  mahlerische  Zwick  im  ganzen  Gesicht. 
Für  alles,  was  Sie  mir  von  ihm  sagen  —  dank  ich 
Ihnen  —  aber,  ich  glaube  —  dennoch  —  an  ihn  — 


2.   BRIEFE  DER  FRAU  SOPHIE  VON  SCHARDT 

AN  DEN  FREIHERRN 
CHRISTOPH  ALBRECHT  VON   SECKENDORFF. 

Mitgetheilt  von   Karl  Obser. 

Unter  den  hinterlassenen  Papieren  des  badischen  Staats- 
ministers Freiherrn  Christoph  Albrecht  von  Seckendorff,  die 
mir  unlängst  zur  Durchsicht  überlassen  wurden,  fiel  mir  eine 
Anzahl  von  Briefen  aus  den  Jahren  1788  — 1791  in  die  Hände, 
deren  auszugsweise  Mittheilung  an  dieser  Stelle  in  mancherlei 
Hinsicht  gerechtfertigt  erscheinen  dürfte.  Nicht  blos,  weil  sie 
neben  manch'  treffendem  Urtheile  über  Personen  und  Ver- 
hältnisse eine  lebendige  Schilderung  der  Weimarer  Gesellschaft 
enthalten,  sondern  vor  allem  auch  weil  sie  der  Feder  einer 
Frau  entstammen,  deren  Name  mit  der  Literaturgeschichte 
jener  Zeit  vielfach  und  in  bedeutsamer  Weise  verknüpft  ist. 
Ich  meine  die  Tochter  des  hannövrischen  Kanzleidirektors 
von  Bernstorff,  Sophie  von  Schardt.  Ueber  ihren  Lebenslauf 
sind  wir  durch  Düntzer  eingehend  unterrichtet,  die  Grundzüge 
ihres  Wesens  hat  Haym  meisterlich  gezeichnet. '  Ihrer  Jugend, 
die  sie  im  Hause  ihres  Oheims,  des  bekannten  dänischen 
Ministers  von  Bernstorff  verbrachte,  war  Klopstock,  dem  sie 
zeitlebens  dankbare  Verehrung  bewahrte,  ein  Führer  und 
Bildner.  Zweiundzwanzigjährig  kam  sie  als  Gattin  des  Geh. 
Regierungsraths  von  Schardt  im  Jahre  1778  nach  Weimar  und 
schloß  sich  hier  dem  auserlesenen  Kreise,  der  sich  um  Goethe 
und  Herder  schaarte,  aufs  innigste  an.  Goethe,  der  ihr  durch 
ihre  Schwägerin,  Frau  von  Stein,  näher  trat,  verkehrte  gerne 
und  häufig  mit  ihr  und  schätzte  ihr  »gutes,  treffliches  Wesen«  ; 
in    seinen    Briefen    gedenkt    er    oft   der    »Kleinen«    oder    der 

'  U.  Düntier,  Zwei  Bekehrte  ("Zacharias  Werner.  —  Sophie  von 
Schardt),  288—466;  Haym,  Herder,  II,  42  —  50;  Gaederti,  Zwei  Damen 
der  Weimarer  Hofgesellschaft.  Westermanns  Monatshefte,  Band  71.. 
550 — 58.     Mit  Schattenriß. 


Briefe  der  Frau  Sophie  v.  Schardt  ax  v.  Seckexdori  r.     69 

»lieben  Unschuld«,  wie  er  sie  nennt:  ihr  und  andern  im 
November  Geborenen  widmet  er  1783  sein  »Novemberlied«.' 
x\uf  Herder,  der  ihr  I-ehrer  im  Griechischen  wurde,  übte  der 
Zauber  ihrer  Erscheinung  und  der  Reiz  des  persönlichen  Um- 
gangs einen  tiefen  Einfluß  aus,  in  ihrem  heiteren,  lebensfrohen 
Gemüth  fand  er  ein  »Gegengewicht  gegen  die  Schwere  seines 
eigenen  Wesens«.  Ihrer  Anregung  verdanken  wir  seine  Rück- 
kehr zum  poetischen  Schaffen,  seine  »Paramythien«,  und  mehr 
als  freundschaftliche  Gefühle  verrathen  zeitweise  die  Huldi- 
gungen, die  er  ihr  in  seinen  Briefen  darbringt. 

Eine  zierliche,  bewegliche  Gestalt,  mit  feinen  Gesichts- 
zügen, keckem  Stumpfnäschen  und  dunkeln  begehrlichen  Augen, 
dabei  klug,  geistvoll  und  gebildet,  in  hohem  Cirade  empfäng- 
lich für  Poesie,  für  Sprachen  vorzüglich  begabt,  voll  Interesse 
für  alles,  was  um  sie  vorging,  auch  für  die  politischen  Ereig- 
nisse, anmuthig  und  lebhaft,  nicht  ohne  Koketterie  und  einen 
Hauch  von  Sinnlichkeit :  so  wird  uns  ihre  Erscheinung  und 
ihr  Wesen  geschildert.  Auch  in  den  Schriftstücken,  die  hier 
folgen,  offenbart  sich  manche  dieser  Eigenschaften,  nicht  zum 
mindesten  die  »Gabe  des  Schalksinns«,  die  an  ihr  gerühmt 
wird,  und  die  ihr  eigene  Vorliebe  für  englische  Art  und  Sitte. 
Mit  Begeisterung  begrüßt  sie,  die  »Republikanerin«,  gleich 
Herder  und  Knebel  die  Anfänge  der  französischen  Revolution, 
die  Zerstörung  der  Bastille,  aber  der  weitere  Verlauf  der  Dinge 
erfüllt  sie  mit  Sorge  und  voll  Abscheu  wendet  sie  sich  schon 
im  December  1791  von  dem  Bilde  wüster  Anarchie  ab.  Neben 
dem  regen,  verständnißvollen  Interesse  für  »Freund  Goethe« 
spricht  aus  den  vorliegenden  Blättern  vor  allem  die  warme,  herz- 
liche Theilnahme  für  Herder,  die  auch  da  zum  Ausdruck  gelangt, 
wo  Familienrücksichten  damit  in  Conflikt  zu  gerathen  drohen. 

Die  Briefe  sind  sämmtlich  gerichtet  an  den  Freiherrn 
Christoph  Albrecht  vo?i  Sechen do/-ff,^  einen  Bruder  des  früh- 
verstorbenen Weimarer  Kammerherrn  Sigismund  von  S.,  der 
dem  Goethekreise  angehörte,  und  den  Vater  jenes  Leo  von  S., 
der  in  den  Jahren  1798  — 1802  als  weimarischer  Regierungs- 
assessor in  jenem  Kreise  verkehrte  und  sich,  wie  sein  Oheim 
Sigismund.  auch  schriftstellerisch  hervorthat.  Er  war  im 
Sommer  1788,  nach  seinem  Rücktritte  als  ansbachischer  Finanz- 
minister, zu  kurzem  Aufenthalt  nach  der  kleinen  Residenz  an 
der  Um  gekommen  und  im  Hause  seines  Schwagers  von  Tettau 
zu  Sophie  von  Schardt  in  freundschaftliche  Beziehungen  ge- 
treten, die,  wie  ihr  Briefwechsel  zeigt,  auch  nach  seiner  Ueber- 
siedelung  nach  Regensburg,  wo  er  die  Vertretung ^^'ürttembergs 
beim  Reichstage   übernahm,    noch   einige  Jahre   fortdauerten. 


Goethe-] ahrhuch,  4,  241. 

Geb.  12.  Juni  1748,  f  5'  Sept.  1834. 


Neue  Mittheiluxgex. 


I. 

Weimar,  19  Juni  1788. 
.  .  .  L'ami  Goethe  est  revenu  hier  au  soir  tard;  on  dit 
que  la  duchesse  mere  remuera  ciel  et  terre  pour  l'engager 
ä  retourner  avec  eile  en  Italic;  jusqu'ä  present  il  n'y  a  pas 
ä  y  penser  qu'elle  demeure  ici :  tous  les  preparatifs  se  fönt 
Sans  interruption.  —  Le  duc  est  de  retour,  il  dit  qu'il  res- 
terait  ici  jusqu'ä  la  revue  prochaine:  —  ich  habe  es  nachgerade 
recht  satt,  imfiier  heriim:(_Hreisen,  m'a-t-il  dit  lui-meme.  .  .  . 
Mr.  de  Dalberg  (Fritz)  est  venu  en  meme  temps,  il  nous 
a  fait  beaucoup  de  plaisir  par  sa  societe  et  par  les  sons 
harmonieux  de  son  clavecin  et  de  ses  compositions.  En 
revanche,  il  nous  enleve  Herder  qui  l'accompagne  en  Italie'; 
ce  qu'il  y  a  de  singulier  c'est  que  la  gazette  a  prophetise 
cela,  avant  qu'il  en  etait  rien.  Allant  ä  Carlsbad  le  25  de 
ce  mois,  nous  ne  retrouverons  plus  Herder.  —  La  Herder 
donne  l'exemple  du  desinteressement,  on  n'ose  s'affliger, 
lorsqu'elle  dit,  qu'elle  en  est  contente,  eile  doit  mieux  savoir 
que  personne,  ä  quel  point  cette  eloignement,  cette  dis- 
traction  lui  est  necessaire;  il  y  aurait  succombe,  s'il  etait 
demeure  enferme  ici.  II  faut  se  dire  qu'il  reviendra,  que 
nous  le  reverrons  plus  en  etat  de  vivre  pour  nous  tous 
qu'il  ne  Test  actuellement.  Ne  doit-il  pas  se  mettre  au  dessus 
des  jugements  vulgaires  qui  jugent  de  lui  comme  d'un 
homme  vulgaire?  .  .  . 

2. 

Weimar,  26  Sept.  1788. 
....  Nos  voyageurs  d'Italie  se  portent  bien  asteure,* 
quoique  m"'  de  Goechh[ausen]  a  ete  malade  et  tres  mal 
en  chemin.  La  duchesse  a  passe  dans  sa  voiture,  en 
sortant  de  Verone,  l'auberge  011  Dalberg  et  Herder  etaient 
ä  la  fenetre,  Ignorant  mutuellement  de  s'etre  trouves  au 
meme  endroit.     Herder  a  tout  ä  fait   ignore    que    m"*  de 


'  Vgl.  Hayni,  Herder,  2,  400  ff. 

^  Sic!  Das  Wort  kehrt  in  der  gleichen  Schreibweise  in  den  Briefen 
noch  öfter  wieder.  Vielleicht  vulgär  statt  »ä  cette  heure«,  was  in  allen 
Fällen  dem  Sinne  nach  passen  würde. 


Briefe  der  Frau  Sophie  v.  Schardt  an  v.  Seckexdorff.     "1 

Seck[endorff J '  etait  de  cette  partie  et  ce  n'est  qu'ä  Augsburg 
qu'il  l'a  appris  un  jour  avant  leur  arrivee.  Je  vous  assure, 
(mais  en  confidence)  qu'il  n'en  fut  pas  agreablement  surpris, 
et  que,  en  plusieurs  sens,  cela  lui  gdte  la  satisfaction  qu'il 
eut  d'ailleurs  retire  de  ce  voyage  .... 

Goethe  a  acquis  par  son  voyage  et  par  la  liberte  dont 
il  jouit  et  Sans  doute  par  l'espoir  de  retourner  en  Italie  une 
gaiet^  qu'il  n'a  pas  eue  depuis  longtemps,  —  je  pense  que 
ses  ouvrages  litteraires  se  ressentiront  de  l'air  de  l'Italie 
exempt  de  nos  frimas.  Sans  doute  vous  avez  vu  la  nouvelle 
edition  qui  parait  de  ses  oeuvres. 

Vous  aurez  dans  ce  cas  remarque  la  tragedie  d'Egmont 
qui  est  imprimee  pour  la  premiere  fois  et  qui  a  bien  de 
beautes.  Tandis  que  nous  regardons  l'Italie  comme  le  but 
de  tous  nos  souhaits,  d'autres  nations  viennent  dans  le  fond 
de  la  Thuringe  pour  se  former  ici  l'esprit  et  le  coeur.  Ce 
n'est  pas  en  vain  qu'on  parle  de  la  docte  cour  de  Weimar. 
II  y  a  actuellement  5  jeunes  Anglais  ici.  Cet  ete  nous 
avions  la  famille  de  Gores  qui,  dit-on,  reviendra  au  prin- 
temps.  II  vaudrait  mieux  que  non.  Car  cette  belle  passion 
du  duc  pour  la  belle  Emilie  n'aboutit  ä  rien  qu'ä  ennuyer 
tout  le  reste  du  monde.  Vous  auriez  du  voir  ces  assem- 
blees  journalieres  chez  la  duchesse  regnante  oü  tout  le 
monde  en  etait  ä  ne  savoir  quel  saint  invoquer  pour  sou- 
tenir  la  conversation  mourante,  lui  seul  etait  ä  son  aise  et 
heureux  de  regarder  Emilie,  sans  dire  mot.  Au  reste  ces 
miss  Gores  sont  de  bien  aimables  et  charmantes  personnes, 
rien  de  plus  agreable  que  leur  societe,  si  on  savait  menager 
ses  plaisirs;  il  ne  faut  jamais  boire  une  coupe  jusqu'ä  la 
lie,  surtout  celle  de  l'amitie  et  de  la  societe.  Pour  moi, 
j'aime  beaucoup  ces  miss  Gores,  je  me  suis  meme  liee  avec 
l'ainee  qui  a  un  excellent  caractere,  la  cadette  qui  est  plus 
belle   est  bien  bonne   aussi.    Leur   amie,  m""^  de  Trebra^ 

'  Geb.  von  Kalb,  Wittwe  Sigismunds  von  Seckendorfif  und 
Schwägerin  Christoph  Albrechts.  Sie  schloß  sich  Dalberg  und  Herder 
als  Reisegefährtin  an.    Hayiii,  Herder,  i,  400. 

*  Wohl  eine  Verwandte,  vielleicht  Schwägerin,  des  mit  Goethe 
befreundeten  Berghauptmanns  Friedr.  Wilhelm  von  Trebra  (1740—  1 819). 
Sirehlke,  Goethes  Briefe,  2,  329. 


72  Neue  Mittheiluxgek. 


HoUandaise,  a  passe  ici  quelques  jours,  c'est  une  femme 
tres  aimable;  eile  a  engage  une  de  ses  amies  m™^  de  Dankel- 
raann,  veuve  d'un  gouverneur  de  Batavia,  de  venir  s'etablir 
ici  avec  deux  fils  encore  enfants  .... 

3- 

Weimar,  13  Febr.  1789. 

....  M""  de  Dalberg  et  m""*  de  Seckendorff  sont  alles 
ensemble,  tandis  que  Herder  s'est  Joint  ä  la  duchesse  pour 
se  rendre  ä  Naples,  il  parait  qu'il  a  entierement  quitte  la 
societe  de  Dalberg,  ayant  eu  son  logis  et  table  ä  part  depuis 
longtemps,  et  des  qu'ils  furent  etablis  ä  Rome.  Je  pense 
qu'il  reviendra  seul,  malgre  la  depense,  si  la  duchesse  tarde 
trop  ä  revenir  .... 

En  attendant  nos  amusements  d'hiver  sont  aussi  varies 
que  le  permet  le  local  de  Weimar;  nous  dansons  toutes 
les  semaines  et  outre  cela  il  3'  a  souvent  de  petits  bals 
particuliers.  Ce  sont  les  Anglais  qui  mettent  cela  en  train. 
Outre  les  comedies  sur  le  theatre,  nous  en  avons  d'un  genre 
tout  particulier  qui  se  donne[nt]  dans  la  maison  du  pauvre 
mr.  de  Werthern ;  il  a  epouse  une  jeune  et  belle  femme, 
fille  du  vice-chancellier  Ziegesaar  de  Gotha.'  Celui-lä  avec 
son  epouse  et  tous  ses  enfants  demeurent  ici  chez  le  eher 
beau-fils  et  ne  peuvent  partir,  parce  que  la  belle-mere  s'est 
mis  en  tete  de  vouloir  etre  somnambuliste.  J'allais  voir 
ce  spectacle  comme  les  autres  avec  une  curiosite  reelle, 
parce  que  plusieurs  personnes  sensees  assuraient  qu'il  etait 
vrai  qu'elle  lisait  avec  les  doigts,  connaissait  le  monde  en 
touchant  les  mains,  entendait  par  le  petit  doigt  gauche, 
etait  au  reste  sourde,  aveugle  et  muette.  En  arrivant  eile 
me  prit  la  main  qu'elle  n'avait  NB !  jamais  de  sa  vie  touchee 


'  Der  Kammerherr  und  Stallmeister  von  Werthern  hatte  sich  nach 
Scheidung  von  seiner  ersten,  durch  den  Bergrath  von  Einsiedel  ent- 
führten Frau,  Emilie,  geb.  von  Münchhausen,  1788  mit  einer  Tochter 
des  gothaischen  Vicekanzlers  Aug.  Friedr.  Karl  von  Ziegesar  und 
Schwester  der  aus  Goethes  Briefen  bekannten  Sylvia  von  Z.  vermählt. 
Gaederti,  Zwei  Damen  der  Weimarer  Hofgesellschaft,  Westermanns 
Monatshefte,  Bd.  71,  558  ;  Strehlke,  Goethes  Briefe,  2,  450. 


Brieie  der  Frau  Sophie  v.  Schardt  ax  v.  Seckexdorff.     73 

auparavant  et  puis  ccrivit  dessus :  Seh  : ,  Je  l'aurais  certaine- 
ment  crue  inspiree,  s'il  ne  m'avait  pas  paru  clair  comme  le 
jour  qu'elle  voyait  aussi  bien  que  moi.  Jamals  vous  n'avez 
vu  une  femme  jouer  la  comedie  avec  si  peu  d'habilete, 
et,  Dieu  merci,  personne  n'y  croit  plus  ä  l'heure  qu'il  est, 
excepte  le  eher  mari  Ziegesaar  qui  embarrasse  tout  le  monde 
par  la  part  qu'il  veut  qu'on  prenne  ä  sa  merveilleuse  epouse 

et  sa  merveilleuse  maladie ' 

Notre  President  de  la  chambre  mr.  Schmidt  quelque 
loyal  et  bon  qu'il  soit,  ne  parait  pas  repondre  tout  ä  fait 
aux  esperances  qu'on  avait/  Vraiment  je  crois  qu'on  peut 
dire  —  sans  marquer  qu'on  ait  des  prejuges  —  qu'il  a  le 
defaut  de  n'etre  pas  un  homme  de  qualite.  Une  certaine 
adulation  pour  le  prince  qui  dirige  meme  son  jugement 
propre,  lui  öte  le  tacte  et  le  courage  de  parier  ä  propos. 
Notre  duc  a  plus  d'esprit  que  tous  ses  ministres,  cela  lui 
rend  son  röle  plus  difficile,  parce  qu'il  n'a  personne  qui 
Teclaire  et  le  soutienne  comme  il  faudrait.  Et  ses  amis 
quelques  talents  qu'ils  aient  n'ont  pas  celui-lä.  Au  reste 
soyons  Contents  —  notre  prince  a  assurement  une  volonte 
noble  et  bonne,  il  sent,  il  aime  la  verite,  laissez  le  etre 
moins  distrait  par  ses  passions,  moins  ennuye  du  repos,  et 
on  verra  que  tout  ira  fort  bien  sous  sa  direction.  II  a  com- 
mence  depuis  peu  ä  faire  batir  dans  le  chateau  brüle,  c'est 
ä  dire  on  est  ä  y  transporter  les  materiaux  pour  cet  effet, 
voilä  un  amusement  utile.  Si  les  Gores  reviennent  ici  de 
temps  en  temps,  —  quel  mal  y  a-t-il,  si  cela  le  desennuye  ? 
ce  sont  apres  tout  des  personnes  aimables  et  vertueuses, 
et  les  attentions  que  le  duc  leur  temoigne  ne  sont  qu'un 
peu  ennuyeuses  pour  la  cour,  sans  doute  il  ne  faudrait  pas 
qu'ils  fussent  toujours  ä  charge  ä  la  duchesse,  comme  cet 
ete,  —  aussi  eile  evitera  cela  certainement.'  Cependant  la 
duchesse  souhaite  qu'ils  ne  reviennent  pas  et  moyennant 


'  Auch  Goethe  spielt  in  einem  Briefe  an  Karl  August  vom  19.  Febr. 
1789  auf  die  verunglückten  Experimente  an.    Briefe  (Weim.  Ausg.)  9,  86. 

*  Kammerpräsident  Job,  Christoph  Schmidt. 

3  Ueber  das  Verhältniß  der  Herzogin  Luise  zu  den  Gores  vgl. 
El.  von  Bcjanmvski,  Luise  Großherzogin  von  Sachsen -Weimar,  2i7fF. 


74  Neue  Mittheiluxgen. 


cela  nous  souhaitons  aussi  de  bon  coeur  qu'ils  demeurent 
ä  Berlin  oii  je  crois,  comme  vous,  que  le  prince  a  ete  attire 
par  deux  beaux  yeux  .... 

La  duchesse  se  porte  toujours  bien,  nous  aurons  un 
prince  ä  la  fin  d'avril. 

Je  suis  süre  que  vous  prenez  part  au  sort  de  cette 
ch^re  princesse,  —  eile  le  merite  bien,  plus  on  approche 
d'elle,  plus  eile  attache,  eile  me  fait  souvent  venir  chez 
eile  pour  jouer  avec  eile  aux  echecs  .... 

C'est  assez  vous  parier  de  nos  jeux,  affaires  et  amuse- 
ments.  Cependant  il  me  reste  ä  vous  repondre  touchant 
Goethe. 

II  aime  le  duc,  il  l'aime  de  coeur,  et  cela  le  retiendra 
ici  pour  des  annees,  mais  il  semble  qu'il  croit  mieux  le 
servir,  en  l'aimant,  qu'en  occupant  des  places  en  son  service. 
Le  temps  fera  voir  si  ou  quels  conseils  il  lui  donne  :  je 
pense  toujours  que  le  duc  peu  ä  peu  s'attachera  ä  son  pays. 
Au  reste  Goethe  a  vraiment  rajeuni,  il  s'en  faut  peu  qu'il  ne 
devienne  aussi  careless,  aussi  heureux  que  son  Egmont .... 

4- 

Weimar,  12  Sept.  1789. 

Mit  Spannung  verfolgen  die  Weimarer  Kreise  die  poli- 
tischen Ereignisse :  nnous  prenons  vivement  parti  pour  et  contre 
ceux  qiii  dirigent  les  evenenienls.«- 

La  France  nous  interesse  surtout,  effectivement  cela 
regarde  toute  l'humanite.  Moi  qui  suis  repubhcaine  de  coeur, 
je  me  suis  rejouie  de  voir  cette  funeste  Bastille  detruite 
de  fond  en  comble  et  Necker  rappele,  j'esperais  qu'on 
verrait  naitre  une  Constitution,  comme  celle  d'Angleterre 
ou  meilleure  encore,  du  sein  des  ruines  du  despotisme, 
mais  le  desordre  general,  la  chüte  d'une  noblesse  innocente, 
l'anarchie  funeste  qui  detruit  tous  les  liens  sociaux,  tous 
ces  maux  venus  ä  la  suite  de  la  revolution  decouragent 
les  plus  zeles  amis  de  la  veritable  liberte,  non  sur  les  idees 
qui  demeurent  eternellement  justes,  mais  sur  les  effets  qui 
vont  rcsulter  de  l'abus  de  ce  mot 


Briefe  der  Frau  Sophie  v.  Schardt  an  v.  Seckexdorfe.     75 

....  La  duchesse  Louise  est  assurcment  un  ctre  rare, 
toute  aimable  et  noble  de  caractere;  notre  duc  a  un  fond 
de    bons    sentiments    auxquels    on    ne    saurait   refuser    de 
Tattachement  reel.    Tout  ce  qui  nous  manque  ici  c'est  un 
ministre   juste,  noble  et  zele  pour  le  bien  sans  crainte  de 
le  dire.   Fritsch  n'est  pas  Thomme;  Goethe  qui  en  a  assurc- 
ment le  caractere,  n'en  a  pas  les  vues.   II  sent  qu'il  n'a  pas 
l'espece  de  savoir-faire  en  ce  genre  qui  surmonte  les  diffi- 
cultes,   voilä  pourquoi  il  a  quitte   les  affaires;   il  est  assez 
utile  au  duc,  etant  son  ami,   je  ne   saurais   voir   l'injustice 
que  le  monde  y  trouve  qu'il  garde  sa  pension.   Un  prince 
n'a-t-il  pas   le   droit   de   faire    du   bien  ä  un   homme  qu'il 
aime  et  ne  peut-il   pas  lui    dire   comme  Rousseau  disait  i 
Diderot   »je  ne  veux  point  des   Services  de  vous,   je  veux 
etre  aime  de  vous  et  vous   donner   les    moyens   de  rester 
avec  moi  sur  ce  pied«?     II  donne   bien    d'autres   pensions 
moins   utiles    a   lui   ou   aux  autres.     II  a  marque  qu'il  est 
capable   de   sentir   le  merite,   en   faisant   tout  pour  garder 
Herder  ici,   lorsqu'il  fut  appele  i  Goettingue,  en  le  faisant 
vice-president  du  consistoire ;  j'en  voudrais  qu'il  eüt  pu  le 
garder  d'une  autre  maniere,  parce  qu'il  est  vrai  qu'on  dirait 
que  toutes  les  premieres  places  doivent  etre  fermees  pour 
la  noblesse,  mais  entin  pour  Herder  oü  on   n'avait  que  le 
choix  de  le  perdre,   je   ne   saurais   dire   que  cela  soit  mal, 
avant  qu'on  voie  qu'il  fait  mal.     Mon    mari    devait   entrer 
dans  le  consistoire  actuellement,    et   la  place   de  president 
apres  Lynker,  qui  ne  saurait  vivre  deux  ans,  ne  pouvait  lui 
manquer,    sans    ce    singulaire    evenement,    mais    enfin    un 
homme  en  place  qui  ne  saurait  rien  sacrifier  du  sien  pour 
le  bien  general  qu'il  sert  ne  serait  pas  bon  serviteur;   il  a 
gagne  dans   mon  estime,  parce   qu'il  pense  ainsi   dans   ce 
moment,    neanmoins,    comme    asteure    il    se    mettrait  en 
arriere  en  se  placant  sous  le  vice-president,   il  a  demande 
d'etre  dispense  en  general  du  travail  du  consistoire.   II  y  a 
un  murmure  et  mecontentement   parmi  bien  des  honnetes 
gens   aussi   au   sujet   de  cette  promotion  de  Herder,  mais 
c'est  que  le  duc  qui  ne  pense  pas  seul  ä  tout  n'a  personne 
qui  lui  dise  le  pour  et  le  contre  des  choses 


76  Neue  Mittheiluxgek. 


5- 

Weimar,  10.  Nov.  1789. 

....  Notre  societe  a  ete  augmentee  par  les  Kalbs.  Le 
ex-president  est  ici  avec  sa  bonne  et  charmante  petite 
femme,  en  sa  faveur  on  est  bien  aise  qu'ils  soient  ici,  et 
on  n'examine  pas  la  contenance  de  monsieur,  en  revenant 
ici;  le  major  de  K[alb]  est  ici  pour  quelques  mois;  en 
revanche  de  ces  acquisitions  pour  notre  societe  nous  per- 
dons  mr.  de  Knebel  qui  veut  passer  Thiver  ä  Anspach,  nous 
le  regretterons  assurement,  il  s'occupe  beaucoup  d'une  tra- 
duction  de  Properce.'  Ce  poete  peu  connu  par  les  traduc- 
tions  doit  avoir  beaucoup  de  charmes,  ä  ce  qu'il  parait  par 
l'ouvrage  de  mr.  de  Knebel. 

Goethe  est  presque  enterre  pour  finir  le  6  et  7"^^  volume 
de  ses  oeuvres,  il  me  dit  qu'il  se  rendrait  plus  sociable 
ä  present.  Je  suis  curieuse  si  son  Tasse  vous  plaira  comme 
a  nous;  je  voudrais  qu'il  s'enfermat  souvent  ainsi  pour  ecrire, 
afin  que  le  monde  vit  qu'il  s'occupe  de  ce  qui  proprement 
forme  la  sphere  oü  il  doit  se  placer.  II  est  au  reste  tou- 
jours  un  peu  desavantageusement  place  envers  le  public 
qui  est  tente  toujours  de  lui  attribuer  ce  qui  fait  du  me- 
contentement,  je  crois  qu'il  peche  plutöt  par  le  silence,  que 
par  les  conseils;  les  mauvais  ne  viennent  pas  de  lui  vrai- 
semblablement. 

II  y  a  partout  des  fautes  et  des  erreurs  ä  redresser; 
vous  avez  bien  raison,  je  crains,  parlant  de  nous,  de  dire 
que  toute  la  machine  aurait  besoin  d'etre  remontee  par 
une  nouvelle  Organisation,  sans  quoi  il  y  clochera  toujours 
quelque  chose.  Mais  il  faut  mieux  ne  pas  songer  ä  ce  qu'on 
ne  peut  changer,  au  moins  ne  pas  s'en  chagriner. 

Mon  mari  est  fort  content  de  son  nouveau  collegue, 
le  vice-president  Herder,  et  cela  est  reciproque.  Un  homme 
d'esprit  ne  serait-t-il  pas  capable,  s'il  le  veut,  d'acquerir 
une  routine  d'affaires  dans  un  cercle  borne  comme  ce  con- 


'  Die  erste  metrische  Uebersetzung  des  Properz  ins  Deutsche,  die 
wir  Karl  Ludwig  von  Knebel  verdanken,  erschien  1798.  A.  D.  Biogr. 
16,  277.  Einige  an  Sophie  von  Schardt  gerichtete  huldigende  Verse 
in  »Knebels  literarischem  Nachlaß«   i,  82. 


Briefe  der  Frau  Sophie  v.  Schardt  an  v.  Seckendorif.     77 

sistoire?   Enfin  j'avoue  quc  je  suis  charmc  que  nous  avons 
i^^ardc  Herder  ici  .  .  .  . 

Die  Gores  haben  sich  -^.  Zt.  in  Gotha  niedergelassen, 
Jangzveilen  sich  dort  aber  gründlich:  y>je  suis  fdchee  que  Ja 
delicalesse  leur  impose  Je  devoir  d'etre  cloignes  d'ici;  je  les 
aime  heancoup,  je  les  estinie,  leurs  principes  et  conduite  sont 
irreprochables.« 


Weimar,  5  März  1790. 

....  La  pauvre  Charlotte  Kalb  a  ete  malade  tout  cet 
hiver,  il  me  semble  qu'elle  a  ete  sensible  aux  soins  ami- 
caux  de  son  mari  qui  ne  l'a  presque  pas  quittee;  nous  avons 
peu  joui  de  leur  societe  .... 

En  revanche  nous  possedons  ici  une  femme  de  beau- 
coup  d'esprit  aussi,  mais  d'une  tournure  assez  singuliere, 
c'est  madame  de  Trebra ;  peut-etre  ne  la  connaissez-vous 
pas,  et  alors  il  vous  amusera,  si  j'en  fais  un  petit  tableau. 
D'abord  eile  plait  par  une  physionomie  aussi  spirituelle  que 
sa  conversation  a  d'agrements  par  la  vivacite  et  la  variete 
qu'elle  sait  y  mettre;  eile  Interesse  sans  attacher,  voilä  un 
contraste  qui  resulte,  je  crois,  de  ceux  qui  se  trouvent  dans 
son  etre;  eile  a  Pair  male,  eile  monte  des  chevaux  fringants 
et  indomptes,  eile  a  les  nerfs  d'une  faiblesse  d'entant,  eile 
est  obligee  de  regarder  ses  cartes  ä  travers  des  lunettes  et 
eile  vous  menera  dans  sa  chaise  ä  travers  les  plus  mauvais 
chemins,  eile  est  d'une  gaiete  extreme,  mais  eile  porte 
toujours  le  deuil  depuis  la  fin  tragique  de  sa  mere  et  soeur, 
eile  se  pique  de  philosophie,  cependant  eile  existe  dans  la 
faveur  des  grands;  un  regard  propice  d'une  princesse  vous 
attirera  sur  le  champ  un  sourire  de  sa  part,  —  ou  je  me 
trompe  fort  ou  ce  ne  sera  pas  eile  qui  ira  rechercher  le  favori 
disgracie.  Son  mari  est  appele  sans  cesse  mr.  de  Weimar 
et  il  n'est  qu'une  bonne  patte  d'homme,  il  a  jure  aux 
patriotes,  et  eile  adore  la  maison  d'Orange.  Ce  sont  ces 
contrarietcs  qui  contrarient,  je  crois,  les  sentiments  dont 
son  merite  et  ses  agrements  previennent  pour  eile;  eile 
est  bien  desirable  dans  un  petit  cercle  de  societe,  la  con- 
versation ne  languit   point   oü  eile  est.     On  aime  ä  Ten- 


jS  Neue  Mittheilukgen. 


tendre  sur  toutes  les  manieres;  les  riens  et  la  raison  et 
les  lettres  (quoiqu'elle  dit  que  rien  n'a  jamais  approche 
du  merite  du  poeme  de  la  Henriade),  enfin  des  traits  de 
finesse,  d'esprit,  de  sens  et  de  bon  coeur  aussi  et  de  satire 
quelquefois  rendent  sa  conversation  vraiment  charmante  .... 
Pourrais-je  vous  dire  quelque  chose  d'amusant?  —  un 
mariage  de  mr.  Schiller  et  mlle.  de  Lengefeld!  Si  le  Gel 
leur  donne  autant  d'argent  qu'ils  ont  de  l'amour  Tun  pour 
l'autre,  ce  sera  une  sottise  de  moins  qui  aurait  ete  faite, 
mais  je  crains  que  ce  premier  point  ne  sera  pas  aussi  com- 
plet  que  le  second.  II  y  a  quinze  jours  qu'ils  sont  maries, 
ainsi  on  a  presque  fini  d'en  parier.  Je  la  plains,  car  c'etait 
une  bien  bonne  enfant  .... 

7- 

Weimar,  5  Juni  1790. 

Mittheiliingen  über  das  Weimarer  Leben,  sowie  das  Un- 
wetter und  die  Ueberschwemmiing,  welche  die  Umgegend  vor 
8  Tagen  heimgesucht  haben. 

Tiefurt  a  beaucoup  souffert  ce  qui  est  facheux  dans 
ce  moment  qu'on  attend  la  duchesse  qui  a  voulu  partir  de 
Venise  le  22  mars.  Dieu  veuille  qu'elle  ne  s'ennuye  pas 
trop  ici!  Ces  voyages  en  Italie  n'ont  pas  fait  un  bon  efFet 
sur  ceux  qui  nous  en  sont  revenus  auparavant.  Herder  nous 
a  cause  beaucoup  d'inquietude,  ayant  fait  une  longue  ma- 
ladie  dont  il  est  retabH  ä  present,  mais  non  d'une  melan- 
colie  qui  le  quitterait,  je  crois,  s'il  pouvait  demeurer  sous 
le  beau  ciel  de  Naples.  Le  pauvre  Grave'  pourtant  s'est 
tue  sous  ce  ciel-lä !  Heureux  qui  content  de  la  sphere  011 
le  destin  l'a  place : 

»garde  toujours  une  esperance 
pour  l'opposer  au  noir  chagrin, 
pour  les  revers  un  front  serein, 
pour  Tinstant  une  jouissance, 
un  desir  pour  le  lendemain.«  .... 

'  Der  Kammersänger  Grave,  der  die  Herzogin  Anna  Amalia  nach 
Italien  begleitete,  endete  im  November  1789  in  Neapel  durch  Selbst- 
mord.    Goethe-Jahrbuch,  12,  131. 


Briefe  der  Frau  Sophie  v,  Schardt  ax  v.  Sixkexdorff.     79 

8. 

Weimar,  28  Juli  1790. 

....  Notre  societe  a  ete  animee  par  beaucoup  d'etran- 
gers  qui  sont  venus  passer  ici  et  la  rcputation  litteraire 
de  Weimar  nous  a  encore  attirc  ici  un  Anglais  qui  etant 
maitre  de  son  temps  et  de  sa  fortune  veut  passer'  l'hiver 
ici  pour  apprendre  l'allemand. 

Le  club  italien,  c'est  ä  dire  la  socictc  des  personnes  qui 
ont  ete  en  Italic,  sera  bientöt  complet,  lorsque  mr.  Goethe 
retournera  de  Silesie  avec  le  duc.  Ce  club  italien  regarde 
un  peu  en  pitie  ceux  qui  n'ont  pas  vu  ce  ciel  et  cette  terre: 
mais  qu'y  faire?  ne  voyage  pas  qui  veut  et  peut-etre  tant 
mieux.  Cependant  nous  avons  le  plaisir  de  regarder  toutes 
les  belies  estampes,  tableaux,  dessins  qu'on  a  apportes  de 
ce  sejour  de  toutes  les  Muses,  de  toutes  les  Gräces  pro- 
tectrices  des  arts  .... 

9- 

Weimar,  8  April  1791. 
Verschiedene  Fremde  haben  sich  neuerdings  in  Weimar 
niedergelassen:  so  ein  Herr  von  Oldershausen,  »riche  comme 
Cresusff.  und  die  Gräfin  Werthern  von  BeichJingen'  »qui  croit 
ici  sans  doute  retablir  sa  sante  et  secher  ses  pleurs,  eile 
en  a  dejä  repandu  beaucoup  plus  que  la  matrone  d'Ephese 
dont  le  mari  etait  plus  aimable  que  le  comte  Werthern, 
mais  dont  eile  avait  moins  de  merite,  en  le  pleurant,  que 
n'a  la  comtesse.«  En  revanche  nous  avons  une  autre  veuve 
heureuse  et  gaie,  c'est  mme.  de  Lichtenberg,  mais  qui 
cependant  ne  trouve  pas  goüt  ä  cet  etat,  car  eile  va  se 
marier  au  mois  prochain  .... 

Le  beau  monde  a  ete  afflige  hier  par  le  depart  de  notre 
troupe  de  comediens  que  mr.  ßellomo  mene  ä  Graz. 
Mr.    Goethe    prend    une    espece    de    direction    du    theatre 


'  Mr.  Parsons.     Dihitier,  Zwei  Bekehrte,  3  5  3  ff. 

*  Wohl  die  Wittwe  des  1790  verstorbenen  preußischen  Staats- 
ministers Johann  Georg  Grafen  von  Werthern-Beichlingen,  Christine, 
geb.  von  Globig.    Kneschke,  Deutsches  Adelslexikon,  9,  543. 


8o  Neue  Mittheiluxgen. 


ici,  quoique  le  directeur  proprement  dit  est  un  acteur 
Fischer,  —  et  on  nous  promet  quelque  chose  de  bon,  peu 
a  peu'  

10. 

Weimar,  S.Juni  1791. 
....  Weimar  va  etre  bien  tranquille  et  solitaire.  Le 
duc  est  parti  hier,  la  duchesse  et  ses  enfants  le  suivront 
pour  aller  ä  Eisenach  ä  la  tenue  des  etats.  Leur  absence 
sera  de  5  ä  6  semaines.  Beaucoup  de  personnes  sont  allees 
ä  la  campagne,  la  Waldner'  avec  les  Herders  au  Carlsbad, 
eile  espere  y  recouvrer  Tusage  de  ses  yeux,  mille  remedes 
violents  qu'elle  a  pris  ayant  fait  peu  d'effet,  outre  que  de 
l'affaiblir  singulierement,  voilä  4  mois  qu'elle  n'a  pu  faire 
son  Service,  ce  qui  l'a  bien  affligee  et  inquietee  .... 

ir. 

Weimar,  14.  Dez.  179 1. 

...  Je  vous  assure  que  cette  revolution  dont  Tesprit 
m'a  charmee  et  entrainee  au  commencement,  parait  asteure 
prendre  une  tournure  si  malheureuse  qu'on  n'aime  plus 
meme  en  entendre  parier.  Ce  n'est  pas  le  genie  d'une 
liberte  juste  et  raisonnable  qui  s'est  eleve  sur  les  ruines 
de  la  Bastille,  on  dirait  que  c'est  un  demon  malfaisant  qui 
se  plait  ä  repandre  le  desordre  et  contrarier  toutes  les  voies 
de  la  prosperite  et  de  la  justice 

Dans  notre  coin  paisible  nous  ne  nous  ressen- 

tons  des  meaux  de  l'espece  humaine  que  par  la  cherte 
du  Sucre  que  ces  pauvres  esclaves  de  S'.  Domingue  ont 
detruit,  —  au  reste  nous  cultivons  les  arts  et  les  amuse- 
ments  de  la  paix.  Notre  societe  est  devenue  charmante  cet 
hiver  par  le  scjour  que  la  famille  de  Gores  y  fait  ä  present. 
Plus   on   les  voit,   plus   on  les   connait  et  plus  on  gagne 

'  Nach  dem  Wegzuge  Josef  Bellomo's,  der  mit  seiner  Truppe  seit 
1784  in  Weimar  gespielt  hatte,  übernahm  Goetlie  die  Leitung  des  neu- 
errichteten herzoglichen  Theaters,  das  am  7.  Mai  mit  Ifflands  »Jägern« 
eröffnet  wurde.  Die  Regie  lag  in  den  Händen  des  Schauspielers  J.  Franz 
Fischer.  Vgl.  /.  Wähle,  Das  Weimarer  Hoftheater  unter  Goethes 
Leitung.     S.  16  ff. 

'  Luise  Adelaide  von  Waldner,  Hofdame  der  Herzogin. 


Briefe  der  Frac  Sophie  v.  Schardt  a\  v.  Seckkndorfe.     8i 

d'estime  et  d'amitie  pour  eux  ....  Emilie  qui  fut  si  belle 
n'a  pas  une  ombre  de  vanite,  de  coquetterie,  c'est  la  sim- 
plicite  la  plus  pure,  elles  sont  si  bonnes  qu'on  ne  Timagine 
pas,  et  voilä  pourquoi  peut-etre  on  a  pu  ne  pas  leur  rendre 
toute  la  justice  qui  leur  est  due.  Je  les  vois  tous  les  jours 
et  suis  assurement  impartiale' .... 

Le  duc  ne  nous  quittera  pas  de  tout  l'hiver,  et  voilä 
tout'ce  que  nous  pouvons  dt^sirer.  Nous  avons  un  theätre 
qui  doit  gagner  encore  sous  la  direction  de  mr.  Goethe: 
on  va  y  jouer  cette  semaine  une  nouvelle  piece  qui  est 
sortie  de  sa  plume:  Der  große  Kophta,'  qui  est  remplie 
d'esprit  et  d'interet  pour  la  sc^ne.  C'est  l'histoire  du  fameux 
Collier,  un  peu  adoucie,  excepte  pour  le  fourbe  Cagliostro 
qui  y  joue  le  principal  röle. 

II  y  a  aussi  une  societe  savante  ici  qui  s'assemble  un 
vendredi  de  chaque  mois.  II  y  a  [ä]  peu  pres  12  de  nos 
savants  et  gens  de  lettre  qui  la  composent  et  qui  ont  le  droit 
chacun  d'y  faire  la  lecture  de  quelque  traite  de  leur  choix.' 
Quelques  ignorants  et  ignorantes  sont  admis  ä  les  ecouter, 
outre  la  duchesse  qui  y  est  toujours,  et  l'assemblee  est  chez 
la  duchesse  mere.  Nous  ne  derogeons  pas,  comme  vous 
voyez,  de  notre  savante  reputation ;  moi  qui  tient  ä  l'igno- 
rance  de  plusieurs  cötes,  j'aime  pourtant  participer  ä  la 
science,  pourvu  que  ce  ne  soit  qu'en  passant.  .  .  . 

'  Im  Juni  1792  traten  die  Gores  nochmals  eine  Reise  nach  Däne- 
mark und  Schweden  an,  um  sich  vom  October  ab  dauernd  in  Weimar 
niederzulassen.     Briefe  Sophiens  vom  27.  Mai  und  24.  August  1792. 

'  Die  Erstaufführung  des  »Groß-Cophta«  fand  am  17.  December 
statt.  Burhhardt,  Das  Repertoire  des  Weimarischen  Theaters  unter 
Goethes  Leitung,  4. 

5  Ueber  die  von  Goethe  im  Sommer  1791  gegründete  Freitags- 
Gesellschaft,  die  am  9.  Sept.  ihre  erste  Sitzung  hielt,  vgl.  Schüddekopfs 
Mittheilungen  im  Goethe-Jahrbuch  XIX,  14  ff. 


^^ 


GoSTUr-jAHRBCCH    XXV. 


82  Neue  Mittheilungen. 


2.  EIN  BRIEF  CHARLOTTE  KESTNERS  AN  GOETHE 
AUS  DEM  JAHRE  1803. 

Mitgetheilt  von  O.  Ulrich. 

Aus  Düntzers  Aufsatz  über  »Charlotte  Buff  und  ihre 
Familie« '  ist  bekannt,  daß  Charlotte  sich  nach  dem  Tode 
ihres  Mannes,  im  Jahre  1803  von  Wetzlar  aus  brieflich  an 
Goethe  gewandt  hat.  Die  Antworten  des  Dichters  auf  den 
Brief  der  Jugendfreundin  (vom  26.  October  und  23.  November 
1803),  von  denen  Düntzer  nur  ein  kleines  Bruchstück  mit- 
theilen konnte,  liegen  jetzt  vollständig  vor;'  das  Schreiben 
Charlottes  aber  ist  bislang  noch  nicht  veröffentlicht.  Eine 
Abschrift  desselben  wurde  nicht  lange  nach  dem  Tode  des 
Dichters  von  dem  Verwalter  des  Goethe'schen  Nachlasses  an 
August  Kestner  gesandt,  der  schon  damals  die  Herausgabe 
des  Briefwechsels  Goethes  mit  Kestners  plante.  Er  hat  aber, 
wohl  mit  Rücksicht  auf  seinen  Bruder  Theodor,  den  Brief 
seiner  Mutter  und  Goethes  Antworten  nicht  in  sein  Buch 
aufgenommen.  Durch  das  Vertrauen  des  Herrn  Laves,  eines 
Urenkels  von  Charlotte  Kestner,  der  mir  die  Benutzung  des 
Kestner'schen  Familienarchivs  in  Hannover  für  ein  Lebensbild 
Charlottes  gestattet  hat,  bin  ich  nun  in  Stand  gesetzt,  diesen 
Brief  Charlottes  hier  zu  veröffentlichen. 

Wetzlar,  den  15.  Okt.  180^. 
Solte  es  Ihnen  wohl  unangenehm  seyn,  wenn  eine 
Freundin  aus  den  Zeiten  Ihrer  Jugent  einmal  ihr  Andenken 
bey  Ihnen  erneuerte?  Mehrere  Tage  überlegte  ich,  ob 
dieser  Brief  sollte  geschrieben  werden,  es  war  mir  empfind- 
lich, daß  Menschen  solche  Umstände  mit  einander  machen, 
deren  Gesinnungen  einst  so  sehr  zusammenstimmten  — 
die  blos  Verhältniße  verschiedener  Art  auseinander  gebracht 
haben.  Da  aber  nach  meinem  Gefühl  kein  Verhältniß  das 
eigentliche  oder  beßere  vom  Menschen,  deßen  Herz  und 
Carakter  ändern  muß,  ich  mir  auch  hierin  immer  gleich 
geblieben  bin,  und  auch  von  jedem,  den  ich  schätzen  soll, 
dieses  erwarte,  so  zweifle  ich  keineswegs,  daß  auch  mein 
Andenken  Ihnen,  obgleich  nach  einer  so  langen  Reihe 
von  Jahren,  dennoch  lieb  seyn  muß. 


'  Vergl.  H.  Düntzer,  Abhandlungen  zu  Goethes  Leben  und  Werken, 
I.  Bd.,  S.  66,  98.  Düntzers  Irrthümer  werden  im  folgenden  ohne  aus- 
drücklichen Hinweis  verbessert. 

'  G.-J.  1893  (XIV)  S.  152. 


Ei\  Brief  Charlotte  Kestners  an  Goethi..  83 

In  die  augenblickliche  Stimmung,  diesen  Brief  zu 
schreiben,  sezte  mich  ein  eben  gemachter  Spaziergang, 
welchen  ich  ganz  allein,  da  die  Sonne  seit  lange  zum 
erstenmal  wieder  schien,  machte.  Ich  ging,  um  mich  zu 
zerstreuen,  was  ich  in  meiner  jetzigen  traurigen  Lage  sehr 
bedarf,  unsere  wunderschöne  Gegend  durch,  kam  auf  den 
Weg,  den  wir  so  oft  zusammen  giengen,  an  der  Lahn  — 
uns  unsers  Daseyns  und  der  schönen  Natur  freuten,  hier 
dachte  ich  Ihrer  und  dieses  Briefes.  —  Wie  kränkte  mich 
das  Gefühl,  wenn  Verhältniße  wirklich  solche  Verände- 
rungen machen  könnten,  daß  ich  Unrecht  hatte,  einen 
Mann  wie  Sie  oder  von  Ihrer  Größe  noch  nach  meinen 
Empfindungen  berechnen  zu  wollen.  —  Dem  sei  wie  ihm 
wolle,  ich  kann  in  diesem  Augenblick  meinem  Herzen 
keine  Gewalt  anthun,  und  so  berechne  ich  Sie  nach  ehe- 
mahgen  Zeiten,  und  daher  wage  ich  es  nicht  allein,  an  Sie 
zu  schreiben,  sondern  mir  auch  einen  Rath  und  GefäUig- 
keit  auszubitten. 

Sie  kennen  einige  meiner  Söhne,  der  lezte,  welcher 
sich  Ihnen  zeigte,  ein  Arzt,  dieser,  wie  mir  nach  seinen 
Erzählungen  deuchte,  war  Ihnen  nicht  gleichgültig,  und 
für  ihn  wünsche  ich  Sie  zu  interessiren.  Gern  wollte  ich 
es  andern  überlassen,  meine  Kinder  zu  loben,  allein,  wenn 
es  die  Umstände  erfordern,  so  darf  doch  wohl  eine  Mutter, 
zumal  gegen  einen  alten  Freund,  ihres  Sohnes  im  besten 
gedenken  und  noch  dazu,  wenn  ich  Ihnen  ehrlich  versichere, 
daß  ich  auch  die  Fehler  derer,  welche  ich  liebe,  klar  sehe. 
Dieser  mein  Sohn  ist  von  klein  auf  ein  gescheuter,  tüchtiger 
Junge  gewesen  und  hat  mit  Kraft  alles,  was  er  anfing, 
durchgesetzt.  Die  Arzeneiwissenschaft  war  seine  Wahl, 
und  darin  hat  er  auch  fleißig  gearbeitet.  Er  studirt  und 
reißt  schon  beinahe  sieben  Jahre.  Gegenwärtig  ist  er  in 
Paris,  und  der  Plan  war,  diesen  Herbst  nach  Edinburg,  da 
den  Winter  zu  bleiben  und  künftiges  Frühjahr  über  Enge- 
land zurück  und  sich  im  Hannoverschen  zu  etabliren.  Die 
letzte  Reise  hatte  ihm  der  König  vergütet,  denn  für  mich 
wäre  es  zu  kostbar  geworden.  Bei  den  jezigen  traurigen 
Lagen  unseres  armen  Landes  ist  nun  weder  daran  zu 
denken,  daß  der  König  an  die  Reisen  eines  jungen  Arztes 

6* 


Sa  Neue  Mittheiluvgex. 


dürfte  erinnert  werden,  noch  auch  bietet  sich  sonst  für 
diesen  Augenblick  gute  Aussicht  bei  uns  dar.  Ich  bin  also 
bei  meinem  letzten  Aufenthalt  in  Frankfurt  auf  den  Einfall 
gekommen,  auch  von  mehreren  dazu  gerathen,  da  es  da- 
selbst zwar  nicht  an  Ärzten  fehlt,  doch  aber  an  bedeutenden 
kein  Überfluß  ist,  meinen  Sohn  dahin  zu  bringen.  Mit 
mehreren  gescheuten  Männern,  auch  mit  ihrer  prächtigen 
Mutter  habe  ich  darüber  gesprochen,  wie  die  Sache  am 
besten  anzufangen  sey.  Denn  blos  bittweise  kann  ich  mich 
nicht  dazu  verstehen,  und  von  Theodor  darf  ich  auf  dieses 
Mittel  noch  weniger  rechnen,  er  muß  also  von  Ärzten  und 
nicht  Ärzten  empfohlen  werden.  Seine  Entfernung  auch 
die  Schwierigkeiten  wegen  der  Korrespondenz  eines 
Hannoveraners  aus  Frankreich  machen  das  Suchen  nach 
Empfehlung  für  ihn  selbst  sehr  schwer,  ich  habe  daher 
dieses  Geschäft  meist  übernommen,  und  meine  Bitte  geht 
an  Sie  um  einige  Briefe  in  Ihre  Vaterstadt,  etwa  an  Herrn 
Stadtschultheiß  Moors,  den  ich  nicht  kenne,  und  der  zu 
meinem  Zweck  ein  bedeutender  Mann  seyn  soll,  daß  Sie 
den  jungen  Mann  kennen  und  Gutes  von  ihm  erwarten  etc. 
Wollen  Sie  dies  thun,  mein  theurer  Freund,  und  darf  ich 
Sie  so  nennen?  Verzeihen  Sie  mir,  wenn  ich  Ihnen  durch 
diese  Frage  Unrecht  thue  —  allein  ich  bin  durch  manche 
Erfahrungen  dahin  gewiesen  vorsichtig  zu  seyn.  Vielleicht, 
wenn  ich  Ihnen  ehrlich  gestehen  soll,  hätte  ich  von  selbst 
diesen  Brief  nicht  gewagt,  wenn  mir  nicht  ein  vernünftiger, 
guter  Mann  aus  Frankfurt  gerathen  hätte,  mich  deshalb  an 
Sie  zu  wenden.  Dieser  Mann  schrieb  mir,  wenn  Ihr  Sohn 
das  Glück  hat,  in  solchem  Grad  ein  Liebling  von  Goethe 
zu  sein,  als  dieser  Ihr  Sohn  sein  Verehrer  ist,  so  können 
Ihnen  Empfehlungen  nicht  fehlen.  Ihre  vortreffliche  Mutter 
hat  Ihnen  vielleicht  geschrieben,  daß  sie  mich  bei  sich 
gesehen.  Wie  erstaunt  bin  ich  über  diese  Frau!  Ihre 
Kräfte  an  Geist  und  Körper  sind  für  ihre  Jahre  ohne  Bei- 
spiel. Die  Stunden,  welche  ich  bei  ihr  zubrachte,  sind  die 
besten,  welche  ich  seit  lange  rechne,  und  haben  mir  Frank- 
furt recht  Heb  gemacht,  werde  auch  höchst  wahrscheinHch, 
wenn  der  Plan  mit  meinem  Sohn  zu  Stand  kommt,  noch 
einige  Wochen  dahin  gehen.    Hier  bin  ich  zwar  auch  durch 


Ein  Briei-  Charlotte  Kestners  an  Goethe.  85 


meine  jüngeren  Kinder  gehalten,  die  ich  beständig  um  mich 
habe,  deswegen  ich  Sie  bitte,  alle  Zerstreuung  meines  Vor- 
trags auf  die  kleine  Gesellschaft  zu  geben,  worunter  ein 
achtjähriger  Knabe  ist,  der  mir  auf  der  V'ioline  vorträgt. 
Nehmen  Sie  nun  noch  die  wärmsten  Wünsche  für  Ihr 
Wohl  und  die  Versicherung  meines  immerwährenden 
Interesse  für  Sie.  Charlotte  K  e  s  t  n  e  r. 

Diesen  Brief,  aus  dem  nach  Cioethes  \Vort  ihr  thätiger 
Geist  lebhaft  hervorblickt,  schrieb  Charlotte  in  ihrem  väter- 
lichen Hause  in  Wetzlar,  wohin  sie  sich  im  Mai  des  Jahres 
1803  mit  ihren  drei  Töchtern  und  dem  jüngsten  Sohne  be- 
geben hatte.  Nicht  nur  die  Furcht  vor  den  kriegerischen 
Wirren,  in  die  das  Kurfürstenthum  Braunschweig-LUneburg 
durch  das  Einrücken  der  Franzosen  im  Juni  1803  gestürzt 
wurde,  hatte  sie  veranlaßt,  Hannover  zu  verlassen  und  bei 
ihrem  Bruder  Georg  eine  Zufluclit  zu  suchen,  der  seit  des 
Vaters  Tode  die  Stelle  des  Deutschordensamtmanns  in  \N'etzlar 
verwaltete,  sondern  vor  allem  war  es  die  Sorge  um  die  Ge- 
sundheit ihrer  zweiten  Tochter.  Luise,  die  von  klein  auf  an 
einem  Brustübel  litt.  Aber  weder  die  Luftveränderung  noch 
eine  Kur  in  Ems  brachte  ihr  Heilung,  und  am  18.  April  1804 
starb  sie  in  Wetzlar  in  den  Armen  der  Mutter. 

Der  Brief  Charlottes  an  Goethe  zeigt,  wie  sie  ihren  Aufent- 
halt in  Wetzlar  benutzte,  um  für  ihren  Sohn  Theodor  zu 
wirken.  Er  hatte  in  Jena  und  Göttingen  Medicin  studirt,  im 
August  des  Jahres  1803  war  er  zu  einem  sechsmonatlichen 
Studienaufenthalt  nach  Paris  gegangen,  und  nach  seiner  Rück- 
kehr wollte  er  sich  in  Frankfurt  als  Arzt  niederlassen.  Um 
in  Frankfurt  Bürger  zu  werden  und  dort  die  ärztliche  Praxis 
auszuüben,  mußte  er  die  Zustimmung  des  Raths  gewinnen, 
sich  einer  Prüfung  vor  dem  dortigen  Sanitätsrath  unterwerfen 
und  geloben,  daß  er  nur  eine  Frankfurter  Bürgers-Tochter 
oder  Wittwe  heirathen  werde.  Besonders  kam  es  also  darauf 
an,  Empfehlungen  an  die  Mitglieder  des  Frankfurter  Raths  zu 
bekommen.  So  wandte  sich  Charlotte  an  die  Lehrer  ihres 
Sohnes  in  Jena  und  Göttingen,  die  ihr  zum  Theil  persönlich 
bekannt  waren,  und  an  einflußreiche  Aerzte  ihres  Bekannten- 
kreises mit  der  Bitte  um  Empfehlungen.  Besonders  aber  suchte 
sie  mit  Hilfe  ihrer  Frankfurter  Bekannten  —  darunter  Goethes 
Mutter  und  die  einflußreiche  Familie  Bethmann  —  die  wich- 
tigsten Rathsherren  zu  gewinnen.  Bei  Frau  Rath  war  sie  am 
31.  August  1803  zum  Mittagsessen  eingeladen,  an  demselben 
Tage,  als  zwei  ihrer  Söhne,  die  zum  Besuche  der  Mutter  von 
Straßburg  nach  Frankfurt  herübergekommen  waren,  von  ihr 
Abschied  genommen  hatten,  und  sie  folgte  dieser  Einladung, 


86  Neue  Mittheilungen. 


»um  mich  zu  zerstreuen«,  wie  sie  selbst  sagte.  Sie  kannte 
Goethes  Mutter  und  wußte,  daß  noch  nie  eine  Menschenseele 
mißvergnügt  von  ihr  weggegangen  war.  Bald  nachher  kehrte 
sie  nach  Wetzlar  zurück,  und  von  hier  aus  wandte  sie  sich 
nach  längerem  Zögern,  besonders  auf  den  Rath  ihres  Bruders 
Hans,  der  als  Knabe  in  lebhaftem  Briefwechsel  mit  Goethe 
gestanden  und  ihm  über  Leben  und  Treiben  im  deutschen 
Hause  getreulich  Bericht  erstattet  hatte,  an  den  Jugendfreund 
in  Weimar,  hauptsächlich  wohl  durch  die  Überlegung  be- 
wogen, daß  Goethe  ihren  Sohn  von  Jena  her  persönlich  kannte 
und  ihm  sowohl  dort  wie  bei  seinem  Besuche  in  Göttingen 
im  Juni   1801   ein  freundliches  Interesse  bewiesen  hatte. 

Theodors  Angelegenheit  zog  sich  noch  bis  zum  folgenden 
Sommer  hin.  Nachdem  er  am  30.  Mai  1804  vor  dem  Sanitäts- 
rath  in  Frankfurt  seine  medicinische  Prüfung  abgelegt  hatte, 
erhielt  er  durch  Senatsbeschluß  vom  5.  Juni  das  Bürgerrecht 
und  die  Aufnahme  als  practischer  Arzt.  '  Nicolaus  Schmidt, 
Handelsmann  in  Frankfurt  und  Mitglied  des  Ausschusses  löb- 
licher Bürgerschaft,  ein  guter  Freund  von  Goethes  Mutter,  der 
stets  bereit  war,  mit  Rath  und  That  zu  helfen,  wo  er  ihr  einen 
Gefallen  thun  konnte,  leistete  Bürgschaft,  daß  Theodor  Kestner 
das  Heirathsversprechen  halten  werde,  und  am  15.  Juni 
konnte  Frau  Aja  ihrem  Sohne  als  etwas,  das  ihn  wahrschein- 
lich interessiren  würde,  mittheilen  :  * 

»Dein  Brief  an  Stadtschuldheiß  Moors  hat  Wunder  ge- 
thann,  denn  Doctor  Kästner  ist  gleich  Examinirt  und  sodann 
rezipirt  und  Burger  geworden  —  dir  hat  Er  es  also  zu  ver- 
dancken«. 


Freundliche  Mittheilung  des  Frankfurter  Stadtarchivs. 
Schriften  der  Goethe-Gesellschaft,  Bd.  4,  S.  260. 


IL  Abhandlungen. 


Nausikaa. 


Von- 

Max  Morris. 


ür  eine  Bearbeitung  der  Fra5:mente  zu  »Nausikaa« 
ist  auch  nacli  Scherers  großer  Arbeit  noch  Raum. 
Ihm  lag  das  Material  nur  in  dem  ungenauen  Drucke 
Riemers  vor,  und  wir  haben  also  jetzt  eine  bessere  Grund- 
lage, die  uns  manche  Einzelheiten  anders  und  richtiger  ver- 
stehen läßt.  Das  reicht  wohl  hin,  um  eine  neue  Arbeit 
vor  dem  Vorwurf  der  Unbescheidenheit  zu  schützen.  Die 
Hauptlinien  freilich  bleiben  hier  so,  wie  sie  von  Scherer 
(Westermanns  Monatshefte,  September  1879)  entworfen  und 
von  Theophile  Gart  (Goethe  en  Italic,  Paris  1881)  berichtigt 
sind.  Aut  Grund  der  sorgfaltigen  Herausgabe  des  hand- 
schriftlichen Materials  durch  Suphan  (Bd.  10  der  Weimarer 
Ausgabe,  1889)  hat  dann  noch  Düntzer  (Zeitschrift  für  den 
deut'schen  Unterricht,  Bd.  4,  S.  3i8t^\)  Scherers  Aufstel- 
lungen unwirsch,  aber  in  einigen  Punkten  zutreffend  revidirt. 
Die  Resultate  dieser  Arbeiten  werden  hier  zusammengefaßt 
und  weitergeführt. 

Am  22"  Oktober  1786  schreibt  Goethe  Abends  in  Giredo, 
einem  kleinen  Bergneste  der  Apenninen,  in  sein  Tagebuch: 
»Heute  früh  saß  ich  ganz  still  im  Wagen  und  habe  den 
Plan  zu  dem  großen  Gedicht  der  Ankunft  des  Herrn,  oder 
dem  ewigen  Juden  recht  ausgedacht.  Wenn  mir  doch  der 
Himmel  nun  Raum  gäbe  nach  und  nach  das  alles  aus- 
zuarbeiten was  ich  im  Sinne  habe.  Es  ist  unglaublich  was 
mich  diese  acht  Wochen  auf  Haupt-  und  Grundbegriffe  des 
Lebens  sowohl,  als  der  Kunst  geführt  haben. 


90  Abhandlükgen'. 


Sagt  ich  dir  schon  daß  ich  einen  Plan  zu  einem  Trauer- 
spiel Ulysses  auf  Phäa  gemacht  habe?  Ein  sonderbarer 
Gedancke  der  vielleicht  glücken  könnte.« 

Wie  Goethe  hier  zur  Erwähnung  seines  Nausikaaplanes 
kommt,  ist  deutHch,  Der  Dichtungsplan  zum  ewigen  Juden 
führt  seine  Gedanken  zu  den  mancherlei  anderen  Entwürfen, 
die  ihm  diese  Reise  geschenkt  hat,  und  von  diesen  drängt 
sich  vor  Allem  der  einige  Zeit  zuvor  entstandene  Plan  zum 
»Ulysses  auf  Phäa«  vor  seine  Seele.  »Ein  sonderbarer  Ge- 
danke« —  das  entspricht  im  damaligen  Sprachgebrauch  etwa 
unserem :  »Ein  eigenartiger  Gedanke.«  Wann  und  wie  die 
Conception  stattfand,  können  wir  nicht  wissen  —  von  Homer 
ist  bis  dahin  in  den  Tagebüchern  und  Briefen  der  italieni- 
schen Reise  nicht  die  Rede.  Eine  stille  Selbstvergleichung 
Goethes  mit  Odysseus  haben  wir  im  Tagebuch  Venedig, 
6.  Oktober :  »Ich  bin  recht  glückUch  und  vergnügt  seit  mir 
Minerva  in  Gestalt  des  alten  Lohnbedienten  zur  Seite  steht 
und  geht.« 

Der  Plan  des  »Ulysses  auf  Phäa«  tritt  nach  dieser  kurzen 
Erwähnung  gleich  wieder  in  den  Hintergrund ;  in  Rom  und 
Neapel  wird  er  nicht  erwähnt.  Aber  die  Seefahrt  nach 
Palermo  und  die  Ankunft  auf  der  Wunderinsel  führen 
sogleich  das  Bild  des  meerdurchfahrenden  antiken  Helden 
wieder  herbei. 

Die  Original -Tagebücher  der  siziUschen  Reise  sind 
größtentheiis  nicht  erhalten,  wir  sind  auf  ihre  Bearbeitung 
m  der  »Italienischen  Reise«  angewiesen.  Da  heißt  es  denn 
Palermo  den  3.  April  1787  nach  einer  Schilderung  der  Land- 
schaft: »Verzeiht  wenn  ich  mit  einer  stumpfen  Feder  aus 
einer  Tusch-Muschel,  aus  der  mein  Gefährte  die  Umrisse 
nachzieht,  dieses  hinkritzle.  Es  kommt  doch  wie  ein  Lispeln 
zu  Euch  hinüber,  indeß  ich  allen  die  mich  lieben  ein  ander 
Denkmal  dieser  meiner  glücklichen  Stunden  bereite.  Was 
es  wird  sag'  ich  nicht,  wann  Ihr  es  erhaltet  kann  ich  auch 
nicht  sagen.«  Dann  am  7.  April  nach  einer  köstlichen 
Schilderung  des  öffentlichen  Gartens  in  Palermo:  »Aber 
der  Eindruck  jenes  Wundergartens  war  mir  zu  tief  gebUeben; 
die  schwärzlichen  Wellen  am  nördHchen  Horizonte,  ihr  An- 
streben an  die  Buchtkrümmungen,  selbst  der  eigene  Geruch 
des  dünstenden  Meeres,  das  alles  rief  mir  die  Insel  der 
seligen  Phäaken  in  die  Sinne  sov^'ie  ins  Gedächtniß.  Ich 
eilte,  sogleich  einen  Homer  zu  kaufen,  jenen  Gesang  mit 
großer  Erbauung  zu  lesen  und  eine  Uebersetzung  aus  dem 
Stegreif  Kniepen  vorzutragen.«  Die  Zeitangabe  »7.  April« 
wird  durch  ein  Verzeichniß  der  Geldausgabe  jener  Tage 
berichtigt.  Danach  hat  Goethe  erst  am  15.  April  den  Homer 
gekauft.     Unter  dem  16.  April  heißt  es  dann  in  der  »Ital. 


Nausikaa.  9 1 

Reise«  :  »Da  wir  uns  nun  selbst  mit  einer  nahen  Abreise 
aus  diesem  Paradies  bedrohen  müssen,  so  hoffte  ich  heute 
noch  im  öffentUchen  Garten  ein  vollkommenes  Labsal  zu 
linden,  mein  Pensum  in  der  Odyssee  zu  lesen,  und  auf 
meinem  Spaziergang  nach  dem  Thale  am  Fuße  des  Rosalien- 
bergs den  Plan  der  »Nausikaa«  weiter  durchzudenken  und 
zu  versuchen,  ob  diesem  Gegenstande  eine  dramatische 
Seite  abzugewinnen  sei.  Dies  alles  ist,  wo  nicht  mit  großem 
Glück,  doch  mit  vielem  Behagen  geschehen.  Ich  verzeich- 
nete den  Plan  und  konnte  nicht  unterlassen,  einige  Stellen, 
die  mich  besonders  anzogen,  zu  entwerfen  und  auszuführen.« 
Aus  diesen  Tagen  stammt,  was  wir  von  Nausikaa  besitzen, 
denn  schon  unter  dem  17.  April  hören  wir:  »Es  ist  ein 
wahres  Unglück,  wenn  man  von  vielerlei  Geistern  verfolgt 
und  versucht  wird!  Heute  früh  ging  ich  mit  dem  festen, 
ruhigen  Vorsatz,  meine  dichterischen  Träume  fortzusetzen, 
nach  dem  öffentlichen  Garten;  allein  eh'  ich  mich's  versah, 
erhaschte  mich  ein  anderes  Gespenst,  das  mir  schon  diese 
Tage  nachgeschlichen.«  Es  ist  die  Idee  der  Urpflanze.  Damit 
versinkt  nun  der  Nausikaaplan  für  einige  Wochen.  Erst 
unter  dem  7,  Mai,  Taormina  verzeichnet  das  auf  den  ver- 
nichteten Original -Tagebüchern  beruhende  Tage-Register: 
»ich  blieb  in  einem  Orangengarten  am  Ufer  des  Meeres. 
Nausikaa.«  Die  Druckfassung  der  »Ital.  Reise«  bietet  dafür: 
»In  einem  schlechten  verwahrlos'ten  Baumgarten  habe  ich 
mich  auf  Orangenäste  gesetzt  und  mich  in  Grillen  vertieft . . . 
Und  so  saß  ich,  den  Plan  zu  Nausikaa  weiter  denkend, 
eine  dramatische  Concentration  der  Odyssee,  Ich  halte  sie 
nicht  für  unmöglich,  nur  müßte  man  den  Grundunterschied 
des  Drama  und  der  Epopöe  recht  ins  Auge  fassen.« 

Außer  dem  Bericht  in  der  »Ital.  Reise«  erzählen  uns 
noch  einige  gleichzeitige  Briefstellen  von  dem  meteorartig 
aufleuchtenden  und  verschwindenden  Plan.  An  Friedrich 
V.Stein,  Palermo  17.  April  1787:  »Ich  wünschte  dir,  daß  du 
die  Blumen  und  Bäume  sähest,  und  wärest  mit  uns  überrascht 
worden,  als  wir  nach  einer  beschwerlichen  Ueberfahrt  am 
Ufer  des  Meeres  die  Gärten  des  Alcinous  fanden.«  —  Am 
folgenden  Tage  an  Frau  v.  Stein:  »Was  ich  Euch  bereite, 
geräth  mir  glücklich,  ich  habe  schon  Freudenthränen  ver- 
gossen daß  ich  Euch  Freude  machen  werde.«  —  An  Seidel, 
15.  Mai:  »Was  ich  machen  kann  wird  man  vielleicht  aus 
einem  Stück  sehen,  das  ich  auf  dieser  Reise  erfunden  und 
angefangen  habe.«  —  An  Frau  v.  Stein,  8.  Juni :  »  . .  .  auch 
haben  sich  neue  Sujets  zugedrängt  die  ich  ausführen  muß 
denn  das  Leben  ist  kurz.«  Leider  zu  kurz  für  unseren  Dich- 
tungsplan, der  von  anderen  Eindrücken,  Plänen,  Arbeiten 
verarängt  wurde.  — 


^2  Abhandlungen. 


Goethe  hat  das  Schema  der  Handlung  skizzirt,  ehe  er 
am  15.  April  sich  den  Homer  verschaffte.  Das  verrathen 
die  Namen.  Aus  getrübter  Erinnerung  gibt  er  in  den  Skizzen 
der  Tochter  des  Alkinoos  den  Namen  Arete,  den  bei  Homer 
ihre  Mutter  führt,  und  für  die  Vertraute  wählt  er  den 
frei  erfundenen  Namen  Xanthe.  Die  Skizzen  liegen  also 
vor  dem  15.  April;  dagegen  sind  die  meisten  ausgeführten 
Verse  erst  nacn  diesem  Tage  entstanden,  denn  die  zu  I.  3 
entworfenen  Verse  haben  schon  auf  Grund  der  frischen 
Homerlektüre  die  richtigen  Namen  Nausikaa  und  Euryme- 
dusa,  und  viele  andere  Stellen  sind  in  engem  Anschluß  an 
bestimmte  Homerverse  ausgeführt. 

In  der  vierzig  Jahre  später  unter  seinen  Augen  von 
Kräuter  angefertigten  Reinschrift  hat  nun  aber  Goethe  doch 
wieder  den  Namen  Arete  stehen  lassen,  so  daß  gegenwärtig 
das  Drama  »Nausikaa«  heißt,  während  gleich  die  ersten 
Worte  lauten :  »Aretens  Jungfrauen«.  Wir  lassen  hier  den 
ausgeführten  Text  und  die  Skizzen  unangetastet,  setzen  aber 
bei  der  Erläuterung  für  »Arete«  überall  »Nausikaa«  ein. 

Versuchen  wir  nun,  wie  w^eit  sich  aus  einigen  wenigen 
ausgeführten  Scenen  und  aus  Trümmern,  Skizzen,  Scenar- 
formeln  das  Scheinbild  eines  Ganzen  herstellen  läßt. 

Bei  dem  Versuch,  den  Gang  der  Handlung  aufzubauen, 
haben  wir  Entsagung  zu  üben  und  müssen  darauf  ver- 
zichten, die  Reden  und  Argumente  auszumalen,  wo  kein 
Material  dazu  vorliegt.  Einen  Antrieb  zur  Ergänzung  des 
Gebotenen  wird  die  Phantasie  des  Lesers  in  Goethes  Skizzen 
finden,  die  hier,  durch  Cursivdruck  sich  abhebend,  unver- 
ändert eingefügt  sind.  Die  Suggestivkraft  dieser  gedrängten 
Formeln  wird  es  dem  Leser  hoffentlich  ermöglichen,  die 
Scenen  genauer  und  farbiger  vor  sich  zu  sehen,  als  ich  sie 
hier  zeichnen  durfte.  Zu  weiterer  Belebung  des  Gesammt- 
bildes  werden  auch  die  ausgeführt  vorliegenden  Verse 
sämmtlich  aufgenommen. 

ERSTER  AUEZUG. 

Erster  Aufiriii. 

Aretens  Jungfrauen,  eine  schnell  nach  der  andern. 
Erste    (suchend). 

Nach  dieser  Seite  flog  der  Ball!  —  Er  liegt 

Hier  an  der  Erde.     Schnell  fass'  ich  ihn  auf 

Und  stecke  mich  in  das  Gebüsche!  Still!  (Sie  verbirgt  sich.) 


Zweite. 
Dil  hast  ihn  fallen  sehn? 


Nausikaa.  93 

Drille. 

Geiuiß;  er  liel 
Gleich  hinter  dies  Gesträuch  im  Bogen  nieder. 

Zzvcilc. 
Ich  seh'  ihn  nicht! 

Drille. 

Noch  ich. 

Ziueile. 

Mir  schien,  es  lief 
Uns  Tyche'  schon,  die  schnelle,  leicht  voraus. 

Erste. 

(ans  dem  Gebüsche  lugteich  rufend  und  werfend.) 
Er  kommt!  er  trifft! 

Zweite. 
Ai! 
Dritte. 
Ai! 

Erste    (Jjervor tretend). 

Erschreckt  Ihr  so 
Vor  einer  Freundin?  Nehmt  vor  Amors  Pfeilen 
Euch  in  Acht,  sie  treffen  unversehener 
Als  dieser  Ball. 

Zweite   (den  Ball  aufraffend). 

Er  soll!  er  soll  iiir  Strafe 
Dir  um  die  Schultern  fliegen. 

Erste   (laufend). 

Werft!  ich  bin  schon  weit! 

Dritte. 
Nach  ihr!  nach  ihr! 

Zzueite  (wirft). 

Er  reicht  sie  kaum,  er  springt 
Ihr  von  der  Erde  nur  vergebens  nach. 
Komm  mit!  Geschwind!  daß  wir  des  Spiels  so  lang 
Als  möglich  ist  genießen,  frei  für  uns 
Nach  allem  Willen  scher:(en!  Denn  ich  furchte 
Bald  eilt  die  Fürstin  nach  der  Stadt  :^uruck. 


1  Vxxr»Tyche«  hieß  es  in  der  Handschrift  ursprüngHch  « TnTc/.'^«  - 
offenbar  ein  falsch  gebildetes  Femininum  von  xpaxu?. 


94  Abhandlungen. 


Sie  ist  seit  diesem  heitern  Frühlingsabend 
Nachdenklicher  als  sonst  und  freut  sich  nicht 
Mit  uns  ^u  lachen  und  :(u  spielen,  wie 
Sie  stets  gewohnt  war.    Komm!  Sie  rufen  schon. 

Zweiter  Auftrat. 

Ulysses  (aus  der  Höhle  tretend). 

Was  rufen  mich  für  Stimmen  aus  dem  Schlaf? 
Wie  ein  Geschrei,  ein  laut  Gespräch  der  Frauen 
Erklang  mir  durch  die  Dämmrung  des  Erwachens. 
Hier  seh'  ich  niemand!  Scher:(en  durch' s  Gebüsch 
Die  Nymphen}  oder  ahmt  der  frische  Wind, 
Durch  s  hohe  Rohr  des  Flusses  sich  bewegend, 
Zu  meiner  Qual  die  Menschenstimmen  nach? 
Wo  bin  ich  hingekommen?  Welchem  Lafide 
Trug  mich  der  Zorn  des  Wellengottes  ^u? 
Ist's  leer  von  Menschen;  wehe  mir  Verlass'nem! 
Wo  will  ich  Speise  finden,  Kleid  und  Waffe? 
Ist  es  bewohnt  von  rohen,  unge:(ähmten. 
Dann  wehe  doppelt  mir!  dann  übt  aufs  Neue 
Gefahr  und  Sorge  dringend  Geist  und  Hände. 
O  Noth!  Bedürfniß  o!  Ihr  strengen  Schwestern 
Ihr  haltet,  eng  begleitend,  mich  gefangen! 
So  kehr'  ich  von  der  zehenjähr'gen  Mühe 
Des  wohlvollbrachten  Krieges  wieder  heim. 
Der  Städtebändiger,  der  Sinnbe^zuinger! 
Der  Bettgenoß  unsterblich  schöner  Frauen! 
Ins  Meer  versanken  die  erworbnen  Schätze, 
Und  ach,  die  besten  Schät:{e,  die  Gefährten, 
Erprobte  Männer,  in  Gefahr  und  Mühe 
An  meiner  Seite  lebenslang  gebildet. 
Verschlungen  hat  der  tausendfache  Rachen 
Des  Meeres  die  Geliebten,  und  allein. 
Nackt  und  bedürftig  jeder  kleinen  Hülfe, 
Erheb'  ich  mich  auf  unbekanntem  Boden 
Von  ungemess'nem  Schlaf.     Ich  irrte  nicht! 
Ich  höre  das  GeschwätT^  vergnügter  Mädchen. 
O  daß  sie  freundlich  mir  und  :(arten  Her^^ens 
Dem  Vielgeplagten  doch  begegnen  möchten, 
Wie  sie  mich  einst  den  Glücklichen  empfingen! 
Ich  sehe  recht!  die  schönste  Heldentochter 
Kommt  hier,  begleitet  von  bejahrtem  Weibe, 
Den  Sand  des  Ufers  meidend  nach  dem  Haine. 
Verberg'  ich  mich  so  tätige,  bis  die  Zeit 
Die  schickliche,  dem  klugen  Sinn  erscheint. 


Nausikaa.  95 

Die  erste  Scene  ist  hervorgegangen  aus  Od.  6,  115  ff.: 

Hierauf  schwang   die  Fürstin   den   Ball   auf  Eine  der 

Mädchen, 
Doch  sie  verfehlte  das  Mädchen  und  warf  in  die  Tiefe 

des  Strudels; 
Laut  nun  kreischten   sie  auf.     Da  erwacht'  aus  dem 

Schlummer  Odysseus. 

Den  Erwägungen,  durch  die  Goethe  von  hier  aus  zu 
seiner  Scene  gelangte,  kann  man  leicht  nachgehen.  Nach 
dem  Kreischen  mußte  die  Bühne  für  den  Monolog  des 
Odysseus  geräumt  werden.  Die  Königstochter  mit  allen 
ihren  Mägden  nach  einer  kurzen  Einleitungsscene  wieder 
abgehend  —  das  wäre  recht  schwerfällig  geworden.  Goethe 
läßt  also  nur  einige  Mädchen  über  die  Scene  huschen. 
Und  weil  ein  Ball,  der  ins  Wasser  fliegt,  scenisch  nicht 
recht  wirksam  ist,  so  bringt  Goethe  das  geforderte  Kreischen 
lieber  durch  eine  Neckerei  zu  Stande,  mit  der  ein  Mädchen 
die  beiden  anderen  erschreckt.  Damit  ist  nun  Nausikaas 
Auftreten  für  ihre  entscheidende  Begegnung  mit  Odysseus 
aufgespart.  Unsere  Scene  bringt  in  ihren  letzten  Versen 
auch  noch  ein  Stückchen  Exposition:  Nausikaas  nachdenk- 
liche Stimmung,  eine  Folge  des  Traums,  von  dem  die 
dritte  Scene  weiter  berichtet.  Dazu  endlich  ein  ahnungs- 
voller Vorklang  der  Gesammthandlung  in  dem  Vergleich 
des  Balls  mit  Amors  Pfeilen,  die  noch  unversehner  treffen. 
Es  steckt  viel  Kunst  in  der  kleinen,  anspruchslosen  Er- 
öffnungsscene. 

Nun  das  Selbstgespräch  des  Ul3^sses  oder  Ulyß  —  so 
nennt  ihn  Goethe  wie  in  »Iphigenie«,  weil  diese  Form 
besser  in  den  jambischen  Rhythmus  paßt.  Es  ist  erwachsen 
aus  Od.  6,  119  ff.: 

Weh  mir,   in    welches   Gebiet   der    Sterblichen    jetzo 

gelang'  ich? 

Sind's  unbändige  Horden  der  Frevler,  wild  und  ge- 
setzlos? 

Sind  sie  den  Fremdlingen  hold  und  hegen  sie  Furcht 

vor  den  Göttern? 

Eben  wie  Mädchenstimm'  umscholl  ein  helles  Ge- 
kreisch mich, 

Gleich   der  Nymfen,  die  rings  hochscheitliche  Berge 

bewohnen, 

Und  Urquellen  der  Ström',  und  grünbekräuterteThäler! 

Bin  ich  vielleicht  hier  nahe  bei  redenden  Menschen- 
kindern? 

Aber  wohlan,  laß  selber  mich  hingehn,  und  es  er- 
kunden! 


96  Abhaxdluxgek. 


Diese  Zweifel  bringt  auch  Goethe  in  der  ersten  Hälfte 
seines  Odysseusmonologs  und  belebt  dabei  die  Decoration 
mit  den  Worten: 

oder  ahmt  der  frische  Wind, 
Durch' 5  hohe  Rohr  des  Flusses  sich  bewegend, 
Zu  meiner  Qual  die  Menschenstimmen  nach? 

Die  zweite  Hälfte  des  Monologs  bringt  einen  Ex- 
positionsrückblick auf  die  Ereignisse  seit  der  Abfahrt  von 
Troja,  wie  ihn  der  Dramatiker  für  seine  Zwecke  braucht. 
Bei  der  Redaction  des  Monologs  sind  einige  Verse  aus- 
gefallen.    Sie  lauten  im  ersten  Entwurf: 

Hier  unter  diesen  Blättern  lag  der  Mann 

der  viel  .     Gleich  einem  Funchen  pp. 

In  zweiter  Fassung: 

Und  zuie  der  arme  let:(te  Brand 

von  großer  Heerdes  Glut  mit  Asche 

des  Abends  überdeckt  luird  daß  er  Morgens 

dem  Hause  Feuer  gebe,  lag 

in  Blätter  eingescharrt  .  .  . 

Das  schöne  Bild  stammt  aus  Homer  5,  486  ff: 

Freudig  schaut'   er   das  Lager,  der  herrliche  Dulder 

Odysseus, 

Legte  sich  mitten  hinein,  und  übergoß  sich  mit  Blättern. 

"Wie  wenn  einer  den  Brand  in  dunkeler  Asche  verbirget, 

Ganz  am  Ende  des  Feldes,   dem  nicht  anwohnet  ein 

Nachbar, 

Samen  der  Glut  sich  hegend,  daß  nicht  bei  Entfernten 

er  zünde. 

Also  verbarg  Odysseus  im  Laube  sich.  — 

Die  letzten  Verse  des  Monologs  leiten  zur  dritten 
Scene  über,  von  der  wir  einen  erheblichen  Theil  im  ersten, 
noch  ungeglätteten  Entwurf  besitzen: 

NAUSIKAA.    EURYMEDUSA. 

Nausikaa. 

Laß  sie  nur  immer  scher:(en,  denn  sie  haben 
schnell  ihr  Geschäft  verrichtet.     Unter  Schwät^ien 
und  Lachen,  spülte  frisch  und  leicht  die  Welle 
die  schönen  Kleider  rein.    Die  hohe  Sonne 
die  allen  hilft  vollendete  gar  leicht 
das  Tagewerck.     Gefaltet  sind  die  Schleyer, 
die  langen  Röche  deren  Weib  und  Mann 
sich  immer,  reinlich  wechselnd,  gern  erfreut. 
Die  Körbe  sind  geschlossen;  leicht  und.  sanft 
Bringt  der  bepachte  Wagen  uns  :{iir  Stadt. 


Nausikaa.  97 

(Eurymedusa). 

Ich  gönne  ^ern  den  Kindern  ihre  Lust 

Und  was  Du  zuillsl  geschieht.     Ich  sah  dich  still 

Bey  seit  am  Flusse  gehen  keinen  Theil 

am  Spiele  nehmen  Jiur  gefällig  ernst 

Zu  dulden  mehr  als  dich  ^u  freuen.     Diess 

Schien  mir  ein  Wunder. 

(Nausikaa). 

Gesteh  ich  dir  geliebte  Hertens  freundinn 

Warum  ich  heut  so  früh  in  deitie  Kammer 

getreten  bin  warum  ich  diesen  Tag 

so  schön  gefunden  unser  weibliches 

Geschäft  so  sehr  beschleunigt  habe  Roß  und  Wagen 

von  meinem  Vater  ....  tnir  erbeten  .  .  . 

wenn  ich  jet7t  auch  still  und  denckend  bin 

so  wirst  au  lächeln  denn  mich  hat  ein  Traum 

ein  Traum  verführt  der  einem  Wunsche  gleicht. 

(liurymedusa). 

Er:^ähle  mir  denn  alle  sind  nicht  leer 
(die  nächtlich  leichten  Bilder) 
und  olme  Sinn  die  flüchtigen  Gefährten 
der  Nacht.     Bedeutend  fand  ich  steets 
die  sanften  Träume  die  der  Morgen  uns 
ums  Haupt  bewegt. 

(Nausikaa).  „  ,  „  .. 

^  ''  So  war  der  meine.     Spat 

noch  wacht  ich  denn  mich  hielt  das  Sausen 

des  ungeheuren  Sturms  nach  Mitternacht 

noch  munter  .  .  . 

Es  ist  der  von  Poseidon  erregte  Sturm,  dem  Ulyß 
entronnen  ist.  Den  Traum  haben  wir  Od.  6,  25;  Athene 
spricht  zu  der  schlafenden  Nausikaa  in  Gestah  einer 
Jugendfreundin : 

Welch  ein   lässiges  Mädchen,  Nausikaa,  bist    du   der 

Mutter! 
Alles  Gewand,   so   wert   der  Bewunderung,  liegt  dir 

verwahrlost; 
Und   bald   steht  die  Vermählung  bevor,  wo  Schönes 

du  selber 
Anziehen   mußt,   und  reichen  den  Jünglingen,  wenn 

man   dich   heimfühn; 
Denn  aus  solchem  ja  geht  ein  Gerücht  aus  unter  die 

Menschen, 
Das    uns    ehrt;    auch    den    Vater    erfreut's    und    die 


liebende  Mutter. 


Goethe- Iahrbucb  XXV. 


98  Abhandlungex. 


Eilen  wir  denn  zur  Wäsche,  sobald  der  Morgen  sich 

rötet. 
Ich  als  deine  Gehülfin  begleite  dich,  daß  du  geschwinder 
Fertig    seist;   denn   wahrlich   du   bleibst   nicht   lange 

noch  Jungfrau. 
Denn  schon  werben  um  dich  die  Edelsten  unter  dem 

Volke 
Aller  Fäaken  umher,  da  du  selbst  von  edler  Geburt 

bist  .  .  . 

Also  »ein  Traum,  der  einem  Wunsche  gleicht«  von 
Brautzeit  und  Brautschatz.  Zu  weiterer  Ergänzung  der 
Scene  haben  wir  das  Scenar  und  einige  vereinzelte  Verse. 
Xanthe.         Frühling  neu.        Arete.    Bekänntniß.        Bräuti- 

fanis  Zeit  Vater  Mutter.  Danach  sollte  Nausikaas  Be- 
enntniß  von  ihren  Wünschen  und  Hoffnungen  ursprünglich 
anders  eingeleitet  werden,  als  jetzt  in  den  entworfenen 
Versen.  Nicht  von  ihrer  versonnenen  Stimmung  und  ihrem 
Traum,  sondern  von  der  blühenden  Landschaft  umher  und 
der  Frühlin^sstimmung  wollte  Goethe  anfänglich  zum 
Thema  der  Scene  gelangen,  zu  den  im  Busen  der  Jungfrau 
aufsteigenden  Ahnungen  und  Wünschen.  Bräutigams  Zeit 
Vater  Mutter.  Gewiß  deutet  das,  wie  Scherer  annimmt, 
auf  Erzählungen  des  Vaters  von  seiner  Bräutigamszeit. 
Auch  an  verlobten  Paaren  hat  Nausikaa  staunend  wunder- 
bare Empfindung  gesehen: 

Dann  schweigen  sie  und  sehn  einander  an. 

Und  so  quillt  ihr  selbst  ein  unverstandenes  Sehnen  auf: 

Geliebte  schilt  die  stille  Trähne  nicht, 
die  mir  vom  Auge  fließt. 

Nausikaa  ist  also  reif  für  die  größte  Erfahrung,  die 
ein  Mädchenherz  zu  machen  hat.  So  fließt  das  vertraute 
weibliche  Gespräch.  Und  nun,  in  jähem  Contrast,  die 
große  Scene: 

4.  Die  Vorigen.  Ulyß.  Bei  Homer  ist  Ulyß  nackt, 
und  der  starke  hilfeflehende  Mann  bildet  so  mit  dem  hilfe- 
gewährenden jungen  Mädchen  eine  Gruppe  von  der  stärksten 
poetischen  Eindruckskraft.  In  einem  aufführbar  gehaltenen 
Drama  kann  Ulyß  nicht  ganz  nackt  hervortreten,  also  hat 
er  wohl  hier  von  Sturm  und  Wellen  zerfetzte  Reste  seiner 
Kleidung  am  Körper  bewahrt.  Scherer  sucht  die  kleine 
Schwierigkeit  anders  zu  lösen:  »Vielleicht  spricht  er  aus 
der  Höhle  heraus  über  einen  halb  bedeckenden  Stein  vor- 
gebeugt.« Aber  er  ist  ja  schon  in  der  zweiten  Scene  vor 
die  modernen  Zuschauer  getreten,  die  weit  empfindlicher 


Nausikaa.  99 

sind  als  eine  antike  Königstochter.  Also  ganz  ohne  Kleider 
geht  es  wohl  nicht.  Die  Bittrede  hätte  Goethe  natürlich 
nachbildend  und  umformend  aus  Od.  6,  149  ff.  geschaffen. 
Aus  Nausikaas  Antwort  hat  er  einiges  skizzirt:  Gärten  des 
Vaters  erstes  Bedürfniß  Kleid  Hunger  Durst 
Angesehn.     Zu  Grunde  liegen  die  Homerverse: 

Jetzt  denn,   da  unserem  Reiche  in  diesem  Lande  du 

nahest, 
Soll   dir's   weder  an   Kleidung  noch  etwas  Anderem 

mangeln, 
Was  ein  nahender  Fremdling  im  Elend  billig  erwartet . . . 
Auf  nun,  stärkt,  ihr  Mädchen,  mit  Trank  und  Speise 

den    Fremdling ; 
Laßt  auch  im  Strom  ihn  baden,  wo  Schutz  umher  vor 

dem    Wind    ist. 

Zu  der  Formel  Gärten  des  Vaters  haben  wir  die  aus- 
geführten Verse: 

In  meines  Vaters  Garten  soll  die  Erde 

Dich  unigetriebnen  vielgeplagten  Mann 

Zum  freundlichsten  empfangen  .  .  . 

Das  schönste  Feld  hat  er  sein  ganzes  Leben 

Bepflanzt  gepflügt  und  erndtet  nun  im  Alter 

Des  Fleißes  Lohn  ein  tägliches  VergniXgen 

Dort  dringen  neben  Früchten  wieder  Blüten 

Und  Frucht  auf  Früchte  wechseln  durch  das  Jahr 

Die  Pommeran^^e  die  Citrone  steht 

Im  duncklen  Laube  und  die  Feige  folgt 

Der  Feige.     Rings  beschützt  ist  rings  umher 

Mit  Aloe  und  Stachelfeigen 

Daß  die  verwegne  Ziege  nicht  genäschig  .  .  . 

Dort  wirst  du  in  den  schönen  Lauben  wandlen 

An  weiten   Teppichen  von  Blumen  dich  erfreun 

Es  rieselt  neben  dir  der  Bach  geleitet 

Von  Stamm  :(^u  Stamm  der  Gärtner  träncket  sie 

Nach  seinem  Willen  .  .  . 

Hier  fließt  Homers  Schilderung  von  dem  Garten  des 
Alkinoos  in  eins  zusammen  mit  der  den  Dichter  umgebenden 
Wirklichkeit,  während  er  im  öffentlichen  Garten  von  Palermo 
die  Verse  im  Skizzenheft  aufzeichnete.  Ital.  Reise,  Palermo, 
3.  April:  »In  einem  öffentlichen  Garten  stehn  weite  Beete 
von  Ranunkeln  und  Anemonen.«  7.  April:  »Grüne  Beet- 
einfassungen umschließen  fremde  Gewächse,  Citronenspaliere 
wölben  sich  zum  niedlichen  Laubengange.«  19.  April: 
»reiche  Teppiche  von  amarantrothem  Klee.«  Auch  die  Ein- 
fassung des  Gartens  mit  einem  Zaun  von  Aloe  und  Stachel- 


100  Abhandlungen. 


feigen  ist  ein  frischer  sizilischer  Eindruck;  bei  Homer  ist 
der  Garten  des  Alkinoos  vielmehr  mit  einer  Mauer  um- 
geben. Das  Entzücken  des  Dichters  über  seine  köstliche 
Umgebung  weht  mit  warmem  Hauch  aus  den  Versen,  und 
die  Worte 

Die  Pommeran^e  die  Citrone  steht 
Im  duncklen  Laube 

haben  sich  später  in  Mignons  Lied  zur  Vollendung  entfaltet. 
Nun  das  letzte  Wort  der  Skizze :  Angesehn.   Das  schließt 
sich  an  Homers  örieTxo  be  Koupri  an.     Od.  6,  236: 

Jetzo    saß    er,    zur  Seite  gewandt,   am    Gestade   des 

Meeres, 
Strahlend  in  Schönheit  und  Reiz.    Mit  Bewunderung 

schaute  die  Jungfrau. 

Also  Nausika  wirft  —  etwa  im  Abgehen  —  unschuldig 
und  natürhch  einen  warmen,  freundlichen  Bhck  auf  Ulyß. 
Und  nun  folgt : 

5.  Ulyß.  Vorsicht  seines  Betragens.  Unverheurathet. 
Dazu  sagt  Scherer:  »Daß  Ulysses  mit  Bewußtsein  speciell 
auf  Nausikaas  Neigung  speculire,  ist  absolut  ausgeschlossen, 
wie  jedermann  zugeben  wird.«  Aber  Scherer  lag  eben  das 
Angesehn  der  vorigen  Scene  nicht  vor,  das  in  Riemers  Druck 
fehlt.  Es  ist  nicht  anders :  Der  Kluge,  Vielerfahrene  hat 
den  freundHchen  Bhck  des  unschuldigen  Mädchens  auf- 
gefangen und  in  seiner  hilflosen  Lage  darf  er  sich  keines 
Vortheils  begeben.  Er  gibt  sich  für  unverheirathet,  um  den 
Antheil  der  Königstochter  nicht  zu  verlieren,  und  wird  so 
an  Allem,  was  daraus  erfolgt,  ganz  ei^enthch  schuldig.  Von 
seinem  Monolog  hegen  nur  einige  Verse  vor : 

Zuerst  verberg  ich  meinen  Nahmen.     Denn 
Vielleicht  ist  noch  am  Nahmen  nicht  so 

so  jeden 
Und  dan  klang  der  Nähme 
Ulysses  wie  der  Nähme  jedes  Knechts. 

Zweiter  Aufzug. 

I.  Alkinous.  Früchte  vom  Sturm  herunter  geworfen. 
Blumen  :(erstört.  Latten  an:(unageln  ^u  befestigen.  Sohn. 
Tochter.  Wir  sind  also  im  Garten  des  Alkinoos,  und  er  ist 
beschäftigt,  die  Schäden  zu  bessern,  die  der  von  Poseidon 
erregte  Sturm  angerichtet  hat.  Sohn.  Tochter.  Er  überdenkt 
als  ein  behagUcher  Hausvater  seine  häusliche  Existenz.  Die 
Mutter  läßt  Goethe  als  todt  bei  Seite,  damit  Nausikaa  in 
ihren  Herzenswirren  ohne  ihre  natürliche  Vertraute  dasteht, 


N'ausikaa.  10 1 

die   sonst  vielleicht   dem   unheilvollen  Ausgang  hätte  vor- 
beugen können. 

2.  Alkinons.  Sohn.  Geschichte  Beschreibung  des 
Sturms.  Abfahrt.  Delphinen  pp.  Der  Sohn  kommt  also 
von  einer  Seefahrt  zurück.  Die  Abfahrt  geschah  bei  heiter- 
stem Himmel,  Delphine  zogen  hinter  dem  Schiff  her,  wie 
das  Goethe  eben  erst  auf  der  Fahrt  von  Neapel  her  gesehen 
hatte.  Und  nun  folgt  die  Geschichte  Beschreibung  des  Sturms, 
der  ja,  vom  Meergott  zu  bestimmtem  Zwecke  erregt,  plötz- 
lich einsetzt  und  mit  grauenhafter  Wuth  tobt,  so  daß  er 
auch  diesen  Meeranwohnern  als  ein  seltsamer,  erzählens- 
werther  Vorgang  erscheint. 

3.  Die  V'or]gen.  Arete.  Dazu  die  Skizze:  Tochter. 
Wäsche  selbst  jiir  den  Fater  bereitet  sie  erblickt  Ulyssen. 
Bei  Homer  tritt  Odysseus  in  den  Saal,  wo  die  Edlen  der 
Phäaken  in  Gegenwart  des  Königs  beim  Mahle  sitzen,  und 
umfaßt  die  Kniee  der  Königin.  Goethe  zieht  die  Scene 
ins  Bürgerlich-Häusliche:  Odysseus  findet  Alkinoos  mit  Sohn 
und  Tochter  im  Garten.  Das  hcäusUche  Gespräch  ist  wohl 
gerade  bis  zum  Bericht  der  Tochter  über  den  angekom- 
menen Fremdling  gelangt,  als  sie  den  herantretenden  Ulyß 
erblickt. 

4.  Die  Forigen.  Ulyß.  Skizze :  Ulyß  als  Gefährte  des 
Ulyß.  Aufnahme.  Bitte  der  Heimfahrt.  Beratung  des 
nötigen.  Hier  gibt  Ulyß  als  angeblicher  Gefährte  des  Ulyß 
eine  kurze  Schilderung  seiner  eigenen  Schicksale  seit  dem 
Brande  von  Troja.  Eine  umfangreiche  Erzählung  ist  durch 
die  Anforderungen  des  Dramastils  ausgeschlossen.  Wie  bei 
Eumaios  führt  sich  Ulyß  in  einer  erfundenen  Rolle  ein. 
Uebrigens  steht  der  Plan  Ulyß  als  Gefährte  des  Ulyß  nicht 
im  Einklang  mit  seinen  monologischen  Erwägungen  am 
Schlüsse  des  ersten  Aktes,  wo  er  den  Namen  Ulyß  über- 
haupt nicht  nennen  wollte.  Das  ist  also  eine  kleine  Plan- 
änderung, die  Goethe  während  der  Niederschrift  des  Ent- 
wurfs vornahm.  —  Ulyß  kommt  als  Hilfloser,  Bittender, 
und  so  sagt  eine  Notiz  zur  Ausführung  :  Ulyß  Gegensatz 
ein  Man  der  Mit  Geiualt  komt  der  mit  Reichthum  kommt. 
Die  Meinung  der  gutmüthigen  Gastfreunde  ist  wohl,  daß 
ihnen  der  hilflose,  schutzflehende  AnkömmHng  lieber  ist,  als 
einer,  der  mit  Gewalt  kommt,  und  daß  selbst  der  Ankömmling 
mit  Schätzen  nicht  immer  bequem  und  ungefährlich  ist. 
Außtahme.  Die  Aufnahme  ist  wohlwollend,  so  daß  sich 
gleich  die  Bitte  der  Heimfahrt  von  Seiten  des  Ulyß  und  die 
Beratung  des  nötigen  zv^'ischen  Vater  und  Sohn  anschließen 
kann.  Alkinoos  und  Nausikaa  entfernen  sich:  Alkinoos,  um 
die  Aeltesten  des  Volkes  zur  Berathung  über  die  Ange- 
legenheit des  Fremdlings  zusammen  zu  berufen,  Nausikaa, 


102  Abhandlukgen. 


um   die   dabei   erforderlichen   häuslichen  Anordnungen   zu 
treffen.    Es  bleiben  zurück: 

5.  Uliss.  Neoros.  So  also  nennt  Goethe  den  Sohn. 
Homer  hat  für  die  Brüder  der  Nausikaa  die  Namen  Lao- 
damas,  HaUos,  Klytoneos.  Das  war  aber  Goethe  hier  nicht 
gegenwärtig,  da  die  Skizzen  vor  der  erneuten  Homer- 
lektüre entstanden  sind,  und  er  hat  deshalb  den  in  der 
griechischen  Literatur  nicht  vorkommenden  Namen  Neoros 
erfunden.  Er  gibt  der  Nausikaa  nur  diesen  einen  Bruder, 
weil  das  Drama,  im  Stile  neben  Iphigenie  und  Tasso  stehend, 
ganz  wenige  Personen  vorführt  und  ihre  Herzensver- 
wirrungen entwickelt.  Die  Skizze  der  Scene  lautet:  Frage 
nach  seinen  Schicksalen  Bitte  seinfemj  Gefährten  :(u  helfen. 
Also  Neoros  begehrt,  die  Schicksale  des  FremdUngs  zu 
erfahren,  Ulyß  theilt  mit,  was  ihm  davon  kundzugeben 
zweckmäßig  scheint,  und  bittet  den  Königssohn,  seinem 
Gefährten,  d.  h.  dem  Ulyß,  zu  helfen. 

Dritter  Act. 

I.  Arete  Xanthe.  Dazu  die  Skizze:  [Aussuchen  der 
Kleider  und  GeschenckeJ'  Lob  des  Ulyß  Eröffnung  der 
Lädenschaft.  Das  Aussuchen  der  Kleider  und  Geschenke 
für  Ulyß  hat  Goethe  hier  gestrichen,  weil  in  der  nächsten 
Scene  davon  die  Rede  ist.  Xanthe  (oder  Eurymedusa)  hat 
hier  ganz  die  Rolle  der  Confidente  im  französischen  Drama, 
dem  ja  unsere  Dichtung  gerade  wie  Iphigenie  in  der  Ge- 
sammtform  verwandt  ist.  Nausikaa  spricht  also  der  ver- 
trauten Dienerin  ihre  Neigung,  ihre  Leidenschaft  für  Ulyß 
aus.  Von  Fausts  Gretchen  her  wissen  wir,  wie  köstlich  in 
Goethes  Tönen  solche  Hingabe  eines  unbewachten  Herzens 
an  den  von  einem  stattlichen  Fremden  ausstrahlenden 
Zauber  khngt.  Hier  ist  es  ganz  ähnHch.  Dieselbe  un- 
schuldige Anmuth  fließt  dort  aus  Gretchens  einfacher, 
volksmäßiger  Art  und  hier  aus  den  natürlichen  Zuständen 
eines  jungen  Volkes  und  aus  dem  in  Goethes  Dichtung 
bewahrten  Abglanze  des  homerischen  Stils.    In  beiden  Fällen 

felangt  die  Bewegung  eines  jungen,  unschuldigen  Menschen- 
erzens  in  einem  congenialen  Stile  zum  Ausdruck  durch 
einen  Dichter,  der  an  dem  Gewinn  einer  vorgeschrittenen 
Kultur  seinen  vollen  Antheil  nimmt  und  dabei  doch  das  Erb- 
theil  der  naiven  Poesie  bewahrt,  wie  das  Schiller  bewundernd 
empfand.  Und  wir  brauchen  uns  den  Ton  dieser  Scene 
nicnt  unfruchtbar  construirend  auszumalen,  wir  haben  einige 
wundervolle  Verse  daraus.  Statt  Eurymedusa  und  Xanthe 
probirt  Goethe   hier   einen  neuen   Namen  der  Vertrauten. 

'  Gestrichen. 


Nausikaa.  103 

(Nausikaa). 

IVas  sagst  du   Tyche  hältst  du  ihn  für  jung 

(Du  hältst  ihn  doch  für  jung  sprich   Tyche  sprich.) 

(Tyche). 

Er  ist  wohl  jung  genug  denn  ich  bin  alt. 
Und  immer  ist  der  Mann  ein  junger  Mann 
Der  einem  jungen  Weibe  wohl  gefällt. 

Köstlich  sind  die  zwei  so  fein  ausweichenden  und 
menschlich  zutreffenden  Gründe  der  Vertrauten.  Alt  ist 
auch  Eurymedusa  bei  Homer  (7,  8). 

2.  Die  vorige fn].  Neoros.  Dazu  Skizze:  Neoros  Lob 
des  Ulyß.  Männliches  Betragen.  fVille  des  Vaters,  daß 
ihm  (die  besten^)  Kleider  und  Geschencke  gegeben  werden. 
Scher^  des  Bruders.  Abschied  des  Ulyß.  Der  Scherz  des 
Bruders  ist  noch  treffender,  als  er  selbst  weiß.  Goethe  hat 
ihn  in  einem  Verse  entworfen: 

Du  gäbst  ihm  gent  den  besten  merck  ich  luohl. 

Neoros  theilt  dann  noch  mit,  daß  die  Aeltesten  sich 
schon  versammeln,  um  die  Heimsendung  des  Ulyß  —  oder 
vielmehr  des  angeblichen  Gefährten  des  Ulyß  —  zu  be- 
schließen, und  daß  also  sein  Abschied  bevorsteht. 

3.  Arete.  Diesen  Monolog  fügt  Goethe  ein,  während 
ursprüngHch  gleich  die  folgende  Scene  sich  anschließen 
sollte.  Es  hieß  erst:  Die  vorigen  Ulyß;  dann  hat  er  diese 
Worte  gestrichen  und  darüber  geschrieben:  Arete.  Also 
Neoros  entfernt  sich  mit  Xanthe,  und  Nausikaa  strömt  die 
schmerzHche  Bewegung  ihres  Herzens  aus.  Die  Skizze 
sagt:  Und  er  sol  scheiden  oder,  wie  es  in  einem  anderen 
Entwurf  lautet : 

Er  eilt  nach  Hause 
Er  soll  scheiden. 

In  dieser  Noth  des  jungen,  entschlossen  begehrenden 
Herzens  tritt  Ulyß  zu  ihr. 

4.  Ulyß.  Arete.  Dazu  die  Skizze:  Frage  un- 
verheurathet  Die  Schönen  Gefangenen.  Er  lobt  ihr  Land 
und  schilt  seins  sie  giebt  ihm  ~u  verslehn  daß  er  bleiben 
könne. 

Schiller  sagt  von  Alexis  und  Dora:  »Durch  die  Eil- 
fertigkeit, welche  das  wartende  Schiffsvolk  in  die  Handlung 
bringt,  wird  der  Schauplatz  für  die  zwei  Liebenden  so  enge, 
so   drangvoll  und   so    oedeutend   der  Zutsand,   daß  dieser 

^  Gestrichen. 


104  Abhandlungen. 


Moment  wirklich  den  Gehalt  eines  ganzen  Lebens  be- 
kommt«. Wir  haben  hier  nur  eine  Liebende,  im  übrigen 
hat  unsere  Scene  denselben  drangvollen  Gehalt,  aber  mit 
der  Aussicht  ins  hoffnungslos  Tragische,  während  es  sich 
dort  nur  um  eine  vorübergehende  Trennung  handelt.  In 
der  Angst  dieses  entscheidenden  Augenblicks  fragt  nun 
Nausikaa  geradezu,  ob  ihn  zu  Hause  eine  Gemahlin  er- 
wartet oder  ob  eine  von  den  schönen  gefangenen  Trojane- 
rinnen, die  ihm  als  Gefährten  des  Ulyß  zugefallen  sind, 
seine  Neigung  erregt  hat.  Er  weicht  aus  und  sucht  das 
Gespräch  auf  ein  harmloseres  Gebiet  zu  führen :  er  lobt  ihr 
Land  und  schilt  das  seine,  das  auch  bei  Homer  9,  27  rauh 
genannt  wird.  Scherer  hat  treffend  bemerkt,  daß  Goethe 
von  Italien  und  seinem  nordischen  Thüringen  die  Farben 
zu  dieser  Vergleichung  genommen  hätte.  Zu  diesem  Preis 
des  Phäakenlandes  gehören  die  Verse: 

Und  nur  die  höchsten  Nympfen  des  Gehirgs 
Erfreuen  sich  des  leichigefallnen  Schnees 
Auf  hir:(e  Zeit. 


Ein  weiser  Glan~  ruht  über  Land  und  Meer 
Und  duftend  schwebt  der  Aether  ohne  Wolcken 

Goethe  hat  an  einem  der  ersten  sizilischen  Tage  in 
seinem  Notizbuch  vermerkt:  »Weißer  Morgen,  alles  im 
Duft«.  Und  wie  bei  dem  Garten  des  Alkinoos  fließt  dieser 
Zug  aus  der  umgebenden  Wirkhchkeit  mit  Homers  Schil- 
derung zusammen.     Dort  heißt  es  6,  44  vom  Olymp: 

Heitre  beständig 
Breitet    sich   wolkenlos,    und    hell   umfließt    ihn    der 

Schimmer. 

Auf  Ulyssens  Preisen  des  Phäakenlandes  giebt  ihm 
Nausikaa  zu  verstehen,  daß  er  bleiben  könne.  Hierher 
mö^en  die  folgenden,  auf  einem  einzelnen  Blatt  sich 
findenden  Verse  gehören: 

Du  bist  nicht  einer  von  den  trüglichen 
IVie  viele  fremde  komen  die  sich  rühmen 
Und  glatte  Worte  sprechen  wo  der  Hörer 
Nichts  falsches  ahndet  und  ^ulet:(t  betrogen 
Sie  unvermuthet  wieder  scheiden  sieht 
Du  bist  ein  Mann  ein  :(uverlässger  Mann. 
Sinn  und  Zusammenhang  hat  deine  Rede,    schön 
Wie  eines  Dichters  Lied  tönt  sie  dem  Ohr 
Und  füllt  das  Her:^  und  reißt  es  jnit  sich  fort. 


N'AUSIKAA.  105 

Die  Verse  sind  eine  Umbildung  von  Od.  ir,  363  ft.: 

Keineswegs,  Odysseus,  vermuten  wir,  deiner  Gestalt  nach, 
liinen  Betrüger  in  dir  und  Täuschenden,  so  wie  genug  sie 
Nährt    das    schwarze    Gefilde    die    landdurchstreifenden 

Menschen, 
Welche  die  Lüg'  ausbilden,  woher  sie  keiner  ersähe. 
Aber  in  deiner  Red'  ist  Reiz  und  edle  Gesinnung; 
Und  du  hast,  wie  der  Sänger,  mit  Kunst  die  Geschichte 

gemeldet, 
Was  dem  argeiischen  Volk  und  dir  selbst  auch  Trauriges 

zufiel. 

Bei  Homer  ist  es  allerdino;s  Alkinoos,  der  das  Vorbild 
unserer  Verse  spricht,  aber  die  bei  der  Umbildung  neu 
hinzukommenden  Züge  deuten  doch  wohl  auf  unsere  Scene, 
besonders  das  naive  Vertrauen,  daß  er  nicht  durch  un- 
vermuthetes  Scheiden  seine  Gastfreunde  betrügen  werde. 
Ulyß  verharrt  offenbar  bei  seiner  ausweichenden  Haltung, 
und  so  endet  das  Gespräch  ohne  Entscheidung. 

5.  Arete.  Der  Act  schließt  mit  einem  Monolog  des 
Hebenden  Mädchens,  das  weder  weiß,  ob  der  immer  freund- 
Hch  zurückhaltende  und  ausweichende  Mann  ihre  Liebe 
erwidert,  noch  ob  er  überhaupt  unverheirathet  ist,  und  das 
also  von  grausamem  Zweifel  hin-  und  hergezerrt  wird. 

Vierter  Act. 

I.  Alkinoos  die  ältesten.  Eine  Skizze  dazu  ist  nicht 
vorhanden,  aber  der  Inhalt  der  Scene  ergiebt  sich  aus  der 
Lage:  Die  Aeltesten  sind  versammelt,  um  die  Heimsendung 
des  Ulyß  zu  beschließen.  Einzelmotive  für  die  Durch- 
führung dieser  Scene  bot  Homer  reichlich,  z.  B.  die  Rede 
des  Alkinoos  13,  7 ff.: 

Euch  nun  allen  und  jedem  empfehr  ich  dieses  mit  Nach- 
druck, 

Die  ihr  in  meinem  Palaste  des  funkelnden  Ehrenweines 

Immer  zugleich   hier  trinkt,   und   zugleich   anhöret  den 

Sänger. 

Kleidung  liegt  ja  bereits  in  der  schöngebildeten  Lade 

Unserem    Gast,    auch    Goldkunstwerk,    und    das    andere 

sämtlich. 

Was  zum  Geschenk  hieher  der  Fäakier  Fürsten  gespendet. 

Auf,  noch  schenk'  ihm  ein  groß  dreifüßig  Geschirr  und 

ein  Becken 

Jeder  von  uns.  Wir  nehmen  darauf  in  des  Volkes  Ver- 
sammlung 

Wieder  Ersatz;  denn  Einen  beschwert  so  reichliche  Mild- 
heit. 


Io6  Abhandlungen. 


2.  Die  vorigen  Sohn.  Welche  neuen  Nachrichten 
und  Gesprächsmotive  Neoros  herbeibringt,  läßt  sich  nicht 
gerade  sagen.  Technisch  Hegt  seinem  Ercheinen  das  Be- 
dürfniß  des  Dichters  zu  Grunde,  die  Hauptpersonen  der 
Dichtung  für  die  Schlußscene  dieses  Actes  herbeizuführen. 

3.  Die  vorigen  Arete.  Sie  kommt  von  ihrer  Unruhe 
getrieben,  den  Entschluß  des  Ulyß  zu  erfahren,  ob  er  geht 
oder  bleibt. 

4.  Die  Vorigen  Ulyß.  Der  Inhalt  dieser  Scene  er- 
gibt sich  auch  ohne  Skizze  deutlich:  Alkinoos  verkündet 
ihm  den  Beschluß  der  Aeltesten,  ihn  heimzusenden,  und 
nun  gibt  Ulyß  seine  Rolle  als  Gefährte  des  Ulyß  auf  und 
verkündet,  daß  er  Ulyß  aus  Ithaka,  Penelopes  Gemahl  sei. 
Daß  die  Enthüllung  in  dieser  Scene  erfolgt,  ist  deutlich, 
denn  bei  seinem  letzten  Auftreten  (III,  4)  ist  er  der  Frage 
Aretes,  ob  er  unverheirathet  sei,  ausgewichen,  im  nächsten 
Act  (V,  4)  bietet  er  seinen  Sohn  zum  Gemahl  der  Nausikaa 
an,  dazwischen  liegt  außer  unserer  Scene  nur  noch  eine, 
in  der  Ulyß  auftritt  (V,  2:  Alkinoos  Ulyß  Sohn'). 
Diese  kommt  für  die  Enthüllung  nicht  in  Frage,  denn 
schon  in  V,  i  liegt  Nausikaas  letzter  Monolog  vor  ihrem 
Abgang  zum  Tode.  In  unserer  Scene  gibt  also  Ulyß 
seinen  Namen  kund,  Nausikaa  hört  ihn  stumm  und  ver- 
zweifelnd. 

Fünfter  Act. 

1.  Arete.  Monolog:  Sie  geht  in  den  Tod.  Die  Scene 
bleibt  einige  AugenbHcke  leer,  denn  die  zweite  Scene  bringt 

2.  Alkinoos  Ulyß  Sohn  auf  die  Bühne.  Abschieds- 
vorbereitung, noch  nicht  der  Abschied  selbst,  der  der  vierten 
Scene  angehört. 

3.  Die  [Vorigen]  Xante.  Wenn  hier  die  Vertraute 
erscheint,  in  derselben  Scene  wieder  abgeht  und  mit  ihr 
der  Sohn,  so  läßt  sich  der  Inhalt  wohl  ergänzen:  Sie  sucht 
Nausikaa,  die  nirgends  zu  finden  ist,  Neoros  begleitet  sie, 
um  die  Schwester  zum  Abschied  von  Ulyß  herbeizuholen. 
Es  bleiben  also 

4.  Alkinoos  Ulyß.  Dazu  nun  eine  ausführliche  Skizze, 
nachdem  wir  uns  für  anderthalb  Acte  mit  dem  Scenar 
begnügen  mußten.  Scheiden.  Danck.  Tochter  läßt  sich 
nicht  sehn.        Schaam.        Er  soll  sie  nicht  falsch  beurtheilen. 

Es  sey  sein  eigner  Werth.  Ul.  Vorwurf  er  will  nicht 
so  scheiden  trägt  seinen  Sohn  an.  A.  Will  die  Tochter 
nicht  geben.  Ul.  Überredung.  A.  Will  gleich.  U.  will 
seinen  Sohn  bringen  sie  sollen  sich  wählen.        AI.  Hochzeitstag 

aiisstattung.  Den  Vorwurf  macht  Ulyß  gewiß  sich 
selbst :  er  hat  durch  Verschweigen  seines  Namens  es  mög- 


Nausikaa.  107 

lieh  gemacht,  daß  Nausikaas  Neigung  sich  entwickelte. 
Zu  der  Formel  IVill  die  Tochter  nicht  geben  gehören  die 
ausgetühncn  Verse: 

(Alkinoos). 

O   Theurer  Mann  luelch  einen  Schmer:^  erregt 

das  edle  Wort  in  meinein  Busen,  so 

soll  jener  Tag  denn  kommen,  der  mich  einst 

Von  meiner   Tochter  trennen  wird.     Vor  dem   Tag 

des  Todtes.    Lassen  soll  ich  sie 

und  senden  in  ein  fernes  Land 

sie  die  :(u  Haus  so  wohl  gepflegt  sie 

Aus  Ulyssens  Überredung  haben  wir  das  Bruchstück: 

Der  Mann  der  einen  ihm  vertrauten  Schat:^^ 

vergraben  hatte  der 

die  Lust  die  jener  hat  der  ihn  dem  Meer 

mit  Klugheit  anvertraut,  mit  günstigen  Göttern 

lehnfach  beglückt  nach  seinem  Hause  kehrt 

Alkinoos'  Einwilligung : 

So  iverde  jener  Tag  der  wieder  dich 
Mit  deinem  edlen  Sohn  :(um  Feste  bringt 
Der  feyerlichste  Tag  des  ganzen  Lebens  — 
Britigt  meine   Tochter  .... 

Goethe  macht  hier,  wie  in  der  Achilleis,  von  dem  Kunst- 
mittel Gebrauch,  unmittelbar  vor  der  Katastrophe  die 
Menschen  seiner  Dichtung  an  einer  scheinbaren  glücklichen 
Lösung  aller  Schwierigkeiten  sich  erfreuen  zu  lassen.  Schon 
Hellanikos  und  Aristoteles  berichten,  daß  Nausikaa  später 
den  Telemachos,  als  einen  verjüngten  Odysseus,  heirathet. 
Ob  diese  aus  der  Odyssee  so  hübsch  herausgesponnene 
Fabel  Goethe  bekannt  war,  oder  ob  er  sie  sich  seloständig 
gedichtet  hat,  bleibt  ungewiß.  Hier  ist  nun  einer  wunder- 
samen »wiederholten  Spiegelung«  zu  gedenken.  Nausikaas 
tragische  Lage  ist:  Liebe  überschreitet  von  der  einen  Seite 
die  Kluft,  die  zwei  Generationen  trennt,  aber  nun  kommt 
von  der  anderen  Seite  kein  antwortender  Reflex,  der  ge- 
liebte Mann  bleibt  freundlich  und  gelassen.  Eben  diesen 
Schmerz,  diese  tragische  Situation  hatte  Goethe  selbst 
zu  dulden,  als  seine  Liebe  bei  Ulrike  von  Levetzow  zur 
Erwiderung  nur  unschuldige  Freundlichkeit  fand.  Da  stieg 
in  ihm  dieses  alte  versöhnende  Motiv  aus  seiner  Nausikaa- 
tabel  herauf.  Ulrike  erzählt  in  ihren  Aufzeichnungen:  »oft 
sagte  er  zu  meiner  Großmutter,  wie  sehr  er  wünsche,  noch 
einen  Sohn  zu  haben,  denn  der  müßte  dann  mein  Mann 
werden.« 


Io8  Abhandlungen. 


Das  behaglich  über  Hochzeitstag  und  Ausstattung  sich 
verbreitende  Gespräch  der  beiden  Väter  wird  jäh  ab- 
geschnitten. 

5.  Bote.  Da  in  Scene  7  und  8  noch  zwei  weitere 
Boten  erscheinen,  nämUch  Xanthe  und  der  Sohn,  so  erfolgt 
hier  noch  nicht  die  ganze  Aufklärung.  Der  Bote  bringt 
also  etwa  die  Nachricht,  daß  Nausikaa  zu  einem  ins  Meer 
vorspringenden  Felsen  geeilt  sei,  meldet  das  Gerücht  von 
einem  Unglücksfall,  der  sie  betroffen  hat,  oder  dergleichen. 
Unter  der  Wirkung  dieser  Nachricht  bleiben  nun: 

6.  Alkinoos  Ulyß.  Ihr  Gespräch  im  Einzelnen  aus- 
zumalen, wäre  müßig.  Hierher  oder  in  die  Schlußscene 
gehören  die  Verse : 

Ein  Gottgesendet  Uebel  sieht  der  Mensch 
der  klügste  nicht  voraus  und  wendets  nicht 
Vom  Hause. 

Nun  folgt  in  kunstmäßiger  Steigerung  die  ganze  Auf- 
klärung : 

7.  Xante. 

8.  Die  vorigen       Sohn. 

9.  Die  vorigen       die  Leiche. 

Bei  der  Leiche  des  Mädchens,  dessen  Tod  Ulyß  durch 
Ueberklugheit  verschuldet  hat,  erfolgt  nun  sein  Abschied 
von  den  Gastfreunden.  Die  versprochene  Heimsendung 
wird  nicht  widerrufen,  er  zieht  davon  ohne  andere  Vor- 
würfe, als  die  in  seinem  Inneren  gegen  ihn  sich  erheben.  So 
vertönt  das  Drama  in  schmerzlich  mildem  Ausklang.  — 

Nausikaa  geht  in  den  Tod  aus  Schmerz  über  ihre  hoff- 
nungslose, unerwiderte  Liebe.  In  der  »Italienischen  Reise« 
gibt  Goethe  einen  »Aus  der  Erinnerung«  überschriebenen 
Aufbau  der  Fabel,  worin  vielmehr  Scham  sie  in  den  Tod 
treibt:  »Der  erste  Akt  begann  mit  dem  Ballspiel.  Die  un- 
erwartete Bekanntschaft  wird  gemacht  und  die  BedenkUch- 
keit,  den  Fremden  nicht  selbst  in  die  Stadt  zu  führen,  \vird 
schon  ein  Vorbote  der  Neigung.  —  Der  zweite  Akt  exponirte 
das  Haus  des  Alcinous,  die  Charaktere  der  Freier  und  endigte 
mit  Eintritt  des  Ulysses.  —  Der  dritte  war  ganz  der  Be- 
deutsamkeit des  Abenteurers  gewidmet,  und  ich  hoffte,  in 
der  dialogirten  Erzählung  seiner  Abenteuer,  die  von  den 
verschiedenen  Zuhörern  sehr  verschieden  aufgenommen 
werden,  etwas  KünstUches  und  Erfreuliches  zu  leisten.  Wäh- 
rend der  Erzählung  erhöhen  sich  die  Leidenschaften,  und 
der  lebhafte  AntheilNausikaa's  an  dem  Fremdling  wird  durch 
Wirkung  und  Gegenwirkung  endlich  hervorgeschlagen.  — 
Im   vierten  Akte   bethätigt  Ulysses  außer  der  Scene  seine 


Nausikaa.  109 

Tapferkeit,  indessen  die  Frauen  zurückbleiben  und  der 
Neigung,  der  Hoffnung  und  allen  zarten  Gefühlen  Raum 
lassen.  Bei  den  großen  Vortheilen,  welche  der  Fremdling 
davonträgt,  hält  sich  Nausikaa  noch  weniger  zusammen 
und  kompromittirt  sich  unwiderruflich  mit  ihren  Lands- 
leuten. Ulysses,  der  halb  schuldig,  halb  unschuldig  dieses 
alles  veranlaßt,  muß  sich  zuletzt  als  einen  Scheidenden 
erklären,  und  es  bleibt  dem  guten  Mädchen  nichts  übrig, 
als  im  fünften  Akte  den  Tod  zu  suchen.« 

Die  durchgreifende  Abweichung  dieses  auf  später  um- 
bildender Erinnerung  beruhenden  Planes  von  dem  echten 
itaUenischen  Entwürfe  ist  augenfällig.  In  diesem  gibt  es 
keine  Freier,  deren  verschiedene  Charaktere  exponirt  werden 
könnten.  Wir  haben  auch  im  dritten  Akt  keine  Erzählung 
der  Abenteuer  vor  einer  mannigfach  belebten  Zuhörerschaar 
und  im  vierten  Akt  keine  Kampfspiele  hinter  der  Scene. 
Statt  dieser  vielen  Nebenpersonen  haben  wir  hier  nur  den 
Bruder  Neoros.  Der  späte  Plan  stellt  eine  bunte,  bewegte 
Handluno  dar,  während  der  itaUenische  Entwurf  wie  Iphi- 
genie  und  Tasso  die  Seelenvorgänge  einer  kleinen  Gruppe  vor- 
führt, so  daß  eine  breitere  Menge  ganz  fehlt,  vor  der  Nausikaa 
sich  compromittiren  könnte.  Höchstens  käme  dafür  Scene  II,  4 
in  Betracht,  wo  Nausikaa  in  Gegenwart  der  Aeltesten  von 
Od3'sseus'  unmittelbar  bevorstehendem  Scheiden  erfährt. 
Eine  Skizze  zu  dieser  Scene  haben  wir  nicht  und  können 
uns  also  Nausikaa  eben  so  wohl  und  besser  mit  wenigen 
für  sich  gestammelten  Worten  ihren  Schmerz  kundgebend 
denken.  Die  Aeltesten  wären  auch  für  eine  Compromit- 
tirungsscene  viel  ungeeigneter  als  die  Freier  und  Jünglinge 
in  Goethes  später  Darstellung.  Der  ursprüngHche  Plan  hat 
das  Motiv  der  Scham  auch,  aber  in  viel  harmloserer  Form. 
Skizze  zu  V,  4 :  Alkinoos.  Scheiden.  Danck.  Tochter 
läßt  sich  nicht  sehn.  Schaum.  Er  soll  sie  nicht  falsch 
beurtheilen.  Es  sey  sein  eigner  IVerth.  Gerade  diese  ruhige 
Erwähnung  von  Nausikaas  Scham  vor  Odysseus  zeigt,  daß 
für  den  itahenischen  Plan  das  Motiv  des  Compromittirens 
ausscheidet,  oder  nur  nebenbei  ein  wenig  ankhngt.  Das 
Drama  war  auf  das  einfache  und  große  Motiv  des  Liebes- 
schmerzes gestellt.  Scherer  hält  auch  den  in  der  »Italienischen 
Reise«  mitgetheilten  Plan  für  einen  echten  itahenischen  Ent- 
wurf, unterscheidet  ihn  als  zweiten  Plan  von  dem  aus  den 
Skizzen  sich  ergebenden  und  setzt  ihn  drei  Wochen  später 
als  diesen,  weil  Goethe  in  der  »ItaUenischen  Reise«  unter  dem 
7.  Mai  schreibt:  »Und  so  saß  ich,  den  Plan  zu  Nausikaa 
weiter  denkend,  eine  dramatische  Concentration  der  Odyssee. 
Ich  halte  sie  nicht  für  unmöglich,  nur  müßte  man  den 
Grundunterschied   des   Drama  und   der   Epopöe  recht    ins 


I 10  Abhandlungen. 


Auge  fassen.«   Den  zweiten  Plan  überschreibt  ja  aber  Goethe 
selbst:  »Aus  der  Erinnerung«,  er  wird  doch  also  nicht  gerade 

genau  identisch  sein  mit  dem  weiter  gedachten  vom  7.  Mai. 
•ie  harmlosen  Worte  »w^eiter  denkend«  weisen  auch  nicht 
auf  so  gründUche  Abweichungen,  bei  denen  das  drei  Wochen 
zuvor  entworfene  Scenar  gänzlich  umgeworfen  worden 
wäre.  Und  betrachten  wir  den  Passus  vom  7.  Mai  näher, 
so  erweist  er  sich  als  ein  redactioneller  Einschub,  zur  An- 
gliederung  des  Abschnitts  »Aus  der  Erinnerung«  bestimmt. 
»Der  Grundunterschied  des  Drama  und  der  Epopöe«  — 
das  ist  doch  wohl  ein  Widerklang  von  Erörterungen  aus 
dem  Briefwechsel  mit  Schiller,  und  die  Wendung :  »Ich  halte 
sie  nicht  für  unmögHch«  scheint  aus  der  Tagebuchnotiz 
vom  22.  Oktober  herzustammen:  »Ein  sonderbarer  Ge- 
danke, der  vielleicht  glücken  könnte.«  Auch  die  Formel 
»eine  dramatische  Concentration  der  Odyssee«  macht  viel 
mehr  den  Eindruck  eines  rückschauenden,  als  eines  in  der 
ersten  Conception  gewonnenen  Urtheils.  Also :  Der  Plan 
»Aus  der  Erinnerung«  ist,  wie  Goethe  mit  dieser  Ueber- 
schrift  selbst  sagt,  dreißig  Jahre  später  für  die  »Itahenische 
Reise«  entworfen  und  widerspricht  den  erhaltenen  Skizzen. 
Mit  dem  »weitergedachten«  Plan  vom  7,  Mai  1787  hat  er 
nichts  zu  thun,  wie  das  auch  Suphan  in  der  Weimarer  Aus- 
gabe annimmt.  — 

Goethes  Dichtungsplan  hat   seinen  Ursprung  in  einer 

gewissen  Verwunderung,  einem  Befremden  des  modernen 
[omerlesers  über  Nausikaas  unvermuthetes  Verschwinden 
aus  der  Fabel.  Für  unser  Empfinden  hat  Homer  in  der 
Erzählung  von  Nausikaa  die  Lage  nicht  ausgeschöpft.  Als 
der  AnkömmHng  gebadet  und  gesalbt  und  von  Athene  mit 
Jugendglanz  übergössen  vor  sie  tritt,  schaut  sie  ihn  bewun- 
dernd an  und  sagt  zu  ihren  Gefährtinnen: 

Anfangs  zwar  erschien  er  mir  unansehnHcher  Bildung; 
Doch  nun  gleicht  er  den  Göttern,  die  hoch  den  Himmel 

bewohnen. 
Wäre  mir  doch  ein  solcher  Gemahl  erkoren  vom  Schicksal, 
Wohnend  in  unserem  Volk;  und  gefiel'  es  ihm  selber,  zu 

bleiben ! 

Dann  läßt  sie  arglos  Odysseus  selbst  in  ihr  unschuldig 
begehrendes  Herz  schauen : 

Also  sagte  vielleicht  ein  Niedriger,  der  uns  begegnet: 
Was   der  Nausikaa  doch  dort   folgt  so  ein  schöner  und 

großer 
Fremdling?  Wo  fand  sie  jenen?   Der  wird  ihr  Ehegemahl 

noch! . . 


Nal'sikaa.  I  I  I 

Besser  war's,  wenn  sie  selber  hinausging,  einen  Gemahl  sich 
Anderswoher  zu  finden;  denn  hier  )a  verachtet  sie  wahrlich 
Alle  fäakischen  Freier  umher,  so  viel'  und  so  edle! 
Also    spräche    das  Volk;    und    es   wäre    mir    herbe   Be- 
schimpfung. 

Ist  das  blos  die  Naivität  des  Dichters,  oder  hat  nicht 
vielmehr,  wer  diese  Verse  dichtete,  sie  auch  ein  wenig 
schalkhaft  als  köstliche  Naivität  des  Mädchens  empfunden? 
Wir  erwarten  nun,  daß  dieser  Faden  sich  weiter  spinnt. 
Aber  es  kommt  nur  noch  zu  einem  kurzen  freundlichen 
Gespräch  der  Beiden : 

Nausikaa  jetzt  mit  göttlicher  Schöne  geschmücket, 
Stand   dort   neben    der    Pfoste    des    wohlgeschmücketen 

Saales, 
Mit  anstaunendem  BUck  den  Odysseus  lange  betrachtend; 
Und   sie  begann   zu   jenem,   und  sprach  die  geflügelten 

Worte:" 
Freude  dir.  Gast!     Doch  daß  du  hinfort  auch  im  Lande 

der  Väter 
Meiner  gedenkst,  da  du  mir  ja  zuerst  dein  Leben  ver- 
dankest! 
Ihr  antwortete  drauf  der  erfindungsreiche  Odysseus: 
Edle  Nausikaa,  du  des  erhabnen  Alkinoos  Tochter, 
Also  gewähre  mir  Zeus,  der  donnernde  Gatte  der  Here, 
Hinzukommen   nach  Haus',   und  der  Heimkehr  Tag   zu 

erblicken : 
Stets  dann  w-erd'  ich  auch  dort,  wie  der  Göttinnen  Eine 

dich  anflehn 
Jeglichen  Tag:  weil  du  das  Leben  mir  rettetest,  Jungfrau! 

Das  ist  alles,  was  Homer  von  Nausikaas  Neigung  zu 
erzählen  hat.  Er  will  Odvsseus  aus  schwerer  Noth  un- 
vermittelt in  behagliches  Wohlleben  führen  und  läßt  ihn 
darum  ohne  Gefährten  und  Schätze  das  Land  der  Phäaken 
erreichen.  Indem  er  nun  den  starken,  geprüften  Helden 
nackt  der  anmuthigen  Jungfrau  gegenüber  stellt,  schafft 
er  eine  prachtvolle  Gruppe  und  zeigt  auch  hier  Odysseus 
im  unverUerbaren  Besitz  seiner  PersönUchkeit,  überall 
Menschenherzen  klug  für  seine  Zwecke  gewinnend.  Damit 
hat  Nausikaa  dem  Dichter  geleistet,  was  sie  sollte,  und  der 
Strom  der  Erzählung  fließt  weiter  und  läßt  sie  zurück. 
Wir  aber  fühlen  uns  hier  unbefriedigt.  Seit  den  Tagen 
Homers  ist  eine  schon  im  Alterthum  beginnende  Ver- 
schiebung des  poetischen  Interesses  vor  sich  gegangen : 
der  Mensch  ist  mehr  und  die  Fabel  weniger  geworden, 
und  von  den  in  Glück  und  Leid   verlaufenden  Seelenvor- 


112  Abhandlungen. 


gangen  hat  in  den  inzwischen  verflossenen  Jahrtausenden 
die  Liebe  eine  alle  anderen  überragende  Stellung  in  der 
Poesie  gewonnen.  In  der  lUas  und  in  der  Odyssee  ist  von 
Liebe  \venig  die  Rede.  Der  Raub  der  Helena  durch  Paris, 
Kalypsos  Leidenschaft  für  Odysseus,  Aphrodite  und  Ares 
in  Demodokos'  Gesang  —  das  sind  Gruppen,  die  durch 
SJnnenlust  zusammengeführt  werden.  Achills  gekränktes 
Selbstgefühl  entbrennt  in  Zorn,  als  Agamemnon  ihm  die 
Briseis  fortnimmt.  Das  alles  ist  nicht  Liebe.  Wohl  kennt 
Homer  das  Glück  der  Ehe  und  preist  es  mit  innigen  Worten: 

Nichts  ist  wahrlich  so  wünschenswerth  und 

erfreuend, 
Als  wenn  Mann  und  Weib,  in  herzlicher  Liebe  vereinigt. 
Ruhig   ihr  Haus  verwalten;   dem   Feind   ein  kränkender 

Anblick, 
Aber  Wonne  dem  Freund;  und  mehr  noch  genießen  sie 

selber. 

Und  die  Namen  Andromache  und  Penelope  führen 
uns  das  Bild  der  schönsten  ehelichen  Liebe  und  Treue 
herauf.  Aber  die  Liebe  als  Leidenschaft  der  Seele  ist  etwas 
ganz  anderes.  Die  Verschmähung  alles  unmittelbaren 
eigenen  Lebens,  um  es  in  einem  Anderen  zu  finden,  und 
alle  Erschütterungen,  die  solche  Verlegung  des  Persönlich- 
keitsgefühls mit  sich  führt,  nennen  wir  ganz  zutreff'end 
romantische  Liebe,  denn  sie  erscheint  völlig  ausgebildet 
erst  auf  romanischem  Boden,  bei  Dante  und  Petrarca.  Das 
ist  also  ein  Erwerb  der  auf  Homer  folgenden  zwei  Jahr- 
tausende. Goethe  sah,  daß  für  unser  Empfinden  in  Nau- 
sikaas  Neigung  der  Keim  zu  Leiden  Hegt,  von  denen  Homer 
schweigt,  nicht  blos,  weil  sie  für  den  Gang  der  Fabel  nicht 
erforderhch  sind,  sondern  vor  allem,  weil  sie  sich  dem 
antiken  Dichter  nicht  wie  uns  als  nothwendige  Folge  der 
gegebenen  Lage  darstellten.  Goethes  Nausikaadichtung 
ist  also  wie  »Iphigenie«  die  Umgestaltung  einer  über- 
lieferten antiken  Fabel  nach  der  inzwischen  erfolgten 
Wandelung  unseres  Empfindens. 

»Die  Rührung  eines  weibHchen  Gemüths  durch  die 
Ankunft  eines  Fremden,  als  das  schönste  Motiv,  ist  nach  der 
Nausikaa  gar  nicht  mehr  zu  unternehmen«  schreibt  Goethe 
an  Schiller  am  14.  Februar  1798,  in  stillem  Rückbhck  auf 
seinen  liegen  gebliebenen  Dichtungsplan.  Da  haben  wir  in 
knapper  Formel  den  menschHchen  Gehalt  des  Stoff'es. 
Einem  liebenswürdigen  Mädchen,  das  in  seiner  einfachen 
Welt  harmlos  dahinlebt,  tritt  ein  durch  mannigfache  Er- 
fahrung zu  starker,  sieghafter  Persönlichkeit  gelangter  Mann 
wie  aus  einer  anderen,  höheren  Welt  stammend  entgegen. 


Nausikaa.  1 1 3 

Solche  Rührung  des  unbewachten  Herzens  hat  Shakespeare 
in  Desdemona  dargestellt,  und  Goethe  selbst  war  so,  mit 
dem  Zauber  einer  reichen  Persönlichkeit,  in  Friderikes 
unschuldige  Welt  hineingetreten.  Welche  Scheideschmerzen 
ein  solcher  Gast  erregt,  wenn  er  seinen  Fuß  weiter  setzen 
muß,  davon  besaß  Goethe  bittere  F!rfahrung,  die  er  schon 
im  Götz,  Clavigo,  Stella  und  vor  allem  im  Faust  poetisch 
gestaltet  hatte.  In  Nausikaa  wollte  er  ein  Menschenkind 
darstellen,  das  nicht  nur  ohne  Schuld,  sondern  gerade  durch 
die  Zartheit  und  Wärme  seines  Hmplindens  zu  Grunde 
geht.  Nausikaa  beantwortet  den  Eindruck  von  Odysseus' 
überlegenem  Wesen  als  ein  Mädchen  mit  Liebe  und^  damit 
ist  sie  verloren.  Mit  Fausts  Gretchen  ist  es  ebenso,  aber 
Goethe  behandelt  Nausikaas  Schicksal  ganz  anders.  Auf 
Gretchen  hatte  er  bewußt  das  grauenhafteste  äußere  Schicksal 
gehäuft:  öffentliche  Schande,  mitverschuldeter  Tod  der 
Mutter  und  des  Bruders,  Tod  von  Henkers  Hand.  In  der 
Nausikaadichtung  lenkt  er  von  dem  krassen  Jugendstil  ab: 
es  geschieht  äußerlich  überhaupt  nichts,  das  Tragische 
^eht  allein  in  Nausikaas  Seele  vor,  es  besteht  darin,  daß 
Liebe  ihr  Ziel  nicht  erreichen  kann,  und  ist  gerade  so 
vernichtend  wie  alle  gehäuften  Gräuel  in  Gretchens  Geschick. 
Auch  durch  eine  neue,  eigenartige  Ausbildung  der  Schuld- 
frage unterscheidet  sich  unsere  Dichtung  von  der  Behand- 
lung des  gleichen  Motivs  im  Faust.  Von  Ulyß  gilt  hier, 
was  Alba  von  Oranien  sagt:  »So  war  denn  diesmal  .  .  . 
der  Kluge  klug  genug,  nicht  klug  zu  sein.«  Goethe  hätte 
Ulyß  am  Schlüsse  seine  unselige,  im  Verkehr  mit  Feinden 
erlernte  Klugheit  verwünschen  lassen,  die  sich  hier  gegen- 
über vertrauenden  Freunden  so  schlecht  bewährt.  — 

Am  4.  December  i^i^  schreibt  Goethe  an  Boisseree: 
»Mich  freut  gar  sehr,  daß~5ie  den  Stoff  der  Nausikaa  gleich 
als  tragisch  erkannt;  Ihnen  traut'  ich's  zu  und  es  betrübt 
mich  auf's  Neue,  daß  ich  die  Arbeit  damals  nicht  verfolgt. 
Ich  brauche  Ihnen  nicht  zu  sagen,  welche  rührende,  herz- 
ergreifende Motive  in  dem  Stoff  liegen,  die,  wenn  ich  sie, 
wie  ich  in  Iphigenie,  besonders  aber  in  Tasso  that,  bis  in 
die  feinsten  Gefäße  verfolgt  hätte,  gewiß  wirksam  geblieben 
wären.«  Die  wenigen  ausgeführten  Scenen  geben  schon 
ein  Bild  von  der  Art  des  Ganzen.  Es  ist  der  Tassostil, 
der  alles  wesentliche  Geschehen  in  das  Menschenherz  verlegt 
und  dem  die  Sprache  zu  einem  reinen  Spiegel  wird,  der 
die  Bewegung  der  Seele  wiedergibt. 

Der  Nausikaaplan  entspricht  also  dem  Dramatypus, 
wie  er  zur  Zeit  der  italienischen  Reise  in  Goethes  Dichtung 
herrscht:  eine  äußerlich  betrachtet  sehr  einfache  Handlung 
geht  in  einem  engen  Kreise  vorzüglicher  Menschen  vor  sich. 

Gof.the-Jahrbuch    XX  V.  8 


114  Abhaxdluxgex. 


Die  Handlung  ist  großen  Theils  eine  innerliche,  die  Verwick- 
lung besteht  in  der  Schwierigkeit,  wie  die  Ansprüche  fein 
empfindender  Menschen  in  ihrem  Verkehr  und  ihrem  gegen- 
seitigen Verhältnisse  auszugleichen  sind,  besonders  Ansprüche 
an  die  Neigung  des  Anderen,  die  nicht  befriedigt  werden 
können.  Thoas  muß  entsagen,  weil  Iphigenie  mit  ihrem 
ganzen  Wesen  Griechenland  gehört,  Tasso,  weil  die  Prin- 
zessin durch  ihren  Stand  für  ihn  unerreichbar,  Nausikaa, 
weil  Od3'sseus  verheirathet  ist.  Das  große  Thema  der 
schmerzlichen  Entsagung  klingt  durch  die  Dramen  Goethes 
in  dieser  Zeit,  wie  es  bis  dahin  während  der  ganzen  zehn 
Weimarischen  Jahre  durch  Goethes  Seele  klang.  In  Iphi- 
genie ist  diese  Entsagung  ein  stilles  Tragödienmotiv  in 
dem  freundlichen  Gesammtausgang,  in  Tasso  und  Nausikaa 
ist  sie  die  Handlung  selbst  und  die  beiden  Stücke  sind 
Tragödien.  Vom  Tasso  weicht  die  Nausikaadichtung  erheb- 
lich ab  durch  die  naive  Atmosphäre,  in  der  die  Vorgänge 
sich  abspielen.  Wir  sehen  einfache  Menschen  in  einem 
Kulturstande,  wo  Behagen  und  Schmuck  des  Daseins,  gute 
Sitte  und  zartes  Empfinden  schon  erreicht  sind,  aber  die 
verwickelten  Seelenvorgänge  der  reifen  Kultur  noch  fehlen. 
Ein  idylUscher  Zustand  schlägt  in  einen  tragischen  um,  die 
halb  kindliche  Jungfrau  wird  in  wenigen  Stunden  zu  einem 
liebenden,  hoffenden,  bangenden,  verzweifelnden  Weibe. 
Sie  tötet  sich,  weil  ihre  naive  Liebeskraft  keinen  Ausweg 
und  keine  Möglichkeit  des  Weiterlebens  vor  sich  sieht. 
Im  »Tasso«  lebt  mit  Schmerzen  weiter,  wer  unglücklich  liebt, 
man  entsagt  oder  verzweifelt,  aber  man  tötet  sich  nicht. 
Dieser  radikale  Entschluß  entspricht  der  hilflosen  Ver- 
zweiflung einfacher  Menschen,  wie  das  in  den  Lokalnach- 
richten unserer  Zeitungen  an  jedem  Tage  zu  lesen  ist. 

Die  Handlung  hat  Goethe  übersichtlich  auf  die  fünf 
Akte  vertheilt.  Im  ersten  Akt  Begegnung  des  Mädchens 
mit  dem  Manne,  ihre  aufkeimende  Neigung  und  der  unheil- 
bringende Klugheitsplan  des  Ulyß:  er  will  sich  für  unver- 
heirathet  ausgeben.  Zweiter  Akt:  Exposition  der  Familie 
des  Alkinoos,  Eintritt  des  Ulyß.  Im  dritten  Akt  Nausikaas 
Leidenschaft.  Vergeblich  sucht  sie  eine  Entscheidung  herbei- 
zuführen. Im  vierten  Akt  entdeckt  Ulyß  seinen  Namen 
und  Stand  und  führt  so  den  Todesentschluß  Nausikaas 
herbei,  den  sie  im  fünften  Akt  ausführt. 

»Diese  einfache  Fabel  sollte  durch  den  Reichthum  der 
subordinirten  Motive  und  besonders  durch  das  Meer-  und 
Inselhafte  der  eigentlichen  Ausführung  und  des  besonderen 
Tons  erfreuHch  werden«,  sagt  Goethe  in  seinem  Bericht 
»Aus  der  Erinnerung«.  Der  Reichthum  an  subordinirten 
Motiven  gehört,  wie  wir  gesehen  haben,   der  späten  Um- 


Nausikaa.  1 1  5 

bildung  des  Planes  in  Goethes  Phantasie  an;  der  italienische 
Plan  ist  vielmehr  arm  an  solchen  und  zeichnet  sich  gerade 
durch  die  Beschränkung  auf  wenige  klare  Hauptlinien  aus. 
Der  Meer-  und  Inselduft  sollte  aber  wirklich  über  der  Dich- 
tung schweben,  und  wir  spüren  ihn  schon  in  den  wenigen 
vornandencn  Fragmenten.  Reines  Licht,  Sonnenglanz  und 
wieder  weiß  verhüllender  Dunst,  das  blaue  Meer  und  frucht- 
bare Gärten  mit  den  duftenden  Früchten  des  Südens,  warme 
Luft,  durch  santte  Seewinde  gemildert  —  das  alles  sollte 
sich  zu  dem  Bilde  einer  glücklichen  Insel  vereinen,  ge- 
schaffen, um  glückliche  Menschen  zu  tragen.  Und  hier 
sollte  mitten  in  einem  Kreise  Wohlmeinender  ein  scheinbar 
vor  allen  anderen  zum  Glück  bestimmtes  Menschenkind 
sich  in  bitterem  Schmerze  verzehren  und  den  Tod  wählen. 
So  sollte  in  uns  die  Empfindung  aufsteigen,  die  aus  jenem 
Chorliede  des  Sophokles  tönt : 

O  Eros!  Eros!    Unbezwinghcher ! 

Der  du  zu  Land  und  über  Meer  gebietest, 

Und  auf  der  Mädchen  weichen  Wangen  schläfst; 

Und  keins  der  erdgebornen  Tageskinder, 

Kein  Ewiger  vermag  dir  zu  entfliehn: 

Du  triffst  sie  und  sie  rasen  .  .  . 

es  siegt 
Der  Gott  der  Götter  in  der  jungen  Brust; 
Denn  vor  der  Liebe  Pfeil  ist  kein  Entrinnen, 


Mim- 


Goethes  Märchen. 

Von 

Paul  Pochhammer. 


I. 

er  Goethe-Schiller'sche  Briefwechsel  vom  August 
und  September  1795  läßt  erkennen:  i.  daß  das 
in  den  Hören  1795,  Unterhaltungen  deutscher  Aus- 
gewanderten, zuerst  gedruckte  Märchen  in  2  »Hälften«  ge- 
schrieben ist,  die  nach  der  ersten  (später  aufgegebenen) 
Absicht  des  Dichters  auch  getrennt  gedruckt  werden  sollten 
in  je  einem  Heft  der  Hören;  2.  daß  der  zweite  Theil 
kürzer  ausgefallen  ist,  als  Goethe  noch  nach  Abschluß  des 
ersten  angenommen  hatte;  3.  daß  der  Schluß  erst  ge- 
schrieben wurde,  als  Schiller  und  seine  Frau  die  erste 
Lieferung  schon  begutachtet  hatten;  4.  daß  der  Dichter 
nicht  ohne  Sorge  war,  ob  sich  nicht  Unstimmigkeiten 
zwischen  Anfang  und  Ende  herausstellen  würden.  Er  bittet 
Frau  Lotte  Schiller  mit  dem  Schlüsse  in  der  Hand  »es 
nochmals  von  vorne  zu  lesen«. 

Da  nun  zwei  Unstimmigkeiten  wirklich  vorhanden  sind, 
empfiehlt  es  sich,  beim  Eindringen  in  das  Werk  von  ihnen 
auszugehn. 

Goethe  hat  sicher  von  vornherein  einen  zweiten  (ver- 
edelten) Fährmann  dem  zum  Herrscher  geweihten  Jüng- 
linge zur  Seite  stellen  wollen,  aber  er  scheint  erst  nach- 
träglich auf  das  einfachste  Mittel  hierzu  —  das  Aufheben 
der  Fährhütte  mit  Fährmann  durch  den  aufsteigenden 
Tempel  —  gekommen  zu  sein.    Andernfalls  würde  er  dem 


GOF.THKS   MÄRCHF.N.  I  I7 


Beri^lande,  das  den  noch  unterirdischen  Tempel  der  ersten 
Märchenhälfte  birgt,  von  vornherein  den  Platz  der  Fähr- 
stelle gegenüber  angewiesen  haben,  was  nicht  geschehen 
ist. '  Der  Dichter  kommt  nun  schneller  ans  Ziel,  die  Ab- 
kürzung wird  verständlich,  darüber  hinaus  aber  auch  der 
Charakter  der  Arbeit,  die  wir  in  erster  Niederschrift  vor 
uns  haben.  Weder  der  Reichthum  der  Gedanken,  noch 
die  Schönheit  der  Darstellung  dürfen  darüber  täuschen, 
daß  das  Märchen  in  genialer  Erfassung  günstiger  Umstände 
ziemlich  rasch  entstanden  ist.  Nur  ausgereifte  Ueber- 
zeugungen  können  in  ihm  Gestalt  gewonnen  und  zugleich 
den  Auftrag  erhalten  haben,  sich  in  ihm  zu  verbergen. 

Die  zweite  Unstimmigkeit  besteht  darin,  daß  die  Lampe 
von  der  ihr  im  Anfange  zugesprochenen  Fähigkeit  »alle 
Metalle  zu  vernichten«,  beim  Märchenschluß,  als  es  sich 
um  das  Zerstören  von  Schloß  und  Riegel  der  Tempelthore 
handelt,  keinen  Gebrauch  macht,  sondern  hierzu  die  Irr- 
lichter herbeiruft.  Ob  auch  hier  eine  Flüchtigkeit  vorliegt, 
oder  vielleicht,  da  die  Lichter,  die  die  neue  Zeit  aufschließen, 
sich  von  selbst  als  die  literarischen  Vorläufer  der  franzö- 
sischen Revolution  charakterisieren,  nur  eine  schärfere 
Berücksichtigung  des  geschichtlichen  Verlaufs,  ist  aus  dem 
Text  nicht  zu  entscheiden.  Wohl  aber  bürgt  dieser  dafür, 
daß  die  Lampe  den  Irrlichtern  nahestehend  gedacht  ist,  da 
beide  in  bestimmter  Richtung  ein  gleiches  Können  besitzen. 
Ihr  Unterschied  beruht  sichtbar  genug  auf  nationalen  Eigen- 
thümhchkeiten.    Dann  kann  aber  die  Lampe  weder  Wissen- 


'  Der  Fährmann  fährt  quer  über  den  Strom  und  läßt  sich  von 
diesem  (nach  Absetzen  der  Irrlichter)  am  jenseitigen  Ufer  hinabtreiben. 
Das  Bergland,  in  dem  die  Schlange  wohnt  und  der  Tempel  steht,  liegt 
also  unterhalb  der  Fährstelle.  Wir  denken  uns  daher  auch  beide 
Brückenschläge  der  Schlange,  den  am  Mittag  sowohl  als  den  nächt- 
lichen unterhalb  dieser,  und  geben  dem  aus  seiner  Hütte  getretenen 
Fährmann,  der  dem  Übergänge  der  Gesellschaft  zur  Nachtzeit  zuschaut, 
mit  bestem  Gewissen  die  Sehrichtung  nach  unterstrom.  Jetzt  opfert 
sich  die  Schlange.  Ihre  Stücke  treiben,  noch  lange  sichtbar,  den  Strom 
hinab,  und  erst  wenn  sie  endlich  versunken  sind,  erheben  sich  aus 
ihnen  die  Pfeiler,  die  die  wirkliche  (breite)  Brücke  trae;en.  Wir  können 
daher  nicht  umhin,  diese  weit  unterhalb  der  Fährstclle  zu  vermuthen. 
Auf  einmal  erfahren  wir  aber,  daß  die  Brücke  genau  an  der  früheren 
Fährstelle  liegt.  Wir  haben  uns  nun  (nachträglich)  die  Orte  der  früheren 
Übergänge  und  auch  den  Schlangentod  weit  oberhalb  der  Fährstelle 
zu  denken  und  dem  zuschauenden  Fährmann  das  Gesicht  dorthin  zu 
wenden.  Der  Tempel  aber  bleibt  unterstrom  und  wenn  er  »in  wenig 
Augenblicken«  unter  dem  Flußbett  hindurch  sein  Ufer  wechselt,  so  hat 
er  das  in  schräger  Richtung  auszuführen.  Frau  Schiller  hätte  den 
Dichter  auf  diese  Sachlage  aufmerksam  machen  sollen,  die  sich  nur  aus 
der  Entstehungsweise  der  Dichtung  und  ihrer  raschen  Drucklegung 
erklärt. 


Il8  Abhandlungen. 


Schaft  (Baum gart) '  noch  Poesie  (Morris),*  sondern  sie 
muß  höhere  Bildung  deutschen  Gepräges  bedeuten,  was  sie 
m.  E.  nur  geeigneter  macht,  von  Goethe  selbst  getragen  zu 
werden,  wie  Morris  uns  vorschlägt. 

Ohne  diesen  Erklärer  wird  Niemand  das  Märchen  mehr 
lesen  wollen,  da  er  uns  in  befriedigender  Weise  aus  Weimar 
selbst  die  Träger  der  Handlung,  Goethe  und  Christiane, 
Carl  August  und  Luise  und  sogar  die  drei  Könige  des 
Tempels  zur  Verfügung  gestellt  und  damit  gelehrt  hat,  die 
Heimathsluft  zu  athmen,"  in  der  die  Dichtung  empfangen 
ist.  Nur  werden  wir  da  nicht  stehen  bleiben  wollen,  wo 
er  nach  seiner  Art  des  Vorgehens  in  anerkennenswerther 
Gewissenhaftigkeit  es  thun  mußte,  d.  h.  wo  die  Unterlagen 
ihm  ausgingen.  Er  wird  uns  erlauben,  auf  den  Instrumenten 
zu  spielen,"^  die  er  ausgegraben,  und  an  eine  symbolische 
Dichtung  zu  glauben,  wie  Schiller  schon  that,  als  er  nur 
die  erste  Hälfte  kannte.  NatürUch  haben  wir  uns  hierbei 
streng  an  das  Goethe'sche  Grundgesetz  für  die  Sinnbild- 
verwerthung  zu  halten  und  dasselbe  entschlossen  anzuwenden 
auf  den  Einzelfall.^  Es  ergibt  sich  dann  auch  im  Märchen 
die  Zweitheilung  nach  der  Kunstform,  über  die  der  Spruch 
uns  belehrt.  Bei  den  genannten  vier  Personen  ist  das  All- 
gemeine im  Besonderen  geschaut :  die  Bildung  im  Alten 
(Goethe),  das  Volk  in  der  Alten  (Christiane),  das  Deutsch- 
thum  einschließlich  seines  Königs  im  Jüngling  (Herzog) 
und  das  von  den  Künsten  umspielte  Ideal  in  der  Frauen- 
gestalt, die  die  Züge  der  Herzogin  trägt.  Wie  der  Schweiß 
vor  die  Tugend  gesetzt  ist,  hat  Goethe  selbst  das  lebendige 
Erfassen  dieses  Besonderen  Jedem  aufgegeben,  der  das 
Allgemeine  mit  erhalten  will,  das  in  der  Figur  »geschaut« 
ist,  auf  das  jedoch  der  Dichter  nicht  hinweist,  ja  an  das  er 
bei  der  Ausgestaltung  im  Einzelnen  nicht  mehr  denkt.  (Die 
Volksanschauung  z.  B.  hat  keine  weiße  Hand,  aber  Christiane 
hatte  sie  und  war  stolz  darauf;  darum  bringt  ihr  Brustbild 
von  Bury  nicht  nur  den  Kopf,  sondern  auch  die  Hand.) 
Ueber  diese  recht  eigentlich  der  »Natur  der  Poesie«  ange- 
hörigen   Figuren    werden   wir  volle   Einstimmigkeit   unter 

'  Hermann  Baumgart.  Goethes  Märchen  ein  nationalpoHtisches 
Glaubensbekenntniß  des  Dichters.     Königsberg  1873. 

*  Max  Morris.  Goethe-Studien.  BerHn  2.  Aufl.  1905  B.  IL 
3  »Es  ist  ein  großer  Unterschied,  ob  der  Dichter  zum  Allgemeinen 
das  Besondere  sucht,  oder  im  Besondern  das  Allgemeine  schaut.  Aus 
jener  An  entsteht  Allegorie,  wo  das  Besondere  nur  als  Beispiel,  als 
Exempel  des  Allgemeinen  gilt;  die  letztere  aber  ist  eigentlich  die  Natur 
der  Poesie:  sie  spricht  ein  Besonderes  aus,  ohne  ans  Allgemeine  zu 
denken,  oder  darauf  hinzuweisen.  Wer  nun  dieses  Besondere  lebendig 
faßt,  erhält  zugleich  das  Allgemeine  mit,  ohne  es  gewahr  zu  werden, 
oder  erst  spät.«     Sprüche  in  Prosa  IV. 


GoETHhs  Maiu;iii.\.  II9 


uns  nie  erzielen  können,  \veil  wir  verschieden  bleiben  im 
»Erfassen«  wie  im  »Gewahrwerden«.  All<^emein  verständ- 
lich und  direct  mittheilbar  ist  nur  der  Gehalt  der  allegori- 
schen Gestalt,  die  nicht  »ist«,  sondern  »bedeutet«  und 
daher  aus  der  Thier-  und  Fabelwelt  genommen  sein  kann. 
Ihre  Wahl  kann  hohe  Kunst  bezeugen,  aber  weniger  Poesie, 
weil  sie  dem  Kopf  näher  steht  als  dem  Herzen.  Aber 
auch  sie  heischt  ihren  Platz;  ja  sie  kann,  wie  hier  die 
Schlange,  einen  ganz  hervorragenden  einnehmen,  denn 
Goethe  selbst  hat  unsere  Dichtung  das  Märchen  mit  der 
grünen  Schlange  genannt ! '  Bei  dieser  Figur  ist  es  schwer, 
Goethe  nicht  noch  besonders  zu  loben  für  die  Kunst,  die 
Naturbeobachtung  und  den  Geschmack,  mit  der  er  den 
Gesammtkörper  der  geistigen  Arbeit  des  Landes  in  einem 
Wesen  darzustellen  verstanden  hat,  das  die  Trennung  eben 
dieses,  und  zwar  des  eigenen  Landes,  lebhaft  empfindet  und 
zugleich  aufhebt.  Erst  für  das  suchende  Individuum,  selbst 
das  weniger  gebildete,  dann  für  die  Gesammtheit,  und  dies 
dadurch,  daß  es  sich  opfert,  wohlverstanden  nur  als  Schlange, 
d.  h.  die  Form  aufgibt  und  die  jetzt  erforderliche  und  mög- 
lich gewordene  der  breiten  Brücke  wählt.  Hier  geht  Morris 
schon  deshalb  nicht  mehr  mit,  weil  er  sich  von  dem  Goethe'- 
schen  (nicht  ausgeführten)  Vorsatz :  nächstens  ein  ganz 
allegorisches  Märchen  zu  schreiben,  abhalten  läßt,  auch  eine 
nur  theilweis  allegorische  Deutung  zuzulassen.  Es  ist  ganz 
natürlich,  daß  er  damit  die  Thierwelt  überhaupt  verliert." 
Baumgart  aber  wird  nicht  nur  dieser  gerecht,  sondern  er 
gibt  für  alle  Gestalten  sozusagen  den  allegorischen  »Ort«, 
die  Bedeutung,  auf  die  sie  zustreben  und  die  sie  haben 
würden,  wenn  sie  reine  Allegorieen  wären.  Außerdem  hat 
er  den  nationalen  Charakter  des  Märchens  erkannt.  Beide 
Erklärer   stehen  sich  gegenüber,   aber  zugleich  doch  recht 


*  »Jener  Abend  erweckte,  wie  Goethe  einmal  erzählte,  in  ihm  den 
Gedanken  an  das  Märchen  mit  der  grünen  Schlange«  lautet  der  Schluß 
der  von  Carl  Schönborn  (Zur  Verständigung  über  Goethe's  Faust, 
Breslau  1838,  S.  15)  gegebenen  »Auskunft  aus  sehr  zuverlässiger  Hand«. 

^  Wenn  Morris  Luise  von  Weimar  und  ihre  ideelle  Wiederver- 
einigung mit  dem  Gemahl  als  einen  Zielpunkt  der  Dichtung  betrachtet, 
so  nimmt  er  damit  seinen  Eintritt  durch  ein  Thor,  das  höchstens  zum 
Austritt  benutzt  werden  darf,  vielleicht  auch  nur  zu  einem  Ausblick 
ins  Freie.  Fürst  und  Fürstin,  bleiben  doch  nicht  mehr  sie  selbst  im 
Märchen.  Ferner  liest  Morris  mit  Unrecht  aus  dem  Text  heraus,  daß 
das  Gold,  welches  die  Irrlichter  von  der  Decke  und  den  Wänden  der 
Alten  lecken,  von  der  Lampe  herrühre.  Es  ist  echtes  Kirchengold  der 
volksthümlichen  Anschauung,  für  das,  nachdem  es  der  Aufklärung  zum 
Opfer  gefallen  ist,  die  Lampe  Ersatz  schafl't.  Endlich  hat  Morris  die 
beiden  Ufer  miteinander  verwechselt  gerade  da  (S.  59),  wo  er  sie  richtig 
charakterisirt. 


120  Abhandlungen. 


nahe,  da  sie  beide,  jeder  von  seiner  Stelle  aus,  die  Aeste 
dieses  Goethe-Bäumchens  so  niederbiegen,  daß  es  leicht 
ist,  die  Frucht  zu  pflücken :  Ein  Bildimgs ausgleiche  ein 
Bildungsfortschritt,  das  Auftreten  und  Mächtigwerden  einer 
neuen  Bildung  ist  der  Kern  der  Vision,  die  Goethe  ursprüng- 
lich vielleicht  bald  gedeutet  wissen  wollte,'  die  er  aber, 
als  sie  in  ihrer  wahren  Bedeutung  nicht  erkannt  wurde, 
später  um  so  lieber  in  ihrem  Dunkel  ließ,  je  mehr  die  über 
alle  Vorstellungen  ernste  Katastrophe  der  Wirklichkeit  die 
Hoffnungen  niederdrückte,  zu  deren  Verkünder  er  sich 
gemacht  hatte.  Drei  Lichtträger  —  IrrHcht,  Schlange  und 
Lampe  —  vereinen  sich  zum  Heraufführen  der  neuen  Zeit, 
und  Schillers  Aeußerung  »der  Schlüssel  liegt  im  Märchen 
selbst«  kann  ganz  wörtlich  genommen  w^erden,  denn  der 
sachhch  wichtigste  Ausspruch,  den  die  Erzählung  bietet,  ist 
der,  den  der  Alte  zu  dem  jetzt  auf  ewig  vereinten  Fürsten- 
paare thut:  »Die  Liebe  herrscht  nicht,  aber  sie  bildet,  und 
das  ist  mehr!« 

Schiller  ist  der  wichtigste  Zeuge,  weil  sein  Eingeweiht- 
sein in  einen  anderen  Theil  der  Gedankenwelt  des  Märchens 
aus  der  brieflichen  Warnung  an  Goethe,  sich  am  Main  vor 
dem  »Schatten  des  Riesen«  zu  hüten,  so  sicher  erhellt,  daß 
hierdurch  der  Riese  selbst  sich  als  Frankreich  entschleiert.' 
Damit  ist  zugleich  der  zeitgeschichtliche  Charakter  des 
Märchens  festgelegt.  Nicht  weniger  als  dreimal  stellt  Goethe 
uns  die  Revolution  vor's  Auge,  jedesmal  anders,  je  nach  dem, 
was  betrachtet  werden  soll:  i.  Der  Fluß  war  kürzlich  aus 
seinen  Ufern  getreten:  1793.  2.  Der  Geist  der  französischen 
Masse  ist  der  an  sich  ohnmächtige  Riese  (»die  Menge  der 
Menge  Tyrann«),  dessen  Schatten  nur  wirken  kann,  wenn 
er  den  Boden  der  thatsächlichen  Verhältnisse  berührt.  Er 
trägt  dann  allerdings  auch,  im  Dämmerschein,  über  den 
Fluß  (Freiheit  und  Gleichheit  sind  auch  ein  Ideal,  wenn 
auch  ein  falsches)  und  wird  sogar  der  Schlange  gefährlich: 
Das  Volk  wird  sie,  d.  h.  den  Kulturweg  zum  Ideal  opfern, 

'  Die  in  «Alexis  und  Dora«  (1796)  eingeschobenen  Verse:  »So 
legt  der  Dichter  ein  Räthsel«  lassen  das  vermuthen, 

*  Auch  Dante  hat  Frankreich  als  Riesen  (Un  gigante.  Purg.  XXXII, 
152),  der  die  Dirne  d.  h.  die  entartete  Kirche  ins  Exil  von  Avignon  führt. 
Es  ist  nicht  unmöglich,  daß  Goethe,  der  2  Jahre  später  im  »Prolog 
im  Himmel«  eine  so  sichere  Dante-Kenntniß  offenbart,  das  Bild  über- 
nommen und  vielleicht  schon  in  Gesprächen  mit  Schiller  gebraucht  hat. 
Die  Dante'sche  Vision  am  Baume  der  Erkenntniß,  die  mit  dem  Ein- 
setzen der  Taufe  beginnt  und  mit  Avignon  abschließt,  in  wenigen 
Terzinen  daher  14  Jahrhunderte  umfaßt,  besitzt  dieselbe  Eigenheit,  durch 
die  auch  Goethes  Märchen  sich  auszeichnet:  Das  zielbewußte  Festhalten 
am  einmal  gewählten  Bilde.  (Poclihanimer,  Dante,  S.  440.)  Auch  sie 
vereint  Allegorie  und  Symbol. 


Gor.Tiir.s  Märciif.x.  121 


wenn  es  sich  gewöhnt  hat,  nur  noch  auf  dem  Schatten  des 
Riesen  zu  reisen.  Erfolgreich  im  ahen,  ohne  Erfolg  im 
neuen  Staat  widerstrebt  dieser  aller  Kultur.  Aber  als  nutz- 
bringendes Warnungsstandbild  gehört  er  vor  das  deutsche 
Haus,  und  zwar  für  ewige  Zeiten!  S-  Ludwig  XVI.,  auch 
nur  soweit  gekennzeichnet  im  gemischten  Könige,  um  jedes 
Staatsgefüge  zu  versinnbildlichen,  das  der  Beschreibung 
entspricht,  u.  a.  daher  auch  das  alte  deutsche  Reich.' 

Politisch  im  engeren  Sinne  ist  trotzdem  das  Märchen 
nicht!  Ja  wir  werden  gewissen  Versuchen  zu  widerstehen 
haben,  die  daraus  erw'achsen,  daß  wir  einer  Königsweihe 
beiwohnen,  die  dem  Eürsten  zutheil  wird,  der  in  der 
wunderbaren  Gesammtlage  von  1795  fast  allein  seine 
Schuldigkeit  gethan  hat.  Das  Archivwerk  Bojanowskis", 
das  nicht  nur  die  Denkschriften  Carl  Augusts  über  die 
Vertheidigung  Thüringens  bringt,  sondern  auch  die  Sonder- 
stellung klar  legt,  in  die  Weimar  durch  den  Baseler  Frieden 
sich  versetzt  sah,  kommt  Niemandem  erwünschter  als  dem 
Deuter  von  Goethes  Märchen.  Denn  wir  sehen  die  Dich- 
tung herauswachsen  aus  den  Verhältnissen,  die  den  Dichter 
umgeben.  Wir  verstehen,  daß  er  gerade  jetzt  zur  Sache 
des  Vaterlandes,  ja  zur  Sache  der  Zeit  das  Wort  nimmt, 
und  wir  können  nun  erst  ganz  die  Art  und  Weise  be- 
wundern, in  der  er  es  thut.  Er  löst,  so  w'ie  nur  ihm 
möglich  war,  sein  Wort  von  Valmy  ein  und  vielleicht  wird 
es  erst  durch  das  Märchen  verständlich,  daß  er  in  der 
»Campagne«  es  noch  einmal  aufnimmt.  Die  Prophezeihung 
hat  einen  Inhalt  bekommen,  freilich  einen  solchen,  mit  dem 
es  dem  Seher  nicht  lohnt,  sich  an  die  Zeitgenossen  zu 
wenden.  »Zwei  der  größten  Menschenfeinde«,  Furcht  und 
Hoffnung  herrschen  ringsum.'     Er  allein  hat  sie  gefesselt. 


'  Das  Allgemeine  ist  hier  ebenso  im  Besonderen,  d.  h.  in  der 
Person  geschaut  wie  Weisheit,  Schein  und  Gewalt  in  Friedrich,  Friedrich 
Wilhelm  und  Bernhard  geschaut  sind.  Erst  die  Namengebung  erlaubt 
uns,  auch  die  4  Könige  in  die  symbolischen  Gestalten  einzureihen, 
während  alle  Deutungen  der  Meyer"  von  Waldeckschen  Uebersichtstafel 
(Heidelberg  1879)  der  Allegorie  verbleiben. 

^  Niederschriften  des  Herzogs  Carl  August  von  Sachsen  -Weimar 
über  den  Schutz  der  Demarkationshnie,  den  Rennweg  (1796)  und  die 
Defensive  Thüringens  (1798).  Herausgegeben  von  P.  v.  Bojanowski, 
Weimar  1902. 

3  Der  Herzog  selbst  zeigt  beide.  Er  mußte  hoffen  etwas  brauch- 
bares zu  schaffen,  als  er  seine  Ortskenntniß  und  alles,  was  er  an 
militärischem  Wissen  besaß,  dem  großen  Ganzen  zur  Verfügung  stellte, 
und  doch  war  er,  auch  als  Fachmann,  einsichtig  genug,  um  durchaus 
trübe  in  die  Zukunft  zu  sehn.  Als  er  seine  Entwürfe  später  einem 
preußischen  Offizier  (wohl  dem  Grafen  Götzen,  dem  späteren  Ver- 
theidiger  Schlesiens)  vorlegte,  sprach  er  sich  völlig  hoffnungslos  aus.    Da 


I 22  Abhandlungen. 


Er  spricht  von  seiner  nächsten  Umgebung,  nicht  aber  :(it 
ihr  und  denkt  gar  nicht  an  den  morgenden  Tag.  Er  spricht 
im  räthselvoUen  Kunstwerk  (»mit  Worten  verschränkt«), 
er  verzichtet  daher  auf  jedes  practische  Wirken.  Durchaus 
in  seiner  Zeit  stehend  arbeitet  er  zeitenlos,  und  was  er 
träumt,  ist  kein  Kaisertraum. 

Dante  schreibt  leidenschaftHch  in  stiller,  Goethe  ruhig 
in  bewegter  Zeit.  Beide  sehen  in  die  Zukunft.  Aber  Dante 
prophezeit  nur  Geschehenes  und  hofft  auf  den  Retter,  der 
gewaltsam  handeln,  den  Riesen  erschlagen  wird  etc.,  Goethe 
bringt  überhaupt  nur  geistige  Kräfte  ins  Spiel  und  stellt 
einen  Wandel  dar,  der  sich  organisch  von  innen  heraus 
vorbereiten  soll  und  nur  langsam  vollziehen  kann,  dessen 
Triumph  er  aber  dennoch  schaut,  und  nur  aus  künstlerischen 
Gründen  zusammengefaßt  in  die  Katastrophe.  Er  würde  ihn 
sicher  noch  am  Abend  seines  Lebens  nicht  als  eingetreten 
bezeichnet  haben.  (Wir  können  dies  ja  heute  noch  nicht 
thun.)  Trotzdem  sind  die  beiden  Aeußerungen,  die  Ecker- 
mann aufgezeichnet  hat:  »Wodurch  ist  Deutschland  groß 
als  durch  eine  bewunderungswürdige  Volksbildung,  die  alle 
Theile  des  Reichs  gleichmäßig  durchdrungen  hat?  Sind 
es  aber  nicht  die  einzelnen  Eürstensitze,  von  denen  sie 
ausgeht  und  welche  ihre  Träger  und  Pfleger  sind?«  wichtig 
für  das  Märchen.  Denn  sie  zeigen,  daß  dessen  beide  Ge- 
danken im  Geiste  des  Dichters  noch  nebeneinander  Hegen, 
ja  sie  geben  die  beiden  Theile  des  Märchens,  wenn  man 
nach  der  Kunstform  gliedert.  Schon  mit  dem  streng  alle- 
gorischen hat  der  auf  der  Höhe  seiner  Erzählungskunst 
stehende  Meister  so  großes  geleistet,  daß  es  ihn  wohl 
locken  kann,  ein  ganz  allegorisches  Märchen  zu  schreiben. 
Aber  die  symbolische,  echt  poetische  Darstellung  wahrt 
doch  ihre  Ueberlegenheit:  Wie  viel  mehr  sagt  der  neue 
König,  der  zwischen  Goethe  und  Bismarck'  steht,  als  er 
sagen  würde,  wenn  wir  zwei  allegorische  Gestalten  von 
unsern  Denkmälern  herabsteigen  ließen,  um  sie  als  Frau 
Bildung  und  Frau  Staatsklugheit  neben  ihn  zu  stellen!  Und 
wie  viel  mehr  sagt  Goethe,  den  wir  ja  nicht  zum  ersten 
Male   als  Ehemann    in    einem   seiner  Märchen  finden,  der 


er  schon  1795  eifrig  vorbereitet  liaben  muß,  was  wir  jetzt  lesen,  kann 
seine  Thätigkeit  und  die  Beurtheilung,  die  sie  in  Weimar  fand,  selir 
wohl  das  Märchen  »ausgelöst«  haben,  das  so  wesentlich  andere  Wege 
einschlug. 

'  Noch  zu  Lebzeiten  Bismarcks  nannte  ich  Goethe  in  einer  Fest- 
versammlung der  deutschen  Kolonie  in  Zürich  den  Schöpfer  eines 
Bismarck-Denkmals,  das  2  Decennien  älter  sei,  als  der  Kanzler  selbst, 
was  ich  erwähne,  weil  die  N.  Z.  Z.  s.  Zt.  von  dieser  Auslegung  des 
Märchens  Notiz  genommen  hat. 


GoF.THKs  Märchi:\.  125 


aber  hier  keinen  Melusinen-Ring  mehr  durchfeilt,  sondern 
den  Bund  anerkennt,  den  er  fürs  Leben  geschlossen  hat, 
wie  viel  mehr  sagt  er  hier,  wenn  er  als  der  Gebildete  und 
Geliebte  zugleich  der  Gebende  ist  der  zu  bildenden  und 
empfangenden  Frauengestalt  gegenüber,  die  das  Volk  ver- 
tritt, als  irijend  eine  ideale  Volksfreundschaftsgruppe  geben 
könnte?  Und  ist  es  so  wunderbar,  daß  er  niemand  helfen 
wollte  sein  Räthsel  zu  lösen? 

In  einem  Punkte  aber  erzieht  uns  Goethe  im  Märchen 
gradezu  zum  Verstehen  einer  der  »Natur  der  Poesie«  ent- 
sprechenden Dichtung:  Wir  sollen  das  Verhcältniß  des 
Mannes  zu  dem  von  ihm  geliebten  Weibe  in  den  beiden 
Formen,  die  uns  die  Lebenserfahrung  bietet  —  Hangen  und 
Bangen  des  unpraktisch  Liebetiden  einerseits,  Heimführen  der 
Braut  andererseits  —  aus  der  sinnbildlichen  Darstellung 
heraus  anwenden  lernen  auf  den  Gegenstand,  der  zur  Be- 
handlung steht,  also  auf  das  Wesen  des  alten  und  des  neuen 
Staats.  Wir  sehen  ein  falsches  Streben,  das  zur  Entnervung 
selbst  des  Tüchtigen  führt,  sodann  das  Glück,  das  der  Besitz 
dem  zu  eigenem  Feststehen  Gereiften  gewährt.  Die  alten 
Eheleute  haben  ein  Haus,  der  Jüngling  hat  keins;  und  das, 
welches  alles  enthält,  was  ihn  stark  machen  könnte,  steht 
da,  wo  es  nicht  wirken  kann.  Erst  wenn  das  Ideal  den 
Weg  ins  Leben  gefunden  und  unter  günstigem  Sterne  die 
allseitige  Arbeit  das  deutsche  Haus  an  den  rechten  Platz 
geführt  hat,  wird  die  schöne  Lilie  als  Hausfrau  da  walten, 
wo  sich  ihr  die  Hand  des  Geläuterten  entgegenstreckt,  der 
jetzt  Herr  seiner  selbst  geworden  ist:  Die  Umwandlung 
war  niemand  nöthiger  als  ihm. 


IL 

Es  bleibt  wenig  hinzuzufügen.  Das  Märchen  erzählt 
sich  selbst,  und  wir  sind  ja  in  der  glücklichen  Lage,  sogar 
in  die  Werkstatt  des  Schaftenden  hineinschauen  zu  dürfen : 

Goethe  sieht  in  Jena  den  alten  Mann  die  Studenten 
übersetzen,  die  zur  Sängerin  wollen,  und  er  ergreift  das 
Bild,  um  den  Anfang  seines  Märchens  zu  finden.  So  ist 
auch  dies  eine  Gelegenheitsdichtung  zunächst  im  äußeren 
Sinne.  Im  inneren  wird  sie  es  dadurch,  daß  die  Zeit  eine 
Gedankenwelt  angeregt  hat,  die  Gestaltung  verlangt. 

Nun  werden  die  Studenten  zu  Bringern  der  Menschen- 
rechte u.  s.  w.,  die  ins  deutsche  Land  wollen.  Sofort  muß  die 
Sängerin  vom  jenseitigen  Ufer  fort  und  auf  das  dies- 
seitige verpflanzt  werden.  Denn  die  französischen  Send- 
Hnge  kommen  aus  der  Ideenwelt,  wenn  auch  nicht  von 
dem  Ideale,  nach  dem  die  (jetzt  jenseits  wohnende)  deutsche 


124  Abhandluxgen. 


Welt,  im  dunklen  aber  richtigen  Drange  verlangt.  Der 
Rahmen  ist  gespannt;  was  das  leibliche  Auge  sah,  zerrinnt, 
die  »aha  fantasia«  des  Dichters  (Dante,  Par.  XXXIII.  142) 
arbeitet  weiter.  Die  Irrlichter  landen  an  ihnen  fremder 
Stätte  und  werden  paßlos  befunden.  Man  entläßt  sie  erst, 
als  sie  sich  verbürgt  haben,  den  Zoll  noch  nachträglich  zu 
zahlen.  Sie  linden  den  Helfer,  den  sie  brauchen,  in  der 
Frau:  Noch  stets  hat  die  Volksanschauung  die  Kosten  be- 
zahlt, wenn  ein  Auf  klärungsgedanke  das  Bürgerrecht  sucht. 
Denn  er  findet  es  da,  wo  die  Sorge  rückständig  zu  er- 
scheinen am  größten  ist:  beim  Ungebildeten.  Die  höhere 
Bildung  duldet  dies,  wenn  sie  erkennt,  daß  dem  Fremdling 
eine  Kraft  inne  wohnt,  die  sie  zum  Menschheitsfortschritt 
nutzen  kann.  Im  eigenen  Hause  handelt  sie  zweckmäßig 
nach  den  vorliegenden  Verhältnissen.  Ihr  Schützling  hat 
zwei  Verluste  erlitten;  der  eine  ist  ersetzbar:  die  Golddecke 
hergebrachter  Vorstellungen.  Die  neuen  sind  nicht  so  ehr- 
würdig, wie  es  die  alten  waren,  aber  dauerhafter,  weil  von 
der  Bildung  geschaffen.  Bald  wölbt  sich  der  alte  Himmel 
wieder  über  dem  Volke,  nur  zeigt  er  ihm  nicht  mehr 
Nägel,  sondern  Sterne.  Was  aber  wirklich  gestorben  ist 
von  der  alten  Weltanschauung,  gehört  nicht  mehr  ins  Haus 
der  Lebenden.  Es  bildet  jedoch  ein  Kleinod  in  der  Hand 
der  Bildung  und  kann,  vom  Ideal  berührt,  wirklich  neues 
Leben  gewinnen.  (Die  Nadowessiche  Todtenklage  Schillers 
ist  ein  solcher  ewig  lebender  Onyx-Mops.)  Das  Volk  ist 
etwas  heller  geworden,  gerade  durch  seine  Verluste  und 
ist  bereit,  für  den  höfHchen  Fremdling  zu  bürgen.  Es 
würde  dies  auch  erreichen,  selbst  im  Nachtwächterstaate 
alter  Ordnung,  wenn  es  nicht  eine  Macht  gäbe,  die  das 
nicht  will.  Der  Riese  kann,  wenn  er  dem  deutschen  Volke 
begegnet,  nur  als  personifizirte  Autoritätslosigkeit  handeln. 
Seine  Schattenhände  haben  Freiheitsbäume  gepflanzt  und 
der  Vernunftgöttin  den  Wagen  geschirrt.  Wie  können  sie 
den  Frieden  wollen,  der  im  deutschen  Staate  sich  vollziehen 
will?'  Der  Riese  schafft  der  Frau  Verlegenheiten,  die  erst 
der  Umschwung  der  Verhältnisse  aufhebt,  und  er  verhindert 
dadurch  auch  "eine  Anerkennung  der  Irrlichter,  die  ihrer- 
seits seine  Schattenbrücke  verschmähen  und  trotz  ihrer 
Abneigung  gegen  das  Tageslicht  den  Brückensteg  vorziehen. 
Er  bleibt  ^aber''  ein  Geist.'    Das  Schwert  ist  machtlos  gegen 


'  Die  Objectivität,  mit  der  Goetlie  jeder  Figur  seines  Märchens 
gegenüber  steht,  fälh  besonders  auf  beim  Riesen,  für  den  er  nicht  das 
leiseste  Scheltwort  hat,  den  er  aber  um  so  genauer  aus  seiner  Natur 
heraus  handeln  läßt.  So  könnte  ein  Naturforscher,  dem  seine  Wissen- 
schaft höher  steht,  als  sein  Leben,  ein  ihn  anspringendes  Raubtier  be- 
trachten. 


GoKTiius  Märcuf.n'.  125 


ihn.  Die  Sonne  entwaffnet  ihn,  und  eine  höhere  Macht 
fesselt  ihn  zur  rechten  Zeit  und  am  rechten  Orte. 

Der  Baunii^'artsche  Betriff  »Literatur«  für  die  Schlange 
hat  das  für  sich,  daß  schon  Friedrich  der  Große  von  der 
deutschen  Literatur  gesagt  hat,  sie  werde  klarer  und  durch- 
sichtiger werden.  Aber  er  ist,  wenigstens  in  seiner  heutigen 
Bedeutung,  zu  eng  für  die  Schlange,  die  so  herrlich  irr- 
lichter  und  Lampe  verbindet  und  mit  regem  Forscher- 
triebe in  der  Natur  sich  umsieht  über  und  unter  der  Erde, 
Sie  nimmt  alles  auf,  was  irgend  zu  ihrer  Nahrung  dienen 
kann  und  weiß  es  zu  verarbeiten.  Schon  Rousseau  z.  ß. 
hat  tiefer  in  Deutschland  gewirkt,  als  im  gedruckten  Wort 
zum  Ausdruck  gekommen  ist.  Die  Schlange  ist  daher 
mehr  als  dieses,  und  Stücke  geistigen  Lebens  sind  es,  die 
sie  in  den  Strom  schickt,  auf  daf^  aus  ihnen  die  Pfeiler 
entstehen  zu  endgültiger  Beseitigung  des  Hindernisses. 
(Man  könnte  heut  noch  kein  treffenderes  Bild  finden,  wenn 
man  zeigen  wollte,  wie  Flmerson  und  Nietzsche  mit  Apho- 
rismen die  Pfeiler  gegründet  haben,  die  ihre  Brücken 
tragen.)  Die  angesammelten  Kulturwerthe  müssen  ins 
Leben:  wir  brauchen  Presse  und  Zeitschrift,  Sinnspruch  und 
Lied,  Museen  und  Büchereien,  Theater  und  Konzerte, 
Unterrichts-  und  Bildungsanstalten.  Aus  dem  Leben  heraus 
wird  sich  dann  der  Bau  erheben,  der  Allen  das  bietet,  was 
die  Kultur  früher  nur  einzelnen  Strebenden  bieten  konnte, 
und  nicht  nur  das  Hinüber  sondern  auch  das  Herüber  wird 
frei  sein.  Kein  Zensor  prüft  mehr,  was  von  jenseits  ins 
deutsche  Leben  will.  Der  erste  Fcährmann  war  Minister, 
der  zweite  ist  Staatsmann  und  trägt  mit  Fug  und  Recht 
das  weiße  Engelsgewand  des  vom  Himmel  Gesandten.  Denn 
er  wird  erst  kommen,  wenn  die  Zeit  erfüllt  ist  und  die 
Lampe  aus  seiner  Bretterhütte  den  silbernen  Altar  geschaffen 
haben  wird,  der  auch  der  Kirche  einen  Ehrenplatz  sichert 
im  neuen  Hause.  Er  ist  direkt  Träger  eines  Symbols,  des 
Staatsruders,  wie  der  Alte  mit  der  Lampe.  Nur  ist  dieser 
schon  vor  der  Katastrophe  dagewesen,  hat  sie  kommen 
sehen  und  hat  rettend  gehandelt  kraft  seiner  Leuchte  und 
nach  den  Weisungen,  die  sie  ertheilte.  Goethe  gibt  sich 
nicht  als  Staatsretter;  er  ist  nur  der,  der  in  seinem  Kreise 
die  Lampe  trägt  und  im  eigenen  Hause  die  Verbindung 
vollzogen  hat,  die,  in  das  geistige  Leben  der  Nation  über- 
tragen, zu  Schuldenerlaß  und  Verjüngung  führen  soll.  Er 
weist  weit  über  sich  hinaus. 

Und  nun  erst  lohnt  es  sich  danach  zu  streben :  auch  aus 
der  Krisis  »das  Allgemeine  mit  zu  erhalten  im  Besonderen«. 

Im  einfachen  Niedersinken  des  Jünglings  vollzieht  sich 
die  Katastrophe,  und  in  den  Lüften  spiegelt  sie  sich.    Auch 


126  Abhandlungen. 


der  Minnegesang  hat  nur  Werth,  wenn  der  Sänger  auf 
eigenen  Füßen  steht.  Ein  vom  Sturmvogel  gescheuchtes 
Vögelchen,  das  nur  immer  weiter  in  die  Unwirklichkeit 
lyrisch  hinein  fliegt,  stirbt  an  der  Brust  des  Ideals,  bei  dem 
es  Schutz  sucht.  Es  stirbt  den  Liebestod,  der  auch  der 
Nation  bevorsteht,  wenn  sie  im  Suchen  nach  der  blauen 
Blume  ihre  Kraft  erschöpft,  statt  sich  die  Lebensbedingungen 
zu  schaffen,  auf  die  Schwager  Kronos  bald  schärfer  als  je 
die  Völker  sich  ansehen  wird.  Die  schöne  Lilie  hat  schon 
viele  traurige  Erfahrungen  gemacht.  Sie  hat  schon  viel 
ungesundes  Jagen  nach  unpractischen  Zielen  gesehen.  Der 
Dichter  ist  auch  hier  vorsichtig  genug,  nicht  deutlicher  zu 
werden,  weil  ihn  dies  sofort  aus  dem  Bilde  heraus  führen 
müßte.  Gemeint  hat  er  alles,  was  den  Deutschen,  der  auf 
Heldenthaten  zurückbHckt,  schwach  gemacht  und  in  staat- 
licher Ohnmacht  erhalten  hat:  den  Kaiser-  und  Krönungs- 
traum der  Großen,  die  Selbstherrhchkeit  und  Ueppigkeit 
der  Kleinen,  die  Sucht  in  Satzungen  und  Gerechtsame  zu 
binden,  was  einer  Lebensentwickelung  hätte  zugeführt 
werden  müssen,  die  ganze  bureaukratische  Herrlichkeit,  die 
sich  aufbaut  auf  der  sorgfältigen  Erhaltung  der  Ufer- 
trennung, einschheßlich  der  Strompolizei.  Echt  dichterisch, 
um  nicht  zu  sagen  homerisch  zeigt  Goethe  die  Sache 
lediglich  in  der  Wirkung:  im  entwaff'neten  Jüngling,  der 
barfuß  geht  und  sein  Schmachten  fortsetzt.  Erst  als  sein 
Eigenwille  aufgehoben  und  er  Object  der  Thätigkeit  Aller 
geworden  ist,  lernt  er  ein  richtiges  Lieben  und  ein  richtiges 
Freien:  —  das  ist  seine  »Bildung«.  Wie  richtig  ist  dann 
aber  auch  die  Reihenfolge,  in  der  er  die  Symbole  seiner 
Erstarkung  erhält:  Erstens  das  Schwert.  Zw^eitens  das 
Scepter.  Drittens  den  Eichenkranz  der  wisdom,  ohne  den 
weder  strength  noch  beauty  auf  die  Dauer  ihn  schützen 
würden. 

Nur  in  Weimar  wohnte  ein  fürstliches  Ehepaar,  das 
dem  Märchen  im  Manne  wie  in  der  Frau  Gestalten  bot, 
die  lebenswarm  eingesetzt  werden  konnten  und  doch  der 
symbolischen  Vertiefung  fähig  waren,  die  die  Dichtung 
verlangte.  Selbst  vom  Traumleben  der  Herrin  und  von 
ihrer  Würdigkeit  zu  neuem  Glück  durfte  gesprochen 
werden  —  ein  Glück  für  den  Dichter!  Nur  Weimar  besaß 
aber  einen  Dichter,  der  diese  Gunst  der  Verhältnisse  zu 
nützen  verstand,  der  die  Einzelzüge  auf  der  Stelle  fest  zu 
halten  vermochte,  von  der  aus  er  eine  Welt  ihrem  Sturze 
zutreiben  sah,  und  der  doch  der  entwickelungsfrohe  Hoffende 
blieb  und  der  gestaltende  Künstler.  So  schuf  er  eine 
Dichtung,  der  eigenes  Leben  inne  wohnt  und  deren  »zwanzig 
Personen«  wirklich  nichts  anderes  machen  als  »das  Märchen«. 


GoETfiF.s  Märchen. 


12- 


Das  Ganze  ist  doch  schießlich  eine  Germania,  die  die 
thüringischen  Farben  trägt.  In  diesen  stellt  Goethe  dar, 
was  er  dem  Vaterlande  wünschte.  Sein  Seherblick  geht 
aber  weit  über  die  Grenzen  des  Landes  hinaus,  dessen 
Sprache  er  redet.  Aus  der  Natur  der  Menschen  und  der 
Dinge  Erfaßtes  hat  überall  Kurs,  wo  Menschen  wohnen. 
Darin  liegt  die  Bedeutung  des  Märchens  für  Goethe,  für 
uns  und  tür  die  Welt. 

Die  drei  Personen  seines  nächsten  Gesichtskreises  sind 
ebenso  liebevoll  erfaßt  und  doch  ebenso  höheren  Zwecken 
dienstbar  gemacht,  wie  Dantes  Beatrice.  Ein  aere  perennius- 
Denkmal  ist  das  Märchen  aber  nicht  nur  für  die  beiden 
Frauen,  sondern  auch  für  den  Herzog,  der  von  seinen 
Ahnen  geweiht  wird  zum  Herrscher  im  ideellen  Reiche 
der  deutschen  Bildung  und  der  religiösen  Freiheit: 

»Klein  ist  unter. den  Fürsten  Germaniens  freilich  der 

meine. 
Kurz  und  schmal  ist  sein  Land,  mäßig  nur,  was  er 

vermag. 
Aber  so  wende  nach  innen,  so  wende  nach  außen  die 

Kräfte 
Jeder,  da  wär's  ein  Fest,  Deutscher  mit  Deutschen 

zu  sein.« 


^i:^ 


Die  angebliche 
Abhängigkeit  der  Goethischen 
Metamorphosenlehre  von  Linne. 


Vo\ 

A.  Hansen. 


m  Jahre  1885  erschien  eine  Abhandlung  des  Pro- 
fessors an  der  tschechischen  Universität  zu  Prag 
L.  Celakovsky,  in  welcher  nach  ausführHcher  Er- 
örterung als  Resultat  Folgendes  mitgetheilt  wurde:  »Die 
Metamorphosenlehre  ist  nicht  erst  von  Wolff  und  Goethe, 
sondern  zuerst  und  ursprünglich  von  Linne  concipirt  und 
mindestens  ebenso  vollständig,  theiKveise  noch  bündiger 
als  von  Jenen  mittelst  der  hier  vorzugsweise  entscheidenden 
teratologisch  vergleichenden  Methode  begründet  und  be- 
wiesen worden.« 

Gegenüber  dem  seit  1790  sowohl  in  der  allgemeinen 
botanischen  Literatur  als  in  einer  Reihe  von  Schriften  und 
Kritiken  von  Wigand,  Kirchhoff,  Sachs,  Potonic,  Goebel, 
Büsgen'  ohne  Rückhalt  anerkannten  Eigenthumsrechte 
Goethes  hätte  die  oben  wiedergegebene  Eröffnung,  wie  man 
annehmen  sollte,  einen  nicht  ungewöhnhchen  Eindruck 
hervorrufen  müssen.  Es  meldet  aber  von  ihr  keine  Zu- 
stimmung, keine  Kritik.  Das  erklärt  sich  daraus,  daß  die 
Abhandlung  Celakovsky's  auf  in  die  Augen  fallenden  that- 
sächlichen  und  logischen  Irrthümern  aufgebaut  ist,  daß  die 


'  Goethe-Jahrbuch  XL 


Die  Abhängigkeit  der  Goetmisciien  Metamorphosenleiire.     129 

offenkundige  Tendenz  des  Verfassers,  neue  erfolgreiche 
Forschungsrichtungen,  wie  die  Entwickelungsgeschichte, 
herabzusetzen,  ein  Versuch,  den  schon  Hofmeister  vor  bald 
fünfzig  Jahren  nicht  übel  mit  den  Feindseligkeiten  der  Rhein- 
schiffer gegen  die  Dampf  boote  verglich,  eine  ernsthafte 
Widerlegung  ganz  unnothig  machte.  So  blieb  denn  die 
Abhandlung  aut  sich  beruhen  als  ein  Beweisstück  dafür, 
daß  wenn  man  den  Muth  für  die  Rückständigkeit  zu  fechten 
mit  der  bewußten  oder  unbewußten  Kunstfertigkeit  ver- 
bindet, Begriffe  zu  ändern  und  in  das  Gegentheil  um- 
zudeuten, es  leicht  ist,  die  ganze  Weltgeschichte  auf  den 
Kopf  zu  stellen. 

Erst  neuerdings  ist  die  Celakovsky'sche  Abhandlung 
als  maßgebend  von  skandinavischer  Seite  genannt  worden, 
um  dem  Ruhme  Linnes  das  zuzuwenden,  was  ihm  zukomme. 
Indem  die  Ansichten  des  böhmischen  Botanikers  ohne  Wei- 
teres als  richtig  angenommen  werden,  verneint  man  freilich 
jede  objective  Behandlung  der  Frage.  Als  Vertreter  der  Cela- 
kovsky'schen  Meinung  ist  der  norwegische  Botaniker  Prof. 
N.  Wille  in  Christiania  zunächst  nur  in  einer  Tageszeitung' 
hervorgetreten.  Diese  Kundgebung  lautet  im  Wesentlichen 
und  wörtlich  wie  folgt :  »Die  Metamorphosenlehre  hat 
seinerzeit  eine  sehr  große  Bedeutung  für  die  Entv.'ickelung 
gewisser  Theile  der  wissenschaftlichen  Botanik  gehabt  und 
Julius  Sachs,  sowie  nach  ihm  spätere  deutsche  Verfasser 
sprechen  auch  von  der  durch  Goethe  begründeten  Meta- 
morphosenlehre. Manche  räumen  freilich  ein,  daß  Goethe 
einen  \''orgänger  gehabt  habe,  allein  dies  soll  ebenfalls  ein 
Deutscher,  nämlich  Caspar  Friedr.  Wolff  gewesen  sein.  In 
Wirklichkeit  hat  jedoch  Finne  die  Grundprincipien  der 
Metamorphosenlehre  aufgestellt,  was  auch  schon  1885  von 
dem  böhmischen  Botaniker  Celakovsky  bewiesen  worden, 
Deutsche  Arbeiten  verschweigen  dies  beharrlich  und  Goethe 
und  Wolff  werden  weiter  als  Begründer  der  Metamorphosen- 
lehre gepriesen.  17  51  gab  Finne  seine  »Philosophia  bota- 
nica«  heraus;  in  dieser  befindet  sich  ein  Kapitel,  das  bezeich- 
nend genug  »Metamorphosis  vegetabilisff  heißt.  Es  ist  das 
erste  Mal,  daß  das  Wort  Metamorphose  in  dieser  Verbin- 
dung genannt  wird.  In  dem  Kapitel  kommen  u.  A.  die 
Sätze  vor:  »Principium  florum  et  foliorum  idem  est.  Prin- 
cipium  gemmarum  et  foliorum  idem  est.«  In  unsere  heu- 
tige Sprache  übersetzt  heißt  das,  daß  Blüten  und  Knospen 
dieselben  Bildungen  wie  die  Blätter  sind,  worin  gerade  das 
Grundprincip  der  Metamorphosenlehre  besteht.  Im  Jahre 
1790  gab  Goethe  seine  berühmte  Arbeit  »Versuch,  die  Meta- 


*  Aftenposten,  Christiania  vom  13.  September  1903. 

Goethe-Jahrelch    XXV.  9 


130  Abhandlungen. 


morphose  der  Pflanzen  zu  erklären«  heraus,  worin  er  aus- 
führlich die  Metamorphosenlehre  entwickelt.  Daß  Goethe 
Linnes  Arbeiten  gekannt  hat,  geht  daraus  hervor,  daß  er 
auf  das  dem  Titelblatt  folgende  Blatt  als  Motto  ein  Citat 
von  Linne  gesetzt  hat.  Aus  der  zeitgenössischen  Literatur 
ist  ersichtlich,  daß  sich  die  Fachleute  dieser  Goethischen 
Arbeit  gegenüber  sehr  reservirt  verhielten  und  das  Citat 
von  Linne  hatte  somit  seine  Bedeutung,  um  zu  zeigen,  daß 
der  Verfasser  seine  Klassiker  studirt  habe  und  sich  auf  eine 
große  botanische  Autorität  berufen  könne.  Nach  einigen 
Jahren  schlug  die  Stimmung  um,  Goethes  Arbeit  wurde 
gepriesen  und  das  Citat  von  Linne  in  einer  neuen  Ausgabe 
fortgelassen.  In  den  späteren  Ausgaben  der  Werke  Goethes, 
z.  B.  auch  in  »Goethes  Werke,  herausgegeben  im  Auftrage 
der  Herzogin  Sophie  von  Sachsen,  IL  Abth.,  6.  Bd.,  Weimar 
189 1«,  fehlt  das  Citat,  so  daß  man,  um  den  Zusammenhang 
zu  finden,  bis  zu  der  jetzt  ziemlich  seltenen  Originalausgabe 
zurückgehen  muß.« 

Diese  Darstellung  mußte  zunächst  die  Goetheforscher 
befremden.  Die  Mittheilung  der  Uebereinstimmung  Linne'- 
scher  und  Goethischer  Ideen  würde  als  historisches  Factum 
weite  Kreise  interessirt  haben.  Der  Vorwurf,  Goethe  habe 
durch  eine  sehr  unreif  erscheinende  Manipulation  versucht, 
Linne  zu  verdecken  und  sei  darin  von  den  deutschen  Ge- 
lehrten unterstützt  worden,  ist  dagegen  von  vornherein 
unglaubwürdig.  Es  ist  zu  bekannt,  wie  dankbar  Goethe 
jede  Förderung  seiner  Einsichten  selbst  berichtet  hat.  Eine 
ganze  Generation  ist  dadurch  für  alle  Zeiten  unsterblich 
geworden.  Prof.  Kalischer  hat  die  Sache  mit  dem  Motto 
in  einer  kurzen  Notiz'  schon  ins  Reine  gebracht.  Das 
Motto  fehlt  keineswegs  in  allen  spätem  Ausgaben  von 
Goethes  Werken,  wovon  sich  die  Leser  an  ihrem  eigenen 
Besitz  leicht  überzeugen  können.  Es  ist  in  der  Weimarer 
Ausgabe  im  Text  fortgelassen  und  in  die  Lesarten  ver- 
wiesen, weil  dieser  Ausgabe  der  letzte  bei  Goethes  Lebzeiten 
1830  erschienene  Druck  der  »Metamorphose«  zu  Grunde 
liegt.  Hier  fehlt  das  Motto.  Warum,  läßt  sich  schwer 
entscheiden,  es  ist  thatsächlich  überflüssig. 

Prof.  Kalischer  theilte  das  Motto  in  der  Uebersetzung 
mit,  die  lautet:  »Ich  weiß  wohl,  daß  mein  Weg  von  Nebeln 
umhüllt  ist;  aber  sie  werden  sich  leicht  zerstreuen,  sobald 
das  Licht  des  Experiments  sie  durchdringt.  Denn  die  Natur 
bleibt  sich  immer  selbst  gleich,  wenn  sie  uns  auch  oft, 
wegen  der  Mangelhaftigkeit  unserer  Beobachtungen  mit 
sich  in  Widerspruch  zu  stehen  scheint.« 


ö 


Vossische  Zeitung  1903,  Nr.  458. 


Die  Abhängigkeit  der  Goethischen'  Mftamorphosen'I-emrf..     131 

Es  ist  sonnenklar,  daß  dieses  Motto  gar  nicht  den  Zweck, 
der  Goethe  untergelegt  wird,  hatte,  aut  Linnc  hinzuweisen. 
Die  Wei^lassung  des  Mottos  erschwert  um  so  weniger  den 
Nachweis  eines  historischen  Zusammenhangs,  als  Goethe 
im  Text  seiner  Metamorphose  auf  das  Ausführlichste  auf 
Linnc  hinweist.  Er  berutt  sich  dabei  freilich  nicht  auf  die 
Autorität  des  berühmten  Botanikers,  sondern  bekämpft 
dessen  ganz  andere  Ansichten  über  Metamorphose,  allein 
Linnes  Ruhm  geschieht  die  höchste  Genugthuung.  Was 
nun  aber  die  Nachweise  von  N.  Wille  aus  Linnes  Schriften 
für  seine  Priorität  angeht,  so  sind  diese  ebenso  unvoll- 
kommen als  irrthümlich. 

Chronologisch  unrichtig  ist,  daß  das  Wort  Metamor- 
phose in  der  Philosophia  botanica  zuerst  mit  Rücksicht  auf 
die  Pflanzen  gebraucht  wird,  Linnc  hat  schon  in  der  Vor- 
rede der  Bibliotheca  botanica  von  1735  seine  Ansicht  von 
der  Metamorphose  angedeutet.  Sachlich  unrichtig  ist,  daß 
man  den  Satz  aus  der  Philosophia  botanica  wörtlich  in 
unsere  heutige  botanische  Sprache  übersetzen  darf.  Man 
kann  ihn  natürlich  nur  so  autfassen,  wie  Linne  ihn  gemeint 
hat.  Der  Sinn  des  Satzes  aber  ist  dann  :  Der  Ursprung  der 
Blüte  und  Blätter  ist  derselbe,  weil  beide  (nach  Linnes 
Theorie)  aus  den  Geweben  des  Stengels  hervorgehen,  die 
das  Mark  umgeben. 

Die  botanische  Literatur  der  Linne'schen  Periode,  welche 
man  von  dem  Erscheinen  desSystema  naturae  1735  bis  zum 
Ende  desselben  Jahrhunderts  rechnen  kann,  zeichnet  sich 
durch  Einseitigkeit  und  in  Bezug  auf  die  Hauptfragen  durch 
größte  Dürftigkeit  aus.  Die  Pflanzenkenntniß,  d.  h.  die  durch 
Sammeln  erreichbare,  vermehrte  sich  in's  Ungemessene, 
aber  über  das  Wesen  des  pflanzlichen  Organismus  erfährt 
man  so  gut  wie  nichts  Neues.  Wenn  man  erwägt,  daß 
die  botanischen  Reisen,  zum  Theil  durch  Linne  angeregt 
und  gefördert,  einen  wahren  Pflanzenstrom  in  die  Herbarien 
veranlaßten,  daß  ein  Sloane  oder  Sherard  allein  10 000 
Pflanzenarten  und  mehr  von  ihren  Reisen  heimbrachten, 
dann  begreift  man,  daß  die  Botaniker  in  diesem  Strom 
ganz  untertauchten  und  von  der  eigentlichen  Botanik  nichts 
wissen  wollten.  Bei  einer  geringeren  Einseitigkeit  Linne's 
hätte  sich  die  Sachlage  wohl  günstiger  für  die  Wissen- 
schaft gestaltet.  Seine  feste  und  bis  zum  Ueberdruß  in 
seinen  Schriften  wiederholte  Meinung,  ein  Botaniker  sei 
nur  der,  der  alle  Pflanzen  mit  Namen  kenne,  wurde  um 
so  mehr  Gesetz,  als  Linnc  durch  seinen  Erfolg  auf  dem 
Gebiete  der  Nomenclatur  und  Classification  zu  einer  unan- 
fechtbaren Autorität,  trotz  mancher  Gegnerschaft,  geworden 
war.     Und  so   führte  denn  die  bei  Linnc  noch  aus  seiner 

9* 


132  Abhandlungen. 


Anlage  und  seinem  Bildungsgange  verständliche  und  durch 
den  Erfolg  entschuldbare  Einseitigkeit,  mit  welcher  er  die 
vorhandenen  Leistungen  auf  dem  Gebiet  der  allgemeinen 
Botanik  (der  wahren  Grundlage  für  die  spätere  Systematik) 
völlig  verkannte,  zum  Extrem.  Wenn  Linne  die  Anatomen 
und  Physiologen  als  Dilettanten  (Botanophili)  bezeichnete, 
blos  weil  er  weder  von  mikroskopischen  Untersuchungen 
noch  physiologischer  Methodik  etwas  verstand,  so  schreckte 
er  durch  diese  Mißachtung  von  der  Verfolgung  wahrhaft 
wissenschaftlicher  Fragen  ab,  statt  auch  im  Interesse  der 
natürlichen  Systematik^  dazu  zu  ermuntern. 

Es  war  also  kaum  eine  höhere  Stufe,  als  die  der 
Gegner  des  Mikroskops  im  Anfange  seines  Jahrhunderts, 
welche  trotz  der  Leistungen  von  Malpighi  und  Grew  den 
Gebrauch  des  Mikroskops  für  unzulässig  und  irreführend 
erklärten.  Nur  zögernd  und  ohne  Erfolg  wagte  sich  daher 
in  der  Linne'schen  Periode  eine  spärliche  phytotomische 
und  Anfänge  einer  morphologischen  Literatur  hervor.  Auf 
teleologischem,  von  Aristoteles  ererbten  und  bis  in  jene 
Zeit  gepflegten  Standpunkte  stehend,  kommt  eine  dürf- 
tige Beschreibung  der  Pflanzenorgane  zu  Stande,  ohne 
lichtvolles  Eindringen  oder  gar  eine  fruchtbare  Idee.  Die 
glänzende  Ausnahme,  Wolffs  1759  erschienene  Theorie  der 
Generation,  wurde  kaum  beachtet,  nicht  verstanden  und 
bald  vergessen.  Goethe  erst  lenkte  die  Aufmerksamkeit 
wieder  auf  Wolfl"  und  erwarb  sich  damit  ein  unvergeß- 
hches  Verdienst.  Und  unter  dieser  Literatur  erscheint 
plötzHch,  unvermittelt,  die  Schrift  eines  Dichters,  Goethes 
Versuch  die  Metamorphose  der  Pflanzen  zu  erklären,  ganz 
anderen,  neuen  Geistes,  was  beinahe  verwunderlich  erscheinen 
könnte,  da  Goethe  um  in  die  Botanik  einzudringen,  den 
damals  einzigen  Meister  Linne  auf  das  Eifrigste  studirt 
hatte.  Allein  es  war  trotzdem  keine  Schrift  im  Linne'schen, 
sondern  im  eigenen  Geiste.  Wir  würden  das  nur  schwer 
verstehen,  wenn  Goethe,  nach  seiner  Erzählung,  wie  sehr 
Linne  auf  ihn  gewirkt  habe,  nicht  hinzufügte,  er  sei  nicht 
durch  Zustimmung  von  Linne  angeregt  worden,  sondern 
»durch  den  Widerstreit,  zu  welchem  er  mich  auff'orderte. 
Denn  indem  ich  sein  scharfes,  geistreiches  Absondern,  seine 
treff"enden,  zweckmäßigen,  oft  aber  willkürhchen  Gesetze 
in  mich  aufzunehmen  versuchte,  ging  in  meinem  Innern 
ein  Zwiespalt  vor:  das,  was  er  mit  Gewalt  auseinander  zu 
halten  suchte,  mußte,  nach  dem  innersten  Bedürfniß  meines 
Wesens,  zur  Vereinigung  anstreben.« 


'  Mit  diesem  kurzen  Ausdruck  ist  selbstverständlich  der  Ausbau  des 
natürlichen  Systems  gemeint. 


DieAbhangigkf.it  df.r  Gof.thischkn  Metamorphosf.xlfhrf.     133 

Durch  diese  wenigen  Sätze  trctiendstcr  Kritik  beweist 
Goethe  genugsam,  wie  weit  er  seiner  Zeit  voraus  war. 
Diese  Worte  sind  das  Kennzeichen  der  Reaction,  die  mit 
Goethes  Schrift  gegen  die  Hemmungen  der  Linne'schen 
Botanik  begann.  Goethes  »iMetamorphose«  kann  als  Sym- 
bol der  neuen  Epoche  bezeichnet  werden.  Demgegen- 
über möchte  man  darüber  näheren  Aufschluß  gewinnen, 
warum  Linne  auf  Goethe  einen  solchen  Eindruck  gemacht 
hat.  Ich  glaube  der  Grund  liegt  auf  der  Hand,  es  ist  der 
gleiche,  der  auch  die  Zeitgenossen  Linne's  fortriß.  Die 
Botanik  war  bei  Linnes  Auftreten  keine  consolidirte 
Wissenschaft.  Sie  lag  in  den  Händen  von  Liebhabern  und 
Vertretern  anderer  Wissenschaften,  welche  Pflanzen  sam- 
melten. Man  denke  an  den  Geistlichen  Ray,  an  Boerhave, 
der  doch  in  erster  Linie  Arzt  war,  an  den  Anatomen 
Haller.  Kaum  könnte  man  außer  Tournefort  einen  Fach- 
botaniker, der  Linnes  Zeit  berührte,  nennen.  Linne  faßte 
das,  was  man  damals  unter  Botanik  begriff,  Terminologie 
und  Systemkunde,  zu  einem  übersehbaren  und  lehrbaren 
Kenntnißkreis  zusammen.  Es  waren  freilich  nur  die  primi- 
tivsten Anfänge  einer  Induction,  aber  immerhin  war  es 
eine  That,  und  daß  diese  durch  bloße  Ordnung  und  Classi- 
fication ihrer  Objecte  auf  einmal  sichtbar  erscheinende 
Botanik  Eindruck  machte,  begreift  sich  um  so  mehr,  als 
die  neu  eingekleidete  Wissenschaft  keine  schwierige  theo- 
retische, sondern  eine  zunächst  blos  statistische  war.  Die 
Leichtigkeit,  ein  »Botaniker«  zu  werden,  ließ  ihr  sogleich  eine 
Menge  jünger  zuströmen.  Linne  bezeichnete  seine  Leistung 
kühn  als  »Reformation  der  Botanik«.  Da  es  sich  aber 
doch  nur  um  ein  Sammeln  der  zerstreuten  wissenschaft- 
lichen Elemente  und  um  die  Einordnung  in  das  höchst 
übersichtliche  Fächerwerk  der  Definition  handelte,  so  war 
es  thatsächhch  wohl  eine  Reform,  aber  keine  Reformation 
in  dem  Sinne  einer  Neugestaltung  der  Botanik  nach  neuen, 
höheren  Gesichtspunkten. 

Daß  die  »Philosophia  botanica«,  dies  klassische  Abbild 
Linne'scher  Denkarbeit,  auf  den  von  Jugend  an  zu  pein- 
lichster Ordnung  der  Wissensgebiete  erzogenen  Goethe 
den  besten  Eindruck  machte,  wer  will  sich  darüber  wundern? 
Aber  während  Martius  noch  1840  in  überschwänglicher 
Verkennung  des  eigentlichen  Werthes  die  Philosophia  bota- 
nica »das  goldene  Buch«  nennt,  hatte  Goethe  schon  erkannt, 
was  man  daraus  lernen  könne,  was  nicht. 

Er  schreibt  am  14.  October  1816  an  Zelter:  »Ich  habe 
dieser  Tage  Linnes  Schriften  wieder  vorgenommen,  in 
denen  er  die  Botanik  begründet,  und  sehe  jetzt  recht  gut, 
daß  ich   sie  nur  symbolisch  benutzt  habe,  d.  h.  ich  habe 


134  Abhandlungen. 


diese  Methode  und  Behandlungsart  auf  andere  Gegenstände 
zu  übertragen  gesucht  und  mir  dadurch  ein  Organ  er- 
worben, mit  dem  sich  viel  thun  läßt.« 

Am  7.  November  des  gleichen  Jahres  an  denselben: 
»Alles  was  auf  uns  wirkt  ist  nur  Anregung  und,  Gott  sei 
Dank!  wenn  sich  nur  etwas  regt  und  kÜngt.  Diese  Tage 
hab'  ich  wieder  Linne  gelesen  und  bin  über  diesen  außer- 
ordentlichen Mann  erschrocken.  Ich  habe  unendlich  viel 
von  ihm  gelernt,  nur  nicht  Botanik.« ' 

Aus  diesen  Sätzen  geht  nicht  nur  Goethe's  richtige 
kritische  Ansicht  hervor,  sondern  vor  Allem  die  Thatsache, 
daß  er  sich  zwar  aus  Linne  botanisch  vorgebildet  habe, 
von  einer  Uebernahme  seiner  Gedanken  aber  keine  Rede  ist. 

Goethe  mußte  die  Enttäuschung  aller  weitblickenden 
Geister  erleben,  damals  nicht  verstanden  zu  werden.  Die 
Hoffnung,  für  seine  Theorie  eine  freudige  Anerkennung 
bei  der  Wissenschaft  zu  ernten,  wurde  bitter  getäuscht. 
Zunächst  nicht  für  ernste  Wissenschaft  genommen,  wurde 
die  Schrift  wenig  beachtet  und  es  mul!l)ten  vierzig  Jahre 
darüber  hingehen,  ehe  die  Botanik  die  Metamorphosen- 
lehre in  sich  aufgenommen  hatte.  Blicken  wir  heute  auf 
die  botanische  Literatur  von  1790  zurück,  so  ist  das  Meiste, 
was  wir  finden,  vöUig  veraltet  und  abgethan  und  wenn 
auch  für  den  Historiker  nicht  ganz  ohne  Interesse,  doch 
ohne  Genuß.  Wenn  Goethes  Schrift  uns  noch  heute 
durch  unzerstörbare  Frische  anmuthet,  so  liegt  das  in  erster 
Linie  an  der  Sprache,  die  unsere  Sprache  ist,  und  an  der 
Form  der  Darstellung,  die  nie  veralten  wird.  Prüfen  wir 
aber  den  Inhalt  der  Schrift,  so  kann  man  den  Autor  nicht 
minder  glücklich  preisen.  Immer  wieder  findet  der  Fach- 
mann auch  heute  hohen  Genuß  beim  Lesen  der  Goethischen 
Schrift,  er  vergißt  fast,  daß  hier  ein  Dichter  spricht, 
so  sehr  ist  dieser  zum  Naturforscher  geworden.  Wenn 
wir  auch  in  der  Botanik  über  Goethe  zu  neuen  Kennt- 
nissen und  Einsichten  fortgeschritten  sind,  so  ist  seine 
Schrift  nicht  in  dem  Maße  veraltet,  wie  die  gleichzeitige 
linnaeanische  Literatur,  deren  Ideenlosigkeit  nach  Berich- 
tigung der  Thatsachen  ihr  kein  Fortleben  gestattete.  Die 
Goeth^ische  Idee  der  Metamorphose  lebt  noch,  sie  ist  als 
logisches  Princip  zum  Verständniß  einer  Reihe  zusammen- 
hängender Erscheinungen  derWirklichkeit  lebendig  geblieben, 
sie  spielt  heute  eine  hervorragende  Rolle  in  der  seit  Goethe 
so  genannten  Morphologie.  Diese  Ansicht  vertrete  ich 
mit  aller  Bestimmtheit,  denn  sie  entspricht  der  historischen 

^  Um  so  mehr  ist  es  wohl  heute  begreiflich,  daß  uns  die  Linnesche 
»Philosophia«  wenn  sie  dem  Urtheil  des  heutigen  wissenschaftlichen 
Standpunktes  unterläge,  kaum  als  Botanik  erscheinen  würde. 


Die  Abhängigkeit  der  Goethischen  Metamorphosenlehre.     135 

Wahrheit.  Und  nur  das  ist  der  Grund,  warum  Goethes 
Eigenthumsrecht  ohne  Nachgeben  gewahrt  werden  soll. 
Nicht  aus  nationalem  Selbsttewußtsein,  sondern  gerade, 
weil  die  Wissenschaft  international  ist  und  es  dieser  That- 
sache  des  modernen  Culturlebens  völlig  widerspricht, 
Linne  Verdienste,  aut  die  er  nie  Anspruch  erheben  konnte, 
nie  erhoben  hat,  auch  nie  erhoben  haben  würde,  künstlieh 
zuzuschreiben,  einem  nationalen  Cultus  zu  Liebe. 

Hier  eine  dünne  Inhaltsangabe  des  Goethischen  Werkes 
zu  geben,  erscheint  überflüssig,  da  es  in  Jedermanns  Händen 
ist  und  es  geradezu  sündhaft  wäre,  vom  Lesen  eines  so 
bewunderungswürdigen  Literaturdenkmals  abzulenken.  Nur 
soviel  darf  hier  mitgetheilt  werden,  um  Goethes  Meta- 
morphosenlehre mit  der  gleichlautend  bezeichneten  Theorie 
Linncs  vergleichen  zu  können. 

Der  Grundgedanke  von  Goethes  Metamorphosenlehre 
ist  die  Auff"assung,  daß  alle  Seitenorgane  eines  einjährigen 
Pflanzenstengels,  von  den  Cotyledonen  bis  zu  den  Blüten- 
theilen  nichts  seien,  als  umgewandelte  Blätter.  Dieser 
Gedanke  scheint  dem  Laien  möglicherweise  nicht  sehr 
bedeutungsvoll,  allein  er  weist  auf  die  Wahrscheinlichkeit 
hin,  daß  das,  was  zum  vorläufigen  Verständniß  durch 
Namengebung  willkürlich  getrennt  wird,  in  Wirklichkeit 
im  engsten  Zusammenhange  stehe.  Indem  Goethe  alle 
Theile  derPflanzenur  alsUmwandlungen  eines  Grundorgans, 
des  Blattes,  betrachtet,  wird  nicht  nur  für  vorher  zusammen- 
hanglose Thatsachen  ein  gedanklicher  Zusammenhang  ge- 
schaff"en,  sondern  auch  der  Forschung  ein  Weg  eröff"net, 
einen  Zusammenhang  in  Wirklichkeit  aufzusuchen.  Der 
Beantwortung  wichtiger  wissenschaftlicher  Fragen  muß 
die  Gedankenarbeit  voraufgehen.  Ehe  die  Vorstellung 
nicht  die  Möglichkeit  erwogen,  wie  die  Dinge  in  Wirk- 
lichkeit wohl  beschaff"en  sein  können,  hilft  es  gewöhnlich 
nicht,  mit  einer  Untersuchung  zu  beginnen.  Auch  Wolff", 
der  in  der  Beobachtung  weiter  als  Goethe  vorgedrungen 
war,  hatte  vor  der  Auffindung  des  Entstehungsortes  der 
Blätter  am  Stengel  durch  Beobachtung,  überlegt,  warum 
er  den  Vegetationspunkt  gerade  dort  zu  suchen  habe. 
Goethes  Gedanke  war  Vorbedingung  und  Anfang  ziel- 
bew^ußter  morphologischer  Untersuchung. 

Daß  der  gleiche  Gedanke  schon  bei  Linne  zu  finden 
sei,  wie  mehrfach  behauptet  worden  ist,  beruht  auf  einem 
sehr  leicht  begreiflichen  Irrthum.  Auch  Linne  hat  sich  eine 
Ansicht  über  die  Metamorphose  der  Pflanzen  gebildet,  welche 
mit  der  Metamorphose  der  Insecten  übereinstimmen  sollte, 
eine  freilich  gänzlich  unbegründete  und  völlig  hinfällig 
gewordenene  Meinuns;, 


136  Abhandlungen. 


Diese  »Metamorphosis  plantarum«  oder  vegetabilis  hat 
Linne  wiederholt  in  seinen  Schriften  erwähnt  und  erörtert, 
denn  er  hielt  sie  für  eine  seiner  wichtigsten  Entdeckungen. 
Am  unklarsten  wird  diese  Metamorphosenlehre  in  der 
»Philosophia  botanica«  mitgetheilt,  jenem  schon  erwähnten 
ersten  Handbuch  der  Botanik,  wenn  man  es  so  nennen  will. 

Hier  findet  sich  ein  Kapitel,  überschrieben  »Meta- 
morphosis vegetabihs«.  Was  damit  gemeint  sei,  setzt  Linne 
offenbar  als  bekannt  voraus,  denn  er  erläutert  mit  keinem 
Worte  diesen  Begriff",  sondern  ergänzt  ihn  durch  eine  An- 
zahl zusammenhangsloser  Sätze.  Es  ist  also  gar  keine  Rede 
davon,  daß  hier  eine  Theorie  zusammenhängend  mitgetheilt 
wird,  und  wxr  die  Linnesche  Metamorphosis  nicht  kennt, 
wird  sie  aus  den  autgeführten  Sätzen  nicht  kennen  lernen, 
sondern  auf  etwas  ganz  Anderes  gerathen,  wie  es  modernen 
Autoren  ergangen  ist. 

Von  diesen  wird  der  Satz :  princtpnm  florum  et  foliorum 
idem  est  citirt  als  Beweis,  daß  Linne  schon  die  gleichen 
Gedanken  wie  Goethe  gehabt  habe,'  Auch  wenn  man  ihn 
wörtlich  nehmen  dürfte,  so  hat  er  mit  Goethes  Meta- 
morphose gar  nichts  zu  thun.  Wörtlich  übersetzt  heißt  der 
Satz :  Der  Ursprung  der  Blüten  und  Blätter  ist  derselbe.  Um 
diesen  Satz  mit  Goethes  Lehre:  Blätter  und  Blütentheile 
sind  Umwandlungen  eines  und  desselben  Grundorganes  in 
Einklang  zu  bringen,  bedürfte  es  der  complicirtesten  logi- 
schen Operationen.  Allein  die  Sache  liegt  viel  einfacher. 
Die  Ausleger  dieses  Satzes,  ungenügend  bekannt  mit  Linnes 
Ansichten,  haben  sich  getäuscht.  Was  Linne  mit  der  Meta- 
morphose meint,  hat  er  sowohl  vorher  als  nachher  an 
andern  Orten  deutlich  genug  angegeben.  Linne,  ganz  un- 
bekannt mit  der  w^ahren  Entstehungsart  der  Organe,  obwohl 
schon  zu  seiner  Zeit  K.  F.  WolfF  die  ersten  Beobachtungen 
darüber  gemacht  hatte,  ließ  Blätter  und  Blütentheile  aus 
den  Geweben  des  Stengels  entstehen,  und  der  Satz  prin- 
cipium  florum  et  foliorum  idem  est  bedeutet:  Der  Ursprung 
der  Blüten  und  Blätter  ist  derselbe,  weil  beide  nach  Linnes 
Theorie  aus  den  Gewebeschichten  des  Stammes  entstehen, 
die  das  Mark  umgeben.  Dieser  Punkt  ist  übrigens  längst 
in  Sachs'  Geschichte  der  Botanik  klargelegt,  so  daß  es  um 
so  verwunderlicher  ist,  diesen  alten  Irrthum  nochmals  auf- 
tauchen zu  sehen. 

Diese  mit  seiner  Metamorphosenlehre  eng  verknüpfte 
—  es  sei  sogleich  bemerkt,  ebenfalls  völlig  falsche  —  Vor- 
stellung von  einer  Entstehung  der  Blütentheile  aus  Geweben 


Z.  B.  in  Viehoffs  Goethebiographie  und  von  einzelnen  Botanikern, 


Die  Abhängigkeit  der  Goetiiischen  Metamorphosexlehre.     137 

des  Stengels  hatte  Linnc  den  Schriften  des  Caesalpin  ent- 
nommen. 

Andrea  Caesalpino,  Professor  in  Pisa  (geb.  15 19  in 
Arezzo),  veröffentlichte  158^  sein  Werk:  De  plantis, 
Hbri  XVI,  in  welchem  ganz  besonders  die  Fructihcations- 
organe  bevorzugt  werden.  Ohne  freilich  die  Sexualität  zu 
ahnen,  hatte  er  doch  die  Blütentheile  ziemlich  gut  kennen 
gelernt.  Er  bezeichnete  auch  ohne  Weiteres  die  blatt- 
ähnlichen Kelch-  und  Kronenblätter  als  Blätter  (folium). 
Ueber  die  Entstehung  des  Samens  hatte  er  sich  eine  eigen- 
thümliche  Vorstellung  gebildet.  Derselbe  sollte  aus  dem 
Mark  des  Stengels  entstehen,  welches  Caesalpin  für  den 
Sitz  des  Lebens  ansah;  die  Hülle  des  Samens,  also  die 
holzigen  Samenschalen  und  die  Fruchthüllen  ließ  er  aus  dem 
Holz  und  der  Rinde  hervorgehen,  die  das  Mark  umgeben. 

Diese  nicht  auf  Beobachtung  beruhende  mittelalterliche 
Ansicht  hatte  Linne  nun  in  gleichem  Sinne  weiter  gebildet, 
indem  er  auch  Kelch,  Krone  und  Staubgefäße  aus  den 
Stengelgeweben  entstehen  ließ.  Die  ganz  und  gar  auf  Ein- 
bildung beruhende  Vorstellung,  die  man  schon  zu  Linnes 
Zeiten  leicht  durch  Beobachtung  widerlegen  konnte,  verband 
er  nun  weiter  mit  der  Metamorphose  der  Insecten,  der  er 
denn  auch  den  Namen  »Metamorphose«  für  seine  ganze 
complicirte  Theorie  entnahm. 

Am  ausführlichsten  hat  Linne  in  einer  Dissertation 
unter  dem  Titel  »Metamorphosis  plantarum«  1755  seine 
Lehre  veröffentlicht,  die  in  der  Sammlung  Linnescher 
Schritten,  die  den  Titel  Amoenitates  academicae  trägt,  auf- 
genommen wurde.  Der  Ausgangspunkt,  wie  die  Theorie 
selbst  sind  gänzlich  unhaltbar.  Der  Vergleich  der  Pflanze 
mit  den  Insecten  ist  durch  keine,  nicht  einmal  durch  eine 
ungenaue  Beobachtung  motivirt,  sondern  scholastische  Ge- 
dankenarbeit ohne  Wahrheit  und  Werth.  Für  den  Vergleich 
der  Pflanzen  mit  Insecten  stützt  sich  Linne  auf  den  be- 
rühmten Swammerdam  und  Needham,  von  denen  er  angibt, 
sie  hätten  die  Analogie  zwischen  Pflanzen  und  Insecten 
unumstößlich  bewiesen. 

Daraus  geht  denn  zur  Genüge  hervor,  daß  diese,  wie  die 
meisten  Theorien  Linnes  nicht  einmal  originell  waren,  son- 
dern ohne  Untersuchung  ihres  Werthes  auf  die  Botanik 
übertragen  wurde.  Linne  nat  demnach  gar  nicht,  wie  meistens 
berichtet  wird,  den  Begriff  der  »Metamorphose«  für  die 
Pflanzen  neu  erdacht,  sondern  die  schon  von  Andern  fälschlich 
angenommene  Analogie  mit  dem  gleichen  Wort  bezeichnet. 

Linne  behauptet  in  der  oben  genannten  Schrift  wört- 
lich Folgendes :  Die  Naturkundigen  haben  die  Umwandlung 
der  Insecten  Metamorphose  genannt.  Beiden  meisten  Pflanzen 


138  Abhandlungen. 


sehen  wir  (videmus!)  dieselbe  Metamorphose.  Die  Rinde 
der  Pflanzen  verhält  sich  genau  wie  die  Larvenhülle,  aus 
der  das  Insect  ausschlüpft  und  die  das  befreite  Insect  zurück- 
läßt. Dasselbe  geschieht  bei  den  Pflanzen,  wenn  sie  Blüten 
bilden.  Sie  treten  aus  der  geöffneten  Rinde  hervor,  aus 
welcher  zunächst  der  Kelch  entsteht,  dann  sehen  wir,  wie 
gesagt,  das  Eingeweide  der  Pflanzen,  nämlich  die  Blume 
hervortreten,  welche  ihre  Krone  entfaltet,  mit  mehligen 
Staubbeuteln  und  der  feuchten  Narbe,  denn  zu  diesen  Theilen 
entwickelt  sich  der  Bast,  das  Holz  und  das  Mark  frei  und 
zu  wirklichem  Leben. 

In  den  Amoenitates  IV  (S.  372  und  374)  wird  diese 
Theorie  nochmals  erläutert:  »Wie  die  thierische  Maschine 
aus  den  Systemen  des  Gehirns  und  der  ernährenden  Ge- 
fäße besteht,  so  auch  die  pflanzliche.  Bei  dieser  vertritt 
das  Mark  die  Stelle  des  Gehirns  oder  des  Rückenmarks 
und  die  Rinde  die  Stelle  der  Gefäße,  durch  welche  der 
Nahrungssaft  geführt  wird.  In  der  Rinde  wird  jährlich  der 
Bast  abgeschieden,  aus  dem  Baste  entsteht  das  feste  Holz 
an  Stelle  der  Knochen.  So  bilden  denn  diese  beiden  wesent- 
lichen Theile  die  Larve  der  Pflanze  und  wandeln  sich  dann, 
wie  beim  fliegenden  Insect,  wenn  es  zum  Käfer  wird,  in 
die  Blüte  um,  mit  dem  rindenbürtigen  Kelch,  während  die 
flügelartigen,  wenn  auch  befestigten  Blumenblätter  aus  dem 
Bast,  die  männlichen  Staubfäden  aus  dem  Holz  und  das 
weibliche  Pistill  aus  dem  Mark  entstehen.« 

Auf  Seite  374  der  »Metamorphosis«  wird  nochmals  ganz 
klar  wiederholt:  »Die  Rinde  bildet  das  Perianth  (Kelch), 
der  Bast  die  Blumenkrone,  das  Holz  wird  in  Staubfäden 
verwandelt,  das  centrale  Mark  liefert  das  Pistill  und  in  den 
Samen  neue  Lebewesen.« 

Wenn  man  überlegt,  daß,  trotzdem  die  einfachste  Be- 
obachtung diese  Theorie  widerlegt  hätte,  hier  immer  mit 
größter  Bestimmtheit  Thatsachen  behauptet  w^erden,  die 
man  sogar  sehen  soll,  obgleich  sie  gar  nicht  vorhanden 
sind,  so  erhellt  daraus  zur  Genüge,  nicht  nur  wie  wenig 
Linne  ein  Naturforscher  im  heutigen  Sinne  war,  sondern 
auch,  wie  sehr  er  schon  hinter  einem  Goethe  als  solcher 
zurückstand. 

An  seine  oben  erörterte  abgeschlossene  Theorie  der 
Metamorphose  schließt  Linne  in  seiner  citirten  Abhandlung 
nur  locker  eine  Reihe  allgemein  bekannter  Thatsachen  an, 
z.  B.  die  doppelte  Blattform  beim  Wasserhahnenfuß,  die 
Füllung  der  Blüten,  die  aber  ebenfalls  durch  Ausbreitung  der 
aus  Holz  entstandenen  Staubfäden  erklärt  wird.  Ferner  die 
Bildung  krauser  und  zerschlitzter  Blattformen  und  endlich 
die  Mißbildungen  und  Gallen.    Alle  diese  Dinge  bezeichnet 


Die  Abhän'gigkeit  der  Goethischen  Metamorphosexi.ehre.     139 

Linne  ebenfalls  mit  demWort  Metamorphosen  oder  Transmu- 
tationen, ohne  sie  aber  irgendwie  theoretisch  zu  verbinden. 

Es  handelt  sich  hier  also  um  bloßes  Unterbringen  der 
allerverschiedensten  Dinge  unter  dasselbe  Wort,  um  bloße 
Classification,  die  Linne  Lebensbedürfniß  war.  Indem  Linne 
aber  auch  hier  dasselbe  von  ihm  schon  mit  einem  ganz 
anderen  Sinne  verbundene  Wort  Metamorphose  ebenfalls 
blos  dem  Wortsinne  nach  gebrauchte,  verstößt  er  gegen 
die  einfachsten  Gesetze  der  Logik.  Wenn  sich  nun  unter 
den  hier  aufgezählten  Dingen  auch  einiges  findet,  was  von 
Goethe  ebenfalls  zurBegründung  seiner  Metamorphosenlehre 
benutzt  wird,  z,  B.  die  gefüllten  Blüten,  so  ist  es  fürwahr 
ein  kühner  Schritt,  deshalb  hier  die  Keime  der  Goethischen 
Lehre  finden  zu  wollen.  Der  große  Unterschied  ist  der, 
daß  von  Linne  Thatsachen  in  wenig  durchdachter  Weise 
klassifizirt  werden,  wobei  das  Verschiedenste  zusammen- 
geworfen wird,  Goethe  die  verwandten  Dinge  aussondert 
und  durch  einen  Gedanken  verbindet. 

Hätte  Linne  den  Gedanken  gehabt,  daß  die  Blüten- 
.  Organe  umgewandelte  Blätter  seien,  so  würde  er  zweifellos 
das  an  geeigneter  Stelle  seiner  Schriften  hervorgehoben 
haben.  Statt  dessen  finden  sich  auch  noch  in  allen  späteren 
Ausgaben  des  Systema  naturae  die  Blütenorgane  ohne  jede 
Beziehung  auf  einander  aufgezählt  und  ausschließlich  durch 
ihre  vermeintliche  Abstammung  von  Geweben  des  Stengels 
charakterisirt. 

Es  handelt  sich  also  um  weiter  nichts,  als  daß  die 
neueren  Autoren,  verleitet  durch  den  unbestimmten  und 
mehrdeutigen  Gebrauch  des  bloßen  Wortes  Metamorphose 
bei  Linne  hier  künstliche  Deutungen  versucht  haben,  die 
ohne  jede  Unterlage  sind.  Die  größten  Willkürlichkeiten 
hat  sich  Celakovsky  erlaubt.  Da  in  der  von  Linne,  in 
allen  seinen  Schriften  so  genannten  /)Metamorphosis  plan- 
tarum«  schlechterdings  keine  Aehnlichkeit  mit  der  Goethi- 
schen Metamorphosenlehre  zu  entdecken  ist,  schafi"t  Cela- 
kovsky dieselbe  ganz  bei  Seite,  indem  er  ihr  den  Titel 
»Pseudometamorphosenlehre«  giebt  und  sie  damit  als  nicht 
discutabel  eliminirt,  dagegen  in  den  von  Linne  nur  ganz 
nebenher  ebenfalls  als  Metamorphosen  bezeichneten,  in 
keiner  Weise  theoretisch  vereinigten  Thatsachen  nicht  blos 
Keime  der  Goethischen  Darstellung  erblickt,  sondern  die 
Metamorphosenlehre  hier  ebenso  vollständig  begründet 
findet,  ts  ist  das  eine  Aenderung  historischer  Dokumente 
und  dieser  Nachweis  ausreichend  um  ein  weiteres  Eingehen 
auf  diese  Abhandlung  als  ungerechtfertigt  erkennen  zu  lassen. 

Während  Linne  in  semer  Metamorphosenlehre  einen 
Zusammenhang   der    Blütentheile    mit    den    Geweben    des 


140  Abhandlungen. 


Stammes  behauptete  und  durch  seine  Deutung  nach  Ana- 
logie der  Insectenmetamorphose  beweisen  wollte,  daß  die 
Pflanze  in  der  Blüte  allein  ihr  eigentUches  Wesen  offenbare 
und  die  Blüte  für  die  Erkennung  der  Art  allein  Bedeutung 
habe,  hat  Goethe  sich  eine  ganz  andere  Aufgabe  gestellt, 
die  den  Weg  zur  modernen  Morphologie  eröffnete. 

Er  legte  weder  auf  die  Blüte  das  Hauptgewicht,  noch 
auf  die  Entstehung  ihrer  Theile,  sondern  auf  die  Beziehung 
der  Stengelorgane  zu  einander.  Mit  klarem  Blick  erkannte 
er,  daß  hinter  der  auf  der  Hand  hegenden  und  durch  die 
Namen  der  Organe  bezeichneten  Verschiedenheit  eine  Aehn- 
Hchkeit  stecke,  wie  er  sagt:  eine  geheime  Verwandtschaft 
der  äußeren  Pflanzentheile.  Cotyiedonen,  Blätter,  Kelch, 
Krone,  Staubfäden  und  Frucht  sind  nur  äußerlich  ver- 
schieden, dem  Wesen  nach  gleich.  Die  vollendete  Thatsache 
dieser  Verschiedenheit  nannte  Goethe  Metamorphose  und 
stellt  sich  vor,  daß  die  Organe  des  Stengels  stufenweise 
durch  Umwandlung  einer  Gestalt  in  die  andere  ihre  be- 
sondere Form  erlangt  hätten.  Es  ist,  als  ob  die  Organe 
von  unten  nach  der  Blütenregion  zu  sich  allmählich  ver- 
vollkommneten und  verfeinerten,  als  wenn  die  Metamor- 
phose gleichsam  auf  einer  gedachten  Leiter  den  Höhe- 
punkt erreichte.  Diese  Anschauung  ist  natürlich  eine  stark 
poetische,  denn  das  tieferstehende  Laubblatt  ist  für  seine 
Aufgabe  ebenso  vollkommen  gebaut,  wie  ein  Blütentheil 
für  die  seinige. 

Die  Metamorphose  ist  bei  Goethe  keine  beweo^ende 
Ursache,  sondern  blos  eine  Anschauungsform  für  eine  That- 
sache. Goethe  hat  als  Grundlage  für  seine  Lehre  die  ein- 
gehende und  wiederholte  Naturbeobachtung  benutzt  und 
erscheint  gerade  in  diesem  Punkte  modern  gegenüber  Linne. 
Nachdem  er  aber  die  beobachteten  Thatsachen  durch  den 
Begriff  der  Metamorphose  verbunden,  hat  er  die  Aus- 
führungen in  seiner  Schrift  auf  das  Gebiet  des  begriffhchen 
Denkens  verlegt,  denn  wenn  er  sagt,  die  Staubfäden  seien 
durch  Zusammenziehung  veränderte  Blumenblätter,  so  ist 
das  bloße  Begriffsbildung  und  keine  kausale  Erklärung.  Er 
sagt  ja  auch  später  (120),  man  könne  ebensogutsagen,  ein 
Staubgefäß  sei  ein  zusammengezogenes  Blumenblatt,  als  ein 
Blumenblatt  sei  ein  Staubgefäß  im  Zustande  der  Ausdehnung. 

Seine  ganze  Beweisführung  beruht  demnach  nicht  mehr 
auf  Untersuchung  nach  naturwissenschaftlicher  Methode, 
wie  sie  schon  vor  Goethe  C.  F.  Wolff  begonnen,  sondern 
ist  in  das  Reich  der  Begriffe  verlegt,  beruht  weniger  auf 
einem  Vergleich  von  Dingen,  als  von  aus  diesen  gewonnenen 
Begriffen.  Goethe  gelangt  aber  auf  diesem  Wege  zum 
vorläufigen  Abschluß.    Die  Betrachtung  der  Stengelorgane 


Die  Abhängigkeit  der  Goethischen  Metamorphoseklehre.     14 1 

führt  ihn  endhch  zu  dem  allgemeinen  Bee;riff  des  Blattes 
(^115—119).  Er  erkennt,  daß  alleÜrgane  vom  Keimblatt  bis  zu 
aenBlütentheilen  als  umgewandelte  Blätter  aufzufassen  sind. 

Damals  war  weder  die  durch  das  Mikroskop  geförderte 
entwickelungsgeschichtliche  Forschung,  die  erst  durch 
Schieiden  zur  Herrschaft  gelangte  vorhanden,  noch  hatte 
man  eine  Ahnung  davon,  daß  es  gelingen  würde,  durch 
Experimente  an  der  Pflanze  selbst  zu  beweisen,  daß  der 
Hypothese  der  Metamorphose  Thatsachen  entsprechen,  wie 
das  heute  durch  die  interessanten  Untersuchungen  von 
Vöchting,  Goebel  u.  a.  geschehen  ist. 

Goethe  suchte  auf  speculativem  Wege  auch  der  Frage 
und  der  Ursache  der  Metamorphose  näher  zu  treten. 

Als  chemisch-mechanische  Ursachen  der  Metamorphose 
betrachtet  Goethe  die  Verfeinerung  der  Säfte  und  das  Ver- 
halten der  Spiralgefäße,  die  z.  B.  bei  der  Zusammeziehung 
der  Staubfäden  als  mechanische  Hemmungen  wirken  sollen. 
Beides  ist  unbegründet.  Aber  wir  sind  über  Ursachen  der 
Metamorphose  auch  heute  nicht  über  die  Hypothese  hinaus- 
gelangt. Goethes  Verdienst  um  die  Metamorphosenlehre 
w^äre  geringer,  wenn  er  nur  ausgesprochen  hätte,  was  die 
Botaniker  schon  geahnt  oder  gar  gewußt  hätten.  Das  war 
aber  nicht  der  Fall.  Die  Botanik  verhielt  sich  völlig  ab- 
lehnend gegen  Goethe  (gerade  die  Linnesche  Schule).  Erst 
seit  Decandolle  wurde  die  Metamorphosenlehre  ein  Kapitel 
der  Botanik.  Durch  falsche  Auffassung  der  Metamorphose 
als  einer  idealen  bewegenden  Ursache  wurde  hier  manche 
Verwirrung  angerichtet,  die  man  jedoch  mit  Unrecht  Goethe 
anrechnen  würde.  Seine  Anschauung  hat  den  Anstoß  ge- 
geben zur  Wiederaufnahme  und  glücklichen  Verfolgung 
des  von  C.  F.  Wolff  schon  vorher  fcei  diesem  Gegenstande 
eingeschlagenen  entwickelungsgeschichtlichen  Weges,  der 
dem  Dichter  ferner  lag.  Und  so  sind  wir  von  Goethes 
Ideen  zu  experimentellen  Beweisen  der  Metamorphose  und 
zu  einer  klaren  naturwissenschaftlichen  Auffassung  gelangt, 
wie  sie  heute  in  erster  Linie  von  Goebel  vertreten  wird. 
Es  handelt  sich  nicht  mehr  um  bloße  Beziehung  der  der 
Organformen  auf  einen  idealen  Blatttypus,  der  real  nicht 
existirt,  sondern  um  eine  reale  Umwandlung  bestimmter 
Organanlagen.  Est  ist  offenbar,  daß  sich  die  heute  gültige 
Ansicht  von  Organmetamorphosen  im  allgemeinen  aus 
der  Goethischen  Lehre  von  der  Blattmetamorphose  ent- 
wickelt hat. 


Klopstock  und  Goethe. 


Von 

Paul  Legband. 


'S  ^fls  im  vergangenen  Jahre  die  hundertste  Wiederkehr 
von  Klopstocks  Todestage  willkommenen  Anlaß 
'i^^^^^^^i  bot,  sich  des  reichen  Lebenswerkes  und  der  großen 
Pläne  des  Messias-Sängers  zu  erinnern,  da  klang's  fast  ein- 
stimmig aus  den  Blättern,  daß  Klopstock  für  unsere  Zeit  todt 
sei.  Man  versuchte  wohl,  etHche  Oden  und  kurze  Stellen 
aus  dem  »Messias«  zu  retten,  aber  selbst  hier  schlug  der 
eigenthümliche  Duft  des  Antiquarischen,  Fremden,  Ver- 
staubten aus  den  alten  Büchern  hervor,  und  so  mußte  erneute 
Beschäftigung  mit  der  Dichtung  des  großen  Todten  dem 
Ehrlichen  und  modern  Empfindenden  die  Wahrheit  von 
Lessings  scharf  geprägtem  Worte  wieder  nahelegen:  »Wer 
wird  nicht  einen  Klopstock  loben,  doch  wird  ihn  Jeder 
lesen?  Nein!«  —  Nicht  ohne  Bitterkeit  und  Vorwürfe  hatte 
Lessing  jenes  Epigramm  geprägt,  das  für  uns  heute  ohne 
diesen  Beigeschmack  gilt.  Wir  können  Klopstock  nicht 
mehr  lesen,  wenn  anders  lesen  in  warmes  Leben  hinab- 
tauchen heißt,  wenn  wir  dabei  nach  organischer  Einheit 
von  Form  und  Inhalt  einer  Dichtung  suchen,  wenn  es  uns 
nicht  an  literaturgeschichtlicher  Bedeutung,  sondern  an 
der  ästhetischen  Wirkung  lieo^t,  die  ein  Sänger  vergangener 
Tage  auf  uns  ausübt.  Das  aoer  ist  erst  in  letzter  Hinsicht 
das  giltjge  Criterium  für  die  Unsterblichkeit  des  Dichters, 
wenn  seine  hochgepriesenen  Werke  noch  spät  erfreuen 
wie  am  ersten  Tag,  wenn   hinter  aller  zeitlich  begrenzten 


Klopstock  un'd  Goethe.  143 

Form  ein  Zug  des  Ewigen  aufblitzt,  wenn  unser  mensch- 
lichstes Emptinden  aut horcht  und  wir  unsersgleichen  im 
Mittelpunkte  einer  großen,  belebten,  anschaulich  klaren 
Welt  sehen.  Das  freut  uns  heute  noch  an  dem  Jahrtausend 
alten  Homer,  das  liegt  in  Shakespeares  grandiosem  Welt- 
bild, in  Goethes  Faust  —  das  aber  fehlt  in  Klopstocks  ver- 
stiegener, endlos  verschwimmender  Dichtung. 

Wenn  aber  gleichwohl  sein  Name  uns  heut  noch  theuer 
ist,  wenn  seine  Persönlichkeit  in  manchen  Dingen  vor- 
bildlich erscheinen  mag,  so  ist's  ein  Urtheil,  das  nicht  der 
künstlerischen  Freude  an  seinen  Dichtungen  entspringt, 
sondern  der  Kenntniß  seiner  im  Ethischen  liegenden  Ziele, 
der  historischen  Betrachtung  seiner  Persönlichkeit.  Da 
wird  uns  auf  den  ersten  Blick  klar,  daß  Klopstock  nie 
unterging,  auch  wenn  er  starb,  daß  seine  Energie,  seine 
Kraft  wie  nach  Naturgesetz  erhalten  blieb  und  tausendfältig 
sich  umsetzte,  daß  sein  Wesen  Wurzeln  schlug  und  Blüthen 
und  Früchte  trieb,  Früchte  zu  neuer  Aussaat.  Und  so  wird 
»jeder  seinen  Klopstock  loben«  als  Anreger  und  Förderer, 
als  den,  der  Wege  bereitete,  und  jeder  wird  ihn  um  derent- 
willen rühmen,  die  nach  ihm  gekommen  sind  als  seine 
Vollender,  die  groß  genug  waren,  um  ein  so  reiches  Leben 
aufzunehmen.  Einem  Messias  Johannes  zu  sein  —  wie 
wenigen  ist's  beschieden ! 

Nun  ist  es  jederzeit  erkannt  und  ausgesprochen  worden, 
daß  Schiller  und  Goethe  Klopstocks  bestes  Erbe  ange- 
treten haben,  daß  sie  seines  Wesens  bestes  Theil  in 
sich  erweiterten  und  lebendige  Zeugen  seiner  unermüd- 
lichen, auf  InnerUchkeit  und  Hoheit  gerichteten  Thätigkeit 
wurden.  Wie  weit  sich  diese  Wechselwirkung  erstreckt, 
wie  tief  sie  hier  und  dort  gewirkt  hat,  ist  schon  des 
öfteren  untersucht  worden.  Man  hat  Schiller  und  Goethe 
neben  den  Messiassänger  gestellt,  ihren  geistigen  und 
persönlichen  Beziehungen  nachgespürt  und  so  das  wesent- 
liche Material  längst  beigebracht.  Wenn  aber  trotzdem 
hier  besonders  von  Goethe  und  Klopstock  gesprochen 
werden  soll,  so  war  für  mich  der  Wunsch  des  Herrn  Heraus- 
gebers maßgebend,  an  dieser  bevorzugten  Stelle  an  den 
hundertsten  Todestag  des  patriarchalischen  Sängers  zu 
erinnern,  und  es  durfte  solch  ein  Aufsatz  schon  deshalb 
hier  erscheinen,  weil  er  Gelegenheit  gibt,  mancherlei  zu- 
sammenzufassen und  Einzelnes  neu  zu  beleuchten. 

Das  letztere,  die  subjektive  Auffassung  eines  so  eigen- 
thümlichen  und  nicht  immer  erfreulichen  Verhältnisses, 
wird  stets  dort  Berechtigung  haben,  wo  die  Beziehungen 
zweier  so  ausgesprochener  Individualitäten  auseinandergehen 
auf    Grund   unversöhnUcher  Gegensätze    in   ihrer   Weltan- 


144  Abhandlungen. 


schauung.  Man  wird  Klopstock  ebenso  gut  wie  Goethe 
zu  verstehen  suchen  und  vorsichtig  alles  abwägen  müssen, 
um  z.  B.  Zwist  und  Bruch  vom  Jahre  1776  zu  erklären, 
unser  Herz  aber  wird  nur  einem  zuschlagen  können  — 
hie  Goethe  —  hie  Klopstock  —  und  es  ist  nur  ein  Ja,  ja! 
oder  Nein,  nein!  unserm  Gefühl  nach  denkbar. 

Damit  aber  haben  wir  sogleich  den  wesentlichsten 
Punkt  in  dem  Verhaltniß  der  beiden  Männer  berührt.  Die 
Gegensätze  ihres  Wesens  sind  schärfer  als  der  Zusammen- 
klang, und  all  das,  was  von  tiefem  Einfluß  Klopstocks  auf 
Goethe  gesprochen  ist,  berührt,  soweit  es  nicht  nur  äußer- 
licher Art  ist,  nur  eine  Seite  in  Goethes  vielseitiger  Natur. 
Das  böse  Wort,  das  Klopstock  im  Jahre  1799  an  Herder 
schrieb,  Goethe  sei  ein  »Nehmer«,  d.  h.  ein  kecker  Ent- 
lehner, können  wir  in  anderem  Sinne  gelten  lassen:  Goethe 
nahm,  was  ihm  sein  Lebensweg  bot,  er  »bediente  sich 
gern  alles  dessen,  was  ihm  gereicht  ward«  (Dichtung  und- 
Wahrheit,  12.  Buch),  er  führte  die  Bestrebungen  der  Zeit 
aus  der  Unvollkommenheit  einzelner  Versuche  zu  wirk- 
samem Erfolg. 

Was  war  es  denn  nun,  das  er  von  Klopstock  nehmen 
konnte,  und  wann  bot  sich  ihm  diese  Gabe  dar?  Wann 
strömte  beider  Weltanschauung  in  einem  Bette  dahin  und 
wann  theilten  die  Ströme  sich,  der  eine,  um  sich  zu  spalten 
und  in  andren  völlig  aufzugehen,  der  andere,  um  neue 
aufzunehmen,  immer  herrlicher  und  mächtiger  anzuschwellen 
und  Länder  und  Völker  zu  beglücken? 

Aus  Goethes  eigenen  Aeulierungen  lassen  diese  Fragen 
sich  beantworten.  Vornehmlich  in  die  siebziger  Jahre  des 
achtzehnten  und  in  das  erste  Viertel  des  neunzehnten  Jahr- 
hunderts fallen  sie,  in  eine  Zeit  also,  da  Goethe  den  Götz 
und  Werther  schrieb,  den  Faust  concipirte  und  begann, 
und  in  eine  Zeit,  da  Goethe  mit  der  weisen  Rahe  des 
Alters  auf  fünfzig  Jahre  seiner  Entwicklung  zurücksah  und 
schriftlich  oder  in  Gesprächen  den  Eindruck  der  Menschen 
und  Dinge  fixirte.  Schlechterdings  unmöglich  erscheint 
es,  über  ein  und  dieselbe  Persönlichkeit  ebenso  und  doch 
anders  zu  urtheilen,  als  es  hier  geschehen  ist.  Aus  der 
»deutschen  Periode  Goethes«  —  der  Ausdruck  stammt  von 
Michael  Bernays  —  haben  wir  Urtheile  über  Klopstock, 
die  grenzenlose  Begeisterung  und  eine  innige  Verehrung 
des  Gefeierten  ausdrücken.  Da  heißt's  1774  in  einem  Briefe 
an  Schönborn  in  Algier  über  die  »Gelehrtenrepublik« : 
»Klopstocks  herrhches  Werk  hat  mir  neues  Leben  in  die 
Adern  gegossen.  Die  Einzige  Poetik  aller  Zeiten  und 
Völker,  die  einzige  Regeln  die  möglich  sind!  das  heißt 
Geschichte  des  Gefühls  wie  es  sich  nach  und  nach  festiget 


Klopstock  und  Goethe.  I45 

und  läutert  und  wie  mit  ihm  Ausdruck  und  Sprache  sicli 
bildet;  und  die  biedersten  Aldermanns  Wahrheiten  von  dem 
\vas  edel  und  knechtisch  ist  am  Dichter.  Das  alles  aus 
dem  tiefsten  Herzen,  eigenster  Erfahrung  mit  einer  be- 
zaubernden Simplicität  hmt^eschrieben  !  Doch  was  sag  ich 
das  Ihnen,  der's  schon  muß  gelesen  haben!  Der  unter  den 
Jünglingen,  den  das  Unglück  unter  die  Recensentenschaar 
geführt  hat  und  nun  wenn  er  das  Werk  las,  nicht  seine 
Federn  wegwirft,  alle  Kritik  und  Kriteley  verschwört,  sich 
nicht  geradezu  wie  ein  Quietist  zur  Contemplation  selbst 
niedersetzt,  —  aus  dem  wird  nichts.  Denn  hier  fließen 
die  heiligen  Quellen  bildender  Empfindung  lauter  aus  vom 
Throne  der  Natur.«     (Der  junge  Goethe  III,  24 f.) 

lieber  eben  diese  »Gelehrtenrepublik«  aber  lautete 
Goethes  Urtheil,  etwa  vierzig  Jahre  später,  merklich  kühler 
und  vorsichtiger.  Im  zwölften  Buche  seiner  Lebensgeschichte 
entschuldigt  er  den  seltsamen  Erfolg  des  eigenthümlichen 
Buches,  über  dessen  schlechte  Aufnahme  er  früher  in  hellen 
Zorn  gerathen  war.  Daß  die  Gelehrtenrepublik  nichts 
weniger  als  allgemein  ansprechend  sei,  gesteht  er  nun  ohne 
weiteres.  »Für  Schriftsteller  und  Litteratoren  war  und  ist 
das  Buch  unschätzbar«,  heißt  es  dann,  »es  konnte  aber 
auch  nur  in  diesem  Kreise  wirksam  und  nützlich  sein. 
Wer  selbst  gedacht  hatte,  folgte  dem  Denker,  wer  das 
Echte  zu  suchen  und  zu  schätzen  wußte,  fand  sich  durch 
den  gründlichen  braven  Mann  belehrt;  aber  der  Liebhaber, 
der  Leser  ward  nicht  aufgeklärt,  ihm  blieb  das  Buch  ver- 
siegelt, und  doch  hatte  man  es  in  alle  Hände  gegeben, 
und  indem  Jedermann  ein  vollkommen  brauchbares  Werk 
erwartete,  erhielten  die  Meisten  ein  solches,  dem  sie  auch 
nicht  den  mindesten  Geschmack  abgewinnen  konnten.  Die 
Bestürzung  war  allgemein,  die  Achtung  gegen  den  Mann 
aber  so  groß,  daß  kein  Murren,  kaum  ein  leises  Murmeln 
entstand.« 

Gewiß  erkennt  in  beiden  Aeußerungen  Goethe  den 
Werth  von  Klopstocks  Schrift  an,  und  dennoch  liegt  in 
der  verschiedenen  Wärme  des  Tones  mehr  als  der  Unter- 
schied jugendlicher  und  bedächtiger  Ausdrucksweise.  Der 
junge  Goethe  in  Straßburg,  Frankfurt  und  Wetzlar  schaut 
noch  zu  Klopstock  in  Ehrfurcht  auf  und  bewundert  den 
Sänger  des  Messias  und  der  Oden  als  einen,  der  das  Ziel 
erreicht  hat;  der  alte  Goethe  spricht  bei  aller  Anerkennung 
und  Dankbarkeit  das  Grundverschiedene  ihres  Wesens  und 
ihrer  Bestrebungen  aus  und  sagt  zu  Eckermann  am  9.  No- 
vember 1824,  daß  Klopstock  wie  Herder  Mittel  zum  Zweck 
gewesen  seien.  Und  wenn  Goethe  in  demselben  Gespräche 
äußert,  er   habe   in   seiner  Jugend  Klopstock  mit  der  ihm 

Goetue-Jahrbccu  XXV.  10 


146  Abhandlungen'. 


eigenen  Pietät  verehrt  und  iiin  wie  einen  Oheim  betrachtet,  so 
stehen  dem  wieder  wärmere  Aeußerungen  des  jungen  Goethe 
gegenüber.  Der  nannte  Klopstock  brieflich  »Lieber  Vater«, 
der  versicherte  ihn  des  »wahren  Gefühls«,  mit  dem  seine 
Seele  an  ihm  hänge,  und  der  wandte  sich  das  erste  Mal 
brieflich  an  den  Geleierten  mit  der  nicht  eben  nur  schmei- 
chelnden Versicherung:  »Soll  ich  den  Lebenden  nicht 
anreden,  zu  dessen  Grabe  ich  wallfahrten  würde !«  — 
Schwärmerisch  hing  der  Dreiundzwanzigjährige,  der  in  die 
Frankfurter  Gelehrten  Anzeigen  Recensionen  schrieb,  an 
Klopstock,  der  ihm  noch  Muster  und  unerreichtes  Vorbild 
für  alle  Dichtung  war.  Hatte  schon  der  Name  Klopstock 
auf  den  Knaben  eine  große  Wirkung  aus  der  Ferne  aus- 
geübt und  hatte  ihm  und  seiner  Schwester  der  »Messias« 
zu  heimlicher  Lektüre  gedient,  so  waren  unter  frühen  Ver- 
suchen eigner  Dichtung  biblische  Stofi^e  gewesen,  die  Ge- 
schichte Josefs  und  die  »Höllenfahrt  Christi«,  der  Gesinnung 
nach  nur  von  Klopstock  herstammend.  Aber  erst  in  den 
Beginn  der  siebziger  Jahre  fällt  die  Zeit  der  lebendigsten 
Einwirkung  Klopstocks  auf  Goethe.  Noch  stärker  als  die 
rehgiöse  Begeisterung,  die  vom  Messias  ausgegangen  war, 
wirkte  jetzt  die  Odendichtung  mit  ihrem  vollen  Dreiklang  : 
Natur,  Liebe  und  Freundschaft.  Das  war  für  Goethe  wie  ein 
Ton  aus  eignem  Herzen  und  die  meisten  seiner  Freunde  in 
Straßburg  und  Darmstadt  wetteiferten  mit  ihm  in  einem 
Klopstock-Cult.  Vor  allem  ist  Herder  hier  zu  nennen,  der 
früh  zwischen  Klopstock  und  Goethe  vermittelt,  ja,  der 
nach  Grisebachs  Meinung  allein  durch  seine  Persönhchkeit 
all  das  auf  Goethe  gewirkt  hat,  was  wir  zum  guten  Theile 
auf  Klopstocks  Rechnung  setzen.  Herder  hatte  ihn  in  die 
Welt  des  VolksUedes  eingeführt,  ihm  Shakespeare  und 
Homer  nahegelegt,  Herder  nannte  auch  Klopstock,  dessen 
Sprache  er  in  den  »Fragmenten«  rühmt  und  dessen  freie 
Rhythmen  er  in  einer  Anzeige  von  Denis'  Ossian  empfiehlt. 

Und  aus  Herders  Leben  selbst  sind  uns  einige  Situa- 
tionen bekannt,  die  alle  Empfindung  und  alle  Schwärmerei 
in  Klopstocks  Worte  ausklingen  lassen,  so  wie  im  V/erther 
der  Name  des  heiligen  Mannes  im  Augenblicke  höchst- 
gesteigerter Empfindung  als  einziger  Ausdruck  des  Gefühl- 
lebens anklingt. 

Die  Scene  ist  Jedem  im  Gedächtniß.  Es  ist  der  Juni- 
abend, an  dem  die  Tanzgesellschaft  durch  ein  heraufziehendes 
Gewitter  in  Unruhe  versetzt  wird.  Durch  ein  geschickt 
erfundenes  Spiel  weiß  Lotte,  selbst  eine  der  Furchtsamsten, 
sich  und  den  anderen  Muth  zu  machen,  bis  das  Gewitter 
verzogen  ist.  »Wir  traten  ans  Fenster.  Es  donnerte  ab- 
seitwärts,  und  der   herrUche  Regen  säuselte  auf  das  Land 


Klopstock  und  Goethe.  147 

und  der  erquickendste  Wohlgeruch  stieg  in  aller  Fülle  einer 
warmen  Luft  zu  uns  auf.  Sie  stand  auf  ihren  Ellenbogen 
gestützt;  ihr  Blick  durchdrang  die  Gegend,  sie  sah  gen 
Himmel  und  aut  mich,  ich  sah  ihr  Auge  thränenvoll,  sie 
legte  die  Hand  auf  die  meinige  und  sagte  —  Klopstock! 
—  Ich  erinnerte  mich  sogleich  der  herrlichen  Ode,  die  ihr 
in  Gedanken  lag  und  versank  in  dem  Strome  von  Em- 
pfindungen, den  sie  in  dieser  Losung  über  mich  ausgoß. 
Ich  ertrug's  nicht,  neigte  mich  auf  ihre  Hand  und  küßte 
sie  unter  den  wonnevollsten  Thränen  und  sah  nach  ihrem 
Auge  wieder  —  Edler!  hättest  Du  Deine  Vergötterung  in 
diesem  Blicke  gesehen  und  möchte  ich  nun  Deinen  so  oft 
entweihten  Namen  nie  wieder  nennen  hören«. 

Kaum  je  hat  die  Verehrung  für  Klopstock  einen 
knapperen  und  zugleich  reineren,  tieferen  Ausdruck  gefunden 
als  an  dieser  Stelle.  Ihre  Parallele  findet  sie  in  Herders 
Leben.  In  ihren  Erinnerungen  erzählt  Karoline  Flachsland, 
wie  sie  in  den  ersten  Tagen  ihrer  Bekanntschaft  fast  jeden 
Nachmittag  Herder  getroffen  habe.  »Statt  daß  wir  ihn 
unterhalten  wollten,  unterhielt  er  uns  auf  die  mannigfaltigste, 
geistvollste  Weise.  Aus  Klopstocks  Messias  die  schönsten 
menschlichen  Scenen,  aus  Klopstocks  Oden  .  .  las  er  uns 
vor.  Unvergeßlich  ist  mir  die  Darmstädter  Fasanerie,  wo 
er  in  der  Stille  des  Waldes,  in  der  feierlichen  Einsamkeit 
des  Ortes  Klopstocks  Ode:  ,Als  ich  unter  den  Menschen 
noch  war'  —  mit  seiner  seelenvollen  Stimme  aus  dem 
Gedächtniß  recitirte.« 

Von  Klopstock  klingt  die  ganze  Zeit  wieder.  Und 
Goethe  wie  Herder  sind  nicht  denkbar  ohne  die  im  ein- 
zelnen nachzuweisende,  allein  nicht  im  Aeußerlichen  be- 
ruhende Einwirkung  des  Odendichters.  Auf  einzelne  Züge 
kommt  es  hier  weniger  an.  Ob  z.  B.  der  Schluß  der  1774 
entstandenen  prächtigen  Confession  »An  Schwager  Kronos« 
an  eine  Stelle  aus  dem  16.  Gesänge  des  Messias  erinnert, 
ob  Goethes  »Elysium«  an  die  letzte  Strophe  von  Klop- 
stocks Zürcher-See-Ode  anknüpft,  ist  sicherlich  gleichgiltig 
gegenüber  der  wichtigeren  Thatsache,  daß  Goethe  den 
Klopstockischen  Dichtungen  zunächst  das  Herrlichste,  die 
Sprache  seiner  Jugendwerke  zum  guten  Theil  verdankt. 
Wer  hätte  anders  den  Dichter  des  Götz  und  der  in  freien 
Rhythmen  gehaltenen  Dithyramben  diese  aufschwellende 
Kraft  des  Ausdruckes,  diese  prometheische  Schaffenslust  im 
Hinblick  auf  Wortschatz^  und  Syntax  lehren  sollen?  Wer 
war  ihm  außer  dem  gefeierten  Klopstock  so  mächtig  in 
dem  Bestreben  vorangegangen,  die  deutsche  Sprache  aus 
Zwang  und  Fesseln  loszubrechen  ?  Die  Schweizer  und 
Leipziger  waren  dichterisch  ohnmächtig  gewesen  und  dürre 

10* 


148  Abhandlungen. 


Theoretiker  geblieben.  Im  Sänger  des  Messias  und  der 
Oden  glülite  helle  Begeisterung,  eine  lebendige,  wie  die 
Natur  selbst  sich  gebende  deutsche  Sprache  zu  schaffen. 
Er  erreichte  es  mit  seiner  ganzen  wuchtigen  Schwere,  seiner 
pathetischen  Empfindung,  seinem  alle  Dinge  ernst  an- 
schauenden Sinn.  Nicht  ohne  herbe  Einseitigkeit  ward  die 
äußere  Form,  jene  strenge  Odenmetrik,  jener  schwerfällige 
Hexameter  und  der  zu  mancher  Gewaltsamkeit  verführende 
freie  Rhythmus  dafür  gewählt.  »Aus  dem  tändelnden, 
epigrammatisch  zugespitzten  Wesen  aber,  aus  dem  franzö- 
sischen Menuettschritt  der  Anakreontiker  war  nicht  heraus- 
zukommen —  meint  David  Friedrich  Strauß  —  wenn  nicht 
eine  Zeitlang  die  ganze  Form  in  Verruf  gethan,  das  Ohr 
an  ganz  andre  Takte  und  Rhythmen  gewöhnt  wurde.« 

Das  alles  übte  auf  den  jungen  Goethe  tiefe  Wirkung 
aus,  diese  Sprachgewalt,  diese  von  nationalem  Empfinden 
erfüllte  Ideenwelt,  dieses  vollkommen  in  dem  Geheimniß 
einer  mächtigen  Persönlichkeit  und  in  sitthchem  Ernst 
beruhende  Vorwärtsschreiten.  Es  war  ein  Erfolg,  den 
Klopstock  in  etwa  fünfundzwanzigjähriger  Thätigk  eiterreicht 
hatte,  von  jenem  Jahre  an,  da  er  als  Leipziger  Student  die 
Welt  mit  den  ersten  drei  Gesängen  des  Messias  verwunderte 
und  beglückte,  bis  zu  der  ersten  Hälfte  der  siebziger  Jahre, 
da  er  x-on  Freiheit  und  Vaterland  sang  und  eine  nordische 
Kunstmythologie  einzubürgern  strebte.  Die  »Gelehrten- 
republik« schloß  in  Wirklichkeit  seine  Laufbahn  ab,  die 
»Deutsche  Gelehrtenrepublik«,  die  Goethe  1774  so  begeistert 
hingenommen  hatte,  weil  sie  in  Kunst  und  Dichtung  Frei- 
heit und  Selbständigkeit  forderte  und  den  Kampf  gegen 
öden  Regelkram  führte.  »Laß  Du  Dich  kein  Regelbuch 
irren,  wie  dick  es  auch  sei  und  was  die  Vorrede  auch 
davon  bemeide,  daß  ohne  solchen  Wegweiser  Keiner,  der  da 
dichtet,  könne  auch  nur  einen  sicheren  Schritt  thun.  Frag' 
Du  den  Geist,  der  in  Dir  ist,  und  die  Dinge,  die  Du  um  Dich 
siehst  und  hörst,  und  die  Beschaffenheit  dessen,  wovon  Du 
vorhast  zu  dichten,  und  was  die  Dir  antworten,  dem  folge !« 

Und  sie  waren  dem  schon  gefolgt,  die  Stürmer  und 
Dränger.  Sie  hatten  nun  eine  Dichtkunst,  die  aus  vollem 
Herzen  und  wahrer  Empfindung  strömt,  sie  hatten,  wenig- 
stens außerhalb  der  engen  Klopstock-Gemeinde,  Einflüsse 
von  Frankreich  und  England  hingenommen,  vor  allem 
Rousseaus  glühende  Predigten,  die  an  das  Gefühl  mehr  als 
an  klügelnde  Vernunft  appeUirten. 

Ein  neues,  reicheres  Leben  blühte  auf,  eine  Dichtung, 
die  zunahm  an  Gehalt  und  Form,  und  die  auf  der  von 
Klopstock  gelegten  Grundlage  kühn  aufbaute.  Klopstock 
selbst  verlor  in" jenen  Jahren  seine  lebendige  Wirkung:  er 


Klopstock  und  Goethe.  149 

blieb  in  seiner  Entwicklung  völlig  stehen.  Anstatt  ihn,  den 
Frühvollendeten  und  Frühgereiften,  frühzeitig  fortzuraffen, 
ließ  ihn  das  Schicksal  noch  ein  ganzes  Menschenalter, 
ausgeschaltet  aus  dem  lebendigen  (betriebe  der  Entwick- 
lung, dahinleben,  nur  der  Zahl  nach  seine  Werke  noch 
bereichernd. 

Wie  anders  wurde  Goethe  alt!  Wie  stieg  er  immer 
zu  neuen  Möglichkeiten  und  wie  suchte  er  auf  jede  Weise 
neue  Erkenntniß  zu  sammeln  und  Land  zu  erwerben  vielen 
Millionen.  Seine  Wandlungsfähigkeit,  seine  Kraft,  zu 
»werden«,  das  zeigte  sich  im  Gegensatz  zu  Klopstock 
kurz  nach  jener  Zeit,  in  der  sie  auch  persönlich  sich  kennen 
gelernt  hatten. 

Das  war  im  Herbst  1774  und  Frühjahr  1775  in  Frank- 
furt und  Karlsruhe  geschehen.  »Da  waren,  —  frohlockte 
Schubart,  —  ein  paar  Kerndeutsche  zusammen !«  Indessen 
hatte,  soviel  sich  aus  dürftigen  Briefstellen  und  späteren  Auf- 
zeichnungen entnehmen  läßt,  dieser  Verkehr  nicht  den 
Erfolg,  den  vielleicht  beide  erwartet  hatten.  Klopstock,  der 
mehr  als  Fünfzigjährige,  und  Goethe,  um  die  Hälfte  jünger, 
verstrickt  in  leidenschaftliche  Verworrenheit  und  mit  seinem 
»armen  Herzen  wieder  unvermuthet  in  allem  Antheil  des 
Menschen  Geschicks«  befangen,  wurden  nicht  Freunde,  nur 
befreundet.  Daß  Goethe  seinem  Gaste  beim  ersten  oder 
zweiten  Zusammentreffen  etliche  Scenen  aus  dem  »Faust« 
las,  worauf  der  Messiassänger  den  Wunsch  nach  Vollendung 
des  Gedichtes  äußerte,  mag  noch  das  Bedeutendste  dieser 
Begegnung  gewesen  sein.  Die  feierliche  Würde  und  diplo- 
matische Zurückhaltung,  von  der  Merck  in  einem  Brief 
vom  6.  Mai  1775  zu  erzählen  weiß  (»noch  nie  hab  ich 
einen  Menschen  so  schön  deutsch  und  abgemessen  reden 
hören«),  müssen  auch  auf  Goethe  den  hervorstechendsten 
Zug  von  Klopstocks  Persönlichkeit  ausgemacht  haben.  In 
einem  Brief  an  die  Freifrau  von  BeauHeu  erzählt  der  Kanzler 
F.  von  Müller  eine  Aeußerung  Goethes  über  Klopstock  : 
»er  war  klein,  beleibt,  zierlich,  sehr  diplomatischen  An- 
standes,  von  noblen  Sitten,  etwas  ans  Pedantische  streifend, 
aber  geistreicheren  Blickes  als  alle  seine  Bilder«.  Des 
»ernsten  und  abgemessenen  Betragens«  gedachte  Goethe 
auch  in  Dichtung  und  Wahrheit,  wo  er  zugleich  an  anderer 
Stelle  davon  spricht,  daß  Klopstock  sich  in  seinem  Thun 
der  aufmerksamsten  Reinigkeit  stets  beflissen  habe.  Am 
deutlichsten  aber  heißt  es  an  einer  Stelle  der  »Annalen« 
(1794):  »Klopstock  sey  [unter  den  Führern  der  Literatur] 
zuerst  genannt.  Geistig  wendeten  sich  Viele  zu  ihm;  seine 
keusche,  abgemessene,  immer  Ehrfurcht  gebietende  Per- 
sönlichkeit aber  lockte  zu  keiner  Annäherung.« 


IJO  Abhandlungen. 


Es  hieße  blind  sein,  hier  nicht  greifbare  Gegensätze 
angedeutet  zu  sehen.  Hat  Goethe  über  andere,  denen  er 
gleich  viel  verdankte,  etwa  so  kühl  sich  später  geäußert, 
hat  er  bei  andern  dem  pietätvollen  Worte  »sein  Vortreff- 
liches ließ  ich  auf  mich  wirken !«  etwa  auch  den  ab- 
schwächenden Zusatz  beigefügt:  »und  ging  im  Uebrio^en 
meinen  eignen  Weg!«?  Von  Herder  rühmte  er,  daß  Lin- 
zeine sich  an  und  um  ihn  gestaltet,  an  ihm  fest  gehalten 
und  sich  zu  ihrem  größten  Vortheile  ihm  ganz  hingegeben 
hätten,  fürKlopstock  fand  er  das  Wort  von  der  abgemessenen, 
zu  keiner  Annäherung  verlockenden  Persönlichkeit. 

Und  doch  war  wenigstens  von  Klopstocks  Seite  der 
Wunsch  nach  einer  Annäherung  und  intimeren  Beziehung 
schon  beim  ersten  Zusammentreffen  gehegt  worden.  Der 
Göttinger  Hainbund,  dem  u.  a.  die  beiden  Stolberge,  Voß, 
Boie,  Hölty  und  vor  allem  der  Klopstock-Fanatiker  Gramer 
angehörten,  wollte  den  Dichter  des  deutschen  Götz  von 
Berlichingen  zum  Bundesbruder  wählen  und  Klopstock,  der 
heilig  geliebte  Mann,  zog  aus,  um  den  jungen  Phantasten 
auf  seine  Bundesfähigkeit  zu  prüfen.  Er  mochte  hoffen, 
dort  in  Frankfurt  die  gleiche  überschwängliche  Verehrung 
zu  finden.  Hatten  die  Göttinger  tollen  Schwärmer  an 
seinem  Geburtstag  ein  frugales  Symposion  mit  Kaffee, 
Toback  und  Rheinwein  gefeiert,  seinen  Stuhl  mit  Blumen 
bekränzt  und  für  den  Abwesenden  seine  sämmtlichen  Werke 
auf  den  leeren  Platz  gelegt,  hatten  sie  als  Zeichen  heiligen 
Zornes  Wielands  Idris  zerrissen  und  die  Pfeifen  mit  Fidibus 
aus  Wielands  Schriften  in  Brand  gesetzt,  so  hatte  ja  auch 
Goethe  ein  köstlich -schandbares  Ding  geschrieben,  seine 
»Götter,  Helden  und  Wieland.«  Statt  der  erwarteten 
Freundschaft  trat  nun  bei  äußerlich  gutem  Einvernehmen 
jene  auffällige  Kälte  ein,  jenes  Anzeichen  einer  im  Innersten 
längst  begonnenen  Entfremdung. 

Als  sichtbares  Zeichen  ergab  sich  dafür  der  jähe 
Abbruch  aller  persönlichen  Beziehungen  im  Jahre  1776. 
Die  äußeren  Vorgänge  sind  in  dem  kurzen  Briefwechsel 
dieses  Jahres  gegeben.  Auf  die  Kunde  von  dem  ausge- 
lassenen Treiben  am  Weimarer  Hofe  sandte  Klopstock  am 
8.  Mai  1776  jene  väterlich  warnende,  an  die  Würde  des 
Fürsten  mahnende,  aus  morahschen  Bedenken  geschriebene 
Epistel  an  Goethe.  Dieser  erwiderte  mit  einem  kurzen,  in 
Trotz  und  Ungeduld  niedergeschriebenen  Briefe,  worauf 
Klopstock,  in  seiner  Würde  gekränkt,  durch  ein  kurzes 
Schreiben  replizirte.  Sein  in  anderem  Zusammenhang  ge- 
äußertes Wort  »Jetzt  verachte  ich  Goethen«  kleidete  er 
hier  in  mildere  Form  und  erklärte  den  jungen  Mann  seines 
Freundschaftsbeweises  für  unwerth. 


Klopstock  u\d  Goethe.  151 

Damit  war  ein  offener  Bruch  für  immer  erfolgt.  Es 
wäre  unnöthig,  diese  ganze  Angelegenheit  zur  Diskussion 
zu  stellen,  wenn  Klopstock  seit  dieser  Zeit  nicht  ein  klein- 
liches Urthcil  nach  dem  andern  über  Goethe  gefällt  und 
somit  auch  die  Beurtheilung  seines  ersten  Schrittes  erschwert 
hätte.  Gewiß  lassen  sich  mancherlei  Gründe  für  die  gute 
Absicht  des  durch  übermäßige  Huldigung  verwöhnten 
Klopstock  anführen;  man  kann  seiner  edlen  Vreimüthigkeit 
gedenken  und  daran  erinnern,  daß  er  mit  seiner  ganzen 
Persönlichkeit,  in  der  das  Ethische  alles  Künstlerische  über- 
wucherte, auf  die  Mitwelt  gewirkt  hatte.  War  er  es  nicht, 
der  streng  und  unerbittlich  von  den  Fürsten  die  Erfüllung 
höchster  Pflichten  forderte,  hing  er  nicht  um  solcher  Er- 
füllung willen  so  be^^eistert  an  Josef  IL  ?  Dieses  Ideal  von 
Menschenwürde  schien  ihm  der  jugendliche  Fürst  von 
Weimar  zu  entweihen  und  Goethe  schien  ihn  dazu  nur 
zu  verleiten.  Sollte  denn  aber  nicht  auch  der  Dichter  auf 
der  Menschheit  Höhen  wandeln?  Sein  eignes  Ich  zum 
Maßstab  aller  Dinge  machen  und  um  des  Vorbilds  willen 
dieses  Ich  läutern  und  befreien,  das  war  der  Dichter  doch 
der  Menschheit  schuldig.  Einen  Heiligenschein  wob  Klop- 
stocks  Vorstellung  um  das  Haupt  des  Dichters.  Der  aber 
schien  ihm  ausgelöscht.  Fürst  und  Dichter  dünkten  ihm 
entweiht,  wenn  thatsächlich  Carl  August  und  Goethe,  der 
achtzehn-  und  siebenundzwanzigjährige,  sich  betranken  und 
allerlei  andre  Dinge  trieben,  an  deren  Glaubwürdigkeit  er 
keinen  Zweifel  für  möglich  hielt. 

Aber  hier  muß  gleich  jede  Kritik  einsetzen.  Wir 
wissen  heute  aus  Riemers  Mittheilungen,  aus  zahlreichen 
Briefen  und  sonstigen  Quellen,  wie  geflissentlich  der  Klatsch 
die  Zustände  am  Weimarer  Hofe  in's  Niedrige  hinabzog, 
und  wir  wissen  vor  allem,  welch  gewaltige  Entwicklung 
in  der  schrankenlosen  Lebenslust  jenes  jugendlichen  Goethe 
und  seines  fürstlichen  Freundes  vor  sich  ging.  Ein  Klopstock 
konnte  nicht,  zumal  auf  bloßes  Gerede  hin,  die  mindeste 
Vorstellung  davon  haben,  wie  da  aus  letzten  Tiefen  neues 
Leben  sich  losrang.  Er  sah  nur  Verstöße  wider  Sitte  und 
guten  Brauch  und  war  gleich  gutmeinend-schulmeisterlich 
bei  der  Hand.  Daß  da  eine  neue  Welt  sich  ankündigte, 
unter  Stürmen  und  Toben,  daß  alte  Begriffe  über  den  Haufen 
gerannt  werden  mußten,  sollte  Neues  glänzend  zu  Tage 
treten,  daran  dachte  Klopstock  nicht  und  das  zu  wittern,  zu 
spüren,  dazu  fehlte  diesem  bürgerlichen  Manne  der  Instinkt. 
Er  glaubte  Sittenrichter  sein  zu  müssen,  weil  seine  Begriffe 
von  Sittlichkeit  verletzt  wurden.  Und  seltsam,  er,  der 
einst  Bodmer  den  Rücken  gekehrt  hatte,  weil  dieser  einem 
heiligen  Jüngling  das  Tändeln  und  Scherzen  mit  Frauen  und 


152  Abhandlungen. 


Mädchen  nicht  verzieh,  er  ward  nun  selbst  ein  Bodmer 
und  ärgerte  sich  der  ausgelassenen  Lebenslust  jung  auf- 
strebender Männer. 

Das  alles  bedeutete  im  letzten  Grunde  ja  nur  den  Still- 
stand Klopstocks.  Er  verfiel  dem  leidigen  Fehler  manches 
Alternden,  über  wildes  Gebahren  der  Jugend  voreilig  den 
Stab  zu  brechen.  Aber  selbst  das  würde  bei  ihm  nicht 
allzu  schwer  ins  Gewicht  fallen,  wenn  er  fortan  seiner 
trivialen  Predigt  nicht  kleinliche  Urtheile  hätte  folgen 
lassen,  die  mit  seinem  erhabenen  Messias-Gedanken,  seiner 
heiligen  Würde  sich  herzlich  schlecht  vertragen. 

Seit  der  Mitte  der  siebziger  Jahre  war  die  Dichtung  der 
neuen  Generation  unbarmherzig  über  ihn  hinweggebraust. 
Der  Goethe,  der  den  Götz  zuerst  roh  hingeworfen  hatte, 
um  ihn  dann  in  erwachendem  Formgefühl  umzugießen  und 
umzumodeln,  stand  nicht  mehr  im  Banne  des  hochgesinnten 
Hermann-Dichters.  Er  begann  als  Führender  Wandlungen, 
die  dem  in  seiner  Einseitigkeit  großen  Messias-Sänger  ver- 
sagt gewesen  sind.  Was  später  der  alte  Goethe  zu  Ecker- 
mann im  Februar  1826  äußerte,  bezieht  sich  auf  diese  Zeit: 
»Ich  war  froh,  mein  nordisches  Erbtheil  verzehrt  zu  haben, 
und  wandte  mich  zu  den  Tischen  der  Griechen. a 

Es  ist  hier  am  Platze,  der  großen  Gegensätzlichkeit 
näher  zu  gedenken,  die  Goethes  und  Klopstocks  Wesen 
und  Dichten  ausmacht,  und  die  den  scheinbar  kühlen 
Aeußerungen  des  alten  Goethe  über  Klopstocks  Einfluß 
den  Werth  eines  objektiven  historischen  Urtheils  verleiht. 

In  etliche,  nicht  ganz  den  Unterschied  bezeichnende 
Schlagworte  zusammengefaßt,  beruht  diese  Verschiedenheit 
auf  dem  Gegensatz  von  musikalisch  und  plastisch,  romantisch 
und  antik,  himmlisch  und  irdisch.  Schon  Schiller  hat  in 
seiner  Abhandlung  über  naive  und  sentimentalische  Dichtung 
den  Unterschied  zwischen  plastischer  und  musikalischer 
Poesie  gemacht  und  Klopstock  zu  der  letzten  Gattung  ge- 
zählt. Insofern  diese  Poesie  Stimmungen  und  Gemüths- 
zustände  auffängt  und  widerklingen  läßt,  anstatt  Gegen- 
ständliches zu  zeichnen,  zu  objektiviren,  trifl"t  jener  Ausdruck 
auf  Klopstock  zu.  Die  Messiade  läßt  bestimmte  auf  die 
Anschauung  wirkende  Formen  vermissen.  Sie  deutet  vieles 
unbestimmt  an  und  läßt  der  Einbildungskraft  Spielraum  zu 
eigenem,  zügellosen  Phantasiren.  Es  ist  Goethe  selbst,  der 
diese  letzten  Worte  als  Charakteristikum  des  Romantischen 
hervorhob.  Der  jüngere  Voß  berichtet  darüber  im  Januar 
1804  an  Abeken:  Goethe  lasse  den  Unterschied  zwischen 
romantisch  und  klassisch  nicht  gelten,  da  alles  Vortreffliche 
eo  ipso  klassisch  sei.  Dagegen  nehme  er  die  Gegensätzlich- 
keit   von  Plastischem   und  Romantischem    eher    hin.     Ein 


Klopstock  un'D  Goethe.  153 

plastisches  Werk  stelle  der  Einbildungskraft  des  Betrachters 
ein  Werk  in  einer  ganz  bestimmten  und  abgesciilossenen 
Form  dar.  »Zu  dieser  ersten  Klasse  rechnete  er  Homer, 
Sophokles,  Pindar,  Shakespeare  etc.;  zu  der  zweiten  deutete 
er  die  Subjekte  nur  an,  und  ob  ich  ihn  gleich  verstanden 
zu  haben  glaube,  will  ich  doch  meine  eigene  \'ermuthung 
nicht  in  den  Bericht  von  seinem  Urtheil  einmischen;  doch 
nannte  er  Klopstock. 'a 

X'ielleicht  machen  einige  andere  Hinv^-eise  diese  Ver- 
schiedenheit der  dichterischen  Art  noch  klarer.  Jenem 
musikalischen,  in  breiten  Flächen  andeutenden  Element  der 
Klopstockischen  Poesie  entspricht  ihr  seraphischer  Charakter, 
während  Goethe  mit  beiden  Füßen  fest  hienieden  auf  der 
Mutter  Erde  blieb.  Für  Klopstock  war  Gott  Vater  etwas 
unaussprechlich  Heiliges,  allem  Menschlichen  Weltenfernes, 
für  Goethe  war's  der  »Herr«,  von  dem  es  gar  hübsch  ist, 
so  menschlich  mit  dem  Teufel  selbst  zu  sprechen.  Wie 
Aristophanes  von  Zeus,  so  spricht  hier  Goethe  getrost  von 
Gott-Vater  als  dem  »Alten«.  In  warme  Menschlichkeit 
hüllt  er  die  leeren  weiten  Begriffe,  wie  einst  die  Griechen 
ihren  Göttern  den  schönsten  Alenschenleib  schenkten.  Was 
unsre  Welt  im  Innersten  bewegt,  diese  tausend  ungelösten 
Räthsel  und  Widersprüche,  diese  Schmerzen  und  Qualen, 
dieses  Hoffen  und  Leiden,  Sich-freuen  und  Entbehren,  dies 
Menschliche  zog  Goethe  an.  Zum  Himmel  strebte  Klopstocks 
V^erlangen,  zu  einer  imaginären  Weite,  die  von  mehr  ge- 
fühlten als  geschauten  Wesen  bevölkert  ist.  Was  Viktor 
Hehn  über  die  drei  Erzengel  im  Faust  gesagt  hat,  gehört 
hierher:  »Das  Leere  und  Abstrakte  der  quantitativen  Unend- 
lichkeit, das  Anschauungslose  des  mathematisch  -  astro- 
nomischen Himmels  trieb  ihn  [Goethe]  zur  Flucht,  zu  dem 
erfüllbaren  Naturleben  der  Erde.  Auch  hier,  in  dem  Gesang 
der  Erzengel,  hören  wir  nicht  klopstockisch  von  der  Uner- 
mefViichkeit  der  Sternensaat,  von  Milchstraßen  und  der- 
gleichen, sondern  nachdem  die  Licbterscheiiiiing  der  Sonne 
ojepriesen  worden,  geht  der  Dichter  rasch  auf  Meer  und 
Land  über.«  — 

Ein  Symbol  für  Goethes  Leben  ist's,  dieses  Uebergehen 
auf  Land  und  Meer,  zu  immer  neuen  Gebieten  der  Mutter 
Erde.  Und  Gegensätze  zu  Klopstocks  Leben  und  Dichten 
ergeben  sich  weiter.  Schritt  für  Schritt.  Der  Klopstock, 
der  in  die  verschwommene  nebelhafte  Welt  der  nordischen 
Mythologie  hineintaucht,  der  den  ßardenuntug  weckt,  auf 
seinen  nationalen  Gedanken  stolz,  steht  auf  ewig  getrennt 
von  dem  Italienwanderer,  von  dem  Goethe,  der  das  Land 
der  Griechen  mit  der  Seele  sucht,  der  als  Künstler  nicht 
nationale  Beschränkung  als  oberstes  Gesetz   erkennt.    Der 


154  Abhandlungen. 


Klopstock,  der  im  Anflug  von  Teutschthümelei  gegen  alles 
Ausländische  sich  sträubte,  der  Friedrich  den  Großen  (diesen 
einzigen  Nationalhelden !)  haßte,  hätte  nie  den  segens- 
reichen Gedanken  an  eine  Weltliteratur  gefaßt. 

Kurzum:  am  Inhalt,  am  Stofflichen,  an  der  moralischen 
Wirkung  seiner  Schriften  blieb  Klopstock  Zeit  seines  Lebens 
trotz  dunkler,  besserer  Einsicht  hängen  —  zur  Freude  am 
Künstlerischen  drang  Goethe  vor.  Er  wandte  sich  zu  den 
Tischen  der  Griechen.  Daß  Klopstock  ihn  in  diesem 
Werden  und  Wachsen  nicht  mehr  verstand,  daß  er  längst 
mit  aller  Entwicklung  abgeschlossen  hatte,  wäre  weiter 
nicht  auffällig,  wenn  er  nicht  durch  seine  Kritik  an  Goethes 
späteren  Werken  sich  den  Anschein  gegeben  hätte,  als 
fiele  sein  Urtheil  noch  schwer  ins  Gewicht. 

In  der  ersten  Zeit  nach  dem  Abbruch  seiner  Beziehungen 
zu  Goethe  verlor  er  sich  in  kleinlichem  Haß  soweit,  daß 
er  heimUch  Verleumdungen  nährte  und  brieflich  gegen 
Goethe  iniriguirte.  Und  späterhin,  als  er  immer  mehr  sah, 
wie  die  Zeit  über  ihn  hinweggestürmt  und  Goethe  der 
Führende  war,  gefiel  er  sich  ewig  in  abfälliger  Kritik. 
»Die  Dichtung,  die  vor  uns  in  wilden  Dramen  braust, 
Ist,  bei  den  Alten!,  lediglich  Kraftmänniglich  Verwünscht 
Geschrei  Der  traurigen  Genierei«  —  das  sollte  den  »Faust« 
treffen.  Und  hinsichtlich  des  »Werther«  fand  er  noch 
1794  spöttische  Worte,  indem  er  den  ihn  besuchenden 
Ludwig  Tieck  fragte:  »Nun,  hat  sich  denn  Goethe  immer 
noch  nicht  todt  geschossen?«  So  geschmack-  und  witzlos 
diese  spöttische  Frage  war,  ebenso  ungeheuerlich  war  die 
Kritik,  die  er  im  Februar  1800,  in  einem  Briefe  an  Böttiger, 
über  Goethes  »Iphigenie«  fälhe.  Aller  reinen  Menschlich- 
keit fremd,  verstieg  sich  der  Messiasdichter  zu  dem  Wort, 
das  Stück  sei  eine  steife  Nachahmung  der  Griechen.  »Sie 
wissen,  wie  weit  griechisch  und  steif  auseinanderliegen. 
Und  die  Nachahmung  bei  Seite,  wie  manche  Redensart, 
die  man  kaum  zu  Ende  lesen  kann,  wenn  man  vorliest. 
Und  dann  die  Bildung  des  Verses!«  Das  urtheilte  ein  Klop- 
stock über  Goethes  »Iphigenie« !  Bei  solchen  Worten  ver- 
wundert es  nicht,  den  Stoff  von  »Herrmann  und  Dorothea« 
als  nicht  erhaben  genug  bemängelt  und  das  ganze  Werk 
unter  Voßens  »Luise«  gestellt  zu  sehen.  Aus  bitterem 
Gefühl  heraus  waren  auch  die  verschiedenen  Epigramme 
geschrieben,  die  Klopstock  in  den  neunziger  Jahren  gegen 
Schiller  und  Goethe  richtete  und  die  zum  guten  Theil  mit 
großer  Gereiztheit  Ungerechtigkeit  verbinden. 

Auf  all  diese  öffentlichen  und  privaten  Angriffe  hatte 
Goethe  nur  wenig  geantwortet.  Er  war  auch  hier  der 
Größere    und    achtele    der  Verstimmung    des  Gekränkten 


Klopstock  und  Goethe.  155 

wenig.  Er  behielt  die  Verdienste  des  jugendlichen  Klopstock 
im  Gedüchtniß  und  sprach  sie  zu  wiederholten  Malen  aus. 
Ja,  er  suchte,  als  er  im  regen  Verkehr  mit  Schiller  stand, 
Klopstocks  »Hermannsschlacht«  durch  eine  Bearbeitung 
Schillers  für  die  Bühne  brauchbar  zu  machen.  Daß  es  mit 
diesem  Plane  bei  dem  ersten  Gedanken  blieb,  mochte  an 
Schillers  scharfem,  ungeschminktem  Urtheil  über  das  »kalte, 
herzlose,  ja  fratzenhafte  Produkt«  gelegen  haben. 

Zu  Klopstocks  Lebzeiten  war  das  die  letzte  Beschäftigung 
Goethes  mit  dem  vaterländischen  und  frommen  Dichter, 
der  als  greiser  Patriarch  in  Hamburg  lebte,  für  einen  kleinen 
Kreis  von  Jüngern  und  Jüngerinnen  noch  immer  anbetungs- 
würdig. Feierlich,  wie  es  selten  einem  deutschen  Dichter 
geschehen  ist,  trugen  sie  ihn  dann  zu  Grabe,  als  er  im 
März  1803  starb.  Der  Tod  dieses  halbvergessenen  Mannes 
ließ  wieder  lebendig  werden,  was  er  vor  einem  Menschen- 
alter Großes  für  Deutschland  gethan  hatte.  Und  als  einer 
von  denen,  die  seine  großen  Pläne  zur  künstlerischen  Vol- 
lendung und  Erfüllung  gebracht  hatten,  erinnerte  sich  Goethe 
ohne  Haß  und  Leidenschaft  später  der  Verdienste  desTodten. 
Was  klein  und  vergänglich,  unvollkommen  und  unreif  an 
ihm  gewesen  war,  verschwand  vor  dem  größeren  dauernden 
Ruhm. 

Wie  jene  Stelle  aus  dem  Werther  die  zarteste  Huldigung 
für  Klopstock  aus  Goethes  Jugend  war,  so  fand  sich  nach 
dem  Tode  des  großen  Olympiers  noch  ein  ungedrucktes 
Gedicht,  das  in  seiner  schlichten  Herzlichkeit  die  VVerth- 
schätzung  Klopstocks  gleich  innig  ausspricht  und  den  guten 
Mann,  der  nach  Würde  und  Sitte  strebte,  als  Vorbild 
ernster  Arbeit  rühmt  —  es  sind  die  zwei  Strophen  auf 
Schulpforta : 

»Ehre,  Deutscher,  treu  und  innig 
•  Des  Erinnerns  werthen  Schatz! 
Denn  der  Knabe  spielte  sinnig, 
Klopstock,  einst  auf  diesem  Platz. 

An  dem  stillbegrenzten  Orte 
Bilde  Dich,  so  wie's  gebührt! 
Jüngling  öffne  Dir  die  Pforte, 
Die  in's  weite  Leben  führt!« 


5- 


Herder  und  Goethe. 


Vox 

Julius  Goebel. 


eim  Herannahen  von  Herders  hundertstem  Todes- 
I  tag  ziemt  es  vor  Allen  dem  Philologen,  das  Bild 
L  des  Mannes  sich  dankbar  vor  der  Seele  zu  er- 
neuern, dessen  gewaltiger  Einfluß  die  Geisteswissenschaften 
noch  heute  bestimmt.  Lange  bevor  das  naturwissenschaft- 
liche Evolutionsprincip  zur  Zauberformel  geworden  war, 
die  man,  mit  trügerischem  Erfolg  nicht  selten,  auch  in 
jenen  Wissenschaften  gläubig  raunte,  hatte  Herder  das 
Gesetz  der  geschichtlichen  Entwicklung  gefunden.  Und 
der  Entdeckung  dieses  Gesetzes,  wie  seiner  Anwendung 
in  dem  genial  intuitiven  Verfahren,  dessen  Meister  Herder 
war,  ist  der  Aufschw^ung  der  Geisteswissenschaften  zu  ver- 
danken, mit  dem  Deutschland,  zu  Anfang  des  19.  Jahr- 
hunderts die  geistige  Führerschaft  in  Europa  antrat.  Als 
dann,  durch  Mad.  de  Staels  Vermittlung,  Deutschlands  Führer- 
schaft sich  über  den  Ocean  zu  erstrecken  begann,  und  die 
deutsche  Dichtung  das  erwachende  amerikanische  Geistes- 
leben wie  der  Schauer  einer  Offenbarung  ergriff,  da  war 
es  neben  Goethe  und  Schiller  auch  Herder,  der  hier  Wege 
und  Ziele  zeigend  wirkte.  Wir  empfinden  es  darum  auch 
in  Amerika  als  schönes  Recht,  seiner  dankbar  zu  gedenken. 


'  Vortrag,  gehalten  bei  der  Herderfeier  der  American  Philological 
Association  of  the  Pacific  Coast  zu  San  Francisco,  Kalifornien. 


Hkrder  und  Goethe.  157 


Aber  nicht  den  bis  zu  uns  herüberreichenden  Wir- 
kungen Herders  möchte  ich  heute  nachgehen,  sondern 
seinem  Einfluß  auf  den  größten  deutschen  Dichter.  Viel- 
leicht läßt  sich  Herders  außerordentliches  Vermögen  leben- 
weckender Anregung  und  seine  Kraft  und  Kunst,  den 
Wesenskern  einer  Persönlichkeit  zur  Entfaltung  zu  locken, 
am  besten  gerade  in  seinem  Verhältniß  zu  Goethe  erkennen. 
In  qualvollem  Erlebniß,  aus  faustischem  Ekel  am  bloßen 
Wissen,  hatte  sich  bei  Herder  das  Verlangen  nach  einem 
schafl"enden  Erkennen,  nach  der  Entwickelung  aller  im  Ich 
liegenden  Kräfte  emporgerungen.  »Wann  werde  ich  so 
weit  sein,«  ruft  er  im  Reise-Journal  aus,  »um  alles,  was  ich 
gelernt,  in  mir  zu  zerstören  und  nur  selbst  :;;ti  erfinden,  was 
ich  denke  und  lerne  und  glaube.«  Und  im  »Vierten  kri- 
tischen Wäldchen«  klagt  er:  »Mit  jedem  Worte,  was  die 
Seele  lernt,  erschweret  sie  sich  gleichsam  das  Verständniß 
der  Sache,  die  es  bedeutet,  mit  jedem  Begriff,  den  sie  von 
Andern  empfängt,  tödtet  sie  in  sich  eine  Nerve,  diesen 
Begriff  selbst  :(ii  erfinden,  eine  Kraft  ihn  innig  zu  verstehen, 
ZL'ie  wenn  sie  ihn  erfunden  hättest 

Diese  Kraft,  die  er  im  höchsten  Maße  in  sich  aus- 
gebildet hatte,  in  Andern  zu  erwecken,  ist  das  Geheimniß 
seiner  anregenden  Wirkung.  So  berichtet  J.  G.  Müller  von 
ihm  (Bächthold,  Aus  dem  Herderschen  Hause  S.  iio): 
»Wenn  er  etwas  sage,  solle  ich  nicht  als  ein  Jünger  horchen 
und  glauben,  sondern  für  mich  stehen  und  betrachten 
(d.  h.  wie  von  ferne  treten  und  das  von  Herder  Gesagte 
frei,  wie  von  ferne  prüfen).  Nichts  zuill  er  in  den  Menschen 
hineinbringen,  alles  muß  aus  ihm  heraushommen.  Deshalb 
schweige  er  so  oft,  wo  er  Stunden  lang  reden  könnte. 
Aber  selbst  :^u  finden  ist  viel  größere  Freude,  und  das 
Fremde  muß  doch  wieder  und  oft  mit  Schmerzen  ab- 
gerissen werden.«  Auch  mit  seiner  Metakritik  wollte 
Herder  »in  jedem  Leser  seine  Metaphysik  wecken«.  (Kalli- 
gone  3,  IX.) 

Und  so  ist  er  ohne  Zweifel  auch  seinem  größten 
und  gelehrigsten  Schüler  in  Straßburg  gegenübergetreten. 
Noch  klingt  dies  deutlich  aus  Goethes  Bericht  in  Dichtung 
und  Wahrheit  hervor:  »Wäre  Flerder  methodischer  ge- 
wesen, so  hätte  ich  auch  für  die  dauerhafte  Richtung 
meiner  Bildung  die  köstlichste  Anleitung  gefunden,  aber 
er  war  mehr  geneigt  zu  prüfen  und  anzuregen  als  zu  führen 
und  zu  leiten.«  Hatte  der  alternde,  methodischem  Wesen 
streng  zuneigende  Goethe  vergessen,  als  er  dies  schrieb, 
daß  er  den  Vater  in  Hermann  und  Dorothea  fast  ganz  mit 
Herders  Worten  sagen  ließ: 

Was  nicht  im  Menschen  ist,  kommt  auch  nicht  aus  ihm  ? 


158  Abhandlungen. 


So  tief  wurzelte  in  der  That  die  Herdersche  Auffassung 
von  der  Entwickelung  des  Ich  und  seiner  Kräfte  in  Goethe, 
daß  er  in  den  »Urworten,  Orphisch«  das  eigentliche  Wesen 
des  Ich,  den  Dämon  oder  die  begrenzte  Individuahtät  der 
Person  als  »geprägte  Form«  bezeichnet,  y'>die  lebend  sich 
entwickelte.  Ja  diese  Erkenntniß  wird  ihm  sogar  zum 
Schlüssel  des  Naturverständnisses.  Indem  er  in  genial- 
intuitivem Verfahren  seine  Beobachtung  am  Ich  auf  die 
Natur  überträgt,  entdeckt  er,  wie  diese  »stets  ein  ana- 
lytisches Verfahren,  eine  Entwickelung  aus  einem  lebendigen 
geheimnisvoll  eil  Gan:(^en  beobachten  (Hempel  34,  95). 

So  treffend  im  Einzelnen  das  Bild  auch  ist,  das  Goethe 
von  Herder  und  dessen  Einwirkung  auf  ihn  in  Dichtung  und 
Wahrheit  zeichnet,  so  ist  darin  doch  wohl  das  Abstoßende 
in  Herders  Charakter  zu  stark  herausgearbeitet.  Noch 
mochte  ja  Herders  »höchst  widerwärtiger  Trumpf«  gegen 
die  »Natürliche  Tochter«  in  Goethes  Seele  brennen,  und 
ungern  hat  sich  wohl  der  Meister  seiner  eigenen  Lehrzeit 
und  ihrer  gelegentUchen  Züchtigungen  erinnert.  Daß  sich 
außerdem  Goethe  bei  der  Abfassung  seines  Berichtes  der 
Einwirkung  Herders  auf  ihn  im  vollen  Umfange  bewußt 
gewesen  wäre,  dürfen  wir  nicht  erwarten.  Er  erinnert  sich 
vor  Allem,  wie  ihm  durch  Herder  der  Begriff  der  Volks- 
poesie erschlossen  worden  sei,  wie  ihn  jener  mit  allem 
neuen  Streben  in  der  deutschen  Literatur  und  mit  allen 
Richtungen  bekannt  gemacht  habe,  welche  dies  Streben  zu 
nehmen  schien,  und  wie  er  im  Umgang  mit  Herder  in  die 
glückliche  Lage  gerathen  sei,  Alles,  was  er  bisher  gedacht, 
gelernt,  sich  angeeignet  hatte,  zu  komplettiren,  an  ein 
Höheres  anzuknüpfen,  zu  erweitern.  In  welcher  Weise  er 
so  durch  Herder  »täglich,  ja  stündUch  zu  neuen  Ansichten 
befördert  wurde«,  haben  Haym  und  Andere  im  Einzelnen 
auszuführen  und  auszudeuten  versucht. 

Aber  mit  dem  ruhig  abwägenden,  das  Urtheil  der  Nach- 
welt zu  bestimmen  suchenden  Bericht  Goethes  in  Dichtung 
und  Wahrheit  dürfen  wir  doch  auch  das  Bild  vergleichen,  das 
uns  die  wenigen  Briefe  des  jungen  Dichters  von  seinem  Ver- 
hältniß  zu  Herder  entgegen  werfen.  Hier  aber  belauschen 
wir  noch  die  ganze  Wirkung  von  Herders  anregender 
Kunst.  Hier  sehen  wir,  wie  sich  in  tiefer  Seelenerregung 
das  eigenste  Wesen  des  Jünglings  an  Herderschen  Gedanken 
emporringt.  Und  noch  fühlen  wir  mit  ihm,  wie  der  Er- 
wecker  seines  Selbst,  der  ihn  so  ganz  auf  sich  selbst  ge- 
worfen hatte,  der  beherrschende  Mittelpunkt  seiner  inneren 
Welt  ist :  »Herder,  Herder,  bleiben  Sie  mir,  was_  Sie  mir 
sind.  Bin  ich  bestimmt,  Ihr  Planet  zu  sein,  so  will  ichs  sein, 
es  gern  sein.    Ein  freundhcher  Mond  der  Erde.« 


Herder  und  Goethe.  159 


Der  hier  so  rückhaltlos  vor  der  überlegenen  Geistes- 
größe Herders  sich  beugt  und  das  Amt  des  Propheten  und 
Apostels  für  den  verehrten  Mann  übernehmen  will,  hatte 
doch  auch  mehr  von  diesem  erfahren  als  »Hundereminis- 
cenzen«.  Auch  Herders  Verhältniß  zu  Goethe  damals 
scheint  mir  heute  vielfach  entstellt.  In  der  stillen  Voraus- 
setzung, daß  Herder  den  Jüngling  Goethe  mit  der  Ehr- 
furcht seiner  heutigen  Biographen  habe  behandeln  sollen, 
hat  man,  nicht  ohne  Goethes  eigne  Schuld,  einzelne  Aeuße- 
rungen  Herders  über  ihn  in  den  Briefen  an  die  Flachsland 
als  kühl  und  vornehm  herablassend  gedeutet.  Aber  es  muß 
doch  auffallen,  daß  außer  Goethe  nur  noch  die  Braut  Herders 
von  dessen  Wesen  zu  leiden  hatte,  das  andere  Zeitgenossen 
nicht  gewinnend  und  liebenswürdig  genug  schildern  können. 
Sollte  es  nicht  auch  die  Liebe  gewesen  sein,  die  ihn  bei 
seinem  »Enthusiasmus,  junge  Geister  zu  finden,  die  bildbar 
sind«  (Werke  IV,  507)',  gerade  gegen  Goethe  reizbar  und 
hart  werden  ließ?  Wie  hatte  er  doch  in  den  »Fragmenten 
über  die  neuere  deutsche  Literatur«  als  Prophet  nach  dem 
kommenden  Messias  gerufen!  »Wie  würde  ich  mich  freuen, 
wenn  etwa  ein  Genie,  indem  es  dieses  läse,  erwachte,  sich 
fühlte,  seine  Schwingen  wiegte,  um  von  ihnen  den  Staub 
der  Systeme  abzuschütteln,  und  alsdann  seinen  Flug  zur 
Sonne  nähme.  Eine  neue  Sonnenbahn  würde  sich  alsdann 
eröffnen;  Zaunkönige  sich  auf  seine  Flügel  sezzen,  um  ihn 
ruckweise  zu  überholen,  keichend  der  Neid  ihm  nachstreben 
und  zurückfallen :  wir  aber  würden  mit  einem  Fernglase 
in  der  Hand  ihm  nachschauen  und  ihn  bewundern.«  In  der 
Ahnung,  daß  er  in  Goethe  den  Geweissagten  gefunden, 
hat  er  diesen  »vor  Shakespeares  heiligem  Bilde  umarmt«. 
»Glücklich,  daß  ich  noch  im  Ablaufe  der  Zeit  lebte,«  ruft 
Herder  am  Schlüsse  seines  Shakespeare-Aufsatzes  aus,  »wo 
ich  ihn  (Shakespeare)  begreifen  konnte,  und  wo  du,  mein 
Freund,  der  du  dich  bey  diesem  Lesen  erkennest  und  fühlst, 
und  den  ich  vor  seinem  heiligen  Bilde  mehr  als  Einmal  um- 
armet, wo  du  noch  den  sülTen  und  deiner  würdigen  Traum 
haben  kannst,  sein  Denkmal  aus  unsern  Ritterzeiten,  in 
unserer  Sprache,  unserm  so  weit  abgearteten  Vaterlande 
herzustellen.  Ich  beneide  dir  den  Traum,  und  dein  edles 
deutsches  Würken,  laß  nicht  nach,  bis  der  Kranz  dort  oben 
hange.«  Der  Aufsatz  über  Shakespeare  erschien,  als  Götz 
von  Berlichingen  im  Publikum  noch  nicht  bekannt  war. 
Wie  muß  es  die  Seele  des  Jünglings  in  ihren  Tiefen  erregt 
und  zum  Höchsten  aufgerufen  haben,  als  ihn  der  gewaltige 
Prophet  in  der  Straßburger  Krankenstube  vor  Shakespeare 


'  Suphans  Ausgabe. 


l6o  Abhandlungen. 


zum  Dichter  weihte!  Wie  muß  es  ihn  erhoben  haben,  sich 
in  dem  erwähnten  Aufsatz  vor  der  Nation  als  Nachfolger 
und  Erben  des  großen  Briten  gerühmt  zu  sehen,  noch  ehe 
sein  eignes  Drama  erschienen  war! 

Und  in  stillem  Stolz  auf  den  Dichter,  den  er  gefunden, 
gebildet  und  geweissagt  hatte,  schrieb  Herder  im  Jahre  1776 
an  Zimmermann :  »Goethe  schwimmt  auf  den  goldenen 
Wellen  des  Jahrhunderts  zur  Ewigkeit.«  Je  höher  Herders 
Auffassung  vom  Dichterberuf,  je  verheißungsvoller  das  Bild 
war,  das  ihm  von  Goethe  in  der  Seele  lebte,  um  so  seltener 
mußten  bei  seiner  Art  die  Augenblicke  der  Anerkennung 
sein,  um  die  der  Jüngling  »rang,  wie  Jakob  mit  dem  Engel 
des  Herrn«.  Aber  von  jenen  seltenen  Augenblicken  aus 
erschließt  sich  uns  erst  das  volle  Verstehen  dieses  einzig- 
artigen, geradezu  providentiellen  Verhältnisses  zwischen 
einem  unserer  größten  Kritiker  und  unserm  größten  Dichter. 
Wie  tiefgreifend  und  bestimmend  die  Wirkung  war,  die 
von  Herder  auf  Goethe  ausging,  möchte  ich  an  einigen 
Punkten  zeigen. 

Weit  wichtiger  als  der  neue  Poesiebegriff,  den  er  von 
Herder  übernahm,  war  für  Goethe  der  Umschwung  seines 
Wesens,  der  die  letzten  Wurzeln  seiner  geistigen  Thätigkeit 
erfaßte.  In  langem,  schmerzlichem  Ringen,  wofür  wieder 
das  Reisejournal  Zeugniß  ablegt,  hatte  sich  Herder  eine 
neue  Weltanschauung  erkämpft,  deren  Grundlinien  er  in 
Goethes  Seele  zu  prägen  berufen  war.  Niemand  vor  ihm, 
selbst  Lessing  nicht  und  kaum  Abbt,  hatte,  wie  er,  die  Hohl- 
heit der  Abstraktion  und  des  bloßen  Wortvvissens  so  pein- 
lich empfunden.  Vom  Durste  des  Dichters  nach  Wirk- 
hchkeit  erfüllt  und  durchdrungen  von  einem  Lebensgefühle, 
das  die  Aeußerungen  verwandter  Lebenspulse  überall  zu 
erkennen  und  zu  erfassen  vermochte,  strebte  Herder  nach 
einer  Erkenntniß,  die  an  Stelle  des  abstrakten  Wissens  die 
Außenwelt  selbst  umschlösse.  Dieser  Proceß  der  Identi- 
ticirung  des  Ich  mit  der  Außenwelt,  das  gerade  Gegentheil 
der  gewöhnlichen  Scheidung  von  Subjekt  und  Objekt,  ist 
ihm  wesentlich  ein  Akt  des  Empfindens.  So  auf  die  Er- 
fassung des  Ganzen  gerichtet,  mußte  er  der  erklärte  Gegner 
des  Zerreißens  und  Zergliederns  werden  und  schließlich  in 
der  Opposition  gegen  Kant  enden.  Und  so  tief  ist  Herder 
von  der  Bedeutung  des  neuen,  von  ihm  wieder  entdeckten 
und  geübten  Erkenntnißverfahrens  durchdrungen,  daß  er 
ihm  eine  neue  Bezeichnung  in  der  Sprache  schafft.  Die 
Worte  »denken«  und  »erkennen«  genügen  ihm  in  ihrer 
verbrauchten  Meinung  nicht  mehr,  er  setzt  an  ihre  Stelle 
»genießen«,  »fühlen«,  »schmeken«.  In  seinem  ausgezeich- 
neten Artikel   »genießen«    hat  Rudolf  Hildebrand   gezeigt. 


Herder  und  Goethe.  l6l 


wie  Herder  diesen  Worten  neue  Meinung  aufprägt.  Auch 
den  Begriff  »Empfindung«  hat  er  so  in  seinem  Sinne  um- 
geprägt. Noch  zeigen  Goethes  frühe  Briefe  an  Herder,  wie 
dessen  Gedanken  Bei  ihm  einschlugen  und  seinem  Geiste 
die  gleiche  Richtung  gaben.  »Muth  und  Hoffnung  und 
Furcht  und  Ruh«,  schreibt  er,  »wechseln  in  meiner  Brust. 
Seit  ich  die  Kraft  der  Worte  (5ir\}foc,  und  TtpaTTibec;  fühle 
(er  hatte  sie  bei  Pindar  wie  die  Bestätigung  von  Herders 
Gedanken  gefunden),  ist  mir  eine  neue  Welt  aufgegangen. 
Armer  Mensch,  an  dem  der  Kopf  Alles  ist!«  So  tief  wur- 
zelte bei  ihm  von  nun  an  diese  Ueberzeugung,  daß  er  noch 
im  Alter  den  Orient  preist,  weil  dort  der: 

Glaube  weit,  eng  der  Gedanke. 

Und  wie  er  Herders  Verachtung  für  das  abstrakte 
Denken  übernimmt,  so  macht  er  sich  auch  dessen  »Ge- 
nießen« zu  eigen.  »Seit  vierzehn  Tagen«,  schreibt  er,  »les' 
ich  Eure  ,Fragmente'  zum  erstenmal :  ich  brauch  Euch  nicht 
zu  sagen,  was  sie  mir  sind.  Daß  ich  Euch,  von  den  Griechen 
sprechenden,  meist  erreichte,  hat  mich  ergötzt,  aber  doch 
ist  nichts  wie  eine  Göttererscheinung  über  mich  herab- 
gestiegen, hat  mein  Herz  und  Sinn  mit  warmer  heiliger 
Gegenwart  durch  und  durch  belebt,  als  das,  wie  Gedanke 
und  Empfindung  den  Ausdruck  bilden.  So  innig  hab  ich 
das  genossen  (d.  h.  verstanden).« 

In  seiner  umfassendsten  Form  wird  das  genießende 
Erkennen  bei  Herder  zum  allgemeinen  höchsten  Weltgenuß, 
wie  z.B.  in  dem  Gedicht  an  Merck  (Lebensbild  III,  ^,^'2): 

Und,  o  Liebe,  konntest  Herzen  binden, 
In  einander  höchstes  Gut  zu  finden. 
Sich  mit  edler,  schöner  Schöpfermüh 
Eins  zu  bilden!  Wonnesympathie, 
Sich  in  Dir  umarmen.     Ein  Zerfließen, 
Alle  Welt  in  sich  vereint  genießen! 

Und  so  erscheint  es  denn  auch  bei  Goethe  in  zwei 
der  inhaltschwersten  Stellen  des  Faust : 

Mein  Busen,  der  vom  Wissensdrang  geheilt  ist, 
Soll  keinen  Schmerzen  künftig  sich  verschließen, 
Und  was  der  ganzen  Menschheit  zugctheilt  ist 
Will  ich  in  meinem  Innern  selbst  genießen,  u.  s.  w. 

Wie  er  sich  hier  alles  Menschliche  im  Genuß  zu 
eigen  machen  will,  so  in  den  folgenden  Worten  die  ganze 
»Natur« : 

Goethe-Jahrbuch  XXV.  1 1 


l62  Abhandlungen. 


Erhabner  Geist,  du  gabst  mir,  gabst  mir  alles. 
Warum  ich  bat.     Du  hast  mir  nicht  umsonst 
Dein  Angesicht  im  Feuer  zugewendet. 
Gabst  mir  die  herrliche  Natur  zum  Königreich, 
Kraft,  sie  ^ii  fühlen,  ^u  genießen. 

Es  ist  bezeichnend,  daß  Mephistopheles  an  beiden 
Stellen  Fausts  genießendes  Erkennen  mit  dem  spöttischen 
Hinweis  auf  die  Gottheit  einzuschränken  sucht,  am  schärfsten 
in  den  Hohnworten: 

Und  Erd'  und  Himmel  wonniglich  umfassen, 
Zu  einer  Gottheit  sich  aufschwellen  lassen. 

Nicht  leicht  hätte  der  ätzende,  scheidende  Verstand 
seine  Verachtung  dieser  Weltanschauung  schärfer  bestimmen 
und  besser  auf  die  Quelle  hindeuten  können,  aus  der  das 
Streben  nach  genießendem  Erkennen  floß.  Man  hat  versucht 
die  Goethische  Anschauung,  die  sich  ihrem  Wesen  wie 
ihrem  Verfahren  nach  so  gänzlich  von  der  Kantischen  unter- 
scheidet, auf  die  Künstlerschaft  des  Dichters  zurückzuführen. 
Ich  glaube  gezeigt  zu  haben,  daß  Goethe  sie  nicht  nur  mit 
Herder  theilt,  sondern  sie  in  ihrem  Wesen  von  diesem  über- 
nommen hat.  Und  Herder  weist  überzeugend  nach,  daß 
seine  Erkenntnißweise  die  aller  gesunden  Menschen  von 
jeher  gewesen  ist.  —  Wenn  Kant  den  DuaHsmus  von  Subjekt 
und  Objekt  auf  dem  Wege  der  Scheidung  lösen  wollte  und 
die  Einheit  beider  jenseits  der  Phänomene  Geist  und  Körper 
suchte,  dann  fanden  Herder  und  Goethe  die  Einheit,  dem 
Drange  ihres  mächtigen  und  gesunden  Lebensgefühles 
folgend,  in  sich  selbst.  Nicht  umsonst  spielt  der  Begriff 
des  »Ganzen«  in  Herders  wie  in  Goethes  Denken  eine  so 
große  Rolle.  Die  Einheit,  die  beide  in  sich  finden,  wird 
ihnen  denn  zum  Schlüssel  der  Erkenntniß  einer  gleichen, 
wesensverwandten  Einheit  in  der  Außenwelt,  sei  es  in  der 
Geschichte  oder  in  der  Natur,  jene  Herders,  diese  Goethes 
eigentlichstes  Gebiet.  So  wird  Herder  nach  seinen  eigenen 
Worten  (W.  IV,  41)  »zum  Eingeweihten  aller  Musen  und 
aller  Zeiten  und  aller  Gedächtnisse  und  aller  Werke:  die 
Sphäre  seines  Geschmackes  ist  für  ihn  unendlich,  wie  die 
Geschichte  der  Menschheit:  die  Linie  des  Umkreises  liegt 
ihm  auf  allen  Jahrhunderten  und  Produktionen  und  er  und 
die  Schönheit  steht  im  Mittelpunkte.«  Und  wie  Herder 
so  von  diesem  einen  beherrschenden  Standpunkt  aus  den 
Wesenskern  der  verschiedensten  geschichtlichen  Erschei- 
nungen erfaßt,  so  Goethe  von  seinem  Innern  aus  die  Natur: 

Ist  nicht  Kern  der  Natur 
Menschen  im  Herren? 


Herder  und  Goethe.  163 


»Suchet  in  euch,  so  werdet  ihr  alles  finden  und  erfreut 
euch,  wenn  da  draußen,  wie  ihr  es  immer  heißen  möget, 
eine  Natur  liegt,  die  Ja  und  Amen  zu  allem  sagt,  was  ihr 
in  euch  selbst  gefunden.«     (Spr.  in  Prosa  720.)" 

xMit  dieser  aufs  Ganze  dringenden  Erkenntniß  hängt 
dann  aufs  engste  das  anschauende  Denken  zusammen,  das, 
von  Herder  schon  in  den  »Fragmenten«  gefordert,  durch 
ihn  gewiß  auch  in  seiner  ganzen  Bedeutung  Goethe  klar 
wurde.  Von  Herder  ist  es  auch  zuerst  erkannt  worden, 
daß  sich  dies  Denken  auf  die  Sinne  zu  gründen  habe.  In 
seinen  frühsten  Schriften  begegnet  uns  schon  die  Mahnung, 
die  Sinne  zu  gebrauchen  (Lebensbild  I,  3,  i,  216,  353")^  zum 
Schrecken  seiner  aufgeklärten  Zeitgenossen  (z.  B.  Sulzers, 
vgl.  E.  Bodemann,  Joh.  G.  Zimmermann  S  231)  preist  er 
später  die  Sinnlichkeit  der  Wilden  und  ihrer  Poesie  und 
in  den  »Ideen«  ruft  er  aus:  y^IVer  seinen  Sinnen  Glicht  traut, 
ist  ein  Thor  und  muß  ein  leerer  Spekulant  werden.«  Früh 
scheint  Goethe  sich  diese  Ueberzeugung  angeeignet  zu 
haben,  wenn  er  z.  B.  in  den  »Frankfurter  Gelehrten  An- 
zeigen« von  den  Dichtern  der  Ritterzeit  sagt,  daß  ihre 
Seele  eine  Bildertafel  sei,  daß  sie  mit  dem  Körper  hebten 
und  mit  den  Aufen  dächten.  Wie  er  dann  im  Alter  als 
»ethisch-ästhetischer  Mathematiker«  den  Bestand  seines 
innersten  Denkens  in  den  Sprüchen  in  Prosa  auf  die  letzten 
Formeln  zu  bringen  suchte,  da  kam  ihm  die  Bedeutung  der 
Sinne  wieder  voll  zum  Bewußtsein.  In  fast  wörtlicher  Ueber- 
einstimmung  mit  Herder  sagt  er  in  den  Sprüchen  in  Prosa 
556:  »Der  Mensch  ist  genugsam  ausgestattet  zu  allen  wahren 
irdischen  Bedürfnissen,  wenn  er  seinen  Sinnen  traut  und  sie 
dergestalt  ausbildet,  daß  sie  des  Vertrauens  werth  bleiben.« 
Und  im  nächsten  Spruch:  »Die  Sinne  trügen  nicht,  aber 
das  Urtheil  trügt«.  Daß  in  diesen  Worten  eine  leise  Be- 
richtigung Kants  durchklingt,  wird  noch  klarer  aus  der 
folgenden  Stelle  in  Eckermanns  Gesprächen  (17.  Febr.  1829): 
»In  der  deutschen  Philosophie  wären  noch  zwei  große 
Dinge  zu  thun.  Kant  hat  die  Kritik  der  reinen  Vernunft 
geschrieben,  womit  unendlich  viel  geschehen,  aber  der  Kreis 
nicht  abgeschlossen-  ist.  Jetzt  müßte  ein  Fähiger,  ein 
Bedeutender  die  Kritik  der  Sinne  und  des  Menschenverstandes 
schreiben.«  Poetisch  tritt  uns  schließlich  Herders  Ueber- 
zeuo;un^  in  dem  Gedichte  »X'ermächtniß«  enti^egen: 

Den  Sinnen  hast  Du  dann  :^n  trauen, 
Kein  Falsches  lassen  sie  dich  schauen, 
Wenn  dein  Verstand  dich  wach  erhält. 

Ich  habe  schon  betont,  daß  das  »genießende«,  auf  die 
Sinne   gegründete,   anschauende  Denken   nach  Herder  und 

II* 


I 64  Abhandlungen. 


Goethe  wesentlich  im  Gefühle  \vurzelt._  Herders  Auflehnung 
gegen  das  abstrakte  Denken  und  sein  Versuch  einer  Er- 
kenntnißweise,  die  anstatt  schattenhafter  Begriffe  die  Dinge 
selbst  erfasse,  beruhen  auf  seiner  Ueberzeugpng  von  der 
centralen  Stellung  und  Kraft  der  Empfindung  im  Menschen. 
In  den  »Gedanken-Skizzen  zur  Plastik«  (Lebensbild  2,  385) 
erscheint  dies  besonders  klar.  Mit  kühner  Hand  setzt  er 
hier  an  Stelle  des  überlieferten  Cartesischen  cogito,  ergo 
stim  sein:  »Ich  fühle  mich:  Ich  bin!«  Und  wie  früh  er 
diesen  Gedanken  an  Goethe  gegeben  hat,  zeigt  sich  in 
dessen  Shakespeare-Rede  bald  nach  seiner  Rückkehr  aus 
Straßburg:  »ich  der  ich  mir  alles  binn,  da  ich  alles  nur 
durch  mich  kenne!  So  ruft  jeder,  der  sich////;//.«  (Der  junge 
Goethe  2,  39).  Und  derselbe  philosophische  Standpunkt 
steht  dann  im  Hintergrund  der  Prometheischen  Trotzworte: 

Was  Vater!  Mutter! 

Weißt  du,  woher  du  kommst? 

Ich  stand,  als  ich  :{nm  ersten  Mal  bemerkte 

Die  Füße  stehn. 

Und  reichte,  da  ich 

Diese  Hände  reichen  fühlte. 

Und  später: 

Kehrt  mein  verirrtes  Aug 
Zur  Sonne,  als  wenn  drüber  war 
Ein  Ohr  zu  hören  meine  Klage 
Ein  Herz,  wie  meins. 

Am  tiefsten  ist  Herder  dem  Wesen  der  Empfindung 
und  ihrer  schließhchen  Einheit  mit  dem  Denken  in  der 
viel  zu  wenig  beachteten  Schrift  »Vom  Erkennen  und 
Empfinden«  nachgegangen.  In  ihr  hat  er  die  Principien 
seines  intuitiv-genialen  Verfahrens,  das  im  letzten  Grunde 
auf  der  Analogie  zwischen  Ich  und  Außenwelt  beruht;  am^ 
klarsten  dargelegt.  In  geistvollster  Ausführung,  mit  dem 
»Reize«  beginnend,  zeigt  er,  wie  der  Gedanke  aus  den 
Empfindung'en  wird,  indem  diese  zu  einer  gewissen  Helle 
steigen,  und  wie  die  Einheit  von  Empfinden  und  Erkennen 
in  den  gesundesten  Menschen  aller  Zeit  und  somit  auch 
im  Genie  zu  treff'en  ist,  das  ja  »nichts  mehr  und  nichts 
minder  als  lebendige  Menschenart  sei«.  Wie  er  die  Einheit 
von  Subject  und  Object,  von  der  oben  die  Rede  war,  in 
sich  findet,  zeigen  z.  B.  Stellen  wie  diese:  »Alle  groben 
Sinne,  Fasern  und  Reize  können  nur  in  sich  empfinden, 
der  Gegenstand  muß  hinzu  kommen,  sie  berühren  und  mit 
ihnen  gewissermaßen  Eins  luerden.  Hier  wird  schon  dem 
Erkennen  außer  uns  Weg  gebahnt.«    Auf  folgender  Stelle:; 


Herder  und  Goethe.  i6) 


»Wäre  in  diesem  Körper  kein  Licht,  kein  Schall:  so  hätten 
wir  auf  aller  weiten  Welt  von  nichts,  was  Schall  und  Licht 
ist,  Empfindiiii^:  und  wäre  in  ihr  selbst,  oder  um  sie,  nichts 
dem  Schall,  dem  Licht  Analoges,  noch  wäre  kein  Begriff 
dessen  möglich«  beruht  die  gleiche  Anschauung  des 
Goethischen  Spruches: 

War'  nicht  das  Auge  sonnenhaft, 
Die  Sonne  könnt'  es  nie  erblicken; 
Lag'  nicht  in  uns  des  Gottes  eigne  Kraft, 
Wie  könnt'  uns  Göttliches  entzücken? 

Am  werthvollsten  ist  uns  hier  jedoch  die  Bemerkung 
in  Herders  Schrift,  daß  Erkenntniß  nur  Apperception,  tiefes 
Gefühl  der  Wahrheit  sei.  Schon  einige  Jahre  vorher  hatte 
er  in  den  »Frankfurter  Gelehrten  Anzeigen«  (1772,  84.  Stück) 
James  ßeatties  »Versuch  über  die  Natur  und  Unveränder- 
lichkeit  der  Wahrheit«  als  eine  Philosophie  über  und  für 
den  {ian:^en  Menschen  gepriesen,  die  sich  nicht  losreiße  von 
Gefühl  und  Erfahrung  und  anerkenne,  daß  alle  Evidenz  zu- 
letzt anschauend  und  gegründet  auf  einen  ursprünglichen 
Sinn  der  IVahrheit  sei.  Wir  dürfen  daher  wohl  annehmen, 
daß  Goethe,  wenn  nicht  schon  in  Straßburg,  so  doch  eben 
aus  dieser  Recension  Herders  Anschauung  kennen  lernte 
und  sich  aneignete.  Denn  schon  in  Kestners  Charakterbild 
vom  jungen  Goethe  heißt  es  (Goethe  und  Werther  38): 
»Er  strebt  nach  IVahrheit,  hält  jedoch  mehr  vom  Gefühl  der- 
selben, als  von  ihrer  Demonstration.«  In  abgeklärtester  Form 
erscheint  dann  die  Herdersche  Anschauung  in  den  Sprüchen 
in  Prosa  (903):  »Alles  was  wir  Erfinden,  Entdecken  im 
höhern  Sinne  nennen,  ist  die  bedeutende  Ausübung,  Be- 
thätigung  eines  origijialen  Wahrheitsgefi\hles  (d.  h.  das 
fühlende"  Erfassen  der  Wirklichkeit  als  angeborene  Kraft) 
das,  im  Stillen  längst  ausgebildet,  unversehens  mit  Blitzes- 
schnelle zu  einer  fruchtbaren  Erkenntnis  führt.  Es  ist  eine 
aus  dem  Innern  am  Äußern  sich  entwickelnde  Offenbarung, 
die  den  Menschen  seine  Gottähnlichkeit  vorahneri  läßt.  Es 
ist  eine  Synthese  von  Welt  inid  Geist,  welche  von  der  ewigen 
Harmonie  des  Daseins  die  seligste  Versicherung  gibt«. 
Halten  wir  damit  einen  anderen  Spruch  zusammen  (430) : 
))Das  Wahre  ist  gottähnlich,  es  erscheint  nicht  unmittelbar, 
wir  müssen  es  aus  seinen  Manifestationen  errathen«,  dann 
fällt  wohl  helles  Licht  auf  die  von  Mephistopheles  ver- 
höhnte »Gottähnlichkeit«  des  im  »genießenden  Erkennen« 
schwelgenden  Faust.  Nichts  vermag  aber  den  Unterschied 
zwischen  der  Weltanschauung  Herder-Goethes  und  Kants 
schärfer  zu  bezeichnen  als  der  Schlußsatz  von  der  Synthese 
von  Welt   und  Geist,   die  von  Kant  auf  dem  Wege  der 


l66  Abhandlungen. 


Analyse  und  der  Scheidung  gesucht  und  ins  Transcendente 
verlegt,  von  Herder  und  Goethe  unmittelbar,  in  seligster 
Versicherung  der  ewigen  Harmonie  des  Daseins  gefühlt 
wurde. 

Wie  nahe  diesem  angebornen  Wahrheitsgefühle  jene 
tiefste  Erregung  der  Menschenbrust  verwandt  ist,  die  Goethe 
mit  Erstaunen  und  Schauder  bezeichnet,  bedarf  keiner 
weiteren  Ausführung,  Auch  in  diesem  Punkte  zeigt  sich 
die  enge  Verwandschaft  von  Herders  und  Goethes  Denken. 
Schon  im  Reisejournal  spricht  jener  von  dem  ^^ Schauder, 
der  ihn  bei  psychologischen  Entdeckungen  und  neuen  Ge- 
danken aus  der  menschlichen  Seele  ergreife«,  ja  schon 
früher,  in  dem  schönen  Aufsatze:  »Die  biblische  Sabbath- 
stiftung  und  die  christliche  Sonntagsfeier«  aus  der  Rigaer 
Zeit,  in  dem  schon  Schleiermachers  Religionsauffassung 
vorgebildet  ist,  entdeckt  er,  daß  »die  Gemüthslage  des 
Feierlichen  dem  Anstaunen  und  der  Verwunderung  ver- 
wandt ist,  wobei  sich  ein  Mitgefühl  von  Grausen,  von 
einem  gewissen  Dunkel  und  Lntsetien  finde«.  (Lebens- 
bild I,  3  I  544.)  Es  ist  bekannt,  wie  diese,  auf  innerster 
Erfahrung  ruhende  Beobachtung  Herders,  in  seinen  Schriften 
oft  ausgesprochen  und  darum  Goethen  wohl  vertraut,  gerade 
in  dessen  Alter  auftaucht  und  zu  einem  seiner  leitenden 
Gedanken  wird.  »Das  Höchste,  wozu  der  Mensch  gelangen 
kann,«  sagt  er  bei  Eckermann  (18.  Febr.  1829),  »ist  das  Er- 
staunen«, das  sich  beim  Gewanrwerden  der  Urphänomene 
sogar  zu  einer  Art  Angst  steigern  kann  (Spr.  in  Pr.  1049). 
Und  in  diesem  Sinne  läßt  er  Faust,  der  vor  den  Müttern 
schaudert,  bekennen : 

Doch  im  Erstarren  such'  ich  nicht  mein  Heil. 
Das  Schaudern  ist  der  »Menschheit«  bestes  Theil; 
Wie  auch  die  Welt  ihm  das  Gefühl  vertheure. 
Ergriffen,  fühlt  er  tief  das  Ungeheure. 

Auch  das  Gute  ist  nach  Herder  und  Goethe  dem 
angebornen  Wahrheitsgefühle  eng  verschwistert  und  ent- 
wickelt sich  von  Innen,  als  angeborne  Kraft.  Im  engsten 
Zusammenhang  mit  Herders  Wort:  der  empfindende 
Mensch  fühlt  sich  in  Alles  und  fühlt  Alles  aus  sich  heraus 
(Vom  Erkennen  und  Empfinden  S.  4)  steht  Goethes  An- 
schauung vom  Dichter,  der  die  Elemente  des  Sittlichen  an- 
geboren und  keimhaft  in  sich  hat.  »Wie  man  vom  Dichter 
sagt,  die  Elemente  der  sittlichen  Welt  seien  in  seiner  Natur 
innerlichst  verborgen  und  hätten  sich  nur  aus  ihm  nach 
und  nach  zu  entwickeln,  daß  ihm  nichts  in  der  Welt  zum 
Anschauen  komme,  was  er  nicht  vorher  in  der  Ahnung 
gehabt«.     (Hempel  18,  137.)      Noch  deutlicher  antwortet 


Herder  und  Goethe.  167 


Goethe  auf  die  Frage,  ^vie  das  Sittliche  in  die  Welt  ge- 
kommen sei,  bei  Eckermann  (i.  Apr.  1827'):  »Durch  Gott 
selber,  wie  alles  Gute.  Es  ist  kein  Produkt  menschlicher 
Reflexion,  sondern  es  ist  angeschajfene  und  atigcborene  schöne 
Natur  ....  Alles  Edle  ist  an  sich  stiller  Natur  und  scheint 
zu  schlafen  bis  es  durch  Widerspruch  geiveckt  und  heraus- 
gefordert werde«.  Ganz  ähnlich  Herder  im  »Vierten 
kritischen  Wäldchen«  vom  Menschen:  »So  entwickeln  sich 
seine  Kräfte  durch  ein  Leiden  von  außen,  die  innere  Thätig- 
keit,  das  Entwickeln  ist  sein  Zweck,  sein  inneres  dunkles 
V^ergnügen  und  eine  beständige  \'ervollkommnung  sein 
selbst«.  Was  dann  zugleich  die  Philosophie  des  Schmerzes 
überhaupt  ist,  die  uns  auch  in  den  Worten  Leonorens  von 
Este  so  ergreifend  entgegenklingt.  — 

Es  ist  im  Wesen  der  Empfindung  und  des  auf  ihr  be- 
ruhenden Denkens  begründet,  daß  beide  sich  unbewußt 
in  einem  Zustand  der  Dunkelheit  vollziehen.  Gerade  in 
der  Schrift  »Vom  Erkennen  und  Empfinden«  sieht  Herder 
den  Grundzug  des  genialen  Menschen  darin,  »daß  er  sich 
auszeichne  durch  das,  von  dem  er  nichts  ivei/jM '  Auch 
diese  Erkenntniß,  die  so  tief  und  nachhaltend  auf  Goethe 
wirken  sollte,  scheint  Herder  ihm,  wenn  nicht  in  Straßburg, 
so  doch  in  seiner  brieflichen  Kritik  der  ersten  Fassung 
von  Götz  mitgetheilt  zu  haben.  »Es  ist  alles  »nur  gedacht«, 
schreibt  Goethe  an  Herder.  Das  ärgert  mich  genug  .... 
Wenn  mir  im  Grunde  der  Seele  nicht  noch  so  vieles  ahn- 
dete, manchmal  nur  aufschwebte,  daß  ich  hoffen  könnte, 
wenn  Schönheit  und  Größe  sich  mehr  in  dein  Gefühl  webt, 
wirst  du  »Gutes  und  Schönes«  thun,  reden  und  schreiben, 
ohne  daß  dus  weißt,  ivarum.fs. 

Diesem  bewußten  Streben  nach  dem  unbewußten 
Schaff'en  und  Denken,  wie  Herder  es  forderte,  begegnen 
wir  noch  öfter  in  Goethes  Frühzeit.  So  schreibt  er  aus 
seinem  Sehnen  heraus,  dem  bewußten  Denken  zu  entrinnen, 
in  den  »Briefen  aus  der  Schweiz«,  worin  er  das  »Naive« 
in  seinem  Werthe  entdeckt  und  sucht:  »Es  ist  mir  nie  so 
deutlich  geworden  wie  die  letzten  Tage,  daß  ich  in  der 
Beschränkung  glücklich  sein  könnte,  so  gut  glücklich  sein 
könnte,  wie  jeder  andere,  wenn  ich  nur  ein  Geschäft  wüßte, 
ein  rühriges,  das  aber  keine  Folge  auf  den  Morgen  hätte, 
das  Fleiß'und  Bestimmtheit  im  Augenblick  erforderte,  ohne 
Forsicht  und  Rücksicht  ;^7f  verlangen.  Jeder  Handwerker 
scheint  mir  der  glückUchste  Mensch,  was  er  zu  thun  hat, 
ist   ausgesprochen;   was   er   leisten   kann,   ist  entschieden; 


'  Auch  der  für  Goethe  so  wichtige  Begriff"  der  »Dumpfheit«  und 
der  »Stille«  erscheint  klar  in  Herders  Schrift. 


l68  Abhavdlungen, 


er  besinnt  sich  nicht  bei  dem,  was  man  von  ihm  fordert,  er 
arbeitet  ohne  :(u  denken,  otine  Anstrengung  und  Hast,  aber 
auch  mit  Application  und  Liebe,  wie  der  Vogel  sein  Nest, 
wie  die  Biene  ihre  Zellen  herstellt;  er  ist  eine  Stufe  über 
dem  Thier,  und  ist  ein  gmi^er  Mensch.a 

Damals,  als  ihm  unter  Herders  Führung  die  Bedeutung 
des  Unbewußten  aufgegangen  war,  mag  er  auch  zuerst 
»die  geheime  psychologische  Wendung«  gefunden  haben, 
durch  die  er,  wie  er  am  i.  December  183 1  an  Wilhelm 
von  Humboldt  schreibt,  »sich  glaubte  zu  einer  Art  Pro- 
duktion erhoben  zu  haben,  welche  bei  völligem  Bewußtsein 
dasjenige  hervorbrachte,  was  ich  jetzt  noch  selbst  billige, 
ohne  vielleicht  jemals  in  diesem  Flusse  wieder  sclnvimmen 
zu  können,  ja  was  Aristoteles  und  andere  Prosaisten  einer 
Art  von  Wahnsinn  zuschreiben  würden.«' 

So  konnte  er  denn  genießen: 

Was  von  Menschen  nicht  gewußt,  (d.  h.  unbewußt) 

Oder  nicht  bedacht, 

Durch  das  Labyrinth  der  Brust 

Wandelt  in  der  Nacht. 

So  bezeichnet  er  sich  selbst  in  seinem  Schaffen  als 
Nachtwandler  und  Schiller  findet  an  ihm,  daß  er,  so  lange 
er  arbeite,  im  Dunkeln  sei.  In  dem  Aufsatz  »Einwirkung 
der  neuern  Philosophie«  nennt  Goethe  diesen  Zustand 
»fruchtbare  Dunkelheitii.  Und  in  den  »Zahmen  Xenien« 
singt  er: 

Ja  das  ist  das  rechte  Gleis 
Daß  man  nicht  weiß, 
Was  man  denkt, 
Wenn  man  denkt. 
Alles  ist  wie  geschenkt. 

Und: 

All  unser  redUchstes  Bemühn 

Glückt  nur  im  unbewußten  Momente; 

Wie  möchte  denn  die  Rose  blühn. 

Wenn  sie  der  Sonne  Herrlichkeit  erkennte. 

In  dem  berühmten  Briefe,  in  dem  Schiller  »mit  freund- 
schaftlicher Hand  die  Summe  von  Goethes  Existenz  zog«, 

'  Man  vergleiche  zu  dieser  Stelle  Humboldts  Antwort  im  nächsten 
Brief  und  Goethes  weitere  Erklärung  in  seinem  letzten  Schreiben  vom 
17.  März  1832.  Besonders  wichtig  ist  Humboldts  Bemerkung,  daß 
Goethe  um  kein  Haar  weniger  eine  philosophirende  und  grübelnde 
Natur  gewesen  sei  als  Schiller,  d.  h.  also  nicht  ursprünglich  naiv. 


Herder  uxd  Goethe.  169 


scheint  ihm  am  Bilde  des  neugewonnenen  Freundes  als 
der  bewundernswertheste  Zui^'  die  Naivität  seines  Genius. 
»In  Ihrer  richtigen  Intuition  liegt  alles  und  weit  vollständiger, 
was  die  Analysis  mühsam  sucht,  und  nur  weil  es  als  ein 
Ganzes  in  Ihnen  liegt,  ist  Ihnen  Ihr  eigner  Reichtum  ver- 
borgen, denn  leider  wissen  wir  nur  das,  was  wir  scheiden. 
Geister  Ihrer  Art  wissen  daher  selten,  wie  weit  sie  ge- 
drungen sind,  und  wie  wenig  Ursache  sie  haben,  von  der 
Philosophie  zu  borgen,  die  nur  von  ihnen  lernen  kann. 
Diese  kann  bloß  :;^er gliedern,  was  ihr  gegeben  ward,  aber 
das  Geben  selbst  ist  nicht  Sache  des  Analytikers,  sondern 
des  Genies,  welches  unter  dem  dunkeln,  aber  sichern  Ein- 
fluß reiner  \^ernunft  nach  objektiven  Gesetzen  verbindet. k 
Und  mit  dem  Seherblick  des  Dichters  dringt  Schiller  sogar 
bis  zu  dem  Geheimniß,  das  Goethe  es  möglich  machte, 
als  reflectirender  moderner  Mensch  zum  unbewußt  intui- 
tiven Schaflcn  zu  gelangen.  »Aber  diese  logische  Richtung, 
welche  der  Geist  der  Reflexion  zu  nehmen  genöthigt  ist, 
verträgt  sich  nicht  wohl  mit  der  ästhetischen,  durch  welche 
allein  er  bildet,  Sie  haben  also  eine  Arbeit  mehr :  denn  so 
wie  Sie  von  der  Anschauung  zur  Abstraktion  übergingen,  so 
mußten  Sie  nun  rückwärts  Begriffe  wieder  in  Intuitionen 
iiniiuandeln  und  Gedanken  in  Gefiible  veriuandeln,  weil  nur 
durch  diese  das  Genie  hervorbringen  kann.«  Schiller  konnte 
nicht  wissen,  daß  Goethe  einst,  in  den  Tagen,  wo  er  unter 
Herders  Führung  nach  dem  unbewußten  Schaff'en  rang, 
diesem  schrieb :  »Ich  brauche  Zeit,  das  (d.  h.  seine  drama- 
tischen Pläne  und  Gedanken)  -um  Gefühl  ^/<  entwickeln.if. 

Wir  dürfen  es  heute  wohl  bedauern,  daß  Schiller  nicht 
geschichtlich  übersehen  konnte,  wie  der  Freund,  der  ihm 
zum  Bilde  des  naiven  Dichters  saß,  in  seinem  Denken  und 
Wesen  mit  Herder  verwachsen  war.  Und  wer  hätte  es 
nicht  schon  beklagt,  daß  es  Schiller,  nachdem  er  seine 
kantische  Periode  überwunden  hatte,  nicht  vergönnt  war, 
zu  erkennen,  wie  sich  sein  eigenes  reifstes  Denken  mit  den 
Ahnungen  und  Gedankenblitz'en  Herders  begegnete?  Die 
Ausführungen  der  ästhetischen  Briefe  und  der  Abhandlung 
über  naive  und  sentimentalische  Dichtung,  die  tiefsinnige 
Mystik  von  Gedichten  wie  der  »Genius«  erscheinen  doch 
wfe  die  Ernte  von  Herders  Gedankensaat  und  wie  die  Er- 
füllung seiner  Weissagung  des  kommenden  Dichters,  der 
»den  kühnen  Weg  über  die  unbetretenen  Höhen  der  Ver- 
nunft ins  Gebiet  der  Leidenschaften  wandelnd,  die  ":rößte 
Höhe  des  poetischen  Genies  in  unserer  Stuff"e  der  Kultur 
wäre.«    (W.  i,  476.) 

Aber  dürfen  wir  in  dieser  Stunde  einen  Augenblick 
träumen,  daß  sich  am  Todestage  Herders  die  drei  Großen 


170 


Abhandlungen. 


im  Jenseits  freundlicli  begegnen,  dann  mögen  sie  wohl  in 
seliger  Vergessenheit  alles  Persönlichen,  das  sie  einst  trennte, 
sich  des  Wahren,  Guten  und  Schönen  freuen,  das,  von 
jedem  an  der  heihgen  Quelle  geschöpft,  heute  unter  ihrem 
Volke  lebendig  ist.  Dann  mag  es  Herder  wohl  erscheinen, 
als  sei  das  Denken  und  Dichten  seines  Jugendfreundes  die 
herrhchste  Erfüllung  seiner  Weissagung  und  Lehre,  und  es 
wird  ihm  sein,  als  habe  Schiller  noch  schöner  ausgesprochen, 
w'as  ihm  ahnend  einst  auf  der  Lippe  schwebte.  —  — 

Uns  Nachgebornen  aber  will  es  dann  wohl  vorkommen, 
als  hörten  wir  mitten  in  den  Gründen  der  modernen  Welt, 
auf  die  der  kalte  Nebel  des  Mechanismus  drückt,  plötzUch, 
wie  in  der  Ferne,  die  silberne  Quelle  des  Lebens  rauschen. — 

Und  hinter  dem  Standbilde  Goethes  und  Schillers  er- 
hebt sich  uns  immer  klarer  und  leuchtender  die  Propheten- 
gestalt Herders. 


fi^^r 


6. 


Hebbel  und  Goethe. 

Vox 

Richard  Maria  Werner. 


riedrich  Hebbel  zählte  neunzehn  Jahre,  als  Goethe 
starb,  aber  für  den  jungen  Dithmarscher  Dichter, 
der  schon  drei  Jahre  vorher  mit  lyrischen  Ver- 
suchen hervorgetreten  war,  bedeutete  Goethe  noch  nicht 
viel  mehr  als  einen  Namen.  Das  setzt  einen  heutigen 
Beobachter  kaum  in  Erstaunen,  denn  er  weiß,  wie  spät 
Goethes  Werke  in  die  breiteren  Schichten  des  Volkes 
drangen  und  wie  schwer  es  den  meisten  Menschen  damals 
fiel,  sich  auch  nur  mit  den  hauptsächlichsten  Erzeugnissen 
seines  weltumfassenden  Geistes  bekannt  zu  machen.  Der 
arme  Maurersohn  von  Wesselburen  mußte  froh  sein,  im 
Besitze  seines  Lehrers  Dethlefsen  einige  Lieblingsautoren 
jener  Zeit  vorzufinden  und  zu  lesen,  er  scheint  auch  in  der 
Bibliothek  seines  Chefs,  des  Kirchspielvogts  J.  J.  Mohr, 
nichts  von  Goethe  entdeckt  zu  haben.  Schiller  stand  ihm 
zu  allerhöchst,  Bürger,  Matthisson,  Sallet,  Salis-Seewis, 
Zschokke,  Contessa,  Hauff,  Musäus,  waren  die  Dichter,  die 
ihn  beschäftigten,  der  Don  Quixote  erfüllte  ihn  mit  Grauen. 
Einige  Gedichte  von  Goethe  waren  ihm  zwar  bekannt,  aber 
er  hatte  sie  noch  nicht  zu  erfassen  gelernt,  weil  ihm  ihr 
Feuer  ein  unterirdisches  und  Goethe  nur  ein  Vorläufer 
Schillers  schien.  Vom  ersten  Theil  des  »Faust«  besaß  der 
gefürchtete  Pastor  Meyn  allerdings  ein  Exemplar,  aber  an 
ihn  konnte  Hebbel  nicht  herankommen,  und  nur  einmal 
gelang  es  ihm  unter  tragikomischen  Umständen  das  Buch 


172  Abhandlukgex. 


für  eine  halbe  Nacht  zu  erhalten  und  ohne  weiteren  Ein- 
druck zu  verschlingen.  Erst  Uhland  mußte  dem  werdenden 
Poeten  die  Augen  öffnen  und  die  bisher  so  hochgeschätzte 
Rhetorik  gründlich  verleiden,  darum  blieb  Uhland  für  so 
lange  Zeit  der  verehrte  Vertreter  wahrer  Poesie  im  Ge- 
fühle Hebbels,  der  Prophet,  der  ihn  mit  Feuer  taufte. 

Als  Hebbel  dann  1835  nach  Hamburg  übersiedelte  und 
durch  seinen  Lateinlehrer  Gravenhorst  in  den  »Wissen- 
schattlichen  Verein  von  1817«,  eine  Gymnasiastenverbindung, 
eingeführt  wurde,  begrüßte  ihn  sofort  an  der  Schwelle 
Goethes  Faust.  Gravenhorst  hatte  seine  großstädtische 
Reife  dadurch  bewiesen,  daß  er  im  Anschluß  an  einen 
bereits  1825  von  O.  Krabbe  gehaltenen  Vortrag  und  als 
Fortsetzung  eines  eigenen  1834  abgefaßten  Aufsatzes  »Ideen 
zu  den  Ideen  des  Herrn  Otto  Krabbe  über  die  Idee  des 
Goetheschen  Faust«  den  Mitgliedern  zur  Beurtheilung  vor- 
legte. Es  war  die  erste  Arbeit,  die  Hebbel  zu  rezensiren 
hatte.  Er  mußte  gestehen',  daß  er  den  zweiten  Theil  des 
»Faust«  überhaupt  noch  niemals,  den  ersten  nur  ein  ein- 
ziges Mal  flüchtig  gelesen  habe,  und  sich  darum  mit  wenigen 
bescheidenen  Anmerkungen  begnügen.  Aber  wir  sehen,  daß 
er  bemüht  war,  diese  Lücke  seines  Wissens  auszufüllen, 
wie  so  viele  andere,  weil  er  schon  zwei  Monate  später  in 
seiner  Untersuchung  über  Kleist  und  Körner  sehr  einsichtig 
den  Unterschied  zwischen  den  Charakteren  bei  Schiller  und 
bei  Goethe  darlegt  und  das  hübsche  Wort  prägt:  »Goethe 
zeichnet  die  unendlichen  Schöpfungen  des  Augenblicks, 
die  ewigen  Modificationen  des  Menschen  durch  jeden  Schritt, 
den  er  thut;  dieß  ist  das  Kennzeichen  des  Genies.«  Sofort 
sucht  er  auch  in  seiner  damals  entstandenen  Novelle  »Barbier 
Zitterlein«  dieselbe  Methode  der  Charakterzeichnung  zu 
geben  und  zu  zeigen,  wie  der  unglückliche  Vereinsamte 
durch  die  Eindrücke  des  Augenblicks  weiter  und  weiter 
geführt  wird  in  Zweifel,  Wuth,  Schuld,  Wahnsinn,  endUch 
aber  auch  zum  Heil;  in  seiner  früheren  Erzählung  »Die 
Räuberbraut«  ist  davon  erst  ein  Keim  zu  bemerken,  in  den 
noch  älteren  Versuchen  dagegen  keine  Spur. 

Aber  erst  während  des  Heidelberger  Sommersemesters 
1836  versenkte  sich  Hebbel  wirklich  in  Goethe,  dessen 
Geburtshaus  er  beim  Durchmarsch  durch  Frankfurt  gesehen 
hatte.  Gravenhorst  stellte  ihm  seine  Ausgabe  zur  Ver- 
fügung und  nun  las  Hebbel  nicht  nur  die  Werke,  sondern 
auch  die  Briefwechsel,  aus  denen  er  sich  vieles  notirte,  und 

'  Ich  verweise  durchaus  auf  meine  historisch-kritische  Ausgabe 
von  Hebbels  Sämthchen  Werken  und  seiner  Tagebücher  (Berhn,  B.  Behrs 
Verlag),  wo  die  eingehenden  Register  das  Auffinden  der  einschlägigen 
Stellen  rasch  ermöglichen. 


Hebbel  und  Goethe.  175 


drang  in  das  Wesen  der  Goethischen  Persönlichkeit.  Die 
Folgen  blieben  nicht  aus:  vor  allem  that  es  ihm  das  Uni- 
versale Goethes  an  und  erschien  ihm  als  das  hohe  Ideal 
für  einen  Dichter.  Nun  begann  sich  in  ihm  mehr  und 
mehr  die  Ueberzeugung  zu  befestigen,  daß  er  selbst  ein 
Dichter  sei  und  die  Pflicht  habe,  semen  wahren  Beruf  aus- 
zufüllen, ohne  Rücksicht  auf  die  praktischen  Bedürfnisse; 
das  Beispiel  Goethes  aber  belehrte  ihn,  wie  viel  dazu  ge- 
höre, wie  gleichmäßig  die  Persönlichkeit  eines  Dichters 
ausgebildet  werden  müsse,  wenn  sie  nach  dem  Großen 
strebe.  Mit  einem  geradezu  rührenden  Eifer  bemüht  er  sich, 
diesem  Ideal  nachzukommen,  liest  und  studirt,  beobachtet 
und  lernt,  schaut  und  er\veitert  seinen  Horizont,  zum  Zeichen, 
wie  ernst  er  es  meinte;  sogar  die  Wolkenbildungen  und 
die  Farbentöne  des  Himmels  hält  er  in  Tagebuchnotizen 
fest  und  schon  schwebt  ihm  eine  Reise  nach  Italien  als 
Bildungsmoment  vor.  »Erfassen  mögt  ichs,  so  weit  es 
menschlichem  Geist  möglich  ist,  was  gelebt  hat  in  jenen 
ewigen  Meistern,  darstellen  durchs  Wort  wenigstens  ihre 
Intention  und  dem  Auge  Rechenschaft  abnehmen  für  den 
Verstand.  Dazu  aber  gehört  bei  bestem  Naturell  ernst- 
unablässiges Studium,  anzufangen,  sobald  man  seine  Noth- 
wendigkeit  erkannt  hat,  fortzusetzen  bis  an  den  Tod«,  so 
schreibt  er  am  28.  Juli  1836  dem  Wesselburner  Freunde 
Wacker.  Noch  eines  bestätigte  ihm  Goethe,  was  freilich 
schon  in  ihm  gelegen  hatte:  »alles  Höchste,  in  welchem 
Gebiet  es  auch  sei,  erscheint  nur,  und  wird  selbst  durch  den 
geweihtesten  Priester  vergebens  gerufen;«  das  Schaffen 
muß  einer  inneren  Nothwendigkeit,  einem  unwidersteh- 
lichen Zwang  aus  der  Seele  des  Produzirenden  entstammen, 
sein  Werk  muß  werden,  er  darf  es  nicht  machen,  wollen, 
bezwecken.  Für  Hebbel  ergibt  sich  daraus  ein  jahrelanges 
Bescheiden,  ein  ruhiges  Abwarten  der  günstigen  Stunde; 
er  beschränkt  sich  auf  Lyrik  und  Epik,  obwohl  ihn  alles 
zum  Drama  zieht,  weil  er  sich  dieser  Gattung  noch  nicht 
gewachsen  fühlt,  er  ruft  die  Kunst  nicht,  sondern  sie  ruft 
ihn.  Und  noch  ein  Drittes  gewann  er  durch  Goethe: 
Sinn  für  jenes  Unbegreifliche,  das  er  unter  dem  Ausdruck 
»Styl«  zusammenfaßt,  und  allmählich  Herrschaft  darüber. 
Hebbel  ist  sein  ganzes  Leben  hindurch  von  diesen  Erkennt- 
nissen nicht  mehr  abgewichen  und  so  durch  Goethes  Schule 
gefördert  worden. 

Mit  dem  Entschluß,  nach  München  zu  gehen,  vollzog 
sich  eine  Wendung  in  Hebbels  Leben:  er  gab  das  juridische 
Fachstudium  auf,  um  sich  ganz  der  Literatur  zu  widmen, 
und  wählte  München  außer  der  dortigen  Billigkeit  wegen 
auch  noch  aus  dem  Grund,  weil  er  nur  dort  in  ganz  Deutsch- 


174  Abhandluxgex. 


land  die  Möglichkeit  hatte,  die  Kunstwerke  in  reicherem 
Maße  zu  schauen.  Diese  plötzHch  erwachende  Sehnsucht 
nach  der  bildenden  Kunst  dürfen  wir  wohl  auch  dem 
Goethischen  Einflüsse  zuschreiben.  Auf  der  Fußreise  dahin 
folgte  er  Goethes  Spuren  während  der  drei  bis  vier  Tage, 
die  er  in  Straßburg  zubrachte;  auf  dem  Münster  dachte  er 
nur  an  ihn,  mit  Rührung  stand  er  vor  der  kleinen  Tafel, 
auf  der  sein  Name  eingehauen  ist,  »ich  sah  ihn,  wie  er 
mit  seinem  Adler-Auge  hinein  schaute  in  das  reiche,  herr- 
liche Elsaß  und  wie  Götz  von  Berlichingen  vor  seiner  Seele 
auftauchte  und  ihn  um  Erlösung  anflehte  aus  langem  Tod 
zu  ewigem  Leben.  Ich  sah  ihn  unten  im  Dom,  wo  die 
Idee  der  reinsten,  himmel -süßesten  Weiblichkeit,  des 
Gretchens,  vor  ihm  aufging.  Mir  war,  als  ergösse  sich 
der  Strom  seines  Lebens  durch  meiite  Brust,  es  war  ein 
herrhcher,  unvergänglicher  Tag!«  Dem  mächtig  erregten 
Gefühl  machte  Hebbel  in  dem  Gedichte  »Traum«  (Der 
Becher)  Luft,  das  auf  dem  Münster  entstand. 

In  München  folgten  harte  Jahre  des  einsamen  Arbeitens 
an  sich  selbst,  eine  Befestigung  der  eigenen  PersönUchkeit 
unter  Noth  und  Druck,  ein  Ringen  mit  den  höchsten 
Problemen,  aber  nur  wenig  dichterische  Werke,  von 
lyrischen  Gedichten  abgesehen,  rundeten  sich  während 
dieser  Zeit.  Immer  wieder  kehrte  Hebbel  zu  Goethe  zurück, 
auch  wenn  er  sich  an  Jean  Paul  erbaut  hatte;  Goethe  bUeb 
ihm  der  Höchste!  Und  schon  versucht  er,  die  Stelle  heraus- 
zufinden, die  Goethe  innerhalb  der  Weltliteratur  ein- 
nimmt; er  glaubt  in  ihren  Koryphäen  ein  aufsteigendes 
Prinzip  wahrnehmen  zu  können:  »So  beherrscht  im  Gegen- 
satze zu  Homer  der  Epiker  Dante  zugleich  Himmel  und 
Erde,  so  ist  der  Humorist  Richter  ein  erweiterter  Sterne 
und  Goethe  ein,  wo  nicht  verklärter,  so  doch  klarerer 
Shakespear.«  Das  war  freilich  noch  nicht  das  letzte  Resultat, 
denn  er  hat  es  später  selbst  corrigirt,  aber  ein  Zeichen  des 
w^achsenden  Verständnisses.  Mit  welchem  Entzücken  schreibt 
er  über  die  Iphigenie,  die  er  »etwas  in  Mark  und  Bein 
dringendes«  nennt;  die  Finger  müsse  man  sich  lieber  ab- 
beißen, als  damit  zu  schreiben,  wenn  man  dieses  Werk 
sieht,  aus  ihm  lernt;  der  Monolog  »Vor  meinen  Ohren 
tönt  das  alte  Lied  .  .«  macht  ihm  das  Herz  auseinander 
springen.  Voll  Verzweiflung  ruft  er  einmal:  »Die  Natur 
sollte  keine  Dichter  erwecken,  die  keine  Göthes  sind«, 
dann  aber  leuchtet  ihm  doch  wieder  das  Beispiel  Goethes 
vor.  Das  Fachstudium  hat  er  aufgegeben,  aber  nicht,  um 
in  Bequemlichkeit  und  Selbstzufriedenheit  als  Dilettant  den 
Faden  aus  sich  herauszuspinnen,  sondern  um  sich  eine 
höhere    Ausbildung    zu    erwerben;    dem    federgewandten 


HlvBHF.L   UND    GOF.TIIF..  175 


Literaten  Eduard  Janinski  (Jahnens),  der  behauptet  hatte, 
alle  Schulgelehrsamkeit  der  Welt  vergrößere  die  poetische 
Mitgabe  um  kein  Haar,  erwidert  er:  »Das  ist  wahr,  aber 
daraus  folgt  noch  Nichts,  was  jene  Schulgelehrsamkeit 
verächtlich  oder  auch  nur  entbehrlich  machte  ....  Daraus, 
daß  der  Dichter  in  einer  Hinsicht  7nehr  besitzt,  folgt  nicht, 
daß  er  in  der  andern  weniger  besitzen  dürfe;  eher  das 
Gegentheil  .  .  .  Goethe  war  eine  Encyklopädie  .  .  .«  Darum 
ringt  er  nach  Bildung,  denn  er  eifert  diesem  »Hohepriester 
der  Kunst«  nach,  darum  ringt  er  aber  auch  nach  Selbstcändig- 
keit,  weil  er  davon  überzeugt  war,  daß  er  sich  nur  dann 
in  ein  würdiges  Verhältniß  zu  ihm  setze,  wenn  er  ihn 
möglichst  zu  entbehren  suche. 

Das  bewies  er  schon  damals,  indem  er  Goethe  durch 
Goethe  bekämpfte,  den  Goethe  von  achtzig  Jahren  durch 
den  Goethe  von  dreißig.  Er  las  nämlich  Eckermanns  Ge- 
spräche, in  denen  ihm  die  Anerkennung  Platens  und 
Kückerts  im  Gegensatz  zur  kühlen  Behandlung  Uhlands 
durch  Goethe  nicht  verständlich  schien;  die  Wege  jener 
beiden  hielt  er  für  verfehlt,  ihre  Prinzipien  für  verwirrend, 
eine  Poesie,  wie  die  ihre,  wollte  er  nicht  gelten  lassen  und 
folgerte  aus  dem  Schaffen  Goethes,  daß  auch  dieser  fünfzig 
Jahre  früher  anders  gedacht  habe,  weil  er  sonst  schwerlich 
der  Stolz  Deutschlands,  die  Bewunderung  Europas  geworden 
wäre.  Auch  Goethes  Ürtheil  über  Kleist  verwarf  er,  indem 
er  gegen  die  Behauptung',  solche  Fälle,  wie  Michel  Kohlhaas, 
müsse  man  nicht  im  Weltlauf  geltend  machen,  bescheiden 
erwidert:  »Das  ist  wahr,  insofern  man  daraus  keine  Schlüsse 
zum  Nachtheil  des  Allgemeinen  ziehen  darf.  Doch  scheint 
mir,  der  Dichter  muß  eben  auf  Ausnahmen  der  Art  seine 
Aufmerksamkeit  richten,  um  zu  zeigen,  daß  sie  so  gut  aus 
dem  Menschlichsten  entspringen,  wde  dieDutzend-Exempel.« 
Da  wetterleuchtet  schon  das,  was  Hebbel  erst  später  mit 
größerer  Ausführlichkeit  behandelt. 

Auch  hier  durfte  Hebbel  übrigens  glauben,  mit  Goethe 
dem  Wesen  nach  übereinzustimmen,  denn  ihm  waren 
Goethes  und  Uhlands,  »dieser  göttlichen  Meister«,  Lieder 
deswegen  so  herrlich,  weil  sie  ihm  das  menschliche  Gemüth 
im  Tiefsten  zu  erschließen,  seine  dunkelsten  Zustände 
durch  himmelklare  Melodieen,  es  durch  sich  selbst  zu  be- 
rauschen und  zu  erquicken  schienen.  Wenn  die  Lyrik 
tiefinnerliche  Gemüthsanschauungen  zu  bringen  hat,  dann 
muß  sie  auch  das  Außerordentliche  behandeln  und  dann 
läßt  sich  wohl  auch  für  die  anderen  Dichtungsarten  etwas 

^  Falk,    Goethe    aus   näherm   persönlichen   Umgange   dargestellt. 

2.   Aufl.,   S,    121. 


Ij6  Abhaxdluxgex. 


ähnliches  verteidigen.    Und  Hebbel  ging  in  dieser  Richtung 
noch  weiter;    er  suchte  sich  das  zu  erklären,  was  Goethe 
unter  Naivität  verstand',    und   kam   zu  dem  Resultate,    es 
gebe  Augenblicke,  »wo  der  Mensch  durch  That  oder  Wort 
sein  Innerstes   und  Eigenthümlichstes   ausdrückt,    ohne   es 
selbst  zu  wissen;    die  Kraft  des  Dichters  hat  sich  in  ihrer 
Erfassung  zu  bethätigen.«    Das  bis  zu  einer  gewissen  Grenze 
unbewußte  Schaffen    des  Dichters    war    eme    der    Grund- 
überzeugungen Hebbels,  er  erkannte,  daß  poetische  Werke 
nicht    Thaten    der    Absicht,    des    Zwecks,    sondern    noth- 
wendige  Befreiungen  des  Dichters  von  einer   inneren  Last 
seien,   und  befand  sich  damit  vollständig  im  Einklang  mit 
Goethe.    Der  Dichter  sucht  nicht  nach  einem  Stoffe,    der 
Stoff  sucht    ihn,    und  wenn   er  so   keine  Wahl    hat,    dann 
muß  er  eben  einen  »Michel  Kohlhaas«  hervorbringen.    Mit 
diesem    inneren  Zwang   hängt  aber   noch   etwas  weiteres 
zusammen,  daß  sich  nämUch  sein  Werk  nicht  verstandes- 
mäßig  aufnehmen  lasse.     Elise  Lensing  muß  geschrieben 
haben,    sie   kapire  nicht  Alles  im  »Siebenkäs«,   worauf  ihr 
Hebbel  erwidert:   »Wehe  dem  Dichter,   dessen  Werk  man 
im  gemeinen  Verstand  kapiren  kann!  Er  ist  entweder  Nichts, 
oder  hat  wenigstens  Nichts  gemacht.     Jedes  wahre  Kunst- 
werk ist  unendlich  und  wirkt  das  Unendliche;  es  steht,  wue 
eine  That,  als  abgerissene  Erscheinung,  auf  die  ein  doppeltes 
Licht  fällt,   zwischen  zwei  Unbegreithchkeiten;   man  fragt 
sich,  wie  bei  einer  That,  umsonst,  was  vorher  gegangen  sei 
und  was  folgen  werde.«     Wem   fiele   dabei  nicht  Goethes 
Wort  ein,  das  er  am  6.  Mai  1827  zu  Eckermann  über  das 
Arbeiten  nach  einer  Idee  brauchte  mit  der  Schlußw^endung: 
»je    inkommensurabler  und   für  den  Verstand  unfaßUcher 
eine  poetische  Produktion  ist,  desto  besser.«     Hebbel  be- 
wunderte    die    Kunst    Goethes     in    den    »Wahlverwandt- 
schaften« und  —  Kleists  in  den  »Novellen«  deshalb,  weil  sie 
es  verstehen,   »Seelen-Ereignisse  und  Geistes-Revolutionen 
ohne  Zergliederung  und  Beschwätzung  unmittelbar  durch 
das    Tun    und    Leiden    des    Menschen    zu    zeichnen«;    so 
konnte  er  sich   in  Goethes  Ablehnung  gegen  Kleist  nicht 
hineinfinden.     Vorübergehend  dachte  er  sogar  daran,   eine 
Broschüre  »über  einige  merkwürdige  Urtheile  Goethes  aus 
seiner  spätesten  Zeit«  zu  schreiben,  jedesfalls  zur  Vertheidi- 
gung  Uhlands    und   Kleists,    zur  Verwerfung   Platens   und 
Rückerts;  wir  können  die  Tendenz  errathen,  denn  er  sagt, 
Goethes   spätere   Urtheile    über  Schriftsteller   und    Bücher 
seien  nicht  Urtheile  seines  Magens,  sondern  seines  Gaumens. 
Während  seines  Münchner  Aufenthaltes  befestigte  sich 


Wohl  mit  Rücksicht  auf  Eckermanns  Gespräche  vom  14.  Nov.  1823. 


Hebbel  und  Goethe.  I77 


Hebbel  in  Goethe,  dessen  Romane  und  Prosaschriften  ihn 
vor  allem  beschäftigten,  er  sucht  sich  Rechenschaft  über 
die  verschiedenartigen  Eindrücke  zu  geben,  die  sie  hervor- 
rufen, er  möchte  ilirer  Kunst  auf  den  Grund  kommen.  Am 
meisten  imponirten  ihm  schon  jetzt  die  »Walilverwandt- 
schaften«,  über  die  er  in  Hamburg  bei  Amalia  Schoppe 
dann  bald  mit  Wihl  und  Gutzkow  hart  aneinander  gerieth 
und  denen  er  nachher  neben  dem  »Faust«  einen  so  bedeut- 
samen Platz  in  der  Weltliteratur  anwies. 

Der  »diamantklare  Goethe«  steht  ihm  jetzt  so  hoch, 
daß  er  jedes  Mal  in  Harnisch  geräth,  wenn  er  einen  Nach- 
treter  sich  Goethischer  Freiheiten  bedienen  sieht;  schon 
damals  hat  er  einsehen  lernen,  daß  es  individuelle  Ab- 
weichungen von  den  allgemeinen  Kunstgesetzen  gibt,  daß 
sie  aber  nur  einem  Genie  gestattet  sind.  Darum  vertheidigt 
er  den  »Götz«  gegen  seine  Nachahmer,  sogar  für  die 
»Wanderjahre«  mit  ihrer  bequemen  Technik  hat  er  ein 
volles  Verständnis.  Es  könnte  wirklich  scheinen,  als  sei 
Hebbel  jetzt  ein  Goethomane  geworden,  wenn  er  sein  Ent- 
zücken über  »Wilhelm  Meister«,  »die  Natürliche  Tochter«, 
»Faust«,  die  Jugendlieder  ausspricht;  aber  die  »Stella«  wird 
verworfen  als  ein  dürres  und  leeres  Drama,  zwischen  Schlafen 
und  Wachen  gemacht,  um  das  Handwerk  doch  nicht  ruhen 
zu  lassen,  am  Faust  die  Magie  wenigstens  als  etwas  Vergäng- 
Hches  angesehen  und  am  Wilhelm  Meister  auch  nicht  alles 
ohne  Zweifel  hingenommen.  Und  schon  begegnen  wir 
einem  Ausspruch,  der  uns  noch  zu  beschäftigen  haben  würd, 
Goethe  stelle  in  seinen  Jugendliedern  die  reine  Seligkeit 
dar,  die  Seligkeit  an  sich,  die  aus  dem  Dasein  selbst  ent- 
springt; andere  nur  die  errungene  Seligkeit. 

Hebbel  war  nun  schon  selbst  als  Dramatiker  hervor- 
getreten, aber  kaum  in  einem  Ausdruck,  viel  weniger  im 
Großen  ließe  sich  Einfluß  Goethes  an  der  »Judith«  oder  der 
»Genoveva«  nachweisen,  selbst  die  Volksscenen  würden  nur 
insofern  zu  nennen  sein,  als  Hebbel  das  Volk  in  Masse  für 
miserabel  ansah  und  durch  die  Niederländer  im  »Egmont« 
diese  Meinung  bestätigt  fand.  Wichtiger  ist  jedoch  die 
Stellung,  die  Hebbel  seinen  Dramen  im  Verhältnis  zur  Zeit 
anwies,  weil  er  sich  darin  direkt  auf  Goethe  bezog.  Seiner 
Ansicht  nach  war  das  höchste  Drama  bisher  zweimal  her- 
vorgetreten, bei  den  Griechen,  als  der  Olymp  leer  wurde 
und  das  Fatum  die  Individuen  maßlos  herabdrückte,  dann 
bei  Shakespeare,  der  die  Individuen  »emanzipierte«,  wie 
der  Protestantismus;  dort  stellt  sich  der  nothwendige  Karnpf 
zwischen  dem  Menschen  und  der  sittlichen  Macht  ein,  hier 
entwickelt  er  sich  nur  zwischen  den  Menschen  untereinander, 
oder  im  Inneren  des  Menschen  auseinander,  wie  bei  Hamlet. 

Goethe-Jahrbvch  XXV.  12 


178  Abhandlungen. 


Nun  sah  er  aber  in  Goethes  Faust  und  »in  den  mit  Recht 
dramatisch  genannten  Wahlverwandtschaften«  den  Grund- 
stein zu  einem  neuen  großen  Drama,  das  den  letzten  Schritt 
thut  und  die  Dialektik  unmittelbar  in  die  Idee  selbst  verlegt, 
so  daß  der  Widerspruch  nicht  in  den  Individuen,  sondern 
im  Zentrum,  um  das  sie  sich  bewegen  und  soweit  sie  es 
erfassen,  aufgezeigt  wird;  der  erste  Theil  das  Faust  im 
Glauben,  die  Wahlverwandtschaften  in  der  Idee  der  Ehe, 
wobei  die  Extreme  nebeneinander  hervortreten.  Darin 
erkannte  Hebbel  die  Aufgabe  des  modernen  Dramas,  das 
mehr  sein  will  als  eine  bloße  Wiederholung  und  durchaus 
über  das  Shakespearesche  hinausgehen  muß;  das  Ringen 
der  Menschheit  um  eine  neue  Form  erschien  ihm  als  das 
Problem,  zu  dem  Goethe  wohl  den  Weg  wies,  ohne  es 
jedoch  zu  bewältigen.  Dieses  Problem,das  Zusammenbrechen 
eines  Weltzustandes,  um  daraus  einen  neuen  auf  Sittlichkeit, 
d.  h,  Nothwendigkeit  beruhenden  erstehen  zu  lassen,  dieses 
Problem  hielt  er  für  das  Einzige,  das  vom  modernen  Drama 
zu  leisten  sei,  und  in  diesem  Sinne  fühlte  er  sich  nun  als 
einen  Schüler  Goethes.  An  der  Clara  seiner  »Maria  Mag- 
dalene«  darf  man  nicht  so  sehr  den  Spuren  Gretchens 
nachgehen,  als  Ottilie  suchen,  deren  himmlische  Schönheit 
ihn  »ein  vielleicht  für  alle  Zeiten  unerreichbares  Meister- 
stück« bedünkte ;  aber  auch  seine  Clara  ist  eine  solche 
»ganz  innerliche  Natur«,  die  erst  im  allergewaltsamsten 
Zustand  ihren  ganzen  Reichthum  entfalten  kann.  In  seiner 
Vertheidigung  dieser  seiner  Heldin  berief  er  sich  allerdings 
auf  Gretchen  und  Klärchen,  aber  nur  um  die  Vorurtheile  der 
Prüderie  zu  widerlegen.  Was  er  drastisch  gegen  den  zweiten 
Theil  des  Faust  jetzt  und  später  einwendet,  trifft  immer 
nur  die  Allegorie  und  mag  wohl  mehr  durch  die  unseligen 
Kommentatoren  damaliger  Zeit  und  ihre  Deklamationen 
über  den  philosophischen  Gehalt,  als  durch  das  Werk  selbst 
hervorgerufen  worden  sein.  In  den  »Wahlverwandtschaften« 
scheint  ihm  die  Ehe  zwischen  Eduard  und  Charlotte  wegen 
ihrer  Nichtigkeit,  ja  UnsittHchkeit  nicht  ganz  als  Symbol 
für  das  Problem  zu  passen,  das  dem  Institut  der  Ehe  gilt. 
Damit  will  aber  Hebbel  nichts  gegen  den  welthistorischen 
Werth  dieser  Werke  sagen,  er  weist  nur  auf  den  Punkt 
hin,  wo  seiner  Meinung  nach  die  Nachfolger  Goethes  ein- 
zusetzen haben,  um  etwas  zu  leisten.  Nicht  der  Tadel 
spricht  aus  solchen  Urtheilen,  sondern  ein  Bedauern,  daß 
Goethe  nicht  alles  gelungen  ist,  wie  so  vieles.  Man  muß 
sich  dies  vor  Augen  halten,  sonst  könnte  man  leicht  auf 
den  Einfall  geraten,  daß  Hebbel  unter  die  Goethefeinde 
gegangen  sei ;  aber  er  macht  es  in  der  Kritik  so,  wie 
überall:  er   gibt  das,  was  er   als  Neues  zu  bieten  hat,  und 


Hebbel  und  Goethe.  179 


setzt  das  Uebrige  als  bekannt  voraus ;  wenn  er  etwas  Ein- 
zelnes bezweitelt,  so  will  er  eben  nur  dieses,  nicht  etwa 
das  Ganze  treffen,  oder,  um  sein  Wort  zu  brauchen,  wenn 
er  erst  zum  D  eine  Bemerkung  mache,  so  bestreite  er  A, 
B,  C  keineswegs.  Die  Pietät  für  die  grossen  Vorgänger 
setzt  er  immer  voraus,  sie  stehen  unerreichbar  vor  ihm, 
wenn  er  auch  erwägt,  wo  für  die  nachfolgende  Generation 
noch  etwas  zu  bieten  übrig  blieb,  um  ihr  selbständigen 
Werth  zu  verleihen.  Das  gilt  für  die  Antike,  für  Shake- 
speare, für  Goethe,  wie  für  Schiller. 

Daß  er  auch  in  Paris,  wo  er  die  Resultate  seines  Nach- 
denkens über  das  Drama  in  einem  »Manifest«  zusammen- 
drängte, für  Goethe  das  Tiefste  fühlte,  geht  aus  einem 
kleinen  Zug  hervor:  am  Weihnachtsabend  1843  erwarb  er 
zur  Feier  des  Festes  um  eine  für  ihn  damals  nicht  unbe- 
deutende Summe  (30  fl.)  einen  Goethe  und  schleppte  seinen 
»Schatz«,  obwohl  er  ziemlich  schwer  zu  tragen  war,  eigen- 
händig aus  dem  Palais  royal  in  seine  Wohnung  (Faubourg 
poisonniere,  Rue  les  petites  ccuries),  um  ihn  nur  ja  sofort 
benutzen  zu  können,  und  schrieb  dann  aus  der  Freude  des 
Besitzes:  »Ich  lese  in  meinem  Goethe«,  was  sich  natürlich 
nur  auf  die  Ausgabe  bezieht. '  Er  kaufte  sie  von  dem 
Honorar,  das  ihm  der  Abdruck  seines  Prologs  zum  »Diamanten« 
im  Stuttgarter  »Morgenblatt«  eingetragen  hatte,  und  gerade 
dieser  Prolog  zeigt  unseren  Dichter  am  stärksten  unter 
dem  Banne  Goethischer  Ausdrucksweise  in  »Des  Künstlers 
Apotheose«  und  im  »Faust«.  Nun  aber,  da  er  wneder 
bequem  Goethes  Werke  verschiedenster  Art  lesen  konnte, 
wiederholt  sich  der  Eindruck  aus  der  Heidelberger  Zeit: 
die  Vielseitigkeit  von  Goethes  Bildung  erscheint  ihm  als  das 
erstrebenswerthe  Ideal  für  jeden  Dichter,  besonders  für 
jeden  Dramatiker.  Was  Schiller  bei  der  Umarbeitung  der 
»Kraniche  des  Ibycus«  seinem  Freunde  beneidete,  das  geht 
jetzt  auch  Hebbel  auf:  von  welcher  Unentbehrlichkeit  dem 
Dichter  »eine  lebendige  Anschauung«  sei.  Den  »Benvenuto 
Cellini«  nahm  er  zuerst  vor,  jedenfalls  weil  er  im  Begriff 
stand,  nach  Italien  zu  reisen,  und  Spuren  dieser  auch  später 
noch  wiederholten  Lektüre  begegnen  wir  dann  in  einzelnen 
iMotiven  des  Dramas  »Michel  Angelo«. 

Aber  gerade  in  Italien  wurde  sich  Hebbel  bewußt,  wie 
weit  er  von  Goethes  umfassenden  Interessen  entfernt  sei, 
denn   die  bildende  Kunst    erschloß  sich  ihm  nur  in  ihren 


'  Mißverstanden  scheint  den  Ausdruck  zu  haben  Albert  Fries. 
«Vergleichende  Studien  zu  Hebbels  Fragmenten«.  Berliner  Beiträge 
zur  germanischen  und  romanischen  Philologie,  XXIV  S.  54,  der  sonst 
manches  Gute  über  Goethes  Einlluß  auf  Hebbel  im  Einzelnen  beibringt. 
Tgl.  auch  Poppe,  Palaestra  VIII. 

12* 


l8o  Abhandlungen. 


Meisterwerken,  während  ihm  alles  bloß  historisch  Bedeutsame, 
dann  alles  Antiquarische  durchaus  fremd  blieb.  In  seiner 
Dichtung  rückte  er  ihm  dadurch  näher,  daß  er  nun  immer 
häufiger  in  Epigrammen  Eindrücke,  Erkenntnisse  und  Lebens- 
resultate aussprach  und  sich  des  Distichons  wie  Goethe  be- 
diente; auch  hier  fehlt  es  fast  ganz  an  wörtUchen  Anklängen, 
aber  die  Praxis  ist  dieselbe,  was  Hebbel  selbst  eingestand. 
Schon  in  Kopenhagen  hatte  er  sich  einmal  den  nicht 
gerade  feinen  Scherz  erlaubt,  dem  alten  Oehlenschläger  ein 
paar  seiner  eigenen  Gedichte  als  angeblich  neu  gefundene 
Theile  des  Sessenheimer  Liederbuches  vorzutragen  und  ihm 
erst  nach  seinem  lauten  Lob  den  wahren  Verfasser  einge- 
standen. Trotzdem  war  er  sich  über  den  Unterschied 
zwischen  seiner  und  der  Goethischen  Dichtung  schon  früh 
klar;  er  brauchte  später,  da  ihn  Palleske  mit  Goethe  ver- 
glichen hatte,  in  einem  Brief  an  Gurlitt  die  Formel :    »Der 

Unterschied    zwischen    Goethe    und    mir besteht 

darin,  daß  Goethe  die  Schönheit  vor  der  Dissona?ii,  die 
Traum-Schönheit,  die  von  den  widerspenstigen  Mächten 
und  Elementen  des  Lebens  Nichts  weiß,  Nichts  wissen  will, 
gebracht  hat  (vergl.  oben  S.  177),  ich  dagegen  die  Schön- 
heit, die  die  Dissonan:^  in  sich  aufnahm,  die  alles  Wider- 
spenstige zu  bewältigen  wußte,  :(ti  bringen  suche«..  Dieses 
Wort  ist  weniger  stolz,  als  es  den  Anschein  hat,  denn 
ausdrücklich  wird  darin  Goethes  Ideal  als  das  thatsächhch 
erreichte,  Hebbels  Ideal  als  das  nur  vorschwebende  bezeichnet,, 
und  je  mehr  Hebbel  seit  seinem  italienischen  Aufenthalt 
der  Schönheit  zustrebte,  desto  tiefer  fühlte  er  die  Schönheit 
der  Goethischen  Dichtung  und  prägte  das  Wort,  »Goethes 
Geist:  wie  der  Rosenstrauch,  vom  Winde  bewegt,  Blatt 
nach  Blatt  fallen  läßt«;  um  dies  ganz  zu  erfassen,  muß  man 
sich  des  Gedichtes  »Rose  und  LiHe«  erinnern,  das  ein 
Naturbild  symbolisch  verwerthet: 

Die  Rose  liebt  die  Lilie, 

Sie  steht  zu  ihren  Füßen; 
Bald  löst  die  Glut  ihr  schönstes  Blatt, 

Es  fällt,  um  sie  zu  grüßen. 

Die  Lilie  bemerkt  es  wohl, 

Sie  hätt'  das  Blättlein  gerne; 
Der  Wind  verweht's,  und  Blatt  nach  Blatt 

Jagt  er  in  alle  Ferne. 

Die  Rose  doch  läßt  nimmer  ab. 

Läßt  immer  neue  fallen; 
Sie  grüßt,  und  grüßt  sich  fast  zu  Tod, 

Doch  keines  trifft  von  allen. 


Hebbel  ukd  Goethe.  l8l 


Das  letzte  fängt  die  Lilie 

Und  thut  sich  dicht  zusammen. 
Nun  glüht  das  Blatt  in  ihrem  Kelch, 

Als  wär's  ein  Herz  voll  Flammen. 

Ein  einziges  Blatt  Goethischer  Schönheit  genügt,  um  einem 
anderen  Dichter  die  Schönheit  ins  Herz  zu  legen,  so  könnte 
man,  freilich  nüchtern  prosaisch,  das  Gedicht  deuten. 
Für  Hebbel  war  Goethe  das  Genie,  das  auch  ein  Schiller 
niemals  erreichen  konnte;  so  hoch  Hebbel  z.  B.den  »Spazier- 
gang« hielt,  den  er  sich  noch  in  der  Todesstunde  vorlesen 
ließ,  er  sagt  doch :  »Der  mittelmäßigste  Poet,  der  die  Abend- 
röte besingt  oder  ein  Sonett  auf  einen  Maikäfer  macht, 
würde  es  zu  einem  Gedicht,  wie  Schillers  Spaziergang  oder 
seine  Glocke  bringen,  wenn  seine  Kraft  miUionenfach  ver- 
stärkt würde;  Schiller  selbst  aber  würde  nie  einen  Fischer 
oder  einen  Erlkönig  erzeugen«.  Und  wie  viele  der  lyrischen 
Gedichte  hielt  er  auch  anderes  von  Goethe  für  »etwas 
durchaus  Neues«,  so  hat  er  »Dichtung  und  Wahrheit«  aufs 
Höchste  gepriesen  und  daraus  den  Muth  geschöpft,  ein  Bild 
seiner  eigenen  Jugend  zu  entwerfen,  so  hat  er  die  »Natür- 
liche Tochter«  geschätzt,  wie  dies  damals  kaum  oft  geschah, 
ja  es  ließen  sich  einzelne  Fäden  von  diesem  Werk  zu  Hebbel 
verfolgen :  die  Charakteristik,  die  der  Herzog  (1, 6)  vom  König 
entwirft,  könnte  man  auf  Kandaules  im  »Gygescr  anwenden; 
die  Verse  des  Sekretärs  (Vers  760  ff.)  könnte  man  als  Vorbild 
für  jenen  römischen  Plan  ansehen,  den  Hebbel  dann  im 
ersten  Aufzug  der  »Agnes  Bernauer«  benutzte  (V,  S.  127), 
wie  die  Worte  der  Hofmeisterin  (IL  2  Vers  893  f.)  in  der 
zweiten  Scene  des  fünften  Acts  zwischen  Agnes  und  Preising 
nachklingen;  was  Eugenie  —  so  heißt  bei  Hebbel  die  Heldin 
des  Dramas  »Die  Schauspielerin«  —  im  4.  Auftritt^  des 
zweiten  Aufzugs  über  ihre  Anerkennung  durch  den  König 
ausspricht,  das  wiederholt  in  Hebbels  Weise  sein  Demetrius; 
was  der  Weltgeistliche  (Vers  1663  ff.)  dem  Herzog  sagt,  das 
sagt  Herzog  Ernst,  bevor  er  das  Todesurtheil  der  Agnes 
Bernauer  unterschreibt;  wie  der  Gerichtsrath  Eugenies  Schein- 
gatte wird,  indem  er  der  Unbekannten  die  Hand  reicht,  so  Graf 
Bertram  der  Gatte  Juhas,  und  wie  der  Wehgeistliche  die 
Leiche  Eugenies  nicht  zeigen  will,  weil  ihr  Antlitz  furchtbar 
entstellt  sei,  während  doch  das  ganze  Begräbnis  nur  Schein  ist, 
so  täuscht  in  der  »Julia«  ihr  Vater  Tobaldi.  Die  Selbstanklagen 
des  Herzogs  in  den  Versen  1459  ff.  über  den  Tod  Eugeniens: 

Und  ich?  Wo  war  ich  da?  Welch  ein  Geschäft, 
Welch  ein  Vergnügen  hatte  mich  gefesselt? 
Verkündigte  mir  nichts   das  Schreckliche, 
Das  mir  das  Leben  von  einander  riß  ? 


t82  Abhandlumgen. 


Ich  hörte  nicht  den  Schrei,  ich  fühlte  nicht 
Den  Unfall,  der  mich  ohne  Rettung  traf. 
Der  Ahnung  heil'ges  fernes  Mitgefühl 
Ist  nur  ein  Mährchen.  Sinnlich  und  verstockt, 
In's  Gegenwärtige  verschlossen,  fühlt 
Der  Mensch  das  nächste  Wohl,  das  nächste  Weh, 
Und  Liebe  selbst  ist  in  der  Ferne  taub, 
hört  man  in  jenem  furchtbaren  Monologe  wieder,  den  Hebbel 
nach  dem  Tode  seines  Söhnchens  Max  im  Tagebuch  hielt 
(II  Nr.  2805),  darin  die  Worte:  »O  Gott,  fröhlich  war  ich 
in  der  Zeit  nicht,  aber  ich  arbeitete  doch,  ich  dichtete  an 
meinem  Trauerspiel,  ich  that  mir  vielleicht  in  demselben 
AugenbHck  auf  eine  gelungene  Scene  etwas  zu  Gute  und 
freute  mich, als  das  Kind  mit  dem  Tode  kämpfte.  SchreckHch ! 
Ja,  ich  erinnere  mich,  den  Abend  des  ersten  Octobers  war 
ich  auf  einem  Ball  und  sah  den  Cancan  tanzen  !  Freihch 
gefiel  mir  nicht  der  Tanz,  aber  doch  die  Musik !  Einmal 
haben  sie  dem  Kind  mein  Bild  gereicht,  da  hat  das  Süße 
es  mit  Lebhaftigkeit  erfaßt  und  es  an  seine  heißen  Lippen 
gedrückt  und  geküßt  und  wieder  geküßt  .  .  .  Und  auch 
das  hat  nicht  in  die  Ferne  auf  mich  gewirkt.  Nein,  Elise, 
es  giebt  keine  Ahnung«.  Die  AehnUchkeit  kann  nicht  ge- 
leugnet werden  (vergl.  Fries  a.  a.  O.  S.  29  Anm.),  und 
doch,  wer  würde  behaupten,  daß  sich  in  diesem  leiden- 
schaftlichen individuellen  Ausbruche  Hebbels  ein  Nachklang 
jener  Verse  eingestellt  habe,  ebensowenig  als  in  Hebbels 
Epigramm  »Letzter  Wunsch«  ein  Nachklang  der  Verse  des 
Herzogs  (Vers  1542  ff.)  über  den  weisen  Brauch  der  Alten, 
die  Leichen  zu  verbrennen,  oder  in  dem  ergebenen  Worte 
des  sterbenden  »Braminen«  TVers  88)  :  »Mag,  was  kann  und 
soll,  geschehen«  ein  Nachklang  des  Faustischen:  »Dann 
mag,  was  will  und  kann,  geschehn«  (Vers  1666).  Wie  die 
»Natürliche  Tochter«  könnten  die  anderen  Werke  Goethes 
durchgenommen  und  Aehnlichkeiten  bei  Hebbel  nachgewiesen 
werden ;  es  träte  dabei  aber  nur  zutage,  daß  er  trotz  seiner 
Einwendungen  gegen  Goethe  sich  genau  mit  ihm  vertraut 
gemacht  habe.  Er  war  es  auch,  der  in  Wien  eine  Feier 
von  Goethes  hundertstem  Geburtstag  durchsetzte,  allerdings 
nicht  am  28.  August  i849,denn  damals  waren  die  kriegerischen 
Verhältnisse  —  am  13.  August  erfolgte  die  Kapitulation 
von  Vilagos  —  ein  unüberwindliches  Hindernis,  aber  am 
II,  September;  im  Kärnthnerthortheater  fand  eine  Akademie 
zu  wohlthätigem  Zwecke  statt,  zu  der  Hebbel  seinen  schönen, 
würdigen  »Prolog«  dichtete,  um  die  Harmonie  in  Goethes 
Wesen  und  seine  Weltstellung  zu  preisen.  Dieses  Fest 
machte  deshalb  so  großes  Aufsehen,  weil  es  zum  ersten 
Mal  nach  der  Revolution  wieder  eine  Regung  der  Gebildeten 


Hebbel  und  Goethe.  183 


darstellte  und  am  Abend  in  einem  Bankett,  der  ersten  öffent- 
lichen Versammlung  seit  dem  Oktoberaufstand,  seinen 
Abschluß  fand,  wobei  Bauernfeld  mit  seinem  Toaste  her- 
vortrat (»Zur  Goethefeier«). 

Hebbel  blieb  ein  ehrlicher  Verehrer  Goethes,  wenn  ihm 
gleich  von  den  Dichtungen  viele  nicht  auf  der  Höhe  des 
Dichters  zu  stehen  schienen  und  er  sich  einmal  zu  dem 
Ausruf  hinreißen  ließ:  »Den  alten  Goethe  hätte  man  nach 
den  Wahlverwandtschaften  hängen  sollen !«  freilich  nur  mit 
Rücksicht  auf  Hebbels  eigenes  Altern  und  die  Behauptung: 
»welcher  Poet  wäre  nach  dem  55sten  Lebens-Jahre  noch 
einen  Schuß  Pulver  werth?«  Es  war  nur  einer  jener  grau- 
samen Scherze,  die  sich  Hebbel  mitunter  erlaubte,  denn  in 
Weimar,  wo  er  im  Mai  1857  zuerst  war,  trat  ihm  auch  der  alte 
Goethe  nahe,  und  es  entstanden  die  Verse  »Auf  einen  Greis:« 

Ich  seh'  Dein  Haupt  mit  Lorbeern  reich  bekränzt, 
Doch   auch  vom  Schnee  des  Alters  weiß  umglänzt. 
O,  kauftest  Du,  der  Welt,  wie  Dir,  zum  Glück, 
Jetzt  für  den  Kranz  die  Locken  Dir  zurück ! 
Du  wurdest  durch  den  Ruhm,  der  Dich  verklärt, 
Des  Lebens,  das  es  kostet,  doppelt  w^erth. 
Warum  versagt  Dir  die  Natur  den  Preis? 
Welch  einen  Jüngling  gäbe  solch  ein  Greis! 

Den  Spuren  seines  Daseins  ging  er  damals,  wie  bei  den 
späteren  Besuchen  Weimars  nach,  freute  sich  charak- 
teristischer Anekdoten,  wie  ungedruckter  Gedichte  gleich 
dem  »Tagebuch«,  las  die  neuen  Publikationen  aus  Goethes 
Nachlaß  freilich  nicht  immer  mit  großer  Freude  und 
äußerte  sich  kürzer  oder  ausführHcher,  wie  die  Gelegenheit 
ergab,  über  Goethe.  Es  kommt  hier  nicht  auf  eine  Samm- 
lung an,  wüe  sie  Robert-tornow  für  Heine,  Michael  Holz- 
mann unlängst  für  Börne  gegeben  hat,  obwohl  sie  keines- 
wegs schwer  fiele,  sie  würde  aber  den  mir  gesteckten 
Raum  weit  überschreiten.  Nur  auf  die  Vertheidigung  des 
»Tasso«,  die  Hebbel  1852  schrieb  (vergl.  meine  Ausgabe  XII 
S.  17  f.)  sei  deshalb  hingewiesen,  weil  sie  wieder  zeigt, 
wie  Goethe  für  Hebbel  eine  »normale  Individualität«  war, 
die  er  darum  neben  Shakespeare  stellte. 

Ein  einziges  Mal  hat  Hebbel  sich  ganz  direkt  an  Goethe 
angeschlossen,  da  er  nämlich  sein  idyllisches  Epos  »Mutter 
und  Kind«  dichtete  und  dem  Verhältniß  zwischen  den 
Liebenden  in  »Hermann  und  Dorothea«  die  Verhältnisse 
in  der  Ehe  als  einziges,  gleich  wichtiges  Thema  gesellte. 
Und  dadurch  bewies  er,  daß  Grillparzer  mit  seinem  ersten 
Ausspruch  über  Hebbel:  »Auf  diesen  Mann  wird  Niemand 
auf  Erden  wirken;  Einer  hätte   es   vermocht,   aber  der  ist 


184  Abhandlungew 


todt,  nämlich  Goethe«,  eher  recht  hatte,  als  mit  dem 
späteren  Zusatz:  »Ich  habe  mich  geirrt,  auch  Goethe  hätte 
nicht  auf  ihn  wirken  können«.  Hier  hat  Goethe  wirklich 
auf  Hebbel  gewirkt,  und  gerade  hier  bestätigt  sich,  was  er 
1847  über  den  Unterschied  zwischen  seiner  und  der  Goethischen 
Poesie  sagte,  weil  wir  nun  den  Vergleich  recht  sinnfällig 
ziehen  können.  Wenn  in  »Hermann  und  Dorothea« 
»flüchtige  Schmerzen«  (vgl.  IX  Vers  213)  das  stille  Bächlein 
auch  einmal  aufschäumen  machen,  sie  stören  doch  nicht 
den  harmonischen  Lauf;  wenn  der  Brand  des  Städtchens 
erwähnt  wird,  so  dient  er  nur  der  liebhchen  Werbung  zum 
Hintergrund,  und  wenn  die  Schrecken  der  Revolution  auf- 
tauchen, so  bleiben  auch  sie  nur  wie  ein  dämmerndes  Ge- 
birge am  fernen  Horizonte.  Ganz  anders  bei  Hebbel.  Der 
furchtbare  Hamburger  Brand  lockt  die  verborgenen  Hunger- 
gestahen  aus  ihren  Schlupfwinkeln  hervor  und  beleuchtet 
so  grell  das  sociale  Elend;  die  schneidenden  Unterschiede 
zwischen  Reichthum  und  Armuth,  Luxus  und  Noth  durch- 
ziehen das  ganze  Werk  und  bilden  einen  wesentlichen 
Theil  in  der  Entwicklung  der  Charaktere,  Wenn  Herrnann 
daran  denkt,  in  den  Krie^  zu  ziehen,  so  istesein  flüchtiger, 
rasch  vorübergehender  Einfall;  wenn  Christian  nach  Cali- 
fornien  auswandern  will,  dann  zeigt  sich  der  bittere  Ernst. 
Man  könnte  mancherlei  Aehnlichkeiten  zwischen  beiden 
Werken  aufdecken,  vom  Rosselenker  Christian,  der  Magd 
Magdalene,  der  Geburt  im  Freien,  der  Scene  im  Bauernhaus 
am  Brocken  an  bis  zum  Erscheinen  der  beiden  Gestalten  in 
der  Thüre  des  Hamburger  Kaufmanns,  aber  sie  alle  würden 
nur  bestätigen,  was  Hebbel  sagte:  Goethe  stelle  die  reine 
Seligkeit  dar,  die  Seligkeit  an  sich,  die  aus  dem_  Dasein 
selbst  entspringt,  er  dagegen  die  errungene  Seligkeit,  Jener 
die  Schönheit  vor  der  Dissonanz,  er  eine  Seligkeit,  die  die 
Dissonanz  in  sich  aufnahm.  Wir  hören  aber  auch  die  Verse, 
die  der  Nachfahr  auf  den  großen  Vorgänger  dichtete : 

Doch  g'rade,  weil  er  Dichter  war  im  Ganzen  und  im 

Großen, 

Verlor  er  nicht,  wie  And're,  sich  im  Maß-  und  Grenzen- 
losen, 

Denn  wer  nur  dies  und  das  besitzt,  muß  Vieles  über- 
schätzen, 

Wer  Alles  hat,  hat  Alles  auch  in  Harmonie  zu  setzen. 

Und   war'    auch   einzeln   jede  Kraft,   die    er  besaß,   zu 

steigern : 

Der  Einheit  seines  Wesens  darf  kein  Gott  die  Ehrfurcht 

weigern.  — 


7- 

Aus  Goethes  römischem  Kreise. 

Vox 

Friedrich  Xoack. 


1.   Tischbein  und  der  Künstlerhaushalt  am  Corso. 

Is  Goethe  am  29.  October  1786  in  Rom,  dem  Ziel 
seiner  »gleichsam  unterirdischen  Reise«,  anlangte, 
konnte  er  für  vorübergehend  verschollen  gelten. 
Zu  Hause  wußte  niemand  außer  seinem  verschwiegenen 
Diener  Seidel,  wohin  er  sich  von  Karlsbad  aus  gewandt 
hatte,  und  in  Rom  ahnte  niemand  sein  Kommen.  Fritz 
V.  Stein  hatte  noch  gegen  Ende  October  an  die  Frau  Rath 
in  Frankfurt  geschrieben,  kein  Mensch,  selbst  der  Herzog 
nicht,  wisse,  wo  Goethe  wäre;'  und  Tischbein  in  Rom 
war  so  wenig  auf  Goethes  Ankunft  vorbereitet,  daß  er 
noch  kurz  zuvor  eine  Sammlung  von  antiken  und  neueren 
Bausteinproben  für  seinen  Gönner  nach  Weimar  gesandt 
hatte,  während  dieser  schon  unterwegs  war.^  Auf  Tisch- 
bein aber,  der  ihm  für  die  Pension  vom  Herzog  Ernst  II. 
von  Gotha  zu  Dank  verpflichtet  war,  baute  der  Dichter 
seinen   ganzen  römischen   Aufenthaltsplan,   ihm   wollte   er 

'  Brief  der  Frau  Rath  an  ihren  Sohn,  d.  d.  Frankfurt,  17.  Nov.  1786. 
Es  ist  der  von  Kardinal  Hrzan  aufgefangene  und  an  die  Wiener  Re- 
gierung gesandte  Brief,  mitgetheilt  in  Brunners  »Die  katholische  Diener- 
schaft am  Hofe  Josephs  II«,  Wien  1868;  S.  157  f. 

^  V.  Alten,  »Aus  Tischbeins  Leben  und  Briefwechsel«,  Leipzig  1872. 


I 86  Abhandlungen. 


sich  ganz  in  die  Hand  geben,  seine  mehrjährige  Vertrautheit 
mit  römischen  Verhältnissen  —  Tischbein  war  1779  zum 
erstenmal  nach  Rom  gekommen  —  wollte  er  sich  völlig 
zunutze  machen  mit  jenem  hebenswürdigen  Egoismus,  der 
bedeutenden  Menschen  in  ihrem  Verkehr  mit  anderen  oft 
als  etwas  Selbstverständliches  anhaftet.  Wenn  man  sich 
aus  Winckelmanns  Briefwechsel  erinnert,  wie  bitter  dieser 
oft  über  die  Ansprüche  klagte,  die  fremde  Reisende  an 
seine  Romkenntniß  stellten,  wenn  man  sich  vielleicht  selbst 
aus  längerem  Leben  am  Tiberstrand  solcher  Anforderungen 
erinnert  und  dabei  aus  Goethes  Italienischer  Reise  sich  ver- 
gegenwärtigt, wie  unermüdlich  Tischbein  Monate  lang  für 
Goethe  thätig  und  besorgt  war,  dann  begreift  map  wohl 
einerseits,  daß  Herder  in  Briefen  aus  Rom  gelegenthch  von 
Goethes  »selbstsüchtigem  Charakter«  spricht,'  anderseits, 
daß  zu  der  Lockerung  des  engen  Freundschaftsverhältnisses 
zwischen  Tischbein  und  Goethe  seit  dem  Frühjahr  und 
Sommer  1787  nicht  nur  die  Lossagung  des  Malers  von  den 
Gothaer  Beziehungen,  sondern  ganz  wesentUch  auch  der 
Umstand  beigetragen  hat,  daß  Tischbein  schließhch  im 
eigensten  Interesse  glaubte,  der  selbstlosen  Aufopferung  von 
Zeit  und  Kraft  in^Goethes  Dienst  ein  Ende  machen  zu 
sollen,  während  Goethe  dann  den  zuverlässigen,  allbereiten 
Freund  und  Berather  ungern  entbehrte.  Das  schließt  nicht 
aus,  dass  Tischbein  vom  Herbst  1786  bis  ins  Frühjahr  1787 
in  Rom  und  Neapel  dem  Dichter  mit  wirklich  aufrichtiger 
Hingabe  seine  Dienste  widmete,  wofür  ja  in  Goethes  Italie- 
nischer Reise  sowohl  wie  in  brieflichen  Aeußerungen  Tisch- 
beins selbst  so  beredte  Zeugnisse  vorliegen.^  Jedenfalls  hat 
jener  die  dankbare  Ergebenheit  seines  Schützlings  nicht 
überschätzt,  als  er  ihn  in  Rom  mit  seiner  Ankunft  über- 
raschte, um  ihn  sofort  als  Führer  und  Berather  anzunehmen. 
Tischbein  war  als  erster  ausersehen,  vor  dem  Goethe  aus 
der  »unterirdischen  Reise«  wieder  ans  Licht  emportauchen 
sollte. 


'  Vergl.  »Herders  Reise  nach  Italien«,  Gießen  1859;  S.  160,  Brief 
Herders  an  seine  Frau  d.  d.  Rom,  4.  Nov.  1788;  S.  25  5  ff.,  Brief  Herders 
an  seine  Frau  d.  d.  Rom,  21.  Febr.  1789,  u.  a. 

*  Wenig  bekannt  sind  einige  schöne  Bemerkungen  Tischbeins 
über  seine  Verehrung  und  freundschaftliche  Fürsorge  für  Goethe,  z.  B. 
eine  in  einem  Brief  an  Lavater  vom  December  1786,  mitgetheilt  bei 
V.  Alten,  a.  a.  O.  S.  39;  und  in  seiner  Selbstbiographie,  wo  er  bei 
Erwähnung  eines  nicht  ungefährlichen  Abenteuers  auf  der  gemeinsamen 
Reise  von  Rom  nach  Neapel  sagt,  er  habe  sich  ja  vorgesetzt, 
»Goethe  zu  hüten  wie  eine  Mutter  ihren  Säugling,  dieses  Kleinod  für 
die  Welt,  diesen  lieben  Freund«.  Vgl.  J.  H.  Wilh.  Tischbein,  »Aus 
meinem  Leben«,  herausg.  von  Dr.  Schiller,  Braunschweig  1861;  Bd.  IL 
S.  87  f 


Aus  Goethes  römischem  Kreise.  187 

Am  29.  October  1786  schrieb  der  Dichter  als  ersten 
Gruß  aus  der  ewigen  Stadt  an  l-rau  von  Stein:  »Ich  kann 
nun  nichts  mehr  sagen  als:  ich  bin  hier;  ich  habe  nach 
Tischbein  geschickt.  —  Nachts.  Tischbein  war  bei  mir, 
ein  kösthcher  guter  Mensch.«  Tags  darauf  bezog  Goethe 
die  Wohnung,  die  jener  ihm  in  seinem  Künstlerhaushalt 
am  Corso  unverzüglich  einräumte. 

Wo  fand  nun  die  erste  Begegnung^  beider  statt?  Ich 
habe  darüber  vor  drei  Jahren  in  der  Beilage  zur  Kölnischen 
Zeitung  eine  Ansicht  ausgesprochen, '  die  mir  inzwischen 
durch  genauere  Prüfung  an  Ort  und  Stelle  zur  Gewißheit 
geworden  ist.  Das  Gasthaus,  in  dem  der  Dichter  Tisch- 
beins Besuch  empfing  und  die  erste  Nacht  in  Rom  zubrachte, 
ist  die  altberühmte  und  heute  noch  als  Herberge  niederen 
Ranges  bestehende  Locanda  dell'  Orso  (Gasthaus  zum  Bären), 
ein  beachtenswerthes  mittelalterliches  Bauwerk  an  der  Ecke 
von  Via  di  Monte  Brianzo  und  Via  dell'  Orso,  gerade  der 
neuen  Umberto-Brücke  gegenüber,  an  deren  Rampenmauer 
der  alte  Bärenbrunnen  wieder  angebracht  ist,  der  wohl 
ehedem  namengebend  für  die  Umgebung  wurde.  In  dem 
Gasthaus  zum  Bären  sollen  schon  Dante  und  S.  Francesco 
di  Sales  eingekehrt  sein,  Montaigne  ist  thatsächlich  1580 
dort  abgestiegen;  zu  Goethes  Zeit  war  es  nur  noch  ein 
Haus  bescheidenen  Ranges,  während  alle  besseren  Gasthöfe 
am  Spanischen  Platz  und  den  nächsten  Nachbarstraßen 
lagen.  Aber  Goethe  hatte  bei  seiner  Incognitoreise  nach 
Rom  allen  Grund,  die  Fremdenhotels  zu  meiden,  wo  er 
der  Gefahr,  erkannt  zu  werden,  stets  ausgesetzt  w^ar.  Zur 
Wahl  gerade  dieses  Gasthauses  von  geringem  Rang  aber 
altem  Ruf,  wohin  sich  kein  Fremder  mehr  verlor,  das  in 
einer  engen  Gasse,  weitab  von  den  neuen  Verkehrsvierteln 
lag,  hat  vielleicht  der  Reisegefährte  des  Dichters  auf  der 
letzten  Poststrecke  beigetragen,  der  Priester,  mit  dem  er 
sich  seit  Perugia  gut  unterhielt,^  und  der  wohl  auch  ein 
wenig  Verdienst  daran  hat,  daß  Goethe  in  seinen  Reise- 
briefen nicht  die  damals  üblichen  Klagen  über  peinliche 
Zolldurchsuchung  bei  der  Ankunft  in  Rom  und  vor  alleni 
über  Festhaltung  der  mitgebrachten  Bücher  und  Schriften 

'  Kölnische  Zeitung  1900,  Sonntag  19.  Aug.  Nr.  647,  »Rand- 
zeichnungen zu  Goethes  Romreise«. 

•  Aus  Terni  schrieb  Goethe  27.  October  an  Frau  von  Stein:  »Ein 
Priester  ist  seit  Perugia,  da  mich  Graf  Cesare  verlassen,  mein  Gefährte. 
Dadurch,  daß  ich  immer  wieder  unter  neue  Menschen  komme,  erreiche 
ich  sehr  meine  Absicht,  und  ich  versichere  dich,  man  muß  sie  nur 
untereinander  reden  hören,  was  das  einem  für  ein  lebendiges  Bild  des 
ganzen  Landes  gibt«.  Goethes  Tagebücher  und  Briefe  an  Frau  von 
Stein,  herausg.  von  Erich  Schmidt  1886;  S.  208. 


x\BHANDLUXGEN. 


zu  wiederholen  brauchte.  Wie  es  sehr  wahrscheinUch  ist, 
daß  bei  der  Zollrevision  an  Piazza  di  Pietra  die  Soutane 
dieses  Reisegefährten  sich  schützend  über  des  Dichters 
Bücherkoffer  breitete,  so  ist  es  auch  durchaus  nicht  wider- 
sinnig, daß  dem  Fremden,  der  in  Volkmanns  Reiseführer  ' 
keinerlei  Adressen  empfehlenswerther  Gasthöfe  fand,  der 
geisthche  Genosse  den  Weg  zur  Locanda  dell'  Orso  wies, 
die  für  ihn  durch  die  Erinnerung  an  den  heiligen  Franz 
von  Sales  verklärt  war.  Einen  vollgültigen  Beweis  dafür, 
daß  Goethe  am  29.  October  in  der  Locanda  dell'  Orso 
abstieg,  liefert  Tischbein  in  einem  Brief  an  Goethe  vom 
14.  Mai  1821,  wo  er  in  der  Erinnerung  an  den  gemein- 
samen Aufenthalt  in  Rom  schreibt:  »Nie  habe  ich  größere 
Freude  empfunden  als  damals,  wo  ich  Sie  zum  erstenmal 
sah,  in  der  Locanda  auf  dem  Weg  nach  S.  Peter.  Sie 
saßen  in  einem  grünen  Rock  am  Kamin,  gingen  mir  ent- 
gegen und  sagten:  Ich  bin  Goethe!«*  Das  war  also  die 
Begegnung,  die  der  Dichter  in  den  oben  angeführten  Zeilen 
an  Frau  von  Stein  erwähnt.  Tischbein  war  auf  seinen  Ruf 
gekommen,  ob  von  der  Wohnung  im  Corso  aus  oder  vom 
Cafe  Greco,  welches  schon  damals  das  Hauptquartier  der 
deutschen  Künstler  bildete,  wo  sie  auch  ihre  Briefe  zu 
empfangen  pflegten,  ist  zunächst  gleichgültig.  Von  beiden 
Punkten  aus  gab  es  nach  der  damaligen  Topographie  Rorns 
nur  einen  »Weg  nach  S.  Peter«,  die  lange  Straßenlinie,  die 
wie  eine  Fortsetzung  von  Via  Condotti  über  den  Corso 
hinaus  dem  Tiber  entlang  zur  Engelsbrücke  u.  s.  w.  führt. 
An  dieser  Straßenlinie,  die  für  die  Insassen  des  Fremden- 
viertels den  »Weg  nach  S.  Peter«  bildete  und,  trotz  allen 
Veränderungen  des  Stadtplans,  meist  auch  heute  noch 
bildet,  lag  zu  Tischbeins  und  Goethes  Zeiten  nur  em  Gast- 
haus, die  Locanda  dell'  Orso.'  Und  steigt  man  heute  in 
dem  alterthümlichen  Wirthshaus,  dessen  Ziegelornamente 
aufs  15.  Jahrhundert  zurückweisen,  zu  dem  im  ersten  Stock 
gelegenen  Gast-  und  Empfangszimmer  hinauf,  so  wird  einem 
sofort  die  von  Tischbein  beschriebene  Szene  lebendig,  denn 


^  Goethe  nahm  ein  Exemplar  von  J.  J.  Volkmanns  »Historisch- 
kritische Nachrichten  von  Italien«  mit  auf  die  Reise;  es  war  ein  damals 
sehr  beliebtes  Reisehandbuch,  enthielt  aber  nach  der  Sitte  jener  Zeit  keine 
practischen  Angaben  über  Beförderung,  Unterkunft,  Verpflegung  u.  s.  w. 

*  Diesen  Brief  theilt  Erich  Schmidt  in  den  Anmerkungen  zu 
Goethes  Tagebüchern  und  Briefen  an  Frau  von  Stein  S.  406  mit. 

3  Ich  habe  in  Rom  gründliche  Q.uellenforschungen  gemacht,  die 
mich  zu  dieser  Gewißheit  führten.  Die  Bevölkerungslisten  (Stato  delle 
Anime)  der  in  Betracht  kommenden  Pfarreien  bezeugen  es  ebenso  wie 
F.  Cerasolis  »Ricerche  Storiche  intorno  agli  Alberghi  di  Roma  dal 
Secolo  XIV  al  XIX«,  Roma  1895. 


Aus  Goethes  römischem  Kreise.  189 

der  erste  Blick  des  Eintretenden  fällt  auf  den  Kamin,  von 
dem  sich  damals  Goethe  erhob,  um  seinem  Besucher  ent- 
gegenzugehen. 

In  jener  ersten  Unterredung  wurde  vereinbart,  daß  der 
Dichter  am  folgenden  Tage  schon,  obgleich  seine  Ankunft 
völlig  überraschend  war,  in  Tischbeins  Wohnung  am  Corso, 
ge^fijenüber  dem  Palazzo  Rondanini,  heute  Nr.  20,  einziehen 
sollte,  und  so  begann  am  30.  Oktober  das  durch  des  Dichters 
Schilderungen  und  Briefwechsel  so  berühmt  gewordene 
Zusammenleben  mit  den  deutschen  Künstlerburschen.  Den 
Hausherrn  spielte  Tischbein,  Hausmutter  und  emsige  Schatf- 
nerin  war  die  alte  Piera  CoUina,  die  Mutter  des  Filippo, 
den  Goethe  ein  Jahr  später  nach  Weimar  schickte,  damit 
er  die  Herzoginwittwe  Amalie  als  Reisefactotum  nach  Italien 
begleitete. '  Aus  der  Italienischen  Reise  wie  aus  anderen 
Briefen,  die  Goethes  römisches  Leben  betreffen,  ist  bekannt, 
wie  außerordentlich  wohl  und  heimisch  er  sich  in  diesem 
Künstlerhaushalt  fühlte,  wie  dankbar  er  Tischbein  dafür 
war,  wie  ihm  die  Familie  ColHna  menschlich  nahe  trat. 
Am  I.  November  1786  schrieb  er  in  diesem  Sinne  an  den 
Herzog:  »Für  mich  ist  es  ein  Glück,  daß  Tischbein  ein 
schönes  Quartier  hat,  wo  er  mit  noch  einigen  Malern  lebt. 
Ich  wohne  bei  ihm  und  bin  in  ihren  eingerichteten  Haus- 
halt mit  eingetreten,  wodurch  ich  Ruhe  und  häuslichen 
Frieden  in  einem  fremden  Land  genieße.  Die  Hausleute 
sind  ein  redUches  altes  Paar,  die  alles  selbst  machen  und 
für  uns  wie  für  Kinder  sorgen.  Sie  waren  gestern  untröst- 
lich, als  ich  von  der  Zwiebelsuppe  nicht  aß,  wollten  gleich 
eine  andere  machen  u.  s.  w.  Wie  wohl  mir  dies  auf's 
italienische  Wirtshausleben  thut,  fühlt  nur  der,  der  es  ver- 
sucht hat.«  ^ 

Im  Grunde  ist  dieses  ganze  häusliche  Behagen,  in  das 


^  »Goethes  Briefe  an  Seidel«,  Wien  1895,  S.  42,  44  u.  49.  Briefe 
vom  10.  Nov.  1787,  12.  Nov.  1787  und  5.  Jan.  1788.  —  Vgl.  auch  Goethes 
Brief  an  Steuerrat  Ludecus  in  Weimar  d.  d.  17.  Nov.  1787,  mitgetheik 
im  Goethe-Jahrbuch  1885,  S.  8,  woraus  hervorgeht,  wie  große  Stücke 
der  Dichter  auf  Filippo  hielt. 

^  Goethes  Tagebücher  und  Briefe,  S.  355.  —  Andere  Stellen,  die 
sich  auf  die  Häuslichkeit  und  die  Collinas  beziehen:  In  der  Italienischen 
Reise  der  Brief  vom  25.  December  1786;  in  den  »Briefen  Goethes  an 
Friedr.  Frhr.v.  Stein«,  Leipzig  1846,  S.  50  f.  der  Brief  vom  16.  Februar  1788; 
in  Goethes  Tagebüchern  und  Briefen,  Anm.  S.  436  ein  Brief  Tischbeins 
an  Goethe,  d.  d.  Neapel,  21.  Juli  1787;  der  oben  angezogene  Brief 
Goethes  an  Ludecus,  worin  er  Filippo  Collina  ein  »auserlesenes  Werk- 
zeug« nennt;  »schon  ein  Jahr  kenne  ich  ihn  und  vermisse  ihn  jetzt 
ungern«;  außer  den  angezogenen  Briefen  an  Seidel  ein  Brief  an  diesen 
aus  dem  März  1788,  S.  52,  worin  er  den  beginnenden  Schwachsinn 
des  alten  Collina  erwähnt. 


I^O  Abhandlungen. 


der  Dichter  so  glücklich  hineinkam,  ein  Verdienst  des 
praktischen  Tischbein,  der  das  Ehepaar  Collina  gewisser- 
maßen entdeckt  und  seit  Jahren  an  sich  gefesselt  hatte. 
Sante  Serafino  Collina  war  ein  geborener  Römer,  seines 
Zeichens  Kutscher  und  in  erster  Ehe  mit  einer  Römerin 
vermählt,  die  im  Jahre  1756  starb;  aus  dieser  ersten  Ehe 
stammte  der  damals  14  Jahre  alte  Sohn  Filippo,  der  den 
Beruf  eines  Aufwärters  und  Lohndieners  ergriff.  Am 
15.  Januar  1757  vermählte  sich  der  Vater  Collina  von  neuem 
mit  der  Wittfrau  Piera  Projetti,  geb.  Rossi,  aus  Gallese, 
die  damals  36  Jahre  alt  war.  Sie  wurde  nachher  Tischbeins 
und  Goethes  römische  Hausmutter.  Die  FamiUe  Collina 
wohnte  seit  1755  im  Hinterhaus  des  Palazzo  Piombino  in 
Via  Babuino,  heute  Nr.  51,  demselben  Gebäude,  dessen 
barocke  Brunnenmaske  der  o^anzen  Straße  den  volksthüm- 
lichen  Spottnamen  verschafft  hat.'  Dort  scheint  Collina 
Vater  ursprünglich  Kutscher  des  im  Piano  nobile  desselben 
Palastes  wohnenden  Monsignore,  späteren  Kardinals,  Caraffa 
gewesen  zu  sein,  auf  seine  alten  Tage  aber  betrieb  das 
Ehepaar  das  in  Rom  allzeit  behebte  Geschäft  des  affitta- 
camere;  es  vermiethete  Zimmer  an  Fremde.^  Als  Tisch- 
bein gegen  Ende  des  Jahres  1779  zum  erstenmal  in  die 
ewige  Stadt  kam,  suchte  er  sofort  die  Wohnung  seines 
Vetters  Fritz  ^  auf,  die  gerade  leer  stand,  weil  der  Vetter 
in  Neapel  weilte,  um  die  Königin  zu  malen.  Die  Haus- 
leute, es  waren  eben  Serafino  Collina  und  Frau  Piera, 
empfingen  ihn  mit  solcher  Herzlichkeit,  daß  unser  Tisch- 
bein sogleich  für  sie  eingenommen  war  und  bis  zu  seinem 
Abschied  von  Rom  im  April  178 1  bei  ihnen  wohnen  bUeb.* 
Als  er  im  folgenden  Jahre  durch  Mercks  und  Goethes  Ver- 
mittlung vom  Herzog  Ernst  II.  von  Gotha  100  Dukaten 
jährlich  bewilligt  erhielt,'  kehrte  er  nach  Rom  zurück,  wo 
er  am  24.  Januar  1783  eintraf  und  sofort  wieder  »bei  meinen 
guten    alten    Hausleuten«    die    frühere   Wohnung    in   Via 


^  Die  Straße  hieß  ursprünglich  Paolina  nach  Papst  Paul  III, 
wurde  aber  vom  Volk  wegen  jener  häßlichen  Brunnenmaske,  die  früher 
an  der  Außenseite  des  Palazzo  Piombino  angebracht  war,  die  Pavians- 
Straße,  Strada  del  Babuino,  genannt. 

^  Diese  Angaben,  wie  auch  die  folgenden  Personalien  über  die 
Familie  Collina  sind  den  Kirchenbüchern  der  Pfarrei  S.  Maria  del 
Popolo  entnommen. 

3  Joh.  Friedr.  Aug.  Tischbein,  Sohn  von  Joh.  Val.  T.,  geb.  im 
März  1750  in  Maastricht,  Schüler  seines  Oheims  Joh.  Heinr.  T.  in 
Kassel,  bildete  sich  auf  Kosten  des  Fürsten  von  Waldeck  sieben  Jahre 
lang  in  Frankreich  und  Italien  aus. 

4  J.  H.  W.  Tischbein,  Aus  meinem  Leben,  I,  163  und  192. 

5  V.  Alten,  Aus  Tischbeins  Leben,  S.  24. 


Aus  Goethes  römischem  Kreise.  191 

ßabuino  bezog.'  Im  Gegensatz  zu  der  Gewohnheit  der 
meisten  in  Rom  studirenden  Künstler,  die  gemeinsam  in 
der  Trattoria  della  Barcaccia,  gegenüber  dem  Cafe  Greco, 
in  Via  Condotti  zu  speisen  pflegten,  nahm  Tischbein  Woh- 
nung und  Kost  bei  den  Coliinas,  um  für  sich  allein  zu  sein 
und  ungestört  arbeiten  zu  können,  und  gründete  so  den 
geordneten  Haushalt,  an  dem  vier  Jahre  später  Goethe  so 
aufrichtiges  Wohlgefallen  fand.  Bald  zog  er  jüngere  streb- 
same Künstler  an  seinen  Herd;  zuerst  wurde,  schon  1783, 
Fritz  ßury  sein  Hausgenosse  in  Via  Babuino,  im  folgenden 
Jahre  kain  Georg  Schütz  hinzu;  noch  im  Frühjahr  1786 
wohnten  die  drei  zusammen  mit  der  Familie  Collina  im 
Palazzo  Piombino."  Im  Laufe  des  Sommers  oder  mit  An- 
fang des  Herbstes  1786  erst  zog  der  ganze  Collina-Tisch- 
bein'sche  Haushalt  aus  der  Via  Babuino  nach  dem  nahen 
Corso  hinüber,  wo  bald  auch  Goethe  als  »Philipp  Möller« 
unter  Pieras  Pflegebefohlenen  erschien.  So  gibt  uns  denn 
der  Stato  delle  Anime  der  Pfarrei  S.  Maria  del  Popolo  in 
der  Fastenzeit  1787  folgende  Uebersicht  von  den  Bewohnern 
des  Goethehauses  am  Corso  No.  20: 

Strada  del  Corso  verso  Babuino.  Fünftes  Haus,  Casa 
Moscatelli. 

I.  piano :  Sante  Serafino  Collina,  Romano,  di  am.  Ales- 
sandro%  cocchiere,  72  Jahre,  mit  Frau  Piera  Giovanna 
de  Rossi,  di  qm.  Antonio  aus  Gallese,  66  Jahre,  und  Sohn 
Filippo,  credenziere,  42  Jahre;  Giorgio  Zicci  (Schütz)  aus 
Frankfurt,  pittore,  28  Jahre;  Federico  Bir  (Bur}')  tedesco, 
protestante,  pittore,  24  Jahre;  Tishen,  tedesco,  protestante, 
pittore  28;  Filippo  Miller,  tedesco,  pittore  32.  Im  II.  Stock 
wohnte  auch  ein  Künstler,  der  römische  Bildhauer  Giuseppe 
Ceracchi. 


'  Tischbein,  Aus  meinem  Leben,  II,  3>ft,  wo  eine  Reilie  von 
köstlichen  Zügen  von  den  zutraulichen,  fürsorglichen  Leuten  erzählt  wird. 

*  Der  Stato  delle  Anime  (Bevölkerungsliste)  der  Pfarrei  S.  Maria 
del  Popolo  von  1784,  1785,  1786  enthält  dafür  die  amtlichen  Belege. 
Diese  Aufnahme  des  Personenstands  geschah  stets  während  der  Fasten- 
zeit, ^ibt  also  ein  Bild  der  Bevölkerungs-  und  Wohnungsverhältnisse, 
wie  sie  im  vorausgehenden  Winter  waren.  Die  Namen  der  Fremden 
bereiteten  den  guten  Pfarrern  oft  große  Schwierigkeiten  und  sind 
manchmal  in  komischer  Weise  verballhornt,  in  verzweifelten  Fällen 
einfach  durch  den  Vornamen  ersetzt.  So  finden  wir  Tischbeins  Namen 
einmal  als  »Dispen«,  ein  andermal  gar  in  der  trümmerhaften  Form 
»Ips«  verzeichnet,  während  derselbe  Pfarrer  sich  mit  seiner  Pflicht, 
auch  Bury  und  Schütz  zu  registriren,  in  der  Weise  abfand,  daß  er  sie 
als  »Signore  Federico«  und  »Mr.  Giorgio«  in  seine  Pfarreiliste  ein- 
schrieb. 

'  di  qm.  Alessandro  =  di  quondam  AI.,  Sohn  des  verstorbenen 
AI.  Collina. 


192  Abhandlungen. 


Und  im  Jahre  1788 : 

Casa  Moscatelli,  I.  piano :  CoUina  etc.  wie  vorher,  ohne 
Filippo,  der  nach  Weimar  abgereist  war;  Giorgio  Zicci  aus 
Frankfurt,  pittore,  29  Jahre;  Federico  Bir,  tedesco,  pro- 
testante,  pittore,  25  Jahre;  Tisben\  tedesco,  protestante, 
pittore,  29  Jahre.  Im  IL  piano:  Filippo  Miller,  tedesco, 
protestante,  pittore,  3 3  Jahre  mit  Carlo  r/>r^,  di  qm.  (s.S.  191, 
Anm.  3)  Federico,  palatino,  servitore,  28  Jahre.  Außer- 
dem wie  zuvor  der  Bildhauer  Ceracchi  mit  Frau  Teresa  geb. 
Schliesahan  aus  Wien. 

In  dieser  pfarramtlichen  Bewohnerliste  fehlt  der  Musiker 
Christoph  Kayser,  der  von  November  1787  bis  in  den  April 
1788  Goethes  Hausgenosse  war,  und  mit  dem  er  zusammen 
die  Heimreise  antrat.  Diese  Auslassung  erklärt  sich  wohl 
dadurch,  daß  er  den  Hausleuten  nur  als  ein  flüchtiger  Gast 
galt,  oder  daß  der  Pfarrer  ihn  auf  Grund  seiner  vorjährigen 
Liste  mit  dem  abwesenden  Tischbein  verwechselte.  Zur 
Ergänzung  der  pfarramtlichen  Uebersicht  mögen  hier  die 
Hauptdaten  aus  Goethes  italienischen  Aufzeichnungen  folgen. 
Vom  30.  Oktober  1786  bis  zu  seiner  Abreise  nach  Neapel 
am  22.  Februar  1787  wohnte  er  mit  Tischbein  zusammen 
im  I.  Stock;  ebenso  vom  Tage  seiner  Rückkehr  nach  Rom, 
6.  Juni  1787,  bis  zu  Tischbeins  abermaliger  Abreise  nach 
Neapel  in  den  ersten  Tagen  des  Juli.  Hierauf  konnte  Goethe 
sich  in  dem  freigewordenen  Studio  des  Freundes  den  Sommer 
über  bequem  ausdehnen,  bis  er  zu  Anfang  November  1787 
in  Kayser  einen  neuen  Hausgenossen  bekam,  der  die  ver- 
fügbaren Räume  mit  ihm  theilte.  Nach  dem  Karneval  1788, 
etwa  Anfang  März,   erfolgte   dann,  weil  Tischbein   zurück 


*  Tischbein  weilte  allerdings  seit  Juli  1787  in  Neapel,  doch  hatte 
er  die  römische  Wohnung,  als  deren  Hauptmiether  er  anzusehen  ist, 
noch  nicht  endgültig  aufgegeben;  Goethe  erzählt  im  April-Bericht  des 
Zweiten  Aufenthalts  in  Rom,  daß  jener  seine  Rückkehr  nach  Rom  für 
das  Frühjahr  wiederholt  angekündigt  hatte  und  dadurch  Goethe  nöthigte, 
die  im  I.  Stock  inne  gehabten  Räume  aufzugeben  und  in  die  gerade 
leer  gewordene  obere  Etage  zu  ziehen.  Offenbar  trat  Goethe  hier  an 
die  Stelle  der  Ceracchis,  die  im  Stato  delle  Anime  wohl  nur  darum 
noch  mit  ihm  zusammen  aufgeführt  sind,  weil  die  Personenaufnahme 
durch  den  Pfarrer  in  die  Zeit  fiel,  als  der  Umzug  gerade  vor  sich  gehen 
sollte,  und  weil  der  Pfarrer  die  Ceracchis  bezüglich  der  Erfüllung  der 
österlichen  Pflichten  noch  zu  seinen  Pfarrkindern  rechnen  mußte.  Per- 
sönliche Beziehungen  zu  Ceracchi,  der  unabhängig  vom  Collina-Tisch- 
beinschen  Haushalt  im  II.  Stock  wohnte,  scheint  der  Dichter  nicht 
gepflegt  zu  haben.  —  Der  neben  Goethe  aufgeführte  Diener  Carlo  Pieck 
aus  der  Pfalz  ist  off"enbar  derselbe  Karl,  der  später  in  Herders  Dienst 
trat  und  diesem  durch  eine  schwere  Malaria-Erkrankung  Sorojen  machte. 
Vgl.  in  Harnacks  »Zur  Nachgeschichte  der  Italienischen  Reise«  den 
Brief  Angelicas  an  Goethe  vom  23.  Mai  1789  und  Burys  Brief  an 
Goethe  vom  18.  Mai  1788. 


Aus  Goethes  römischem  Kreise.  193 

erwartet  wurde,  die  Uebersiedelun^  in  den  oberen  Stock 
mit  der  hübsciicn  Aussicht '  nach  dem  Pincio,  wo  Goethe 
die  letzten  Wochen  bis  zu  seiner  Abreise  von  Rom  am 
22.  April  1788  wohnte. 

Wer  sich  ein  zutreffendes  Bild  von  des  Dichters  Dasein 
und  Treiben  während  der  römischen  Zeit  machen  will, 
wird  nie  von  diesem  äusseren  Rahmen  seines  dortigen 
Lebens  absehen  dürfen,  er  wird  immer  wieder  auf  diesen 
Künstlerhaushalt  am  Corso  zurückkommen  müssen,  der  für 
Erlebnisse  und  Eindrücke  oft  bestimmend  und  entscheidend 
war.  Es  unterliegt  keinem  Zweifel,  daß  Goethes  Ernte  in 
Rom  nach  Umfang  und  Beschaffenheit  recht  verschieden 
ausgefallen  wäre,  wenn  er  in  anderer  Weise  dort  gelebt 
hätte,  wenn  er  z.  B.  als  Weimarischer  Geheimer  Rath  auf- 
getreten wäre,  oder  wenn  er  incognito  aber  ohne  den  festen 
Anschluß,  den  er  vom  ersten  Tag  an  Tischbein  fand,  als 
völlig  unabhängiger  Reisender  die  ewige  Stadt  durchstreift 
hätte.  Da  er  in  Rom  vor  allem  Ruhe  und  Sammlung  suchte, 
um  ungestört  studiren  und  arbeiten  zu  können,  so  fühlte 
er  sich  natürlich  beglückt  in  der  selbstgewählten  Abhängig- 
keit von  Tischbein;  »in  treuer  Künstlergesellschaft,  in 
einem  sicheren  Hause,  denn  zuletzt  hatt'  ich  doch  des 
Wirthshauslebens  satt.«"  Aber  damit  legte  Goethe  sich  doch 
zugleich  auch  eine  Beschränkung  auf,  die  ihm  selbst  viel- 
leicht wenig  zum  Bewußtsein  kam,  die  aber  seinen  römischen 
Eindrücken  gewisse  Grenzen  setzte;  er  war  sozusagen  ein- 
gekapselt in  den  kleinen  Kreis,  dem  er  sich  angeschlossen 
hatte,  und  der  ihm  den  Einblick  in  gar  manche  andere 
Erscheinung  des  römischen  Lebens  verschloß.  In  diesem 
Sinne  enthält  eine,  allerdings  von  persönlicher  Gereiztheit 
nicht  freie,  Aeußerung  des  Malers  Müller  doch  sicher  ein 
Korn  Wahrheit;  er  schrieb  an  Heinse :  »Goethe  logirte 
beim  Maler  Tischbein,  schien  ein  Staatsgefangener  von  aem 
neugebackenen  Antiquar  Hirt,  von  Schütz  und  Bury  zu  sein. 

'  Von  der  Aussicht  über  Hausgärtchen  und  Hinterhäuser  nach 
dem  Pincio  und  Villa  Mcdici  hinüber  spricht  Goethe  sehr  anmuthig  in 
einem  Brief  vom  8.  März  und  im  April-Bericht  1788.  Trotz  mancher 
Bauveränderungen  im  einzelnen  stimmt  der  Charakter  dieses  Ausblicks 
noch  heute  so  überraschend  mit  des  Dichters  Schilderung  überein,  daß 
ich  es  für  der  Mühe  werth  hielt,  im  Jahre  1900  photographische  Auf- 
nahmen davon  machen  zu  lassen,  die  sich  im  Weimarer  Goethe-Archiv 
befinden.  Die  eine  dieser  Ansichten  gewinnt  noch  ein  besonderes 
Interesse  dadurch,  daß  darauf  dicht  hinter  Goethes  Hausgärtchen  das 
Haus  sichtbar  ist,  wo  wenige  Jahre  nach  seiner  Romreise  der  Maler 
Jakob  Asmus  Carstens  wohnte  und  arbeitete.  Es  ist  das  Gebäude  mit 
"dem  kleinen  thurmartigen  Aufsatz  in  der  rechten  Hälfte  des  Bildes. 

*  Tagebücher  und  Briefe  an  Frau  von  Stein,  S.  215;  Brief  vom 
7.  Xov.  1786. 

GütlHE-jAllKlLCU    XX\'.  13 


194 


Abhandlungen. 


Diese  machten  seine  Leibgarde  aus,  und  es  schien  mir  immer, 
wenn  ich  den  starken  Goethe  unter  den  schalen  Schmacht- 
lappen  so    herum    marschiren    sah,    als   erbUckte   ich   den 
Acnill  unter  den  Weibern  von  Skyros.«  Nur  wenig  erweiterte 
sich  Goethes  Kreis,  als  er  während  des  zweiten  römischen 
Aufenthaltes,  von  Tischbein  getrennt,  in  regeren  Verkehr 
mit  AngeUca  Kauffmann  trat;  dort    sah  er  neben  den  täg- 
lichen Genossen,  neben  Zucchi  und  Reiffenstein  doch  auch 
einige  gebildete  Italiener  und  Ausländer,  aber  einen  Einblick 
in  das  Leben  der  höheren  Kreise  Roms  gewann  er  damik 
ebensowenig,  wie  er  anderseits  mit  dem  Treiben  des  breiten 
Volkes  nur  in  flüchtige  Berührung  kam.  Selbst  das  Zusammen- 
leben   der    zahlreichen    deutschen   Künstlerkolonie    scheint 
ihm  im  ganzen  ziemlich  fremd  gebUeben  zu  sein;  wie  heute 
noch  das  Leben  in  Rom  die  Bildung  enger  abgeschlossenee 
Gruppen  unter  den  fremden  Künstlern  begünstigt,  so  scheint 
auch  Goethe  von  den  Freunden,  deren  »Staatsgefangener« 
er  war,  eher  abgehalten  als  angeregt  worden  zu  sein,  seine 
Bekanntschaften  über  ihren  Dunstkreis  hinaus  auszudehnen. 
Nur  so   erklärt  es   sich   wohl,   daß   er  manchen  deutschen 
Meister,  der  damals  in  Rom  weilte,  wieDannecker,  Scheffauer 
oder  J.  G.  Schadow,   der  doch  kurz  vor  Goethes  Ankunft 
auf  dem   Kapitol    einen   Preis    erworben    hatte,   in    seinen 
italienischen  Aufzeichnungen  überhaupt  nicht  erwähnt,  daß 
er  auch  nie  von  dem  Hauptquartier  der  fremden,  insbesondere 
deutschen  Künstler,    dem  Cafe   Greco,  spricht,  obschon  er 
es    sicher   ein   oder  das  andere  Mal  besucht  hat.'     Jedoch 
wird  jeder  gewissenhafte  Kenner  der  Goetheschen  Schriften 
und  Briefe  über  Rom   mir  nicht  Unrecht  geben,  wenn  ich 
die    Berechtigung    der    Marmortafel    in    der    sogenannten 
»Goethekneipe»    an  der   Piazza   Montanara  zu    Rom   sehr 
stark   in  Zweifel   ziehe.     In   keiner  der  vorliegenden  Auf- 
zeichnungen des  Dichters  und  seiner  Zeitgenossen  Tischbein, 
Moritz  u.  a.  kommt  diese  Osteria  vor;  in  dem,  was  Goethe 
selber  gedruckt  oder  geschrieben  aus  Rom  hinterlassen  hat, 
spielt  aas  Leben  in  römischen  Osterien  überhaupt  keinerlei 
Rolle;  sein  Dasein  in  der  ewigen  Stadt  war  so   ernst,  fast 
pedantisch  geordnet,  zwischen  Studien,  Arbeit  und  intimem 
häuslichen  Verkehr  getheilt,  daß  man  die  Vorstellung,  Goethe 
sei  Stammgast   in   einer  Osterie   gewesen,   schon  als   eine 
sinnlose   Phantasie    zurückweisen    muß,    auch   ohne   seiner 
vornehmen  Weimarer  Gewohnheiten  zu  gedenken,  die  bei 

^  Eine  Stelle  in  den  »Reisen  eines  Deutschen  in  Italien«  von 
K.  Ph.  Moritz,  Berlin  1792,  legt  die  Vermuthung  nahe,  daß  dieser  seine 
Bekanntschaft  mit  Goethe  gerade  im  Cafe  Greco  gemacht  hat.  Die 
Stelle  ist  zu  umfangreich,  um  sie  hier  wiederzugeben ;  man  lese  sie  bei 
Moritz  nach,  a,  a.  O.  S.  148—153;  sie  ist  datirt  von  Rom,  20.  Nov.  1786. 


Aus  Goethes  römischem  Kreise.  195 

dem  38jähiigen  Geheimen  Rath  nichts  Burschikoses  mehr 
hatten.  Die  Inschritt  auf  weißem  Marmor:  »In  diese  Osteria 
pflegte  Goethe  sich  zu  begeben  während  seinem  Aufenthalt 
in  Rom  in  den  Jahren  1786—87 — 88«  wird  trotzdem  von 
allen  denen,  die  sich  einen  Dichter  nur  hinter  der  Flasche 
denken  können,  tür  eine  heilige  Wahrheit  gehalten,  weil 
König  Ludwig  I.  von  Bayern  sie  anbringen  ließ.  Der 
König,  der  selbst  gerne  in  einer  Weinschenke  die  deutschen 
Künstler  um  sich  versammelte,  soll  diesen  den  Auftrag 
gegeben  haben,  die  Schenke  ausfindig  zu  machen,  wo 
Goethes  XV.  Elegie  spielte,  und  nach  einer  heute  noch  in 
deutsch-römischen  Künstlerkreisen  lebendigen  Ueberlieferung 
haben  die  Beauftragten,  die  um  jeden  Preis  den  königlichen 
Wunsch  erfüllen  wölken,  sich  dabei  i^ründlich  mystifiziren 
lassen.  Sie  haben  offenbar  nicht  gewußt,  daß  König  Ludwig 
den  Dichter  selbst  schon  vergebens  um  Aufklärungen  über 
die  Elegien  bedrängt  hatte.  Was  Goethe  dazu  sagte,  ist 
in  Eckermanns  Gesprächen  zu  lesen,  bei  Gelegenheit  eines 
Briefes,  den  ihm  König  Ludwig  am  26.  März  1829  aus 
Rom  schrieb."  »Ja,  sagte  Goethe,  die  Elegien  liebt  er 
besonders;  er  hat  mich  hier  viel  damit  geplagt,  ich  sollte 
ihm  sagen,  was  an  dem  Factum  sei,  weil  es  in  den  Gedichten 
so  anmuthig  erscheint,  als  wäre  wirklich  etwas  rechtes 
daran  gewesen.  Man  bedenkt  aber  selten,  daß  der  Poet 
meist  aus  geringen  Anlässen  etwas  gutes  zu  machen  weiß.« 
Man  wird  danach  gut  thun,  die  Gedenktafel  in  der  sogenannten 
Goethekneipe  an  Piazza  Montanara  fürder  als  nicht  vor- 
handen zu  betrachten.  Zudem  fehlt  es  in  Rom  nicht  an 
Stätten,  die  nachweislich  durch  Goethes  häufigen  Besuch 
pietätsvoller  Erinnerung  geweiht  sind. 

Die  werthvollste  dieser  Stätten  wird  immer  das  Haus 
am  Corso  No.  20  bleiben,  wo  Tischbeins  Künstlerhaushalt 
den  Dichter  wie  ein  Fleckchen  Heimath  in  der  Fremde 
aufnahm.  Die  »deutsche  Akademie  bei  Rondanini«,  wie 
Angelika  das  Haus  einmal  sinnvoll  nannte,'  zehrte  noch 
ein  paar  Jahre  lang  von  der  Erinnerung  an  Goethes  Aufent- 
halt in  Rom  und  blieb  auch  nach  seinem  und  Tischbeins 
Abschied  unter  der  hausmütterlichen  Pflege  der  alten  Piera 
Collina  vereinigt.  Der  Stato  delle  Anime  von  S.  Maria  del 
Popolo  führt  im  Frühjahr  1789  in  dem  Hause  Moscatelli 
als  Insassen  noch  Schütz  und  Bur}-  auf,  dazu  einen  »Federico 
Lambert  protestante  pittore«,  womit  kein  anderer  gemeint 
ist  als   der  Berliner  Flistorienmaler  Friedrich  Rehberg,  von 


'  Eckermanns  Gespräche  mit  Goethe,  Leipzi»  1837;  II.,  118. 
*  Brief  an    Goethe    vom    i.  August    1789;    oei    Harnack,    Nach- 
geschichte, S.  184. 

i5* 


1^6  Abhandlungen. 


dem  Herder  im  Herbst  1788  ausdrücklich  erzählt,  daß  er 
mit  Schütz  und  Bury  in  Goethes  Quartier  wohnte. '  Im 
II.  Stock  ist  um  dieselbe  Zeit  der  Maler  und  Kupferstecher 
Joh.  Heinr.  Lips  verzeichnet,  der  am  10.  Juli  1789  Rom 
verließ,  um  auf  Goethes  Berufung  nach  Wemiar  zu  gehen. 
Sein  Nachfolger  wurde  Heinrich  Meyer,"  der  aber  im  Per- 
sonenstand der  Pfarrei  1790  nicht  mehr  aufgeführt  ist,  da 
er  in  Folge  einer  schweren  Erkrankung  an  Wechselfieber 
sich  schon  im  Winter  1789  —  90  entschloß,  Italien  zu  ver- 
lassen und  in  die  Schweiz  zurückzukehren,  ^  von  wo  er  bald 
auch  nach  Weimar  einlief.  Mit  Meyer  verschwinden  auch 
Schütz  und  Bury  aus  dem  Pfarreiregister  von  S.  Maria  del 
Popolo;  am  längsten  hielt  Rehberg  in  dem  Goethehause 
am  Corso  aus,  wo  er  um  die  Fastenzeit  1791  noch  ver- 
zeichnet ist.  In  diesem  Jahre  starb  aber  Piera  Collina,  die 
gute  Alte,  siebzigjährig,  nachdem  ihr  Mann  im  Mai  1789 
vorausgegangen  war,  und  damit  war  der  letzte  Rest  des 
Tischbeinschen  Künstlerhaushalts  nach  zehnjähriger  Dauer 
aufgelöst. 

2.  Goethe  und  die  Arkadia. 

Die  Aufnahme  Goethes  in  die  Akademie  der  Arkadier, 
von  der  er  in  seinem  italienischen  Reisewerk  an  zwei  Stellen 
in  widersprechender  Weise  berichtet,  ist  als  charakteristische 
Episode  doch  wohl  wichtig  genug,  um  nach  Ursprung  und 
begleitenden  Umständen  zuverläßig  aufgeklärt  zu  werden. 
Goethes  eigene  Mittheilungen  darüber-*  sind  nicht  nur 
widerspruchsvoll,  sondern  auch  lückenhaft,  und  was  später 
von  Kommentatoren  zur  Ergänzung  zusammengetragen 
wurde,  ist  zum  Theil  geradezu  falsch. 

Zunächst  muß  eine  Persönlichkeit  ausgeschaltet  werden, 
die  seit  Düntzer  immer  mit  dieser  Angelegenheit  in  Ver- 
bindung   gebracht   wird,  der  Fürst  Karl    Borromeus   Joh. 

'  Herders  Reise  nach  Italien,  S.  104:  Brief  Herders  an  seine  Frau, 
d.  d.  Rom,   I.  Oktober  1788. 

^  Brief  Burys  an  Goethe,  d.  d.  Rom,  11.  Juh  1789  in  Harnacks 
Nachgeschichte,  S.  177. 

3  Briefe  von  Mever  an  Goethe,  d.  d.  Rom,  21.  Nov.  1789  und 
von  Goethe  an  die  Herzogin  Amahe,  d.  d.  Weimar,  14.  Dezember  1789; 
in  Harnacks  Nachgeschiclite  S.  197  und  201  ff. 

4  Italienische    Reise:   Rom,   23.    November,   29.    Dezember    1786; 

4.  Januar  1787;  Zweiter  Aufenthalt  in  Rom:  Aufnahme  in  die  Gesell- 
schaft der  Arkadier,  hinter  dem  Bericht  Januar  1788.  —  Dazu  ist  zu  ver- 
gleichen: Tagebücher  und  Briefe:  S.  223,  Brief  v.  24.  Nov.  1786;  S.  252, 
Brief  v.  6.  Januar  1787;  S.  527,  Briet  an  Herder  v.  2.  Dezember  1786; 

5.  331,  Brief  an  Herder  v.  29.  Dezember  1786;  Briefe  an  Fr.  v.  Stein: 
S.  38,  Brief  v.  4.  Januar  1787:  Briefwechsel  des  Großherzogs  Karl 
August  mit  Goethe,  Weimar  1863,  S.  60  f.,  Brief  v.  12.  Dezember  1786. 


Aus   GOKTHHS   RÖMISCHEM    KrEISE.  197 

Neponuik  Liechtenstein.  Goethe  erzähh,  wie  er  in  Kom 
den  1-ürsien  Liechtenstein, Bruder  der  Grälin  IhirrachgetrolTen, 
wiederholt  bei  ihm  ii^espeist  und  dort  itaHenisciie  Poeten 
wie  Monti  kennen  gelernt  habe,  die  ihn  aus  seinem  Incognito 
hervorzuziehen  bemüht  waren;  und  der  kaiserliche  Bot- 
schafter Kardinal  Hrzan  berichtete  ausdrücklich  an  seine 
Regierung  in  Wien,  daß  der  junge  Fürst  Liechtenstein 
Herrn  Goethe  in  die  Arkadia  eingeführt  habe."  Düntzer 
erklärt  nun  in  seinem  weitschichtigen  Kommentar  zur 
Hempel'schen  Goethe- Ausgabe,'  dieser  Liechtenstein  sei 
Fürst  Karl  Borromeus  Joh.  Kepomuk,  geb.  i.  März  1765, 
gefallen  im  Zweikampf  zu  Wien  am  24.  Dezember  1795. 
Warum  er  gerade  auf  diesen  ältesten  13ruder  der  Grähn 
Harrach  verfallen  ist,  gibt  Düntzer  nicht  an;  es  kann  nur 
eine  willkürliche  Vermuthung  gewesen  sein,  jedenfalls  trifft 
sie  nicht  zu.  Denn  dieser  Karl  Borromeus  war  um  jene 
Zeit  überhaupt  nicht  in  Rom;  er  machte  damals  eine  Reise 
durch  Holland  und  England  und  trat  nach  seiner  Rückkehr 
1787  in  den  österreichischen  Verwaltungsdienst  in  Brüssel.' 
Auch  in  den  römischen  Bevölkerungslisten  aus  Goethes 
Zeit,  die  ich  sorgfältig  durchgesehen  habe,  fand  ich  keine 
Spur  von  einer  Romreise  des  Fürsten  Karl  Borromeus, 
wohl  aber  sind  dort  zwei  andere  Fürsten  Liechtenstein  als 
vorübergehend  in  Rom  wohnhaft  verzeichnet :  ein  Bruder 
und  ein  Vetter  der  Gräfin  Harrach.  Wenn  nun  auch  Goethe 
wiederholt  von  einem  Bruder  der  Gräfin  spricht,  den  er  in 
Rom  getroffen,  so  ist  doch  eine  Verwechselung  mit  dem 
X'etter  bei  einer  so  weitverzweigten  Familie  nicht  ausge- 
schlossen, deren  Stammtafel  auch  der  Weimarer  Geheime- 
rath  wohl  kaum  auswendig  wissen  konnte;  ja  eine  solche 
\'erwechselung  ist  um  so  leichter  möglich,  wenn  Goethe, 
was  sehr  wahrscheinlich  ist, beide  Liechtensteins  nacheinander 
kennen  lernte.  Einer  von  ihnen,  der  Vetter,  war  Philipp 
Joseph, Sohn  von  Franz  Joseph  Liechtenstein,  geb.  2.  Juli  1762, 
ein  teingebildeter  Mann  von  lebhaften  geistigen  Interessen, 
der  in  Wien  mit  den  ausgezeichnetsten  Männern  verkehrte, 
auf  seinen  Reisen  genaue  Tagebücher  führte,  eine  kurze 
Selbstbiographie  und  Aufzeichnungen  vermischten  Inhalts, 
politische  Betrachtungen  u.  drgl.  hinterließ.  Vom  27.0ctober 
1786  bis  Mai  1787  machte  er,  wie  der  Historiograph  des 
Hauses  Liechtenstein  berichtet,'*   eine   Reise  in  Italien,    die 


'  Bericht  Hrzans  vom  24.  März  1787,  bei  Brunner  »Die  theologische 
Dienerschaft  am  Hofe  Josephs  IL«,  Wien  1868,  S.   ijöf. 

*  Band  XXIV,  S.  692  und  Düntzer  »Goethes  Leben«  S.  391. 

5  Jacob  V.  Falke  »Geschichte  des  fürstlichen  Hauses  Liechtenstein«, 
Wien,  1882;  in,  541  rt". 

4  J.  V.  Falke,  a.  a.  O.,  Ill,  280. 


1^8  Abhandlungen. 


ihn  bis  Neapel  führte;  nach  seiner  Rückkehr  wurde  er 
1788  Flügeladjutant  des  Kaisers  Joseph,  nahm  an  einem 
Türkenkrieg  theil,  brachte  dann  den  Rest  seines  Lebens 
auf  Reisen  "zu  und  starb  am  18.  Mai  1802.  Der  andere 
zu  Goethes  Zeit  in  Rom  lebende  Liechtenstein  war  Wenzel 
Joseph,  jüngerer  Bruder  von  Karl  Borromeus  und  der  Gräfin 
Harrach,  geboren  21.  Juli  1767,  ein  Mann  von  aufgewecktem 
Geist  aber  leichtem  Blut,  der  schon  früh  zum  geistlichen 
Stande  bestimmt  und  von  seinem  Vater  Fürst  Karl  Liechten- 
stein 1774  dem  Domstift  zu  Köln  präsentirt  wurde.  Nach 
Falke'  wurde  Fürst  Wenzel  1786  nach  Rom  geschickt,  urn 
Theologie  zu  studiren;  allein  man  scheint  dort  nicht  mit 
ihm  zutrieden  gewesen  zu  sein,  und  aut  den  Rath  des  Kar- 
dinals Garampi  wurde  er  von  dort  weggenommen  und  in 
ein  französisches  Seminar  gesteckt.  Lr  brachte  es  zwar 
bis  zum  Domherrn  zu  Salzburg,  aber  das  Soldatenhandwerk 
zog  ihn  mehr  an,  1804  erreichte  er  in  Rom  seine  Säkulari- 
sirung  und  trat  dann  ins  österreichische  Heer  ein,  das  er 
als  Generalmajor  1814  verließ;  er  starb  1842. 

Sollte  man  nach  der  inneren  Wahrscheinlichkeit  zwischen 
diesen  beiden  jungen  Männern  entscheiden,  wen  Goethe 
im  Auge  hatte,  als  er  im  November  1786  nach  Hause  schrieb, 
er  habe  den  Fürsten  Liechtenstein  getroffen,  ihm  gegenüber 
sein  Incognito  aufgegeben  und  bei  ihm  gespeist,  so  kann 
die  WahTnicht  schwer  sein;  man  wird  lieber  an  den  damals 
25jährigen  Fürsten  Philipp  denken,  der  als  freier  Mann 
Italien  bereiste,  als  an  den  19jährigen  Seminaristen  Fürst 
Wenzel,  der  sich  bald  darauf,  weil  er  nicht  gut  that,  auf 
eine  andere  Anstalt  verpflanzen  lassen  mußte.  Für  den 
Fürsten  Philipp,  den  Vetter  der  Gräfin  Harrach,  sprechen 
aber  auch  die  Angaben,  die  ich  in  den  römischen  Pfarr- 
büchern gefunden  liabe.  Während  der  Fürst  Wenzel  in  den 
Jahren  1785  und  1786  als  Insasse  des  Klosters  S.  Stefano 
del  Cacco  aufgeführt  ist,'  wo  er  doch  kaum  Gäste  zu 
Tisch  empfangen  konnte,  finden  wir  am  Ende  des  Winters 
1786—87  den  Fürsten  Philipp  als  Bewohner  des  ganzen 
zweiten  Stocks  des  Hauses  Della  Vetera  am  Corso 
No.  314 — 315  verzeichnet,'  dazu  seine  Dienerschaft,  be- 
stehend aus  einem  Jäger,  einem  Kammerdiener  und  einem 
Kurier.    Wir  müssen  uns  danach  als  Stätte  der  Tischgesell- 


'  a.  a.  O.  III,  344. 

*  Im  Staio  delle  Anime  der  Pfarrei  S.  Stefano  del  Cacco  1785  und 
1786  wird  er  genannt:  Eccellentissimo  Principe  Don  Giuseppe  Venceslao 
di  Liechtenstein  da  Vienna,  Canonico  delia  Metropoli  di  Colonia. 

5  State  delle  Anime  der  Pfarrei  S.  Marcello,  1787.  Der  Name 
ist  geschrieben:  Filippo  Linktestein,  das  Alter  ist  richtig  auf  25  Jahre 
angegeben. 


Als  Goethes  römischem  Kreise  199 

Schäften,  zu  denen  Fürst  Liechtenstein  den  Dichter  einlud, 
nachdem  der  Antiquar  Hirt  die  Bekanntschaft  vermittelt 
hatte,'  diesen  kleinen  Palazzo  am  Corso,  unweit  des  Palazzo 
Sciarra  und  der  Kirche  S.  Marcello  denken.  Bei  diesen 
kleinen  Gelagen  mag  wohl  auch  der  Vetter  des  Gastgebers, 
Fürst  Wenzel,  nicht  gefehlt  haben,  ohne  daß  Goethe  ihn 
besonders  beachtete,  und  von  seinen  geistlichen  Kollegen 
und  Erziehern  war  gewiß  auch  einer  oder  der  andere 
zugegen.  So  müssen  wir  wenigstens  eine  Briefstelle  bei 
Tischbein  verstehen,'  der  viele  Jahre  später  offenbar  noch 
mit  Freuden  eines  solchen  Essens  gedachte  und  Goethe 
fragte :  »Erinnern  Sie  sich  noch  eines  Abends,  als  wir  beim 
Prinzen  Liechtenstein  waren,  der  so  viele  Beichtväter  und 
Geistliche  versammelt  hatte,  was  diese,  als  ihnen  der  Wein 
in  die  Krone  gestiegen  war,  da  alles  erzählten  ?«  Sehr 
geistlich  streng  scheint  es  also  dort  nicht  zugegangen  zu 
sein,  und  wenn  man  annimmt,  w^orauf  docii  Goethes  eigene 
Mittheilungen  hinweisen,  daß  seine  Aufnahme  in  die  Arkadia 
beim  Fürsten  Liechtenstein  ausgeheckt  worden  ist,  so  beginnt 
die  Sache  in  einem  ganz  eigenen  Lichte  zu  erscheinen. 

Da  muß  nun  zunächst  wieder  mit  einem  Irrthum  auf- 
geräumt werden,  der  sich  in  Düntzers  Kommentaren  zur 
Italienischen  Reise  findet.^  Düntzer  macht  dort  folgende 
Bemerkung:  »Hrzans  Bericht,  der  junge  Fürst  Liechtenstein 
habe  Goet^he  in  die  arkadische  Versammlung  eingeführt, 
ist  jedenfalls  irrig.  Goethe  war  längst  in  Rom  als  der 
berühmte  deutsche  Dichter  bekannt,  sodaß  es  nicht  zu  ver- 
wundern, wenn  auch  der  Kustode  der  Arkadier  sich  um 
ihn  bewarb;  daß  er  sich  dabei  der  Hülfe  des  Fürsten 
Liechtenstein  und  seines  Hofmeisters  bediente,  ist  freilich 
möglich.«  Hier  ist  Düntzer  gewiß  auf  einen  ganz  falschen 
Weg  geraten.  Einmal  liegt  nicht  der  geringste  Grund  vor 
an  der  Zuverlässigkeit  von  Hrzans  Bericht  zu  zweitein, 
denn  über  das  Treiben  seiner  österreichischen  Landsleute 
in  Rom  hat  sich  der  Kardinal  und  Botschafter  Hrzan  ohne 
Zweifel  stets  die  sicherste  Auskunft  verschaffen  können, 
umsomehr  wenn  ein  Fall  vorlag,  der  den  Kardinal  so  leb- 
haft interessirte,  wie  die  Inkognito- Anwesenheit  des 
Weimarischen  Geheimraths  Goethe.*    Ebenso  konnte  Hrzan 


'  Bericht  des  Kardinals  Hrzan  vom  24.  März  1787,  bei  Brimner, 
a.  a.  O.  156. 

^  Tagebücher  u.  Briefe,  Anmerkuns;en  S.  409. 

3  Hempelsche  Goethe-Ausgabe,  XXIV,  925. 

*  Hrzan  erwähnte  in  seinen  Berichten  aus  Rom  17S7  und  1788 
Goethe  nicht  weniger  als  fünfmal  und  berichtete  theilweise  ganz  aus- 
führlich über  seine  Thätigkeit  auf  Grund  einer  eigens  eingerichteten 
Ueberwachung,  die  sich  sogar  auf  des  Dichters  Briefwechsel  erstreckte. 


200  Abhandlungen'. 


über  alles  was  in  der  Arkadia  vorging,  durch  deren  eigene 
Angehörige  beständig  unterrichtet'  sein,  da  alle  Kardinäle 
und  sonstige  römischen  Würdenträger  ihre  Mitglieder  zu 
sein  pflegten.  Ueberdies  steht  die  "Darstellung  Hrzans  in 
bestem  hinklang  mit  der  Genesis  der  Angelegenheit,  die 
Goethe  selbst  in  seiner  Italienischen  Reise  anäeutet.  Da- 
gegen ist  Düntzers  Annahme,  der  Kustode  der  Arkadia 
habe  den  in  Rom  längst  bekannten  deutschen  Dichterheros 
heranziehen  wollen  und  sich  dazu  nur  der  Vermittelung 
Liechtensteins  bedient,  völlig  haltlos.  Was  zunächst  die 
Vertrautheit  der  damaligen  Römer,  auch  wenn  sie  arkadische 
Schäfer  waren,  mit  den  Werken  aus  Goethes  erster  Periode, 
mit  Götz  von  Berlichin^en  und  Werther,  angeht,  so  mag 
nur  an  die  köstliche  Geschichte  erinnert  sein,  die  der 
Dichter  selbst  seinem  Freunde  Eckermann  erzählte :  »Von 
meinem  Werther  erschien  sehr  bald  eine  italienische  Ueber- 
setzung  in  Mailand.  Aber  von  der  ganzen  Auflage  war  in 
kurzem  auch  nicht  ein  einziges  Exemplar  mehr  zu  sehen. 
Der  Bischof  war  dahinter  gekommen  und  hatte  die  ganze 
Edition  von  den  Geistlichen  in  den  Gemeinden  aufkaufen 
lassen.  Es  verdroß  mich  nicht,  ich  freute  mich  vielmehr 
über  den  klugen  Herrn,  der  sogleich  einsah,  daß  der  Werther 
für  Katholiken  ein  schlechtes  Buch  sei,  und  ich  mußte  ihn 
loben,  daß  er  auf  der  Stelle  die  wirksamsten  Mittel  er- 
griff'en,  es  ganz  im  Stillen  wieder  aus  der  Welt  zu  schafl'en.« ' 
In  der  That  war  vor  Goethes  Reise  in  Italien  nur  eine 
italienische  Uebersetzung  des  Werther  erschienen,  von  Götz 
überhaupt  keine;"  die  französischen  Uebersetzungcn  des 
Werther  von  1774,  1776  und  1784  und  des  Götz  von  1785 
konnten  bei  dem  damaligen  Bildungsstand  in  Italien  für 
das  Bekanntwerden  des  Dichters  kaum  mehr  in  Betracht 
kommen  als  das  deutsche  Original.  Dabei  darf  man  nicht 
vergessen,  daß  gerade  im  Kirchenstaat  die  Einfuhr  fremder 
Literatur  aufs  schärfste  überwacht  wurde,  daß  in  Rom 
selber  nichts  gedruckt  werden  konnte,  bevor  der  Majordomus 
Sr.  Heiligkeit  ausdrücklich  das  Imprimatur  ertheilt  hatte. 
Diese  päpstliche  Fürsorge ,  daß  nur  garantirt  klerikale 
Geistesnahrung  verabreicht  werde,  erstreckte  sich  natürlich 
auch  auf  alle  römischen  Institute,  die  wie  die  Arkadia 
unter  päpstlicher  Protektion  standen.  Einem  Kustoden  der 
Arkadia  konnte  es  daher,  wenn  er  wirklich  von  Goethe 
und  seinen  Dichterwerken  etwas  wußte,  nie  in  den  Sinn 
kommen,  dies  revolutionäre  Kraftgenie  in  die  sanfte  päpst- 
hch    approbirte    Schäfergesellschaft    einzuführen,   wo   Kar- 

^  Eckermanns  Gespräche  mit  Goethe,  Freitag  3.  April    1829. 
*  VrgL  C.  Fasola  im  Goethe-Jahrbuch  XVI,  257  f. 


Als  Goi-tuf.s  kömisciihm  Kki:isi:.  201 

dinäle,  Monsignori  und  Abbaten  das  i^roße  Wort  führten, 
wo  man  aul  VVeihnaclitcn  hintereinander  ein  Dutzend  Sonette 
auf  die  Geburt  des  Heilands  und  um  Ostern  ein  Dutzend 
auf  die  Auferstehuni;  mit  Andacht  und  Beifall  anzuhören 
pflegte.  Je  mehr  man  darüber  nachdenkt,  desto  mehr  er- 
scheint die  Aufnahme  Goethes  in  die  Arkadia  wie  ein 
grausamer  Witz,  etwa  wie  wenn  in  unseren  Tagen  ein 
Haeckel  Ehrenmitglied  der  Görresgesellschaft  würde.  Ja,  ich 
kann  mich  des  Argwohns  nicht  erwehren,  daß  das  Interesse 
des  österreichischen  Botschafters  Kardinals  Hrzan  an  der 
Arkadia -Angelegenheit  entweder  auf  ein  unangenehmes 
Aufsehen  zurückzuführen  ist,  das  die  Aufnahme  Goethes 
in  gewissen  Kreisen  erregte,  oder  wenigstens  auf  die  Be- 
fürchtung, sie  möchte  übel  vermerkt  werden.  Umgekehrt 
mag  es  m  dem  Kreise,  wo  Goethes  Einführung  in  die  Ar- 
kadia ausgeheckt  wurde,  einen  oder  den  andern  gegeben 
haben,  der  in  übermüthiger  Spötterlaune  seine  besondere 
Freude  daran  hatte,  den  ketzerischen  Poeten  von  der  braven, 
frommen  Arkadiergesellschaft  unter  Beifall  als  Mitbruder 
angenommen  zu  sehen. 

Jene  kurze  treflende  Schilderung,  die  Tischbein  von 
der  Abendgesellschaft  bei  Philipp  Liechtenstein  gegeben 
hat,  dann  das  Bild,  das  uns  Falke  in  seiner  Geschichte  des 
Hauses  Liechtenstein  von  den  Fürsten  Philipp  und  Wenzel 
entwirft,  schließlich  die  Andeutungen,  die  Goethe  selber 
über  den  Hergang  macht,  wie  man  ihn  zur  Aufnahme  in 
die  Arkadia  drängte  und  er  sich  sträubte,  da  er  die  Em- 
pfindung hatte,  dort  nicht  am  rechten  Platze  zu  sein,  das 
alles  zusammengenommen  macht  es  sehr  glaublich,  daß 
auch  etwas  jugendlicher  Uebermuth  bei  der  Sache  mitgespielt 
habe.  Das  mag  besonders  auf  den  erst  I9iährigen  Fürsten 
Wenzel  zutreffen,  der  als  angehender  Priester  aus  vor- 
nehmem Haus  schon  am  5.  Mai  178)  —  wegen  unbekannt 
gebliebener  Verdienste  um  die  Dichtkunst  —  selbst  zum 
Pastor  Arcadicus  ernannt  worden  war '  und  sich  bei  seinen 
weltlichen,  militärischen  Neigungen  in  dieser  Rolle  wohl 
eben  so  komisch  vorkam  wie  im  Priestergewand.  Bei 
anderen,  die  Goethes  Aufnahme  betrieben,  spielten  dagegen 
ernsthaftere  Beweggründe  mit,  die  der  Dichter  selber  in 
seinen  italienischen  Reiseberichten  andeutet.  Die  deutschen 
Landsleute,  die  nach  geläufigen  römischen  Begrifien  die 
Ernennung  zum  arkadischen  Schäfer  als  eine  Auszeichnung 
ansahen,  glaubten  gewiß  allen  Ernstes,  daß  ihr  großer 
Freund  vollbegründeten  Anspruch  auf  das  arkadische  Diplom 
habe,    wennschon     es    vielen     minder    Würdigen     ertheilt 


Diario  ordinario  di  Roma  (Chracas),  Kr.  1082,  vom  14.  Mai  1785. 


202  Abhandlungen. 


worden;   war  es   doch   in   seiner  Art  eine  Ehirung  ebenso 

gut  wie  die  Titel  und  Orden,  mit  denen  deutsche  Höfe  den 
lichter  geschmückt  hatten,  und  die  er  ebenso  mit  hohen 
Staatswürdenträgern  und  gekrönten  Häuptern  theilte  wie 
das  Schäferdiplom,  das  von  Kardinälen,  fremden  Botschaftern 
und  fast  allen  Fürsten  Europas,  die  Rom  besuchten,  gerne 
angenommen  wurde.  Während  so  bei  den  deutschen  Ver- 
ehrern Goethes  der  Nationalstolz  den  Wunsch  erweckte, 
ihn  in  Rom  der  herkömmlichen  Dichterehre  theilhaftig  zu 
sehen,  wirkten  bei  einigen  itahenischen  Poeten,  die  sich 
der  Sache  annahmen,  selbstsüchtige  Erwägungen  mit.  Aus- 
drückUch  werden  hier  zwei  Persönlichkeiten  des  Liechten- 
steinschen  Kreises  genannt:  der  damals  auf  den  ersten 
Stufen  der  Ruhmesleiter  stehende  Vincenzo  Monti,'  der 
Goethes  Interesse  für  seine  eigenen  Tragödien  erwecken 
wollte  und  ihn  zur  ersten  Aufführung  seines  Aristodemus 
einlud,  und  ein  Abbate  Tacchi,"  von  dem  die  Literatur- 
geschichte weiter  nichts  weiß,  der  aber  die  Absicht  hatte, 
die  Iphigenie  ins  Italienische  zu  übersetzen.  Beiden  kam 
es  offenbar  gar  nicht  in  erster  Linie  darauf  an,  dem  deutschen 
Dichter  eine  ihm  gebührende  Huldigung  Italiens  zu  ver- 
schaffen, sondern  darauf,  sein  Wohlwollen  zu  erwerben 
und  diese  gewichtige  literarische  Beziehung  für  sich  aus- 
zumünzen. Goethe  hat  diese  Motive,  wenn  auch  vielleicht 
nicht  vom  ersten  Augenblick  an,  durchschaut.  Nach  der 
Aufnahme  in  die  x\rkadia  schrieb  er  an  Frau  von  Stein: 
»Wie  das  alles  aber  zusammenhängt  und  wie  ich  ein  großer 
Thor  wäre,  zu  glauben,  daß  das  alles  um  meinetwillen 
geschähe,  dereinst  mündlich.« 

Wenn  dem  Dichter  diese  Erkenntniß  früher  gekommen 
wäre,  so  hätte  er  vielleicht  die  arkadischen  Ehren  im  voraus 
abgelehnt;  es  hätte  ihm,  wofern  er  nur  ernstlich  wollte, 
nicht  mißlingen  können.  Läßt  er  doch  später  in  der 
Italienischen  Reise  erkennen,  daß  er  sich  mehr  aus  Höflich- 
keit gegen  den  Fürsten  Liechtenstein,  dem  er  mancherlei 
Gefälligkeiten  verdankte,  in  die  Beziehungen  zu  den 
römischen  Literaten  hineinziehen  ließ,  die  ihn  schließlich 
in  die  arkadische  Schäferhütte  —  ich  möchte  sagen  — 
einschmuggelten.  Denn  das  ist  mir  nicht  mehr  zweifelhaft, 
mag  nun  einer  der  Liechtensteins,  oder  Monti,  Tacchi, 
oder  alle  zusammen  die  förmlichen  Schritte  zur  Aufnahme 
Goethes  unternommen  haben,  den  damaligen  Leitern  der 
Arkadia  ist  seine  Aufnahme  entweder  sehr  gleichgültig, 
oder,  wenn  sie  wirklich  wußten,  wes  Geistes  Kind  sie  vor 


'  Vrgl.  die  oben  angeführten  einschlägigen  Stellen  bei  Goethe. 
'  Hrzans  Bericht  vom  24.  März  1787,  a.  a.  O. 


Als  Goethes  römischem  Kreise.  203 

sich  hatten,  eher  peinhch  als  erfreulich  gewesen.  Und 
wenn  dem  so  ist,  so  erklärt  sich  auch  leicht  die  offenbare 
Verstimmung  Goethes  unmittelbar  nach  dem  feierlichen 
Akt,  in  der  er  an  Frau  von  Stein  schrieb:  »Ich  habe  Fritzen 
scherzend  von  meiner  Aufnahme  in  der  Arkadia  geschrieben, 
es  ist  auch  darüber  nur  zu  scherzen,  denn  das  Institut  ist 
zu  einer  Armseligkeit  zusammen  geschwunden«, '  worauf 
dann  die  oben  schon  angeführte  Erklärung  der  tieferen 
Gründe  des  ganzen  Vorgangs  folgt.  Der  Dichter  war  offen- 
bar durch  den  Verlan!  der  Feierlichkeit  enttäuscht,  und 
diese  Enttäuschung  ist  sehr  begreiflich,  wenn  wir  annehmen, 
daß  die  Arkadier  selber  nicht  von  Herzen  bei  der  Sache 
waren. 

Für  diese  Annahme  spricht  nun  sehr  entschieden  der 
wichtige  Umstand,  daß  die  Ernennung  Goethes  zum  Pastor 
arcadicus  in  den  Sitzungsberichten  der  Gesellschaft  Jiicht  ver- 
:ieichnet  ist.  Es  ist  der  Mühe  werth,  diesen  Punkt  etwas 
o;enauer  zu  betrachten.  Bisher  glaubte  man,  daß  die  Akten 
der  Arkadia  ein  Protokoll  über  die  Aufnahme  des  »Megalio 
Melpomenio«  enthielten.  Die  Quelle  dafür  war  eine  Stelle 
in  Theophile  Gart's  verdienstvoller  Schrift  »Goethe  en 
Italie«,"  wo  der  Verfasser,  der  die  Akten  der  Arkadia  nicht 
selbst  gesehen  hat,  erzählt,  er  verdanke  der  Güte  des 
gegenwärtigen  Verwalters  der  Gesellschaft,  Conte  Zamboni, 
i^ofgende  ergänzende  Mittheilungen  zu  Goethes  Bericht: 

»II  suo  riceviniento  fit  uno  dei  piii  solenni  e  splendidi. 
Convocato  neue  sale  delV  Arcadia  il  Ceto  universo,  e  alla 
presen:(a  ancora  di  Cardinali  e  Principi  dignitari,  egli  fu 
annoverato  fra  gli  Arcadi  per  acclatna2Jone,  jornia  piii  distinta, 
che  suole  adoperarsi  soltanto  coi  Sovrani,  coi  Cardinali  e  con 
gli  nomini  di  nierilo  straordinario.  Degli  atli  della  nostra 
Arcadia  non  risulta  che  prima  0  dopo  di  quel  giorno  parteci- 
passe  ai  lavori  della  Societa.« 

Diese  Auskunft  des  Verwalters  der  Arkadia  auf  Gart's 
Anfrage  hat  etwas  sehr  Verdächtiges,  —  den  Schlußsatz 
ausgenommen,  der  offenbar  der  historischen  Wahrheit  ent- 
spricht. Warum  hat  er  Herrn  Gart  nicht  einfach  die  auf 
Goethes  Aufnahme  bezügliche  Stelle  der  Arkadia-ProtokoUe 
copirt?  Warum  statt  dessen  einen  phrasenhaften  Bericht 
verfaßt,  den  sich  jeder  aus  den  Fingern  saugen  kann,  der 
Goethes  zweiten  Römischen  Aufenthalt  gelesen  hat?  Die 
Antwort  liegt  nahe:  Der  Verwalter  brachte  es  mit  echt 
italienischer  Höflichkeit  nicht  übers  Herz,  Herrn  Gart  einen 


'  Tagebücher   und    Briefe   S.  252,   Brief"  an  Frau  von  Stein   vom 
6.  Januar  1787. 

'  Theophile  Gart  »Goethe  en  Italie«,  Lausanne  1S81,  S.  62  ff. 


204  Abhandlungen. 


unbefriedigenden  Bescheid  zu  geben;  da  er  aber  entweder 
nicht  in  den  Akten  gesucht  oder  trotz  allem  Suchen  nichts 
gefunden  hat,  so  half  er  sich  mit  seiner  liebenswürdigen 
Phantasie  aus.  Ich  habe  im  Sommer  1902  die  Akten  der 
Arkadia  wiederholt  mit  Hülfe  des  gegenwärtigen  Custoden 
Monsignore  Bartolini  durchsucht  und  kann  danach  fest- 
stellen, daß  sie  über  Goethes  Aufnahme  keine  Silbe  ent- 
halten. Die  Aufnahme  fand  bekanntlich  am  4.  Januar  1787 
statt,'  wenige  Tage  vor  der  Erstaufführung  des  Aristodemus, 
für  welche  der  Dichter  Monti  auf  Goethes  und  seiner 
Freunde  Beistand  hoffte.  Nun  enthalten  die  Sitzungs- 
protokolle der  Arkadia  einen  Bericht  über  die  General- 
versammlung am  Donnerstag,  4.  Januar  1787,  worin  der 
Custode  zwölf  Beisitzer  für  den  neuen  Turnus  ernannte, 
und  andere  Geschäfte  erledigt  wurden,  aber  von  Goethe 
kein  Wort.  Ich  habe  darauf  die  Protokolle  sämmtlicher 
anderen  Versammlungen  geprüft,  die  während  Goethes 
Anwesenheit  in  Rom  gehalten  wurden,  und  mit  dem 
gleichen  Mißerfolg.  Die  Aufnahmen  anderer  Mitglieder 
linden  sich  protokolUrt,  diejenige  Goethes  nicht.  Zur  Er- 
gänzung dieses  negativen  Ergebnisses  diente  weiter  eine 
genaue  Durchsicht  aller  Nummern  der  römischen  Zeitung 
Chracas  während  der  Jahre  1786 — 1788.  Dort  wurden 
Berichte  über  die  Sitzungen  der  Arkadia  veröffentlicht  mit 
Angaben  über  die  Ausrufung  neuer  Mitglieder,  über  ge- 
haltene Vorträge  u.  s.  w.  Auch  diese  Zeitungsberichte 
schweigen  über  Goethes  Eintritt  in  den  arkadischen  Schäfer- 
bund, während  sie  z.  B.  die  Aufnahme  des  i8jährigen 
Seminaristen  Wenzel  Liechtenstein  gewissenhaft  verzeichnet 
haben. 

Das  Gefühl,  daß  der  titanische  Geist  aus  Weimar  nicht 
wohl  zu  ihnen  passe,  hat  offenbar  auch  die  Arkadier  be- 
herrscht, die  bei  der  Abfassung  des  Sitzungsberichts  die 
Spuren  seiner  Aufnahme  zu  verwischen  suchten,  und  von 
dem  gleichen  Gefühl  war  Goethe  durchdrungen,  als  er  an 
jenem  Donnerstag  Nachmittag  die  »Capanna  del  Serbatojo« 
verließ,  wo  die  Eeierlichkeit  vor  sich  gegangen  w'ar.'  In 
seinem  Unmuth  ist  der  Dichter  aber  doch  wohl  etwas  weit 
gegangen,  wenn  er  gleich  darauf  von  der  »Armseligkeit« 
des  Instituts  schrieb,  worüber  nur  zu  scherzen  sei.    Dichter- 


'  Brief  Goethes  an  Fritz  v.  Stein,  d.  d.  Rom,  4.  Januar  1787. 

*  Das  Serbatojo  dell'  Arcadia  befand  sich  damals  in  Via  Trevi 
(heute  Via  in  Arcione  genannt)  No.  96.  Das  Erdgeschoß  enthielt  die 
Versammlungsräume,  der  erste  Stock  die  Wolmung  des  Custode 
Generale,  wie  aus  dem  Stato  delle  Anime  der  Pfarrei  S.  Niccolo  in 
Arcione  1787  hervorgeht. 


Als  Gm.iHi  s  komischem  Kreise.  205 

vereine  zur  Förderung  der  poetischen  Production  haben 
allerdings  überall  und  zu  allen  Zeiten  einen  Stich  ins 
Lächerliche,  aber  wenn  Goethe  auch  nur  ein  wenig  Fühlung 
mit  der  Arkadia  gewonnen  hätte,  so  würde  er  gewiß  nicht 
blindlings  in  das  V'erdammungsurtheil  der  Reisewerke  von 
X'olkmann  und  Archenholtz  eingestimmt,'  sondern  wohl 
erkannt  haben,  daß  bei  aller  Beschränkung  durch  den 
pfäffischen  Geist  hier  doch  ein  lobenswerthes  Bildungs- 
streben herrschte  und  immerhin  ein  literarischer  Mittelpunkt 
für  die  geistig  regsamen  Kreise  Roms  geboten  war.  Haben 
doch  auch  andere  Fremde,  die  Goethe  persönlich  oder  in 
ihren  Werken  verehrte,  sich  nicht  geschämt,  dem  Schäfer- 
hunde anzugehören,  wie  Angelica  Kauffmann,  Mengs, 
Winckelmann,  der  Pater  Jacquier  u.  a.  Letzterer,  den  der 
Dichter  zu  Rom  in  seinem  Kloster  der  Trinitä  dei  Monti 
aufsuchte,"  war  damals  der  älteste  Schäfer,  aber  zugleich 
eines  der  rührigsten  Mitglieder  der  Arkadia  trotz  seines 
hohen  Alters.  Es  verging  kaum  ein  Monat,  in  dem  er 
nicht  mit  einem  Vortrag  in  der  »Capanna  del  Serbatojo« 
erschien,  theils  über  naturwissenschaftliche  Gegenstände, 
über  Vulkane,  das  KUma  Roms,  theils  über  philosophisch- 
ästhetische Fragen,  manchmal  ließ  er  auch  ein  eigenes 
anakreontisches  Lied  hören.  Während  Goethes  Aufenthalt 
in  Rom  hat  Jacquier  nicht  weniger  als  viermal  in  der 
Arkadia  gesprochen.  Es  wurde  oben  schon  bemerkt,  daß 
die  beste  Gesellschaft  Roms  dem  Schäferbund  angehörte; 
er  spielte  auch  im  öffentlichen  Leben  eine  Rolle;  so  durfte 
bei  den  feierlichen  Preisvertheilungen  der  Kunstakademie 
S.  Luca,  die  im  Beisein  von  Kardinälen  und  anderen  Wür- 
denträgern auf  dem  Kapitol  stattfanden,  nie  die  Arkadia 
iehlen,  die  für  den  rednerischen  Theil  des  Festprogramms 
sorgte. 

Sein  wegwerfendes  Urtheil  über  die  Arkadia,  deren 
Schwelle  er  nach  dem  4.  Januar  1787  nicht  wieder  betrat, 
hat  Goethe  im  Alter  ein  wenig  nachgeprüft  und  gemildert, 
als  er  den  zweiten  Römischen  Aufenthalt  für  den  Druck 
bearbeitete.  Das  Autsätzchen  »Aufnahme  in  die  Gesell- 
schaft der  Arkadier«  im  Januar-Bericht  1788  ist  eine  ruhige 
sachgemäße  Darstellung  sine  ira  et  studio,  die  nur  gleich 
am  hingang  einen  erheblichen  Gedächtnißfehler  autweist, 
indem    der  Dichter  seine  Beziehuniren    zu    den   Arkadiern 


'  Volkmann  »Historisch -kritische  Nachrichten  von  Italien«  Leip- 
zig 1777,  II,  853.  —  J.  W.  V.  Archenholtz  »England  und  Italien«, 
Leipzig  1785,  II,  275. 

^  Briet  Goethes  an  Herder,  d.  d.  Rom,  25.  Januar  1787;  in  den 
Tagebüchern  und  Briefen  S.  540. 


2o6  Abhandlungen. 


als  eine  Nachwirkung  des  Kranz'scben  Concens  darstellt, 
das  thatsächlich  erst  nach  der  Aufnahme  Goethes  in  den 
Schäferbund  stattgefunden  hat.' 

Zum    Schluß   noch   ein   paar  Mittheilungen   über    den 
Custode  Generale  der  Arkadia,  dem  die  Ehre  zufiel,  Goethe 
als    Schäfer    aufzunehmen    und    das    Diplom    auszustellen, 
wofür   ihm  das   übliche  Trinkgeld  von  2  Zechinen  zutheil 
wurde.     Er  hieß    mit  seinem  Schäfernamen  Nivildo  Ama- 
rinzio,  im   bürgerlichen   Leben    Gioacchino   Pizzi,  war  ge- 
boren in  Rom  17 16   und  starb  daselbst   am   8.  September 
1790.     Auf   seiner  Grabschrift    in  der  neuerdings  dem  Ab- 
bruch  verfallenen  Kirche   S.  Niccolo   in   Arcione  wird  er 
als,    »poeta    eximius,    ingenio,    litteris,     religione,    virtute 
celeber«   gerühmt.     Vertrauenswürdiger  ist    jedenfalls   das 
Urtheil  Volkmanns, ^  der  ihm  das  Lob  spendet,  daß  er  ein 
guter  Dichter  sei,  der  sich  viel  Mühe  gebe,  die  Gesellschaft 
Arkadia   emporzubringen.     Volkmann   kennt  von   ihm   ein 
1772   erschienenes  »Ragionamento    sulla    tragica    e  comica 
Poesia«.    Aus  der  römischen  Zeitung  Chracas  erfahren  wir 
noch,   daß  Pizzi  als   junger  Mann    Secretär   des  Kardinals 
Alessandro  Albani  w'urde  und  in  dieser  Eigenschaft  wieder- 
holt den  Pegasus  besteigen  mußte,  w^enn  der  Kardinal,  der 
Protektor    des   Deutschen  Reiches    war,   Festlichkeiten    zu 
Ehren   des  deutschen  Kaisers  gab.     Nachher  ging  Pizzi  in 
den  Dienst  des  Kardinals  Colonna  über,  wurde  1766  «Pro- 
Custode«  und  1772  »Custode  Generale«  der  Arkadia,  deren 
Sitzungen   er  Jahre  lang  durch  den  Vortrag  der  einzelnen 
Bücher   seines  »Tempio    del    Buon    Gusto«    verschönerte. 
Als    er    am    12.  April   1783    den    König    Gustav  IlL    von 
Schweden    bei   dessen  Aufnahme  in  die  Arkadia  mit  latei- 
nischen Verden  begrüßte,  erhielt  er  zum  Lohn  dafür  eine 


^  Der  Gedächtnißfehler  ist  sehr  entschuldbar,  da  mehr  als  30  Jahre 
seit  den  Ereignissen  vergangen  waren,  als  der  Dichter  im  Jahre  1820 
zum  erstenmal  die  Papiere  über  den  Zweiten  Römischen  Aufenthalt 
vornahm,  um  der  Italienischen  Reise  eine  Fortsetzung  zu  geben.  Auch 
ist  nicht  mit  Sicherheit  festzustellen,  ob  Kranz  nur  einmal  oder  zweimal 
bei  Goethe  concertirt  hat.  Das  Concert,  welches  im  Zweiten  Römischen 
Aufenthalt  beschrieben  wird,  müßte  im  Juli  1787  stattgefunden  haben, 
als  Tischbeins  ehemaliges  Studio  dem  Dichter  zur  Verfügung  stand, 
und  Kranz  hätte  danach  auf  der  Rückreise  von  Neapel  nach  Deutsch- 
land nochmals  kurz  in  Rom  geweilt.  Brieflich  erwähnt  Goethe  die 
Ankunft  Kranz',  in  Rom  am  17.  Januar  1787  (an  Frau  v.  Stein)  mit 
den  Worten:  »Kranz  war  heute  bei  mir,  er  geht,  das  neapolitanische 
Karneval  zu  besuchen.«  An  Seidel  schrieb  er  dann  unterm  5.  Februar 
1787:  »Kränzen  habe  ich  gesprochen  und  zu  einem  kleinen  Concert 
gehabt.«  Waren  es  zwei  verschiedene  Concerte,  dann  sind  sie  jedenlalls, 
wie  ersichtlich,  beide  später  gewesen  als  die  Aufnahme  in  die  Arkadia. 

»  a.  a.  O  II,  827. 


Aus  Goethes  römischem  Kreise. 


20: 


goldene  Tabaksdose  mit  20  Zechinen.  Pizzi  war  auch  Mit- 
glied der  Academie  der  Crusca  und  der  Pariser  Acadcmie 
cies  Inscriptions  et  Beiles  Lettres.  Alle  seine  arkadischen 
Verdienste  haben  ihm  allerdings  die  Unsterblichkeit  nicht 
gewinnen  können,  und  er  dürtte  wohl  nie  mit  einem  ge- 
waltigeren Geist  in  persönliche  Berührung  gekommen  sein, 
als  am  4.  Januar  1787,  da  er  Goethe  in  das  Schäferreich 
aufnehmen  mußte  und  darauf  bedacht  war,  die  Spuren  dieses 
Ereignisses  aus  den  Akten  der  Arkadia  zu  verwischen. 


Nachtrag 
zu  DEN  Neuen  Mittheilungen 

(oben  S.  62). 
EIN  BRIEF  GOETHES  AUS  DEM  JAHRE  1774/ 


ch  habe  einen  Brief  von  Schönborn  vom  16  Apr. 
aus  Algier,  der  mich  sehr  gefreut  hat.  Er  ent- 
hält eine  umständliche  Beschreibung  seiner  Reise 
und  das  was  für  mich  merckwürdig  seyn  konnte. 

Der  H.  Ziegler  hat  noch  keine  Anweisung  das  Geld 
quaest.  zu  zahlen.  Auch  bitt  ich  sie  mir  zu  melden:  was 
von  dieser  Summe  für  Götz  ist?  denn  das  ist  alleine  mein, 
wie  das  übrige  allein  Mercken  gehört. 

Ich  begreiffe  nicht  wie  Wiel.[and]  sich  über  die  Farce 
so  ungebärdig  stellen  konnte. 

D'ass  ich'  eine  Schandschriift  auf  die  Jakobi  gefertigt 
habe  ist  wahr,  allein  gedruckt  ist  sie  nicht,  soll  auch  nie 
aus  meinen  Händen  kommen.  Wie  denn  die  Farce  nie 
gedruckt  worden  wäre,  wenn  ich  sie  nicht  Freunden  kom- 
munizirt  hätte. 

Von  kleinen  Sachen  hab  ich  gar  nichts,  und  was  ich 
habe  ist  so  ungezogen,  dass  es  sich  in  Taschenformat  und 
verguldt  aufm'  Schnitt  nicht  darf  sehn  lassen.  Was  ich 
sonst  gefertigt  habe  will  ich  ehstens  in's  Publikum  sprengen. 


J  Der  obenstehende  Brief  kam  mir  zu  spät  zu,  um  an  richtiger 
Stelle  eingereiht  zu  werden;  da  ich  ihn  indessen  für  Bd.  25  nicht  ent- 
behren mochte,  so  fügte  ich  ihn  hier  ein.  L.  G. 


Ein  Brief  Goethes  aus  dem  Jahre  1774.  209 

Schreiben  Sie  mir  doch  wie  das  Stück  Der  Hofmeister 
ein  Lustspiel  aufgenommen  worden. 

Leben  Sie  wohl,  und  wenn  Ihre  Freunde  was  aus- 
zeichnendes produziren,  lassen  Sie  mich  auch  Theil  dran 
nehmen. 

am  4  Juni  1774. 

Goethe. 

Der  Brief  entstammt  einer  Sammlung  meines  Vetters, 
des  Majors  von  Engelmann-Bonn,  der  noch  weiteres  inter- 
essante Material  aus  dem  Nachlasse  seines  Großvaters,  des 
s.  Zt.  als  Dichter  bekannten  und  überschätzten  Breslauer 
Oberregierungsrathes  Friedrich  von  Heyden  und  seines  Ur- 
großvaters von  Hippel,  des  Verfassers  des  Aufrufes  »An 
mein  Volk!«  besitzt.  Der  Brief  selbst  ist  ein  Quartblatt 
111/2:19  cm,  geripptes  Papier  ohne  Wasserzeichen.  Der 
Adressat  ist  unsicher,  die  Bemerkungen  im  zweiten  Abschnitte 
dürften  noch  auf  den  Selbstverlag  des  Götz  und  auf  eine 
Persönlichkeit  hinweisen,  die  mit  diesem  Drucke  in  Beziehung 
stand.  Das  Empfangsdatum  des  Briefes  von  Schönborn  stimmt 
nicht  ganz  mit  den  im  gleichzeitigen  Briefwechsel  angegebenen 
Daten.  (An  Klopstock  Weim.  Ausg.  Briefe  II,  S.  162  nennt 
G.  den  27.  Mai;  S.  170  an  Schönborn  den  25.  Mai  und 
spricht  von  einer  »längst  erwarteten  Freude«,  die  Schönborns 
Brief  bereitet  habe.)  Die  Bemerkung  über  Wieland  ändert 
frühere  Aeußerungen,  worin  Goethe  Wielands  kluges  Verhalten 
lobte,  z.  B.  an  Kestner  S.  159,  Mai  1774.  Die  Erkundigung 
nach  Lenz'  »Hofmeister«,  der  Ostern  1774  erschienen  war, 
berührt  sich  mit  dem  Brief  Weim.  Ausg.  No.  217  an  Langer  (?) 
vom  6.  Mai  1774.  Karl  Drescher. 


Goethe-Jahbblcu  XXV.  I4 


III.  MiscELLEN,  Chronik, 
Bibliographie. 


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I.  MiSCELLEN. 


Ä.   Einzelnes  zu  Goethes  Leben  und  Wirken. 

I.    Zu  Faust  I. 
I. 

Bei  der  Besteigung  des  Brocken  in  der  Walpurgisnacht 
gelangen  Faust  und  Mephistopheles  bei  Schierke  und  Elend 
in  die  »Traum- und  Zaubersphäre«  des  Berges,  wo  in  »weiten, 
öden  Räumen«  sogleich  das  gespenstische  Treiben  der  Wal- 
purgisnacht die  beiden  Wanderer  umgibt,  während  noch  kurz 
vorher  die  anmuthige  Gegend  ihr  natürliches  Aussehen  zeigte. 

Es  scheint  mir,  als  ob  der  Dichter  die  Grenze  dieser 
Zaubersphäre  nicht  aufs  Gerathewohl,  sondern  in  Bezug  auf 
die  geologische  Schichtung  des  Gebirges  festgelegt  hat. 

Der  Brocken,  gleichsam  ein  selbständiges  Gebirge  im 
Harz  darstellend,  besteht  aus  Granit,  der  aus  denGrauwacken- 
und  Schieferformationen,  die  den  Rückgrat  des  Harzgebirges 
bilden,  mächtig  hervortritt.  Durch  die  Verwitterung  hat  der 
Granit  an  der  Oberfläche  des  Berges  sich  in  einzelne  ge- 
waltige Blöcke  zersetzt,  die  in  großer  Menge  den  Boden  be- 
decken, im  Verein  mit  den  Klippen,  isolirten  Granitmassen, 
die  aus  jüngeren,  ungleichförmigen  Schichten  emporragen,  der 
Landschaft  den  Charakter  des  Phantastischen  und  der  Zer- 
störung verleihen,  und  deren  Entstehung  daher  früher  auf 
dämonische  Einflüsse  zurückgeführt  wurde.  Diese  Granitblöcke 
sind  häufig  in  weiterer  Zersetzung  zu  mächtigen  Gruß-  und 
Trümmerlagern  zerfallen  oder  haben  sich  schließlich  in  Boden 
verwandelt,  der  außerordentlich  günstig  für  die  Entwickelung 
der  Pflanzen  ist. 

Wer  vom  Thale  der  kalten  Bode  her  den  Berg  besteigt, 
erreicht    dieses   scharf  begrenzte   Granitmassiv    zwischen    den 


214  MiSCELLEN. 

Ortschaften  Schierke  und  Elend,    wie   aus  jeder  geologischen 
Karte  des  Harzes  leicht  zu  erkennen  ist. 

Hier  beginnt  daher  eine  hochromantische,  wilde  Gebirgs- 
und  Waldlandschaft,  die  sich  von  dem  tiefer  liegenden  Gelände 
durchaus  charakteristisch  unterscheidet  und  bis  auf  ca.  looo  m 
Höhe  reicht,  wo  der  Fichtenwald  aufhört  und  die  Heide  an- 
fängt, bezw.  die  ausgedehnten  Torfmoore  des  Brocken  liegen. 


II. 

Im  »Walpurgisnachtstraumcc  hat  die  Ueberschrift  der  einen 
Strophe  »Fideler«  den  Commentatoren  viel  Kopfzerbrechen 
gemacht.  Die  einen  behaupten,  das  Wort  habe  den  Ton  auf 
der  ersten  Silbe  und  bedeute  einen  zuschauenden  Fiedelspieler, 
die  andern,  es  habe  den  Ton  auf  der  zweiten  Silbe  und 
heiße  soviel  wie  Lustiger,  Vergnügter. 

Ich  glaube,  daß  diese  Strophe  sowohl,  wie  die  beiden 
vorangehenden  und  mit  der  Bezeichnung  »Tanzmeister«  und 
»Tänzer«  versehenen,  einem  Theile  der  Orchestermitglieder 
zugesprochen  werden  müssen. 

Fliegenschnauz'  und  Mückennas' 
Mit  ihren  Anverwandten, 
Frosch  im  Laub  und  Grill'  im  Gras, 
Das  sind  die  Musikanten! 

Der  Dichter  hat  nämlich  die  Satiren  des  »Walpurgis- 
nachtstraums« durch  einzelne  Orchesterstrophen  in  Abschnitte 
getheilt,  und  es  wäre  auffallend,  wenn  er  hier,  wo  die  Philo- 
sophen auftreten,  dies  unterlassen  haben  sollte. 

Unter  »Fideler«  verstehe  ich  hiernach  das  Männchen  der 
Heuschrecke,  das  bekanntlich  im  Frühjahr  mit  den  Schenkeln 
der  Hinterbeine  an  den  Flügeldecken  geigt  und  dadurch  die 
hohen,  schrillen  Töne  entstehen  läßt.  Die  Verse  des  »Tänzers« 
lassen  vermuthen,  daß  unter  dieser  Bezeichnung  eine  jener 
Mücken  zu  denken  ist,  die  noch  immer  die  nackte,  junge 
Hexe  umschwärmen.  Da  sie  die  lebhaften,  aber  einförmigen 
Diskussionen  der  herannahenden  Philosophen  für  den  Ruf  der 
Rohrdommeln  hält,  freut  sie  sich,  noch  nicht  ins  Orchester 
zurückzumüssen,  um  zum  Tanze  aufzuspielen. 

Unter  dem  »Tanzmeister«  endlich,  der  in  überlegener 
Weise  die  plumpen  Sprünge  der  Philosophen  ironisirt,  ist 
meines  Erachtens  ebenfalls  eine  Heuschrecke  (Saltatoria)  zu 
verstehen.  Maria  Pospischil. 


MiSCELLEN.  215 

2.    Zu  Faust  II. 

a)  V.  7953  —  56  lesen  wir: 

»Auf  meinem  Harz  der  harzige  Dunst 
Hat  was  vom  Pech  und  das  hat  meine  Gunst ; 
Zunächst  der  Schwefel  .  .  .    Hier  bei  diesen  Griechen 
Ist  von  dergleichen  keine  Spur  zu  riechen«. 

Für  den  in  V.  7955  begonnenen  Satz:  »Zunächst  der 
Schwefel  .  .  .«  ist  schlechterdings  keine  mögliche  Ergänzung 
aufzufinden  oder  auszudenken,  folglich  ist  die  Stelle  sinnlos. 
Sie  ist  geheilt,  wenn  wir  lesen :  »Zunächst  detn  Schwefel«, 
unter  Tilgung  der  vorausgehenden  Interpunktion.  Mephisto- 
pheles  sagt  dann,  daß  nächst  dem  Höllenschwefel  der  pech- 
artige Harzgeruch  seine  Gunst  habe. 

b)  V.  8162 f.: 

»Als  wie  nach  Windes  Regel 
Anzögen  weiße  Segel« 

klingt  unnöthig  hart.  Der  kritische  Apparat  (W.  A.  Bd.  15,  II) 
belehrt  uns,  daß  statt  »Anzögen«  ursprünglich  stand  »Heran- 
ziehn«.  Dieses  paßte  in  die  Construction,  und  man  muß 
annehmen,  daß  nur  vergessen  worden  ist,  mit  der  Aenderung 
des  Modus  im  Verbum  auch  die  Conjunction  »Als  wie«  in  die 
entsprechende  »Als  wenn«  oder  »Wie  wenn«  umzuändern. 
Sollte  es  zu  kühn  sein,  diese  Aenderung  nachträglich  im  Sinne 
des  Dichters  an  seinem  hinterlassenen  Texte  vorzunehmen? 
Möglicherweise  ist  sogar  die  Beseitigung  des  unschönen  und 
nach  Flickwort  aussehenden  »Als  wie«  die  erste  Absicht  der 
ganzen  Aenderung  gewesen. 

c)  V.   10943  f.  schlage  ich  vor  zu  interpungiren : 
»Dann  sei  bestimmt    ^    vergönnt    zu  üben  ungestört  — 
Was  von  Gerechtsamen  euch  Landesherrn  gehört«. 

Der  Kaiser  schafft  hier  neues  Reichsrecht.  Er  hat  den 
fünf  Fürsten  die  Landeshoheit  (Souveränetät)  verliehen  und 
»bestimmt«  nun,  welche  Herrschaftsrechte  die  neue  Stellung 
eben  dieser  fünf  Fürsten  einschließen  soll.  Würde  nur  eine 
schon  vorhandene  Reichsstellung  übertragen  und  deren  unge- 
störte Ausübung  »vergönnt«,  so  müßte  es  statt  »euch  Landes- 
herrn«, wie  Sauppe  es  wollte,  »dem  Landesherrn«  heißen. 
Neben  die  neue  Bestimmung  tritt  nur  als  eine  nebensächliche 
Ergänzung  die  Vergönnung  der  ungestörten  Ausübung  hinzu ; 
litte  es  der  Vers,  so  würde  ein  »und«  vor  »vergönnt«  die 
Härte  der  Verbindung  aufheben.  —  Das  »bestimmt«  als  Adverb 
im  Sinne  von  »in  der  Form  Rechtens«  zu  fassen,  wie  der 
kritische  Apparat  vorschlägt,  wäre  doch  nur  ein  Nothbehelf. 

Adolf  Metz. 


2l6  MiSCELLEN. 

j.    Zu  Gretchens  Lied  im  Kerker. 

Bekanntlich  beruht  das  Lied,  dasGretchen  im  Kerker  singt, 
nicht  auf  Goethes  freier  Erfindung,  sondern  ist  dem  schönen 
Märchen   vom  Machandelbaum   (Grimm  Nr.  48)    entnommen. 

Neuere  Veröffentlichungen  haben  nun  gezeigt,  daß  dieses 
Märchen  mitsammt  dem  betr.  Reim  auch  in  romanischen 
Landen  verbreitet  ist.  Pellandini  hat  im  »Schweiz.  Archiv  für 
Volkskunde«  (II  [1898],  169)  eine  Fassung  aus  dem  Kanton 
Tessin  mitgetheilt,  wo  der  Reim  folgendermaßen  lautet: 

Dialekt.  Gutitalienisch. 

La  mee  mam  la  m'ä  mazzö,  Mia  madre  mi  ha  ammazzato, 

La  mee  surela  la  m'ä  portö,  Mia  sorella  mi  ha  portato, 

El  me  pä  el  m'ä  mangiö.  Mio  padre  mi  ha  mangiato 

Cucü,  cucü  che  g'söm  ammö!  Eppure  io  vivo  e  faccio:  cucü! 

In  Frankreich  nach  Christillin  in  »La  Tradition«  XVII 
[1903]  98: 

Coucou, 
Ma  mere  m'a  tue, 

Coucou, 
Mon  pere  m'a  mange, 

Coucou, 
Ma  sceur  a  rassemble  mes  os, 

Coucou, 
Donnez  de  l'argent  ä  mon  pere 

Coucou, 
Donnez  de  la  belle  toile  ä  ma  soeur, 

Coucou 
Et  une  grosse  pierre  sur  la  tete  de  ma  mere. 

E.  Hoffmann-Kraver. 


4.  Götz  V.  Berlichingen  in  Ha?Hburg. 
In  den  Dramaturgischen  Blättern  für  Hamburg  1821  Bd.  2 
S.  219  ff.  und  284  ff.  bringt  F.  G.  Zimmermann  7  größere 
Artikel  über  »Götz  von  Berlichingen«,  der  zur  Feier  des  Ge- 
burtstags von  Goethe  in  Hamburg  gegeben  wurde.  Die  Artikel 
verbreiten  sich  sehr  eingehend  über  die  neue  Fassung  (von 
1805),  in  der  das  Stück  zur  Aufführung  kam  und  über  die 
Leistungen  der  einzelnen  Schauspieler.  Die  folgende  Notiz 
(S-  Z°3)  verdient  eine  Hervorhebung.  »Als  Götz  von  Ber- 
lichingen 1774  zuerst  auf  die  hiesige  Bühne  gebracht  wurde, 
ließ  Schröder,  um  die  Aufmerksamkeit  der  Zuhörer  stärker 
an  die  Vorstellung  zu  fesseln,  zur  Vorhilfe  des  Verständnisses 
und  Nachhilfe  des  Gedächtnisses  einen  Auszug  und  kurzen 
Inhalt  der  Auftritte  drucken    und  beim  Eingange  verkaufen.« 

Ludwig  Geiger. 


MiSCI-LLEN.  217 

5.  Herder,  das  Vorbild  des  Satyros. 
Umstritten  ist  noch  immer  das  Vorbild  von  Goethes 
Satyros  oder  der  vergötterte  Waldteufel.  Daß  die  Farce  auf 
Herder  und  dessen  Gattin  sich  bezieht,  findet  eine  Stütze  in 
folgenden  bisher  ungedruckten  Zeilen  Zimmermanns  anLavater: 
»Nun  eine  Hauptsache,  mein  Liebster,  ein  gutes  Werk,  das 
ich  Dir  warm  empfehle.  Seitdem  ich  von  BUckeburg  zurück 
bin,  sah  ich  hier  einen  sehr  liebenswürdigen  Reisenden,  der 
mir  sagte,  daß  Doctor  Göthe  (Dein  Freund)  gegen  Herder 
(seinen  Herzensfreund)  und  gegen  die  (überaus  liebenswürdige) 
Madame  Herder  eine  Farce  mit  nächstem  werde  drucken 
lassen,  in  welcher  beyde  aufs  äußerste  durchgezogen  seyen.  — 
Wie  ich  die  Stirne  dabey  gerümpft  habe,  kannst  Du  Dir  vor- 
stellen. Nun  bitte  ich  Dich,  mit  aller  möglichen  Behutsamkeit 
dieses  abzuwenden,  und  Göthen  zu  beschwören,  daß  er  dieses 
Manuscript  verbrenne.  Mir  deucht,  eine  so  edle  Reue  sollte 
einen  so  großen  Geist,  wie  Göthe  unstreitig  ist,  nichts  kosten.«: 
Zimmermanns  vom  23.  Juni  1774  datirte  Zeilen  empfing 
Lavater,  während  er  als  Goethes  Gast  in  Frankfurt  weilte,  am 
27.  Juni.'  Der  Inhalt  dieses  Briefes  brachte  das  Gespräch  der 
beiden  Freunde  auf  Goethes  Satiren,  »und  Goethe«  —  heißt 
es  in  Lavaters  Tagebuch  von  der  Emser  Reise  wörtlich  — 
»recitirte  auswendig  mit  der  natürlichsten  kräftigsten  Decla- 
mation  Satyren"  auf  verschiedne.«  Goethe  wollte  die  Farcen 
seinem  Gaste  zeigen.  »Er  suchte«  —  lesen  wir  in  Lavaters 
Reisetagebuch  weiter  —  »die  Satyren'  und  fand  sie  nicht.« 
In  Ems  las  später  Lavater  am  7.  Juli  »Etwas  von  Goethes 
Satyren.'»  ^  Ob  unter  den  Satiren,  mit  denen  Goethe  damals 
Lavater  bekannt  machte,  der  Satyros  sich  befand,  ist  nicht 
überliefert,  vermuthlich  aber  war  er  darunter.  Die  Farce 
»Götter,  Helden  und  Wieland«  hatte  Goethe  schon  im  Frühjahr 
1774  dem  Züricher  Freund  zugesandt.         Heinrich  Funck. 


^  Vergl.  Schriften  der  Goethe-Gesellschaft  16  (1901),  S.  289.  Für 
das  Folgende  ebenda  S.  290  und  296. 

*  Das  letzte  Zeichen  dieses  Wortes  ist  in  der  Handschrift  (Kopie), 
wie  mir  scheint,  keineswegs  ein  lateinisches  e,  sondern  eine  Nachahmung 
des  Lavaterischen  Abkürzungszeichens  für  die  Endung  en,  eines  be- 
zeichnenden Hakens,  der  in  den  Originalpartien  von  Lavaters  Emser 
Reisetagebuch  mitunter  weniger  vollständig  ausgeführt,  Hüchtig  hin- 
geworfen ist. 

3  Hier  ist  in  der  Handschrift  das  letzte  Zeichen  des  Wortes  un- 
zweifelhaft eine  Nachahmung  des  von  Lavater  beliebten  Abkürzungs- 
zeichens für  die  Endung  en. 


2l8  MiSCELLEN. 

6.  Tasso  und  Antonio. 
Daß  Goethes  Antonio  die  Züge  von  zwei  geschichtlichen 
Persönlichkeiten :  Antonio  Montecatino  und  Giovanni  Battista 
Pigna  in  sich  vereinigt,  wurde  schon  wiederholt  hervor- 
gehoben und  durch  die  an  mehreren  Stellen  hervortretende 
Uebereinstimmung  mit  den  historischen  Nachrichten  über  beide 
Männer  belegt.  Hierher  gehört  auch  die  vom  Tasso-Bio- 
graphen  Serassi  überlieferte  Nachricht,  daß  im  zweiten  Gesang 
der  Gerusalemme  liberata  bei  der  Schilderung  des  heimtücki- 
schen und  treulosen  Alete,  der  als  Gesandter  des  Sultans  von 
Aegypten  bei  Gottfried  von  Bouillon  erscheint,  kein  anderer 
als  Pigna  gemeint  sein  soll.  Unter  anderm  sagt  Tasso  von 
ihm  (II  58): 

Gran  fabbro  di  calumnie  adorne  in  modi 
Nuovi,  che  sono  accuse  e  pajon  lodi. 

Und   wenn   in   Goethes   Dichtung   (IV,  2)  Leonore   Sanvitale 
von  Antonio  sagt : 

Er  spricht  mit  Achtung  oft  genug  von  dir 

so  erwidert  Tasso  : 

Mit  Schonung,  willst  du  sagen,  fein  und  klug. 
Und  das  verdrießt  mich  eben;  denn  er  weiß 
So  glatt  und  so  bedingt  zu  sprechen,  daß 
Sein  Lob  erst  recht  zum  Tadel  wird,  und  daß 
Nichts  mehr,  nichts  tiefer  dich  verletzt,  als  Lob 
Aus  seinem  Munde.  Wilhelm  Creizenach. 


7.  Zu  Clavigo  und  Dichtung  und  Wahrheit. 
Goethes  Angabe  in  Wahrheit  und  Dichtung,  daß  er  den 
Schluß  des  Clavigo  einer  englischen  Ballade  entlehnt  habe, 
hat  Düntzer  im  Jahre  1856  berichtigt  (aus  Herders  Nachl.  I  159), 
und  seine  Correctur  hat  allgemeine  Giltigkeit  erworben  (z.  B, 
Hempel  XXII,  468).  Ob  Goethe  sich  aber  dabei  einfach  in 
der  Heimath  der  deutschen  Ballade  irrte,  oder  ob  er  wirklich 
eine  englische  Ballade  im  Sinne  hatte,  und  wie  diese  sich 
dann  in  seiner  Erinnerung  vor  die  deutsche  hat  schieben 
können,  diese  Frage  scheint  wenig  Interesse  geweckt  zu  haben. 
Düntzer  hat  zwar  in  der  Erläuterung  des  Untreuen  Knaben 
auf  Tickells  Ballade  Lucy  and  Collin  (Percy  III,  3,  17)  gewiesen, 
aber  seine  Vermuthung  ist  weder  bestritten  noch  aufgenommen 
worden.  Kein  Wunder,  hat  er  doch  nicht  viel  Einleuchtendes 
dafür  beigebracht.  Denn  daß  diese  Ballade  einen  Anknüpfungs- 
punkt für  den  Untreuen  Knaben  (1774  oder  1775)  geboten 
habe,  ist  unerwiesen,  ja  unwahrscheinlich.     Und  wenn   auch, 


MiSCELLEN.  219 

was  hat  es  mit  der  Clavigoscene  zu  schaffen,  wenn  eine 
sterbende  Verlassene  verordnet,  daß  man  ihre  Bahre  »/'«  dem 
Hochzeitszuge«  des  Treulosen  trage,  und  dann  dementsj^rechend 
geschieht  V  Dennoch  halte  ich  DUntzers  Vermuthung  für  richtig; 
von  andrer  Seite  her  bin  ich  auch  zu  derselben  gekommen. 
Daß  Goethe  Tickells  Ballade  als  frühe  Jugenderinnerung 
in  sich  trug,  ist  zweifellos,  im  Almanach  für  die  deutschen 
Musen  1774  steht  sie  als  »Romanze  nach  dem  Englischen«  von 
Eschenburg  übersetzt,  und  Herder  gab  sie  in  seinen  Volks- 
liedern 1778  in  neuer  »simplicirter«  Uebersetzung  und  bezeugt 
außerdem  im  Verzeichniß,  daß  sie  »sonst«  unter  dem  Titel 
Hannchen  und  Lukas  erschienen  sei.  Die  Scenerie  bei  Herder 
ist  dieselbe  wie  bei  Eschenburg :  »man  trug  den  Sarg,  trug 
ihn  an  seiner  Seit«  (Herder),  »Die  Bahre  trug  man  ///  den 
Hochzeitszug«  (Eschenburg) ;  ein  entschiedenes  Bild,  das  aber 
von  der  Clavigoscene  zu  stark  abweicht,  um  sich  ihr  unter- 
schieben zu  können.  Im  Original  aber  steht  »Then,  bear  my 
corse,  ye  comrades,  bear,  The  bridegroom  blithe  to  ?neet<.<i  und 
»her  corse  was  borne,  The  bridegroom  blithe  io  meet.<.<.  Wie, 
wenn  durch  das  Original  oder  durch  eine  andere  Ueber- 
setzung sich  ein  Bild  von  dem  Vorgang  in  Goethe  festgesetzt 
hätte,  das  seiner  Clavigoscene  verwandter  war?  Eine  solche 
Uebersetzung  besteht  in  der  That.  In  Joh.  Ch.  Fr.  Haugs 
»Richard  und  Mathilde«  (nicht  aufgenommen  in  die  Gedichte 
1827)  lauten  die  betreffenden  Stellen: 

Tragt  Freundinnen!    Tragt  die  Todte  nah 
Am  Bräutigam  vorbei. 
Am  buntgeschmückten  Heuchler  mich. 
Im  Leichentuche  treu. 

Sie  starb.    Es  schwankt  ihr  Todtenbild 
Am  Bräutigam  vorbei. 
Am  buntgeschmückten  Heuchler  sie. 
Im  Leichenkleide  treu. 

Hier  ist  also  die  Vorstellung  der  plötzlichen  Begegnung, 
die  bei  Eschenburg  und  Herder  fehlt.  Nun  hat  Zumsteeg 
diese  Uebersetzung  einer  eindrucksvollen  Composition  unter- 
gelegt (Kleine  Balladen  und  Lieder.  Zweites  Heft).  Daß 
Zumsteegs  Balladen  Goethe  vertraut  waren,  läßt  sich  aus 
einigen  Stellen  im  Briefwechsel  und  den  Annalen  schließen; 
und  daß  sie  in  jener  Zeit,  zumal  auf  ein  an  Reichardt  und 
Zelter  gewöhntes  Ohr,  erschütternd  und  bleibend  wirken 
mußten,  scheint  mir  unzweifelhaft.  E.  F.  Kossmann. 


220  MiSCELLEN. 

8.  Goethe  und  Gries. 
Aus  der  Handschrift  des  Aufsatzes  »Deutsche  Sprache«, 
den  Goethe  im  dritten  Heft  des  ersten  Bandes  von  »Kunst 
und  Alterthum«  veröffentlicht  hat  (\V.  A.  Bd.  41,'  S.  109 — 117), 
habe  ich  seiner  Zeit  drei  Verse  mitgetheilt  (Bd.  41,'  S.  463), 
aus  denen  in  geheimnißvoU  orakelhaftem  Ton  die  Weisheit 
orphischer  Urworte  zu  reden  schien : 

Wer  will,  nicht  kann  muß  den  Erfolg  vermissen 
Und  der  nur  kann  der  prüfend  im  Gewissen 
Vor  allen  Dingen  forschet  was  er  solle. 

Goethe  selbst  hat  diese  Zeilen,  zwar  mit  Bleistift,  aber  mit 
den  lateinischen  Buchstaben  sorgfältiger  Reinschrift  aufge- 
zeichnet. Das  Fragmentarische,  Abgebrochene  verstärkte  den 
Eindruck  sibyllinischen  Ursprungs.  Die  Form  schien  auf  ein 
Sonett  zu  deuten,  die  graphische  Verbindung  mit  der  Abhand- 
lung »Deutsche  Sprache«  führte  in  das  Jahr  18 17  —  mehr 
aber  war  den  drei  Versen  damals  nicht  abzugewinnen.  Ich 
bin  jetzt  in  der  Lage,  genauere  Auskunft  zu  geben. 

In  den  beiden  letzten  Monaten  des  Jahres  181 7  be- 
schäftigte sich  Goethe  mit  dem  Buche  Joseph  Bossis  über 
Leonardo  da  Vincis  Abendmahl,  angeregt  durch  die  Durch- 
zeichnungen, die  Bossi  zum  Zweck  der  Herstellung  des  Ori- 
ginals von  den  drei  vorhandenen  Copien  gemacht  und  die 
der  Großherzog  Karl  August  auf  seiner  Reise  nach  Oberitalien 
181 7  erworben  hatte.  Die  schwere  Last,  die  dem  Dichter 
eben  damals  mit  der  Neugestaltung  der  Jenaischen  Bibliotheken 
aufgebürdet  worden  war,  hielt  ihn  nicht  ab,  sich  »zu  seiner 
großen  Erbauung  .  .  .  um  Leonardo's  Lebensgeschichte  und 
den  Inhalt  seiner  Schriften  in  der  Nähe  zu  bekümmern«  (an 
Meyer  vom  24.  Februar  181 8),  und  so  ließ  er  sich  am  19.  De- 
cember  181 7  von  seinem  Sohne  nicht  nur  »Leonard  da  Vinci, 
Tractat  von  der  Mahlerey,  italiänisches  Original«  nach  Jena 
senden,  sondern  auch  den  »Trattato  dell'  arte  della  pittura, 
scoltura,  et  architettura,  di  Gio.  Paolo  Lomazzo  milanese 
pittore.  In  MilanoM.D.LXXXV.«  Schon  für  den  20.  December 
verzeichnet  das  Tagebuch:  »Lomazzo  über  die  Malerey.« 
Hier,  im  zweiten  Capitel  des  sechsten  Buches,  fand  Goethe 
die  Notiz,  daß  »il  dotto«  Leonardo  auch  der  Dichtkunst  ob- 
gelegen habe,  und  auf  S.  282,  283  als  Probe  seiner  »schwer 
aufzufindenden«  Sonette  eines,  das  seine  Aufmerksamkeit  in 
hohem  Grade  in  Anspruch  genommen  haben  muß : 

»Chi  non  puö  quel  che  vuol,  quel  che  puö  voglia; 
Che  quel  che  non  si  puö,  folle  e  volere.«  u.  s.  w. 

Daß  er  dieses  Gedicht  schon  früher  gekannt  habe,  daß  ihm 
vielleicht  auch  die  Uebersetzung  schon  vor  Augen  gekommen 


iMiSCELLEN.  221 

war,  die  Fr.  L.  Wilh.  Meyer  in  der  Göttinger  »Poetischen 
Blumenlese  aufs  Jahr  1792«  veröffentlicht  hatte,  ist  nicht 
ausgeschlossen,  jedenfalls  wünschte  er  jetzt  eine  vollendete 
Uebertragung  zu  besitzen  und  wandte  sich  an  den  Mann,  der 
schon  lange  als  Verdeutscher  romanischer  Poesie  bewährt  war, 
an  Johann  Diederich  Gries.  Gries  lebte  damals  in  Jena;  des 
Hörvermögens  fast  ganz  beraubt,  vermied  er  es  zwar  taktvoll, 
mit  der  lärmenden  Gesellschaft  eines  Halbtauben  Goethe  be- 
schwerlich zu  fallen,  doch  trafen  beide  hin  und  wieder  im 
gastlichen  Hause  Frommanns  zusammen,  und  durch  Frommanns 
Vermittelung,  den  Goethe  nach  seinem  Tagebuch  am  23.  De- 
cember  besuchte,  hat  Gries  wahrscheinlich  die  Aufforderung 
erhalten,  Leonardos  Sonett  zu  übersetzen.  Es  war  nicht  das 
erste  Ansinnen  dieser  Art,  das  Goethe  an  ihn  stellte.  Anfang 
1814  schon  war  dem  gewandten  Interpreten  Calderons  und 
Tassos  durch  Knebel  als  Mittelsperson  die  Uebertragung  des 
»Prete  Ulivo«  von  Batacchi  nahe  gelegt  worden,  doch  hatte 
er  nach  einigem  Bedenken  diese  Aufgabe  abgelehnt;  jetzt 
bereitwilliger,  schreibt  er  an  Goethe  : 

Ew.  Excellenz  Befehle  zu  erfüllen  werde  ich  mir  jeder- 
zeit angelegen  seyn  lassen.  Jedoch,  da  ich  eben  jetzt 
von  mancherlei  Arbeiten  bedrängt  bin,  wünschte  ich  in 
Ansehung  der  Zeit  mir  einige  Freiheit  vorbehalten  zu 
dürfen. 

Ew.  Excellenz 

gehorsamster 
V[on].  H[ause].  d.  23sten  Decbr.  1817.         J.  D.  Gries. 

Und  so  berichtet  denn,  nach  Verlauf  von  drei  Wochen» 
Goethes  Tagebuch  vom  13.  Januar  1818  :  »Gries  Uebersetzung^ 
des  Sonettes  von  Vinci.«  Sie  ist  veröffentlicht  in  der  »Urania. 
Taschenbuch  auf  das  Jahr  1824«  S.  213  (später  auch  auf 
S.  132  des  zweiten  Bändchens  der  1829  in  Stuttgart  er- 
schienenen »Gedichte  und  poetischen  Uebersetzungen«;  siehe 
auch  S.   265.  266)  und  hat  folgenden  Wortlaut: 

Sonett  von  Leonardo  da  Vinci. 

Kannst  du  dein  Wollen  nicht,  dein  Können  wolle! 
Wer  will,  was  er  nicht  kann,  muß  Klugheit  missen; 
Doch  dem,  der  nie  zu  wollen  sich  beflissen. 
Was  er  nicht  kann,  den  Ruhm  der  Weisheit  zolle  I 

Denn  das  nur  dient  zur  Freud'  uns  wie  zum  Grolle, 
Ob,   oder  nicht,  wir  können,   wollen,   wissen; 
Und  der  nur  kann,  der,  prüfend  sein  Gewissen, 
Weiß,  daß  er  allzeit,  was  er  will,  auch  solle. 


222  MiSCELLEN. 

Nicht  immer  wollen  darf  der  Mensch  sein  Können: 

Oft  sah  ich  Süßes  sich  in  Bittres  wandeln; 

Ich  weint'  um  was  ich  wollt',  als  ich's  besessen. 

Drum  laß,  mein  Leser,  diesen  Rath  dir  gönnen : 
Soll  heilsam  dir,  werth  Andern  seyn  dein  Handeln, 
Mußt  du  dein  Wollen  nach  dem  Sollen  messen. ' 

Auch  in  dieser  seiner  gedruckten  Gestalt  hat  Goethe  das 
Sonett  sehr  wahrscheinlich  noch  einmal  gelesen:  wenigstens 
über  das  in  der  »Urania«  der  Uebersetzung  unmittelbar 
vorangehende  Huldigungsgedicht  für  die  Erbprinzessin  Maria 
Paulowna  »Nächtliche  Wanderung.  Am  löten  Febr.  1810.« 
fand  am  30.  Juni  1824  der  Kanzler  von  Müller  Goethes  An- 
gehörige in  heller  Begeisterung. 

Die  innige  Verwandtschaft  der  drei  Goethe'schen  Verse 
mit  dieser  Uebersetzung  springt  in  die  Augen,  es  entspricht 
Goethes  erster  Vers  dem  zweiten  bei  Gries,  der  zweite  und 
dritte  bei  Goethe  dem  siebenten  und  achten  der  Uebersetzung. 
Wörtliche  Uebereinstimmung  jedoch  liegt  nicht  vor  —  woher 
die  beachtenswerthen  Abweichungen?  Wir  wissen  nicht,  ob 
die  Fassung,  die  Goethe  handschriftlich  erhielt,  identisch  mit 
dem  Wortlaut  der  »Urania«  gewesen  ist.  Gries  war,  was 
Goethe  an  Wieland  rühmt,  ein  »unermüdet  zum  Bessern 
arbeitender  Schriftsteller«,  er  war  es  um  so  mehr,  als  seine 
Begabung  nur  eine  formalistische  war.  Jene  Verse  von  Goethes 
Hand  könnten  die  damalige  Gestalt  seiner  Arbeit  darstellen. 
AVahrscheinlich  aber  sind  sie  mehr.  Am  anderen  Tage,  nach- 
dem Gries  sein  Sonett  überbracht  hat,  notirt  Goethe  im  Tage- 
buch :  »Zu  Griesens  Sonett  einige  Worte.«  Sind  hiermit 
unsere  drei  Zeilen  gemeint?  Dann  hätte  Goethe  sie  in  der 
Absicht    niedergeschrieben,    das   Erzeugniß    des    literarischen 


^  Als  im  Jahre  1820  Gries  vom  Prorector  der  Jenaer  Universität 
gebeten  wurde,  Goethes  Geburtstag  dichterisch  zu  verherrlichen,  kam 
er  dem  Verlangen  in  einem  Sonette  nach,  das  so  anhebt : 

»Wenn  heilsam  ist,  nur,  was  man  kann,  zu  wollen, 
Wie  Leonardo's  tiefe  Wort'  uns  lehrten«  u.  s.  w. 

Ueber  dieses  Geburtstagsgedicht,  das  in  der  Urania  1824  unmittelbar 
auf  unser  Sonett  folgt,  berichtet  Gries  an  seinen  Freund  Rist  ([Elisabeth 
Campe-Hoffmann]  Aus  dem  Leben  von  Johann  Diederich  Gries.  1855. 
S.  128):  «Der  Anfang  .  .  bezieht  sich  auf  ein  Sonett  von  dem  alten 
Maler  Leonardo  da  Vinci,  das  ich  vor  einigen  Jahren  auf  Goethe's  An- 
regung übersetzte.«  —  Uebrigens  hat  neuere  Forschung  das  italienische 
Original  dem  Florentiner  Antonio  di  Meglio  zugewiesen.  Die  Ver- 
deutschungen desselben  behandelt  ein  aus  Reinhold  Köhlers  Nachlaß 
von  Bolte  zusammengestellter  Aufsatz  im  dritten  Bande  von  Köhlers 
»Kleineren  Schriften«  1900.  S.  180-18$.  Auch  Riemer  hat  sich  an 
einer  Uebersetzung  versucht  (Gedichte.  1826.  Bd.  i  S.  322). 


MlSCELLEX.  223 

Gehulfen  zu  bessern.  Daß  er  gelegentlich  fremde  Dichtungen 
mit  kritischer  Feder  durcharbeitete,  ist  bekannt.  In  einem 
Aufsatz  in  Bd.  XV  dieses  Jahrbuches:  »Goethe  als  Corrector 
eines  fremden  Gedichts«,  an  den  mich  Bernhard  Suphan  er- 
innert, hat  Redlich  am  Manuscripte  einer  Reimerei  der  Frei- 
frau Julie  von  Bechtolsheim  die  glättende,  rundende  Thätigkeit 
Goethes  im  Einzelnen  aufgezeigt.  Und  vor  Redlich  hatte 
Düntzer  im  »Archiv  für  Litteraturgeschichte«  Bd.  6  S.  398 — 415 
einen  Fall  erörtert,  dem  in  unserem  Zusammenhang  besondere 
Bedeutung  innewohnt,  da  auch  hier  das  bearbeitete  Objekt 
im  ersten  Entwurf  von  Gries  stammt  und  auch  hier  als  älterer 
Concurrent  F.  L.  \V.  Meyer  auftritt:  die  Uebersetzung  des  vene- 
tianischen  Gondolierliedchens  »la  Biondina«.  Eine  Besserung 
stellen  die  Verse  Goethes  der  Gries'schen  Fassung  des  Sonettes 
gegenüber  freilich  nicht  dar.  Haben  die  zweite  und  dritte 
Zeile  an  Fluß  und  Leichtigkeit  gewonnen,  so  haben  sie  an 
Prägnanz  verloren,  und  der  ersten  Zeile  ist  mit  der  Betonung 
des  »Erfolges«  nicht  nur  eine  dem  Original  fremde  Färbung 
verliehen,  sie  ist  auch  dichterisch  unvollkommener  und  un- 
gelenker als  der  entsprechende  Vers  bei  Gries.  Ob  die  Un- 
zulänglichkeit dieses  ersten  Versuches  den  Dichter  von  weiterer 
Bemühung  abgeschreckt  habe,  steht  dahin.     Max  Hecker. 


p.  An  de?i  Mond. 
In  den  Commentaren  tritt  nicht  hervor,  daß  der  Em- 
pfindungsgang des  Gedichtes  in  erster  Fassung  unverständlich 
oder  doch  unverstanden  ist.  Was  dem  Dichter  in  dieser  Be- 
ziehung zugemuthet  worden  ist,  übersteigt  das  Glaubliche. 
Den  Mondschein  und  den  Gedanken  an  die  Lassberg  per- 
sonificirt  Viehoff  zu  einer  Lamie,  die  den  Dichter  »noch 
lange  Zeit,«  an  den  Fluß  fesselt  und  ihn  zu  dem  Gedanken 
führt,  daß  der  selig  sei,  der,  um  sich  nicht  in  solche  Leiden- 
schaft zu  verstricken,  sich  dem  größeren  Gesellschaftsleben 
ohne  Haß  entzieht  und  einen  Mann  am  Busen  hält  —  ach, 
die  arme  Christel  wollte  ja  nichts  anders!  Nach  Biedermann 
(Archiv  f.  Litg.  XII,  462)  reiht  sich  das  Gedicht  denen  an, 
welche  die  zauberische  Anziehungskraft  des  Wassers  verklären, 
und  wie  in  »Rettung«  der  Ruf  eines  holden  Mädchens  ihn 
vom  Ertränken  abzieht,  so  hier  die  Lockung  der  Freundschaft. 
Auch  Henkel  (G.-J.  XVIII,  274)  sieht  in  den  Flußstrophen  die 
»dämonisch  fesselnde  Gewalt  des  Wassers«  dargestellt,  während 
der  Dichter  doch  gerade  sagt,  daß  Mond  und  Auge  ihn  an 
den  Fluß  fesseln;  aber  er  erkennt  doch  in  diesen  Strophen 
nicht  den  Mittelpunkt  der  Conception,  sondern  ein  »unver- 
mitteltes« zweites  Motiv. 


224  MiSCELLEN. 

In  der  That  scheint  mit  der  dritten  Strophe  ein  schon 
geformtes  Motiv  den  Strom  des  sich  formenden  Empfindungs- 
ganges zu  unterbrechen,  ihn  einen  Augenblick  zu  verstrudeln, 
bis  mit  Selig  u.  s.  w.  der  ruhige  Gang  zurückkehrt.  Aber 
nicht  die  dämonische  Kraft  des  Wassers  ist  dieses  neue  Motiv, 
sondern  die  Homogenität  des  Flusses  und  des  Menschen.  Der 
Vergleichung  beider  lag  schon  Mahomets  Gesang  zu  Grunde, 
völlig  ausgelöst  wurde  der  Gedanke  im  Oktober  1779  vor 
dem  Staubbach  bei  Lauterbrunn  im  »Gesang  der  Geister  über 
den  Wassern«,  in  unser  Gedicht  spielt  er  m.  E.  hinein,  ohne 
deutlichen  Ausdruck  gefunden  zu  haben : 

Das  Mondlicht  umfaßt  mild  Garten,  Wiese  und  Fluß, 
die  Formen  und  Farben  lindernd,  wie  der  Ruheblick  der  mond- 
scheinliebenden Geliebten  das  fluthende  Leben  der  Seele  ebben 
macht.  Aus  dem  stillen  Fluß  kehrt  des  Mondes  Licht  wellen- 
athmend  doppelt  schöner  her  und  fesselt  zauberisch  den  Blick. 
(»Der  Abglanz  der  Sterne  des  Himmels,  der  aus  [dem  Wasser] 
leuchtet,  lockt  uns«  19.  Jan.  78.)  Aus  der  Welle  schaut  also 
auch,  dem  Mondlicht  wesensgleich,  das  Auge  der  Geliebten. 
Ihr  feuchtverklärten  Bilder,  Mond  und  Auge  \  haltet  mich 
wie  einen  willenberaubten  Geist  im  Hineinstarren  gebannt. 
Da  sehe  ich  im  Flusse,  der"  so  ganz  ein  Spiel  der  freund- 
lichen und  feindlichen  Naturkräfte  ist,  mein  eigenes  Bild.  Die 
unfreie  Disparatheit  seiner  Erscheinungsformen  bei  der  inneren 
Einheit  seines  Wesens  entspricht  meinem  Geschick,  meiner 
Seele.  Und  wie  der  Fluß,  der  in  mondloser  Sturmnacht 
wüthend  das  Eis  durchbricht  und  über  die  Ufer  schäumt  ^ 
in  der  Frühlingsherrlichkeit  dagegen  lustig  um  die  Blumen 
sprudelt,  jetzt  in  der  Mondnacht  leidenschaftslos  dahinfließt, 
so  ist  auch  mein  jagendes,  ruhelos  sich  verzehrendes  Herz 
aus  Lust  und  Leid  beruhigt  hier  in  der  Stille  bei  Mond 
und  Auge,  fern  von  der  lieb-  und  haßerfüllten  Welt.  Und 
selig  wem  dies  Wasserschicksal  zu  theil  wird,  zu  seinem 
»Mittelpunkt«  zurückkehren  zu  können!  —  Ob  dann  in  die 
Schlußwendungen  Plessings  Besuch  (22.  —  25.  Feb.  78)  hinein- 
spielt, bei  dem  diese  Weltflucht  eine  freundlose,  misanthropische 
war,  oder  ob  nur  des  Dichters  »reine  Entfremdung  von  den 
Menschen«  (12  Febr.  78)  eine  sympathetische  Form  durch 
Hereinziehung    seines  Karl   (W.  A.  I,  394,  Vers  4)    gefunden 


'  oder  vielleicht:  Ihr,  Mond  und  Sterne  des  Himmels,  im  Wasser. 

*  wenn  leitet  nicht  eine  Zeitbestimmung  für  das  »gebannt  halten« 
ein,  denn  es  hat  weder  in  dieser  Stimmung  noch  überhaupt  Sinn  sich 
vorzustellen,  daß  der  stille  Mond  auch  im  Sturm  der  öden  Winternacht 
den  Blick  an  den  Fluß  banne,  es  ist  vielmehr  explicativ,  fast  relativ, 
etwa  wie  er,  insofern  er. 

3  oder,  wenn  man  an  dem  Bezug  auf  den  Selbstmord  festhalten 
will,  »der  vor  Kurzem  die  Leiche  mit  sich  riß«. 


MiSCELLEM.  225 

hat,  bleibe  dahingestellt.  Ist  es  nicht  wie  ein  Vorklang  größerer 
Harmonien:  Unter  Dianens  Schutz,  der  reine  ruhesi)endende 
Iphigenienblick  Lilas,  und  der  männliche  Freund,  die  den 
Umhergetriebenen  retten  und  losen? 

Zur  Datirung  und  Beziehung  nur  dies:  Entweder  das 
Blatt,  welches  Gedicht  und  Composition  enthält,  liegt  im  Brief- 
wechsel richtig  (19.  Jan.  78;  W.  A.  I,  393  steht  irrig  19.  Febr.), 
dann  ist  die  Beziehung  auf  den  Selbstmord  unmöglich,  denn 
selbst  wenn  man  eine  so  schnelle  Tonsetzung  und  Abschrift 
glauben  wollte,  so  widerspricht  doch  die  Grundstimmung  des 
Gedichtes  durchaus,  und  der  Selbstmord  würde  heftiger  im 
Gesichtsfeld  stehen.  Die  Lage  des  Blattes  bei  den  die  Christel 
betreffenden  Briefen  hätte  dann  später  jenen  Bezug  des  un- 
verstandenen Verses  veranlaßt,  den  wir  aus  Fritz  Steins  Notiz 
als  Familientradition  kennen  lernen.  Das  Gedicht  könnte 
dann  mit  den  Nachtgesprächen  mit  dem  Herzog  zusammen- 
hängen, die  das  Tagebuch  Anfang  Januar  erwähnt.  Oder  aber 
das  Blatt  ist  später  unter  Wirkung  der  Familientradition  an 
diese  Stelle  gelegt  worden,  dann  ist  die  Datirung  und  der 
Bezug  freigegeben.  Bielschowsky  hat  (Z.  f.  d.  A.  42  Anz.  80 
Anm.)  manches  angeführt,  das  für  die  Entstehung  im  Februar  78 
spricht,  doch  ist  der  Beweis  ferne  von  erbracht.  Auch  im 
März  u.  ö.  ist  die  Rede  von  y>stockenden  verschlossenen  Tagen«, 
die  also  ihre  Lösung  finden  konnten.  Den  Bezug  auf  den 
Selbstmord  möchte  ich  aber  auch  dann  für  eine  nachträgliche 
Auslegung  der  Frau  v.  Stein  halten,  weil  ich  den  Wortlaut 
des  Gedichtes  nicht  damit  vereinen  kann  (Fr.  Jelineks  Abhand- 
lung, die  auch  von  diesem  Bezug  absieht,  kenne  ich  leider 
nur  aus  der  Erwähnung  G.-J.  X,  313). 

In  der  Umarbeitung  ist  der  Empfindungsgang  ein  völlig 
anderer  geworden  :  Die  Lösung  der  stockenden  Seelenstimmung 
führt  jetzt  die  Erinnerung,  in  ästhetischer  Milderung  als  Weh- 
muth,  herauf.  Das  wehmütige  »Vorbei«  zieht  ein  neues  Reale 
der  Situation,  den  Fluß,  ins  Bereich  der  Stimmung.  Sein  Vor- 
Ubereilen,  seine  Verschiedenartigkeit  sind  als  tertia  compa- 
rationis  genommen,  aber  die  Aufforderung  an  ihn,  in  all 
seinen  Stimmungen  dem  Dichter  Muse  zu  sein,  ist  rein 
poetische  Form  ohne  motivischen  Zusammenhang ;  die  beiden 
letzten  Strophen  greifen  deshalb  unvermittelt  auf  die  erste 
Stimmung  zurück.  Daß  diese  Fassung  nicht  Bezug  auf  Frau 
V.  Stein  hat,  hätte  nicht  des  Beweises  bedürfen  sollen;  schon 
Biedermann  (Arch.  f.  Litg.  XII,  461)  und  Henkel  (G.-J.  XVIII, 
274)  haben  darin  eine  unerlebte  Objectivirung  des  subjectiven 
Gedichtes  anerkannt,  und  ich  erinnere  nur,  daß  das  »Zusammen- 
schreiben der  Gedichte«  für  den  Druck  (12.  Aug.  88;  hss.  H'H-*) 
Goethe  auch  sonst  Anlaß  bot,  fremde  psychologische  Subjecte 
in  seine  poetische  Lebensbeichte  zu  bringen,  so  die  als  »Erster 

Goetue-Jahreuch    XXV.  15 


226  MiSCELLEX. 

Verlust«  bezeichnete  Umarbeitung  des  Liedchens  aus  den 
Ungleichen  Hausgenossen  (W.  A.  I,  380,  XII,  403),  und  wer 
weiß,  ob  nicht  auch  die  undeutbaren  »An  die  Entfernte« 
(W.  A.  I,  60)  und  »Nähe«  (W.  A.  II,  109)'  so  beurtheilt  werden 
müssen.  E.  F.  Kossmann, 


10.    -»Und  ich  geh'  vieineii   alten  Gang^. 
(W.  A.  IV,  210,  Briefe  III  167.) 

Wie  Koegel  (Goethes  lyrische  Dichtungen  der  ersten 
Weimarischen  Jahre  No.  24)  sagen  konnte,  daß  Goethes  Verse 
nicht  in  Zusammenhang  mit  den  vorhergehenden  Versen  des 
Herzogs  stehen,  begreif  ich  nicht.  In  jeder  Wendung  beziehen 
sie  sich  auf  dieselben,  die  adversativkopulative  Anknüpfung 
»Und  ich«   deutet's  schon  äußerlich  an. 

Der  Herzog  schläft  und  träumt  seine  Existenz,  er  badet 
sich  nach  der  Tagesarbeit  göttlich  in  seinem  Selbst,  die  Geister 
der  Wesen  durchschweben  ihn  und  geben  ihm  dumpfes  doch 
süßes  Geleit:  das  ist  »der  Herr,  der  in  Liebes  Dumpfheit 
und  Kraft  hinlebt  und  sich  durch  seltnes  Wesen  webt;« 
Goethe  dagegen  lebt  sein  Leben  wie  immer  wachend  in  seinen 
lieben  Realien,  »seine  liebe  Wiese  entlang«,  vom  Sonnenlicht 
begleitet  und  gekräftigt,  und  nach  der  Tagesarbeit  vom  Mond 
beruhigt  und  gereinigt.  Der  dumpfen  Kraft  der  Liebe,  die 
im  Herzog  waltet,  setzt  er  die  klare  Kraft  der  Liebe,  die  er 
der  Geliebten  verdankt,  entgegen;  und  während  der  Herzog 
den  glücklich  preist  der  »anderer  Existenz  nicht  gewahr  wird« 
thut  ihm  des  Herrn  Nachbarschaft  wohl.  Ob,  wenn  diese 
Erklärung  richtig  ist,  die  Verse  die  Einlage  des  Briefes  vom 
II.  Aug.  77  gewesen  sein  können,  wie  Düntzer  (Goethes 
Liebesbriefe  an  Frau  v.  Stein  No.  158)  annimmt,  möchte  ich 
nicht  geradezu  verneinen.  E.  F.  Kossmann. 


II.    Ergo  bibamus. 

Gedichte  I,  144. 

Dieser    Refrain    erhält    Licht    aus    Goethes    Farbenlehre 

(Weimarer    Ausg.    2.    Abth.    II,    192,    208,    242),    wo    er    als 

Lieblingssatz  Basedows    eine    seltsame  Wendung  erhält.     »Es 

fällt  uns    bei  dieser  Gelegenheit   ein,    daß  Basedow,    der   ein 


'  Der  Ton  des  Gedichtes  »An  die  Entfernte«  erlaubt  nicht,  es 
auf  Frau  v.  Stein  zu  beziehen  wie  Loeper  (G.-Ged.  *  I,  294)  will,  und 
es  wegen  des  Ausdrucks  »O  Schöne«  mit  Scherer  (G.-J.  IV,  55)  in  die 
Frühzeit  zu  setzen,  befriedigt  nicht.  »Die  Nähe«  bezieht  Düntzer  auf 
Christiane,  dem  widerspricht  aber  der  »Schwärm  der  vielen  Menschen«, 
Loeper  denkt  an  Frau  v.  Stein,  das  ist  aber  wegen  des  Schlusses  aus- 
geschlossen. 


MiSCELLEN.  227 

Starker  Trinker  war  und  in  seinen  besten  Jahren  in  guter 
Gesellschaft  einen  sehr  erfreulichen  Humor  zeigte,  stets  zu 
behaupten  pflegte:  die  Conclusion  ergo  bibamus  passe  zu 
allen  Prämissen.  Es  ist  schön  Wetter,  ergo  bibamus!  Es  ist 
ein  häßlicher  Tag,  ergo  bibamus!  Wir  sind  unter  Freunden, 
ergo  bibamus!  Es  sind  fatale  Bursche  -in  der  Gesellschaft, 
ergo  bibamus!  So  setzt  auch  Newton  sein  ergo  zu  den  ver- 
schiedensten Prämissen.«  Und  dann  wendet  Goethe  »das 
Basedowsche  ergo  bibamus«  wiederholt  auf  Newtons  Schluß- 
folgerung an,  die  nach  Goethes  Urtheil  zu  seinen  Prämissen 
in  einem  ebenso  fragwürdigen  Verhältniß  steht.  Wenn  es 
nun  auch  nach  dieser  Stelle  der  Farbenlehre  sicher  ist,  daß 
Goethe  sein  »ergo  bibamus«  —  wohl  auf  der  denkwürdigen 
Lahn-  und  Rheinreise  von  Basedow  gelernt  hat,  —  so  hat 
doch  die  Formel  ihre  weitere  Geschichte.  Basedow  wird  sie 
wohl  aus  dem  studentischen  Hospiz  übernommen  haben,  denn 
schon  im  17.  Jahrhundert  (1664)  lernen  wir  es  in  einer  Art 
Studentencomment  kennen  in  der  Schrift:  »Philosophia 
Salustiana«  von  Janeser  Potorianus,  hinter  welchem  Pseudonym 
sich  der  bekannte  Prätorius  verbirgt.  Unter  Bl.  H.  12  auf- 
geführten Regulae  Bursales  finden  wir  den  Satz:  »Qui  bene 
bibit,  bene  dormit,  qui  bene  dormit  non  peccat,  qui  non 
peccat  est  beatus.  Ergo  ut  fiamus  beati  bibamus.«  Wir 
haben  es  hier  offenbar  zu  thun  mit  einem  schulmäßigen 
Beispiel  für  Trugschlüsse.  So  findet  sich  1597  in  des  Gochenius 
»Ratio  solvendi  vitiosas  argumentationes«,  S.  21.  »Qui  bene 
bibit,  bene  dormit.  Qui  bene  dormit  non  peccat.  Qui  non 
peccat  erit  beatus.  Ergo  qui  bene  bibit,  erit  beatus.«  Die 
Anwendung  des  ergo  bibamus  auf  den  Newtonschen  Trug- 
schluß wie  auch  der  Liedrefrain,  der  als  Trugschluß  hier  seine 
Erklärung  findet,  weisen  also  über  Basedow  hinaus  in  die 
ältere  Logik.  F.  Kluge. 


12,  Zu  Hertnann  und  Dorothea. 
Wie  hoch  Goethe  den  »herrlichen  Justus  Moser«  geschätzt 
hat,  wissen  wir  aus  dem  13.  Buche  der  Selbstbiographie. 
Mosers  »Patriotische  Phantasien«,  deren  erste  Sammlung  seine 
Tochter  eben  1774  veranstaltet  hatte,  boten  willkommenen 
Unterhaltungsstoff,  als  Goethe  im  Dezember  d.  J.  den  Wei- 
marischen Prinzen  seine  erste  Aufwartung  machte.  Goethe 
trägt,  wie  er  bald  darauf  an  Mosers  Tochter  meldet,  die 
»Phantasien«  »mit  sich  herum  —  und  hunderterlei  Wünsche, 
Hoffnungen,  Entwürfe  entfalten  sich  in  meiner  Seele«.  Dieses 
Buch  hat  weit  energischer,  als  das  Drängen  des  Vaters,  den 
jungen  Goethe  von  Phantasien  im  Geiste  Werthers  zu  der 
ernsten  Lebensführung,  zu  der  praktischen  Lebensanschauung 

15' 


228  MiSCELLEM. 

des  folgenden  Jahrzehnts  geleitet.  Daraufhin  wagt  er  es,  zu 
probiren,  wie  ihm  »die  Weltrolle  zu  Gesicht  stünde;«  die 
volkswirthschaftliche  Weisheit  der  »Phantasien«  ist  der  ge- 
meinsame Boden  im  Verkehr  mit  seinem  fürstlichen  Freunde. 
Beide  bewundern  die  »gründliche  Einsicht  in  die  besondersten 
Verhältnisse«  an  dem  Lehrburch  des  »Patriarchen«  und  be- 
nutzen sie.  Fast  sieben  Jahre  nach  jener  ersten  Unterhaltung, 
am  20.  Juni  1781  berichtet  Goethe  an  Frau  von  Stein:  »Es 
wird  im  Moser  gelesen«.  Diesmal  lasen  Goethe  und  der 
Herzog  Mosers  »Schreiben  über  die  deutsche  Sprache«,  die 
eben  erschienene  mannhafte  Entgegnung  auf  Friedrichs  II. 
»De  la  literature  Allemande.«  Goethe  dankt  dem  Verfasser 
unter  der  Adresse  der  Tochter  und  schickt  seine  Silhouette, 
später  seine  Büste. 

Durch  Moser  also  gewinnt  Goethe  das  Interesse,  ja  die 
Vorliebe  für  Beobachtung  wirthschaftlicher  Verhältnisse,  für 
sorgsame  Lösung  dringender  Verwaltungsfragen,  denn  er  war 
von  der  praktischen  Verwendbarkeit  dieser  durchaus  reellen, 
fast  hausbackenen  Phantasien  überzeugt  und  hat  sie  nach 
Möglichkeit  verwirklicht.  Viele  der  Vorzüge,  welche  man 
an  Goethes  Antheil  an  der  Verwaltung  von  Weimar -Eisenach 
vor  der  italienischen  Reise  rühmt,  lassen  sich  auf  Mosers 
Rechnung  setzen. 

In  Weimar  traten  daher  auch  alle  die  Vortheile  zu  Tage, 
welche  Moser  in  einem  patriarchalisch  regirten  deutschen 
Kleinstaate  voraussetzt.  Während  man  in  den  siebziger  und 
achtziger  Jahren  des  18.  Jahrhunderts  über  Fürstenfreundschaft, 
Fürstenerziehung,  Fürstenpflichten  mehr  oder  weniger  acade- 
mische  Betrachtungen  in  Dramen  und  Romanen  anstellte, 
verkündigte  Moser  praktische  Ideen  auf  conservativem  Grunde, 
welche  in  Weimar  jedenfalls  glänzend  in  Erfüllung  gegangen 
sind. 

Goethe  war  durch  seinen  Entschluß,  in  des  Herzogs 
Dienste  zu  treten,  auf  das  praktische  Bedürfniß  des  Landes 
hingewiesen,  daher  erweiterte  sich  von  Jahr  zu  Jahr  sein  Blick 
für  das  wirthschaftliche  Leben  im  Großen  und  Kleinen.  Auf 
Reisen  orientirt  er  sich  über  die  Lage  der  Landestheile,  über 
die  Beschaffenheit  der  Zustände,  über  die  Wünsche  der  Be- 
wohner; er  achtet  auf  jede  Spur  ersprießlicher  Regsamkeit 
und  sucht  den  Unternehmungsgeist  in  zweckmäßige  Bahnen 
zu  leiten,  die  Betriebsamkeit,  den  Ordnungssinn  zu  fördern 
und  zu  belohnen. 

So  gewöhnt  er  sich  auf  späteren  Reisen  die  thatsächlichen 
Zustände  der  jeweiligen  Umgebung  zu  beachten,  zu  prüfen 
und  sie  zu  verzeichnen.  Notizen  über  Bodenbeschaffenheit, 
Beschäftigung  der  Bewohner,  Armuth  oder  Wohlstand  und 
deren  Folgen,    minderwerthige    oder  behagliche  Wohnstätten, 


MlSCELLEN.  229 

auffallende  Trachten  und  Sitten  finden  sich  zahlreich  in  seinen 
Tagebüchern  niedergeschrieben  und  in  den  ausgearbeiteten 
Reiseberichten  verwerthet. 

Eine  derartige  Beobachtung  finden  wir  in  dem  kurzen 
Tagebuch  vom  Jahre  1795.  tJoethe  war  auf  der  Reise  nach 
Karlsbad  begriffen  und  durchkreuzte  die  Straße,  auf  welcher 
die  Salzburger  Emigranten  einst  nach  Norden  gezogen  waren. 
Seine  Gedanken  mochten  bei  diesen  Fremdlingen  gern  ver- 
weilen ;  denn  er  hatte  bereits  das  »Sujet,  wie  man  es  in 
seinem  Leben  vielleicht  nicht  zweimal  findet«,  den  Stoff  von 
Hermann  und  Dorothea,  seit  mehr  als  einem  halben  Jahre  ins 
Auge  gefaßt,  —  da  führte  ihn  die  Reise  gleich  am  ersten 
Tage  in  ein  Städtchen,  wie  er  es  brauchte,  auf  den  Schau- 
platz eines  bürgerlichen  Kleinlebens,  welches  ihm  zusagte. 

Das  Tagebuch  von  1795,  ^^^  ^^^^  ^"^  *^^^  Hinreise  nach 
Karlsbad  beschränkt,  enthält  die  Notiz  (W.  A.  III,  2,  p.  34): 
»d.  2.  Juli  1795.  ^^o^  Jena.  Mittag  in  Pössneck.  Das 
Städtchen  scheint  einen  guten  Stadtrath  zu  haben,  es  ist  eine 
Chaussee  angelegt,  —  sie  denken  auch  das  offene  Wasser  in 
der  Stadt  zu  überwölben;  überhaupt  ist  es  ein  nahrhaftes 
Städtchen,  in  welchem  sich  viel  Tuchfabriken  befinden,  auch 
sind  Gerber  daselbst.  —  Ein  Fabrikant  —  baut  außerhalb 
der  Stadt  —  ein  großes  Gebäude<f. 

Wem  fielen  nicht  bei  dieser  Schilderung  des  Meininger 
Städtchens  die  Worte  der  Dichtung  ein  (III,   13  ff.): 

Wie  man,  das  Städtchen  betretend,  die  Obrigkeiten  beurtheilt. 

.  .  .  und  schon  ist  der  neue  Chausseebau 
Fest  beschlossen,  der  uns  mit  der  großen  Straße  verbindet. 

.  .  .  Die  wasserreichen,  verdeckten, 
Wohlvertheilten  Kanäle  — 

Ferner  I,  58 : 

Mancher  Fabriken  befliß  man  sich  da  und  manches  Gewerbes. 

und  I,   54: 

der  begüterte  Nachbar 
An  sein  erneuertes  Haus,  der  erste  Kaufmann  des  Ortes. 

Wenn  nun  Goethe  selbst  bekennt,  er  habe  »das  rein 
Menschliche  der  Existenz  einer  kleinen  deutschen  Stadt  in 
dem  epischen  Tiegel  von  seinen  Schlacken  abzuscheiden  ge- 
sucht«, so  waren  hier  schon  in  der  Aufzeichnung  die  Schlacken 
so  gut  wie  abgeschieden  —  Goethe  konnte  den  gewonnenen 
Stoff  fast  wörtlich  in  sein  Gedicht  übertragen,  sobald  er  eine 
derartige  Localschilderung  nöthig  hatte. 

Aber  nicht  nur  die  im  Tagebuch  angemerkten  Charakter- 
züge des  »nahrhaften  Städtchens«  hat  Goethe  benutzt.    Offen- 


230  MiSCELLEN. 

bar  hatte  er  sich  voller  Interesse  nach  allerhand  Zuständen 
und  Personen  erkundigt,  wie  es  seine  Art  war;  so  konnte  er 
noch  manchen  anderen  Eindruck  davontragen,  den  Auge  und 
Ohr  empfangen  hatten.  In  Pößneck  gab  es '  mindestens  seit 
1729  einen  Gasthof  zum  goldenen  Löwen  ;  ^  »ob  sich  derselbe 
einst  am  Markte  befand,  ist  fraglich,  denn  letzterer  liegt  etwas 
abseits  von  den  eigentlichen  Verkehrsstraßen  Pößnecks.«  Auch 
hatte  der  Ort  »ehedem  seine  Weinberge,  die  gleich  jenseits 
des  Baches,  der  an  Pößneck  vorbeifließt,  sich  erhoben.«  End- 
lich wird  sich  wohl  auch  die  Ansicht  V.  Hehns  (Gedanken 
über  Goethe  p.  34),  daß  der  Pfarrer  im  Epos  Protestant  ist, 
wie  Herder,  bestätigen;  denn  im  Jahre  1794  war  in  Pößneck 
Christian  Gottlob  Hülle  seinem  emeritirten  Vater  im  Pfarr- 
amte gefolgt,   —   »ein  Jüngling  näher  dem  Manne.« 

Natürlich  hat  der  Dichter  außer  diesen  nachweisbaren 
oder  wahrscheinlichen  Reminiscenzen  auch  viele  andere  Einzel- 
heiten benutzt,  welche  ihm  im  Laufe  der  Zeit  anderswo  auf- 
gefallen waren.  Meint  doch  Schiller  noch  am  31.  October 
1796,  als  Goethe  sich  auf  einige  Zeit  nach  Ilmenau  zurück- 
zieht: »Wenigstens  werden  Sie  dort  das  Städtchen  Ihres 
Hermann  finden,  und  einen  Apotheker  oder  ein  grünes  Haus 
mit  Stuckaturarbeit  giebt  es  dort  wohl  auch.«  Auch  war 
Goethe,  da  er  den  historischen  Hintergrund  in  den  August  1796 
rückte,  genöthigt,  den  Schauplatz  viel  weiter  nach  Westen 
gegen  den  Rhein  hin  zu  verlegen. 

Daß  Schiller  von  Pößneck  nichts  gewußt  hat,  erscheint 
selbstverständlich.  Goethe  wehrte  sich  bekanntlich  gegen 
Nachfragen  dieser  Art  und  beklagte  sich  darüber.  Doch  sieht 
Varnhagen  ganz  richtig  (an  Goethe  7.  November  1823) :  »Ein 
bestimmter  Ort,  eine  bestimmte  Gegend  —  hat,  wenn  auch 
nur  durch  einige  glückliche  Punkte,  die  Grundlinien  der  ganzen 
Schilderung  geliefert.«  Nur  sucht  er  in  begreiflichem  Irrthum 
diese  Punkte  am  Oberrhein.  Goethe  aber  hat  sich  der  Nach- 
welt im  Tagebuche  verrathen.  Jedenfalls  hat  die  Bemerkung 
in  der  Jubiläumsausgabe  von  Goethes  Werken  (6.  p.  270):  es 
sei  »noch  nicht  gelungen,  das  Urbild  des  Städtchens,  in  dem 
Hermann  aufgewachsen  ist,  zu  entdecken«,  nicht  mehr  ihre 
volle  Berechtigung. 


'  Die  obigen  Angaben  verdanke  ich  der  gütigen  Mittheilung  eines 
Herrn,  der,  aus  Pößneck  gebürtig,  sich  mit  der  Geschichte  seiner 
Vaterstadt  eingehend  beschäftigt  hat. 

'  Daß  Goethe  in  demselben  einzukehren  pflegte,  dem  »wohl- 
eingerichteten  Gasthofe«,  lehrt  das  Tagebuch  vom  7,  August  1806; 
auch  noch  am  26.  Juli  1823  weilt  Goethe  daselbst.  (W.  A.  3,  p.  156,  8, 
p.  82).  Vgl.  auch  W.  A.  3,  p.  334.  Tagebuch  vom  12.  Mai  1808.  — 
Goethe  kannte  Ort  und  Gasthof  wohl  scnon  von  früheren  Reisen  her, 
z.  B.  1786. 


MiSCELLEN.  231 

Nicht  nur  auf  Goethes  volkswirthschaftliches  Interesse 
und  aufmerksame  Beobachtungsweise  von  Land  und  Leuten 
hat  Moser  eingewirkt;  auch  direkte  Nachklänge  der  »Phan- 
tasien« scheinen  im  Epos  vernehmbar.  Moser  sagt  (I,  p.  124): 
»Der  sicherste  Weg  ist,  beides,  Ackerbau  und  Handel,  zugleich 
zu  befördern  und  einem  durch  den  andern  zu  helfen.  — 
Gewerbe  und  Handel  sind  flüchtige  Güter  —  wie  viel  dauer- 
hafter ist  dagegen  ein  Staat,  dessen  Wohl  sich  auf  den  Acker- 
bau gründet.«  Dieser  Grundsatz  stimmt  zu  der  Ansicht  des 
Pfarrers  im  Gedicht  (V,  15  ff.),  namentlich  zu  den  Schlußversen: 

Heil  dem  Bürger  des  kleinen 
Städtchens,  welches  ländlich  Gewerb  mit  Bürgergewerb 

paart ! 

Goethe  war  mit  Mosers  Ideen  vertraut  genug,  daß  ihm 
solche  echt  Mösersche  Maximen  geläufig  sein  mußten.  Ebenso 
die  Auffassung  von  der  Aufgabe  der  Frau,  welche  Dorothea 
im  Hinblick  auf  ihre  künftige  Stellung  im  Hause  wohl  auch 
in  ihrer  stillen  Hoffnung  äußert  (VII,  114  ff.),  sie  klingt  gar 
sehr  an  Moser  an  (vgl.  I,  p.  17  ff.  p.  23 ff.  p.  29 ff.);  und  die- 
selbe conservative  Gesinnung  sprach  auch  schon  aus  Goethes 
zweiter  Epistel,  in  welcher  der  Dichter  ein  launiges  Bild  von 
der  häuslichen  Beschäftigung  der  Töchter  entwirft,  als  wäre 
es  nach  Mosers  Vorschlägen  zu  einer  Mustererziehung  an- 
gefertigt. 


Goethes  Abneigung  gegen  Betheiligung  an  der  Politik 
ist  bekannt;  selbst  in  der  Zeit  seiner  Ministerstellung  vor  der 
italienischen  Reise  weist  er  alle  Verantwortung  für  diplo- 
matische Entschließungen  möglichst  von  sich.  Wenn  aber 
einmal  die  Umstände  ihn  in  die  Lage  versetzten,  sich  über 
politische  Grundsätze  äußern  zu  müssen,  hat  er  einen  klaren 
Blick  für  die  Gegenwart,  einen  weitsichtigen,  man  möchte 
sagen  prophetischen  für  die  nähere  oder  entferntere  Zukunft. 
An  drei  hervorragenden  Fällen  möchte  ich  zeigen,  wie  Goethe, 
wenn  es  darauf  ankam,  das  Richtige  getroffen  hat. 

Da  ist  erstens  das  bedeutende  Wort,  das  er  nach  der 
Kanonade  von  Valmy  gesprochen  haben  will ;  selbst  wenn 
der  Wortlaut  vielleicht  auch  nicht  sein  Eigenthum  ist  (vgl. 
A.  Dove  in  der  Jubiläumsausgabe  28,  p.  278),  eine  ent- 
sprechende Aeußerung  hat  er  sicher  damals  gethan,  denn  er 
sah  »die  fürchterliche  Bewegung«  unaufhaltsam  hereinbrechen. 

Ferner  nach  der  Schlacht  bei  Jena;  Goethe  erhielt  in 
jenen  Unglückstagen  von  Hirt  die  Nachricht,  daß  er  zum 
Mitglied  der  Berliner  Academie  der  Wissenschaften  ernannt 
sei;    in    seinem   Dankbrief   an   Hirt    vom    6.  November  1806 


232  MiSCELLEN. 

Stehen  die  charakteristischen  Worte:  »Lassen  Sie  uns  in 
diesen  kritischen  Momenten  treu,  wie  immer,  zusammenhalten 
und  wo  möglich  noch  eifriger  wirken.  Was  acht  ist,  muß  sich 
eben  in  einem  solchen  Läuter-Feuer  bewähren.«  So  lautet 
das  Losungswort,  das  Programm  aller  damaligen  Patrioten. 
Früher  aber  als  Goethe  hat  kaum  Jemand  diese  entscheidende 
Parole  ausgegeben.  Auch  hat  er  seinen  Vorsatz  in  Thaten 
umzusetzen  verstanden ;  man  lese  nur  die  schöne  Würdigung 
seines  festen  Standes,  seiner  unermüdlichen  Thätigkeit  nach 
der  Katastrophe,  welche  Jul.  Wähle  ihm  gewidmet  hat  (Briefe 
an  Frau  v.  Stein  11,  p.  382,  nebst  der  dazugehörigen  ersten 
Anmerkung). 

Als  dann  endlich  1813  in  Erfüllung  ging,  was  Goethe 
1797  voraus  verkündet  hatte,  war  ihm  selbst  freilich  die 
Zuversicht  geschwunden.  Er  hatte  eben  den  Aufruf  zu  früh 
erlassen  —  er  war  so  lange  Jahre  hindurch  nicht  beachtet 
worden :  ich  meine  die  prophetischen  Schlußzeilen  von  Her- 
mann und  Dorothea. 

So  viel  auch  über  dieses  Epos  und  seinen  patriotischen 
Geist  geschrieben  ist  —  die  Weissagung,  welche  die  Schlußworte 
Hermanns  enthalten,  ist  nur  einmal  in  ihrer  vollen  Bedeutung 
erkannt  und  gewürdigt  worden:  von  Charlotte  von  Stein. 

Goethe  hatte  eingewilligt,  daß  Hermann  und  Dorothea 
als  zeitgemäße  Erscheinung  von  Cotta  neu  herausgegeben 
würde.  Er  vertheilt  Exemplare  der  Dichtung  nach  allen 
Seiten  als  Opfer,  der  Zeitstimmung  dargebracht.  So  über- 
reicht er  die  »kleine  Gabe«  auch  der  Freundin  am  15.  März 
18 14.  Zugleich  übersendet  er  ihr  auch  die  Jenaische  All- 
gemeine Literaturzeitung  vom  14.  März  d.  J.,  welche  eine 
unumwundene  Lobpreisung  der  patriotischen  Bedeutung  des 
Epos  enthält.  Frau  von  Stein  dankt  am  selben  Tage  für  das 
»appetitliche  Stückelchen«,  am  18.  März  aber  schreibt  sie, 
wahrscheinlich  unter  dem  Eindruck  der  eben  gelesenen 
Recension: 

»Es  ist  mir  recht  aufgefallen,  daß  Ihr  Hermann  schon 
vor  16  Jahren  sagt,  die  Macht  sollte  gegen  die  Macht 
aufstehen,  und  erst  jetzt  gehen  dem  Geschlecht  die 
Augen  auf!« 

Als  dann  Goethe  im  April  18 14  auch  ihrem  Kochberger 
Sohn  ein  Exemplar  der  neuen  Einzelausgabe  zugeschickt  hat, 
beauftragt  der  Sohn  seine  Mutter,  Goethe  seinen  Dank  aus- 
zusprechen. Wie  ein  Echo  der  Worte  seiner  Mutter  klingt 
der  Satz  (Briefe  an  Frau  v.  Stein  II,  p.  443):  »Das  Geschenk 
macht  uns  unser  Glaubensbekenntniß  um  so  lieber,  er  sei 
unser  Freund  und  unser  Prophet.«  F.  Sintenis. 


MiSCF.LLEN.  2^3 

ij.  E/iglische  Uchcrsctziitig  des  Erlkönig. 
John  Greenleaf  Whithier,  17.  Dez.  1807  bis  7.  Sept.  1892, 
der  Sohn  eines  armen  Farmers,  besuchte  erst  in  seinem  20. 
Jahre  die  Howerhill  Academy.  Er  war  1828/29  Redakteur 
dts  jFne  Mafiufacturer,  von  1830  a.n  der  Essex  Gazette.  1836 
wurde  er  Sekretär  der  Anti  Slavery  Society  und  redigirte 
1838  —  39  deren  Organ:  The  Pennsylvania  Freetnan.  Er  trägt 
den  Namen  des  »Quäkerdichters«  und  erfreut  sich  bei  seinen 
Landsleuten  großer  Werthschätzung.  Die  nachfolgende  un- 
gedruckte Uebersetzung,  die  vor  vielen  Jahren  gemacht  ist, 
wurde  mir  aus  dem  Original  von  Herrn  William  A.  Speck 
in  Haverstraw  N.Y.  mitgetheilt.  Ludwig  Geiger. 

The    Erl-King. 
(Goethe.) 


Who  rides  so  late  through  the  night-wind  wild? 

It  is  a  father  with  his  child. 

He  has  him  well  in  his  circling  arm; 

He  holds  him  safe,  he  holds  him  warm. 


»My  son!  why  hid'st  thou  thy  face  in  fear?« 
»See'st  thou  not  father,  the  Erl-King  near? 
The  Erl-King  is  here  with  crown  and  train,« 
»My  son!  'tis  a  fog-wreath  on  the  piain.« 

3- 
»My  dearest  child  come  go  with  me, 
Many  fine  games  I'll  play  with  thee, 
Many-hued  flowers  on  the  Strand  unfold, 
And  my  mother  has  many  fine  robes  of  gold.« 

4- 

»My  father!  my  father!  dost  thou  not  hear 
What  the  Erl-King  promises  low  in  my  ear?« 
»Be  quiet,  rest  quiet  my  child«  he  said 
»Tis  the  wind  that  sounds  in  the  leaves  so  dead.« 

5- 
Thou  beautiful  child,  wilt  thou  go  with  me? 
My  fair  young  daughters  shall  wait  on  thee, 
My  daughters  nightly  their  sport  shall  bring 
And  rock  thee  softly  and  dance  and  sing.« 


234  MiS  GELLEN. 

6. 

»My  father!  my  father!  dost  thou  not  trace 
ir\  The  Erl-King's  daughters  in  yoti  drear  place?« 

»My  son,  my  son!  I  see  it  there   —   — 
'Tis  the  shade  of  the  willow  so  old  and  bare.« 

7- 
»I  love  thee  —  thy  fair  face  charms  me  so, 
If  thou  art  not  willing  by  force  thou  must  go.« 
»My  father!  my  father!  I  feel  his  arm, 
The  Erl-King  has  done  me  a  grievous  härm.« 

8. 

The  father  shudders:  he  rides  on  wild! 
He  holds  in  his  arms  the  moaning  child. 
He  reaches  his  home  with  trouble  and  dread, 
But  the  child  he  holds  in  his  arms  is  dead! 


14.    Verse  vo?i  Frau  Carlyle^  u?iter  Goethes  Gedichten 
an  Personen. 
In    der   Weimarer   Ausgabe    (5   I  78,    1893)    findet    sich, 
Goethe  unbedingt  zugeschrieben,  folgendes  englische  Gedicht : 

»To  the  Poet 
In  Return 
Gift  for  Gift 

For  th'  Heaven-gifted  still  an  earthly  Gift  have  I! 
Some  kingly  robe  belike,  some  jewel  priceless-fair. 
A  Gift  no  king's  or  Croesus'  yellow  heaps  could  buy: 
True  love  from  Woman's  heart,  this  dress^  (sie)  of  Woman's 

hair.  ^v. 


^  Doch  ist  ihr  Neffe  Alexander  Carlyle  Esq.  in  Edinburgh  (nach 
einem  Privatbrief  an  mich)  der  Meinung,  daß  sie  überhaupt  nie  gedichtet 
hat,  sondern  lediglich  Gedichte  von  ihrem  Manne  oder  ihrer  Mutter 
einfach  abschrieb.  Jedenfalls  sind  die  Verse  an  Ottilie  (Corresp.  157 
übers,  in  Briefw.  77)  nach  ihrem  eigenen  Zeugniß  (bei  Froude  II  103) 
nur  angeblich  von  ihr  selbst  verfaßt. 

*  =  Kleid,  Schreibfehler  für   Tress-Locke.    Vergl.  unten. 

3  Die  Lesarten  dazu  sind  noch  nicht  erschienen.  Der  oft  bewiesenen 
Güte  des  Herrn  Directors  des  Goethe-  und  Schiller-Archivs  verdanke  ich 
die  folgende  genaue  Beschreibung  der  Goetheschen  Handschrift:  »Die  4 
Zeilen  stehen  auf  einem  Qjuartblatt  in  der  Quere  geschrieben,  von 
Goethes  eigener  Hand  mit  Tinte,  während  die  Ueberschrift  dreizeilig 
von  Goethe  mit  Blei  geschrieben  ist  und  unter  In  Return  ein  langer 
Strich,  sowie  unter  dem  Ganzen  mit  Tinte  der  bekannte  Goethesche 
Schlußschnörkel  • steht.« 


MiSCELLEN.  235 

Offenbar  beziehen  sich  diese  Verse  auf  Frau  Carlyles 
Haarlocke,  die  sie  am  22.  Dez.  1829  (Briefw.  S.  204)  als 
»love  token«  an  Goethe  sandte  mit  der  dringenden  Bitte  um 
eine  Locke  von  Goethes  Haar  »in  return«.  G.  bewahrte  die 
»unschätzbare  Locke  .  .  .  heilig  in  der  ihrer  würdigen  Brief- 
tasche« [von  ihrer  Hand],  wo  nur  das  Liebenswürdigste  ihr 
zugesellt  wurde,  aber  leider  fand  er  die  verlangte  Erwiderung 
de  facto  »unmöglich«,  da  auf  seinem  Schädel  statt  Locken 
nur  noch  »Stoppeln«  übrig  blieben,  und  umsonst  sann  er  auf 
irgend  ein  Surrogat.^ 

Noch  heute  ist  jene  sehr  schöne  Locke  von  dem  raben- 
schwarzen Haare  der  Frau  Carlyle  im  Goethe-Hause  vor- 
handen', und  zwar  auf  einem  großen  Blatt  Papier  befestigt, 
auf  ihm  von  außen  die  Adresse  »For  the  Poet«,  und  unter 
der  Locke  selbst  die  Zeilen : 

»For  the  Heavenly-gifted    still   an  earthly  Gift  have  I! 
Some  kingly  robe,  belike?  Some  jewel  priceless-fair  ? 
A  Gift  no    king's  or  Croesus's  yellow   heaps  could  buy: 
True  love  from  Woman's  heart,  this  Tress  of  Woman's  hair! 

Craigenputtock 
15  December  1829  Jane  W.  B.  Carlyle.«* 

G.  hat  also  die  Verse  einfach  abgeschrieben,  aber  jene 
oben  wiedergegebene  neu  hinzugekommene  Ueberschrift  zeigt 
ohne  Zweifel,  daß  er  es  that  mit  der  Absicht  zu  erwidern: 
vielleicht  am  5.  Jan.  1830,  nach  Empfang  von  C's.  Brief  vom 
23.  Mai,  worin  er  von  der  eifrigen  Beschäftigung  seiner  Gattin 
mit  G's.  Werken  berichtet,  worauf  G.  im  Tagebuch^  notirt 
»Manches  wegen  Carlyle  bedenkend.«  Eine  solche  Absicht 
zu  erwidern  ist  aber  bekanntlich  niemals  ausgeführt  worden.^ 
Julius  Wähle  macht  mich  freundlichst  besonders  darauf  auf- 
merksam, daß  G's.  Abschrift  unter  den  Papieren  zu  Ottilies 
Zeitschrift  »Chaos«  gefunden  worden  ist,  und  daß  G.  mög- 
licherweise  an    eine  Veröffentlichunsf  daselbst  gedacht  haben 


I  Vergl.  auch  Rul.ind  im  G. -J.  9,  241  f.  und  meine  Bemerkung 
G.-J.  24,  18. 

*  Briefe  vom  13.  April  und  7,  Juni  1850  (Briefw.  90  f.  und  105) 
und  vergl.  Ruland  im  G.-J.  23,  38. 

3  Vergl.  Ruland  im  G.-J.  23,  38. 

*  Ausgestellt  im  zweiten  Majolika- Zimmer.  —  Auch  bei  dieser 
Besichtigung  verpflichtete  mich  Herr  Geh.  Hofrath  Dr.  Ruland  durch 
sein  mir  jederzeit  bewiesenes  freundliches  Entgegenkommen. 

5  Im  Tageb.  1830  wird  C.  zuerst  am  24.  März  erwähnt,  aber  oft 
darnach  bis  zum  23.  April:  auch  am  16.  Mai  und  5 — 7.  Juni.  Zu  be- 
merken ist,  daß  in  G's.  Einleitung  zur  Uebersetzung  von  C's.  »Leben 
Schillers«  (S.  XXIII  f.  =  Hempel  29,  79)  der  zweite  Absatz  nach  der 
oben  citirten  Stelle  aus  C's.  Brief  vom  22.  Dec.  1829  übersetzt  ist. 

6  Doch  vergl.  Briefw.  232  [128],  234  und  145. 


236  MiSCELLEX. 

kann.  Ich  habe  aber  verschiedene  Exemplare  des  »Chaos« 
umsonst  sorgfältig  durchgesehen,  und  hätte  jenen  Fundort 
der  Abschrift  für  nicht  unbedingt  maßgebend  gehalten,  wenn 
ich  nicht  dabei  zwei  Beiträge  von  Carlyle  entdeckt  hätte. 
Es  sind  eine  Uebersetzung  (unterzeichnet  »I.  C.  Edinburgh, 
1823«)  von  Fausts  Fluch '  (V.  1583  — 1606)  in  No.  30^  S.  120, 
und  das  Gedicht  »Tragedy  of  the  Night-Moth«  (unterzeichnet 
»Edinb.  i8i3[i823]  I.  C.«)'  in  No.  32'»  S.  126  f.,  deren  Druck 
im  »Chaos«  5  bisher  unbeachtet  geblieben  ist.  Es  sei  übrigens 
daran  erinnert,  daß  G's  Verse  »An  die  fünfzehn  Freunde  in 
England«  (No.  4,  303),  wovon  er  Abschriften  an  Carlyle  und 
Fräser  sandte  (Briefw.  158),  im  »Chaos«  II.  Jahrg.  No.  6  (1831) 
zuerst  erschienen  sind. 

Zum  Schluß  sei  bemerkt,  daß  von  den  beiden  früher  G. 
zugeschriebenen  Uebersetzungen  (Hempel  5,  23of.)  der  Zahmen 
Xenie  »Liegt  dir  Gestern  klar  und  offen«  (W.  3,  312)^,  die 
französische  von  einem  gewissen  Maucroux  herrührt,  wie 
V.  Loeper  selbst  gezeigt  hat  (G.-J.  11,  141  f.),  während  die 
englische  von  Carlyle  ist.  Sie  steht  am  Anfang  seines  Aufsatzes 
»Signs  of  the  Times«  in  Edinb.  Rev.  June  1829  S.  439.'^ 
Eine  anonyme  englische  Uebersetzung  erschien  übrigens  im 
»Chaos«  IL  Jahrg.  No.   15.^  Leonard  L.  Mackall. 


^  Vero;!.  Briefw.  181,  und  Carlyles  ersten  Faustaufsatz  p.  324  f. 
(nicht  in  C's.  Works.  Neudruck  v.  R.  Schröder,  Braunschweig  1896 
aus  Herrigs  Archiv  96,  Heft  3/4).  Mit  Weglassung  von  acht  Zeilen  und 
Aenderungen  erschien  diese  Uebersetzung  im  Athenaeum  1857  p.  5. 
(Neudruck  v.  Oswald  im  Mag.  f.  d.  Litt.  1882  S.  368  Juli). 

*  »Briefpost«  datirt  »Weimar,  ce  12  Avril  1830.« 

3  Mit  Aenderungen  in  Fräsers  Mag.  Aug.  183 1  und  noch  ver- 
bessert in  Miscellanies  I,  389 f.  (Libr.  ed.) 

*  »Briefpost«  datirt  »Berlin  April  1830.« 

5  Vergl.  Briefw.  106,  250  und  224  (von  C,  30.  Aug.  1830)  »we 
smiled  to  see  ourselves  in  print  there  [im  Chaos]«  —  nicht  ermittelt 
von  den  Herausgebern.  Ueber  das  »Chaos«,  wo  alle  Beiträge  anonym 
waren,  vergl.  Eckermann  14.  Febr.  1830,  und  ausführlich  Lily  v.  Kretsch- 
man  in  Westermanns  111.  Monatsh.  Nov.  1891. 

6  W.  3,  442  ist  zu  berichtigen,  denn  G's  Bildniß  v.  Vogel  mit 
diesen  Zeilen  v.-ar  nicht  jener  Schritt  [»G's  goldner  Jubeltag«]  vorgesetzt. 
Vergl.  Hirzel  S.  98. 

7  Etwas  verändert  in  C's  Miscell.  II,  313  [auch  bei  Corr.  p.  118 
—  nicht  in  der  deutschen  Ausgabe.]  Vergl.  Briefw.  224  und  238  und 
Tageb.  1829  12—13,  ^7— '^9  ^^^-  nebst  Anm. 

8  Nach  V.  Loepers  treffenden  Bemerkungen  (bei  Hempel  a.  a.  O.) 
ist  wohl  anzunehmen,  daß  erst  sein  Nachfolger  als  Hrsg.  der  Gedichte 
in  der  Weimarer  Ausgabe,  Redlich  die  neuen  Carlyle'schen  Verse  auf- 
genommen hat.  Da  aber  Beide  während  der  Arbeit  gestorben  sind,  ist 
es  also  nicht  so  sehr  auffallend,  daß  der  richtige  Zusammenhang  erst 
Anfang  1903  und  zwar  von  einem  Ausländer  entdeckt  worden  ist. 


MiSCELLF.N.  237 

l^.    Zu  Wilhelm  Meister. 

Philiiie.  In  dem  spätgriechischen  Wundergesc.hichten- 
buche  »Mirabilia«  des  Phlegon  von  Tralles  findet  sich  u.  A. 
die  Erzähhing,  die,  freilich  vielfach  umgewandelt,  der  »Braut 
von  Korinth«  zu  Grunde  liegt.  Die  liebesseelige  Heldin  heißt 
dort  Philinnion;  sollte  dieser  Quelle  der  Namen  Philine  ent- 
flossen sein  ■?  (Den  Namen  »Philinne«  trägt  übrigens  auch  die 
Tochter  im  3.  Hetären-Gespräche  des  Lukian.) 

Schöne  Seele.  Dieser  Ausdruck,  der  Diotimas  Erzählung 
im  »Gastmahl«  des  Piaton  (cap.  27)  entstammen  dürfte,  wird, 
wie  so  Vieles  dem  Piaton  Entlehnte,  als  »vpuxil  KaXf]«  von 
Plotinos  im  i.  Buche  der  »Enneaden«  (VI,  cap.  9)  gebraucht, 
im  nämlichen  Absätze,  der  auch  die  Stelle  enthält:  »Nie  hätte 
das  Auge  jemals  die  Sonne  gesehen,  wenn  es  nicht  selber 
sonnenhaft  wäre.« '  Anklänge  an  Goethesche  Gedanken  bieten 
auch  noch  andere  Capitel  dieses  Buches ;  cap.  8 :  »Wer  heran- 
liefe, um  die  leibliche  Schönheit  ...  als  etwas  Wahrhaftes  zu 
umfangen,  etwa  wie  eine  schöne  Gestalt  die  sich  auf  dem 
Wasser  schaukelt,  der,  —  so  heißt  es  in  einem  bekannten 
sinnreichem  Mythus  von  Jemandem,  der  eine  solche  um- 
fassen wollte  — ,  der  versank  in  der  Tiefe  der  Fluth  und  ward 
nicht  mehr  gesehen«  (dipavfiq  e^evero;  übers.  Müller,  Berlin 
1878;  I,  51).  Ferner  IV,  cap.  8:  »Der  Weise  wird  von  seinem 
Schmerze  nicht  überwältigt,  .  .  .  sondern  in  seinem  Innern 
wird  das  Licht  sein  wie  das  Licht  in  dem  Leuchtthurme, 
wenn  es  auch  außen  heftig  stürmt;«  vgl.  »Faust«  V.  11500, 
»Allein  im  Innern  leuchtet  helles  Licht«.      E.  v.  Lippmann. 


16.  Zur  Farbenlehre. 
Eine  mit  Goethes  Ansichten  merkwürdig  übereinstimmende 
Stelle  findet  sich  in  Giordano  Brunos  Dialog  »De  gl'  heroici 
furori«  (ed.  Lagarde,  S.  671,  Zeile  40):  »Die  Stufen  der 
Contemplation  gleichen  jenen  des  Lichtes:  dieses  fehlt  der 
Finsterniß  völlig,  im  Schatten  ist  es  spärlich  vorhanden,  reich- 
licher in  den  Farben,  und  zwar  entsprechend  der  Folge,  der 
gemäß  sie  sich  zwischen  die  Gegensätze  des  Schwarzen  und 
Weißen  einreihen ;  lebhafter  tritt  es  im  Abglanze  polirter 
oder  reflektirender  Körper  hervor,  wie  in  dem  der  Spiegel 
oder  des  Mondes,  leuchtender  in  den  Strahlen  der  Sonne, 
voll  erhabener  Herrlichkeit  aber  in  der  Sonne  selbst.« 

E.  v.  Lippmann. 

'  Siehe  meine  Notiz  im  Goethe-Jahrbuch  XV,  267. 


238  MiSCELLEX. 

i'j.    Zu  dem  Brief  an  Riese  21.  Okt.  lyöj. 
»Ich  lebe  hier,  wie  —  wie  —  ich  weiß  selbst  nicht  recht 
wie.     Doch  so  ungefähr 

So  wie  ein  Vogel,  der  auf  einem  Ast 

Im  schönsten  Wald  sich  Freiheit  athmend  wiegt, 

Der  ungestört  die  sanfte  Luft  genießt 

Mit  seinen  Fittichen  von  Baum  zu  Baum 

Von  Busch  zu  Busch  sich  singend  hinzuschwingen. « 

Man  braucht  in  diesem  Zitat  aus  dem  Brief  an  Riese  vom 
21.  Oktober  1765  nur  im  dritten  Verse  hinter  »genießt«  ein 
Komma  zu  setzen,  um  sofort  zu  erkennen,  daß  die  Lesart 
»sanfte  Luft«,  die  sich  vom  »Jungen  Goethe«  (Bd.  i  S.  8) 
durch  die  Weimarer  Ausgabe  bis  zu  Bielschowsky  (I,  S.  45) 
hinzieht,  falsch  ist.  Es  muß  »Lust«  heißen,  mag  es  sich  nun 
um  einen  ursprünglichen  Schreib-  oder  einen  späteren  Lese- 
fehler handeln;  denn  der  nachfolgende  Infinitiv  »sich  hinzu- 
schwingen« ist  doch  offensichtlich  als  Ergänzung  dieses  voraus- 
gehenden Substantivs  gedacht.  Die  Interpunktion,  wie  sie 
sich  in  der  Urschrift  (s.  D.  j.  G.  u.  W.  A.)  findet,  ist  natürlich 
ganz  unverbindlich.  Adolf  Metz. 

iS.  Zu  einem  Briefe  Goethes  an  Karl  August. 
(W.  A.  Briefe.  Band  5  S.  155  f.) 
Der  an  den  Herzog  Karl  August  gerichtete  Brief  No.  1260 
trägt  in  der  Weimarer  Ausgabe,  wie  schon  im  »Briefwechsel« 
(Neue  Ausgabe,  Wien  1873)  i,  i8f.,  das  Datum:  Weimar 
d.  26.  Juni  81,  unter  dem  er  auch  bei  Strehlke  2,  121  ver- 
zeichnet ist.  Folgende  Gründe  beweisen,  daß  das  Schreiben 
nicht  in  das  Jahr  1781,  sondern  zu  1782  gehört. 

1.  Im  Eingang  des  Briefes  vertheidigt  Goethe  sich  gegen 
den  Vorwurf  des  Herzogs:  daß  er  nicht  schreibe,  indem  er 
indirect  auf  seinen  Brief  vom  16.  Juni  1782  hinweist,  den  der 
Fürst  inzwischen  in  Sonneberg  werde  empfangen  haben,  wie 
Goethe  gehofft  hatte  (»Dieser  [Brief]  soll  Sie,  wenn  das 
Glück  gut  ist,  in  Sonneberg  empfangen«,  »Dieses  Blatt  trifft 
Sie  also  in  Sonneberg  sehr   richtig«,    5,  346,   13  f.  348,   15  f.). 

2.  Am  25.  Juni  1781  verabschiedet  Goethe  sich  brieflich 
von  Frau  v.  Stein  (5,  154,  18  f.)  und  war  am  26.  wohl  schon 
auf  der  Reise  nach  Ilmenau ;  in  dem  fraglichen  Briefe  vom 
26.  Juni  dagegen  heißt  es:  »Mit  der  größten  Philister-Be- 
haglichkeit sitze  ich  in  meinem  Neste«,  womit  die  neue  Stadt- 
Wohnung  gemeint  ist,  die  Goethe  am  2.  Juni  1782,  nicht 
schon  1781,  bezogen  hatte;  auch  würde  er  schwerlich  die 
angeführte  Wendung  gebraucht  haben,  wenn  er  im  Begriff 
gestanden  hätte,  zu  verreisen. 


MiSCELLEN.  239 

3.  Der  Kammerpräsident  v.  Kalb  trat  1782,  nicht  1781, 
aus  dem  Dienst  und  zwar  am  26.  Juni  (vgl.  das  Fourirbuch, 
Goethe-Jahrbuch  6,  161);  dazu  stimmt  genau,  daß  Goethe 
in  dem  fraglichen  Briefe  dem  Fürsten  meldet :  »Kalb  hat  Ab- 
schied genommen  und  ist  heute  weg«. 

4.  Goethe  schreibt:  »Wenn  es  möglich  ist,  und  Sie  noch 
länger  außen  bleiben,  so  bitt'  ich  um  einige  Nachrichten, 
Ihrer  Zurückkunft,  und  des  Meinungischen  Besuchs.  Eins  wegen 
des  Abfeuerns,  das  andre  wegen  dramatischer  Einrichtungen 
für  Tiefurt.«  Das  »Abfeuern«  der  Infanterie  fand  nach  dem 
Fourirbuch  (Goethe-Jahrbuch  6,  161)  am  4.  Juli  1782  statt; 
die  »dramatischen  Einrichtungen  für  Tiefurt«  beziehen  sich 
auf  Goethes  Singspiel  »Die  Fischerin«,  das  am  22.  Juli  1782, 
nicht  1781,  aufgeführt  wurde.  (Daß  Düntzer  die  letztere  Be- 
ziehung ganz  richtig  erkannt  hat,  beweist  sein  Citat  der 
Briefstelle   in  »Goethe    und  Karl    August«,    2.  Aufl.,  S.   174.) 

Diese  aus  dem  Inhalt  des  Briefes  genommenen  Beweis- 
gründe genügen;  sie  ließen  sich  leicht  noch  vermehren.  In 
der  Originalhandschrift,  die  Herr  Archivdirector  Burkhardt 
mir  vorzulegen  die  Güte  hatte,  hat  die  2  der  Jahreszahl  bei 
flüchtiger  Betrachtung  allerdings  Aehnlichkeit  mit  einer  i, 
wenigstens  ist  sie  nicht  so  deutlich  geformt  wie  die  2  der 
Tageszahl.  Dies  wird  die  Ursache  sein,  die  den  Kanzler 
Müller  verfuhrt  hat,  den  Brief  irrthümlich  in  den  Jahrgang  1781 
einzuordnen.  Die  falsche  Einordnung  des  Originals  erklärt 
den  Irrthum  der  Herausgeber.  H.  G.  Graf. 


ig.  Zu  Goethes  Tagebüchern  Bd.  8. 
In  die  Anmerkungen  zu  Goethes  Tagebüchern  in  der 
Weimarer  Ausgabe,  8.  Band,  S.  354,  hat  sich  ein  —  aller- 
dings verzeihlicher  —  geringfügiger  Irrthum  eingeschlichen, 
der  hiermit  berichtigt  werden  soll.  Ueber  den  Aufenthalt 
des  Dichters  in  Eger  im  Jahre  182 1  findet  sich  zum  6.  Sep- 
tember (Tageb.  8.,  S.  107,  25ff.)  die  Eintragung:  »Kam  Abends 
Grüner,  Wiederholung  mit  ihm  des  montägigen  Spaziergangs. 
Am  Ende  desselben  wir  Herrn  Rath  Schuster,  den  Garten- 
besitzer, fanden.«  Dazu  nun  auf  S.  354  die  erklärende  An- 
merkung: »Herr  Michael  Schuster,  k.  k.  Rath,  öff"entl.  Professor 
des  bürgerlichen  Rechtes  und  Universitäts-Rector  zu  Prag, 
wohnt  im  Gasthofe.  (Curliste.)  Vgl.  iio,  9.«  Diese  auf 
Grund  der  Marienbader  Kurliste  gegebene  Erklärung  ist  aber 
nicht  stichhaltig.  Der  Besitzer  des  in  der  Nähe  der  Stadt 
£ger  gelegenen  Gartens,  zu  dem  Goethe  mit  dem  Rathe 
Grüner  am  Abende  des  6.  Septembers  182 1  bei  dem  Spazier- 
gange durch  das  Egerthal  kam,  war  der  (1777  geborene  und 
1836  verstorbene)  Egerer  Magistrat srath  Abraham  Schuster, 


240  MiSCELLEX. 

ein  Amtsgenosse  und  ziemlich  gleichalteriger Freund  des  Rathes 
Grüner  (geboren  1780.)  Noch  heute  heißt  dieser  terrassirte 
Garten,  von  dem  aus  Goethe  schon  einige  Tage  zuvor,  am  3.  Sep- 
tember, die  schöne  Aussicht  genossen  hatte  (Tageb.  8.,  S.  106.  9), 
der  Rath  Schuster-Garten.  Mit  demselben  Rathe  Schuster 
machte  Goethe  in  Gesellschaft  Grüners  auch  am  10.  September 
1821  (Tageb.  8.,  S.  iio,  9)  den  »wiederholten  Umgang  auf 
dem  Jahrmarkte.«  J.  Trötscjier. 

20.    Eine  eigenhändige  Notiz  Goethes. 
Goethes  Bibliothek  im  Goethe-National-Museum  verwahrt 
verschiedene   Francofurtensia,    von    denen    einzelne,    die    mir 
durch  die  Güte  C.  Rulands  zugänglich  wurden,  beim  Erscheinen 
des  27.  Briefbandes  meine  Aufmerksamkeit  erregten.    Zu  ihnen 
gehören    einige  Willemeriana.     Sie    sind    neuerdings    in    ein 
Bändchen    zusammengebunden:    6  Schriften    von   1793,   1812, 
1816,  1823,  verschiedenen  Inhalts,  Personalien,  Theatersachen, 
juristische  und  Verfassungsangelegenheiten  betreffend.    In  der 
ersten  Schrift  befindet  sich  eine  Einzeichnung  Goethes.     Der 
Titel    der    Schrift    lautet:    Seegnende  Worte    gesprochen   den 
6ten  August  am  Willemerischen  und  Chironischen  Trauungs- 
tage, von  Dr.  Wilhelm  Friedrich  Hufnagel,  Frankfurt  am  Main, 
1793.     Die  Schrift   ist   13    paginirte  Seiten    groß,    die    letzten 
3  Seiten  des  Bogens  sind  leer.     Auf  S.  15  steht  von  Goethes 
Hand,    mit  Bleistift  in  großen  Zügen  Folgendes:    Pemberton, 
Gravesande    |    Dunch.    |    zelanti    propagatori    |    del    systema 
Newtoniano  (der  letzte  Buchstabe    ist  nur  angedeutet).     Alle 
drei,  der  erste  und  dritte  Engländer,  der  zweite  Niederländer, 
werden   in    den  Materialien    zur  Geschichte    der  Farbenlehre 
angeführt    (Weim.  Ausg.,  Naturwiss.  Schriften  IV,  S.    108  fg.), 
von  dem  Engländer  wird   der  Name   und    der  Titel   je    einer 
Schrift   genannt,    über   den   Niederländer    etwas   ausführlicher 
gehandelt.    Rührt  die  italienische  Fassung  unserer  Notiz  davon 
her,    daß  Goethe  die  Namen    einer    italienischen  Quelle  ent- 
nahm? Aus  welcher  Zeit  stammt  die  Aufzeichnung  ?  Vor  1793 
kann   sie  natürlich    nicht  sein.     Aber   auch  nicht  nach   1799, 
denn    der  Abschnitt    über   Wilhelm   Jacob    "sGravesande    ist, 
wie  aus  einer  Niederschrift  im  Goethe-Schiller-Archiv  hervor- 
geht (vgl.  a.  a.  O.  S.  415)  am  21.  Sept.  1799  niedergeschrieben. 
Am  wahrscheinlichsten    ist  wohl  die  Annahme,    Goethe  habe 
die  Notiz  bald  nach  Empfang  jenes  Schriftchens  auf  den  ein- 
ladenden   leeren    Raum    des    vor    ihm    liegenden  Heftes    ge- 
schrieben ;    erscheint    die    oben    ausgesprochene   Vermuthung 
über  die  italienische  Fassung  nicht  wahrscheinlich  genug,   so 
könnte  man  annehmen,    daß  es  etwa  1797  niedergeschrieben 
wurde,  zur  Zeit  da  Goethe  sich  zu  seiner  italienischen  Reise 
vorbereitete.  Ludwig  Geiger. 


MiSCELLEN.  2^  I 

2j.  Ein  Goeihc-Autograph  in  Eger. 
Eine  Erinnerung  an  Goethes  Aufenthalt  in  Eger  im 
Jahre  1821  (25.  August  bis  13.  Sept.)  bietet  ein  Blatt  mit 
einigen  Zeilen  von  des  Dichters  eigener  Hand,  das  sich  im 
Besitze  des  J.  U.  Dr.  Josef  Schaffer  in  Eger  befindet.  Dessen 
Vater,  der  Egerer  Rechtsanwalt  Dr.  Lorenz  Schaffer  (geb. 
1772  in  Plan,  gest.  1S54  in  Eger),  ein  Schwager  des  Egerer 
Magistratsrathes  Abraham  Schuster  (vgl.  oben  Miscelle  19), 
hatte  sich  als  Mann  von  umfassender  Bildung  eine  ansehnliche 
Buchersammlung  angelegt.  Aus  dieser  entlehnte  Anfang  Sep- 
tember 1S21  der  mit  Dr.  Lorenz  Schafifer  befreundete  Rath 
Grüner  den  Goetheschen  Roman  »Wilhelm  Meisters  Lehr- 
jahre«, und  zwar  für  den  Dichter  selbst,  der  (zufolge  der 
Familienüberlieferung)  den  Rath  Grüner  ersucht  haben  soll, 
ihm  das  Buch  zu  verschaffen.  In  den  Tagebüchern  findet 
sich  allerdings  keinerlei  Hinweis  darauf,  daß  Goethe  sich  in 
jenen  Tagen  mit  seinem  Roman  irgendwie  beschäftigt  hätte. 
Gleichwohl  kann  es  keinem  Zweifel  unterliegen,  daß  er,  sei 
es  um  etwas  nachzuschlagen  oder  darin  nachzulesen,  das  von 
Dr.  Schaffer  entlehnte  Werk  —  es  war  die  bei  Johann  Friedrich 
L"^nger  in  Berlin  1795  ff.  ^^  4  Bänden  erschienene  Erstausgabe 
des  Romans  —  wirklich  benützt  hat.  Denn  als  kurz  vor  des 
Dichters  Abreise  von  Eger  Dr.  Schaffer  die  Bücher  zurück- 
erhielt, war  im  L  Bande  nach  Seite  354  ein  Blatt  eingelegt  mit 
folgenden  Zeilen  in  den  wohlbekannten  Zügen  von  Goethes 
eigener  Hand  : 

»Das   hier   fehlende  |  Blat   soll   bald   mög  1  liehst,    ab- 
schriftlich, I  zum  Einschalten,  ge  |  sendet  werden.  | 
Eger,  I  d.   11.  Sept.  |  182 1  G« 

Was  der  Besitzer  nicht  wahrgenommen  hatte,  war  von 
Goethe  bemerkt  worden,  daß  nämlich  im  L  Bande  mitten  im 
14.  Kapitel  des  zweiten  Buches  das  Blatt  S.  355/356  heraus- 
gerissen war.  Thatsächlich  wurde  auch  aus  Weimar  eine  auf 
Goethes  Veranlassung  auf  zwei  Blättern  genau  im  Formate  des 
Buches,  in  sauberer,  gefälliger,  deutlicher  Kurrentschrift  an- 
gefertigte Abschrift  der  zwei  Druckseiten  an  Dr.  L.  Schaffer  ein- 
gesendet. Dieser  ließ  die  Abschrift  nebst  dem  Blatte  mit  des 
Dichters  Handschrift  an  der  betreffenden  Stelle  in  den  L  Band 
einschalten,  und  so  wird  dieser  Band  noch  heute  von  dem 
Sohne  des  Dr.  Lorenz  Schaffer  als  Erinnerung  an  Goethe 
wie  ein  Familienschatz  verwahrt.  Die  wenigen  Zeilen  von 
Goethes  Hand  sind  allerdings  weder  für  sein  Leben,  noch  für 
seine  Dichtung  von  Belang,  können  aber  immerhin  als  ein 
Zeugniß  für  das  freundliche  und  gefällige  Wesen  des  Dichters 
gelten,  der  vielleicht  erfreut  sein  mochte,  sein  Werk  in  Eger 
vorzufinden.  J.  Trötscher. 

■    Goeths-Jahbeich  XXV.  10 


242  MiSCELLEN. 

22.    Goethes  Etnzeichnujigen  in  die  Straßbufger  Matrikel. 
Die  alten  Matrikeln  der  Universität  Straßburg  1621  — 1793, 
bearbeitet  von  Gustav   C.  Knod  (Straßburg   1897),   enthalten 
folgende  Einzeichnungen  Goethes : ' 

I.   1,85  (No.  617)  1770  April    18    unter   dem  Rektorate   des 
Prof.  Joh.  Christ,  Treitlinger: 

Joannes  Wolfgang  Goethe,  Moeno-Francofurtensis,  logiere 
bey  Hr.  Schlag,  auf  dem  Fischmarckt. 

Diese  Einzeichnung  steht  in  der  Matricula  Generalis  Maior. 
Sie  ist  facsimilirt  in  Schreckers  Festschrift  1872  »Zur 
Geschichte  der  Universität  Straßburg.«  Goethes  Wohnung, 
sagt  Erich  Schmidt  in  den  Charakteristiken  I  287,  gehörte 
jedenfalls  zu  den  feineren,  denn  in  aedibus  Schlagii  treffen 
wir  später  den  Prinzenerzieher  Petersen. 

2.11,632.   No.    2255,    1770    September    22    in    der  Matricula 
Candidatorum  Juris: 

Joannes  Wolfgang  Goethe,  Moenofrancofurtensis. 

Dazu  noch  folgende  Daten: 

2255.  1770.  22  Sept.:  Dns  Joh.  Wolfgangus  Goete,  Moeno- 
Francofurtanus  a  Dissert.  praeliminari 
dispensatus  Matriculae  Candidatorum 
nomen  inseruit. 

25  Sept.:  Dno  Goethe  priore  Examine  insigni 
cum  laude  superato,  pro  Examine 
rigoroso  ad  resolvendum  dati  sunt 
textus:  L.  Solita.  ult.  Cod.  de  remiss. 
pignor.  —  C.  Series  26.  X  de  Testib. 
et  attestat. 

27  Sept.:  Dn.  Goethe  in  posteriore  Examine 
Analyses  allatas  mascule  defendit  et 
veniam  meruit  Diss.  Inaug.  sine  Prae- 
side  ventilandi. 
1771.  6  Aug. :  Diss.  Inauguralem  »positiones  Juris« 
exhibentem  cum  applausu  defendit 
Dns.  Joh.  Wolfifgang  Goethe,  Moeno- 
francofurtanus,  cui  mox  datur  Testi- 
monium Licentiae.      H.  Holstein. 


'  Goethes  Vater  ist  in  der  Matricula  Studiosorum  Juris  verzeichnet : 
II,  384  (N.    5559)    1741    Januar   25   unter   dem   Rektorate    des 
Prof.   Joh.   Dan.  Oesterried  Joh,  Casparus  Goethe,  Franco- 
furtensis  ad  Moenum. 


MiSCELLEN.  243 

2j.  Zu  Goethes  Zoologie. 
In  den  Original-))Briefen  an  C,  A.  Böttiger«,  die  die  k. 
ö.  Bibliothek  zu  Dresden  verwahrt,  I)efindet  sich  (Bd.  93, 
No.  2)  eine  Abschrift  des  Schreibens  Alexanders  v.  Humboldt 
an  Loder  in  Jena,  d.  d.  Salzburg,  d.  i.  April  1798,  in  dem  es 
u.  a.  also  heißt:  »Dem  Geh.-Rath  v.  Göthe  bitte  ich  mein  dank- 
bares Andenken  zu  erneuern.  Ganz  hat  er  mich  doch  wohl 
nicht  vergessen.  Sagen  Sie  ihm  auch,  daß  seine  [zoonomischen, 
Zusatz  von  B.'s  Hand]  Ideen  mich  lebhaft  beschäftigen,  und 
daß  ich  überall  darauf  Rücksicht  nehme.  Vielleicht  weiß  er 
noch  nicht,  daß  die  Goldfische  (Cyprinus  auratus  L.)  oft  ohne 
Rückenflosse  geboren  werden,  dann  aber  eine  doppelte,  auch 
wohl  dreyfach  getheilte,  ungeheuer  große  Schwanzflosse  be- 
kommen.« Theodor  Distel. 


24.  Goethe  im  Theater,  Herbst  lypp- 
Heinrich  Philipp  Ferdinand  v.  Sybel,  der  Vater  des  be- 
kannten Historikers,  schreibt  in  seinem  »Gedenkbuch«'  vom 
J.  1846  über  einen  Besuch  Weimars:  »Im  Herbst  1799  machte 
ich  mit  einigen  Freunden  die  erste  Fußreise  durch  Thüringen, 
die  mir  großen  Genuß  bereitete  und  meinen  Gesichtskreis 
merklich  erweiterte.  In  Weimar  sah  ich  denn  Abends  auch 
den  Dichterfürsten  Goethe;  er  saß  in  der  Mitte  des  Parterres, 
nicht  w^eit  hinter  dem  Orchester  auf  einem  etwas  erhöhten 
Sitz,  in  gepuderten  Haaren  und  in  imponirender  Gestalt, 
gleich  einem  Imperator,  der  immer  zuerst  das  Zeichen  zum 
Klatschen  gab;  es  wurden  von  ihm  »Die  Geschwister«  ge- 
geben. Auch  Schiller  war  anwesend,  er  saß  aber  in  einer 
Prosceniumsloge,  wo  wir  ihn  nicht  genau  sehen  konnten.« 

E.    HOLTHAUSEN. 


2j.  Iken-Bremen  bei  Goethe  (1828). 
An  Böttiger  schreibt  Iken  (9.  Mai  1828,  Correspondenz 
in  der  Böttiger  Sammlung  zu  Dresden) :  »Schon  eine  Stunde 
nach  meiner  ersten  Anmeldung  bei  Goethe  erfolgte  eine  Ein- 
ladung an  .  .  .  Peucer  und  mich,  gleich  auf  den  folgenden 
[Sonn-]  Tag  zur  Mittagstafel  in  seinem  Familienkreise,  wo 
ich  ihn  denn  recht  gesund,  heiter  und  gesprächig  fand.  Am 
folgenden  Abende  besuchte  ich  ihn  mit  .  .  .  von  Müller  in 
seinem  Gartenhause,    wo   er   sehr   munter  scherzte,    und  zum 


'  Auszugsweise  gedruckt  in  den  »Nachrichten  über  die  Soester 
Familie  Sybel  1425  — 1890  von  Friedrich  Ludwig  Karl  von  Svbel,  Re- 
gierungsrath,  Kgl.  Freuß.  Rittmeister  a.  D.  München,  Druck  und  Verlag 
von  R.  Oldenbourg.  1890.     Die  ausgehobene  Stelle  steht  hier  auf  S.  64  t. 

i6* 


244  MlSCEI.LEX. 

dritten  Mal  sprach  ich  ihn  beim  Abschiedsbesuch.«  Die 
»Gespräche«  erwähnen  Iken  nicht.  Seine  Uebersetzung  der 
Provisorischen  Staatsverfassung  von  Griechenland  (»Bremer 
Zeitung«,  31.  October  1822)  hatte  der  Schreiber  an  Goethe 
mit  dem  Ersuchen  gesandt,  »der  griechischen  Sache  das  Wort 
zu  reden.«  Ikens  Manuskript :  »XA'ettstreit  der  Länder  und 
Flüsse,  Vorspiel  in  einem  Akte  zu  Goethes  Todtenfeier«  fand 
ich  nur  gelegentlich  erwähnt.  Theodor  Distel. 


26.  Die  Goethe-Feier  bei  Loder  in  Moskau  am  28.  August  i82l}. 
In  Bd.  119  der  »Briefe  an  C.  A.  Böttiger«  auf  der  k.  o. 
Bibliothek  zu  Dresden  gibt  Loder,  unter'm  14.  September 
(a.  Stils)  1829,  folgende  Beschreibung  von  Goethes  kürzlicher 
Geburtstagsfeier  in  seinem  Hause  (16.  August,  a.  Stils):  »Ich 
hatte  eine  Gesellschaft  von  seinen  Verehrern,  lauter  Deutschen, 
zu  mir  eingeladen.  Ich  eröffnete  das  Fest  mit  einer  Rede 
ex  tempore,  worin  ich,  aus  meiner  25jährigen  näheren  per- 
sönlichen Bekanntschaft  mit  ihm,  seinen  persönlichen  Charakter 
schilderte.  Dann  setzten  wir  uns  zur  Tafel,  an  welcher  sein 
mit  Lorbeerblättern  und  Eichenlaub  bekränztes  Bild  aufgestellt 
war.  Zuerst  ward  die  lateinische  Ode  von  Klion  —  einem 
Sachsen,  welcher  bei  einem  meiner  Freunde,  dem  Fürsten 
Paul  Gagaria,  Hofmeister  und  ein  trefflicher  latein.  und  griech. 
Philolog  ist  —  abgelesen;  dann  ward  Treuters  [Vrgl.  G.-J. 
XX,  141]  Rundgesang  mit  der  Musik  von  Hartknoch'  abge- 
sungen und  Goethes  Gesundheit  in  köstlichem  Rheinwein 
getrunken ;  zuletzt  ward  Klions  Rundgesang  ebenfalls  mit 
Musik  abgesungen,  und  Goethen  im  Champagnerwein  ein  Lebe- 
hoch gebracht.  Die  Gesellschaft  war  sehr  fröhlich  und  ging 
spät  auseinander.   — «  Theodor  Distel. 


27.  Ein  österreichischer  Verehrer  Goethes. 
Rudolf  Glaser,  geb.  14.  Juni  1801,  gest.  14.  Aug.  1868 
in  Prag,  kurze  Zeit  an  den  Hochschulen  lehrend,  seit  1837 
an  der  Universitätsbibliothek  in  Prag  angestellt,  gründete  die 
Zeitschrift  -»Ost  und  JVest«,  an  der  /ferloßsohu,  Tschabuschuiggy 
Beda  Weber,  Robert  Zimmermann,  Hanslik,  Josef  Bayer  u.  v.  A. 
mitarbeiteten.     Das  Bestreben,  Deutschthum  und  Slaventhum 


'  H.  »war  zu  Weimar  Prof.  der  Musik  und  Lehrer  der  Groß- 
fürstin, jetzt  aber  ist  er  als  Lehrer  bey  dem  Erziehunq;s-  oder  Findel- 
hause sehr  vortheilhaft  angestellt.  Bey  eben  diesem  Institute  ist  der 
Collegien-Rath  Dr.  Treuter,  aus  Weimar,  dort  Goethe's  Haus-Nachbar 
und  mein  ehemaliger  Zuhörer  als  Oberarzt  angestelh.«   (Loder,  a.  a.  O.) 


MiscKi.i.i-x.  245 

literarisch  zu  verbinden,  erfüllte  die  unter  Glasers  Rinfluli» 
sich  entwickelnde  eigenthUmliche  deutsch-tschechische  Dichter- 
schule, der  Karl  Egon  El>ert,  Alfrai  Meißner,  Moritz  Hart- 
mann u.  A.  angehörten.  Mit  dem  Jahre  1848  verschwand 
dieser  literarisch  nationale  Dualismus:  Glaser  zog  sich  auf 
die  deutsche  Literatur  zurück  und  widmete  sich  ganz  der 
deutschen  Sache.  (Vgl.  Mitth.  des  V.  f.  (iesch.  d.  Deutschen 
in  Böhmen,  VIII.  Jahrgang,  Prag  1870.)  Bei  Enders  in  Prag 
erschienen  1834  »Gedichte  von  Rudolf  Glaser«.  —  In  dieser 
Sammlung  stehen  fünf  Gedichte  auf  Goethe:  Zwei  auf  Goethes 
Tod,  je  eins  auf  Faust  und  auf  Goethe  als  Dichter.  (Das 
Letztere  unter  der  Gesammtüberschrift :  Deutsche  Dichter ; 
unter  denen  als  erster  Klopstock  erscheint.)  Als  Probe  dieser 
Verse  mögen  die  nachfolgenden  stehen,  die  schon  1826  in 
No.  72  von  Bäuerles  Allg.  Theaterzeitung  in  wesentlich 
schwächerer  Form  erschienen  waren.  V.  Russ. 

G  ö  t  he. 

Als  ein  neuer  geist'ger  Frühling 
Sich  auf  Deutschlands  weite  Gauen 
Frisch  belebend  niedersenkte, 
Klang  der  Ruf  durch  alle  Lüfte: 
»Freuet  Euch!  Von  Himmels  Höhen 
Sind  die  holden  Zwillingsschwestern 
Kunst  und  Poesie  gestiegen, 
Alle  Herzen  zu  entzünden, 
Und  in  reinen  Himmelsflammen 
Soll  Begeisterung  entlodern!« 
Da  durchbebte  Hochentzücken 
Die  gewaltige  Natur,  und 
Um  zu  künden  ihre  Wonne 
Selbst  den  spätesten  Geschlechtern, 
Mußtest  Du  die  Welt  begrüßen, 
Hoher  Göthe,  Stern  der  Sterne  ! 

Wie  mit  frischem  Frühlingshauche 
Du  fortan  die  Welt  durchwehtest, 
Wie  die  ew'gen  Zauberkräfte, 
Klar  und  doch  geheimnißvoll,  durch 
Dich  die  Geister  all  erregten. 
Du  zerstörend  nie,  belebend 
Stets,  nach  allen  Seiten  streutest 
Goldner  Worte  reichen  Samen, 
Treu  Natur  und  Wahrheit  liebend 
Herzensirrung,  Weltverwirrung, 
\\ohI  beachtet  und  betrachtet, 


246  MiSCELLEN. 

Wie  Du  auch  die  Stufen  hoher 
Kunst  uns  hast  hinangeführet : 
AVer  von  uns  nicht  wüßte  dieses, 
Könnt'  es  undankbar  vergessen? 

Nun,  so  ehrt  den  hohen  Meister, 
Der  so  KöstHches  gespendet! 
Ferne  Zeit  wird  uns  beneiden 
Um  die  Nähe  dieses  Geistes, 
Dessen  Wirken  weckt  ihr  Staunen, 
Weil  dann  jedes  kleine  Körnchen, 
Das  dem  Boden  er  vertrauet, 
Ist  zum   Baum  emporgeschossen. 
Der  da  prangt  mit  Blüthen,  Früchten. 
Wer  dann  wagt  es,  seinem  Haupte 
All  die  Kränze  zu  entreißen, 
Die  nicht  nur  des  deutschen  Volkes, 
Nein,  auch  andrer  Völker  Wille 
Ihm  zum  ew'gen  Ruhm  geflochten ! 


28.    Goethe  und  G.  Flaubert. 

Es  ist  mir  nicht  erinnerlich,  daß  bereits  auf  den  Einfluß, 
den  Goethe  auf  Flaubert  ausgeübt  hat,  hingewiesen  worden 
wäre.  Und  doch  war  diese  Einwirkung  bedeutend.  Das  be- 
kundet u.  a.  das  begeisterte  Geständniß  Flaubert"s,  wie  sehr 
ihn  Goethes  Faust  bei  der  ersten  Leetüre  gepackt  hat.  Das- 
selbe findet  sich  verzeichnet  in  den  Erinnerungen,  die  Flaubert's 
Nichte  und  langjährige  Schülerin,  Caroline  Commanville,  der 
»Correspondance«  ihres  Oheims  vorausgeschickt  hat  (Paris, 
Bibl.  Charpentier)  und  lautet  tom.  I.  p.  XXXVI: 

•!>Ces  enthousiasmes  litteraires  avaient  de  tout  temps  existe 
c/iez  lui;  un  de  ceux  (ju'il  aiinait  ä  sc  rappeler  fut  celui  qu'il 
iprouva  ä  la  ledure  du  •»  Faust <■<.  II  le  tut  justement  une 
veille  de  Pdques  en  sortant  du  College  [ä  Rouen] ;  au  Heu  de 
rentrer  chez  soii  pere,  il  se  trouva,  il  ue  savait  comment,  dans 
un  endroit  appele  le  y>Cours  la  Reine«.  C'est  une  belle  pro- 
nienade  de  hauts  arbres  sur  la  rive  g  au  che  de  la  Seine,  un 
pcu  eloignee  de  la  ville.  II  s'assit  sur  la  berge;  les  cloches 
des  ^glises  sur  la  rive  opposee  resonnaient  dans  l'air  et  se 
nielaient  ä  la  belle  poesie  de  Goethe.  -»Christ  est  ressuscite, 
paix  et  joie  entiere.  Annoncez-vous  dejä,  cloches  profondes, 
la  Premiere  heure  du  jour  de  Pdques  .  .  .  cantiques  Celestes, 
puissants  et  doux,  pourquoi  me  cherchez-vous  dans  la  poussiere  .^« 
Sa  tete  tournait,  et  il  rentra  comme  eperdu,  ne  sentant  plus 
la  terre«. 


Miscf.i.li;n.  247 

So  hingerissen  von  Goethes  Dichtung  äußerte  sich  Flaubert 
kurz  vor  seinem  Tode  (i.  J.  1880)  noch  seiner  Nichte  gegen- 
über und  seine  Correspondenz  lehrt  uns,  daß  er  durch  sein 
ganzes  Leben  hindurch,  wie  viele  bedeutende  Franzosen  — 
ich  erwähne  hier  nur  Anatole  France,  der  seine  dichterische 
Laufbahn  mit  dem  Buchdrama  »Les  Noces  Corinthiennes«, 
einer  Nachdichtung  von  Goethes  »Braut  von  Corinth«  begann, 
—  Goethe  als  Dichter  im  höchsten  Maße  verehrt  hat.  Das 
erkennen  wir  ganz  besonders  daran,  daß  eine  ganz  einzig 
dastehende,  gewaltige,  dichterische  Schöpfung  Flaubert's  un- 
mittelbar aus  Goethes  Faust  hervorgegangen  ist.  Es  ist  dies  die 
leider  sehr  wenig  bekannte  großartige  Dichtung  r>La  tentatioii 
de  Saint  A/itoiiie«,  von  der  Flauberts  Biograph  Emile  Faguet 
[Paris,  Hachette  1899]  p.  55  schreibt:  y>La  Teiiiation«  fut  evi- 
demment  inspir^e  ä  Flaubert  un  peu  par  un  tableau  de  Breughel 
vu  ä  Gen  he  en  184^,  puisquil  le  dit,  beaucoup  plus  par  le 
^Second  Faust<(-  qiti  fit  sitr  hti  une  Impression  profonde  et 
particuiierement  par  Vepisode  intitiili  y>j\'int  de  IValpnrgis 
e/assit/ue«.  Wenn  man  diesen  L^rsprung  der  Flaubertschen 
poetischen  Vision  kennen  gelernt  hat  und  nun  die  französische 
Dichtung  mit  der  deutschen  vergleicht,  so  ergibt  sich  auch 
ein  besseres  Verständniß  und  eine  gerechtere  Würdigung  der 
Flaubertschen  Arbeit.  Denn  selbst  ein  so  vortrefflicher  Kenner 
der  französischen  Literatur,  wie  Eduard  Engel,  urtheilt  noch 
geringschätzig  über  diese  dichterische  Schöpfung  Flauberts 
in  folgenden  Worten  (Geschichte  der  französischen  Literatur  .  . 
4.  Aufl.  Leipzig  1897,  S.  475  f.): 

»Noch  fantastischer  [als  Salammbö]  ist  »La  tentation  de 
Saint  Antoine«,  ein  Werk  voll  bedeutender  Einzelheiten,  aber 
ohne  straffen  Bau.  Von  einer  eigentlichen  Erzählung  ist 
hierin  nicht  die  Rede:  es  sind  lose  an  einander  gereihte 
Visionen  in  einer  sehr  malerischen  Sprache.  Es  ist  merk- 
würdig genug,  daß  der  Verfasser  der  so  überaus  realistischen 
Romane  »Madame  Bovary«  und  »L'education  sentimentale« 
auf  solche  Abwege  gerathen  ist,  durch  die  er  selbst  Balzacs 
kühnste  Fantasiegebilde  überboten  hat.«  In  Flaubert  waren 
der  Realist  und  der  Romantiker  in  einer  Person  vereinigt. 
An  George  Sand  schreibt  Flaubert  im  Jahre  1866,  als  er 
45  Jahre  alt  war,  (3.  ser.  p.  297)  ».  .  .  mais  moi  qui  suis  un 
vieux  romantique  .  .  .«,  und  die  romantische  Richtung  in 
ihm  suchte  die  nämliche  Bethätigung  wie  die  realistische. 
Wie  viel  Flaubert  seinem  auch  durch  seine  Lehren  groß  ge- 
wordenen Schüler  Guy  de  Maupassant  an  »romantischem 
Dichtungsgute«  übermittelt  hat,  wäre  einer  besonderen  L'nter- 
suchung  werth.  W.  Martinsen. 


248  iMiSCELLEN'. 

2p.    Zu  Carlyle  und  Eckermann. 

Zu  den  von  E.  Flügel,  G.-J.  XXIV,  25!^.  abgedruckten 
englischen  Zeitungsberichten  über  Goethes  Tod  darf  wohl 
auch  der  Nekrolog  herangezogen  werden,  der  im  Jahrgang 
1832  des  Annual-Register  erschien,  den  berühmten,  von  Robert 
Dodsley  und  Edmund  Burke  1758  begründeten  Jahresberichten 
über  die  hervorragendsten  Ereignisse  auf  den  Gebieten  der 
Geschichte,  Litteratur,  Kunst,  Wissenschaft  u.  s.  w.  Unser 
Nekrolog  beschränkt  sich  auf  die  Mittheilung  der  wichtigsten 
biographischen  Daten,  erwähnt  die  den  Engländern  be- 
kanntesten Werke  (Götz,  Werther,  Wilhelm  Meister,  Faust), 
spricht  von  Goethes  umfassendem  Geiste,  seiner  Vielseitigkeit 
und  seiner  unbestrittenen  litterarischen  Herrschaft  in  Deutsch- 
land und  gibt  schließlich  einen  ausführlichen  Bericht  über 
die  Feierlichkeiten  bei  der  Bestattung  des  Dichters.  Die  That- 
sache,  daß  der  Nekrolog,  einer  der  ausführlichsten  in  dem 
Bande,  überhaupt  erschien,  zeigt,  daß  sich  die  Herausgeber 
der  Bedeutung  Goethes  und  seines  Ablebens  voll  bewußt  waren. 

Ueber  Abraham  Hayward  möchte  ich  nachtragen,  daß 
dessen  treffliche  Prosaübersetzung  von  Faust  I.  im  Jahre  1892 
von  dem  um  das  Studium  der  deutschen  Litteratur  in  England 
so  hochverdienten  C.  A.  Buchheim  neu  herausgegeben  wurde. 
(Siehe  G.-J.  XIV.)  In  dieser  Ausgabe  sind  die  Vorreden 
Haywards  zu  den  verschiedenen  Auflagen  seiner  Uebersetzung 
wieder  abgedruckt ;  sie  enthalten  alles  von  Mackall,  G.-J. 
XXIV,  21  Mitgetheilte.  Vergessen  oder  übersehen  hat  Mackall, 
daß  unter  den  deutschen  Helfern  bei  Haywards  Uebersetzung 
auch  Jakob  Grimm  und  A.  W.  Schlegel  waren.  Interessant 
ist  z.  B.  J.  Grimms  sonderbare  Erklärung  der  Stelle : 

In  denen  ihr  der  Menschheit  Schnitzel  kräuselt: 

Your  fine  speeches  in  which  you  7-uffle  up  nian's  povrest 
shreds  (!)  (in  which  you  repeat  the  most  miserable  trifles  in 
candied  language)  are  comfortless.  Schlegels  Erklärungen,  in 
seiner  ästhetisirenden  Manier,  sind  meist  noch  werthloser. 
Ergötzlich  ist  es  übrigens,  in  einem  der  Briefe  Schlegels  zu 
lesen,  wie  Goethe  sich  weigerte,  dem  Aesthetiker,  der  ihn  wohl 
ausholen  wollte,  die  Bedeutung  seiner  Werke  zu  erklären. 
(Erich  Schmidt  hat  die  Briefe  Grimms  und  Schlegels  an  Hay- 
ward wieder  abgedruckt.     Vergl.  G.-J.  XIV,  336.) 

Ueberblickt  man  Haywards  Anmerkungen  zu  einer  Reihe 
von  Fauststellen,  die  Buchheim  in  der  Neuausgabe  konnte 
stehen  lassen,  dann  muß  man  staunen,  wie  weit  der  Engländer 
den  deutschen,  in  abstruses  Philosophiren  versunkenen  Com- 
mentatoren  seiner  Zeit,  ja  vielleicht  sogar  seinem  großen 
Landsmanne  Carlyle    am  Verständnisse  Goethes   voraus    war. 

TULTUS    GOEBEL. 


MlSCKLLl-X.  249 

JO.    Eine  französisclic  Stimme   über  Goethes  Mutter. 

Ueber  (ioethes  Mutter  kommt  H.  Loiseau,  Professor  in 
Toulouse,  in  einer  ausführlichen  und  sehr  gewissenhaften 
Charakterstudie'  zu  folgendem  interessanten  Schlußurtheil : 

))P>au  Aja  gehört  nicht  zu  den  großen  (Gestalten.  Sie 
hat,  wie  sie  selbst  zu  sagen  pflegte,  nichts  Heroisches.  Unter 
ihren  Eigenschaften  ist  keine,  die  in  besonderem  Maße  unsere 
Bewunderung  forderte.  Sie  war  eine  gute  Mutter  und  eine 
ausgezeichnete  Großmutter,  aber  die  Frauen,  denen  diese 
natürlichen  Tugenden  fehlen,  fallen  uns  auf.  Sie  war  ihren 
Freunden  ergeben  und  liebevoll  gegen  Unglückliche  :  das  ist 
schon  seltener,  aber  es  ist  nicht  die  Ausnahme.  Sie  hatte 
eine  stolze  und  tapfere  Seele;  aber  tausend  Andere  in  Frank- 
furt hatten  gleich  ihr  den  Stolz,  den  die  Freiheit  gibt,  und 
den  Geist  der  Hingebung  an  die  allgemeine  Sache,  wie  er 
sich  bei  den  Massen  in  den  Stunden  der  Gefahr  offenbart: 
das  hat  sie  uns  selbst  gesagt.  Sie  hatte  für  ihre  Person  eine 
liebenswürdige  und  läßliche  Lebensauffassung,  die  aber  zu- 
weilen nicht  frei  von  Egoismus  scheinen  könnte.  Ihr  Ver- 
stand war  von  Natur  richtig  und  fein,  aber  es  fehlte  die 
schöne  Form  und  die  Sicherheit  des  Urtheils,  w^elche  die 
Bildung  gibt.  Ihre  Schreibart  ist  munter,  aber  nicht  gepflegt 
(chAtie),  ihre  Ausdrucksweise  lebhaft  und  prickelnd  (savou- 
reuse),  aber  es  fehlt  die  Richtigkeit  (eile  est  incorrecte). 
Kurz  alle  ihre  Tugenden  oder  Eigenschaften  sind,  einzeln 
betrachtet,  mittelmäßig,  kleinbürgerlich.  Aber  die  Persönlich- 
keit, die  aus  dem  Zusammentreff'en  aller  entsteht,  ist  eine 
der  anziehendsten  und  liebenswerthesten,  die  jemals  dagewesen 
sind.« 

Man  wird  dieses  Urtheil  in  seinem  ganzen  Umfang  als 
zutreffend  anerkennen  müssen,  aber  man  wird  es  unvollständig 
finden.  Denn  gerade  die  Frage :  was  macht  denn  das  Zu- 
sammentreffen aller  dieser  mittelmäßigen  Eigenschaften  so 
anziehend,  wo  ist  hier  der  electrische  Funke,  der  mit  einem 
Schlage  die  geistigen  Elemente  zu  diesem  w'underbaren  Cha- 
rakter bindet,  heischt  eine  Antwort,  die  der  Verfasser  nicht 
mehr  gibt.  Soll  ich  versuchen,  sie  an  seiner  Statt  zu  geben, 
so  würde  ich  auf  die  Harmonie,  die  genaue  Uebereinstimmung 
zwischen  Wollen  und  Können,  zwischen  Fähigkeit  und  Streben 
hinweisen.  In  dieser  Harmonie  erblickt  ja  Goethe  das  (ie- 
heimniß  der  (Gesundheit  alles  geistigen  I.ebens.  Die  Frau 
Rath  weiß  aber  auch  ganz  genau,  was  sie  kann,  und  geht 
über  die  erkannte,  ihr  gesetzte  Grenze  niemals  hinaus.  In 
diesem  Wissen,    in    dieser    untrüglichen    Helligkeit   über    sich 

'  Veröffentlicht  in  der  Revue  des  langues  Vivantes,  dann  als  Sonder- 
druck: La  mcre  de  Goethe.     Le  Hävre  1900. 


250  MiSCELLEN'. 

selbst  liegt  das  zweite,  ergänzende ;  ich  möchte  es  die  be- 
wußte Naivetät  oder  Naivetät  mit  Bewußtsein  nennen.  Aus 
diesen  beiden  Bestandtheilen  setzt  sich  nach  meinem  Dafür- 
halten der  eigenthümliche  Reiz  ihrer  Persönlichkeit  zusammen: 
ihre  Geschlossenheit,  Sicherheit,  Frische  und  Heiterkeit,  ihre 
»Gesundsinnigkeit«  (um  ein  Wort  Friedrich  Paulsens  zu  ge- 
brauchen), oder  wie  Loiseau  es  nennt:  ihr  saveur,  der  eigen- 
thümliche Lebensduft.  Der  Umkreis  der  Fähigkeiten  der 
Frau  Rath  ist  —  darin  hat  Loiseau  ganz  recht  —  nicht  be- 
sonders groß;  aber  sie  füllt  ihn  lückenlos  aus,  und  solche 
Menschen  sind  es,  an  denen  die  Anderen  Halt  zu  suchen  pflegen. 

Adolf  Metz. 


jz.    Die  Goethe-Gedenkt afel  am  Walchensee. 

Bei  meinen  Ausflügen  an  den  Kochel-  und  Walchensee 
in  den  bayrischen  Voralpen  verfolgte  ich  die  Spuren  des  alten 
Weges,  welchen  Herzog  Albrecht  von  Bayern  im  Jahre  1492 
»von  seiner  Kostung  machen«  ließ,  wie  die  rothe  steinerne 
Denktafel  am  Kesselbergjoch  sagt.  Seit  in  den  neunziger 
Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  der  neue  bequemere  Ueber- 
gang  über  den  Kesselberg  geschaffen  ist,  trifft  man  nur  hie 
und  da  noch  Jemanden  auf  dem  früheren  Wege.  Lieblos 
bezeichnet  diesen  mein  Reiseführer  als  »aussichtslose  alte 
Straße«.  Und  mir  ist  sie  doch  so  viel!  Ich  liebte  sie  schon, 
ehe  ich  all  ihre  Reize,  die  weltverlassenen  Waldgründe  zur 
Seite,  die  ungestüm  aus  dem  Gestein  brechenden  Quellen, 
die  Kaskaden  des  Jochbaches  und  die  lauschigen  Ruheplätze 
kannte. 

Meine  Vorliebe  für  »die  alte  Straße«  hat  ihre  erste  Ursache 
aber  in  folgendem  Umstände:  Ich  schätzte  und  schätze  noch 
heute  München  besonders  als  Vorhof  Italiens ;  die  alte  Kessel- 
bergstraße aber  war  der  erste  gebahnte  Weg  zwischen  München 
und  Italien.  Hier  ging  auch  dem  siebenunddreißigjährigen 
Goethe  eine  neue  Welt  auf,  als  er  sich  den  Gebirgen  näherte, 
die  sich  nach  und  nach  entwickelten. 

Diese  Worte  der  »Italiänischen  Reise«  klangen  in  mir, 
als  ich  heuer  von  der  Post  zu  Walchensee  nach  der  Ober- 
nacher  Bucht  ging.  An  dieser  Spitze  des  Walchensees  sollte 
sich  eine  Tafel  mit  auf  Goethe  bezüglicher  Inschrift  befinden. 

Nach  40  Minuten  Wanderung  auf  der  alten  Straße  fand 
ich  angesichts  des  Forsthauses  die  Tafel.  Sie  ist  an  einem 
Ahornbaum  angenagelt,  der  hart  an  der  dunklen  Flut  des 
rings  von  Bergen  umschlossenen  Sees  steht.  Ich  gebe  hier 
den  Text  genau  in  der  Schreibung  des  Originals  wieder. 
Er  lautet: 


MlSCEI-LUN.  25  I 


7.  September  18S6 
Hier  sah  Gotha  vor  hundert  Jahren  zum 
Anfang  der  italienischen  Reise,  in  den  ersten 
Alpen  den  ersten  Ahorn:  Deß  zum  dauernden 
Andenken  weihten,  feiernde  Freunde  des  Meisters, 
diesen  Greis  der  Bäume  als 

,,Göthe-Baum" 
7.  September  1786. 


Wie  waren  die  feiernden  Freunde  des  Meisters  darauf 
gekommen,  hier  habe  Goethe  am  7.  September  1786  den 
ersten  Ahorn  in  den  ersten  Alpen  gesehen  ?  Die  »Italiänische 
Reise«  enthält  in  dem  Abschnitte  mit  der  Ueberschrift : 
3)Mitten\vald,  den  7.  September  1786,  Abends«  folgende  Auf- 
zeichnung: 

»Nach  Walchensee  gelangte  ich  um  halb  Fünf.  Etwa 
eine  Stunde  iwn  dem  Orte  begegnete  mir  ein  artiges  Aben- 
teuer. Ein  Harfner  mit  seiner  Tochter,  einem  Mädchen  von 
eilf  Jahren,  ging  vor  mir  her,  und  bat  mich,  das  Kind  ein- 
zunehmen. Er  trug  das  Instrument  weiter;  ich  ließ  sie  zu 
mir  sitzen«  u.  s.  av. 

Ferner: 

»Ich  sprach  viel  mit  ihr  durch,  sie  war  überall  zu  Hause 
und  merkte  gut  auf  die  Gegenstände.  So  fragte  sie  mich 
einmal,  was  das  für  ein  Baum  sey?  Es  war  ein  schöner  großer 
Ahorn,  der  erste,  der  mir  auf  der  ganzen  Reise  zu  Gesicht 
kam.« 

Da  hatte  ich  den  Ahorn.  Ich  machte  mir  die  Lage  klar. 
Goethe  hatte  etwa  eine  Stunde  von  dem  Orte  Walchensee 
das  Kind  eingenommen,  darauf  mit  ihm  sehr  viel  durch- 
gesprochen und  hiernach  oder  hierbei  den  Ahorn  bemerkt. 
^^'ir  erhalten  also:  etwa  eine  Stunde  Fahrt  und  noch  etwas 
darüber.  Ich  aber  hatte  den  von  Freunden  des  Meisters  als 
»Göthe-Baum«  geweihten  Ahorn  zu  Fuß  auf  der  nämlichen 
Straße  in  40  Minuten  erreicht.  Auch  kann  das  mit  der  Tafel 
geschmückte  Ahorn-Exemplar  unmöglich  jemals  groß  und 
schön  gewesen  sein. 

Ferner:  Fange  ehe  man  an  den  »Göthe-Baum«  gelangt, 
erblickt  man  an  der  alten  Straße  sehr  viele  Ahorne,  die  zum 
Theil  weit  älter  sind  als  der  bezeichnete  Baumgreis.  Sollten 
dieselben  den  besonders  auf  die  Dinge  in  der  Natur  gut 
merkenden  Goethe-Augen  entgangen  sein? 

Ich  nahm  mein  Skizzenbuch  vor,   in  welchem  ich  greise 


252  MiSCELLEX. 

Ahornstämme  abgezeichnet  hatte,  die  vor  dem  Orte  Walchen- 
see  hart  an  der  alten  Straße  stehen,  und  gelangte  zu  dem 
Schlüsse,  daß  Goethen  sein  artiges  Abenteuer  mit  dem  Harfner 
und  dem  Kinde  schon  zwischen  Kochel  und  Walchensee  be- 
gegnet sei.  Die  Angabe  »etwa  eine  Stunde  von  dem  Orte« 
Walchensee  zwingt  durchaus  nicht  zu  der  Annahme  der 
»Freunde  des  Meisters«,  daß  nach  Walchensee  (auf  Wallgau 
zu)  der  Standort  des  von  Goethe  erwähnten  Ahorns  zu 
suchen  sei. 

Hätte  ich  eine  Goethe-Denktafel  anzubringen,  so  würde 
ich  sie  vor  Walchensee,  unweit  Urfeld  bei  einem  (südlich)  an 
der  Straße  über  dem  Ufer  sich  ausbreitenden  moosbewachsenen 
Ahorn-Riesen  aufstellen.  Dessen  ungemein  starker  Stamm 
ist  an  seinem  oberen  Theile  bereits  abgestorben,  sah  zweifel- 
los die  Tage  Goethes  und  konnte  niemals  unbeachtet  bleiben. 

G.  Windeck. 


J2.    Der  Todesakt  über  Goethes  Schwester  Cornelia. 

In  dem  badischen  Amtsstädtchen  Emmendingen  vor  Frei- 
burg im  Breisgau  hat  bekanntlich  Cornelia  Goethe  als  Gattin 
des  Amtsmanns  J.  G.  Schlosser  bis  zu  ihrem  Tode  gelebt. 
Goethe  war  hier  wiederholt  zu  Gast.  Die  Erinnerung  an 
beide  Thatsachen  wird  künftig,  wie  mir  im  Frühjahr  1903 
Herr  Bürgermeister  Rehm  mittheilte,  eine  Gedenktafel  fest- 
halten, die  für  das  heute  noch  in  den  Gebäuden  der  alten 
Tandvogtei,  nunmehrigen  Oekonomie  der  Brauereigesellschaft 
vorm.  Karcher,  vorhandene  Wohnhaus  bestimmt  wurde. 

Ueber  Cornelias  Grab  bestand,  wie  im  Gegensatz  zu 
mehrfach  aufgetauchten  Behauptungen  zu  sagen  ist,  niemals 
ein  Zweifel.  Es  ist  auf  dem  alten  Friedhof,  besonders  seit 
dem  IG.  Juni  1877,  wo  eine  Marmortafel  an  der  daran  stoßen- 
den Mauer  angebracht  wurde,  leicht  aufzufinden  und  befindet 
sich  in  würdigem  Zustande.  Allerdings  ist  der  ursprüngliche 
Grabstein  vor  längerer  Zeit  von  seinem  Aufbewahrungsort 
spurlos  verschwunden ! 

Der  Sterbeakt  über  Cornelia  ist  meines  Wissens  bisher 
noch  nirgend  genau  mitgetheilt.     Er    lautet  folgendermaßen  : 


1777.  Junius. 

No  27 
Emmendinoren. 


den  8ten  Frau  Cornelia  Fridrica 

d.  M.   II  Christiana  Gödin  Ehe- 

gest.  Gemahlin   H.    Hofrath  und 

den   io*|"  Land-Schreiber  Johann 

beerd.        \  Georg  Schlossers 

alt   26  Jahr  8  Monath. 


MlSCELLEN. 


-)5 


Bemerkenswerth  ist  die  für  diese  Zeit  auffallende  »lajji- 
dare«  Kürze  des  Eintrags,  der  von  jeder  Krankheitsbezeichnung 
absieht.  Dem  gegenüber  lauteten  z.  B.  im  elsässischen  Sesen- 
heim  wie  im  badischen  Meissenheim,  wo  wir  ja  gleichfalls 
(ioethe-Erinnerungen  finden,  die  Todenbucheintragungen  viel 
umständlicher.  Gustav  Adolf  Müller. 


B.    Nachträge  und  Berichtigungen. 

Zu  Carlyle  und  Ecker  mann,  G.-J.  XXI  \\  S.  4 — -jp.-  [Zuerst 
Druckfehler.  S.  4,  Z.  25  st.  Georg  1.  Gustav  (Suphan).  S.  20, 
Z,  25  st.  y>tak(s  tinie«  1.  r>takes  to  me-^.  S.  25,  Z.  6  st.  heve 
1.  have.  S.  26,  Z.  29  st.  cursious  1.  curious.  S.  28,  Z.  10 
u.  ö.  1.  &:c.  (=  u.  s.  w.)  S.  30,  Z.  21  st.  baring  1.  bearing. 
S.  31,  Z.  3  wohl  »made  an  epoch«.  S.  t^t,,  Z.  2  1.  »of  M<'«. 
S.  34,  Z.  4  1.  although;  Z.  9  st.  particularity  1.  partiality  [?] ; 
Z.  9  v.  u.  »(?)«  nach  meiner  Conjektur  »  ist  wohl  überflüssig. 
Z.  35,  Z.  27   wohl  st.  told  1.  sold.] 

(S.  5)  181 7  hatte  G.  selbst  das  Schlangensymbol  gebraucht, 
vgl.  das  Facsimile  zu  Suphans  »Allerlei  Zierliches«  u.  s.  w. 
für  Paul  Heyse  (Berl.  1900),  vgl.  Cs.  Letters  I,  278,  285  u. 
299.  Das  Begleitschreiben  von  den  Freunden  genau  nur 
(trotz  Anm.  Tageb.  13,  300  zu  125.7,  8  q.  v.)  bei  K.  W.  Müller, 
Gs.  letzte  lit.  Thätigkeit  (Jena  1832,  S.  43f.).  Der  Druck  in 
Corr.  291  f.  giebt  wieder  Cs.  Abdruck  aus  einer  ungenauen 
anonymen  Recension  in  Fräsers  Mag.  Nov.  1831  (XXII,  447  f.), 
obgleich  eine  genaue  Abschrift,  von  derselben  Schreiberhand 
wie  das  Original,  Cs.  Brief  an  G.  beigelegt  wurde. 

(S.  8  zu  IX)  verschollen  sind  ferner  folgende  Briefe: 
i)  Va  von  C.  an  E.  [am  i.  Dez.]  1832   vgl.  Corr.  337  u.  i2>2f 

2)  Vb  von  E.  an  C.  [früh]  Sommer   1833  vgl.  Corr.  334. 

3)  von  C.  an  E.  vgl.  Corr.  337. 

4)  X  von  C.  an  E.  [um  Mitte]  1836  (vgl.  C.  an  Varnhagen 
V.  Ense.  31.  Dec.   1837,  übers,  v.  Preuss,  S.   18  f.) 

(S.  8,  Z.  30.)  Gs.  letzterBrief  an  C.  ist  leider  auch  nicht 
in  einem  Concept  vorhanden. 

(S.  IG,  Z.  5.)  Bekanntlich  besuchte  C.  Weimar  und  Gs. 
Haus  im  Sept.  1852.  vgl.  Froude,  T.  C.  Life  in  I>ondon  II,  113. 

(S.  13.  Anm.  I)  vgl.  jedoch  Corr.  224  »Wenn  uns  die 
Zeit  mit  dem  Verluste  älterer  Freunde  bedroht,  so  müssen 
wir  suchen  uns  jüngeren  anzuschließen.«  (17.  Oct.   1830.) 

(S.  13,  Anm.  4.)  Die  ganze  Stelle  aus  d.  Remin.  auch 
von  Norton  angeführt.     Corr.  XI  f. 

(S.  15,  Anm.  18.)  Am  5.  April  1832  schreibt  A.  \\'. 
Schlegel  an  Hayward,  als  Vermittler  einer  Bitte  Bulwers, 
xDans  ma  position  je  ne  puis  pas  e'crire  d'une  maniere  super- 


254  MiSCELLEX. 

ficielle  sur  Goethe,  <;ela  exigerait  de  longues  meditations. 
Mais  vous  ferez  cela  ä  merveille,  vous  ou  Mr.  Carlyle.« 
(Erich  Schmidt,  Festschr.  z.  Begr.  d.  5.  allgem.  d.  Neii- 
philologentags,  Berlin  1892,  S.  82),  vgl.  Corr.  333  f.  Vielleicht 
ist  also  Cs.  Aufsatz  zum  Theil  durch  Schlegels  Empfehlung 
unmittelbar  veranlaßt  worden,  vgl.  Anm.  19.  ...  Zu  [meiner] 
Notiz  über  Eckermanns  Uebersetzung  muß  das  Datum 
II.  — 15.  Oct.  hinzugefügt  werden. 

(S.  16,  Anm.  19.)  Eine  Uebersetzung  von  Cs.  Aufsatz 
»Goethes Works«  habe  ich  imMorgenblatt  nicht  finden  können. 

(S.  16,  Anm.  23.)  Es  war  wohl  der  Brief  von  Kanzler 
V.  Müller  an  Fürst  Pückler,  übersetzt  (ohne  Datum)  in  Mrs. 
Austins  »Characteristics  of  Goethe«.    London   1833    (III,  93). 

(S.  18,  Anm.  33.)  Zur  Begründung  meiner  Ansicht  sei 
bemerkt,  daß  das  Vogelsche  Bild  (Zarncke  Nr.  45;  Corr.  ii8; 
Letters  II,  26,  39,  53;  C.  House,  Cat.  p.  84)  ist  schon  Corr.  32 
wahrscheinlich  gemeint.  Damals  war  Cs.  Bruder  nicht  in 
München  und  Stielers  Bild  noch  nicht  gemalt !  [Daher  Müllers 
Bemerkung  (Ber.  d.  Fr.  D.  H.,  N.  F.  XVI,  271)  ganz  unhalt- 
bar. —  Streuli,  T.  C.  als  Vermittler  u.  s.  w.  (Zürich  1895) 
S.  91  nimmt  Gs.  lithogr.  Verse  unter  dem  Bilde  sonderbarer- 
weise für  eine  Widmung  an  C,  vgl.  Hirzel  S.  98 :  und  in 
W.  3,  442  wird  fälschlich  gesagt,  daß  das  Bild  »Gs.  goldner 
Jubeltag«  vorgesetzt  sei.]  Da  C,  selbst  Maclises  Nachbildung, 
für  Fräser,  ein  »total  failure  and  involuntary  caricature«  nennt 
[Miscell.  Centenary  II,  371  u.  vgl.  Zarncke  Nr.  52a,  III. 
—  doch  ist  es  trotzdem  gewählt  worden,  um  die  neue  große 
Byron-Ausgabe  [Poetry  IV,  282]  zu  schmücken],  so  meint  er 
hier  wohl  das  in  Corr.  167  erwähnte  Portrait  nach  Stieler 
[vgl.  Rollett  Nr.  11  (S.  256)?]  Viel  später  besaß  C.  die 
große  1877  bei  Piloty  u.  Loeble  erschienene  Photographie  des 
Originals  (C.  H.  Cat.  f.  63).  Außer  jener  Photographie  ist  ein 
Holzschnitt  v.  Müller  nach  Jagemanns  Oelgemälde  von  1806 
(Zarncke,  Nr.  30b)  das  einzige  Goethe-Bildniß  noch  in  C.  House 
(vgl.  Cat.  f.  74,  Nr.  loi).  Die  anderen  sind  größtentheils 
im  Besitze  seines  Neffen  Alex.  Carlyle  Esqlf  in  Edinburgh. 

(S.  19,  Anm.  i.)  Die  genannten  »Autographs«,  von 
Charles  Sumner,  dem  berühmten  Staatsmann  herrührend,  sind 
zwar  nach  den  Unterschriften  alphaljetisch  geordnet  und  ver- 
zeichnet, aber  dieser  Brief  ist  sonst  unbeachtet  geblieben,  und 
der  Adressat  war  unbekannt,  bis  ich  im  Mai  1902  die  Sache 
ermittelte.  Dasselbst  (I,  133)  sah  ich  noch  einen  Zettel  von 
Gs.  Hand:    -  Herren  Carlisle  (sie) 

,„  .  danckbar 

,/^^'"^^''  Goethe 

May  1827 

wohl  auf  Carlyle  zu  beziehen,   vgl.  Corr.  314. 


MiSCELLEN. 


-=)) 


(S.  19,  Anni.  4.)  Mrs.  Austin  übersetzte  (a.  a.  O.  II, 
241  fg.)  V.  Müllers  Schrift  als  »Cioethe  considered  as  a  man 
of  action.«  In  (leorge  Grotes  Exemplar  ihres  Buches  (auf 
d.  Berliner  Univ.-Bibl.)  findet  sich  (II,  241)  die  handschrift- 
liche Notiz  seiner  geistreichen  Gattin  [die  jedoch  mit  Glad- 
stone  Haywards  armes  Goethebüchlein  bewunderte  (vgl.  Hs. 
Corr.  II,  296  und  Erich  Schmidt  a.  a.O.  80)]:  —  »This  is  the  best 
morsel  among  Goethes  biographies.  H.  G.«  [=  Harriet  Grote]. 
(S.  20.  Anm.)  Ich  gab  die  Daten  am  Schlüsse  der  auch 
später  wiederholten  »Preface«  H's. 

(S,  21,  oben.)  Diese  amerikanische  Ausgabe  [ob  gemeint 
G.-].  V,  236  (H.  S.  White)  und  Knortz,  G.  und  die  Werther- 
zeit (Zürich  1885)  S.  4?]:  Faust  |  a  dramatic  poem,  |  by  | 
Goethe.  1  Translated  into  english  prose,  with  notes  &c.  |  by  | 
A.  Hayward,  Esq.  i  First  American  from  the  third  London 
Edition.  |  Lowell:  i  Daniel  Bixby.  ;  New-York:  |  D.  Appleton 
and  Company,  j  1840.  XXXI,  317  pp.  8°  —  hat  p.  [III]  u. 
lY  ein  »Advertisement  to  the  American  Edition«,  unterzeichnet 
»Lowell  Mass.,  April  1840«,  worin  der  Yerleger  sagt,  daß 
eine  ordentliche  Einleitung  und  Empfehlung  des  Werkes  über- 
flüssig sein  würde.  Am  30.  Aug.  1840  schreibt  Charles  Sumner 
an  Hayward  (Hs.  Corr.  I,  ySf.):  »They  have  republished  at 
Lowell,  a  manufacturing  town  in  Massachusetts  and  the  Man- 
chester of  America  [dieser  letzte  Ausdruck  schon  zwischen 
Gänsefüßen  p.  lY  der  soeben  erwähnten  , Advertisement'], 
your  admirable  translation  of  , Faust".  I  shall  send  you  a 
copy  of  this  edition  by  the  earlier  opportunity«. 

Klarer  als  der  Herausgeber  seiner  Correspondenz,  sagt 
H.  selbst  (Faust  I  ed.  p.  Yf.):  »It  [eine  Faust-Uebersetzung] 
was  first  suggested  to  me  by  a  remark  made  by  Mr.  Charles 
I,amb  to  an  honoured  friend  [ColeridgeV  Lamb  war  schon 
1814  Vermittler  zwischen  Coleridge  und  Murray  gewesen, 
als  jener  , Faust'  zu  übersetzen  versprach,  vgl.  Smiles, 
Memoir  of  J.  Murray  I,  297 — 302  u.  Coleridges  Letters,  ed. 
Coleridge,  II,  674  fg.]  of  mine :  that  he  had  derived  more 
pleasure  from  the  meagre  Latin  versions  of  the  Greak  trage- 
dies,  than  from  any  other  versions  of  them  he  was  acquainted 
with.  The  foUowing  remarks  by  Goethe  confirmed  me  in  it.« 
[Folgt  Uebersetzung  aus  D.  u.  W.,  Hempel  22,  45.] 

(S.  21.)  Im  Privat-Druck  und  in  der  ersten  Ausgabe 
werden  von  Gewährsmännern  ///  Deutschland  nur  J.  Grimm  und 
A.  W.  Schlegel  in  der  Preface  bedankt.  [Grimms  Exemplar 
mit  Hs.  Widmung  jetzt  auf  d.  Berliner  Bibl.  Außerdem  er- 
warb ich  neulich  in  Berlin  ein  Exemplar  mit  Hs.  Namen  eigen- 
händig auf  dem  Titelblatt,  und  auf  einem  leeren  Blatt  >^from 
the  Translator  A.  H.«  Ein  Yorsatzblatt,  wohl  mit  dem  Namen 
des  Besitzers,  ist  ausgerissen  worden]. 


256  MiSCELLEK. 

(S.  37,  Z.  II.)  Carlyle,  wie  mehrere  andere  Engländer 
schrieb  immer  »Werter«  [sie],  vgl.  Cs.  Miscell.  Centen.  ed.  L 
211,  217  u.  IV,  57  und  art.  Goethe  in  Brit.  Mus.  Cat.  54 
und  Supplem.  174.  Leonard  L.  Mackall. 

Zu  Bd.  XXIV,  S.  pi :  Die  Lösung  des  Räthsels  ist 
»Festtag«  und  die  7  Fragen  sind  mit  den  Worten :  »Gast, 
Satt,  Steg,  Gatte,  Saft,  Ast,  Sage«  zu  beantworten.  Diese 
Lösung  kam  mir  von  C.  Alt  aus  Weimar,  einem  Anonymus 
aus  Wien,  U.  Heisterbergk  in  Freiberg.  O.  Kürsten  in  Erfurt, 
P.  Weizsäcker  in  Calw  zu.  Im  Januar  1904  sandte  noch 
Franz  Sandvoss  in  Weimar  eine  Lösung  ein,  in  der  er  als 
letztes  Wort  gesta  im  Sinne  von  res  gestae  als  Geschichts- 
bücher vorschlug.  Weizsäckers  poetische  Lösung  mag  hier 
folgen  : 

Geladen  kommt  der  ^^Gast'i   zum  Spiel. 

»Satt«  werden  ist  der  Nahrung  Ziel. 

Der  »Steg«  bringt  trocken  über  Fluth. 

Dem  »Gatten«  ist  die  Treue  gut. 

Mit  »Sa/t«  frischt  die  Citrone  auf; 

Der  »Ast«  im  Wald  hemmt  Rosses  Lauf. 

Die  »Sage«  lehrt  die  Thaten  dunkler  Zeit 

Und  »Festtag«  gibt  auf  alles  den  Bescheid. 

Ueber  den  Parasiten  waren  die  Correspondenten  uneinig. 
Der  eine  meinte:  »Das  Gedicht  »Parasit«  soll  einestheils  die 
Antwort  auf  die  erste  Frage  andeuten  und  zugleich  irreführen, 
anderntheils  in  den  an  dieses  Wort  geknüpften  Versen  Ge- 
legenheit geben,  das  richtige  Wort  unauffällig  unterzubringen.« 

Der  andere:  »Es  scheint  mir  ein  Verfasser  zu  sein,  der 
sich  selbst  verspottet  als  einen  Parasiten  an  einem  solchen 
»Festtag«.  Die  Gäste  werden,  da  sie  ja  »rathen«  sollten, 
bald  den  richtigen  Verfasser,  der,  »wenn  er  flinker  war",  auch 
noch  obendrein  tanzen  würde«,  herausbekommen  haben.« 

Ein  dritter:  »Der  Parasit  scheint  mir  in  eine  Redoute 
sehr  wohl  zu  gehören.  Ballgäste,  die  »nichts  auffuhren«,  aber 
beim  Essen  und  Trinken  ihren  Mann  stellen,  sind  bei  jeder 
solchen  Festlichkeit  eine  häufige  Erscheinung.« 

Zu  Seite  266:  Die  »Anseres  Christicolae«  befinden  sich 
im  Besitz  des  Malers  F.  A.  Seligmann  in  Wien.  —  Vgl.  die 
Mittheilung  und  Abbildung  in  der  Chronik  des  ^^'iener  Goethe- 
Vereins  s.  unten  Bibliographie. 

Zu  Seite  265:  Frl.  B.  Ringseis  schreibt  mir,  daß  die 
Combination  mit  Frl.  von  R.  richtig  sei.  »Baronin  Reizenstein 
weilte  mit  einer  Freundin,  wenn  ich  nicht  irre,  einem  Frl. 
von  Björnstierna  dahier.  Eine  der  Damen  war  Hofdame  l)ei 
der  Fürstin  Taxis.« 


iMlSCELLEN.  257 

Zu  Seite  220:  Gleich  nach  Erscheinen  meiner  Notiz  auf 
S.  220  des  letzten  Goethe-Jahrbuches,  wurde  ich  von  ver- 
schiedenen Seiten,  zuerst  von  Herrn  Dr.  Apelt  in  Bremen, 
darauf  aufmerksam  gemacht,  daß  aus  dem  fünften  Gedichte 
im  Buche  »Suleika«,  sowie  aus  den  zugeliörigen  Noten  und 
Abhandlungen  nur  »Divan«,  die  Bekanntschaft  Goethes  mit 
der  Sage  von  der  Erfindung  des  Reimes  durch  Bechräm  und 
Diläram  klar  hervorgeht.  Aus  dieser  Stelle,  die  mir  aus  dem 
Gedächtnisse  entschwunden  war,  ergibt  sich  also  unwiderleglich, 
daß  auch  das  Reim-Wechselspiel  zwischen  Faust  und  Helena  auf 
diese  persische  Quelle  zurückzuführen  ist.      E.  v.  Lippmann. 

Zu  dem  Aufsatz :  Ein  wenig  bekannter  Freund  Goethes  im 
Goethe-Jahrbuch  Band  XXIV  (1903)  S.  256  —  261  gibt  Herr 
Dr.  Max  Birnbaum  in  Berlin  zahlreiche  Nachträge  aus  Briefen 
und  Tagebücher,  aus  denen  Folgendes  erwähnt  sein  mag: 

An  Knebel,  14.  August  181 2,  Karlsbad:  »Eines  jedoch 
kann  ich  nicht  übergehen,  daß  ich  so  glücklich  gewesen  bin, 
den  guten  Staatsrath  Langermann  in  Töplitz,  zwar  nur  eine 
Stunde,  aber  eine  sehr  gehaltreiche  zu  sehen.« 

An  Zelter,  2.  Sept.  1812,  Carlsbad:  »Er  hat  ....  meinen 
Unglauben  bekämpft  und  meinen  Glauben  gestärkt.  Ich  hoffe, 
er  wird  auch  abwesend  fortfahren  mit  mir  in  Verbindung 
zu  bleiben.« 

Zu  S.  261,  letzte  Zeile  des  Aufsatzes:  Das  Datum  muß 
heißen:  i.  Juiiy  (statt  i.  July)  181 9.  August  von  Goethe 
war  mit  seiner  Frau  am  4.  Mai  nach  Berlin  gefahren;  am 
I.Juni  reisten  beide  aus  Berlin  nach  Dresden  ab,  wo  sie  am 
II.  Juni  (über  Dessau  und  Torgau)  ankamen. 

Tagebuchnotizen  betr.  briefliche  Verbindung  mit  Langer- 
mann : 

8.  Juli   1819:   »An  Staatsrath  Langermann  nach  Berlin.« 
2.  Oktober  1824:  »Herrn  Geh.  Staatsrath  Langermann  nach 

Berlin.« 
14.  Dezember  1824:  »Herrn  Geh.  Rath  Langermann  nach 

Berlin.« 
L.  G. 

Unter  den  Corona-Auf Sätzen  S.  J12  ist  der  von  C.  Ruland 
in  der  Illustrirten  Zeitung  vergessen  worden,  der  allein  neues 
Material  aus  den  Akten  über  Tod,  Nachlaß  etc.  brachte. 

Zu  ß and  XXV,  S.pj:  Auf  meine  thorichte  Verwechslung 
von  Taxu^  und  rpuxvc,  in  der  Anmerkung  über  »Trache  die 
schnelle«  macht  mich  Bernhard  Suphan  freundlich  aufmerk- 
sam. —  Von  Homer  ist  schon  vor  Giredo  einmal  im  Tage- 
buch vom  29.  September  flüchtig  die  Rede.     Max  Morris. 

Zu  S.  224,  Z.  6  muß  das  letzte  Wort  »Die«  statt  »Der« 
heißen.  ^  ,  ^ 

GoETHE-jAHREtCll    .KXV.  I7 


2. 


Chronik. 


Theodor  Motmnsen. 
*  30.  November  1817.  f  i.  November  1905. 
Der  große  Historiker,  von  dessen  Leben  und  Werken  hier 
zu  berichten  überflüssig  wäre,  gehörte  Goethe  nicht  nur  in 
dem  Sinne,  in  dem  Jeder  ihm  gehört,  der  an  der  deutschen 
Kultur  vollen  Antheil  hat.  Sicherlich  war  er  keine  Goethische 
Natur  in  der  Art,  wie  sein  stiller  Antipode  Ernst  Curtius  so  heißen 
konnte.  Aber  wenn  bei  den  großen  Geschichtschreibern  nach 
Leopold  Ranke  fast  durchweg  ein  so  inniges  Verhältniß  zu  un- 
serem größten  Dichter  wirksam  war,  wie  weder  jener  noch 
etwa  Droysen,  der  letzte  von  Ranke  unabhängige  Historiker, 
es  gekannt  hatte,  so  bildete  Theodor  Mommsen  am  aller- 
wenigsten eine  Ausnahme.  Freilich,  wenn  Curtius  in 
Erschöpfung  und  Trauer  sich  an  der  »Iphigenie«  erbaute, 
wenn  Treitschke  zu  Goethes  Lyrik  greifen  mochte,  war 
Mommsens  Goethe  vor  allem  der  Dichter  des  »Faust«,  des 
»Divan«,  der  Xenien  und  Sprüche:  der  lehrhafte,  in  fremde 
Formen  sich  versenkende  ,  mit  dem  ungeheuersten  Stoff  rin- 
gende Meister  unserer  Meister.  Gern  bekannte  er  sich  schon 
äußerlich  zu  ihm,  indem  er  jenen  Dichtungen  Motti  zu  seinen 
Werken  entnahm,  wie  der  Gläubige  Bibelstellen  citirt.  Jene 
ebenfalls  an  »Bibelfestigkeit«  gemahnende  sichere  Belesenheit 
in  der  Welt  der  Goethischen  Dichtung,  um  die  wir  Jüngeren 
die  nun  dahingehenden  Alten  beneiden,  war  ihm  in  hohem 
Grade  eigen.  Auch  philologisch  hat  er  wohl  gelegentlich 
einen  geistreichen  Einfall  beigesteuert,  wie  zum  Puppenspiel 
in  Plundersweilern :  »damit  wir  tapfer  Kinder  kriegen«, 
die  sicher  richtige  Besserung  für  »tapfere  Kinder«  {Scherer 
Aus  Goethes  Frühzeit  S.  35).  Ueberhaupt  hatte  seine  innige 
Freundschaft  mit  Wilhelm  Scherer    etwas  Symbolisches:    was 


Chronik.  259 

den  beiden  großen  Erneuerern  der  deutschen  und  der  klas- 
sischen Philologie  gemein  war,  die  leidenschaftliche  Erober- 
ungslust, die  Kraft  der  Organisation,  die  mit  scharfer  Kritik 
vereinte  Freude  am  wissenschaftlichen  Nachschaffen,  die  herbe 
Polemik,  die  Neigung  zur  Paradoxie,  die  Freude  auch  am 
gelungenen  Ausdruck  für  das  Empfundene  —  all'  das  findet 
seine  Einheit,  seine  Wurzel  in  den  Eigenschaften,  die  den 
Aelteren  wie  den  Jüngeren  so  eng  mit  Goethe  verbanden. 

Goethe  war  eine  unhistorische  Natur,  wo  es  sich  um 
die  Menschenwelt  handelte ;  trotzdem  er  in  den  Fragen  der 
Natur  ein  eminent  historischer  Denker  war.  Wir  müssen  auf 
dieser  Antithese  beharren,  trotz  allem,  was  Ottokar  Lorenz  und 
andere  vorgebracht  haben,  um  den  großen  Naturforscher 
auch  zu  einem  bedeutenden  Historiker  zu  stempeln.  Er  ver- 
mochte bestehende  Zustände  großartig  zu  überschauen,  das 
Italien  Benvenutos  und  das  Frankreich  Voltaires,  den  Orient 
des  Hafis  und  Klopstocks  Deutschland;  aber  der  Mann,  den 
in  Morphologie  und  Mineralogie  immer  vor  allem  die  Meta- 
morphosen fesselten,  wandte  von  jeder  eingreifenden  Aende- 
rung  der  Völkerschicksale  sein  Auge  mit  unwilligem  Beharren 
hinweg.  Wollen  wir  Theodor  Mommsen  ganz  verstehen,  er- 
kennen, was  ihn  von  seinen  Vorgängern  scheidet,  was  ihn 
einreiht  in  die  Kette  der  wahrhaft  bahnbrechenden  Meister  ge- 
schichtlicher Forschung  und  Darstellung,  so  sagen  wir  vielleicht 
am  besten :  Mommsen  hatte  von  Goethe  gelernt,  sich  zu  der 
Menschengeschichte  so  zu  stellen,  wüe  der  Dichter  sich  zu 
der  Naturgeschichte  stellte. 

Jene  große  Unabhängigkeit  meinen  wir  zuerst,  die  sich 
jenseits  von  Teleologie  und  moralischer  Sentenz  stellt.  »Zweck 
sein  selbst  ist  ein  jedes  Geschöpf«.  —  Sicherlich  ward  diese 
Unabhängigkeit  von  dem  starken  politischen  Wollen  des 
Historikers  gelegentlich  gekreuzt.  Er  erscheint  zwar  gänzlich 
objectiv,  wenn  er  (Römische  Geschichte  1,276)  ausspricht,  die 
Aenderung  der  Staatsform  sei  an  sich  für  ein  Volk  kein  Un- 
heil —  wie  er  denn  auch  wirklich  der  Republik  keine  Thräne 
nachgeweint  hat.  Er  scheint  gar  Goethes  politischer  Ge- 
sinnungsgenosse in  seiner  Stellungnahme  zu  Cäsar  und  Brutus, 
oder  in  seiner  Verachtung  der  Bürgergeneräle,  die  im  Wein- 
haus Schlachtpläne  auf  den  Tisch  zeichnen  (ebd.  1,823). 
Aber  häufig  ist  er  doch  wirklich  der  leidenschaftliche  liberale 
Politiker,  der  über  den  römischen  Adel,  über  Pfaffen  und 
Kapitalisten  im  alten  Rom  urtheilt.  Indess  —  auch  hier 
steht  er  von  Goethes  Art  gar  so  weit  nicht  ab.  Aesthetisch 
ist  seine  Parteinahme  vor  allem  bedingt,  wie  bei  Ranke; 
nur  daß  ihm  eben  die  frei  sich  entfaltende  Volkspersönlich- 
keit der  höchste  ästhetische  Genuß  ist,  wie  jenem  andern 
Meister    der    großartige    Einzelne.     Cäsar    ist    für    Mommsen 

17' 


26o  Chronik. 

gewissermaßen  die  Verkörperung  des  Römerthums.  Wenn 
er  sich  dies  zum  Gegenstande  der  erneuernden  Forschung 
gewählt,  obwohl  er  selbst  den  Mangel  großer  Individualitäten, 
wie  Hellas  sie  zeigt,  schmerzlich  empfand  (ebd.  S.  453),  so 
zeigt  schon  diese  Wahl,  was  die  Vorliebe  des  trotzigen  Hol- 
steiners für  Hannibal  —  und  was  seine  Abneigung  gegen 
Bismarck  bestimmte. 

Doch  hierin  eben  waren  ihm  mit  Leopold  v.  Ranke  schon 
andere  Historiker  vorangegangen.  Ganz  neu,  ganz  Goethisch 
war  die  großartige  Unbefangenheit,  mit  der  Mommsen  in  den 
geschichtlichen,  wie  der  Dichter  in  den  naturwissenschaftlichen 
Gegenständen  überall,  auch  im  Kleinsten,  das  Walten  der 
großen  geheimen  Schöpferkraft  erkannte  und  anerkannte. 
Ihm  war  die  Geschichte,  wie  Goethe  die  Natur,  eine  Göttin, 
deren  geringste  Kundgebung  noch  göttlich  ist.  »Es  ist  ein 
ewiges  Leben,  Werden  und  Bewegen  in  ihr,  und  doch  rückt 
sie  nicht  weiter.  Sie  verwandelt  sich  ewig,  und  ist  kein 
Moment  Stillstehen  in  ihr  .  .  .  Sie  hat  keine  Sprache  noch  Rede  ; 
aber  sie  schafft  Lungen  und  Herzen,  durch  die  sie  fühlt 
und  spricht«. 

Aus  dieser  Anschauung  heraus  gewann  Mommsen  der 
Geschichtschreibung  jene  ungeheuere  Verbreiterung  der  Empirie, 
die  allein  ihn  schon  unsterblich  gemacht  hätte.  Die  Münz- 
kunde war  bis  dahin  eine  Liebhaberwissenschaft  gewesen, 
deren  reinliche  und  klare  Anordnung  durch  Eckhel  freilich 
Goethe  schon  beglückt  hatte ;  nun  ward  sie  in  den  Großbetrieb 
der  Wissenschaft  von  Alt -Rom  hineingezogen.  Für  diesen 
Zweig,  wie  für  die  systematische  Ausnutzung  der  Inschriften 
war  Böckh  vorangegangen ;  aber  Mommsen  ergriff  mit  fester 
Hand  auch  die  Hilfe  der  vergleichenden  Sprachwissenschaft, 
der  Ethnologie  ;  jeder  Backstein  und  jeder  Götterkult,  jeder 
versprengte  Name  und  jede  Völkerphysiognomie  ward  gleich- 
mäßig benutzt.  So  ward  Mommsen  der  große  Organisator 
wissenschaftlicher  Arbeit,  unerreicht  seit  und  trotz  Leibniz, 
und  wer  hätte  ihn  hier  mehr  bewundert  als  Goethe,  dem 
klare  Ordnung  an  sich  etwas  Wohlthuendes  war?  Er  hätte 
in  Mommsen  einen  schönen  Typus  des  »Dämonischen«  be- 
wundert wie  in  Napoleon,  der  vom  Gießen  der  Kanone  bis 
zum  Abfeuern  des  Schusses  jeden  Schritt  seiner  Artillerie- 
kunst gleich  sicher  beherrschte. 

Und  so  ward  Mommsen  auch  ein  Schüler  Goethes  in  der 
großen  Conception  der  Weltliteratur:  eine  vergleichende  Kennt- 
niß  nationaler  Eigenart  gehörte  zu  den  Vorbedingungen  seiner 
»Römischen  Geschichte«.  Wie  Goethe  zur  Hälfte  ein  Bürger 
Roms  —  der  freilich  öfter  als  sein  Meister  sich  an  italischer  Luft 
erfrischen  durfte  — ,  war  der  meisterhafte  Uebersetzer  des  Luci- 
lius   und   des  Carducci   doch  für  jede  große  Erscheinung  der 


Chronik.  26  I 

Literatur  empfänglich.  Seinen  lebhaften  Antheil,  seine  starke 
Art,  auf  alle  Anregungen  zu  reagiren,  mögen  ein  paar  Citate 
aus  dem  Brief  anschaulich  machen,  den  er  mir  nach  Empfang 
meiner  Literaturgeschichte  schrieb.  Bei  freundlicher  An- 
erkennung sprach  er  doch  einen  entschiedenen  Tadel  aus, 
der  gerade  dem,  den  ich  am  häufigsten  hörte,  widersprach : 
ich  sei  viel  zu  milde  gewesen.  »Die  mächtige  Strenge,  welche 
von  einem  derartigen  Gesammtwerk  verlangt  wird,  ist  nicht 
geübt  und  es  ist  dem  Literarhistoriker  nicht  erlaubt  wie  bei 
dem  Herabkommen  der  Rekruten  den  Maßstab  um  einige 
Zoll  tiefer  zu  nehmen«.  Und  zu  diesem  Urtheil  kam  er 
eben,  weil  er  alle  dichterische  Produktion  an  Goethe  maß. 
»Daß  wir  sehr  heruntergekommen  sind  in  diesem  ablaufenden 
Jahrhundert  ist  gewiß  genug  .  .  .  Kellers  Kleinkunst,  Storms 
Verschwommenheit,  Frey  tags  Philisterthum  sollten  und 
müßten  in  ihrer  das  wirklich  Geleistete  nicht  aufhebenden, 
aber  recht  sehr  einengenden  Begrenzung  aufgezeigt,  der  bei- 
nahe absolute  Mangel  der  hohen  Lyrik,  des  großen  Dramas 
nicht  übersprungen  werden.  Der  Standard  geht  herunter 
und  man  erinnert  sich  an  die  bitteren  Worte  Goethes  von 
dem  was  uns  die  größte  Gesellschaft  beut.  Die  wirklichen 
Ausnahmen :  Mörikes  Lyrik,  Ludwigs,  des  leider  zerdrückten 
Genies,  Makkabäer  kommen  dadurch  um  ihr  gutes  Recht«. 
Ich  habe  diese  Kritik  natürlich  hier  nicht  zu  erörtern,  — 
in  meiner  Antwort  rief  ich  Goethe  mit  seinen  Sprüchen  in 
Prosa  (bei  Hempel  S.  19,  Nr.  28  und  624)  an  — ,  sondern 
nur  dies  charakteristische  Zeugniß  dafür  beizubringen,  wie 
der  große  römische  Reichshistoriker  deutscher  Nation  gleich 
dem  großen  Friedrich  die  Literatur  seines  Volkes  bis  zuletzt 
mit  ehrgeizigen  Hoffnungen  und  zorniger  Enttäuschung  an 
den  größten  Maßstäben  maß. 

Der  Mann,  den  Scherer  aus  Scherz  »Dichter«  nannte, 
wenn  dieser  ihn  als  »Journalisten«  neckte,  war  ja  auch 
wirklich  Poet  und  sein  Antheil  am  »Liederbuch  dreier 
Freunde«  ist  bereits  Gegenstand  einer  trefflichen  philologisch- 
kritischen Studie  (von  Alexander  Ehrenfeld ,  Neue  Zürcher 
Zeitung  26.-27.  November  1903;  vergl.  K.  E.  Franzos 
Deutsche  Dichtung,  Bd.  35,  Heft  7,  S.  175)  geworden.  Die 
Virtuosität  der  Form  kann  eine  starke  Abhängigkeit,  vor  allem 
von  den  Reimkünstlern  Byron  (Liederbuch  S.  455  f-.  113.  ii?) 
und  Freiligrath  (S.  30  vgl.  S.  67)  nicht  verläugnen,  und  ebenso- 
wenig Heinesche  Töne  (vgl.  S.  163,  166);  aber  viel  merk- 
würdiger ist  schon  bei  dem  Jüngling  der  Einfluß  des  West- 
östlichen Divans  (S.  104)  und  des  alten  Goethe  überhaupt 
(S.  109).  Eine  wirkliche  That  war  es,  1843  Gutzkow  (S.  163) 
und  den  gealterten  Eichendorff  (S.  160,  167)  so  energisch  ab- 
zulehnen    und    Mörike    (S.   144,   156,    167)    für   Norddeutsch- 


262  Chronik. 

land  zu  entdecken;  denn  wenn  auch  die  Arbeit  der  »Chorizonten« 
nicht  vollendet  ist,  scheint  doch  hier  (wie  bei  der  Ritornellen- 
Dichtung)  Mommsen  Storm  vorausgegangen  zu  sein.  —  Viel 
stärker  aber  zeigt  sich  seine  künstlerische  Begabung  in  der 
machtvollen  Kraft  seines  Stils,  der  so  durchaus  persönlich 
ist,  wie  zwischen  Lessing  und  Nietzsche  der  keines  zweiten 
Meisters  deutscher  Prosa.  Die  wundervollen  Charakteristiken 
eines  Cäsar  oder  Hannibal,  eines  Massinissa  oder  Scaurus, 
die  epigrammatischen  Urtheile  über  ganze  Nationen  —  wie 
etwa  (Römische  Geschichte  i,  677)  über  die  Spanier  »voll 
von  dem  Geist  des  Cid  wie  des  Don  Quijote«  — ,  die  groß- 
artigen Gesammtschilderungen  von  Land  und  Leuten  zeugen 
dafür,  wie  auch  nach  dieser  Seite  Mommsen  sich  Goethes 
Bild  auf  den  Hausaltar  zu  stellen  ein  Recht  hatte.  Mit 
ihm  theilte  er  die  Kraft  der  wissenschaftlichen  Phantasie  — 
mit  ihm  auch  deren  Begrenzung.  Wie  Goethe ,  gehörte 
Theodor  Mommsen  dem  Zeitalter  der  Aufklärung  an  ;  auch 
er,  wie  der  Dichter  des  »Faust«,  wenn  kein  »Widerchrist«, 
so  doch  ein  »decidirter  Nichtchrist«,  dem  das  Wesen  des  auf- 
steigenden Christenthums  fremd  und  unheimlich  blieb,  wie 
dem  Biographen  Cellinis  das  Bild  des  Savonarola.  Hier,  wie 
oft  bei  der  Beurtheilung  der  eigenen  Zeit,  versuchte  er  es 
mit  Grillparzer  »stehen  zu  bleiben,  wo  Goethe  und  Schiller 
stand«  und  ragte  in  unsere  Zeit  gigantisch  hinein  als  der 
Letzte  aus  Altweimar. 

Als  Eduard  Simson  den  Präsidentenstuhl  der  Goethe- 
Gesellschaft  verließ,  den  er  geziert  hatte,  wie  den  des  Reichs- 
tags und  des  Reichsgerichts,  war  es  Vieler  Wunsch,  der 
größte  unter  den  lebenden  Goetheverehrern  möchte  diesem 
Platz  mit  dem  Ruhm  seines  Namens  neuen  Glanz  geben. 
Mommsen  lehnte  eine  Würde  ab,  der  er  nur  eben  mit  seinem 
Namen  hätte  Genüge  thun  können,  und  ließ  sie  einem  wür- 
digen Vertreter  der  Arbeit  innerhalb  unserer  Gesellschaft. 
Für  die  geistige  Gemeinschaft  aber,  die  sich  um  Goethe 
schaarte,  wird  er  im  Consul  perpetuus  bleiben. 

Richard  M.  Meyer. 


Eduard  Lassen. 
*  15.  April  1830.     t  15-  Januar  1904. 

Am  15.  Januar  starb  nach  längerem  Leiden  Dr.  Eduard 
Lassen.  Unter  den  Todten,  denen  auch  die  Goethe-Gesell- 
schaft ehrendes  Andenken  schuldet,  nimmt  er  einen  hervor- 
ragenden Platz  ein :  Manche  seiner  größten  und  schönsten 
Orchester-Compositionen ,  zahlreiche  Lieder-Compositionen 
sind  Nachbildungen  und  Ergänzungen  Goethescher  Dichtungen. 


Chronik.  263 

Lassen  war  1830  zu  Kopenhagen  als  der  Sohn  eines 
israehtischen  Cultusbeamten  geboren.  Bald  siedelten  seine 
Eltern  nach  der  belgischen  Hauptstadt  über.  In  Brüssel,  wo 
er,  fast  noch  ein  Knabe,  zum  ersten  Male  als  Klaviervirtuose 
in  einem  Concert  auftrat,  empfing  er  unter  Fetis  Leitung  seine 
künstlerische  Ausbildung  im  Conservatorium.  Die  Anstalt 
entließ  den  hochbegabten,  für  die  Kunst  Bedeutendes  ver- 
sprechenden jungen  Mann  im  Jahre  185 1  unter  Ertheilung 
der  größten  Auszeichnung,  des  Prix  de  Rome ,  der  ihm  für 
eine  Cantate  Balthazar  zuerkannt  ward. 

Mit  diesem  Preis  war  ein  Stipendium  zu  Studienreisen 
auf  die  Dauer  von  vier  Jahren  verbunden.  In  diese  Zeit  fällt 
Lassens  erstes  Auftreten  in  Weimar.  Er  kam  hierher  um  sich 
Franz  Liszt  vorzustellen  und  die  neue  musikalische  Bewegung, 
die  in  diesem  und  Richard  Wagner  ihre  Führer,  in  Weimar 
ihren  Mittelpunkt  hatte,  und  in  der  er  selbst  bald  ein  Fahnen- 
träger sein  sollte,  zu  studiren.  Die  Beziehungen  zu  Liszt, 
der  ihm  von  dieser  ersten  Begegnung  an  bis  zu  seinem  Tode 
ein  treuer  Freund  gewesen  ist,  wurden  von  maßgebender 
Bedeutung  für  Lassens  Lebensgang  und  künstlerische  Be- 
thätigung.  Er  selbst  empfing  nach  seinen  eigenen  Worten 
in  Weimar  eine  neue  künstlerische  Offenbarung,  sein  noch 
tastendes  Streben  ein  festes  Ziel.  Der  alsbald  gefaßte  Ent- 
schluß, nach  Ablauf  seiner  Studienzeit  nach  Weimar  an  Liszts 
Seite  zurückzukehren,  ward  1856  ausgeführt;  mit  Weimar  ist 
von  nun  an  auch  sein  Name  untrennlich  verbunden.  Liszt,  an 
der  Spitze  der  Oper  des  Weimarischen  Hoftheaters  stehend, 
nahm  Lassens  Oper  »Landgraf  Ludwigs  Brautfahrt«  an.  Die 
erste  Aufführung  fand  unter  des  jungen  Componisten  eigener 
Leitung  im  Jahre  1857  statt;  im  Jahre  1858  ward  er  zum 
zweiten  Kapellmeister,  1876  zum  Hofkapellmeister  ernannt. 
Dies  letztere  Amt  hat  er  ununterbrochen  bis  1895  bekleidet, 
wo  er  mit  dem  Titel  General-Musikdirector  in  Inactivität  trat. 

In  den  knappen  Rahmen  dieses  äußeren  Lebensverlaufes 
das  volle  Bild  seiner  künstlerischen  Individualität  und  seiner 
Bethätigung  derselben  als  Componist ,  als  Kapellmeister  und 
als  reproduzirender  Künstler  am  Klavier  hineinzuzeichnen, 
würde  zu  weit  führen.  Nur  in  einigen  leichten  Strichen  seien 
wenigstens  einige  Umrisse  gegeben  von  dem  Tondichter. 
Lassen  war  ein  fruchtbarer  Componist,  ein  empfänglicher  Geist 
und  eine  lebhafte  Phantasie,  acht  künstlerische  Feinfühligkeit  und 
ein  eminentes  technisches  Können  gestatteten  ihm  ein  reges 
Schaffen ;  solche  Befähigung  zu  leichter  aber  durchaus  nicht 
oberflächlicher,  sondern  immer  in  das  Innere  und  in  die  Tiefe 
gehende  Conception  fand  einen  festen  Stützpunkt  in  der  Ehr- 
lichkeit seines  Empfindens,  in  seinem  feinen  kritischen  Urtheil 
und  in  der  peinlichen  Sorgfalt  bei  der  Ausarbeitung.    Die  Zahl 


264  Chronik, 

seiner  Tonwerke  —  Opern,  Symphonieen,  Partituren,  Lieder- 
cyklen  —  beläuft  sich  auf  etwa  100,  darunter  über  200  ein- 
zelne Lieder;  seine  letzte,  wenige  Wochen  vor  seinem  Tode 
erschienene  Arbeit  bietet  schlichte  Begleitungen  zu  Brentanos 
und  Arnims  Sammlung  alter  deutscher  Volkslieder  »Aus  des 
Knaben  Wunderhorn.«  Neben  seinen  Liedern,  in  denen  er 
nach  Bülows  Urtheil  die  ihm  eigene  dramatische  Leiden- 
schaftlichkeit nicht  verleugnet,  aber  sie  stets  der  Innerlichkeit 
und  Tiefe  der  Empfindung  unterordnet,  haben  vor  Allem  seine 
Compositionen  zu  Schauspielen  durch  den  Reichthum  an 
melodischer  Erfindung,  instrumentalem  Zauber,  dramatischem 
Ausdruck  und  durch  feinfühliges  Verständniß  des  Dichters  ge- 
wirkt. So  schuf  er  die  Musik  zu  Hebbels  Nibelungen,  Sophokles' 
König  Oedipus,  Calderons  Ueber  aller  Zauberliebe,  vor  allem 
aber  zu  Goethes  Faust  in  der  Devrientschen  Bearbeitung. 
Auch  seiner  Composition  zu  Schillers  Dichtung  an  die  Künstler 
sei  hier  gedacht,  die  Lassen  für  ein  großes  belgisches  Sänger- 
fest geschaffen  hatte.  Sophokles,  Calderon,  Hebbel,  Schiller, 
Goethe  —  es  sind  eben  die  Größten,  an  denen  er  sich  be- 
geisterte, wie  er  denn  selbst  wohl  von  sich  sagte,  daß  eben 
nur  echte  Dichtung  ihn  zum  Schaifen  anzuregen  vermöge. 

Hervorgegangen  aus  der  französischen  Schule  hatte  Lassen 
nach  einem  Worte  Bülows  »in  Weimar  den  Ritterschlag  des 
Deutschen  Musikers  erhalten«.  Aber  noch  ein  anderes  ist  hier 
und  gerade  hier  hervorzuheben :  der  echte  Künstler  fühlt  sich 
in  Weimar  bald  als  ein  Sohn  dieses  geweihten  Bodens;  so  ist 
Lassen  auch  ein  echter  Sohn  Weimars  geworden,  erfüllt  von 
Ehrfurcht  vor  den  großen  Weimarischen  Ueberlieferungen  und 
von  dem  ernstesten  Streben,  einzudringen  in  den  Goetheschen 
Genius.  Davon  die  erste  schöne  Frucht  war  die  schon  er- 
wähnte Musik  zu  beiden  Theilen  des  Faust.  Sie  zu  werthen, 
im  Hinblick  auf  die  gleichen  Schöpfungen  anderer  Tonkünstler, 
ist  hier  ausgeschlossen;  aber  eines  darf  gesagt  werden :  diese 
Musik,  die  so  feinfühlig  dem  Drama  sich  anpaßt,  und  —  ich 
entlehne  diese  Bemerkung  dem  Urtheil  eines  Fachgenossen 
Lassens  —  zum  ersten  Mal  im  Melodram  das  Leitmotivprinzip 
und  die  Instrumentalfarben  Wagners  und  Liszts  mit  Meister- 
schaft zur  Anwendung  bringt,  hat  außerordentlich  dazu  bei- 
getragen, die  gewaltige  Dichtung  nicht  nur  dem  Interesse 
sondern  auch  dem  Verständniß  weiterer  Kreise  näher  zu 
bringen. 

Lassens  »Faust«,  den  er  im  Jahre  1873  begann  und  1876 
endete,  so  daß  die  erste  Aufführung  (6.  Mai  1876)  den  Schluß 
der  Theater- Veranstaltungen  aus  Anlaß  der  Säcularfeier  von 
Goethes  Ankunft  in  Weimar  bildete,  liegt  jenseits  der  Zeit 
der  Bildung  der  Goethe-Gesellschaft.  Aber  als  diese  erfolgt 
war  und  durch  die  Erschließung  des  Goethe-Hauses  im  wei- 


Chronik.  265 

testen  Sinn  mit  seinen  literarischen  und  künstlerischen  Schätzen 
überall  die  Kräfte  sich  in  neuer  Arbeit  regten,  da  hat  auch 
Lassen  mit  schöner  Begeisterung  seine  Kunst  in  den  Dienst 
dieser  Arbeit  gestellt,  theils  in  eigenen  neuen  Schöpfungen 
—  die  Musik  zu  »Pandora«  (aufgeführt  1886),  zu  den  »Vögeln« 
(1892),  zuletzt  zum  »Triumph  der  Empfindsamkeit«  (1902),  theils 
durch  die  feinfühlige  Wiedergabe  zeitgenössischer  Composi- 
tionen  zu  Werken  Goethes,  wie  die  »Fischerin«,  das  »Jahrmarkts- 
fest von  Plundersweilern«,  das  »Erwachen  des  Epimenides«,  um 
anläßlich  der  Jahres  -Versammlungen  der  Goethe-Gesellschaft 
Weimars  Erinnerungen  in  lebensvollen  Bildern  vorzuführen. 
Es  war  auch  hier  eine  Freude  für  ihn,  aus  dem  eigenen 
reichen  Schatz  zu  spenden  oder  die  Vergangenheit  neu  zu 
beleben.  Unter  dem  Zeichen  der  Goethe-Gesellschaft  stand 
auch  Lassens  letztes  öffentliches  Auftreten.  Bei  der  von 
dieser  veranstalteten  Gedächtnißfeier  für  den  verewigten  Groß- 
herzog Karl  Alexander,  am  31.  Mai  1901,  dirigierte  er  den 
Trauermarsch  aus  Beethovens  Eroica,  die  letzte  Huldigung, 
die  er  dem  Protektor  der  Goethe-Gesellschaft  darbrachte, 
der  ebenso  wie  die  Großherzogin  Sophie  den  Künstler  stets  durch 
besonderes  Vertrauen  und  Wohlwollen  ausgezeichnet  hatte. 
So  steht  Eduard  Lassens  Name  wie  in  der  Geschichte 
der  deutschen  Tonkunst,  so  auch  in  den  Annalen  der  Goethe- 
Gesellschaft  unvergänglich  eingetragen.      P.  v.  Bojanowski. 


Louis  P.  Betz. 
•   18.  December  1861.     f  29.  Januar  1904. 

Mitten  aus  reicher  Arbeit  ist  in  Zürich  Professor  Dr.  L. 
P.  Betz  am  29.  Januar  1904  mit  42  Jahren  geschieden.  Ja, 
er  ist  der  Universität  sozusagen  zu  Beginn  seiner  eigent- 
lichen Lebensarbeit  entrissen  worden.  Er  war  dazu  aus- 
ersehen ,  als  einer  der  ersten  die  vergleichende  literatur- 
geschichtliche Forschung  im  deutschen  Universitätsunterricht  als 
Sonderfach  zu  vertreten  und  nun,  nachdem  er  sich  diese 
hervorragende  Stellung  geschaffen,  ist  die  aussichtsreiche 
Thätigkeit  mit  seinem  Leben  gebrochen  —  pendent  opera 
interrupta. 

Betz,  dessen  Familie  aus  dem  Elsaß  stammt,  war  1861 
in  New-York  geboren,  hatte  aber  seine  Schulbildung  vom  8. 
bis  20.  Lebensjahr  in  Zürich  genossen.  Die  in  Straßburg 
und  Freiburg  begonnenen  juristischen  Studien  brach  er  1883 
ab,  um  in  New-York  zu  kaufmännischer  und  industrieller 
Thätigkeit  überzugehen,  in  deren  geschäftigem  Treiben  er  in- 
dessen seinen  literarischen  Neigungen  nicht  untreu  wurde. 
Mit  30  Jahren  zog  er  sich  von    den  Geschäften    zurück    und 


266  Chroxik. 

siedelte  mit  seiner  Familie  nach  Zürich  über,  um  sich  dem 
Studium  der  neueren  Sprachen  und  Litteraturen,  speziell  der 
Sprache  und  Literatur  Frankreichs  zu  widmen.  Mit  jungen, 
eben  üügge  gewordenen  Studenten  setzte  sich  der  weltkundige 
Mann  auf  eine  Bank  und  arbeitete  mit  ihnen  um  die  Wette, 
an  Sprachbeherrschung  —  er  sprach  und  schrieb  Englisch, 
Deutsch  und  Französisch  —  und  Lebenskenntniß,  an  Reife 
des  Urtheils  und  Belesenheit  ihnen  weit  überlegen.  Für 
seine  akademischen  Lehrer  war  er  ein  fesselnder  und  anregungs- 
reicher Schüler,  dessen  weltmännische  Art  und  kosmopolitische 
Denkweise  willkommene  Würze  in  die  oft  etwas  unschmack- 
haften Gerichte  der  Seminarübungen  brachte.  Manche  dieser 
Besprechungen  führte  durch  seine  Betheiligung  vom  philo- 
logischen Ausgangspunkt,  mochte  er  Moliere,  Charles  d'Orleans 
oder  ein  altfranzösisches  Fabliau  sein,  zu  Fragen  der  Welt- 
anschauung und  klang  lange  nach.  Das  Verhältniß  zwischen 
Schüler  und  Lehrer  ward  denn  auch  rasch  ein  herzliches 
und  aus  dem  Collegen  wurde  ein  lieber  Freund.  —  H.  Heine 
zog  ihn  vor  allem  an.  Seine  umfangreiche  Doktordissertation 
behandelte  »Heine  in  Frankreich«  (Zürich  1895)  und  zu 
Heine  und  seiner  einflußreichen  Stellung  in  der  Weltliteratur 
ist  er  auch  in  späteren  Arbeiten  gerne  zurückgekehrt.  Im 
Jahre  1896  habilitirte  er  sich  mit  einer  Schrift,  die  dem  Be- 
gründer des  literarischen  Journalismus  gewidmet  ist:  »Pierre 
Bayle  und  die  Nouvelles  de  la  Republique  des  Lettres 
1684 — 87«.  Seine  Antrittsvorlesung  über  »Heine  und  Musset« 
ist  in  erweiterter  Form  1897  erschienen.  Lebensgang  und 
Neigung  führten  ihn  dazu,  sich  denjenigen  Schriftstellern  und 
Werken  zuzuwenden,  an  denen  sich  die  literarischen  Wechsel- 
beziehungen der  romanischen  und  germanischen  Völker  stu- 
diren  ließen.  Er  fand  sich  hier  mit  dem  französischen 
Forscher  Joseph  Texte  zusammen.  Gemeinsame  Anschauung 
verband  die  beiden.  Nun  ist  Betz  dem  im  allzufrühen  Tode 
vorangegangenen  Freunde  allzufrüh  gefolgt. 

In  demselben  Sinne  wie  die  Sprachwissenschaft,  soll  sie 
diesen  Namen  verdienen,  entwickelungsgeschichtlich  und  ver- 
gleichend sein  muß,  muß  auch  die  literarhistorische  Forschung 
vergleichend  sein.  Auch  das  literarische  Leben  steht  unter 
Bedingungen  und  verläuft  nach  Gesetzen,  die  nicht  an  den 
Landes-  oder  Sprachgrenzen  ein  Ende  haben.  Wenn  also 
jeder  Literarhistoriker  auch  »Literaturvergleichung«  treiben 
muß,  so  ist  es  doch  ein  Anderes,  ob  diese  Vergleichung  als 
unentbehrliches  Forschungskomplement  gleichsam  nebenbei 
mitgeführt  und  als  eine  Ergänzung  der  Information  beachtet 
wird,  oder  ob  sie  zum  eigentlichen  Gegenstand  der  Arbeit, 
zum  Centrum  der  Fragestellung  gemacht  und  auf  diese  Weise 
als  Sondergebiet  konstituirt  wird.     Diese  Verselbstständigung 


Chronik.  267 

der  vergleichenden  literarischen  Forschung  erstrebten  und 
vertheidigten  Texte  und  Betz  mit  Geschick  und  Glück  in 
programmatischen  Arbeiten.  Es  handelt  sich  um  ein  unüber- 
sehbares und  labiles  F'orschungsgebiet  und  es  ist  kein  Wunder, 
daß  eine  erste  Bibliographie  desselben  (La  litterature  com- 
parde,  essai  bibliographique.  Straßburg  1900)  Stückwerk 
bleiben  mußte.  Das  wußte  ihr  Verfasser  Betz,  der  in  der 
Vorrede  den  Wunsch  ausspricht,  Mitforschern  dienen  zu 
können  en  jetant  tont  inon  petit  avoir  en  päture  ä  la  cri- 
tique,  am  allerbesten.  Er  hat  sich  den  Dank  verdient,  auf 
welchen  die  Anspruch  haben,  die  den  Muth  besitzen,  Pfad- 
finder-Arbeit zu  thun.  Aufmerksam  verfolgte  er  das  geistige 
Leben  seiner  amerikanischen  Heimath  und  insbesondere  die 
Entwickelung,  die  seine  Wissenschaft  an  den  dortigen  Hoch- 
schulen, z.  B.  der  Columbia  University,  fand.  Darnach 
suchte  er  seine  akademische  Lehrthätigkeit  zu  gestalten, 
nachdem  ihm  vor  zwei  Jahren  eine  außerordentliche  Professur 
für  vergleichende  Literaturgeschichte  übertragen  worden 
war.  —  Eine  Reihe  seiner  interessanten  vergleichenden 
Studien  vereinigte  Betz  kürzlich  zu  einem  Bande,  der  in 
Frankfurt  im  Verlage  der  Literarischen  Anstalt,  Rütten  & 
Loening  erschienen  ist:  »Studien  zur  vergleichenden  Litera- 
turgeschichte der  neueren  Zeit«,  Frankfurt  a.  M.  1902. 
»Edgar  Poe  und  Charles  Baudelaire«,  »J.  J.  Bodmer  und 
die  französische  Literatur«  eröffnen  neue  fesselnde  Aus- 
blicke in  nahes  und  fernes  literarisches  Leben.  An 
Gerard  de  Nerval  (eine  Studie  über  Goethe  und  G.  d.  N. 
erschien  in  G.-J.  Bd.  XVIII) ,  Heinrich  Leuthold ,  Emile 
Montegut  und  andern  zeigt  uns  Betz  die  stille  Thätigkeit 
feiner  Geister,  die  am  Werke  sind,  feindliche  Nationen  zur 
gegenseitigen  Kenntniß  und  Schätzung  zu  führen,  nach  Edgar 
Quinets  Wort,  das  er  zu  seiner  Devise  gemacht  hatte:  Ma 
religion  litte'raire  et  politique,  c'est  l'unite  des  lettres  et  la 
fraternite  des  peuples  modernes. 

Betz  war  ein  eifriger  Arbeiter  und  ein  Mann  von  aus- 
gebreitetem literarischem  Weissen.  Er  hat  aufrichtig  nach 
Wahrheit  gestrebt  und  sich  die  Forschung  nicht  leicht  gemacht. 
Er  war  ein  geistreicher  Mensch  und  konnte  im  Meinungs- 
gefecht eine  scharfe  Klinge  führen.  Daß  er  seinen  Arbeiten 
vielfach  eine  unzünftige  Form  gab,  hat  manchen  Wider- 
spruch geweckt,  manche  Anerkennung  hintangehalten  und 
ihm  manche  —  oft  recht  ungerechte  —  Kritik  eingetragen. 
Er  war  eine  unabhängige,  selbständige  Natur  und  weckte  da 
die  lebhaftesten  Sympathien,  wo  Unzünftigkeit  nicht  disquali- 
fizirt  und  L'nabhängigkeit  nicht  schreckt.  In  der  freien 
wissenschaftlichen  und  literarischen  Atmosphäre  Zürichs 
leibte    und    lebte    er.      Die    literarischen    Kreise    der    Stadt 


268  Chronik. 

werden  ihn  schwer  vermissen  und  schmerzUch  den  Verlust 
seines  lebhaften,  frischen  Geistes  empfinden.  Sie  verdanken 
ihm  viel.     Sie  dankten  es  ihm  auch. 

Groß  ist  die  Zahl  der  Freunde,  die  um  ihn  trauern  als 
um  einen  guten  und  liebenswürdigen  Menschen.  Die  Uni- 
versität verliert  einen  tüchtigen  und  fesselnden  Lehrer,  der 
für  ein  neues  Unterrichts-  und  Forschungsgebiet  erfolgreich 
gewirkt  hat,  und  die  Wissenschaft  verliert  einen  Forscher, 
von  dessen  umfassender  literarischer  Bildung  und  von  dessen 
Arbeitsfreudigkeit  sie  noch  vieles  und  schönes  erwarten 
durfte.  Die  zehn  Jahre,  die  er  in  ihrem  Dienste  gestanden, 
geben  das  Maß  dafür.  H.  Morf.  (Frankf.  Ztg.  2.  Febr.) 


K.  E.  Fratizos 
*  25.  Oktober  1848.  f  28.  Januar  1904. 

Dem  Holsteiner,  dem  Dänen,  dem  Deutsch-Amerikaner, 
der  zum  Schweizer  wurde,  schließt  sich  der  Galizier  an,  der, 
von  deutschen  Eltern  geboren,  eine  deutsche  Bildung  genoß 
und  vollkommen  zum  Deutschen  wurde.  Im  Gegensatze  zu 
Lassen  und  Mommsen,  die  satt  an  Tagen  starben,  mußte  er 
im  besten  Mannesalter  von  uns  scheiden.  Er  starb  in  der 
Fülle  der  Kraft,  auf  der  Höhe  des  poetischen  Schaffens. 

Unserm  Kreise  stand  er  nahe.  Wenn  er  auch  nur  einmal 
an  der  Versammlung  der  Goethe-Gesellschaft  theil  nahm,  und 
zwar  1891  bei  der  mit  besonderem  Glanz  gefeierten  Zusammen- 
kunft, bei  der  auch  die  hundertste  Wiederkehr  der  Eröffnung 
des  Weimarer  Theaters  begangen  wurde  (G.-J.  XV,  303),  so 
war  er  mit  vielen  Mitgliedern  unserer  Gesellschaft  durch 
literarische  Kameradschaft  und  alte  Freundschaft  verbunden. 
Unsere  Studien  pflegte  er  gern.  Nicht,  daß  er  bei  der  Commen- 
tirung  der  Werke  des  Meisters  half,  oder  den  vielen  bio- 
graphischen Schilderungen  eine  neue  zufügen  wollte,  sondern 
in  dem  Sinne,  daß  er  kleine  Bausteine  zusammenbrachte  und 
Beiträge  lieferte,  zur  Erkenntniß  Goethes  und  seiner  Zeit. 
Denn  er  war  ein  eifriger  und  vom  Glück  begünstigter  Sammler 
von  Handschriften,  der  das  von  ihm  Zusammengebrachte  nicht 
eifersüchtig  verschloß,  sondern  gern  andere  an  seinem  Besitze 
theilnehmen  ließ. 

Die  von  ihm  begründete  und  bis  zu  seinem  Tode  ge- 
leitete Zeitschrift  »Deutsche  Dichtung«  brachte  von  ihm  theils 
unter  seinem  Namen,  theils  unter  dem  angenommenen  Namen 
O.  Härtung,  Band  V,  ungedruckte  Briefe  von  Goethe  an  Dein- 
hardstein  (G.-J.  X,  285,  291),  im  IX.  Bande  Goethes  Brief- 
wechsel mit  Friederike  Unzelmann-Bethmann  (G.-J.  XII,  284, 
287,   XIII,  280,  283),  Band  XVII  Briefe  von  und  an  Goethe 


Chronik.  269 

(vergl.  G.-J.  XVI,  274),  Band  XII  Neues  von  und  an  Lenz. 
Menschliches  aus  Weimars  goldner  Zeit,  Band  XIX  Briefe 
Riemers  an  Goethe  (vergl.  G.-J.  XVII,  299).  Außerdem  wurde 
in  Band  V  der  Zeitschrift  ein  Portrait  und  in  Band  V  und  IX 
die  Nachbildung  eines  Autographs  mitgetheilt.  Auch  aus  dem 
Nachlasse  von  Goethes  Mutter,  Sohn  und  Schwiegertochter 
wurden  in  dieser  Zeitschrift  durch  Andere  interessante  Proben 
veröffentlicht.  Mannigfachen  Beurtheilungen  aus  der  Goethe- 
literatur und  einzelnen  Essays  anderer  Mitarbeiter,  die  sich 
auf  das  Faustbuch  und  Goethes  Bearbeitung  von  Kotzebues 
»Schutzgeist«  bezogen,  räumte  er  gern  dort  einen  Platz  ein. 
Einer  anderen  Zeitschrift  steuerte  er  Mittheilungen  aus  Goethes 
Theaterakten  bei  (vergl.  G.-J.  XIV,  321). 

Auch  das  Goethe-Jahrbuch  hatte  sich  seiner  Theilnahme 
zu  erfreuen.  Diese  bewies  er  dadurch,  daß  er  in  der  schon 
genannten  Zeitschrift  einige  Bände  anzeigte  und  kritisch 
würdigte,  auch  mit  Tadel  nicht  zurtickhielt,  besonders  Zusätze 
und  Berichtigungen  aus  seinem  reichen  Wissen  beisteuerte 
(vergl.  G.-J.  XIX,  312).  Auch  im  Jahrbuch  selbst  war  er  mit 
einem  Beitrag  vertreten  (X,  117  — 138),  mit  der  Denkschrift 
über  die  deutsche  Literatur  nämlich,  von  Knebel  für  Frau 
von  Stael  gearbeitet,  die  er  sauber  commentirte.  Ferner  hatte 
das  Jahrbuch  häufig  Gelegenheit,  nicht  bloss  die  eigentlichen 
Goethebeiträge  der  Franzosschen  Zeitschrift  zu  registriren, 
sondern  auf  viele,  dort  veröffentlichte  handschriftliche  Schätze 
hinzuweisen,  die  sich  mittelbar  auf  Goethe,  seine  Zeit  und 
seine  Umgebung  bezogen. 

Aber  nicht  bloss  in  diesem  engeren  Sinne  der  Mitarbeit 
gehörte  er  unseren  Kreisen  an.  Er  war  ein  goethereifer  Mann. 
Er  stand  mitten  inne  zwischen  jener  älteren  Generation,  die, 
noch  zu  Goethes  Lebzeiten  geboren,  fest  in  der  Tradition 
wurzelte  und  der  neuesten,  die  sich  von  dem  Meister  wie  von 
der  klassischen  Zeit  überhaupt  loszulösen  beginnt.  Er  kannte 
seinen  Goethe,  wenn  er  auch  nicht  von  der  Sucht  besessen 
war,  ihn  stets  zu  citiren.  Er  betrachtete  ihn  als  selbstver- 
ständlichen Besitz,  dessen  er  nicht  entbehren  mochte.  Schade, 
daß  er  niemals  die  Freude  an  dem  Wirken  unseres  Großen 
in  ähnlich  begeisterter  Weise  schilderte,  wie  in  der  köstlichen 
Skizze  Schiller  in  Barnow.  Merkwürdiger  Weise  ging  er  auch 
in  dem  letzten  Werke,  das  er  durch  den  Druck  veröffentlichte, 
dem  ersten  Bande  seiner  »Deutschen  Fahrten.  Aus  Anhalt  und 
Thüringen,  Reise-  und  Kulturbilder«,  Berlin  1903,  an  Weimar 
vorüber,  obgleich  er  Erfurt,  das  Schwarzathal  und  Paulinzelle 
historisch -landschaftlich  in  seiner  behaglich -humoristischen 
Weise  schilderte,  die  auch  diesem  Buche  viele  Freunde  erworben 
hat.  Aber  das  Werk  beginnt  mit  einem  Hinweis  auf  eine 
Stelle  aus  Goethes    Briefen    an    Frau   von   Stein,    die    er   zur 


270  Chronik. 

Reiselektüre  gewählt  hatte  und  die  ihn  nach  Wörlitz  führte. 
Bei  der  Schilderung  von  Wörlitz  führte  er  manchen  Spruch 
Goethes  an;  in  der  Plauderei  über  Erfurt  gedenkt  er  aus- 
führlich des  »Faust«,  freilich  mehr  der  Sage  als  der  Dichtung 
und  ziemlich  kurz  der  Unterredung  Goethes  mit  Napoleon, 
aus  dem  Schwarzathal  bucht  er  eine  volksmäßige  Variante 
des  Goetheschen  Liedes  »Trost  in  Thränen«,  und  das  Werk 
schließt  mit  Anführung  von  Goethes  Worten  über  Paulinzelle, 
die  in  ihrer  Kälte  mit  der  begeisterten  Schilderung  des 
Modernen  seltsam  contrastiren.  Aber  sie  werden  eingeführt 
durch  das  bewundernde  Wort :  »Dieser  größte  Dichter,  dieser 
größte  Mensch,  der  Einem  immer  mehr  wächst,  je  älter  man 
wird«. 

Er  ging  in  Goethes  Wegen  —  schon  das  Sammeln  von 
Handschriften  war  ja  auch  eine  Lieblingsgewohnheit  des 
Meisters  gewesen  —  da  er  bei  seinen  Kulturstudien  der  öst- 
lichen Länder  auf  die  Erzeugnisse  des  Volksgeistes  :  Märchen 
und  Volkslieder  sorgsam  achtete,  sie  sammelte  und  erklärte; 
mit  ihm  theilte  er  den  Respekt  vor  der  Vergangenheit,  das 
sinnige  Achten  auf  das  Kleinste,  das  große  Talent  der  Beob- 
achtung, den  bedächtigen  Sinn  des  Alternden,  die  Theilnahme 
für  die  Bestrebungen  der  Jugend,  den  Eifer,  diese  Bemühungen 
in  den  rechten  Weg  zu  leiten,  Talente  zu  fördern  und  zu 
ermuntern.  In  echt  Goethescher  Weise  suchte  er  das  neue 
Geschlecht,  das  Miene  machte,  über  ihn  hinwegzugehen,  in 
seiner  Eigenart  zu  würdigen. 

Franzos'  Hauptstärke  lag  nicht  in  der  metrischen  Dichtung, 
obgleich  ihm  mancher  gute  Vers  gelang,  sondern  in  der  Prosa- 
erzählung und  Kulturschilderung.  Er  konnte  und  wollte  nicht 
ruhig  beschreiben,  was  er  sah,  sondern  kämpfte  mit  leiden- 
schaftlicher Theilnahme  für  Wahrheit  und  Recht.  In  seinen 
großen  Romanen :  »Der  Präsident«  und  »Der  Kampf  ums 
Recht«,  vor  allem  in  seinem  sechsbändigen  Werke  »Aus  Halb- 
asien«, in  den  Erzählungen  »Die  Juden  inBarnow«,  »Moschko 
von  Parma«  und  manchen  anderen  trat  er  für  das  Recht  seiner 
deutschen  Landsleute  und  seiner  jüdischen  Glaubensgenossen 
ein,  schilderte  die  Herzenskämpfe  einfacher  Menschen  und 
hervorragender  Beamten  zwischen  den  Forderungen  des  starren 
Rechts  und  dem  Bewußtsein  der  Pflicht.  Die  Förderung  des 
Deutschthums  in  dem  weiten  Gebiete  der  österreichisch- 
ungarischen Monarchie  lag  ihm  ebenso  am  Herzen,  wie  die 
Befreiung  seiner  Glaubensgenossen  von  Vorurteilen,  Miß- 
bräuchen und  Aberglauben  und  ihre  Durchdringung  mit  den 
Segnungen  der  Kultur.  Er  war  frei  von  jeder  Romantik,  wie 
von  aller  Schönmalerei.  Er  stellte  ohne  Scheu  das  Verkehrte 
dar,  wo  er  es  fand,  aber  seine  pietätvolle  Anhänglichkeit  galt 
dem  Glauben,  dem  er  entstammte  und  seine  herzliche,  unver- 


Chronik.  27 1 

tilgbare,  durch  Zurücksetzung  und  Verkennung  nicht  zu 
schmälernde  Liebe  war  dem  Deutschthum  gewidmet,  mit  dem 
er  sich  eins  fühlte.  Darum  förderte  er  deutsche  Dichtung, 
besonders  in  der  schon  genannten  vornehmen  Zeitschrift,  die 
in  ihren  35  Bänden  Romane,  Epen,  Dramen  unserer  ersten 
Dichter  und  tausende  von  Gedichten  von  Anfängern  und 
werdenden  Poeten  enthielt,  Gedichte,  auf  deren  Verbesserung 
er  viel  Fleiß  und  Mühe  verwandte.  Darum  widmete  er  sich 
auch  der  Erforschung  der  deutschen  Literaturgeschichte.  Er 
edirte  in  dem  Verlage,  dem  er  nahe  stand,  eine  Sammlung  »aus 
dem  XIX.  Jahrhundert,  Briefe  und  Aufzeichnungen«,  eineSamm- 
lung,  die  werth volle  ungedruckte  autobiographische  Dokumente 
brachte.  Er  gab  unter  dem  Titel  »Die  Geschichte  des  Erstlings- 
werkes« Selbstbekenntnisse  hervorragender  Zeitgenossen  über 
ihre  ersten  Arbeiten  heraus  und  sammelte  die  Stimmen  her- 
vorragender Autoren  über  allgemeine  Fragen  :  »Dichtung  und 
Suggestion«  und  »eine  deutsche  Akademie«.  Unter  seinen 
eigenen  Arbeiten  ist  die  Ausgabe  von  Georg  Büchners  Werken 
die  erste  und  einzige  nach  den  Handschriften  vorgenommene 
Edition  eine  solide  Arbeit,  seine  Veröffentlichung  von  Ernst 
Schuhes  Briefen  und  Tagebüchern,  die  bei  seinem  Tode  fertig 
vorlag,  erscheint  gleich  werthvoll  durch  die  merkwürdigen 
Offenbarungen  einer  ringenden  Dichterseele,  wie  durch  die 
fleißigen,  ins  Einzelne  gehenden  Ausführungen  undErläuterungen. 
Seine  vielfachen  Nekrologe  heimgegangener  Dichter,  besonders 
seine  separat  erschienene  Studie  über  C.  F.  Meyer,  bekunden 
den  feinsinnigen  Aesthetiker,  der  neidlos  fremdes  Verdienst 
anzuerkennen  wußte :  er  hatte  das  Recht  »seinen  Todten  zu 
räuchern«,  weil  er  es  ihnen  »auch  im  Leben  so  geboten«  hatte. 
Ein  ganz  besonderes  Verdienst  erwarb  er  sich  durch  seine 
Ä'/V/^-Publikationen  und  Heine-Studien  :  es  gelang  ihm  vielfach, 
Briefreihen  des  Dichters  und  einzelne  werthvolle  Briefe  zu 
entdecken  und  zu  veröffentlichen,  mit  eindringendem  Scharf- 
sinn Heines  Geburtsjahr  festzustellen  und  Fälschungen  nach- 
zugehen, die  in  dreister  Weise  sich  an  des  Dichters  Namen 
hefteten. 

Franzos'  Lebensweg  war  einfach.  Er  war  in  Czortkow 
in  Galizien  geboren,  besuchte  das  Gymnasium  in  Czernowitz, 
studirte  in  Graz  und  Wien  die  Rechtswissenschaft,  wendete 
sich  aber,  nachdem  er  seine  juristischen  Prüfungen  abgelegt 
hatte,  ausschließlich  der  Schriftstellerei  zu.  Von  1872  bis  77 
war  er  Journalist,  der  auf  großen  Reisen  viele  Eindrücke 
sammelte  und  sie  in  Schilderungen  verwerthete.  Die  in  diesen 
Jahren  veröffentlichten  Skizzen  fanden  außerordentlichen 
Beifall  und  machten  den  Namen  des  jungen  Autors  schnell 
berühmt.  1874  erschien  sein  erstes  Buch,  dem  zahlreiche 
andere    folgten.      1877    nahm    er    seinen   Wohnsitz    in  Wien, 


272 


Chromik. 


1887  in  Berlin.  Von  1884  bis  86  leitete  er  in  Wien  die 
»Neue  illustrirte  Zeitung«,  von  1886  an  die  »Deutsche 
Dichtung«. 

Er  war  und  blieb  ein  unabhängiger  Mann  ohne  Amt  und 
Titel.  Diese  Unabhängigkeit  gab  ihm  einen  großen  Theil 
seiner  Bedeutung.  Er  gehörte  keiner  Schule  und  keiner 
Partei  an.  Dies  Alleinstehen  jedoch  führte  ihn  nicht  zur 
Verachtung  anderer  oder  zur  Selbstüberhebung.  Wie  er  im 
Privatleben  mit  einem  größeren  Freundeskreise  verbunden 
war,  so  schloß  er  sich  auch  im  öffentlichen  einer  Schar  von 
Gesinnungs-  und  Fachgenossen  an.  So  unermüdlich  er  sich 
rührte,  so  lange  es  Tag  war,  verstand  er  es  auch,  sauren 
Wochen  frohe  Feste  folgen  zu  lassen.  Den  feinen  Humor, 
den  er  in  vielen  Erzählungen  walten  ließ,  bekundete  er  auch 
im  Gespräch.  Aus  der  Beobachtung  der  Gegenwart  und  aus 
seinen  geschichtlichen  Studien  schöpfte  er  den  frohen  Muth 
für  die  Zukunft.  Er  glaubte  an  den  Erfolg  seiner  Ideen,  er 
hoffte  auf  den  Sieg  der  Wahrheit  und  den  Triumph  der  Freiheit. 
Er  durfte  sich  sagen,  daß  er  nicht  umsonst  gelebt  habe. 

Ludwig  Geiger. 


Bibliographie. 


I.    SCHRIFTEN.    . 
A.    WEIMARER  GOETHE-AUSGABE. 

Goethes  Werke.  Herausgegeben  im  Auftrage  der  Groß- 
herzogin Sophie  von  Sachsen.  Weimar,  H.  Böhlaus  Nach- 
folger. 

Siehe  G.-J.  XIII,  259  Anmerkung.  Da  das  vorige  Jahr- 
buch keinen  Bericht  über  die  1902  erschienenen  Bände 
brachte,  so  umfaßt  der  diesjährige  Bericht  den  Ertrag  der 
Jahre  1902  und  1903.  Erschienen  ist  1902  :  I.  Abtheilung, 
Band  34' :  Sanct  Rochus-Fest  zu  Bingen,  Im  Rheingau  Herbst- 
tage, Kunst  und  Alterthum  am  Rhein  und  Main  (Redactor 
B.  Seuffert,  Herausgeber  J.  fratick),  Aus  einer  Reise  in 
die  Schweiz,  bearbeitet  von  Eckermann  (Redactor  B.  Siiphan, 
Herausgeber  !<.  Heitmüller  und  J.  Wähle).  Der  mit  der 
ersten  Lieferung  von  1904  erscheinende  Band  34"  bringt  Les- 
arten und  Paralipomena  zu  diesen  Schriften,  außerdem  den 
vollständigen  Abdruck  eines  Fascikels  »Vorbereitung  zur 
zweiten  Reise  nach  Italien«  (Redactor  B.  Suphan.  Heraus- 
geber A  Heitmüller  unter  Antheilnahme  \on/.  ]Va/ile).  Zur 
Lieferung  1902  gehören  noch:  I.  Abtheilung,  Band  41':  Auf- 
sätze zur  Literatur  im  Morgenblatt  und  in  Kunst  und  Alterthum 
1807  — 1822  (Redactor  B.  Seuffert,  Herausgeber  J/.  Hecker); 
ly.  Abtheilung,  Band  26:  Briefe  24.  Mai  1815  —  30.  April  1816 
(Redactor  B.  Suphan  und  stellvertretend  C.  Schiiddekopf, 
Herausgeber  C.  Alt).  —  1903  sind  erschienen:  I.  Abtheilung, 
Band  30:  Italiänische  Reise  i.  Theil  (Redactor  E.  Schmidt, 
Herausgeber  /.  Wähle);  Band  41":  Aufsätze  zur  Literatur 
in  Kunst  und  Alterthum  1823  -1832  (Redactor  B.  Seuffert, 
Herausgeber  J/.  Hecker);  Band  42':  Aufsätze  zur  Literatur 
in  verschiedenen  Zeitschriften  1820— 1830  und  Ankündigungen, 

GofTHE-jAHBBtCH    XXV.  lO 


274  Bibliographie. 


Geleitworte  1 813  — 1830  (Redactor  B.  Seuffert,  Herausgeber 
M.  Hecker).  III.  Abtheilung,  Band  13:  Tagebücher  1831,  1832 
(Redactor  B.  Suphan,  Herausgeber  F.  Heitmüller).  IV.  Ab- 
theilung, Band  27:  Briefe  Mai  1816  —  Februar  181 7;  Band  28: 
Briefe  März  — December  181 7  (Redactor  B.  Suphan,  Heraus- 
geber C.  Schiiddekopf).  Einbezogen  in  den  Bericht  ist 
auch  der  1904  erscheinende  2g.  Band  der  IV.  Abtheilung: 
Briefe  Januar— October  18 18  (Redactor  B.  Suphan,  Heraus- 
geber C.  Schiiddekopf). 


BERICHT  DER  REDACTOREN   UND  HERAUSGEBER. 
ERSTE  ABTHEILUNG. 

Band  jo.  Italiänische  Reise  I.  Theil.  Eine  vollständige 
Handschrift  hat  sich  nicht  erhalten,  nur  einzelne  Blätter  mit 
ganz  kleinen  Stücken  des  Textes.  Wohl  aber  besitzen  wir 
Goethes  Tagebuch  aus  Italien,  das  mit  seiner  Ankunft  in  Rom 
abschließt,  und  Briefe,  besonders  an  Frau  von  Stein,  Herder 
und  den  Herzog  gerichtet  (Schriften  der  Goethe-Gesellschaft, 
Band  2).  Dies  waren  die  hauptsächlichen  Vorlagen,  die 
Goethe  bei  Ausarbeitung  der  Italiänischen  Reise,  begonnen 
im  December  1813,  benutzte.  Viele  Aufzeichnungen  sind 
sicher  vernichtet  worden.  Der  Text,  wie  er  sich  von  der 
ersten  Ausgabe  (1816)  bis  in  die  Ausgabe  letzter  Hand  fort- 
gepflanzt hat,  war  mit  mancherlei  Fehlern  behaftet,  die  durch 
kritische  Ausnützung  der  vorhandenen  ältesten  Niederschriften 
beseitigt  werden  konnten.  Dies  ist,  nachdem  Schuchardt  und 
Düntzer  (letzterer  in  der  Hempelschen  Ausgabe)  durch  glück- 
liche Conjecturen  schon  einzelne  Fehler  gebessert  hatten,  zu- 
erst geschehen  von  Günther  (Vierteljahrschrift  für  Literatur- 
geschichte I,  497  ff.),  darnach  von  Düntzer  (Ausgabe  in 
Kürschners  Nationalliteratur)  und  Weber  (Ausgabe  des  Biblio- 
graphischen Instituts).  Durch  nochmalige  Vergleichung 
konnten  im  Text  der  Weimarischen  Ausgabe  noch  mehrere 
in  diesen  Ausgaben  stehen  gebliebene  Fehler  verbessert 
werden.  Das  Seite  291  ff.  nach  einer  älteren  Fassung  ab- 
gedruckte Stück  (Bologna  20.  Oktober  1786)  liest  sich  wie 
eine  erste  Niederschrift.  Zahlreiche  kurze  Aufzeichnungen, 
meist  nur  Schlagworte  und  Namen,  haben  sich  in  Notizheften 
und  auf  losen  Blättern  erhalten,  auch  ausführlichere  aus  dem 
Gebiete  der  Naturwissenschaft  (Weimarische  Ausgabe  2.  Ab- 
theilung 7,  273  ff.).  Was  von  diesen  Aufzeichnungen  zum  i. 
Bande  gehört,   ist  unter  den  Paralipomena  abgedruckt. 

J.  Wähle. 


BifU.IOGRAPHIE.  275 


Band  j^'.  Jt^".  Die  drei  ersten  Stücke  von  Bd.  34, 
I.  Abth.  sind  in  Ermangelung  von  Handschriften  nach  dem 
Druck  in  »Kunst  und  Alterthum«  unter  Zuhilfenahme  von 
C^C  herausgegeben  worden.  Der  von  den  Nachlaßheraus- 
gebern hinzugefügte  Gesammttitel  »Aus  einer  Reise  am  Rhein, 
Main  und  Neckar  in  den  Jahren  18 14  und  181 5«  ist  nach 
dem  Vorschlag  des  Redactors  weggelassen,  dagegen  ihre  von 
der  Reihenfolge  des  ersten  Erscheinens  abweichende  Anord- 
nung beibehalten  worden.  Sie  entspricht  so  den  Erlebnissen, 
und  thatsächlich  ist  auch  der  Aufsatz  über  das  Rochusfest 
unmittelbar  nach  der  Feierlichkeit  entworfen,  wenn  auch  erst 
später  vollendet  worden.  Aus  dem  vierten  Artikel  von  »Kunst 
und  Alterthum  2.  Heft«  wurden  in  das  dritte  Stück  noch 
zwei  kleinere  Nachträge  über  Köln  und  Hanau  eingereiht, 
ein  solcher  über  Heidelberg,  der,  wie  auch  einer  über  Frank- 
furt, bereits  in  C'C  Eingang  gefunden,  gleichfalls  auf 
Seufferts  Vorschlag  an  eine  etwas  frühere  Stelle,  hinter  191,  4, 
gerückt. 

Von  den  früheren  Drucken  wurde  nur  in  seltenen  Fällen 
abgewichen.  Es  sei  hingewiesen  auf  23,  11  »Woge«  (Düntzer), 
29,  5  »nur«,  44,  28  »er«,  135,  6  »enthielt«,  149,  11  »worden« 
(Düntzer)  und  die  den  Sinn  berührende  Interpunction  179,6. 
Einigemal  geschah  es  auf  Grund  des  in  den  »Paralipomena« 
mitgetheilten  oder  erwähnten  handschriftlichen  Materials ; 
so  bei  »den«  107,  4  und  der  Form  einiger  Eigennamen.  Vgl. 
noch  die  Bemerkung  über  »berühmte«  143,  21  in  der  2.  Abth. 
S.  45  und  zu   148,  II   ebenda  S.  46. 

Der  Inhalt  der  Paralipomena  beweist  in  Verbindung  mit 
den  Notizen  in  den  Tagebüchern  (Weim.  Ausg.  III  5,  126  ff., 
vom  17.  August  1814  bis  Ende  1816),  daß  auch  diesen  Auf- 
sätzen, ähnlich  wie  es  Harnack  in  diesem  Jahrb.  XXII,  292 
von  dem  im  49.  Bande  veröffentlichten  sagt,  ein  reichliches 
Maaß  von  Mühe  und  Fleiß  zu  Theil  geworden  ist.  Das  gilt 
auch  für  den  über  das  Rochusfest,  der  übrigens  auch  ohne  das 
die  Sorgsamkeit  in  Anlage  und  Einkleidung  nicht  verkennen 
lassen  würde,  und  es  ist  für  die  dichterische  Composition 
nicht  ohne  Interesse  zu  sehen,  wie  Goethe  einige  Tage  nach 
der  ersten  Arbeit  an  diesem  Stücke,  am  31.  August  18 14, 
sich  die  Verse  über  die  Kartoffel  in  sein  Heft  einträgt,  die 
er  also,  wie  es  scheint,  in  diesen  Tagen  erst  kennen  lernte, 
die  dann  aber,  um  eine  Schlußzeile  vermehrt,  in  Verbindung 
mit  den  Bauernregeln  Eingang  in  den  Aufsatz  (35,  21  ff.)  ge- 
funden haben  (vgl.  Tagebücher  zum  21.  und  22.  Juli  1816). 
Der  Einsicht  in  des  Dichters  Verfahren  soll  es  auch  dienen, 
wenn  das  Verhältniß  seines  Textes  zu  den  in  großem  Um- 
fang wörtlich  benutzten  Mittheilungen  der  Freunde  Sulpiz 
Boisseree.  Christian  Schlosser  und  Carl  Caesar  von  Leonhard 

iS* 


276  Bibliographie. 


in   den  Paralipomena    ausführlicher,    als    es    unbedingt  noth- 
wendig  gewesen  wäre,  vor  Augen  geführt  wird. 

Zum  Schluß  sei  berichtigt,  daß  Paralipomena  II,  3  von  5 
Briefen  die  Rede  sein  sollte ;  durch  ein  unliebsames  Versehen 
ist  der  letzte,  vom  21.  Dezember,  unerwähnt  geblieben. 

J.  Franck. 


Ueber    den    weiteren  Inhalt    des  Bandes    und   den    zuge- 
hörigen größten  Theil  von  34"  würde  ausführlicher  Auskunft 
zu    ertheilen    sein,    als    an    dieser    Stelle    möglich    ist.     Die 
Eigenart    der   bezüglichen  Stücke   erheischte  eine  eingehende 
geschichtliche    und   kritische   Einführung   im  Zusammenhange 
der  Ausgabe.     Ich  habe    dieselbe    in    34"    auf  Seite  49—60 
gegeben  für  die   »Reise  in  die  Schweiz   1797,    bearbeitet  von 
Joh.    Peter   Eckermann«;    auf  S.    141  — 148    ebenda    für    die 
bisher  nur  dem  Namen  nach  bekannten  »Italiänischen  Collec- 
taneen«,  einen  Fascikel  mit  der  Aufschrift :  »Vorbereitung  zur 
zweiten    Reise    nach    Italien«     1795,   1796.     Der  Bearbeitung 
Eckermanns  gegenüber  ist  der  Standpunkt  gewiesen  einerseits 
durch    die    von   mir  ermittelte  Thatsache,    daß    sie    durchaus 
nach  Goethes  Tod  vorgenommen  ist,  nämlich  vom  11.  Oktober 
bis  II.  Dezember  1832,  andererseits  durch  den  zwar  mißlichen» 
jedoch    von    uns    zu  respectirenden  Begriff  einer  Substitution 
bei    geistiger    Arbeit,    auf    dem    Eckermanns   Bestallung    ala 
literarischer     Testamentsvollzieher    fußt.      Der    Bestand    der 
drei  starken  Fascikel,  aus  denen  er  die  Schweizer  Reise  redi- 
girt    hat,    ist    in  Regestenform    unter    die  Paralipomena  auf- 
genommen.    Der  Band  »Vorbereitung«,    dessen  Anschluß    an 
die  »Paralipomena«  ich  angeordnet  habe,  wird  noch  manchen 
Forscher  beschäftigen.     Diese  Vorbereitung  auf  die  Reise  hat 
Methode,    Goethe    hat  es  damit   genau  genommen.     Man  ist 
berechtigt,    dieses    vorbildliche  Stück    als  das  Paralipomenon 
nicht  eines  einzelnen  Werkes,    sondern  einer  ganzen  Periode 
zu  bezeichnen.     So  habe  ich  es  in  dem  einführenden  Kapitel 
charakterisirt.     »Goethes  zweite  Reise  in  die  Schweiz  (1779) 
wollte  Wieland  seinen  besten  »Dramata«  gleichstellen,  andere 
priesen  sie  als  »Epopee«.     In  der  Zeit  der  Vollreife   beginnt 
Goethe  seine  Epopöen  und  Dramen,    die  »Achilleis«  wie  die 
»Natürliche    Tochter«,    mit    sorgfältiger    Schematisirung.     So 
entwirft   er   nun  auch  Reiseschemata   und  übt  sich,   Erlebtes, 
Geschehenes,    Gesammeltes    unter  praktische  und  ideelle  Ge- 
sichtspunkte   zu    ordnen,    immer    auf   den    inneren  Sinn   der 
Dinge    gerichtet.     Dahin    zielt   das  Motto  des  Bandes:  Ol  he 
civOpujTroi  eK  tüjv  qpavepojv  tu  dcpavfj  aKeTTTeaGai  gOk  eTTiaravTai 
(Hippocrates).     Das  Unsichtbare,    um    dessen    Erkenntniß    es. 


BiBLIOGUAI'HIE.  277 


sich  handelt,  ist  der  »Genius«  der  Nation  und  des  Landes. 
Auch  »Seele  des  Volks«  sagte  man  ja  damals  schon.  Im 
höheren  Alter  eignet  sich  Goethe  das  Wort  des  Cardanus 
an:  »Natura  infinita  est;  sed  qui  symbola  animadverterit, 
omnia  intelliget«.  Symbola  sind  die  begrenzten  und  darum 
greifbaren,  begreiflichen  Einzelerscheinungen,  die  als  Typen 
den  inneren  Sinn  einschließen  und  offenbaren«. 

In  dem  Summarium  oben  (S.  273)  bin  ich  als  »Redactor« 
der  Bände  34',  34"  aufgeführt.  Das  mimus  rcdactorium  — 
nach  dem  Schematismus  der  Weimarischen  Ausgabe  —  deckt 
sich  indessen  keineswegs  mit  meiner  Leistung  in  diesem  Falle, 
dieselbe  reicht  nach  allen  Seiten  über  den  üblichen  Antheil 
hinaus,  in  dem  Maße,  wie  es  die  Schwierigkeiten  der  kritischen 
Grundlegung  erheischten.  Fragen  der  höheren  Kritik  waren 
zu  erledigen,  die  in  jeder  Rücksicht  befriedigend  zu  lösen  nur 
bei  wiederholter  intensiver  Beschäftigung  mit  den  Vorlagen 
möglich  war.  Eine  Reihe  von  Jahren  hat  mich  die  Lösung 
neben  meinen  übrigen  Aufgaben  beschäftigt,  und  ich  bin 
meinestheils  sicher,  das  Rechte  gefunden  zu  haben.  Die  Aus- 
führung habe  ich  auf  jedem  Schritte  begleitet,  nicht  als  Auf- 
seher, sondern  zuthätig  mitarbeitend.  Auch  bei  andern  Stücken, 
die  verantwortungsvoller  Vorarbeit  und  kritischen  Unterbaues 
bedurften  (ich  nenne  die  Achilleis)  habe  ich  über  das  ge- 
wöhnliche Maß  hinaus  eingegriffen  und  zugegriffen,  nirgends 
aber  in  solchem  Grade  wie  hier.  B.  Suphan. 


Band  41  faßt  in  seinen  beiden  Abtheilungen,  die  erste 
im  Jahre  1902,  die  zweite  1903  ausgegeben,  die  Aufsätze  und 
Notizen  zur  Literatur  zusammen,  die  Goethe  im  »Morgen- 
blatt für  gebildete  Stände«  und  in  »Kunst  und  Alterthum« 
veröffentlicht  hat. 

Goethes  Mitarbeit  am  »Morgenblatt«,  so  weit  sie  für  uns 
in  Betracht  kommt,  fällt  mit  wechselnder  Lebhaftigkeit  in 
die  Jahre  1807  (zwei  Aufsätze),  1809  (ein  Aufsatz),  181 5  (vier 
Aufsätze),  1816  (fünf  Aufsätze) ;  sie  hat  unmittelbar  die  Be- 
theiligung an  der  »Jenaer  Allgemeinen  Literaturzeitung«  ab- 
gelöst (Bd.  40):  der  letzte  Beitrag  literarhistorischen  Inhalts, 
den  Goethe  dieser  seiner  eigenen  Schöpfung  überlassen  hat, 
war  der  Bericht  über  Joh.  von  Müllers  Rede  »La  gloire  de 
Frederic«  gewesen,  und  eine  vollständige  Uebersetzung  eben 
derselben  Rede  ist  Goethes  erste  Mittheilung  an  die  Cottasche 
Neugründung.  Zu  eigentlich  literarhistorischen  Studien  und 
Essays  ist  das  »Morgenblatt«  freilich  von  Goethe  nur  spärlich 
benutzt  worden:  es  brachte  den  Aufsatz  »Don  Ciccio«,  weil  er 
durch  eine  Miscelle  einer  der  vorigen  Nummern  hervor- 
gerufen worden  war,    und  die  Abhandlung  »Shakespeare  und 


278  Bibliographie. 


kein  Ende!«,  die  an  eine  Stelle  der  vorhergehenden  Betrach- 
tung theatergeschichtlicher  Richtung  »Ueber  das  deutsche 
Theater«  anknüpft  (Bd.  40,  S.  105,  13—19),  diese  aber  auch 
nur  zu  zwei  Dritteln,  der  Schluß,  gerade  der  an  jener  Stelle 
angekündigte  Abschnitt,  »Shakespeare  als  Theaterdichter«, 
wurde,  ob  zwar  vollendet,  zurückgelegt.  Dagegen  hat  Goethe, 
gemäß  seiner  Absicht,  Auskunft  über  sich  selbst,  über  seine 
Leistungen  und  Pläne  zu  geben,  das  »Morgenblatt«  vielfach 
für  Selbstanzeigen  in  Anspruch  genommen  (»Jakob  Philipp 
Hackert«,  »Wahlverwandtschaften«,  »Epimenides  Erwachen«, 
»Wanderjahre«,  »West-östlicher  Divan«,  die  zweite  Cottasche 
Gesammtausgabe).  Eine  Mittelstellung  nehmen  die  Aufsätze 
»Ueber  die  Entstehung  des  Festspiels  zu  Ifflands  Andenken« 
und  »Die  Geheimnisse«  ein,  auch  sie  Berichte  von  dem 
eigenen  Schaffen,  aber  von  schon  Vollendetem,  nicht  von 
erst  Erscheinendem,  Erläuterungen,  keine  Ankündigungen. 
Auch  noch  nach  181 6  hat  sich  Goethe  vielfach  des  Morgen- 
blattes, wenigstens  des  Intelligenzblattes  dazu,  bedient,  um 
auf  die  Hefte  seiner  späteren  periodischen  Veröffentlichungen 
hinzuweisen,  da  jedoch  diese  Anzeigen  sich  lediglich  auf  nackte 
Inhaltsangaben  beschränken,  so  durfte  ein  Abdruck  unter- 
bleiben (eine  Probe  wird  Bd.  42  \  S.  210  gegeben). 

Nach  Ausgabe  des  Bandes  41 '  brachte  Max  Morris  unter 
der  Ueberschrift  »Verschollenes  von  Goethe«  im  »Euphorion«, 
Bd.  9,  S.  657 — 658  aus  der  Nr.  231  des  »Morgenblattes«  vom 
26.  September  1807  einen  Aufsatz  zum  Abdruck,  der  den 
Einzug  des  Erbprinzen  und  seiner  Gemahlin  in  Weimar  am 
12.  September  schildert,  der  aber  zu  wenig  von  Goetheschem 
Geist  und  Ton  enthält,  als  daß  selbst  gewichtigere  äußere 
Gründe,  denn  Morris  für  Goethes  Verfasserschaft  anführt,  über 
diesen  Mangel  beruhigen  könnten. 

Mit  dem  Jahre  181 7,  mit  dem  dritten  Hefte  des  ersten 
Bandes,  setzen  die  literarhistorischen  Aufsätze  aus  »Kunst 
und  Alterthum«  ein.  Mannichfaltig  an  Umfang  und  Werth, 
an  Zweck  und  Tendenz,  eingehende  Charakteristiken  wechselnd 
mit  aphoristischen  Bemerkungen,  zuweilen  lebhaft  erregter 
Antheilnahme  entsprungen,  meist  aber  Ausflüsse  der  ruhigen 
abgeklärten  Weisheit  des  zunehmenden  Alters,  so  ziehen 
sich  diese  Betrachtungen,  oft  sich  mit  einander  verflechtend, 
vielfach  zurückweisend,  in  stetiger  Folge  bis  zum  Jahre  1828, 
zum  zweiten  Hefte  des  sechsten  Bandes;  in  weiter  Umschau 
über  das  Schriftthum  der  Völker  und  Zeiten  treten  sie  mehr 
und  mehr  in  den  Dienst  der  Lieblingsvorstellung  Goethes, 
der  erhabenen  Vorstellung  einer  Weltliteratur.  Das  dritte 
Heft  des  sechsten  Bandes  ist  aus  Goethes  Nachlaß  1832  von 
den  »Weimarischen  Kunstfreunden«  zusammengestellt  worden  ; 
um  die  bibliographische  Vollständigkeit  zu  wahren,    sind  die 


Bibliographie.  279 


drei  Aufsätze  literarischer  Beziehung,  die  es  enthält,  aus  der 
ganzen  Reihe  nicht  abgelöst  worden  (41",  S.  361 — 378); 
doch  ist  die  textliche  Gestalt,  die  ihnen  die  Herausgeber 
gegeben  haben,  für  uns  nicht  maßgebend  gewesen. 

Bisher  Ungedrucktes  enthält  der  Text  der  Bände  41' 
und  41"  nicht,  wohl  aber  manches,  was  bisher  entweder 
gar  nicht  oder  doch  nicht  im  Zusammenhang  der  »Aufsätze 
zur  Literatur«  in  die  Werke  aufgenommen  worden  war.  Aus 
dem  Kreise  des  »Morgenblattes«  kommt  hier  in  Betracht  die 
»Ankündigung  einer  neuen  Ausgabe  von  Goethes  Werken« 
(41',  S.  80  — 85),  aus  »Kunst  und  Alterthum« :  »Ankündigung 
des  west- östlichen  Divans  und  des  Maskenzuges  vom 
18.  December  1818«  (ebenda  S.  132),  »Aufklärung«  (41", 
S-  73-  74),  und  von  den  Notizen,  die  Goethe  mehrfach  unter 
^em  Titel  »Einzelnes«  zusammengefaßt  hat,  Bemerkungen 
über  Shakespeare  und  Schweinichen  (»Einzelnes  [I]«,  ebenda 
S.  93),  über  Medwins  »Gespräche  mit  Byron«  (»Einzelnes  [II]«, 
ebenda  S.  154),  über  Shakespeare  (»Einzelnes  [III]«,  ebenda 
S.  168).  Als  Anhang  erscheint  Zelters  Aufsatz  »Joseph  Haydns 
Schöpfung«  (ebenda  S.  381—386,  aus  »Kunst  und  Alter- 
thum« V,  3);  Goethe  hat  den  Text,  wie  er  ihm  von  dem 
Freunde  eingesandt  worden  war,  einer  so  intensiven  stilistischen 
Ueberarbeitung  unterzogen,  daß  er  auf  die  endgültige  Form 
fast  eben  so  großen  Anspruch  erheben  kann  als  der  eigent- 
liche Verfasser.  In  den  Lesarten  endlich  werden  einige  Nach- 
träge zu  den  »Schriften  zur  Kunst«,  Bd.  49'  und  ",  mit- 
getheilt  (41 ',  S.  474.  482).  Umgekehrt  sind  ausgeschieden 
worden  die  ethisch-abstracten  Reflexionen :  »Bedenklichstes« 
(»Kunst  und  Alterthum«  II,  3,  S.  79.  80)  und  »Verhältniß, 
Neigung,  Liebe,  Leidenschaft,  Gewohnheit»  (ebenda  VI,  i, 
S.  56  —  58),  die  mit  den  Maximen  in  Bd.  42"  vereinigt 
werden  sollen. 

Die  Anordnung  ist  chronologisch  nach  der  Zeit  des 
Erscheinens,  wobei  jedoch  zu  bemerken  ist,  daß  Aufsätze, 
deren  einzelne  Abschnitte  zu  verschiedenen  Zeiten  gedruckt 
worden  sind,  zu  einem  fortlaufenden  Ganzen  zusammen- 
gezogen auftreten  (»Ilias«  41',  S.  266 — 327;  »Oeuvres  dra- 
matiques  de  Goethe,  traduites  de  l'allemand«  41 ",  S.  177  — 198); 
es  kommt  dies  namentlich  in  Betracht  bei  »Shakespeare  und 
kein  Ende !«,  wo  sich  das  letzte  Drittel,  aus  »Kunst  und 
Alterthum«  V,  3  stammend,  vereinigt  hat  mit  den  beiden 
ersten,  die  mehr  denn  elf  Jahre  früher  im  »Morgenblatt«  er- 
schienen sind. 

Bei  der  Gestaltung  des  Textes  mußte  berücksichtigt 
werden,  welche  Aufsätze  Goethe  selbst  in  die  Ausgabe  letzter 
Hand  aufgenommen  habe.  Von  über  hundertundfünfzig  Bei- 
trägen sind  es  nur  acht  gewesen,   alle  auf  italienische  Literatur 


28o  Bibliographie. 


bezüglich,  die  in  C^C  (Bd.  38)  Eingang  gefunden  haben, 
aus  dem  »Morgenblatt«  einer:  »Don  Ciccio«  (41',  S.  72  —  78), 
die  übrigen  aus  »Kunst  und  Alterthum« :  »Classiker  und 
Romantiker  in  Italien«  (ebenda  S.  133  — 143),  »H  conte  di 
Carmagnola«  (ebenda  S.  195  —  214),  »II  conte  di  Carmag- 
nola«  (ebenda  S.  231,  232),  »Indicazione  di  cio  che  nel  1819 
si  e  fatto  in  Italia  intorno  alle  lettere«  (ebenda  S.  233  —  237), 
»Francesco  Ruffa«  (ebenda  S.  238  —  240),  »Graf  Carmagnola 
noch  einmal«  (ebenda  S.  340 — 349),  »Manzoni  an  Goethe« 
(41",  S.  II  — 13).  Für  diese  acht  war  der  Wortlaut  von  C 
bindend;  für  alle  übrigen  geht  unser  Text  von  dem  ersten 
Drucke  (y)  aus,  und  wenn  auch  für  sie  die  Lesungen  genau 
registrirt  werden,  die  sie  in  den  Nachlaßbänden  C^C  45.  46. 
49.  60  durch  Riemer-Eckermann  erhalten  haben,  so  geschieht 
es  nicht  des  seltenen  textkritischen  Werthes  derselben  wegen, 
sondern  um  Schritt  vor  Schritt  zu  zeigen,  wie  die  Herausgeber 
des  Nachlasses  mit  Goethes  Text  verfahren  sind.  Im  Einzelnen 
mußten  vielfach  Textverderbnisse,  die  sich  aus  dem  ersten 
Drucke  bis  in  die  jüngsten  Ausgaben  fortgepflanzt  hatten, 
beseitigt  werden;  als  besonders  besserungbedUrftig  erwies  sich 
die  Fassung  des  »Morgenblattes«.  In  weitaus  den  meisten 
Fällen  war  es  eine  handschriftliche  Grundlage,  wodurch  die 
Reinigung  des  Textes  möglich  wurde. 

Das  Handschriftetimatcrial  zu  Bd.  41  wird  im  Goethe- 
und  Schiller- Archiv  bewahrt;  ein  Manuscript  zu  »Idees  sur 
la  Philosophie  de  l'histoire  de  l'humanite  par  Herder,  tra- 
duites  par  Quinet«  (41",  S.  345)  befindet  sich  im  Besitze  von 
Max  Morris,  der  das  Blatt  dem  Bearbeiter  zur  Verfügung  ge- 
stellt hat  —  auch  an  dieser  Stelle  sei  ihm  dafür  gedankt; 
die  Reinschrift  zur  »Ankündigung  einer  neuen  Ausgabe  von 
Goethes  Werken«  (41 ',  S.  80 — 85)  ist  Eigenthum  der 
Cottaschen  Buchhandlung  und  war  in  älterer  Copie  zu- 
gänglich. Bei  den  Aufsätzen  zum  »Morgenblatt«  konnte  nur 
zur  Bearbeitung  der  Anzeige  »Jakob  Philipp  Hackert«  (41', 
S.  22  —  2>2))  handschriftliche  Unterstützung  nicht  herangezogen 
werden,  für  die  übrigen  liegen  Ausfertigungen  vor,  die  als 
die  ersten  zusammenhängenden  Niederschriften  zu  betrachten 
sind,  zumeist  gesammelt  in  ein  besonderes  Actenstück :  »Mit- 
theilungen ins  Morgenblatt«,  aber  auch  auf  andere  Fascikel 
vertheilt  oder  lose  für  sich  bestehend.  Von  der  gedruckten 
Fassung  weichen  diese  Handschriften  zumeist  stark  ab;  da- 
neben existiren  bei  einigen  Aufsätzen  nach  dem  Drucke  her- 
gestellte Abschriften,  wahrscheinlich  entstanden  im  Hinblick 
auf  C^C.  Besondere  Beachtung  beanspruchen  die  Hand- 
schriften zu  der  Uebersetzung  »Friedrichs  Ruhm«  ;  ihr 
ursprünglicher  Charakter,  ihre  weitere  Entwicklung  legen  die 
Vermuthung  nahe,  daß  die  Uebersetzung  im  ersten  Entwürfe 


BiBLIOüRAPHU:.  281 


von  Riemer  stamme.  In  den  Lesarten  zu  den  Beitragen  zum 
»Morgenl)latt«  erscheint  als  Paralipomenon  jener  Brief  des 
Königsberger  Studentenkränzchens,  durch  den  Goethe  zu 
seinem  Commentar  über  die  »Geheimnisse«  veranlaßt  worden 
ist,  den  Goethe  stilistisch  zu  überarbeiten  begonnen  hat,  viel- 
leicht weil  er  ihn  in  seinem  Aufsatze  mitzutheilen  beab- 
sichtigte. In  dieser  redigirten  Fassung  gelangt  er  in  unserem 
Bande  (41',  S.  451—453)  zum  Abdruck,  die  Lesarten  aber 
gestatten  die  Wiederherstellung  des  ursprünglichen  Wortlauts, 
so  daß  hier  zum  ersten  Male  das  Original  bekannt  wird, 
nachdem  das  Concept  dazu  bereits  von  Rudolf  Haym  in  den 
»Preußischen  Jahrbüchern«  (Bd.  21,  S.  354  ff.)  veröffentlicht 
worden  war. 

Sehr  spärlich  fließen  diesem  Reichthum  gegenüber  die 
Quellen  handschriftlicher  Ueberlieferung  für  die  elf  ersten 
in  Betracht  kommenden  Hefte  von  »Kunst  und  Alterthum« 
(I,  3  bis  V,  i).  Hier  sind  hervorzuheben:  ein  Manuscript 
zum  Auszug  aus  der  »Ilias«  (41  ',  S.  266 — 327).  den  Inhalt 
der  ersten  neun  Gesänge  umfassend,  offenbar  Rest  der  ersten 
Niederschrift  aus  dem  Jahre  1798,  von  der  gedruckten  Fassung 
weit  abstehend;  ein  solches  zu  »Phaethon«,  (41",  S.  32-47), 
die  Verdeutschung  der  von  Hermann  182 1  veröffentlichten 
Fragmente;  ein  solches  zu  »Cain«  (ebenda  S.  94  —  99),  die 
Uebertragung  der  Polemik  des  »Moniteur«  gegen  die  un- 
gerechte Beurtheilung  »Cains«  durch  den  französischen  Ueber- 
setzer  Fahre  d'Olivet.  Und  von  diesen  drei  Handschriften 
stammen  die  beiden  letzten  nicht  einmal  von  Goethe  selbst, 
die  Arbeit  an  »Phaethon«  hat  Göttling,  die  an  dem  Artikel  des 
»Moniteur«  der  Kanzler  von  Müller  geleistet.  Klein  an  Zahl 
und  gering  an  Umfang  sind  auch  die  Paralipomena  dieser 
Epoche,  aber  inhaltlich  nicht  ohne  Bedeutung:  Betrachtungen 
über  »Deutsche  Sprache«  und  den  Purismus,  frühe  Vorarbeiten 
zu  der  Ausgabe  letzter  Hand,  Verssplitter  zur  Reconstruction 
des  »Phaethon«,  vor  allem  zwei  Aufsätze,  die  als  Einleitungen 
zu  dem  Auszug  aus  der  »Ilias«  gedacht  gewesen  sind. 

Erst  vom  zweiten  Hefte  des  fünften  Bandes  von  »Kunst 
und  Alterthum«,  von  dem  Aufsatz  »Serbische  Lieder«  (41", 
S.  136  — 153)  an  liegt  wieder  eine  stetige  Folge  der  Hand- 
schriften vor:  außer  der  philologischen  Notiz  über  »Charon 
und  Chams«  (ebenda  S.  167),  die  möglicherweise  von  Riemer 
redigirt  ist,  entbehrt  keine  der  literarisch-kritischen  Ver- 
öffentlichungen in  »Kunst  und  Alterthum«  dieser  Cirundlage 
zur  Herstellung  eines  sicheren  Textes,  ja  bei  den  meisten 
konnten,  sei  es  für  das  Ganze,  sei  es  für  einzelne  Abschnitte, 
mindestens  zwei  Handschriften,  bei  vielen  drei  und  mehr  be- 
nutzt werden.  Für  die  Aufsätze  vom  dritten  Hefte  des 
fünften  Bandes  an,  beginnend  mit  »Einzelnes  [III]«  (S.   168), 


282  Bibliographie. 


stand  sogar  das  Druckmanuscript  zur  Verfügung,  für  die  Ge- 
sammtheit  aber  der  drei  letzten  Bände,  für  den  gesammten 
Text  von  41 "  haben  sich  die  Correcturbogen  erhalten,  in 
die  Goethe  und  Riemer  an  vielen  Stellen  Aenderungen, 
Besserungen  eingetragen  haben.  Eben  diese  Correcturbogen 
haben  vor  allem  die  Möglichkeit  geboten,  den  Wortlaut 
Goethes  letzter  Absicht  gemäß  zu  gestalten  ;  denn  oft  genug 
sind  Goethes  neue  Fassungen  versehentlich  im  Reindruck  von 
»Kunst  und  Alterthum«  nicht  durchgeführt  worden.  Auch 
für  Paralipomena  war  aus  den  Handschriften  reiche  Ausbeute 
zu  gewinnen,  ganz  abgesehen  von  bloßen  Schemata.  Aeltere 
Bearbeitungen  eines  nachträglich  anders  behandelten  Themas 
finden  sich  zu  »Raumer,  Geschichtliche  Entwicklung  der 
Begriffe  von  Recht,  Staat  und  Politik«  (S.  216)  und  zu  »Win- 
dischmann, Ueber  etwas  das  der  Heilkunst  Noth  thut«  (S.  161, 
162),  die  letztere  besonders  bemerkenswerth  wegen  ihrer 
ironischen  Schärfe;  für  den  Druck  ausgeschiedene  Partien 
liegen  vor  zu  dem  »Cours  de  litterature  grecque  par  Rizo 
Neroulos  (S.  315  —  323)  und  in  dem  interessanten  Versuch 
der  Uebersetzung  einer  Stelle  aus  dem  »Livre  des  Cent-et-un« 
(S.  363  —  374),  das  Schicksal  der  Charlotte  Corday  behandelnd; 
auch  die  Uebertragung  aus  den  »Bacchantinnen  des  Euripides« 
(S.  237  —  242)  wird  durch  weitere  Verse  ergänzt.  Verschiedene 
solcher  Stücke  sind  von  den  Herausgebern  des  Nachlasses 
mehr  oder  weniger  überarbeitet  wieder  mit  den  Aufsätzen 
vereinigt  worden,  von  denen  sie  Goethe  abgetrennt  hatte 
(»Cours  de  litterature  grecque«;  »Dainos  von  Rhesa«;  »La 
Guzla»).  x\ls  vollendete  oder  doch  nahezu  vollendete  Arbeiten 
erscheinen  Abhandlungen  über  »Danz,  Lehrbuch  der  neueren 
christlichen  Kirchengeschichte«  (S,  508,  509)  und  über  »Ser- 
bische Literatur«  (S.  463—469);  zu  einem  umfangreichen 
Schema  über  »Volkslieder  der  Serben«,  das  bereits  aus  den 
Nachgelassenen  Werken  bekannt  war  (42',  S.  250  —  254),  wird 
der  Beginn  der  Ausarbeitung  mitgetheilt  (42  ',  S.  248,  249). 
Nur  zuweilen  hat  der  kritische  Apparat  es  sich  nicht 
versagt,  den  Beziehungen  nachzugehen,  in  denen  einzelne 
Aufsätze  zu  sonstigen  schriftlichen  Aeußerungen  Goethes  in 
seinen  Briefen  an  Knebel,  Carlyle  und  andere  stehen,  oder 
nachzuweisen,  wo  seine  Aussprüche  und  Urtheile  durch  die 
Worte  Fremder  hervorgerufen  und  beeinflußt  worden  sind. 
Als  Nachtrag  wird  (in  Bd.  42')  der  Brief  Göttlings  vom 
3.  August  1826  abgedruckt,  aus  dem  ein  großer  Abschnitt 
aus  »Euripides  Phaethon«  (41",  S.  243  —  246)  geflossen  ist; 
daß  mit  jener  »geistreichen  Freundin«,  deren  Aeußerung  Goethe 
am  Schlüsse  seiner  Besprechung  des  »Cain«  (S.  99)  mittheilt, 
nach  »Henriette  Ottilie  Ulrike,  Majorin  Freifrau  von  Pogwisch. 
Weimar  1852«,  S.  27,    die   Mutter   Ottiliens   von  Goethe   ge- 


Bibliographie.  283 


meint  sei,  weist  mir  Herr  L.  Mackall  nach.  Die  Originale 
zu  Goetheschen  Uebersetzungen  sind  zumeist  ermittelt  worden; 
hervorgehoben  werde  in  diesem  Betracht  der  Aufsatz  »Aus 
dem  Französischen  desGlobe«  (S.  228  —  234).  Die  Tagebücher 
wurden  in  der  Regel  nur  da  herangezogen,  wo  mit  ihrer 
Hülfe  Entstehung  und  Chronologie  der  Handschriften  aus- 
gemittelt  werden  konnte.  Die  Ueberfülle  des  Materiales, 
das  namentlich  für  die  letzte  Hälfte  von  41"  zu  verarbeiten 
war,  machte  Beschränkung  auf  das  Unentbehrliche  zur  Pflicht. 
Dennoch  ist  der  Apparat  zu  ungewöhnlichem  Umfang  an- 
geschwollen: ganz  dem  Bande  41"  einverleibt,  hätte  er 
diesen  zu  unhandlichem  Wälzer  gemacht.  Die  Lesarten  zu 
dem  letzten  Drittel  des  Textes,  41",  S.  252  —  386,  mußten 
dem  Bande  42  zugewiesen  werden,  wodurch  sich  freilich  die 
Nothwendigkeit  ergab,  auch  Band  42  in  zwei  Unterabtheilungen 
zu  zerlegen,  doch  war  der  Stoff  solcher  Trennung  günstig. 
Band  42'  enthält  nunmehr  die  Aufsätze,  die  neben  den, 
früheren  Bänden  zuzuweisenden  Arbeiten  noch  zu  Goethes 
Lebzeiten  erschienen  sind.  Band  42"  wird  den  eigentlichen 
Nachlaß  und  die  »Reflexionen  und  Maximen«  bringen. 

Band  42^  wird  eröffnet  durch  Beiträge  zu  verschiedenen 
Zeitschriften  aus  den  Jahren  1820 — 1830.  Solcher  Zeit- 
schriften kommen  nur  drei  in  Frage :  das  »Archiv  der  Ge- 
sellschaft für  ältere  deutsche  Geschichtskunde«  (drei  Auf- 
sätze), die  »Kritische  Predigerbibliothek«  von  Röhr  (ein  Auf- 
satz), die  Berliner  »Jahrbücher  für  wissenschaftliche  Kritik« 
(zwei  Aufsätze).  Bisher  noch  nicht  in  die  Werke  aufgenommen, 
wenn  auch  schon  (nach  dem  ('oncept)  gedruckt,  war  der 
Bericht  über  ein  »Lob-  und  Spottgedicht  auf  König  Rudolph« 
(S.  5,  6j.  Handschriftliches  Material  stand  bei  jedem  Aufsatz 
zur  Verfügung,  an  Schemata  fehlt  es  nicht;  bei  Gelegenheit  der 
umfangreichen  Besprechung  der  »Monatschrift  der  Gesellschaft 
des  vaterländischen  Museums  in  Böhmen«  (S.  20 — 54),  in  der 
durch  den  Druck  kenntlich  gemacht  ist,  was  Varnhagen  an 
zusammenhängenden  Abschnitten  beigesteuert  hat,  sind  als 
Paralipomena  Zeugnisse  der  »böhmischen  Studien«  Goethes 
theils  erwähnt,  theils  abgedruckt. 

An  zweiter  Stelle  enthält  Band  42  '  Ankündigungen  und 
Geleitworte,  Aufsätze,  in  denen  Goethe  fremde  Arbeiten  bei 
den  I>esern  einführte  oder  das  Publicum  auf  die  Ausgabe 
letzter  Hand,  auf  die  Zusammenfassung  seiner  gesammten 
dichterisch- wissenschaftlichen  Thätigkeit  vorbereitete.  Neu 
aufgenommen  ist  hier  die  Anzeige  der  Oper  »Agnese«  (S.  67 
bis  70),  die  Karl  Schüddekopf  aufgefunden  und  bekannt 
gegeben  hat  (»Weimarische  Zeitung«  22.  Dezember  1900); 
die  Widmung  des  Goethe-Schillerschen  Briefwechsels  an  den 
König  von  Bayern  durfte  nicht  übergangen  werden,    ebenso- 


284  Bibliographie. 


wenig  die  »Zweite  i\nzeige  von  Goethes  sämmtlichen  Werken« 
(S.  121  — 123),  deren  von  Cotta-Boisseree  stammende  Fassung 
Goethe  durchgesehen  und  überarbeitet  hat.  Mehrfach  hat 
Goethe  bei  seinen  Vorreden  auf  ältere  Arbeiten  zurückgegriffen, 
aber  nie,  ohne  diese  nicht  vorher  größerer  oder  geringerer 
Revision  zu  unterziehen.  Das  gilt  auch  von  den  Aufsätzen 
über  Manzoni,  die  ihr  Verfasser  aus  dem  ersten  Druck  in  »Kunst 
und  Alterthum«  heraus  zu  seiner  Einleitung  der  Frommannschen 
Manzoni -Ausgabe  vereinigt  hat.  Dagegen  mußte  das  Vorwort 
zu  der  in  Breslau  erschienenen  Uebersetzung  des  »Don  Alonzo« 
von  Salvandy  ausgeschlossen  bleiben;  denn  wie  Bd.  41", 
S.  432,  433  nachgewiesen  wird,  hat  Goethe  mit  diesem  Neu- 
druck seines  aus  »Kunst  und  Alterthum«  stammenden  Auf- 
satzes nichts  zu  thun. 

Unser  Text  geht  im  ganzen  Bande  von  dem  ersten 
Drucke  aus,  so  weit  Goethe  nicht  das  eine  oder  andere  Stück 
selbst  in  C^C  aufgenommen  hat.  Das  aber  ist  der  Fall  nur 
bei  jenen  Partien  der  Vorrede  zu  Manzoni,  die  nicht  aus 
»Kunst  und  Alterthum«  stammen.  »Manzoni  an  Goethe«, 
Original  (S.  165  — 167),  und  die  Besprechung  des  »Adelchi« 
(S.  170 — 181),  sie  sind  in  Bd.  38  mit  den  übrigen  Abhand- 
lungen über  Manzoni  verbunden  worden,  und  für  sie  war 
nach  dem  Grundsatz  der  Weimarer  Ausgabe  die  Gestaltung 
von  C'C  maßgebend.  Die  Handschriften  fanden  bei  der 
Festsetzung  des  Wortlautes  gebührende  Berücksichtigung;  mit 
ihrer  Hülfe  konnten  manche  Textverderbnisse  beseitigt 
werden.  Von  Paralipomenis  verdienen  Erwähnung:  ein  Nach- 
wort zur  »Inschrift  von  Heilsberg«  fS.  75  —  76),  Vorstufen  zu 
dem  Inhaltsverzeichniß  in  der  Ankündigung  der  Ausgabe  letzter 
Hand,  eine  Anzeige  der  Manzoni-Ausgabe.  Ergänzungen  zu 
»Beitrag  zum  Andenken  Lord  Byrons«  (S.  100 — 104),  von 
Brandl  bereits  im  Goethe-Jahrbuch  XX.  22.  23  als  zusammen- 
hängendes Ganzes  gedruckt,  konnten  in  ihre  eigentlichen 
Bestandtheile  gesondert  werden.  Max  F.  Hecker. 


DRITTE  ABTHEILUXG. 
Der  von  Ferdmand  Heitmüller  bearbeitete  Band  ij 
schließt  die  Reihe  der  Tagebücher.  Bis  zum  15.  März  1832 
geht  die  regelmäßige  Eintragung;  der  Rest  vom  15.  und  eine 
kurze  Notiz  voni  16.,  wenige  Zeilen  auf  einem  Blatte,  sind 
nachträglich  eingeklebt.  Der  gedruckte  Text  umfaßt  234  Seiten, 
von  denen  auf  1831  allein  197  kommen.  Verglichen  mit  den 
179  Seiten  von  1830,  den  174  von  1829,  beweist  der  Umfang 
der  Aufzeichnungen  des  letzten  vollen  Lebensjahres,  daß  dem 
Tagebuche  eben  in  den  letzten  Zeiten  der  Stoff  etwas  reich- 
licher zugeflossen  ist.    Nicht  bloß  den  Zoll,  den  die  Ordnung 


BlBLIOGRAPHlH.  28  \ 


verlangte,  hat  Goethe  dem  stillen  Tagesgefährten  immer  fort- 
entrichtet, sondern  sich  ihm  gelegentlich  auch  mit  einiger 
Redseligkeit  mitgetheilt.  Wird  im  allgemeinen  die  geschäfts- 
mäßige Kürze  gewahrt,  so  kommt  doch  öfters  als  vordem  das 
BedUrfniß,  sich  auszusprechen,  der  Stimmung  des  Momentes 
und  der  Stunde  ihr  Recht  zu  geben,  zum  Vorschein.  In  den 
Aeußerungen  und  Urtheilen  über  die  LectUre  zumal  wird  der 
frühere  Lakonismus  mehr  und  mehr  aufgegeben.  Im  Vorder- 
grunde bleibt  das  Interesse  für  die  zeitgenössische  Literatur, 
für  Forschung  und  Kunst.  Besonders  heben  sich  heraus  \V. 
Scotts  Demonology  (i,  1—7),  Niebuhrs  Römische  Geschichte 
(2.  13—17.  21—25),  ^^-  Gazuls  Stücke  L'Occasion  und  Le  Carosse 
(9,  3— 13),  fernerLaPeaudeChagrin(i52,  28— 153,  11.  19—154,2), 
Lord  Fitzgeralds  Leben  (154,  5—7.  10—19),  C.  Lauters  Trauer- 
spiel Prinz  Hugo  (227,  14—18).  Der  Persönlichkeit  und  den 
Bohrversuchen  Glencks  gelten  lange  Ausführungen  (17,  8—19. 
262,  2.  3—51):  von  nicht  minderem  Antheil  zeugen  die  Aus- 
lassungen über  den  »kunstreichen«  Prof.  von  Seelus  (109, 
7— 9.  II  — 13.  20— 24.  HO,  19.  20.  III,  6-9.  25—27.  114,  18—25), 
sowie  über  Luise  Seidler  (139,  6  — 11).  Alit  gleicher  Stärke  und 
Lebendigkeit  äußert  sich  das  Mißfallen,  die  Ablehnung.  L^ebel 
kommt  Preller  weg  mit  seinem  aus  der  Fremde  heimgebrachten 
»neumodischen«  Schnurrbart  (79,  9—18),  und  noch  stärkere 
Entrüstung  ruft  der  »frömmelnde  Kunstwahnsinn«  etlicher 
ausDüsseldorfübersandter  Bilder  (11,  17—26.  12, 16— 26)  hervor. 
Mit  L^nmuth  wird  das  dem  Greise  Unsympathische  der  neuen  Zeit 
gekennzeichnet,  ohne  Sentimentalität  der  aus  Menzels  architek- 
tonischen Heften  ihn  anwehende  Geist  (10,  19—24)  in  eine  ver- 
wichene  Epoche  verwiesen.  Die  Leetüre  von  ZeltersBriefen  (16  ff.) 
und  Plutarchs  Biographien  (146  ff.),  die  in  Ottiliens  Gesell- 
schaft die  Abendstunden  ausfüllt,  gewährt  hohen  Genuß  (über 
Solon  147,  14—21).  Der  durch  die  Jahrhunderte  gehende  Streit 
der  Nominalisten  und  Realisten  wird  abgefunden  mit  der 
Sentenz  (148,  13—20):  »dergleichen  wird's  immer  geben,  so 
wie  Guelfen  und  Ghibellinen«.  Nachhaltigen  Antheil  ruft 
Zahns  Nachricht  von  der  bei  August  von  Goethes  Anwesenheit 
in  Pompeji  ausgegrabenen  »Casa  di  Cioethe«  auf  (229,  14—18. 
230,  5—20.  231,  6—7.  13—15.  232,  3.  4),  welcher  Durchzeich- 
nungen von  dem  darin  gefundenen  berühmten  Mosaik  der 
Alexanderschlacht  (229,  22.  25)  und  ein  genau  orientirender 
Grundriß  der  ganzen  Anlage  beigefügt  waren.  Vielleicht  die 
letzte  tiefe  Erregung  des  ganzen  Gemüthes  wie  des  inneren  Sinnes 
für  »Kunst  und  Alterthum«:  die  Zahnsche  Sendung  kam  am 
6.  März  an. 

Die  rastlose  Thätigkeit  Goethes  entspricht  seinem  körper- 
lichen Wohlbefinden.  Eine  Ausnahme  machen  nur  die  letzten 
Maitage   1S31   (81,  4—82,  16).     Das  »asiatische  Gespenst«   der 


286  Bibliographie. 


Cholera  geht  an  Weimar  vorüber ;  nur  indirect  wird  Goethe 
(durch  die  Erkrankung  von  Riemers  Sohn  in  Berlin)  in  Mit- 
leidenschaft gezogen  und  in  seiner  Arbeit  zeitweilig  gehemmt 
(141,  20 — 142,  2.  143,  20-25);  er  hört  den  Bericht  zweier 
ihm  aufwartender  Choleraforscher  an  und  findet  »besonders 
den  alten  sittlichen  Satz  bestätigt,  die  Furcht  sey  größer  als 
das  Uebel«  (159,   1-9). 

Die  Signatur  der  Thätigkeit  dieser  letzten  Jahre  ist  das 
bewußte  Hinstreben  zum  Abschluß,  zur  Vollendung.  Faust 
und  der  Biographie  4.  Band  werden  zu  Stande  gebracht  und 
mit  Ottilien  gelesen.  Erinnerungen  beleben  sich  und  führen 
in  ferne  Zeiten  zurück:  Dentzel  (9,  21  — 10,  3),  Schloss  Hassen- 
stein (21,  5  — II.  18—25),  schließlich  Ilmenau,  wo  der  Dichter 
seinen  letzten  Geburtstag  in  der  Stille  mit  den  Enkeln  begeht 
und  »die  alte  Inschrift«,  jene  Verse  im  Jagdhäuschen  auf  dem 
Kickelhahn,   »recognoscirt«  (128,  22  —  132,  7).' 

So  ist  denn  das  Haus  bestellt.  Eine  hohe  Freude,  die 
zu  erleben  er  nicht  gehofft,  ist  ihm  noch  beschieden:  »Die 
40  Bände  der  Sedez-Ausgabe  in  einer  Reihe  vor  sich  auf- 
gestellt zu  sehen«  (18,  22—25).  Testament  und  Codicill  sind 
besorgt  (3,  122.4,  16—18.  6,  13.  14.  15,  10,  24-26.  15,  21.  22). 
der  literarische  Nachlaß  geborgen,  geordnet,  und  ihm  in 
Eckermanns  und  Riemers  Person  die  Verwaltung  bestellt. 
Ueber  aller  Thätigkeit  aber  ruht  bis  zuletzt  milden  Scheines  die 
patriarchalische  Freude  am  Häuslichen,  zumal  das  innige  Be- 
hagen am  Gedeihen  der  Enkel  (16,  i.  2.  20,  18.  19.  42,  7—9. 
54,  6.  7.  77i  20.  21.  u.  a.  m.). 

»Agenda«  in  erheblichem  Umfange  aus  den  Jahren  1827 
bis  1832  sind  mit  einer  Vorbemerkung  als  Anhang  dem  Texte 
des  Bandes  beigefügt,  S.  235  —  277.  Es  bleibt  der  Einzel- 
forschung die  mühsame  und  lohnende  Aufgabe,  sie  durch- 
^ehends  chronologisch  zu  sichten  und  zu  schichten. 

F.  Heitmüller.     B.  Suphan. 


VIERTE  ABTHEILUNG. 
Ueber  Band  24  bis  26  der  Briefe  ist  zusammenfassend 
im  Goethe-Jahrbuch  XXIII,  263  berichtet  worden;  hier  folgt 
•eine  gleiche  Uebersicht  über  die  Bände  27  bis  29,  deren  letzter, 
im  Manuscript  1903  abgeschlossen,  mit  der  ersten  Serie  des 
Jahres   1904  zur  Ausgabe  gelangt.     Der  30.  Band,  gleichfalls 


'  S.  301,  302,  zu  129,  9:  Goethes  eigenhändige  Niederschrift  ent- 
hält, was  das  Datum  betrifft,  einen  Irrthuni.  Hat  er  die  Ziffer  3  un- 
richtig gelesen,  oder  sclion  als  er  181 3  am  29.  August  die  Inschrift 
renovirte,  sie  unrichtig  statt  einer  Null  ausgefüllt  -  außer  allem  Zweifel 
ist,    daß  ursprünglich  1780  gestanden  hat.     B.  Svphan. 


Bibliographie.  287 


von  Carl  Sc/iüädeJio/>/ hearhehet,  wird  Nachträge  und  Register 
zu  Band   19  bis  29  bringen. 

Band  27  der  Briefe  reicht  von  Mai  1816  bis  Februar  1S17, 
Band  28  von  März  bis  December  1817,  Band  29  von  Januar 
bis  Üctober  181S,  ein  jeder  umfaßt  also  zehn  Monate.  Die 
Bände  enthalten,  einschlielMich  der  in  den  Apparat  aufge- 
nommenen Stücke,  die  entweder  nicht  abgesandt  oder  in 
fremder  Rolle  verfaßt  wurden,  insgesammt  847  Nummern  (7384 
bis  8207).  von  denen  435,  also  mehr  als  die  Hälfte,  bisher 
ungedruckt  waren.  Rechnet  man  die  amtlichen  Schreiben 
Goethes  hinzu,  die  in  den  Lesarten  nur  kurz  nach  Fundort, 
Schreiber  und  Inhalt  verzeichnet  werden,  so  ergiebt  sich  eine 
imponirende  Masse  neuen  Materials ;  da  der  Umfang  der 
einzelnen  Jahrgänge  auch  weiter  stetig  zunimmt,  so  wird  man 
wohl  auf  insgesammt  13,000  Briefe  in  etwa  48  Bänden  rechnen 
dürfen. 

Die  Jahre  1816  bis  1818  bedeuten  für  Goethe  einen 
wichtigen  Abschnitt  zunächst  in  äußerer  Beziehung.  Auf  die 
anregenden  Reisen  der  Vorjahre  am  Rhein  und  Main,  in  dem 
wieder  befreiten  Heimathlande,  folgte  am  6.  Juni  1816 
Christianes  Tod,  der  das  Haus  am  Frauenplan  vereinsamte 
und  den  Zurückgebliebenen  weit  tiefer  erschütterte,  als  seine 
Briefe  und  Tagebücher  verraten.  Schweigend,  wie  bei  allen 
Katastrophen  seines  Lebens,  trug  er  den  Verlust  und  versuchte 
»seine  Existenz  aus  ethischem  Schutt  und  Trümmern  wieder- 
herzustellen«. Aber  eine  Wiederholung  der  Reise  nach  Baden 
mit  J.  H.  Meyer  wurde  durch  einen  Reise-Unfall  vereitelt, 
das  stille  thüringische  Bad  Tennstedt  bot  nur  einen  dürftigen 
Ersatz,  und  nach  einem  Winter  voller  Gebrechen  und  Leiden 
brachte  ihm  die  zu  Anfang  des  Jahres  181 7  übernommene 
Theaterreform  die  größten  Unannehmlichkeiten,  die  am  Tage 
nach  der  Aufführung  vom  »Hund  des  Aubri«  seine  Entlassung 
als  Intendant  herbeiführten  und  ihn  auf  längere  Zeit  aus 
Weimar  vertrieben. 

Goethe  nahm  seine  Zuflucht  nach  Jena,  wo  er  in  den 
Jahren  18 17  und  181 8  mehr  als  zwölf  Monate  in  reger 
wissenschaftlicher  Thätigkeit  zubrachte ;  die  Hochzeit  seines 
Sohnes,  der  sich  am  Sylvesterabend  18 16  mit  Ottilie  von 
Pogwisch  verlobte,  eröffnete  ihm  daneben  neue  erfreuliche 
Aussichten  und  anregende  Verbindungen  auch  in  Weimar. 
Dementsprechend  erstrecken  sich  die  Erweiterungen  seiner 
Correspondenz  auch  in  erster  Linie  auf  das  wissenschaftliche 
Gebiet  und  auf  seine  Familie;  so  knüpfte  er  mit  den  Bota- 
nikern von  Schreibers  in  Wien  und  Nees  von  Esenbeck  in 
Sickershausen,  mit  den  Jenenser  Professoren  Bachmann,  Fries, 
Güldenapfel.  Kosegarten,  Renner,  mit  den  Anatomen  Burdach 
und  Carus  Verbindungen    an.     Ein    wichtiger  Brief  über  ani- 


288 


Bibliographie. 


malischen  Magnetismus  ist  an  den  Berliner  Staatsrath  Hufeland 
gerichtet  (7863),  zwei  über  Pädagogik  an  den  Schweizer  v.  Fellen- 
berg (7729  und  7875).  Ein  prachtvoller  Brief  an  Wilhelm  von 
Humboldt  (7492)  bespricht  seine  Uebersetzung  des  Agamemnon 
von  Aeschylos ;  ein  bedeutendes  Concept  an  Niebuhr  ist 
in  zweifacher  Gestalt  vorhanden  (7714/5  und  7767/8).  Da- 
neben führt  Goethe  eine  eifrige  Correspondenz  mit  der  Erb- 
großherzogin Maria  Paulowna,  ihren  Hofdamen  und  Jenenser 
Professoren  über  die  Erziehung  der  Prinzessinnen  Marie  und 
Augusta;  und  der  eigene  erste  Enkel  Walther  ist  öfters  der 
Gegenstand  seiner  Briefe  an  Ottilie,  die  sich  durch  liebens- 
würdige Neckereien  und  Galanterien  auszeichnen.  Angehende 
Dichter  wie  Kalisky  (7867)  und  Herrmann  (8041),  Schriftsteller 
wie  Tauscher  (7880),  Schubarth  (8035)  und  Müllner  (8040) 
werden  je  nach  Verdienst  abgefertigt,  und  für  unfreiwilligen 
Humor  sorgen  die  Weimarischen  Straßenjungen  (7843)  oder 
der  Nachbar  Lämmermann  (8046  und  8064),  die  den  Frieden 
des  Goetheschen  Gartens  bedrohen. 

Als  bisher  unbekannte  Schreiber,  die  in  Burkhardts  Zu- 
sammenstellung fehlen,  treten  auf:  in  Band  27  Ferdinand 
Schreiber,  in  Band  29  Ludwig  Daniel  Maria  Laves  und  Goethes 
Hausarzt  Dr.  Wilhelm  Rehbein.  C.  Schüddekopf. 


B.    NEUE  AUSGABEN  DER  WERKE. 


Goethe,  Sämmtliche  Werke. 
Jubiläums-Ausgabe  in  40  Bdn. 
Hrsg.  von  E.  v.  d.  Hellen, 
Stuttgart,  J.  G.  Cottasche  Buch- 
handlung Nachf ,  G.  m.  b.  H. 
13.  Faust.  Mit  Einleitung  und 
Anmerk.  von  Erich  Schmidt. 
I.  Theil  XXXII,  346  SS.  — 
22  —  25.  Dichtung  und  Wahr- 
heit. Mit  Einleit.  und  Anm. 
von  Rieh.  M.  Meyer.  1.-4.  Th. 
XXVL  296,  335,  310,  340  SS. 
—  28.  Kampagne  inFrankreich. 
Belagerung  von  Mainz.  Mit 
Einleit.  und  Anmerk.  v.  Alfr. 
Dove.  XXXVIII,  306  SS.  — 
30.  Annalen.  Mit  Einleit.  und 
Anmerk.  von  Osk.  F.  Walzel. 
XIV,  502  SS.  —  31.  32.  Ben- 
venuto  Cellini.  Mit  Einl.  und 
Anm.  von  ^\'olfg.  v.  Oettingen. 


1.  und  2.  Th.  und  Anh.  X,  316^ 
331  SS.  S.Singspiele.  MitEinL 
u.  Anm.  von  Otto  Pniower.  XII, 
367  SS.  —  33.  34.  Schriften 
zur  Kunst.  Mit  Einl.  und  Anm. 
von  Wolfg.  V.  Oettingen.  i.und. 

2.  Th.  XVL  331,  391  SS.  — 
2 1 .  Die  Wahlverwandtschaften. 
Mit  Einleit.  und  Anm.  von  Frz. 
Muncker.  XXVI,  317  SS.  Jeder 
Band  geh.  M.  1.20,  geb.  M.2.  — . 

Goethes  Werke.  Unter  Mit- 
wirkung mehr.  Fachgelehrter. 
Hrsg.  V.  Prof.  Dr.  Karl  Heine- 
mann. Kritisch  durchgesehene 
und  erläuterte  Ausgabe.  2  Bd. 
bearb.  von  Karl  Heinemann. 
Gedichte.  492  SS.  —  4  Bd. 
bearb.  von  Georg  Ellinger  und 
Gotthold  Klee.  Achilleis.  — 
Reinecke  Fuchs.   —  Westöst- 


BiBi.ioc.KArmt:. 


289 


lieber  Divan.  548  SS.  —  9  Bd. 
bearbeit.  v.  Viktor  Schweizer. 
Wilhelm  Meisters  Lehrjahre. 
I  —  6,  459  SS.  —  14  Bd.  Ita- 
lienische Reise  1.  Bearbeitet 
von  Robert  Weber.  484  SS. 
—  15  Bd.  bearb.  von  Robert 
Weber  und  Karl  Heinemann. 
Zweiter  römischer  Aufenthalt. 
Kampagne  in  Frankreich  1792. 
Belagerung  von  Mainz.  551  SS. 
Gebunden  ä  M.  2.  —  . 

Goethes  Werke.  In  einer 
Auswahl  hrsg.  v.  H.  Düntzer. 
4.    Aufl.    Stuttgart.    Deutsche 


Verlagsanstalt.  Gr.  8°  XXXVI, 
1268  SS.  M.  4.--. 

V.  Bolin:  Die  Jubiläums- 
Ausgabe  von  Goethes  Werken. 
(Die  Nation.  XX,  S.  532-5^;^.) 

Albert  \\'arneke :  Goethes 
sämtl.  Werke  (Jubil. -Ausgabe). 
(Monatsbl.  f.  dtsch.  Litteratur, 
Berlin  VII,   12.) 

Albert  Fries :  Neues  von  der 
Weimarer  Goethe- Ausg.  (Nat.- 
Ztg.  Nr.  87,   IG.  Febr.) 

Ludwig  Geiger :  Neue  Bände 
der  Weimarer  Goethe  -  Ausg. 
(Beil.  z.  Allg.  Z.  Nr.239.2 i.Oct.) 


C.    UNGEDRUCKTES. 
BRIEFE.    GESPRÄCHE. 


Goethes  Briefe.  Ausgew.  u. 
in  chronologischer  Folge  mit 
Anmerk.  hrsg.  von  Eduard 
von  der  Hellen.  3.  Bd.  (1788  — 
1797.)  Stuttgart,  T-G.Cottasche 
Buchhandl.  NachY.,  G.  m.  b.H. 
284  SS.    Geb.  M.  I.  —  . 

Goethe-Briefe.  Mit  Einleit. 
u.  Erläut.  hrsg.  v.  Philipp 
Stein.  Bd.  IV.  Weimar  u.  Jena. 
1792  — 1800.  Mit  einem  Bilde 
der  Christiane  Vulpius  nach 
der  Kreidezeichnung  v.F.Bury. 
1800,  XVI,  313  SS.  —  Bd.  V. 
Im  neuen  Jahrhundert  1 801  — 
1807.  Mit  einem  Bildniß  von 
J.  W.  v.  Goethe  nach  einer 
Kreidezeichnung  v.  Friedrich 
Bury.  XIV,  317  SS.  —  Berlin, 
O.  Eisner.     Geb.  M.  4.  —  . 

Goethes  Briefe  in  Auswahl. 
Herausgegeb.  v.  G.  Boetticher. 
Leipzig  Freytag.  Kl.  8°.  163  SS. 
M.   1.20. 

Bernhard  Suphan :  Brief 
Goethes  an  Wilhelm  von  Hum- 
boldt.    (Frkf.  Ztg.  362.) 

Goethe-Jahrecch    XXV. 


(Goethe)-Entwürfe  zuBriefen 
Karl  Augusts  an  Pougens. 
Herzog  Karl  August  und  der 
Pariser  Buchhändler  Pougens. 
Von  P.  v.  Bojanowski.  Weimar, 
Böhlau.    S.   20.   23  fg. 

A.  Boutarel :  Une  lettre  de 
Berlioz  ä  Goethe.  (Le  M^nestrel 
LIX,  S.   50—52,  54  —  60.) 

Carl  Schüddekopf:  Neue 
Goethe-Briefe.  (Frkf.  Ztg.  272, 

273-) 

Ludwig  Geiger:  Goethe- 
Briefe.  (Die  Zeit.  Bd.  XXXV, 
Nr.  462,  8.  August.  S.  232.) 

H.  Trog:  Ueber  die  beiden 
Ausgaben  von  Goethes  Briefen 
und  die  Cottasche  Jubiläums- 
Ausgabe.  (N.  Zürich.  Ztg.  238.) 

L'Agamemnon  d'Eschyle 
juge  par  Goethe.  (Goethes 
Brief  an  Humboldt  v.  i.  Sept. 
i8i6.)  (Revue  des  Etudes 
Grecques,  XVI,  S.   1—4-) 

A.Riese:  Text-Entstellungen 
in  Goethe-Briefen.    (Frkf.  Ztg. 
Nr.  IG,  2.  Mgbl.,   IG.  Jan.) 
19 


290 


Bibliographie. 


Eduard  von  der  Hellen: 
Text-Entstellungen  in  Goethe- 
Briefen.  (Frkf.  Ztg.  Nr.  17, 
2.  Mgbl.,   17.  Januar.) 

A.  Riese:  Nochmals  Text- 
Entstellungen  in  Goethe-Brie- 
fen. (Frkf. Ztg.  Nr.  22,  2.  Mgbl., 
22.  Januar.) 

Ludwig  Geiger:  Der  Ab- 
schluß    von    Goethes    Tage- 


büchern. (Beil.  zur  Allg.  Ztg. 
Nr.   161,   20.  Juli.) 

Eckermann,  Gespräche  mit 
Goethe  von  Joh.  Öhquist. 
Leipzig,  B.G.Teubner.  105SS. 

t  Fr.  Kauffmann :  Zu  Goethes 
Gesprächen.  (Zeitschrift  für 
deutsche  Philologie.  1902. 
XXXV,  S,  90.) 


D.    EINZELSCHRIFTEN. 

I.   ALLGExMEINES,  CRITISCHES,  BIBLIOGRAPHISCHES, 
SPRACHLICHES,   CATALOGE,  VARIA. 


Jahresberichte  für  neuere 
deutsche  Litteraturgeschichte. 
Unter  Mitwirkung  von  [folgen 
42  Namen].  Mit  besonderer 
Unterstützg.  v.  Erich  Schmidt 
hrsg.  von  Julius  Elias,  Max 
Osbom,  Wilh.  Fabian,  Friedr. 
Gotthelf,  Kurt  Jahn.  10  Bd. 
(J.  1899).  Berlin  B.  Behrs  Verl. 
IV,  8a— e,  36  SS.:  231-I-148 
-}-24-f-2  5  =  448  Nummern. 

Allgemeines,  bearb.  von  O.  Har- 
nack,  Leben  von  Adolf  Strack, 
Lyrik  von  Max  Morris,  Epos  von 
Carl  Alt.  Die  Abtheilung  Dramen 
von  R.  Weifienfels  soll  in  Bd.  1 1 
nachgeliefert  werden.  Da  diese  die 
umfänglichste  ist,  so  muß  die  Zahl 
von  448  Nummern  um  etwa  */s 
erhöht  werden,  um  die  Produktions- 
zahl des  J.  1899  zu  erkennen. 

Chronik  des  Wiener  Goethe- 
Vereins.  XVII.  Band.  Im  Auf- 
trage des  Ausschusses  des  W. 
G.-V.  redigirt  v.  Rudolf  Payer 
von  Thurn.  Wien.  Verlag  des 
W.  G.-V.  In  Commission  bei 
A.  Holder.  Nr.  1-12.  46  SS. 
in  4°. 

Die  selbständigen  Aufsätze  be- 
sonders auch  A.  L.  Jellineks  Biblio- 
graphie sind  unten  verzeichnet; 
sonst:  Berichte  üb.Vereinssitzungen, 


Recensionen.  Selbständige  Kunst- 
beilage: Goethes  Zeichnung  der 
Anseres  christicolae  s.  oben  S.  256. 

Goethe  üb. seine  Dichtungen. 
Versuch  einer  Sammlung  aller 
Aeußerungen  des  Dichters  üb. 
seine  poetischen  Werke  von 
Hans  Gerhard  Graf.  2.  Theil: 
Die  dramatischen  Dichtungen. 
Erster  Band.  (Des  ganzen 
Werkes  dritter  Band.)  Frank- 
furt a.  M.,  Literar.  Anstalt 
Rütten  &  Loening.XXII,443SS. 

Goethe  og  haus  Hoveddight- 
ninger.  Brudstykke  af  en  Ver- 
denliteraturhistorie  von  L. 
Schröder.  Koldung  Ikke.  8". 
66  SS. 

E.  Key  :  Aus  einem  Goethe- 
buche. (Neue  Deutsche  Rund- 
schau. XIV,  S.  643  —  652.) 

Goethes  Stellung  zu  dem  Be- 
griff deutscher  Nationalkultur. 
(Monatsschrift  f.  höh.  Schulen. 
II,  S.   260  —  273.) 

Rette:  Goethe  et  l'influence 
allemande.  Europeen  3.  I. 

Goethes  Wirkung  in  der 
Weltlitteratur  von  Abel  von 
Barabas.  Leipzig -Reudnitz. 
Jacques  Hegner.     M.   1.50. 


Bibliographie. 


291 


Karl  Spitteler :  Protest  gegen 
die  einseit.  Erhebung  Goethes 
zu  »dem«  Dichterfürsten.  (N. 
Züricher  Ztg.,  vgl.  Litt.  Echo 
Sp.   1729.) 

Emil  Hügli:  Der  malträtirte 
Schiller.  (X.  Zürich.  Ztg.  241.) 

Karl  Borinski :  Goethes 
Geisteswerk  in  den  Stimmen 
unserer  Zeit.  (Die  Kultur,  i. 
Jahrg.  Heft  20,  [Erst.  Maiheft], 
S.  1331-1340.  Heft  21  [Zweit. 
Maiheft],  S.   1263 -1270.) 

J.  Popper:  Einige  Gedanken 
üb.  Kant,  Goethe  und  Richard 
Wagner  in  Anknüpfung  an  die 
Besprechg.  eines  neuen  Buches 
von  Bölsche.  (NeueFreie  Presse 
Nr.  13974,  81,  88,  95,  14001, 
15,  22,  29,  50.  23.,  30.  Juni, 
4.,  13.,  20.  Juli,  3.,  IG.,  17. Sept., 
8.  Okt.) 

Am  Wege  von  Friedrich 
Spielhagen.  Leipzig,  Staack- 
mann. 

S.77  — 92:  Goethe  unser  Herzog. 

Wilhelm  Arminius:  Herzog 
Goethe.  (Dtsch.  Welt,  VL   2.) 

A.  Lorentz:  Der  Typus  des 
Philisters  bei  Goethe.  (Preuß. 
Jahrbuch.  CXL  S.  462  —  501.) 

O.  Anwans :  Goethe-Prome- 
theus. (Sonntagsbeilage  Nr.  33 
zur  Voss.  Ztg.  Nr.  369.  9.  Aug.) 

J.  Minor :  Bis  zu  GoethesTod. 
(Neue  freie  Presse,  abgedruckt 
Liter.  Echo,  V,  Sp.  830—833.) 

Hermann  Bahr:  Der  böse 
Goethe.  (N.  Wien.  Tgbl.  199.) 

Per  Wolfgango  Goethe: 
Bonaventura  Zumbini  Napoli. 
A.  Tessitori.    42  SS. 

Nur  in  iio  Exenipl.  gedruckt. 
Rede,  gehalten  bei  Enthüllung  einer 
Gedenktafel,  7.  Mai. 

Gedanken  aus  Goethes 
Werken,  von  H.  Levi.   2.  Aufl. 


München,  Bruckmann.  S''. 
Vin,   144  SS.     M.   2.-. 

Arthur  L.  Jellinek:  Goethe- 
Bibliographie,  IV -VI  (Chron. 
des  Wiener  Goethe- Vereins, 
Bd.  XVII,  Nr.  I  12),  VII  (das. 
Bd.  XVIII,  Nr.   I.  2.) 

J.  Minor:  Goethe-Literatur. 
(Die  Zeit,    Nr.   232,  22.  Mai.) 

J.  Minor:  Goethe-Literatur. 
(Chronik  des  Wiener  Goethe- 
Vereins.  Bd.  XVII,  Nr.  9  —  12, 
15.  December.) 

Richard  M.  Meyer:  Goethe- 
Schriften.  (Das  literarische 
Echo.  V.  Jahrg.,  Nr.  15.  Erstes 
Mai-Heft,  Sp.   1030  ff.) 

Max  Christlieb:  Goethe  und 
die  Goethe-Literatur.  (Christ- 
liche Welt,  Marburg  1902,  48, 

1903-   5-) 

Oskar  Weise  :  Aesthetik  der 
deutschen  Sprache.  Leipzig, 
B.  G.  Teubner,  309  SS.  Geb. 
M.  2.80. 

Die  Jugendsprache  Goethes. 
—  Goethe  u.  die  Romantik.  — 
GoethesBallade.  DreiVorträge 
von  Stephan  Waetzold.  Leip- 
zig, Dürr.     76  SS. 

Max  Grunwald :  Goethes 
Jugendsprache.  Im  Anschluß 
an  Waetzold.  (Die  Neue  Zeit. 
Stuttgart.  XXI,  51.) 

Friedr.  Kluge :  Goethe  und 
die  deutsche  Sprache.  (Wissen- 
schaft!. Beiheft  zur  Zeitschrift 
des  AI  lg.  Deutschen  Sprach- 
vereins, 4.  Reihe,  22.  Heft, 
I.  Februar.) 

Bernhard  Suphan:  Asylrecht 
des  Fremdwortes.  Freundes- 
gaben für  Karl  Frenzel.  Zum 
goldenen  Doktor- Jubiläum. 
Am  19.  Februar  1903,  S.  13-15. 
Auch  (vermehrt)  Weimarische 
Zeitung  Nr.  54.  5.  März  1903. 
19' 


292 


Bibliographie. 


Goethes  Relativsatz.  Von 
Simion  C.  Mandrescu.  Berlin, 
Reinh.  Kühn.  VII,   137  SS. 

R.  Steig:  Goethes  Mann- 
räuschlein. (5.  I.  IG.)  (Zeit- 
schrift für  deutsche  Wort- 
forschung. V,  S.  99  — 104.) 

LudwigFränkel:  »DieTrulle« 
und  Mundartliches  bei  Goethe. 
(Zeitschrift  für  den  deutschen 
Unterricht.  17.  Jahrg.,  Heft  6, 
23.  Juni.  S.  363  ff.) 

Constantin  Ritter:  Die 
Sprachstatistik  in  ihrer  An- 
wendung auf  Piaton  u.  Goethe. 
(Neue  Jahrbücher  für  das 
klassische  Altertum,  Geschichte 
und  Deutsche  Litteratur  und  für 
Pädagogik.  6.  Jahrg.   Bd.  XI. 

4.  u.   5.  Heft.)" 

Const.  Ritter:  Die  Sprach- 
statistik, Anwendg.  auf  Goethes 
Prosa.  (Euphorien X,  558-578.) 

F.  Bock:  Französische  Ein- 
flüsse in  Goethes  Sprache. 
(Programm  d.  Realschule^V'ien. 
XI,  gr.  8°.     15  SS.) 

D.D.:  Goethe-Zitate.  (Voss. 
Zeitg.,  Morgen-Ausg.  Nr.  493, 
21.  Okt.',  Feuilleton.) 

— r:  Die  Nachdrucksprivi- 
legien Goethes  vom  Jahrei825. 
(Frkf.  Ztg.  Nr.  98.) 

Jos.  Bass:  Der  verurtheilte 
Goethe.  (Bohemia  Nr.  340, 
2.  Beil.,   13.  Dec.) 

Kataloge. 
Ernst  Frensdorff,  Berlin.  Nr.  3. 
Goethe  55  Nummern.  —  Auto- 
graphen V.  Gilhofer  u.  Ransch- 
burg,    Wien :    Auktion     XIV, 

5.  58.  Goethe  4  Nummern.  — 


Karl  W.  Hiersemann,  Leipzig: 
Nr.  286.  Deutsche  Sprache  und 
Literatur.  Kalender,  Alma- 
nache,  Goethe  160  Nummern. 

—  Max  Jaec.kel,  Potsdam: 
Nr.  5.  Goethe  42  Nummern.  — 
Josef  Jolowicz,  Posen:  Nr.  146. 
S.  50  —  62.  Goethe  378  Numm. 

—  Heinr.  Kerler,  Ulm :  Nr.  316. 
S.  IG  — 15,  104  —  106.  Goethe 
189,  125  Nummern.  —  F. 
E.  Lederer,  Berlin:  Nr.  72. 
Deutsche  Literatur.  Goethe 
143  Nummern.  —  Bernhard 
Liebisch,  Leipzig:  Nr.  13S. 
Deutsche  Literatur  des  18.  und 
19.  Jahrhdts.  Goethe  474  Num. 

—  List  &:  Francke,  Leipzig : 
Autographen -Sammlung  von 
Joh.  Friedr.  Encke.  Verstei- 
gerung am  25.  Jan.  ff.  Goethe 
3  Nummern.  — Alfred  Lorentz, 
Leipzig:  Nr.  51:  Goethe  und 
der  Künstlerkreis  seiner  Zeit. 
In  98  Originalzeichnungen, 
Aquarellen  und  Oelbildern, 
gesammelt  in  einem  Album 
während  der  Reise  durch  Italien 
1782 — 84  vom  Domherrn  Jo- 
hann Friedrich  Lorenz  Meyer. 
Goethe  5  Nummern.  —  Max 
Perl,  Berlin.  Nr.  41 :  Goethe 
III  Nummern.  —  J.  Rickersche 
Universitäts-Buchhdl.,  Gießen. 
Nr.  44  :  Deutsche  Literatur  zur 
Zeit  der  Klassiker  und  Ro- 
mantiker.   Goethe  615  Numm. 

—  Autographenkatalog  Star- 
gardt,  Berlin.  Goethe:  4  Num. 

—  1904.  Süddeutsches  Anti- 
quariat. Katalog  IL.  Goethe: 
24G  Nummern. 


BlRLIOGRAPHIE. 


293 


2.     DR 

Die  Meisterw  erke  der  deutsch. 
Buhne,  herausgeg.  von  Georg 
Witkowski.  Max  Hesses  Verlag, 
Leipzig.  Mit  Einleitungen  und 
Anmerkungen  der  in  Klammern 
genannten  Gelehrten. 

I.  Egniont  (Max  Morris).  13. 
Götz  V.  BerlichingenfAd.  Flauflfen). 
—  Laune  des  Verliebten.  —  Die 
Geschwister  (J.  Minor).  Clavigo 
(R.  M.  Mever).  Iphigenie  auf  Tauris 
(B.  Litzmann).  Torquato  Tasso 
(V.  Michels).  Faust  (G.Witkowski). 

Goethes  Egmont  v.  F.  Voll- 
mer. 2.  Auflage.  (Die  deutschen 
Klassiker,  erläutert  und  ge- 
würdigt. IL)  Leipzig,  H.  Bredt. 
8^   119  SS.     M.   I.     . 

L.  Kleiber :  Beiträge  zur 
Charakteristik  von  Goethes 
Egmont.  Progr.  v.  Fried.  Wilh.- 
Gymnasium.    4^^.    27  SS. 

t  Willenbücher:  Zu  Goethes 
Egmont.  (Lehrproben  u.  Lehr- 
gänge 1901,  H.   67.) 

Nusser:  Zur  deutschen  Klas- 
siker-Lektüre. »Egmont  und 
Iphigenie«.  (Blätter  f.  d. Gymn.- 
Schuhves.  Bd.  XXXLX,  H.  3/4.) 

T.  Dieckhoff:  Notes  on  a 
passage  in  Goethe's  Egmont. 
IV,  2.  Alba:  So  war  denn, 
diesmal  wider  Vermuthen.  der 
Kluge  klug  genug,  nicht  klug 
zu  sein.  (Moderne  Language 
Notes  XVIIL  S.    139  — 140.) 

Hans  Gerhard  Graf:  Zur 
ersten  Egmont-Aufführung  am 
Weimarer  Hoftheater.  (Wei- 
marische Zeitung  Xr.  115,  116. 
17/19.  Mai.) 

f  Slawa  A.  K.:  rozborn 
Goethovy  zpevohry  »Erwin  und 
Elmire«.  Zur  Analy.se  d.Goethe- 
schenSingspielsErwin  u. Elmire. 
(Programm  d.  Realschule  in  Ge- 
witsch, gr.  S''.   10  SS.) 


AMEN. 

i  Goethes  Faust.  i.Theil.  Mit 
Einleitung  und  Anmerkungen 
von  A.  Lichtenheld.  (iraesers 
Schulausg.  klassischerW'erkes  1 , 
4.  —  7.Tausd.  Leipzig,  Teubner. 
Wien.  Graeser.  gr.  8".  XX\1. 
122  SS.     M.     -.50. 

Faust.  Mit  Einleit.  u.  Erklär. 
Hrsg.  von  K.J.  Schröer.  2.  Th. 
2.revid.Aufl.  Leipzig,  Reisland. 
8°.    CXV.    466  SS.    M.  6.-  . 

Faust.  Eine  Tragödie.  2.  Th. 
(Pantheon-Ausg. )  Textrevision. 
Einleitung  und  ^Erläuterungen 
von  Otto  Pniover.  Berlin.  S. 
Fischer,  gr.  16*^  XLIV,  ^^^  SS. 
m.  Bildn.    Geb.  M.  3.  —  . 

Vorträge  über  Goethes  Faust 
von  Robert  Petsch-.  Würzburg, 
Ballhorn  &  Gramer  Nachflg. 
198  SS.     M.  2.--  (2.50). 

Sechs  Vorträge  über  Goethes 
Faust,  gehalten  für  die  wissen- 
schaftl.  Vereine  im  Kestner- 
museum  in  Hannover  von  ^V. 
Arnsperger.  Heidelbg.  8°.  1 02SS. 
als  Manuskript   gedruckt. 

Gedanken  zu  Goethes  Faust. 
Schiller  und  die  Farbenlehre  v. 
Walter  Laue.  Breslau,  Schles. 
Verl. -Anstalt  v.  S.  Schottländer. 

A.  Laforte-Raudi :  II  Faust  di 
Wolfgang  Goethe.  Letterature 
stranieri.  Palermo.  Reber. 
223     285. 

F.  Kohlrausch:  CioethesGötz. 
Tasso.  Faust.  Klass.  Dramen 
und  ihre  Stätten.  Stuttgart. 
Robert  Lutz.  S.   127      202. 

G.  Brandes:  Streyflys  over 
Goethe.  Gottfried  -  Prome- 
theus \'aeddemaalet  i  Faust. 
Tilskueren  S.   284  -299. 

t  Wald  und  Höhle.  Eine 
Faust-Studie  von  fernst  Trau- 
mann. Heidelberüf.  Otto  Petters. 


294 


Bibliographie. 


J.  Volkelt:  Fausts  Ent- 
wickelung  vom  Genießen  zum 
Handeln  in  Goethes  Dichtung. 
Neue  Jahrbücher  für  das  klass. 
Alterth.,  Geschichte  u.  deutsche 
Literatur.  XI,  S.   508  —  521. 

Maria  Pospischil :  Eine  neue 
Faust-Erklärung.  (Voß.  Zeitg. 
Nr.   241/43   26/27.  Mai.) 

Gretchen  im  Faust.  (Maria 
Pospischil).  (Berliner  Tagebl. 
Nr.  340,   I.  Beil.  8.  Juli.) 

Der  Gesang  der  Erzengel 
im  Faust.  (Hamb.  Nachrichten 
Liter.  Beilage  Nr.   14.) 

S.  Mg. :  Faustens  Pact  mit 
Mephistopheles.  (Ulk,  32.  Jahr- 
gang, Nr.  32,   7.  Aug.) 

Ernst  Traumann :  Fausts 
Pact  mit  Mephistopeles  in 
juristisch.  Beleuchtung.  (Frkf. 
Ztg.  Nr.  175.  I.  Mgbl.  26.  Juni.) 

f  A.  Boutarel :  Le  parrain  de 
Mephistopheles.  (Le  Menestrel 
LXIX,  1891—92,  S.  98  —  100.) 

V.  Hanstein  :  Der  Unsterb- 
lichkeitsgedanke in  Goethes 
Faust.  (Monatshefte  der  Come- 
nius-Gesellsch.,  Bd.  XII,  Heft 
3  und  4,  S.  59-75-) 

A.  Wohl  au  er:  Goethes  He- 
lena-Dichtung in  ihrer  Ent- 
wickelung.  (Progr.  d.  Johannes- 
Gymn.  in  Breslau.    8°.    8  SS.) 

A.  Jahn :  Eine  Faust-Stelle. 
I.  V.  1675:  ))^^'as  willst  du. 
armer  Teufel,  geben«.  (Allg. 
Zeitg.,  Beilage  Nr.  280.) 

Eugen  Reichel:  Faust-Studie. 
(Die Gegenwart  XXXII,  26,  27.) 

L'eterno  feminino  e  l'epilogo 
Celeste  nel  Fausto  di  W.  Goethe 
da  M.  de  Kerbaker.  Neapel, 
C.  Piero.  kl.  8°,  64  SS.   i  Lire. 

Max  Oswald:  Das  Urbild 
von  Goethes  Faust.  (Berlin. 
N.  Nachrichten   171.) 


t  H.  L.  Oort:  Christus  en 
Faust.  (Theolog.  Tydschrift. 
Leiden.    XXXVII,  S.  36—54.) 

Am  Wege,  von  Friedrich 
Spielhagen.  S.  51  —  76.  Faust 
U.Nathan.  Leipzig,Staackmann. 

Richard  Degen :  KunoFischer 
und  Goethes  Faust.  (Tägl. 
Rundschau  130.   131.) 

P.  Cauer:  Goethes  Faust  in 
Max  Grubes  Bearbeitung.  Ein 
Wort  zu  den  Düsseldorfer 
Goethe-Festspielen.  (Deutsche 
Monatsschrift.  IV,  S.91 1  — 914.) 

K.  S.:  Max  Grubes  »Faust«- 
Bearbeitung.  (Voss.  Zeitung 
Nr.  331.  Morgen-Ausg.  18.  Juli, 
Feuilleton.) 

\J.  S. :  Goethes  Faust  in  neuer 
Bühneneinrichtung.  (München. 
Neueste  Nachrichten  Nr.  335, 
21.  Juli,  Morgenblatt.) 

Ludwig  Geiger:  Die  Auf- 
führung des  ganzen  Faust.  (Die 
Rheinlande,  III.  Jahrg.,  Heft  8, 
Mai.   S.   297 — 301.) 

E.  Newman:  Faust  in 
Music  (Contemporary  Review. 
LXXm,  S.  673-682.) 

Doktor  Faust  u.  Auerbachs 
Keller.  Die  Sage  von  dem 
Faßritt  u.  s.  w.  von  Ernst 
Kroker.  Mit  einem  Anhang: 
Doktor  Faust  und  Luther. 
Leipzig.  Dieterichsche  Verlags- 
buchh.  51  SS.  mit  3  T.  M.  I.  — . 

Der  neue  Faust,  von  Ferdi- 
nand Ritter  von  Feldegg.  Linz, 
Oesterr.  Verl. -Anstalt. 

Hans  Schmidkunz:  Be- 
sprechung d.  Obigen.  (N.  Fr. 
Presse   13956.) 

Historia  o  zivotu  doktora 
JanaFausta,  znameniteho  caro- 
deje,  tez  zäpisich  d'äbelskych 
i  cäri'ch  a  hrozne  smrti  jeho. 
Podle    originalu    z.    r.    161 1, 


Bibliographie. 


295 


rhovaneho  v  Musen  krälpvstvi 
Ceskeho,  vyddvd  Dr.  Cenek 
Zibrt.  V  Praze,  nakl.  J.  Otto 
(Svetove  knihovny  sv.  327  — 
329).  Za  60  h.  (Besp.  von 
Arnost  Krauß  in  J.isty  filo- 
logicke  XXXI,  S.  50  ff.) 

t  J.  Wahner:  Ein  ober- 
schlesischer  Faust  (Job.  Christ. 
Ruhberg,  geb.  1751).  (Ober- 
schlesien. Zts(  hr.  zur  Pflege  u. 
Vertretung  d.  Inter.  Oberschles. 
1902,   I.  Jahrg.,  8.  H.) 

De  Hann.  J.  D.  Bierens: 
De  Klacht  van  Faust.  (Onze 
Eeuw,  III,  Nr.  11.) 

G.  von  Hartmann :  Ein 
Höllenzwang  des  18.  Jahr- 
hunderts. (Jahrb.  d.  Fr.  D. 
Höchst.   1903.  S.  288  —  296.) 

A.  V.  M. :  Das  historische 
Kostüm  unter  Goethes  Theater- 
leitung. (Voss.  Ztg.,  Nr.  562, 
Abend-Ausg.,   i.  Dec.) 

J.  Minor:  »Die  Geschwister« 
und  »die  Laune  des  Verliebten« 
auf  demWiener  Hof  burgtheater. 
Eine  statistische  Uebersicht. 
(Chronik  des  Wiener  Goethe- 
Vereins.  Bd.  XVII,  Nr.  9-12, 
15.  Dec.) 

Götz  von  Berlichingen  mit 
der  eisernen  Hand.  Ein  Schau- 
spiel von  Goethe.  Hamburg, 
Großborstel,  Verlag  d.  deutsch. 
Dichter  -  Gedächtniß  -  Stiftung. 
HausbU<herei,  2.  Band.  178  SS. 
(Einleit.  von  W.  Bode.)  M.  —  .80. 

Goethe:  Götzv.Berlichingen. 
Nr.  2.  von  Schöninghs  Text- 
ausgaben alt.  u.  neuer  Schriftst., 
hrsg.  von  Funke  u.  Schmitz- 
Mancy.  F.  Schöningh,  Pader- 
born.    M.   2.80. 

Paul  Schweizer:  Götz  von 
Berlichingen  als  histor.  Person. 
(Mittheilung,  d.  Instit.  f.  österr. 


Ges<  hi(  htsforsi  hung.  V.  Er- 
gänzungsband,  Innsbruck.) 

R.  Sprenger:  Zu  Schillers 
Wallenstein  und  Goethes  Götz 
von  Berlichingen.  (Zeitschrift 
für  den  deutschen  Unterricht. 
17.  Jahrg.,    Heft  9,  S.   589.) 

S.  Singer:  Zur  Volkskunde 
vergangener  Zeiten.  (Hans- 
wursts Hochzeit.)  (Schweizer 
Archiv  für  Volkskunde.  VII, 
S.  61-62.) 

Aufgaben  aus  Iphigenie  auf 
Tauris  von  H.  Heinze.  3.  Aufl. 
Leipzig,  Engelmann.  VII.  87  SS. 
M.   I.-  . 

Jakob  Minor:  Zu  Goethes 
Jahrmarktsfest  zu  Plunders- 
weilern. (Studien  zur  verglei- 
chenden Literatur-Geschichte. 
Bd.  m.  Heft  3.  S.  314-331-) 

K.  Deutsch :  Ueber  das  Ver- 
hältniß  der  Laune  des  Ver- 
liebten zu  d.  deutschen  Schäfer- 
spielen d.  XVIII.  Jahrh.  (Progr. 
derRealschule  Sternberg.  34SS.) 

Die  Laune  des  Verliebten. 
Die  Geschwister.  Mit  Einleitg. 
und  Anmerkg.  von  J.  Minor. 
(Meisterwerke  d.  dtsch.  Bühne. 
2.  Theil.  Leipzig,  M.  Hesse. 
XXVI.  38  SS.)     M.   —.30. 

Der  Mimus.  Ein  literar-ent- 
wickelungsgeschichtl icher  Ver- 
such V.  Hermann  Reich.  I.  Bd. 
I.  u.  2.  Th.  Berlin,  Weidmann. 
M.  24.-  .  Behandelt  im  2. Buch, 
auch  Laune  des  Verliebten  und 
Faust. 

C.  Ritter :  Zu  Goethes  Mäd- 
chen von  Oberkirch.  (Archiv 
für  das  Studium  der  neueren 
Sprachen.    CXI.  S.  170 — 171.) 

\\'.  Fielitz :  Das  Ziel  der 
Handlung  in  Goethes  Tasso. 
Ein  Vortrag.  Festgabe  für  die 
13.  Hauptversammlung  des  All- 


296 


Bibliographie. 


gemeinen  deutschen  Sprach- 
vereins.    Breslau. 

Georg  Witkowski:  Goethes 
Torquato  Tasso  als  dramatisch. 
Kunstwerk.  (Jahrb.  d.  Fr.  d. 
Höchst.    1903.     S.  265  —  281.) 

G.  Schröder :  lieber  Goethes 


Tasso  in  der  Kritik.  (Progr. 
des  Lehrerseminars  in  Katto- 
witz.)     18  SS. 

Aufgaben  a.  Torquato  Tasso 
von  H.  Heinze.  2.  vermehrte 
Aufl.  Leipzig.  Engelmann.  VII, 
loi   SS.     M.    I.  —  . 


5.    GED 

Ein  Goethisches  Lied.  Für 
den  Bibliophilen-Tag  in  Wei- 
mar, II.  October  1903,  in 
Druck  gegeben  von  Carl 
Schtlddekopf.  Als  Handschrift 
gedruckt. 

O.  Heuer:  Eine  Goethesche 
Recension.  (Jahrb.  d.  Fr.  D. 
Höchst.    1903,    S.    296  —  302.) 

Bleistiftzeichnung Gs.  mit  Unter- 
schrift 1772  gegen  den  Propst 
Jörgen  Hee. 

Goethe,  ausgewählte  Ge- 
dichte. Buchschmuck  von  Hugo 
Flintzer.  Elzevierausgabe.  Leip- 
zig, Seemann  Nachf.  kl.  8°. 
206  SS.     M.  3.-. 

GoethesLyrik.  Erläuterungen 
nach  künstlerischen  Gesichts- 
punkten. Ein  Versuch  von 
Berthold  Litzmann.  Berlin, 
Egon  Fleischel  &  Co.  288  SS. 
M.  3.50. 

Robert  F.  Arnold:  Goethes 
Lyrik  vor  ihrem  Richter. 
Euphorion.  10  Bd.  3.  Heft. 
S.  611 — 623. 

t  Th,  Achelis :  Goethe  als 
Lyriker.  Das  Wissen  für  Alle. 
II,  S.  452—454,  468—470. 

Goethe :  Histoire  du  Lied  ou 
la  chanson  populaire  en  Alle- 
magne  von  E.  Schure.  Nouv. 
Edition.  Paris, Perrin.S. 289-333. 

Die  Theorie  des  Epos  bei 
den  Brüdern  Schlegel,  den 
Klassikern   und  Wilhelm    von 


ICHTE. 
Humboldt.  Von  Dr.  Karl  Furt- 
müller. (Separat-Abdruck  aus 
dem  Jahresbericht  des  k.  k. 
Sophiengymnasiums  in  Wien.) 
Im  Selbstverlage  des  Verfassers. 

J.  Minor:  Die  ersten  zehn 
Weimarer  Jahre  im  Spiegel  von 
Goethes  Lyrik.  Auszug  aus 
dem  Vortrage.  (Chronik  des 
Wiener  Goethe -Vereins.  Bd. 
XVII,  Nr.  4-5-) 

Anton  Wallner:  Zu  zwei 
Goetheschen  Gedichten.  (Dine 
zuKoblenz. Seelied. )Euphorion. 
Bd.   IG.  Heft  3,  S.  659. 

Goethes  Erlkönig  von  Busch- 
mann. (Gymnasium.  XXI,  Sp. 
153-158.) 

Julius  Göbel :  The  authen- 
ticity  of  Goethes  Sesenheim 
songs.  (Modern  Philology. 
vol.   I.  Nr.   I   Juni.) 

Ein  ungelöstes  Räthsel  von 
Goethe.  Xenie:  Nicht  als  dein 
Erstes  etc.  (Aus  d.  Kölnischen 
Zeitung,  Voß.  Ztg.  Nr.  529, 
Morgen  -  Ausg.)  Entgegnung. 
(Voß.  Ztg.  Nr.  549,  24.  Nov.) 

Hermann  Henkel:  Zur  Lö- 
sung der  Frage  nach  der  Autor- 
schaft der  Xenien  von  1796. 
(Zeitschrift  für  den  deutschen 
Unterricht.  17.  Jahrg.  3.  und 
4.  Heft.  S.  228  —  233.) 

Trogalien  zur  Verdauung 
der  Xenien  1797   v.  Fürchteg. 


Ribi.ioc;k.\I'Iiik. 


297 


Chr.  Fulda.  Hrs^j.  von  Ludw. 
Grimm.  (Anti-Xenien  i.Heft.) 
Deutsche  Literatur-Denkmale 
des  18.  und  19.  Jahrh.  Hrsg. 
V.  Aug.  Sauer.  Nr.  125,  3.  Folge. 
Nr.  5.  Berlin,  B.  Behr.  XVI 11, 
45  SS.     M.  1.20. 

J.  Roll  :  Goethes  Nachtlied. 
Ein  Irrthum  u.  eine  Fälschung. 

—  Th.  Ziegler:  »Ueber  allen 
Gipfeln  ist  Ruh.«  —  Ed.  v.  d. 
Hellen:  »\\'anderers  Nachtlied.« 

—  Rud.  Henning:  Nochmals 
»Ueber  allen  Gipfeln«  und 
dessen  Entstehung.  —  Th. 
Ziegler:  Ein  Schlußwort  zu 
»Wanderers  Nachtlied.«  (Frkf. 
Ztg.  20.  Dez.  5.  Morgenbl., 
25. Dez.  I.  Morgenbl..  29.  Dez. 
I.  Morgenbl.,  31.  Dez.  i.  Mor- 
genbl., 3.  Jan.  1904  4.  Mor- 
genblatt.) 

Berth.  Litzmann :  Wanderers 
Sturmlied  von  Goethe.  Ein 
Erläuterungsversuch.  (Deutsch- 
land.  13.  Heft.) 

F.  Saran  :  Melodik  u.  Rhyth- 
mik der  »Zueignung«  Goethes 
Studien  zur  deutschen  Philo- 
logie. Festgabe,  der  47.  Ver- 
sammlung deutsch.  Philologen 
und  Schulmänner  dargebracht. 
Halle,  Niemeyer.  S.  169  —  239. 
Dasselbe  Sep.-Dr.  7 1  SS.  M.  2 .  — . 

Goethesche  \'erse    als  Ehe- 


vermittler. (Voß.  Ztg.  Abend- 
Ausg.   Nr.  534,   13.  Nov.) 

Hermann  et  Dorothee,  pre- 
cede  d'une  notice  litt^raire  par 
E.  Hallberg.  Paris.  Delalain. 
8°.    136  SS.     80  Ct. 

Goethes  Hermann  untl  Do- 
rothea v.  Ernst  W'asserzieher. 
Leipzig.  Max  Hesse,  94  SS. 
M.   —.30. 

Goethes  Hermann  und  Do- 
rothea von  E.  Kuenen.  5.  Aufl. 
Die  deutschen  Klassiker,  er- 
läutert und  gewürdigt.  Leipzig, 
Bredt.     133  SS.     M.  i.  — . 

Hermann  und  Dorothea  von 
Goethe.  Mit  Einleitung  und 
Anmerkungen  von  A.  Lichten- 
held.  Graesers  Schulausgaben 
klassischer  ^\  erke  2.  38.  bis 
45.  Tausend.  Leipzig,  Teubner. 
Wien,  Graeser.  XIV.  55  SS. 
M.  -.50. 

Goethe,  Hermann  und  Do- 
rothea. Mit  einer  Einleitg.  und 
Anmerkg.  Hrsg.  v.  Karl  ^^'eise. 
XX.  92  SS.  (\\'eises  deutsche 
Bücherei  No.  2.)  Berlin, Theod. 
Fröhlichs  Buchh.     I\L  — .30. 

Feetz,  Dr.  F. :  Aufgaben  aus 
deutschen  epischen  u.  lyrischen 
Gedichten.  Bd.  VII  und  VIII. 
Aufgab,  aus  Goethes  Gedichten. 
I.  u.  2.  Th.  karton.  je  M.  1.20. 
Leipzig.  ^^'.  Engelmann. 


4.  PROSASCHRIFTEN. 


Dichtung  und  Wahrheit  von 
Wolfgang  von  Goethe.  lUus- 
trirte  u.  commentirte  Ausgabe 
unter  Mitwirkung  von  Julius 
Vogel  und  Julius  Zeitler.  Hrsg. 
von  Richard  Wülker.  Verlag 
Hermann  Seemann  Nac:hfolg., 
Leipzig. 


J.  W.  Goethe:  Aus  meinem 
Leben.  Dichtung  und  \\'ahr- 
heit.  Für  den  Schulgebrauch. 
Herausgegeben  von  A.  Egen. 
Münster,  Aschendorff.  403  SS. 
M.   1.80. 

Goethe:  Aus  meinem  Leben. 
Schulausgabe  von   T-  Dahmen. 


298 


Bibliographie. 


4.  Aufl.  Paderborn.  Schöningh. 
VIII,   178  SS.    M.  i.io. 

Goethe,  Joh.  Wolfgang  v. : 
Italienische  Reise.  Bibliothek 
der  Gesammt-Literatur.  Halle, 
Otto  Hendel,  1651/52.   123  SS. 

E.  Müller -Röder:  Prin- 
zessin *  *  *  (Sonntagsbeilage, 
Nr.  46  zur  Voß.  Ztg.  Nr.  537, 
15.  Nov.) 

M.  Landau:  Der  Neff"e  des 
Prinzeßchens  (der  Teresia 
Filangieri).  (Beilage  285  zur 
Allgemeinen  Zeitung.) 

Goethe:  Mignon,  Auszug 
aus  Wm.  Meisters  Lehrjahren. 
Zum  Schulgebr.  Hrsg.  v,  Dr. 
Lörcher.  Sammlung  deutscher 
Schulausg.,  hrsg.  v.  Wychgram, 
Nr.  90.  Velhagen  &  Klasing. 
M.  —.75. 

Teplitz  in  Goethes  Novelle 
von  Bernhard  Seuffert.  Weimar, 
Herrn.  Böhlaus  Nachf.  38  SS. 
M.   —.80. 

Adolf  Hauffen :  Goethes 
»Novelle«  u.  Teplitz.  (Deutsche 
Arbeit,     2.  Jahrgang,    Heft  8, 

5.  637  —  641.) 

Goethe  u.  die  Gedichte  eines 
polnischen  Juden.  (Recension.) 
(Deutsche  Hausfrauenzeitung, 
30.  Jahrg.,  Nr.  4,   25.  Januar.) 

K.  Heinemann :  Goethes 
Shakespearefeier  am  14.  Oct. 
1771.  (N.  Jahrb.  f.  d.  klass. 
Altert,  Gesch.  u.  dtsche  Lit., 
5.  Jahrg.,   2.  H.) 

Bettelheim :  Goethe  u.  Anatole 
France.  (Unterhaltung,  deutsch. 
Ausgewanderten.  Quelle  für 
A.  F.)  (Allg.  Zeitung,  Beilage 
Nr.   227,   231.     S.   78.) 

[Die  Wahlverwandtschaften.] 
H.  Schoen.  Quid  boni  pericu- 
losive  habeat  Goethianus  über 
qui  Affinitates  Electivae  inscri- 


bitur.  Paris,  W.  Fischbacher. 
144  SS.     M.  4.  — . 

Werther.  piece  en  cinq  actes 
de  M.  Pierre  Decourcelle, 
d'apres  Goethe.  (Theätre  Sarah 
Bernhardt.) 

Erläuterungen  zu  Goethes: 
Werthers  Leiden  von  E.Bischoff. 
Königs  Erläuterungen  zu  den 
Klassikern,  7  9. Leipzig.H. Beyer. 
49  SS.     M.   — .40. 

Job.  Livres  ä  clef.  Werther. 
Intermediaire  des  chercheurs 
et  curieux.  XL VII.  S.  86—88. 

E.  Faguet:  En  relisant 
Werther.  Revue  des  Revues. 
XLV.  S.   145  — 150. 

Ed.  Pilon:  La  destinee  de 
Werther.  (La  Plume  XV,  I, 
S.  601  —  604.) 

A  propos  de  »Werther«. 
Quelques  opinions  sur  Goethe. 
Sainte  Beuve,  Henri  Heine. 
George  Sand,  Dumas  fils.  (La 
Semaine  Francaise.   22.  März.) 

Goethes  Werther  in  Frank- 
reich. Eine  bibliographische 
Studie.  Von  Louis  P.  Betz. 
(Zeitschrift  für  Bücherfreunde. 
7.  Jahrg.  9.  Heft,  Dezember. 
S.  383-388.)    ^ 

Suferintele  tinäruhu  \\  erther. 
Reflexinu  la  romanul  liü  Goethe 
von  E.  Grigorovitza,  Bucarest. 
Eminescu.  32  SS.  i  1.  50. 
(Auch  in  der  Rivista  Idealista 
I,  Nr.   3.) 

B.  Hamann  :  Das  W  erther- 
fieber.  (Westermanns  Monats- 
hefte. XLIV,  S.  830—838.) 

R. :  Das  Urbild  der  »Werther- 
Lotte«.  (Hann.   Cour.  24  207). 

E.  Bricon:  De  »Werther«  ä 
»Heureuse«  vonM.  Hennequin 
und  P.  Bilhaud.  (La  Grande 
Revue.  VII.  Bd.  XXVI,  S.  181 
bis  192.) 


BlBLlOORAl'UlE. 


299 


E.    ÜBERSETZUNGEN. 


L.  P.  Betz:  Deutsches  Inder 
amerikanischen  Literatur.  (Das 
literarische  Echo.  5.  Jahrjjang. 
Heft  15.  Erstes  Maiheft.  Sp. 
1021   ff.  (ioethe.) 

Goethe,  Extraits  en  prose, 
Publies  avec  des  notices  et 
des  notes  par  B.  L^vv.  Paris, 
Ha(-hette.  kl.  8".  XVI.'  186  SS. 
1.50  Fr. 

Poeti  Shakespeare.  Byron, 
Goethe,  Shelley  von  L.  B.  A. 
Forte. Palermo. Reber.  kl.8°.  3  L. 

t  Goethe.  Avec  notices  et 
annotations  von  P.  Lasserre 
und  P.  Baret.  (Pages  choisies 
des  grands  ecrivains.  Paris, 
Colin.     360  SS.     Fr.  3.50. 

t  Goethe  und  Straßburg  von 
A.  Eck.  Goethe  in  Straßburg. 
Auswahl  aus  Goethes  Selbst- 
biographie :  Aus  meinem  Leben 
Dichtung  und  Wahrheit.  Mos- 
kau, Typogr.  Leßner.  100  SS. 
50  Kop. 

Egmont.  Szomosüjatek  5 
felvonäsban.  Ford.  Salgö,  E. 
Budapest.  Lampel.  116  SS. 
60  h. 

Faust.  Mit  Zeichnungen  her- 
vorragender deutscher  Künstler. 
Petersburg,  H.  Hoppe.  4". 
172  SS.     2  Rub. 

Faust,  L  Theil.  L'ebersetzt  v. 
A.Mamontow,  Moskau.  50K0P. 

Goethe,  Faust.  Traduction 
de  Suzanne  Paquelin.  Premiere 
Partie.  XI,  246.  Paris.  Lemerre. 
Fr.  5  — 

Goethe,  Fausto.  Tragedia. 
A.  Salani,  Florenz.  16°.   135  SS. 

Gottfried  Süpfie:  Die  fran- 
zösisch. Faust-Uebersetzungen 


bes])rochen  v(^n  Martha  Lang- 
kavel.  Allg.  Zeitung,  Beil.   76. 

Herman  i  Dorota  von  Goethe, 
l^rzelozyl  F.  Nowicki.  (Biblio- 
teka  powszechna,  Nr.  429.) 
Zloczöw,  Zu(  kerkandl.  74  SS. 
24  h. 

Goethe,  Hermann  etl  )orothee 
(poeme).  Edition  classique, 
precedee  d'un  notice  litteraire 
par E.  Hellberg.  In-i8".  136SS. 
Delalain  freres,  Paris.  80  es. 

Goethe,  Hermann  et  Doro- 
thee,  poeme.  Traduit  en  Vers 
par  Veret.  103  SS.  Imprimerie 
Moderne.  Chateau-Thierry. 

Iphigenie  en  Tauride.  Tra- 
gedie  en  cinq  actes.  Traduit 
par  E.  Leclerc.  Langres,  impr. 
Champenoise.     123  SS. 

t  Goethe,  Iphige'nie  en  Tau- 
ride. Tradu(  tion  francaise  par 
M.  B.  Levy.  avec  le  texte  alle- 
mand  et  des  notes.  16*^.  147  p. 
Paris,  Hachette&Cie.,  Frs.  2.  — . 

^^'ahlver^vandtschaften.  über- 
setzt von  Emma  Parodi  (le 
affinitäelettive)Mailand.Libreria 
Editrice  Nationale  X.  338  SS. 

Goethe,  Werther.  Col.  de  los 
mejores  autores  antiquos  y 
modernos22.  Madrid.  Paez  y 
Compania.    154  SS.    0.50  ptas. 

Goethe,  Werther.  Novela. 
En  12°.  194  SS.  Impr.  de  los 
SucessoresdeHernando. Madrid. 

t  Goethe.  Xenia  e  detti  pro- 
verbiali.  Lo  scoiattolo  e  la 
montagna:  favola  di  R.  W. 
Emerson.  TraduzionidiE.  Teza. 
16°.  26  p.  Tip.  fratelli  Gallina 
Padua  1902. 


300 


Bibliographie. 


II.  Biographisches. 

A.    ALLGEMEINES. 


Goethes  Leben  und  Werke 
V.  G.  H.  Lewes.  Uebersetzung 
von  J.  Frese.  i8.  Aufl.  Stutt- 
gart, Krabbe.  XXXIL  288  SS. 
u.  XIL  380  SS.    M.  5.  —  . 

Goethe  von  Karl  Heinemann. 
3.  verb.  Aufl.  Leipzig.  E.  A. 
Seemann.   780  SS. 

Goethe  von  P.  J.  Möbius. 
Zwei  Bde.  Ausgewählte  Werke 
von  P.  J.  Möbius.  Bd.  II,  III  u. 
X,  266,  264  mit  einer  Tafel 
und  einem  Titelbilde.  Leipzig, 
Verlag  von  Joh.  Ambrosius 
Barth,     pro  Bd.  M.  3.  —  . 


Fischer  -  Pforzheim :  P.  J. 
Möbius.  Goethe.  (Psychiatr.- 
Neurologische  Wochenschrift 
Nr.  31.) 

— r. :  Goethe  und  die  Geistes- 
kranken (P.  J.  Möbius).  (Die 
Post.    I.  Nov.,  Sonnt.-Beil.) 

Gete  i  ewo  wremja  (Goethe 
und  seine  Zeit)  von  N.  Sachow. 
3.  Aufl.  Petersburg.  304  SS. 
1.25  Rubel. 

Goethe  im  20.  Jahrhundert. 
A^on  Wilh.  Bölsche.  4.  Aufl. 
Berlin,  Franz  Wunder. 


B.    BIOGRAPHISCHE  EINZELHEITEN. 


Fr.  Fischl :  Goethes  letzte 
böhmische  Reise.  (Die  Zeit. 
Nr.   266,   26.  Juni.) 

J.  Trötscher :  Goethes  Besuch 
am  Egerer  Gymnasium  im  Jahre 
1821.  (Jahresbericht  über  das 
K.  K.  Staatsgymnasium  in  Eger 
[Böhmen]  für  das  Schuljahr 
1902  — 1903,  S.  9  — 14.) 

Notizen  über  Goethes  Besuch 
im  Egerer  Gymnasium  1821  u. 
über  eine  Zeichnung  Goethes 
ausZwodau  in  Böhmen.  (Dtsch. 
Arbeit.  II,   10  —  12.) 

Gust.  Ad.  Mtiller :  Goethe  in 
Eisenach.  (EisenacherLandbote. 
Wochenbeilage  zur  Eisenacher 
Tagespost.    Nr.  41.    11.  Okt.) 

J.Froitzheim:  Goethes  Flucht 
aus  Frankfurt.  (Die  Gegenwart, 
XXXII,  39.) 

Ludwig  Geiger:  Goethe  und 
Frankfurt.  (Frankfurter  Ztg. 
Nr.  132,  I.  Morgenbl.  13.  Mai.) 


C.  Ruland :  Noch  einmal 
Goethe  und  Frankfurt.  (Frkf. 
Ztg.   16.  Mai,   I.  Morgenbl.) 

Ludwig  Geiger :  Goethe  und 
Frankfurt  181 7.  (Frkf.  Ztg. 
2.  Morgenbl.  Nr.  287,  16.  Okt.) 

St.  Kekule  von  Stradonitz: 
Eine  heraldische  Episode  aus 
Goethes  Leben.  (Velhagen  & 
Klasings  Monatshefte.  XVII,  2. 
S.   loi  — 109.) 

A.  Trinius :  Ilmenau  einst 
und  jetzt.  (Nationalzeitung, 
Sonntags-Beil.  Nr.  52.  25.  Dez.) 

Goethe  u.  d.  Kölner  Karneval 
(1825).  (ErsteBeil.  zur  Sonnt.- 
Ausg.  der  Köln.  Ztg.   11.  Jan.) 

G.  \\'ustmann:  Der  Leipziger 
Student  Goethe.  (Leipziger 
Tageblatt  Nr.  323.) 

Friedr.  Fischl :  Zu  Goethe 
in  Marienbad.  (Chronik  des 
Wiener  Goethe-Vereins.  Band 
XVII.  Nr.   1—3.) 


BlBLlÜGRAriilE. 


301 


E.  Müller  -  Walde<k  :  Mit 
Goethe  zum  Matterhorn.  (Tgl. 
Rundschau,  l'nterhalt. -Beilage 
101.) 

Karl  Meurer:  (roethes  Reise 
nach  dem  Montblanc  und  dem 
St.  Gotthardt.  (Deutsche  Alpen- 
/eitung,  München.   II,   21.) 

B.  Croce  :  Wolfgango  Goethe 
a  Napoli  Aneddoti  e  Ritratti 
.Neapel.  L.  Pierro.   55  SS.   i.L. 

t  W.  Kahl :  Pfal/burg  zur  Zeit 
desjungen  Goethe  (i  770).  (Jahr- 
buch für  Geschichte.  Sjirache 
u.  Literatur  Elsaß- Lothringens 
XVIII.  S.   109  —  123.) 

t  Kulturbilder  aus  d.  Rhein- 
land von  J.  Joesten,  Bonn. 
Georgi.  S.  44  —  53.  (Goethe 
in  Bonn.) 

G.  von  Graevenitz :  Goethe 
in  Rom.  (Daheim.  XXXIV. 
Nr.   18.) 

Jul.  Vogel :  Aus  Goethes  rö- 
mischen Tagen.  I.  Römische 
Goethe-Bildnisse.  IL  EineScene 
im  Castel  Gondolfo.  Oelskizze 
von  Angelika  Kauffmann.  (111. 
Ztg.  1902.  CXIX,  3104.  CXX., 
Nr.  3128.) 

G.  Korn  :  Goethes  römischer 
Aufenthalt.  (Lpz.  Tgbl.  Nr.  1 03.) 


G.  Korn  :  Goethe  unter  österr. 
Spionage  in  Rom.  (Lei])ziger 
Tagebl.  Nr.   103.) 

t  ^^ilh.  Feldmann:  Goethe 
in  Saarbrücken.  (Mittheil,  des 
Hist.  Vereins  f.  die  Saargegend. 
Heft  8.  Hrsg.  von  A.  Krohn. 
Saarbrücken  1901.  S.  41  —  57.) 

t  Goethes  Lily  (sie)  in  Saar- 
brücken 1793.  (Abdruck  aus 
J.  Rathgeber:  Elsässische  Ge- 
schichtsbilder i.  Mitth.  d.  Hist. 
Ver.  f.  d.  Saargegend.  Heft  8. 
Saarbrücken  1901.S.  134-140.) 

Goethe  und  die  lustige  Zeit 
in  Weimar  von  Aug.  Diezmann. 
Unverkürzter  Neudruck.  Wei- 
mar, Herrn.  Grosse.  269  SS. 
M.   1.50.  (2.  —  .) 

Ludwig  Geiger :  Goethe  und 
die  Weimarer  Straßenjungen. 
(Voß.  Ztg.  Morg. -Ausg.  Nr.  473, 
9.  Okt.) 

F.  A.  (Friedrich  Adler) :  Auf 
Goethes  Spuren.  (Beilage  zur 
Bohemia  Nr.   215,  8.  August.) 

Clara  Wahlström :  Goethes 
private  Lebensführg.  Dagny  14. 

Steph.  Kekule  v.  Stradonitz  : 
Goethe  als  Pathe.  (Die  Zukunft. 
XL  25.) 


C.    GOETHES  VERWANDTE. 


L.  Frost:  Goethes  Mutter. 
(Die Zeit.  XXXIV.  S.  106-107.) 

Die  Religiosität  der  Frau  Rat 
und  das  Verhältni(">  Goethes 
zum  Christen -Glauben  von 
Schmidt.  Leipzig,  lacobi  und 
Locher.     8".     M.    -.75. 

F.  W.:  Frau  Rat.  (Tägl. 
Rundschau,    Lnterh.-Beil.  43.) 


Max  Morris:  ^\  itkowskis 
Cornelia  Goethe.  (Nat. -Zeitung 

A.  Eloesser:  Cornelia,  die 
Schwester  Goethes  (Witkowski). 
(Voss.  Zeit.  597.) 

J.  Sittard:  Cornelia,  die 
Schwester  Goethes  (Witkowski). 
(Hamb.  Corr.   585.) 


^02 


Bibliographie. 


Ludwig  Geiger :  Goethes 
Schwester.  (Die  Zeit.  Nr.  99. 
7.  Jan.   1903.) 

J.  Fränkel  üb.  die  Biographie 


Corneliens  von  G.  \\'itkowski. 
(N.  Züricher  Zeitung  241.) 

Th.  Achelis :  Christiane  Vul- 
pius.  (Die  Wage,  Wien,  VI,  39.) 


D.    GOETHES  ^^RHÄLTNISS  ZU  VORGÄNGERN, 
ZEITGENOSSEN,    NACHFOLGERN,   SOWIE  ZU  FRAUEN. 


M.  Wolff:  Goethe  und  Base- 
dow. (Pädag. Studien,  2;^.  Jahrg. 

1.  Heft.) 
KarlWilhelmSchmidt:  Goethe 

und  Beethoven.  (Sonntags-Beil. 
Nr.  ^^  zur  Voss.  Ztg.  Nr.  381, 
16.  August.) 

Goethe  and  BerUoz.  (Musical 
Courier.  New- York,  Nr.  1203.) 

Ludwig  Geiger :  Goethe, 
Bettine  und  die  Frankfurter 
Juden.  (Allgemeine  Zeitung 
des  Judentums.  67.  Jahrgang, 
Nr.  40,   2.  Oktober.) 

O.  Pfülf,  S.  J. :  Aus  Bettinas 
Briefwechsel  11,  HL  Stimmen 
ausMaria-Laach,  Freiburg  i.Br., 
LXIV,  5,  LXV,   I. 

F.  Galle:  Bismarck  u. Goethe. 
(Monatsschrift  f.  höh.  Schulen. 

2.  Jahrg.,  9. —  IG.  Heft.) 

A.  Wechsler:  Goethe  und 
Friderike  Brion.  (Gegenwart, 
LXII,  S.   270 — 271.) 

O.  Karrig:  Friderike  Brion 
und  das  Goethedenkmal  in 
Straßburg.  (Die  Gegenwart, 
LXIII,  Nr.  6.) 

O.  Ulrich:  Aus  Charlotte 
Kestners  alten  Tagen.  (Hann. 
Tageblatt  Nr.  329,  330,  331, 
333.   27.  28.  29.  Nov.,  I.  Dec.) 

Th.  Deecke :  U'erthers  Lotte 
in  ihren  letzten  zwanzig  Lebens- 
jahren. Niedersachsen  (Bremen) 
IX,  Nr.   I. 

Gustav  Adolf  Müller:  Die 
Reiseapotheke  der  Goetheschen 


^^'erther-Lotte.  (Antiquitäten- 
Rundschau  Nr.   12,    I.  April.) 

Goethes  Wirkung  in  der 
Weltliteratur.  Goethe,  Byron 
und  Madach.  Von  Dr.  Abel 
vonBarabas.  Leipzig-Reudnitz, 
Jacques  Hegner.     M.   1.50. 

L'idealitä  spirituale  in  Dante, 
Milton,  Klopstock,  Goethe, 
Mickiewicz,  von  P.  Raveggi. 
Florenz,  Tip.  O.  Pagi.  100  SS. 
I   L. 

J.  Froitzheim:  Goethe  und 
Propst  Dumeix.  (Die  Gegen- 
wart XXXII,  30.) 

S.  Goodinght :  H.  Emersons 
opinion  of  Goethe.  (German 
American  Annais.  2.  Serie.  I. 
S.   243  —  256.) 

Franz  Ilwof:  Feuchterslebens 
Goethestudien.  (Chronik  des 
Wiener  Goethe -Vereins.  Bd. 
XVII,   Nr.  1—3,   15.  März.) 

H.  Klingebeil:  Goethe  und 
die  Frauen.  (DerTürmer,  V,  1 1 .) 

Goldsmiths  Einfluß  in 
Deutschland  im  18.  Jahrh.  von 
H.Sollas.  Heidelbg.  Diss.  44  SS. 

W.  V.  Scholz :  Günther  und 
Goethe.  (Die  Kultur,  I,  S. 
1459— 1506.) 

Vergleichende  Studien  zu 
Hebbels  Fragmenten,  nebst 
Miscellaneen  zu  seinen  Werken 
und  Tagebüchern  von  Albert 
Fries.  Berlin,  L.  Ehering.  59  SS. 

Einfluß  Goethes  S.  11  ff.  Vgl. 
ferner  S.  3,4,  s.  auch  oben  S.  179. 


Bibliographie. 


303 


Goethe  ed  Heimholt/-  von 
C  De  Lungo.  Torino.  16". 
161   pp.     L.  2. — . 

Ludwig  Keller:  Joh.  Gottfr. 
Herder  und  die  Kultgesell- 
schaften des  Humanismus.  (Mo- 
natsh.  der  Comenius-Gesellsch. 
XII.   243-348.) 

Enthält  vieles  über  Goethe  als 
Freimaurer. 

Max  Morris:  Goethe  und 
Holberg.  (Chronik  des  Wiener 
Goethe- Vereins.  Band  XVII. 
Xr.  9—12.   15.  Dez.) 

A.  de  Gubernatis:  Goethe  u. 
Italien.  (Dtsch.  Revue  XXVIII, 
I.  S.  III  — 121,  224 — 239.) 

Alexander  von  Bernus:  Ein 
Beitrag  zur  Manzoni-Literatur. 
Unveröffendirhter  Brief  Man- 
zonis  u.  einer  J.  F.  H.  Schlossers, 
Frankfurt  1830.  (Freistatt. 
Kritische  \\'ochenschrift  für 
Politik.  Literatur  und  Kunst. 
Nr.   II.     S.  993  —  994.) 

Mit  Bemerkungen  über  Goethe 
und  Italien. 

G.  Neumeister :  Jesus  und 
Goethe.     (Der  Tag.  Nr.   161.) 

A.  Rau :  Goethes  und  Kants 
Verhältniß  zu  den  Prinzipien 
d.  Feuerbachschen  Philosophie. 
(Dtsch.  Zeitschr.  V.  S.  247-254.) 

Herzog  Karl  August  und  der 
Pariser  Buchhändler  Pougens. 
Ein  Beitrag  zur  Geschichte  der 
internationalen  Beziehungen 
Weimars  von  P.  v.  Bojanowski. 
\\  eimar,  Herm.  Bohlaus  Nachf. 

P.  v.  Bojanowski:  Herzog 
Karl  August  von  Weimar  in 
einer  Sitzung  der  Pariser  Aka- 
demie. Freundesgaben  für 
Karl  Frenzel.  Berlin.  S.  5  —  10. 

A.  Hansen:  Finne  od.  Goethe. 
(Voß.  Zeitung.  Morgen. -Ausg. 
Nr.  497,  23.  Okt.) 


N.  ^^'ille:  Goethe  oder  Linnc. 
Eine  Antwort  an  die  Voß.  Ztg. 
(Aftenposten,    November.) 

Anknüpfend  an  \.  Hansen,  s.  vor. 
Nr.,  vgl.  Kalischer,Voß.  Ztg.  Nr.  450. 

Ludwig  Geiger:  Großher- 
zogin Luise  von  Weimar.  (Voß. 
Ztg..  Nr.  359.  Morg. -Ausgabe. 

4.  August.  Feuilleton.) 

Ph.  Loewe:  Goethe  und  der 
Sarajlija  (Simeon  Milutino- 
witsch).  (Wiener  Frembenblatt. 
Nr.  82,   24.  März.) 

V  Goethe  und  der  italienische 
Dichter  Vincenzo  Monti.  (Die 
Grenzboten.  LXI.  44.) 

E.  Faguet:  Goethe  €t  Nietz- 
sche. (Revue  des  Revues. 
XLIV.  S.  556  —  560.) 

f  F.  Schubert:  Goethes  schöne 
Mailänderin.  (Ueber  Land  und 
Meer.  44.  Jahrg.  LXXXVII.Bd. 
Nr.  32.)  " 

P.  Reiff:  Pindar  and  Goethe. 
(Mod.  Language  Notes.  XVIII. 

5.  169—173.) 

Platen  in  seinem  Verhältniß 
zu  Goethe  von  Rud.  Unger. 
Ein  Beitrag  zur  inneren  Ent- 
wickelungsgesch.  des  Dichters. 
Forschungen  zur  neueren  Li- 
teraturgeschichte. Hrsg.  von 
Prof.  Dr.  Frz.  Muncker.  XXIII. 
Berlin,  Al.Duncker.  VIII.190SS. 

M.   5--- 

Platen- Forschungen.  I.  Zu 
dem  dramatischen  Nachlaß. 
II.  Zu  den  Werken  und  Tage- 
büchern. Von  Albert  Fries. 
Berlin,  E.  Ehering.   126  SS. 

Kap.  I.  Einfluß  Goethes  und 
Schillers,  ferner  S.  40  ft".,  S.  81  fl"., 
S.   122  fi". 

F.  Beyschlag:  Eine  Parallele 
zwischen  Plato  und  Goethe.  (Bl. 
für  das  Gymnasial-Schulwesen. 
XXXIX.  Bd.  3/4.  H.) 


304 


BiBLIOGRAPHlt:. 


Edgar  Istel :  Goethe  u.  J.  Fr. 
Reichardt.  (Frkf.  Ztg.  238.  239.) 

Goethe  und  Schiller  von 
J.  Howald.  Eine  Monographie. 
Konstanz,  C.  Hirsch.  VI.  1 69  SS. 
M.  2.  —  . 

Goethe  et  Schiller  par  A. 
Bossert.  5  ed.  revue.  Paris, 
Hachette.    455  SS.    Fr.  3.50. 

Schiller,  Goethes  u.  Schillers 
Zusammenwirken,  Romantik 
von  Franz  Prosch.  Geschichte 
der  deutschen  Dichtung  zum 
Gebrauch  an  österreichischen 
Lehranstalten  u.  für  das  Selbst- 
studium. Zweiter  Theil.  Zweite 
Auflage.  Carl  Gräser  &  Cie. 
\\  ien   1904. 

E.  Traumann  :  Stift  Neul)urg. 
(Der  Besitz  Friedrich  Schlossers. 
Dessen  Beziehungen  zu  Goethe.) 
(Neue  Heidelberger  [ahrbücher. 
XII,  S.  54-62.) 

Das  Frankfurter  Zinngiesser- 
gewerbe  und  seine  Blüthezeit 
im  18.  Jahrhundert  von  Rechts- 
anwalt Dr.  Alexander  Dietz. 
Frankfurt  a.  M.,  Druck  von 
Gebr.  Knauer. 

S.  175 fg.  Familie  Schönkopf. 

Goethe  und  Schopenhauer. 
Ein  Beitrag  zur  Entwickelungs- 
geschichte  der  Schopenhauer- 
schen  Philosophie  von  Heinr. 
Doli.  Berlin,  Ernst  Hofmann  &: 
Co.    73  SS.    M.   1.50. 

t  J.  Blaschke :  Schubert  und 
Goethe.  (Neue  Zeitschrift  für 
Musik.  LXIX,  S.   546  —  549.) 

Goethe  als  Erzieher.  Von 
John  Lancaster  Spalding : 
Deutsche  Uebersetz.,  München, 
Schuh  &  Co. 

P.Schmidt:  Ein  bischöflich. 
Wort  über  Goethe  als  Erzieher. 
(John  EancasterSpalding.)  (IJte- 
rarische  Warte,  IV.  Nr.   10.) 


Goethe  und  die  Stael.  (Voss. 
Zeitung,  Nr.  566,  Abend-Ausg., 
3.  Dec.) 

t  P.  Besson  :  Goethe  et  Mt* 
de  Stein.  (Annales  de  Tuniversite 
deGrenoble.  XIV,  S.447  —  517.) 

Graf  Kaspar  von  Sternberg : 
Ausgew.  Werke.  I.  Band :  Brief- 
wechsel zwisch.  J.W.vonGoethe 
und  Kaspar  Graf  von  Stern- 
berg (1820 — 1832).  Hrsg.  von 
Aug.  Sauer.  Mit  3  Bildn.  Stern- 
bergs.  Prag,  J.  G.  Calve.  434  SS. 

Gesammelte  Reden  u.  Auf- 
sätze zur  Gesch.  der  deutsch. 
Literatur  in  Oesterreich  und 
Deutschland.  Von  August  Sauer. 
Wien  u.  Leipzig.  Carl  Fromme, 
gr.  8*^.     400  SS.     M.  6.  —  . 

Lebensbild  des  Grafen  Kaspar 
Sternberg. 

E.  Gnad:  Goethe  und  Graf 
Sternberg.  (\Mener  Abendpost, 
Nr.  36.) 

J.  Cohn:  Goethe  u.  Uhland. 
(Goethe  an  Zelter  über  Uhlands 
Gedichte).  (Allgemeine  Zeitung, 
Beilage,  Nr.   273.) 

t  S.  Siehe:  Friederike Unzel- 
mann  und  die  erste  Darstellung 
der  Goetheschen  Iphigenie  in 
Berlin.  (Tägliche  Rundschau, 
Beilage  Nr.  303.) 

Briefe  von  \\'iener  Damen. 
(Goethe  u.  Oesterreich.)  (Neue 
Freie  Presse  Nr.  13847, 15. März, 
Feuilleton.) 

Egon  von  Komorczynski. 
Goethe  u.  Oesterreich.  (August 
Sauer).    (Wien.  Abendpost  71.) 

Aus  dem  Lager  der  Goethe- 
Gegner  von  Michael  Holzmann. 
Mit  e.  Anhang.  Ungedrucktes 
von  und  an  Börne.  (Deutsche 
Literaturdenkmale  des  18.  und 
19.  Jahrh.  Hrsg.  von  A.  Sauer. 
Nr.i29.B.Behr.  2  24SS.)M.3.5o. 


BlBLIOGRAPllin. 


305 


Emil  Homer:  Aus  dein  l-ager 
der  Goethe-Gegner.  (Chronik 
des  Wiener  Goethe- Vereins, 
Bd.  XVII,  Nr.  9  -12,  is.Dec.) 


In  memoriam  (Schrüer). 
(Chronik  des  Wiener  Goethe- 
Vereins.   Bd.  XVII.  Nr.    13, 

15.  M.ärz.) 


E.    STELLUNG  ZU  KUNST,  LITERATUR,  POLITIK, 
RELIGION,  WISSENSCHAFT. 


Goethe-  Betrachtungen  von 
H.  Hirth.  Kleinere  Schriften. 
München,  Verlag  der  Tugend. 
IL  S.   i55r'<^7- 

A.  Härlin:  Goethe  und  der 
Alkohol.  (Leipz.Tgbl.  Nr.  436, 
28.  August.) 

Goethe  als  Almosengeber. 
(Voß.  Ztg.  Nr.  566.  Abend- 
Ausg.  3.  Dec.  Aus  d.  Köln.  Ztg.) 

G.  Neumeister :  Goethe  als 
Arzt.  (Tgl.  Rundschau.  Unter- 
haltungs-Beilage Nr.   200.) 

Wilh.  Paszkowski:  Goethes 
Verhältniß  zum  Bibliotheks- 
wesen. Beiträge  zur  BUcher- 
kunde  und  Philologie,  August 
Wilmanns  zum  25.  III.  1903 
gewidmet.  Leipzig,  Harasso- 
witz.  S.   159 — 172. 

H.Heinz:  Goethe  als  Biblio- 
thekar. (Frkf.  Ztg.  Graz.  Nr.  231. 
21.  Aug.) 

Pastor  Diestel :  Lieb.  Goethes 
Christenthum.  (Monatshefte  d. 
Comenius-Gesellsch.  Bd.  XII. 
Heft  5  —  7.  S.   119— 127.) 

t  Moncrieff  O'Connor.  1).: 
The  influence  of  christianity 
on  dramatic  ideals  of  character. 
(Dublin  Review.  CXXXI,  S.  27  i 
bis  294.  Iphigenie). 

R.  Ehlers :  Goethe  und  das 
Christenthum.  ( Protestantische 
Monatshefte.  VII.  Heft  9.) 

Harnack,  Goethe,  I).  F. 
Strauß  und  L.  Feuerbach  über 
das  Wesen  des  Christenthums 

Goethe-Jaiirbvch  XXV. 


von  A.  Rau.  Eine  kritische  Dar- 
legung. Delitzsch,  C.  A.  Walter. 
IIL   49  SS.     M.   I.-. 

Goethe  und  die  Descendenz- 
lehre  v.  Waldemar  ^^'asielewski. 
Frankfurt  a.  M.,  Rütten  c^- 
Loening.  VIL    61  SS.  M.  1.80. 

Fritz  Lienhard :  Goethes  Ein- 
samkeit.  (Deutsche  ^^'elt.  51.) 

S.  George:  Goethe  über  Er- 
ziehung und  L^nterricht.  (Mittel- 
schule. XVIL  S.  460—466.) 

Adolf  Metz  :  Ethische  Fragen 
und  Folgerungen  im  Anschluß 
an  Goethe.  (Preußische  Jahrb. 
Bd.  cm.  3.  Heft.) 

Die  ästhetische  Bedeutung 
von  Goethes  Farbenlehre  von 
A.  Peltzer.  Heidelberg,  Winter. 
IIL  47  SS.     M.   1.20. 

Mungo:  Goethe  als  Fein- 
schmecker. (Oesterr.  Volks-Ztg. 
303.) 

Goethe  über  die  Frauen. 
Gedr.  in  50  Exempl.  Budapest. 

Goethe  und  die  Frauen.  (Der 
Türmer  V,   2.) 

G.  Brandes:  Goethe  et  l'idee 
de  liberte.  (Revue  Bleue  4  Serie. 
S.  XX.     S.  33-37-) 

Goethe  und  die  Geschlechter, 
von  P.  J.  Möbius.  Beiträge 
zur  Lehre  von  den  Geschlechts- 
unterschieden. Heft  6.  Halle  a.S. 
Verlag  von  Carl  Marhold. 
gr.  8".     30  SS.     M.   I.  — . 

Fischer -Pforzheim:  P.  J. 
Möbius:    Goethe  und  die  Ge- 


3o6 


Bibliographie. 


schlechter.  ( Psychiatrisch-Neu- 
rolog.  Wochenschrift   Nr.  22.) 

Curt  L.  Walter:  Goethes 
Idee  des  Göttlichen.  (Hoch- 
land, Dresden  I.  4.) 

Konrad  Falke:  Goethe  und 
das  Hochgebirge.  (Basler  Nach- 
richten 356.) 

F.  Fischer:  Goethe  über 
Irrenanstalten  u.  Geisteskrank- 
heiten. Psychiatrisch  -  Neu- 
rologischeWochenschnftNr.43. 
(Frkf.  Ztg.  44-) 

Goethe  ein  Kinderfreund  von 
Karl  Muthesius.  Berlin,  E.  S. 
Mittler  &  Sohn.  230  SS.  mit 
I  Taf.     M.  2.50,  3.60. 

Goethes  Lebenskunst.  (Der 
alte  Glaube,  III.  Nr.  34.) 

Bode,  W.:  Goethe  sasom 
människa.  Oefvers.  fran  2  :  a 
uppl.  an  af  »Goethes  Lebens- 
kunst« af  Signild  Wyshing  204, 
IG  pl.  T.  N.  Norstedt  &:  Söner, 
Stockholm.  3  Kr.,  geb.  4  Kr. 
50  öre. 

Max  Seiling :  Goethe  und 
der  Materialismus.  (Psychische 
Studien,  XXX.  Jahrg.,  Heft  IV, 
April,  S.  223—232,  Heft  VI, 
Juni,  S.  362  —  368,  Heft  VII, 
Juli,  S.  422 — 428.) 

H.  Driesmann:  Das  Gesetz 
Goethes  in  der  Menschenbildung 
und  Rassenkreuzung.  (Die 
Gegenwart  LXIII.  Nr.   12.) 

A.  Fuchs:  Goethe  und  die 
Musik.  (Schweiz.  Musikzeitung, 
Xm,  Nr.  I.) 

Max  Seiling:  Weiteres  über 
Goethe  und  der  Okkultismus. 
(Psychische  Studien,  XXX.  Jhrg. 
I.  Heft,  S.  21  —  29.) 

Goethe  und  der  Orient  von 
Herman  Krüger-Westend.  Wei- 
mar, Hermann  Böhlaus  Nachf. 


W.  Schmidt:  Goethe  als 
Pädagoge.  (Lehrer-Zeitung  für 
Thüringen  U.Mitteldeutschland, 
XV,  Nr.  42.) 

S.  Saenger :  Goethe  als  Philo- 
soph (nach  Hermann  Siebecks 
Buche :  Goethe  der  Denker.) 
(Die  Zukunft  XI,   29.) 

D — s:  Ist  Goethe  populär? 
Eine  Stimme  aus  unserm  Leser- 
kreise. (Berliner  Tagebl.  43  s. 
28.  Aug.) 

Friedrich  Dernburg :  Popu- 
larität. (Berl.  Tagebl.  439.) 

Goethes  bester  Rath.  Von 
Wilhelm  Bode.  Berlin.  E.  S. 
Mittler  &:  Sohn. 

Goethes  Selbstzeugnisse  über 
seine  Stellung  zur  Religion 
und  zu  religiös-kirchl.  Fragen. 
In  zeitlicher  Folge  zusammen- 
gestellt von  Theodor  Vogel. 
Dritte  Aufl.  B.  G.  Teubner. 
Leipzig. 

K.  Trost :  Die  religiöse  Be- 
deutung Goethes.  (Nordd.  Allg. 
Ztg.  Beilage,  Nr.   10.) 

M.  Arnauld  :  La  Sagesse  de 
Goethe.  (L"Eremitage,  Paris. 
XIV.  Nr.   26.) 

Goethes  LTrtheil  über  die 
wichtigsten  Tagesfragen  "  des 
20.  Jahrh.  von  Oskar  Steinel. 
In  wörtlichen  Auszügen  aus 
Eckermann  zusammengestellt. 
Erlangen,  Fr.  Junge.  75  SS. 
M.   -.75. 

Franz  Ilwof:  üeber  Goethes 
Stellung  zum  Weine.  (Grazer 
Tagesp.   245.) 

Goethes  Plan  einer  ^^'eltbibel. 
(Abdruck  eines  Artikels  aus  der 
Voß.  Zeitung.  Auszug  aus  B. 
Suphan.  Daslitt.Echo  Nr.  862fg. 
zweites  März-Heft.  1903.  Jahr- 
gang V.  Nr.   12.) 


Bibliographie. 


B.  Krembs:  Goethe  (als 
Zeichner).  Dichter  und  Maler. 
Leipzig.  Dürr.  S.  65  —  82. 

Ad.  Fr.  Seligmann:  Goethe 
als  Zeichner.  Vortrag  gehalten 
im  Wiener   Goethe-Verein    am 


4.  März  1903.  (Chronik  des 
Wiener  Cioethe- Vereins.  Band 
XVII.  Nr.  6  —  8.  I.  August.) 
A.  F.  Seligmann :  Goethe  als 
Zeichner.  (Neue  Freie  Presse. 
Nr.   18839,   7.  März.) 


F.    NOTIZEN  VON  ZEITGENOSSEN  ÜBER  GOETHE. 


Bruno  Gebhardt :  Aus  Wil- 
helm von  Humboldts  Nachlaß. 
(Nord  und  Süd.  Heft  313.  S.  84. 
Heft  314.  S.   197.  Goethe.) 

Heinrich  Funck:  Elf  Briefe 
von  Lavater  an  Wieland.  (Bei- 
lage zur  Allg.  Zeitung  Nr.  47. 
27.  Feb.) 

Gustav  Ad.  Müller:  Unge- 
drucktes über  Goethe  von  einem 
Zeitgenossen  (demBremer  Theo- 
logen J.  J.  Meyer.)  (Sonnt. -Bl. 
(629)  des  Hann.  Cour.) 

Erwin  St.  Goar:  Aufzeich- 
nungen des  Freiherrn  von  Ried- 
esel über  seine  Reise  nach 
Weimar  (1805).  (Frankf.  Ztg. 
Nr.  34.) 

Ludwig    Geiger :    Aus    dem 


Schillerhause.  (Frkf.  Ztg.  Nr.  6  2 . 
Erstes Morgenbl.  3. März  1903.) 
Schilderungen  Goethes  in  Briefen 
von  Funk. 

Ansichten  über  Literatur  und 
Kunst  unseres  Zeitalters,  i.  H. 
Mit  einem  Kupfer.  Deutschland 
1803.  [Neudruck.]  Gesellschaft 
der  Bibliophilen  Weimar  1903. 
64  SS.  mit  Nachwort  u.  Erläu- 
terungen von  G.  Witkowski. 

Ueber  den  Verfasser  einer 
gegen  Goethe  und  die  Schlegels 
gerichteten  Schmähschrift  aus 
dem  Jahre  1S03  von  A.  Silber- 
mann. (Programm  der  Kaiser 
Franz  Josefs-Handelsakademie 
in  Brunn.     23  SS.) 

Kotzebue:  Expektorationen. 


IIL    VERSCHIEDENES. 

A.    AUSSTELLUNGEN,  BILDER,  BÜSTEN,  STATUEN, 

FEIERN,  GEDENKPLÄTZE,  -TAFELN,  -STÄTTEN. 

SAMMLUNGEN. 


Aus  den  Großherzoglichen 
Museen.  (Weim.  Ztg..  9.  April.) 

Carl  Ruland :  Aus  den  Groß- 
herzoglichen Museen.  (Weim. 
Ztg.,  Nr.   146,   25.  Juni.) 

O.  Heuer:  Gerhard  von 
Kügelgens   Goethebildniß    von 


1808.  (Tahrb.  d.  Fr.  D.  Höchst., 
1903,  S.   285  —  288.) 

(Mit  Wiedergabe  des  Bildes  in 
Heliogravüre.) 

Goethe.   »Du  stehst  mit  un- 
erforschtem Busen,  geheimniß- 
voll«  etc.    [Die  Gestalt  Goethes 
20* 


3o8 


Bibliographie. 


auf  e.  Felsenhöhe,  vor  der  mit 
Füllhorn  und  mit  Blumen  ge- 
schmückten, knieenden  weibl. 
Hgur  stehend.]  Färb.  orig. 
Lithogr.  V.  Fr.  Stassen,  45  u. 
31 1/2  cm.  Fischer  &  Francke, 
Düsseldorf.     M.  8.  —  . 

Goethe.  Goethekopf  nach 
links,  vom  Wiener  Goethe- 
Denkmal  von  Edm.  Hellmer. 
Phot.-Gravure  auf  chin.  Papier. 
G.    Heuer    &   Kirmse,    Berlin. 

M.  3 -• 

Goethe.  Brustbild  nach  links 
gerichtet.  Nach  einer  Skulptur 
von  E.  Hellmer  in  phot.  Kohle- 
druck. Imp.-Fol.  Verlagsanst. 
Fr.Bruckmann,A.-G.,  München. 
M.   18.  —  . 

Goethe.  Achtfarbige  Original- 
zeichnung von  Franz  Stassen. 
Fischer  &  Franke  in  Berlin. 
M.  6.-. 

Goethe  und  Beethoven  in 
Teplitz.  Nach  dem  Gemälde 
von  C.  Rohling.  Photogravüre 
auf  chin.  Papier.  Photogr. 
Gesellschaft,  Berlin.    M.  15.  —  . 

Türmers  Bilderschatz.  Kunst- 
blätter. Nr.  3.  Goethe  von  G. 
V.  Kügelgen.  Greiner  &  Pfeiffer 
in  Stuttgart.     M.   —.50. 

Angelica  Kaufmann,  Brust- 
bild (eine  Mappe  an  die  Brust 
haltend).  Nach  dem  eig.  Ge- 
mälde in  der  alten  Pinakothek 
in  München,  radirt  von  Doris 
Raab.  Hugo  Helbing,  München. 
M.  20.  — ,  auf  (hin.  Papier. 
M.  30.  —  . 

Adolf  Kohut:  Die  Goethe- 
Sammlung  in  Budapest.  (Zeit- 
schrift f.Bücherfreunde.  7.  Jahrg. 
Heft  9.     Dec.     S.   377  —  382.) 

J.  Fränkel :  Ein  Goethe-Denk- 
mal. (Von  Bettina  Brentano.) 
(Die Zeit,  XXXV,  S.  253-255.) 


Ruhestätten  und  Denkmäler 
unserer  deutschen  Dichter  von 
O.  Weddingen.  Halle,  Gesenius. 
Goethe-Denkmäler,  S.  36 — 49. 

G.  H. :  Zur  Einweihung  des 
Darmstädter  Goethe-Denkmals. 
(Darmstädter  Tägl.  Anzeiger, 
24.  Juni.) 

G.  F.:  Der  Goethe-Tempel 
im  Darmstädter  Herrengarten. 
(Darmstädter    Tägl.   Anzeiger, 

28.  Juni.) 

Die  Enthüllungsfeier  des 
Darmstädter  Goethe-Denkmals 
am  30.  Juni  1903.  (Darmst. 
Tägl.  Anz.  Nr.  152  vom  2.  Juli 
1903,  Leitartikel.) 

Enthält  auch  Oberstleutnants 
Eugen  Gad  und  Prof.  Dr.  Otto 
Harnacks  Festreden   im  Wortlaut. 

Führer  durch  Sesenheim  und 
Umgebung.  Ein  Wegweiser 
für  Goethefreunde  von  Gust. 
Ad.  Müller.  2.  vermehrte  Aufl. 
Mit  einem  Bilde  des  alten  evang. 
Pfarrhauses.  Bühl  (Baden). 
Verlag  der  Aktiengesellschaft 
Konkordia.     M.   i.  — . 

G.  A.  Müller:  Bedrohte 
Goethe-Erinnerungen  in  Sesen- 
heim, Meysenheim,  Emmen- 
dingen, Frankfurt  a.  M.  (Anti- 
quitäten-Rundschau I,  Nr.  14. 
S.   167  —  170). 

Ein  Wort  über  \\'eimar  von 
Ernst  von  Wildenbruch.  Als 
Flugschrift  gedruckt.  Berlin, 
G.  Grotesche  Verlagshandlung. 

Paul  Schienther :  Die  ob- 
dachlose Goethe  -  Gesellschaft. 
(Neue  freie  Presse,  Nr.  139 18, 
26.  Mai.) 

Willy  Schäfer :  Goethes 
Gartenmauer.     (Frkf.    Zeitung, 

29.  Nov.,   2.  Mgbl.) 

Alfred  Klaar:  Das  Hinter- 
land der  Erinnerung.  (Goethea 


BlBLIOGRAPMII-. 


309 


Haus,  Gartenmauer  u.  s.  \v.) 
(Voss.  Ztg.  583.  Morgenausg. 
13.  Dez.) 

[Diese  beiden  .\rtiliel  als  Probe 
einer  überaus  zahlreiclien  Literatur; 
über    die    Sache    selbst    v":l.    den 


unten  folgenden  Jahresbericht  der 
Goethe-Gesellschaft  ] 

Adolf  Wilbrandt:  Im  Wei- 
marer Park.  Ein  Clespräch. 
(Neue  Freie  Presse.  Nr.  141 28, 
25.  Deremher.) 


B.   DICHTUNGEN  ÜBER  GOETHE,  COMPOSITIONEN, 

ILLUSTRATIONEN,    PARODIEEN,    NACHDICHTUNGEN 

GOETHISCHER  WERKE. 


Eugen  Schmitz:  Faustcom- 
positionen. (Die  Freistatt.  X, 
Nr.  22.  S.  430—432.) 

Berlioz.  H. :  Sylphen-Tanz 
aus  Fausts  Verdammung  f.  V. 
m.  Pfte.  arr.  v.  Sauer.  C.  F. 
Schmidt,  Heilbronn.  M.  — .80. 

Berlioz:  Sylphentanz  aus 
Fausts  Verdammung  f.  Harm.. 
Pfte.  und  Viola  (od.  V.).  Bearb. 
V.  K.  Kämpf.  Leipzig,  Breit- 
kopf &  Härtel.     M.   2.60. 

Berlioz,  Hector:  L'ngarisrh. 
Marsch  aus  Fausts  Verdam- 
mung, op.  24  für  Salonorch.  v. 
F.  Th.  Cursch-Bühren.  Leipzig. 
Breitkopf  &  Hartel.     M.  4.80. 

Bungert  Aug.:  op.  58.  Faust- 
Dichtung  von  Goethe.  Klavier- 
auszug von  Conrad  Llbricht. 
Theil  I.  Mk.  8.  —  .  Theil  2. 
Mk.  12.  — .  C.  F.  Leede,  Com.- 
Verlag.  Leipzig. 

Carl  Goldmark :  Götz  von 
Berlichingen.  Ojjer  in  5  Akten. 
Klavierausz.  m.  Text  M.  15.  — . 
Potpourri  i.  2.  M.  3.  — .  Vor- 
spiel 2 'ms  M.  2.50.  Vorspiel 
4/ms  M.  4.75.  Text  d.  Gesänge 
M.  —.80.  Wien,  E.  Berte  &  Cie. 

Gounod,  Ch. :  Walzer  aus 
Faust  für  Infanteriemusik.  Bote 
&   Bock    in  Berlin.     M.    4.  —  . 

Eichhorn,  jr.  K. :  Wanderers 
Nachtlied  f.  Männerchor.  Part. 


u.  St.  Albert  Auer  in  Stuttgart. 
M.   1.20. 

Loewe,  Karl :  Balladen  und 
Lieder  f.  Pianoforte  (m.  über- 
legtem Text).  Bearb.  von  C. 
Reinecke  No.  9.  Der  Erlkönig. 
Gebr.  Reinecke,  Leipz.  M.  1.20. 

Nodnagel.  Ernst:  Op.  27. 
Fünf  Gedichte  v.  Goethe,  i.  An 
die  Entfernte.  2.  Erster  Verlust 
3.  Hoffnungslos.  4.  Erinnerung 
5.AmFluße.  ä  M.  —.90.  cmpl 
M.  3.90.  Verlag  Dreililien,  Berl 

Reh-Carliga.  S. :  Lied  de; 
Harfners  für  i  Singst,  m.  Pfte. 
Dessau,  Vollmar.  M.   — .80. 

Schubert,  Frz.:  Meeresstille, 
f.  Männerchor  bearb.  v.  Rieh. 
Heuberger.  Ad.  Robitschek, 
Leipzig.     M.   1.20. 

Stange  Max:  Op.  13.  Nr.  i. 
Die  Bekehrte,  für  i  Singst,  und 
Pfte.  mit  deutschen,  franz.  u. 
engl.  Text.  Berlin.  Raabe  & 
Plothow.     M.   1.50. 

Wolf.  C.  O.  H. :  Op.  75- 
Haideröslein.  Idylle  f.  Pianofte. 
Offenbach.  Joh.  Andre.  M.  1.80. 

R.Batka:  Goethesche  Lieder 
in  der  Musik.  Kranz.  Ge- 
sammelte Blätter  über  Musik. 
Leipzig.  Lauterbach  i\:  Kuhn. 
S.  I  IG —  1 18. 

Goethes  Lieder.  Oden,  Bal- 
laden und  Romanzen  m.  Musik 


UO 


Bibliographie. 


von  J.  F.  Reichardt.  Zum  Theil 
neu  herausgeg.  von  Hermann 
Wetzel.  Berlin,  Verlag  von 
Eisolt  &  Rohkrämer. 

L.  S.:  J.  F.  Reichardt,  der 
Goethe  -  Komponist.  (Berliner 
Tageblatt,  Literar.  Rundschau, 
Nr.  399.  8.  August.) 

t  A.  Tille :  Goethes  Märchen 
und  Hendrichs  Bilder.  (Die 
Zukunft,  XI,  S.  336  —  346.) 

M.  Schmidt:  Ludwig  Nau- 
werck.  (Archiv  des  Vereins  für 
die  Geschichte  d.  Herzogthums 
Lauenburg.  VII,  S.  59 — 61.) 

Nauwercks  Illustrationen  zum 
Faust  und  Goethes  Urtheil  über 
dieselben. 

Faust  und  Helena.  Nach  dem 
Gemälde  von  Ernst  Röber  in 
Photogravure  auf  chines.  Papier. 


Photogr.  Gesellschaft  Berlin. 
M.   15.-. 

Otto  Ernst :  Goethe  und 
Tasso.  Gedicht.  (Die  Kultur. 
I.  Jahrg.  Heft  13.  Erstes  Januar- 
heft. S.  835-837.) 

Lucindes  Fluch.  Ein  Goethe- 
spiel in  drei  Aufzügen.  Frei 
nach  »Dichtung  und  Wahrheit« 
von  Dr.  phil.  David  Aufhäuser. 
E.  Piersons  Verlag.  R.  Lincke, 
k.  u.  k.  Hofbuchhdl.,  Dresden. 

Die  Nachtigal  von  Sesenheim 
von  Gustav  Adolf  Müller.  Ein 
Liebessang  vom  Rhein.  Berlin- 
Charlottenburg,  Verlag  Conti- 
nent.  Theo  Gutmann.   173  SS. 

L.  Dauriac:  La  damnation 
de  Faust  travestie.  La  revue 
latine.  II,  S.  417  —  424.  (Oper 
von  Berlioz.) 


Anhang. 


Englisch- Amerikanische  Bibliographie. 

Zusammengestellt 

VON 

Dr.  Rudolf  Tombo,  jun.,  Columbia  University 
1903. 

I.  NEUE  AUSGABEN,  ÜBERSETZUNGEN  etc. 
VON  GOETHE. 


Goethes  Egmont.  Edited 
with  Introduction  and  Notes 
by  Robert  Waller  Deering. 
Henry  Holt  &  Company,  New 
York,   1903.    LXXII,   180  pp. 

Goethes  Poems.  Selected  and 
edited  by  H.  G.  Atkins  and 
L.  E.  Kastner.  Blackie  &  Son, 
London,   1903. 


Shorter  Poems  of  Goethe  and 
Schiller,  in  chronological  order. 
Selected  and  annotated  by  W. 
H.  Van  Der  Smissen.  D.  App- 
leton &  Co.,  New  York,  1903. 
XXXII,  290  pp. 

Aus  dem  deutschen  Dichter- 
wald. Favorite  German  Poems, 
edited    with   Notes  and  Voca- 


Bibliographie. 


311 


hiilary  hy  J.  H.  Dillard.  Ameri- 
»an  Book  Company,  1903. 
Goethe:  17,  18.  20.  29,  32, 
39-  41,  44.  45'  47-  5^,  66,  67, 
74.   77,  80,  82  pp. 

Hermann  und  Dorothea. 
Kdited  with  Introduction,  Notes 
andVocabulary  byA.H.  Palmer. 
D.  Ap])leton  &  Co.,  New  York, 
1903.  XXXVI,   202   PJL 

Wilhelm  Kleisters  Ajjpren- 
ticeship  and  Travels ;  from  the 
German  l)y  Thomas  Carlyle. 
New  Edinburgh  Edition.  Three 
volumes  in  one.  Chas.  Scribners 
Sons,  New  York,   1903.    VIII, 

739  PP- 

Wilhelm     Meisters    Appren- 


tireship  and  Travels.  Trans- 
lated  by  Thomas  Carlyle.  Chai)- 
man,  London  1903.  3  volumes 
in  one. 

Dasselbe  Buch,  welches  Charles 
Scribners  Sons  in  New  York  ver- 
öflentiichten. 

Selections  from  the  Corre- 
spondence  between  Schiller  and 
Goethe.  Edited  with  Intro- 
duction and  Notes  by  John  Cr. 
Robertson.  Second  edition 
(I.  ed.,  1898.)  The  Athenaeum 
Press.  Ginn  cS:  Co..  Boston, 
Mass.,   1902. 

Wesley  and  Goethe.  By  J.  W. 
Bashford.  Jennings  and  Pye, 
Cincinnati,  Ohio,   1903. 


IL    HINWEISE  IN  BUCHERN. 


Studies  in  German  Literature 
in  the  Nineteenth  Century.  By 
John  Firman  Coar.  Macmillan, 
New  York  and  London.  1903. 
Chapter  XIII :  Conclusion  ;  the 
Nineteenth  Century  in  the  Light 
and  Shadow  of  the  Genius  of 
Goethe,  pp.  358 — 375.  Andere 
Hinweise,  pp.  3,  5,  84,  85,  112, 

137  —  138,  143— 145' 147.  1571 
162,   169.   193,  217,  254,  259, 

270-293-307'3ii'.330-33i'357- 
The  Life  and  Times  of  Georg 
Joachim  Göschen,  publisherand 
printer  of  Leipzig,  1 752-1828. 
With  extracts  from  his  Corre- 
spondence  with  Goethe,  Schiller, 
Klopstock,  Wieland,  Körner, 
and  many  other  leading  authors 


and  men  of  letters  of  the  time. 
By  his  Grandson.  Viscount 
Goschen.  London :  JohnMurray. 
New  York:  G.P.Putnam'sSons. 
1903.  2  vols.,  with  14  photo- 
gravures,  3  lithograps,  and  27 
other  illustations.  Vol.  I,chapters 
VIII  and  XI,  and  Vol.  II,  Index, 
pp.  468 — 469. 

Diary  and  Letters  of  Wilhelm 
Müller.  P.  S.  Allen  and  J.  T. 
Hatfield.  University  of  Chicago 
Press,  Chicago,  1903.  Pp.  i62ff. 
unpublished  letter  of  Müller  to 
his  wife,  describing  a  visit  with 
Goethe  in  Weimar,  August  1826, 
Also  various  comments  on 
Goethe. 


III.    RECENSIONEN. 


Atkins  and  Kastner,  Goethes 
Poems:  Athenaeum,  1903.  1:782 
(June  20). 


Batt :  The  Treatment  of  Na- 
ture  in  German  Literature  from 
Günther  to  the  Appearance  of 


312 


Bibliographie. 


Goethes  Werther  (Daniel  B. 
Shumway).  (Modern  Language 
Notes,  XVIII,   124—127,) 

Goebel:  Goethes  Poems  (Alb. 
Haas):  Ibid..  XVIII,  62-63. 

Göschen :  The  Life  and  Times 
of  Georg  Jochim  Göschen.  (The 
Nation,  LXXVI,  438—439; 
The  Critic,  XLII,  304-306,  etc.) 


Latham :  Faust.  (Athenaeum, 
1903, 1:237  — 238  Februarv  21.) 

Wood:  The  Dichter  in  the 
Vorspiel  auf  dem  Theater  in 
Goethes  Faust.  Paper  read  at 
the  20.  Annual  Meeting  of  the 
Modern  Language  Association 
of  America.  (Publ.  Mod.  Lang. 
Association,  XVIII,  p.  XXVI.) 


IV.    ZEITSCHRIFTEN. 


Goethes  Art  of  Living  and 
Ways  of  Life.  (H.  S.  Wilson.) 
Gentlemans  Magazine.  London. 
February,   1903. 

Was  Goethe  a  Philosopher'? 
(J.  Lindsay.)  Primitive  Metho- 
dist Quarterly  Review,  London. 
July,   1903. 

EmersonsOpinion  of  Goethe. 
(S.  H.  Goodnight.)  German 
American  Annais  (Continuation 
of  the  Quarterly  Americana 
Germanica),  New  Series,  I, 
243  —  256.    (May,   1903.) 

Pindar  and  Goethe  (Paul 
Reiff).  Modern  Language  Notes, 
XVIII,   169-173. 

Notes  on  a  Passage  in  Goethes 
Egmont.  (Tobias  Diekhoff.) 
Ibid.,   139 — 140. 

Faust  in  Music.  (E.  New- 
man.)  Contemporary  Review, 
LXXXm,  673  —  682.  Reprinted 
in  the  Living  Age,  238:45  —  53 
(July  4,   1903.) 

The  influence  of  Christianity 
on  dramatic  ideals  of  character 
(D.Moncrieff  O'Connor).  Dublin 
Review,  Vol.  CXXXI,  pp.  271  — 
294.  (Goethe:Iphigenie).   1902. 


The  Authenticity  of  Goethes 
SesenheimSongs.(JuliusGoebel.) 
Modern  Philology,  I,  159 — 170 
(June,   1903.) 

Oliver  Goldsmith  and  Goethes 
Werther.  (John  A.  Walz.) 
Modern  Language  Notes,  XVIII, 
31  —  32  (Correspondence). 

Duchess  Amalia  of  Weimar. 
(Benjamin  W.  Wells.)  The 
International  Quarterly.  Bur- 
lington. Vt.,  VI,   386—398. 

A  famous  German  Publisher 
Georg  Joachim  Göschen. 
(Jeanette  L.  Gilder.)  The  Critic, 
XLIII,  21  —  23  (July,   1903). 

A  unique  coUection  of  ori- 
ginal German  classics  (J.T.  Hat- 
field).  The  Book-Lover,  Jan.- 
Feb.,  1903,  Vol.  III,  No.  6, 
pp.  485  —  490.  An  illustrated 
account  of  the  Schneider  coUec- 
tion in  Northwestern  University, 
Evanston,  111. 

Contributions  to  the  history 
of  English  opinion  of  German 
literature,  II  (MaxBatt).  Modern 
Language  Notes,  Vol.  XVIII, 
pp.  66  —  67.   March,   1903. 


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Register  zu  Band  xxv. 


I.    Personen-Register. 

Die  hinter  den  cursiv   o;edruclYten  Namen   stehenden  Zahlen  geben  die 

Seiten  an,  auf  denen  Abhandlungen  oder  Mittheilungen  des  Betreffenden 

gedruckt  sind. 


Abbt,  Th.  i6o. 
Abeken,  B.  R.  152. 
Achelis,  Th.  296.  502. 
Adams,  John  5.  25. 
Adler,  Fr.  301. 
Aeschylus  288  fg. 
Albani,  Alessanäro  206. 
Allen,  P.  S.  311. 
Alt,  C.  256.  273.  290. 
Alten,  von  185  fg.  190. 
Andrews,  W.  T.  23. 
Anwans,  O.  291. 
Apelt  257. 

Archenholtz,  J.  W.  v.  205. 
Ariosto,  L.  45. 
Aristophanes  153. 
Aristoteles  107.  152.  168. 
Arminius,  Wilhelm  291. 
Arnauld,  M.  306. 
Arnim,  Achim  von  264. 
Arnold,  Rob.  F.  296. 
Arnsperger  W.  293. 
Astor,  John  Jac.  8. 
Atkins,  H.  G.  310  fg. 
Aufhäuser,  D.  510. 
Austin,  Sarah  254  fg. 


Bachmann  287. 
Bächthold,  J,  157. 
Bahr,  H.  291. 
Baltimore,  Lord  19. 
Balzac,  Honorc  de  247, 


Bancroft,  George  3.  7.  18.  26.  35 fg. 
Brief  an  Goethe  von  —  19  An- 
merkungen dazu  3). 

Barabas,  Abel  von  302. 

Baret,  P.  299. 

Bartolini,  Monsignore  204. 

Basedow,  J.  B.  226  fg.  302. 

Bashford,  J.  W.  311. 

Baß,  Jos.  292. 

Bassenge  and  Co.  14  fg. 

Batacchi,  Dom.  221. 

Batka,  R.  309. 

Batt,  Max  5 1 1  i'g. 

Baudelaire,  Gh.  267. 

Baudissin,  Gräfin  45. 

Bäuerle,  .-\ndr.  Ad.  245. 

Bauernfeld,  Ed.  v.  183. 

Baumgart,  H.  118  fg.  125. 

Bayer,  Jos.  244. 

Bayern,  Herzog  Albrecht  von  — 
250. 

Bayern,  König  Ludwig  I.  von  195, 
285. 

Bayern,  König  Maximilian  L  von  7. 

Bayle,  Pierre  266. 

Beathe,  James  165. 

Beaulieu,  Freifrau  von  149. 

Bechräm  257. 

Bechtolsheim,  Julie  von  223. 

Beethoven,    L.  van  265.  302.  508. 

Bellomo  79  fg. 

Benecke,  U.  F.  7.  20. 

Beresford  19. 

Berlioz,  H.  289.  302.  369  fg. 

Bernays,  M.  144. 


H 


Persoxen-Register. 


Bernstorff,  Minister  von  68. 
Bernstorff,  Kanzleidirector  von  68. 
Bernstorff,    Tochter    des    vor.    s. 

Schardt  Frau    von. 
Bernus,  A.  von  303. 
Bertuch,  Friedr.  Just.  27. 
Besser,  Buchhändler  15. 
Besson,  P.  304. 
Bethmann,  Familie  85. 
Bettelheim,  A.  298. 
Bettine  s.  Brentano. 
Betz,  Louis  P.  298  fg.  Nekrolog  auf 

266-268. 
Beyschlag,  F.  505. 
Biedermann,  W.  Freih.  v.  27.   29. 

223.  225. 
Bielschowsky,  A.  225.  238. 
Bierens,  J.  D.  (De  Hann)  295. 
Bilhaud,  P.  298. 
Billings,  J.  S.  8.   32. 
Björnstierna,  Frl.  v.  256. 
Bippen,  W.  v.  63  fg. 
Bir  s.  Bury,  Fr. 
Birnbaum,  Max  257. 
Bischoff,  E.  298. 
Bismarck,  Fürst  122.  260.  302. 
Blaschke,  J.  304. 
Blumenbach,  Joh.  Friedr.  7  fg.  25. 

27. 
Bock,  F.  292. 
Bode,  W.  295.  306. 
Bodemann,  E.  163. 
Bodmer,  J.  J.   151  fg.  267. 
Boeckh,  A.  260. 
Bojanawski,  P.  von  262—265. 
Bojanowski,  P.  von  21.  33.  121.  303. 
Bojanowski,  El.  von  73. 
Boie,  H.  C.  150. 
Boisseree,  S.   113.  275.  284. 
Bolin,  V.  289. 
Bölsche  W.  291.  300. 
Bolte,  J.  222. 
Bonpland,  Aime  20. 
Boerhave,  Herrn.  133. 
Borinski,  K.  291. 
Börne,  L.  183.  304. 
Bossange,  Verleger  33. 
Bossen,  A.  304. 
Bossi,  Jos.  220. 
Bötticher,  G.  289. 
Böttiger,  C.  A.  31.  45.  154-  243  fg. 
Boutarel,  A.  289.  294. 
Bouterwek,  Friedr.  25. 
Bowditch,  Mathematiker  24. 
Bowditch,  N.  J.  23  fg. 
Brandes,  G.  293.  305. 


Brandl    A.  5.  26.  33.  284. 

Bremster  27. 

Brentano,  Bettine  302.  308. 

Brentano,  Gl.  264. 

Breughel,  Pierre  247. 

Bricon,  E.  298. 

Brion,  Friderike  113.  302. 

Brisbane,  Alb.  22,  seine  Frau  22. 

Brockhaus,  Rud.  25. 

Brockhaus  (Lexicon)  23. 

Brunner,  Seb.  185.  197.  199. 

Bruno,     Giordano,    Uebereinstim- 

mung  mit  Goethes  Farbenlehre 

237. 
Brutus  253. 
Buchheim,  C.  A.  248. 
Büchner,  G.  271. 
Buff,  Amtmann  85. 
Buif,  Charlotte  s.  Kestner. 
Buff,  Georg  85. 
Buff,  Hans  86. 
Bülow,  H.  V.  264. 
Bulwer,  E.  G.  L.  253. 
Bungert,  Aug.  309. 
Burdach,  Anatom  287. 
Bürger,  G.  A.  171. 
Borke,  Edm.  248. 
Burkhardt,  C.  A.  H.  53—61. 
Burkhardt,  C.  A.  H.  81.  239.  288. 
Bury,    Fr.  118.  191  ff.  19s  fg.  289. 
Buschmann  296. 
Büsgen,  M.  128. 
Buttraann,  Ph.  Carl  25. 
Byron  3.  5  fg.  14.  22.  26.  32  fg.  35. 

'254.  261.  279.  284.  299.  302. 


Cagliostro  81. 

Calderon  221.  264. 

Calvert,    George   H.  3.  19  fg.  22. 

Brief    an    Goethe    von    —    20. 

Anmerkungen  dazu  35  (g. 
Campe-Hotfmann,  Elisabeth  222. 
Cannabich,  J.  G.  F.  31. 
Caralfa,  Cardinal  190. 
Cardanus,  Hier.  277. 
Carducci,  Gios.  260. 
Carlyle,  AI.  234.  254. 
Carlyle,  Jane  W.  B.,  Verse  von  — 

unter     Goethes     Gedichten    an 

Personen  234— 236.  Ihre  Mutter 

234. 
Carlyle,  John  254. 


Personen'- Reg  ISTER. 


315 


Carlvle,  Th.  32.  43  fg.  234  ff.  248. 

25'5fg.  256.  282.  311. 
Carolath-Beuthen,    Fürst  Heinrich 

von    60,    seine    Frau    s.  Oertel, 

Karoline  von. 
Carstens,  Jakob  .-VstTius  195. 
Cart,  Theophile  89.  203. 
Carus  287. 
Caesalpino,  A.  137. 
Caesar,  Julius  259.  262. 
Cattaneo,  Gaetano  8.  10.  27  fg. 
Cauer,  P.  294. 
CelakowskJ',  L.  128  fg.  139. 
Cellini,  ßenv.  259.  262. 
Ceracchi,  Gius.  191  fg. 
Ceracchi,  Teresa,  geb.  Schliesahan 

192. 
Cerasoli,  F.  188. 
Cervantes  (Don  Quixote)  171. 
Cesare,  Graf  187. 
Chambers  Hall  22. 
Christel,  s.  Lassberg  Frl.  v. 
Christlieb,  Max  291. 
Cid,  der  262. 
Clarke  20. 
Clarke,  Prof.  28. 
Cleaveland,    Parker    11.   15.  27  fg. 

Brief     an      die     Mineralogische 

Gesellschaft  in  Jena  30. 
Coar,  John  Firman  311. 
Cogswell,  Jos.  Gr.  3,  6  fg.  16.  18. 

24.  Briefe  an  Goethe  8  fg.  1 1  fg. 

1 3  ff.  17.  Briefe  von  Goethe  an  — 

9  fg.  12  t'^.  1 5  {g.    .Anmerkungen 

dazu  26  ff. 
Cohn,  J.  304. 

Coleridge,  E.  H.  32  fg.  255. 
Collina,  AI.  191. 
Collina,  Filippo   189  ff. 
Collina,  Piera   189  ff.  195  fg. 
Collina,  Sante  Serafino  i89ff.   196. 
Colonna,  Cardinal  206. 
Commanville,  Caroline  246  fg. 
o"Connor,  .Moncrieff  305. 
Conried,  H.  24. 
Constant,  B.  27. 
Contessa,  K.  W.  S.  171. 
Cüoper,  James  Fenimore  21. 
Cooper,  Cox  Barnett  29. 
Corday,  Charlotte  282. 
Cotta,  J.  G.    232.   277.    280.    284. 

288  fg. 
Cramer,  K.  Friedr.   1 30. 
Creiienach,  IV.  44—46.  218. 
Croce,  B.  301. 
Cunningham  22. 


Cursch-Bühren  30 
Curtius,  Ernst  25} 


D— s.  306. 
D.  D.  292. 
Dahmen,  J.  297. 
Dalberg,  Fritz  von  70  fg. 
Dalberg,  Wolfg.  Heribert  44  fg. 
Dankelmann,  Frau  von   72.     Ihre 

Söhne  72. 
Dannecker,  Joh.  Heinr.  v.  47.  49. 

Dante  112.  120.  122.  124.  127.  174. 
187.  302. 

Danz,  Svndicus  64. 

Danz,  J."  T.  L.  282. 

Dauriac,  L.  310. 

Decandolle,  A.  P.  141. 

Decourcelle,  P.  298. 

Deecke,  Th.  302. 

Deering,  Rob.  Waller  310. 

Degen,  R.  294. 

Deinet,  Joh.  K.,  Brief  von  Lavater 
an  —  67  fg.  Erläuterungen  dazu 
66  fg. 

Deinhardstein,  J.  L.  268. 

Denis,  Mich.  146. 

Dentzel,  G.  Friedr.  v.  286. 

Dernburg,  Fr.  306. 

Descartes,  Cartesius-  164. 

Dethlefsen  171. 

Deutsch,  K.  295. 

Deutschland,  .\ugusta  Kaiserin  von 
288. 

Deutschland,  Wilhelm  II.  Kaiser 
von  24. 

Devrient,  O.  264. 

Diderot,  Denis  75. 

Dieckhoff,  T.  293.  312. 

Diestel,  Pastor  305. 

Dietz,  AI.  304. 

Diezmann,  \.  36.  301. 
I    Dillard,  J.  H.  311. 
I   Distel,  Theodor  243.  243  ig.  244. 
I   Dodslev,  Rob.  248. 

Doli,  14.  304. 
!    Döring,  J.  M.  H.  21.  34. 
'    Dove,  A.  231.  288. 

Drescher,  Karl  208  fg. 

Driesmann,  H.  306. 

Droysen,  J.  G.  258. 

Dumas,  fils  298. 

Dumeix,  Propst  302. 


3i6 


Personex-Register. 


Dunch  240. 

Düntzer,   H.    56.    68.   79,    82,   89. 

196  fg.  199  fg.  218  fg.  223.  226. 

259.  274  fg.  289. 
Dwight,  H.  E.  22. 


Ebeling  (Chr.  Dan.?)  28. 

Ebert,  K.  E.  245. 

Eck,  A.  299. 

Eckermann,  J.  P.  20  fg.  56.  122. 
145.  152.  163.  166  fg.  175  fg. 
195.  200.  236.  248.  253  fg.  275. 
276.  280.  286.  290.  306. 

Eckhel,  Jos.  Hilarius  260. 

Egen,  A.  297. 

Ehrenfeld,  AI.  261. 

Ehlers,  R.  305. 

V.  Eichendorff,  J.  K.  B.  261. 

Eichhorn,  J.  G.  5.  7.  25. 

Eichhorn,  jr.  K.  309. 

Eichstädt,  H.  K.  A.  5  ff. 

Einsiedel,  Hildebr.  v.  72. 

Elias,  J.  290. 

EHot,  S.  A.  23  fg. 

Eliot,  Sohn  d.  vor.  24. 

Ellinger,  G.  288. 

Eloesser,  A.  301. 

Emerson,  Ralph  Waldo  19.  125. 
299.  302. 

Emerson,  William  19. 

Encke,  J.  Fr.  292. 

Enders,  Buchhändler  245. 

Engel,  Ed.  247. 

Engelmann,  von  209. 

Ernst,  Otto  310. 

Eschenburg,  J.  J.  219. 

Euripides   282. 

Everett,  Edward  3  ff.  18.  28.  34. 
Brief  an  Goethe  von  5  fg.  An- 
merkungen dazu  24  ff. 


F.  G.  308. 

Fabian,  W.  290. 

Fahre  d'Olivet  281. 

Faguet,  Emile  247.  298.  303. 

Falk,  J.  D.  175. 

Falke,  Jak.  von  197  fg. 

Falke,  Konrad  306 

Fasola,  C.  200. 

Feetz,  F.  297. 


Feldegg,  Ferd.  Ritter  von  294. 

Feldmann,  Wilh.  301. 

Felgenhauer,  L.  A.  von  60. 

Felgenhauer,  Frau  d.  vor.  Neujahrs- 
wunsch für  60. 

Felgenhauer,  Familie  61. 

Fellenberg,  Phil.  Em.  von  288. 

Feiton,  C.  C.  35. 

Fetis,  Franc.  Jos.  263. 

Feuchtersieben,  E.  Frh.  von  502. 

Feuerbach,  L.  503.  505. 

Fielitz,  W.  57.  61.  295. 

Fischer,  F.  306. 

Fischer,  J.  Franz  80. 

Fischer,  Kuno  294. 

Fischer-Pforzheim  300.  305. 

Fischl,  Fr.  300. 

Fitzgerald,  Lord  285. 

Flachsland,  Caroline  s.  Herder 
Caroline. 

Flaubert,  Goethe  und  246  fg. 

Flintzer,  Hugo  296. 

Flügel,  E.  248. 

Folien,  K.  18.  23  fg.  Seine  Frau  25. 

Ford  25. 

France,  Anatole  247.  29S. 

Franck,  ] .  275  fg. 

Franck,  J.  275. 

Francke,  Kuno  27.  54. 

Fränkel,  J.  502.  308. 

Fränkel,  L.  292. 

Frankenberg,  Frau  von  44.  Brief 
an  Goethe  von  —  46. 

Franklin,  Benj.  4.  29. 

Fi-ankreich,  Ludwig  XVL,  König 
von  121. 

Franzos,  K.  E.  261.  Nekrolog  auf 
268—272. 

Fräser  236.  253  fg. 

Freiligrath,  F.  261. 

Frensdorff,  E.  292. 

Frenzel,  K.  291.  303. 

Frese,  J.  300. 

Freytag,  G.  261. 

Friederike  s.  Brion. 

Fries,  Alb.    179.  182.  289.  302  fg. 

Fries,  Prof.  287. 

Fritsch,  Minister  75. 

Froitzheim,  J.  300.  302. 

Frommann,  C.  F.  E.  221.  284. 

Frommann,  Fr.  Joh.  31. 

Frost,  L.  301. 

Froude,  James  Anth.  234.  255. 

Fuchs,  A.  306. 

Fulda,  F.  Chr.  296  fg. 

Fiinck,  Heinrich  217. 


Pf.RSONEN-Ri:  GIS  THR. 


317 


Funck,  H.  67.  307. 

Funk,  K.  W.  Ferd.  von  307. 

Funke  295. 

Furtmüller,  K.  296. 


Gad,  E.  50S. 

GaedertE,  K.  Th.  68.  72. 

Gagarin,  Fürst  Paul  244. 

Galle,  F.  302. 

Garampi,  Cardinal   198. 

Gazul,  Gl.  s.  Mcrimee. 

Gebhardt,  Bruno  307. 

Gedans,  P.  52. 

Geiger,  Ludwig    62—64.  216.  233. 

240.  256.  257.  268  —  272.   288— 

310. 
Geiger,  L.  289  fg.  294,  300  tt.  307. 
George,  S.  305. 
Gersdorff  von  50. 
Giannini,     Wilhelmine     Elisabeth 

Eleonore,  Neujahrswunsch  für  — 

59  %• 

Gilder,  Jeanette  L.  312, 

Gilhofer  und  Ranschburg  292. 

Gilman,  D.  C.  25. 

Glaser,  Rud.  244  fg. 

Glenck,  K.  285. 

Gnad,  E.  304. 

Gochel,  Julius  156—170.  248. 

Goebel,  J.  21.  24.  296.  312. 

Goebel,  Naturforscher  128.  141. 

Gochenius  227. 

Göchhausen,  Luise  von  55.  70. 
Neujahrswunsch  für  —  59. 

Goldmark,  C.  309. 

Goldsmith,  Ol.  302,  312. 

Goodnight,  S.  302. 

Gore,  Emilie  71.  80. 

Gore,  Familie  71.  73.  77.  80. 

Goeschen,  G.  J.  31.  511  fg- 

Goschen,  Viscount  31.  311. 

Gotha,  Prinz  August  von  39.  45. 
Briefe  an  Goethe  von  40 ff.  45  'i^, 

Gotha,  Herzog  Ernst  II.  von  44. 
185.  190. 

Goethe,  August  von  20.  220.  257. 
269.  285.  287.  Rede  bei  der 
Niederlegung  von  Schillers 
Schädel  auf  der  Großherzog- 
lichen Bibliothek  in  Weimar 
46—52. 

Goethe,  Catharina  Elisabeth  (Frau 
Rath)   44.   84  ff.   185.  269.  301. 


Eine   französische  Stimme   über 

—  249%- 
Goethe,    Christiane  von    65.   118. 

127.  226.  287.  289.  302. 
Goethe,    Cornelia  146.    301  fg.  — 

Der     Todesakt     über     Goethes 

Schwester  —  252  fg. 
Goethe,  Joh.  Caspar  227.  242. 
Goethe,  Ottilie  von  18  fg.  26.  35. 

36.  234  fg.  257.  269.  282.  285  fg. 

Ihre  Kinder  286. 
Goethe,  Wahher  von  288. 
Gotthelf,  Fr.  290. 
Göttling,  K.  W.  281  (g. 
Götzen,  Graf  121. 
Gounod,  Ch.  309. 
Graf,  H.  G.  238  fg. 
Graf,  H.  G.  44.  290.  293. 
Gräser  293.  297. 
Grave,  Kanmiersängcr  78. 
Gravenhorst  172. 
Grävenitz,  G.  von  301. 
's  Gravesande  240. 
Gray,  F.  C.  23  fg. 
Grew  1 32. 

Gries,Joh.  D.,  Goethe  und  220-223. 
Gfio;orovitza,  E.  298. 
Grillparzer,   Fr.  183.  262. 
Grisebach,  Ed.  146, 
Grimm,  Jak.  26.  216.  248.  255. 
Grimm,  Ludw,  297. 
Grimm,  Wilh.  26.  216. 
Grote,  Georg  255. 
Grote,  Harriet  255. 
Grube,  Max  294. 
Grüner,  Rath  239  ff. 
Gubernatis,  A.  de  203. 
Güldenapfel,  G.  Gottl.  287. 
Günther,  Ernst  274. 
Günther,  Joh.  Christ.  302.  311- 
Gurlitt,  L.  180. 
Gutzkow,  K.  177.  261, 
La  Guzla  s.  M^rim^e. 


H.  G.  308. 

Haas,  A.  27.  512. 

Haeckel,  Ernst  30.  201. 

Hafis  259. 

Hager,  Herm.  26  fg.  29.   53  fg. 

Hallberg,  E.  297. 

Haller,  .\natom  133. 

Hamann,  B.  298. 

Hannibal  260.  262. 

Hansen,  A.  1 28- 141. 


3i8 


Personen-Register. 


Hansen,  A.  305. 

Hanslick,  E.  244. 

Hanstein,  W.  von  294. 

Hapgood,  N.  24. 

Härlin,  A.   305. 

Harnack,  O.  192.  195  fg.  275.  290. 
305.  308. 

Harrach,  Gräfin  197  fg. 

Harrisson  22. 

Hartknoch  244. 

Hartmann,  G.  von  295. 

Hartmann,  Mor.  245. 

Härtung,  O.  s.  Franzos. 

Harvvard,  John  34. 

Haskins,  D.  G.  32. 

Hatfield,  J.  T.   511  fg. 

HauflF,  W.  171. 

Hauffen,  Ad.  293.  298. 

Haug,  Joh.  Chr.  Fr.  219. 

Hausmann,   J.  Friedr.  L.  7  fg.  27. 

Haüy,  Rene  Just.  27. 

Hayden,  H.  H.  28. 

Haydn,  Jos.  279. 

Haym,  R.  68.  70  fg.   158.  281. 

Hayvvard,  Abr.  248.  255.  255. 

Hebbel,  Fr.  264. 502.  —  und  Goethe 
171  — 184. 

Hebbel,  Max  182. 

Hecker,    Max    46—52.    220—223. 
277—284. 

Hecker,  M.  273  fg. 

Hee,  Jörgen  296. 

Hehn,  Victor  153.  230. 

Heine,  H.  185.  261.  266.  271.  298. 

Heineken,  Senator  63  fg. 

Heinemann,  Karl  288  fg.  298.  300. 

Heinse,  J.  J.  W.  193. 

Heinz,  H.  305. 

Heinze,  H.  295. 

Heisterbergk  256. 

Heitmüller,  Fr.  273  fg.  284. 

Hellanikos  107. 

Hellberg,  E.  299. 

Hellen,  E.  von  der  288  ff.  297. 

Hellmer,  Edm.  308. 

Helmholtz,  H.  303. 

Hendel,  Otto  298. 

Hendrich,  Malcnen  von,  Neu  jahrs- 
wunsch für  58. 

Hendrich,  Maler  310. 

Hendrich,  Regierungsrath  von   58. 

Henkel,  H.  223.  225.  296. 

Hennequin,  M.  298. 

Henning,  R.  297. 
Herder,  Caroline  70.  80.  147.  159 
186.  196.  217. 


Herder  J.  G.  von  4.  24.  29.41.45. 

54.  61.  68  ff.  75  ff.  80.  144  ff.  150. 

186. 192. 196.205.218fg.230.274. 

280.  303.  —  und  Goethe  156- 

1 70  —  dasVorbild  des  Satyros  2 1 7. 
Herloßsohn  244. 
Hermann  281. 
Herrmann,  M.  288. 
Heuberger,  Rieh.  309. 
Heuer,  O.  296.  307. 
Heyden,  Fr.  von  209. 
Heyse,  Paul  253. 
Hiersemann,  K.  W.  292. 
Hildebrandt,  R.  21.  160. 
Hippel,  Gottl.  Th.  von  209. 
Hippocrates  276. 

Hippolyt  von  Este,  Cardinal  45  fg. 
Hirt,  AI.  193.  199.  231. 
Hirth,  H.  305. 
Hirzel,  S,  32  fg.  236.  254. 
Hoffmann-Krayer,  E.  276. 
Hofmeister  129. 
Holberg,  Ludwig  203. 
Holland,  Lord   5.  25. 
Holmes,  O.  W.  33. 
Hol  steht,  H.  242. 
Hollhausen,  E.  245. 
Hölty,  L.  H.  Ch.  150. 
Holtzendorff,  F.  von  24. 
Holzmann,  Mich.  183.  304. 
Homer  90  ff.  95  ff.  120.  143.  146. 

153.  174.  257. 
Hoppe,  H.  299. 
Horner,  E.  305. 
Howald,  J.  304 

Hrzan,   Cardinal    185.    197.  199  ff. 
Hufeland,  Chr.  W.  288. 
Hufnagel,  Fr.  H.  240. 
Hügli,  E.  291. 
HuUe,  Chr.  G.  230. 
Humboldt,  A.  von  20  fg.  27.   243. 
Humboldt,  W.  von  44.  168.  288  fg. 

296.  307. 
Hüttner,  Joh.  Christ.  32. 


Jaeckel,  Max  292. 

Jacquier,  Pater  203. 

Jagemann,  Ferd.  254. 

Jahn,  A.  294. 

Jahn,  K.  290. 

Jakob,  Therese  (Talvj)  22. 

Jakobi,  die  208. 

Janinski,  Eduard  (Jahnens)   175. 


Personen-Register. 


319 


Jean,  Paul  (Richter)  174.  176. 
Jefferson,  Th.  5.  21.  25.  25. 
Jelinek,  Fr.  225. 
Jellinek,  A.  L.  21.  290  fg. 
Iffl.-ind,  A.  W.  80.  27S. 
Iken-Bremen  bei  Goethe  245  fg. 
Ihen,Carohne  von,  Neujahrswunsch 

für  56. 
Uten,   Sophie  Marie  Karoline  von 

s.  Lichtenberg,  Frau  von. 
Ilwof,  Fr.  J02.  306. 
Intosh,  VVm.  Mf  25. 
Johannes,  Evangelist  40  ff, 
John,  Schreiber  29.  65. 
Jolowicz,  Jos.  292. 
Joesten,  J.  501. 
Irving  20. 
Istel,  Edg.  304. 


Kahl,  W.  301. 

Kalb,  Augusta  Eleonora  von,  Neu- 
jahrswunsch für  55. 

Kalb,  Charlotte  von  59.  76  fg. 

Kalb,  Johann  August  von  55.  76 fg. 
239. 

Kalb,  Major  von  76. 

Kalb,  Sophie  Friederike  von  (Fiek- 
gen,  Frau  von  Seckendorff),  Neu- 
jahrswunsch für  57.  71  fg. 

Kalisky,  288. 

Kalischer,  S.  150.  305. 

Kämpf,  K.  509. 

Kant,  I.  160.  162  fg.  165.  169.  291. 
305. 

Karrig,  O.  302. 

Kastner,  L.  E.  3 10  fg. 

Kauffmann,  Angelica  192.  194  fg. 
205.  301.  308. 

Kaufmann,  Fr.  290. 

Kayser,  Chr.  192. 

Keating,  20. 

Kekultl-  von  Stradonitz,  St.  300  fg. 

Keller,  G.  261. 

Keller,  L.  305. 

Kerbaker,  M.  de  294. 

Kerler,  H.  292. 

Kestner,  August  82.  165. 

Kestner,  J.  Ch.  82    165.  209. 

Kestner,  Charlotte,  geb.  Buff  502. 
Ein  Brief  an  Goethe  aus  dem 
Jahre  1805  von  —  82  —  86.  Ihre 
Kinder  85. 


Kestner,  Louise  85. 

Kestner,  Theodor  82  tf. 

Key,  E.  290. 

Kirchhoff,  Gust.  128. 

Kirkland,  John  T.,  Brief  an  Goethe 

18.     Anmerkungen   dazu    34  fg. 
Klaar,  A.  508. 
Klarmann,  L.  55  ff".  61. 
Klee,  G.  288. 
Kleiber,  L.  293. 
Kleist,  H.  von  172.  175  ff. 
Klingebeil,  H.  502. 
Klion  (aus  Sachsen)  244. 
Klopstock,  F. G.  68.  209.  245.  259. 

302.  311.   —    und    Goethe    142 

bis  155. 
Kluge,  Fr.  291. 
Kneoel,   K.    L.   von     26.    69.   76. 

221.  257.  269.  282. 
Knetschke,  E.  79. 
Kniep,  Chr.  H.  90. 
Knod,  Gust.  C.  242. 
Knortz,  Karl  3  fg.  22.  56.  255. 
Kögel,  R.  226. 
Köhler,  R.  222. 
Kohlrausch,  F.  293. 
Kohut,  A.  508. 
Komorzynsky,  E.  von  304. 
Korn,  G.  301. 
Körner,  Ch.  G.  311. 
Körner,  Th.  172. 
Kosegarten,  Joh.  Gottfr.  L.  287. 
Koßmann,  E.  F.  218  fg.  225—226. 

226. 
Kützebue,  A.  von  269.  307. 
Krabbe,  C.  172. 
Kranz  309. 

Kranz,  Joh.  Friedr.  206. 
Krauß,  A.  295. 
Kräuter,  Friedr.  Th.  29.  33  fg.  39. 

50.  92. 
Krembs,  B.  307. 
Kretschmann,  Lily  von  236. 
Krohn  301. 
Kroker,  E.  294. 
Krüger,  Hermann  306. 
Kügelgen,  G.  von  307  fg. 
Kuenen,  E.  297. 
Kürsten,  O.  256. 
Küstner,  F.  F.  H.  21. 


320 


Persoxen-Register, 


Laforte-Raudi,  A.  293. 

Lamb,  Ch.  255. 

Lambert,  Federico,  s.  Rehberg,  Fr. 

Lämmermann  288. 

Landau,  M.  298. 

Lane,  W.  C.  25.  34. 

Lange,  Gottfr.  60. 

Langer,  E.  Th.  209. 

Langermann,  Joh.  Gottfr.  257. 

Langkavel,  Martha  299. 

Lappenberg,  J.  M.  45. 

Lassberg,  FrL  von  225.  225. 

Lassen,    Ed.   268.     Nekrolog   auf 

262—265. 
Lasserre,  O.  299. 
Latham  312. 
Laue,  W.  293. 
Lauter,  C.  285. 
Lavater,  J.  C.  186.  217.  307.    Ein 

anticipirtes  physiognomischesUr- 

theil  —  s  über  Goethe  66—68. 
Laves  82. 

Lav^s,  L.  D.  M.  288. 
Laves  27. 
Leclerc,  E.  299. 
Lederer,  F.  E.  292. 
Legbatiil,  Paul  142  —  155. 
Leibniz  260. 

Lengefeld,  Charlotte  von  s.  Schiller. 
Lenox-Stiftung  8. 
Lensing,  Elise  176. 
Lenz,  J.  G.  5.  8.  27.  30. 
Lenz,  J.  M.  R.  209.  269. 
Leonhard,  C.  C.  von  64.  275. 
Lessing,  G.   E.  23.  142.  160.  262. 

294. 
Leuthold,  H.  267. 
Levetzow,  Ulrike  von  107. 
Levi,  H.  291. 
Levy,  B.  299. 
Lewes,  G.  H.  300. 
Lewis  20. 

Lichtenberg,  Fr.  von  61. 
Lichtenberg,  Frau  d.  vor.  geb.  von 

Uten  79,  Neujahrswunscn  für  — 

61. 
Lichtenheld,  A.  293.  297. 
Lichtenstein,    Prinzessin  Marie  25. 
Lieber,  F.  23  fg. 
Liebisch,  B.  292. 
Liechtenstein,   Fürst  Franz  Joseph 

von  197. 
Liechtenstein,  Fürst  Karl  198. 
Liechtenstein,  Fürst    K.  Bor.  Joh. 

Nep.  196  ff". 


Liechtenstein,  Fürst  Phil.  Jos.  von 

197  ff. 

Liechtenstein,  Fürst  Wenzel  Jos.  von 

198  fg.  201.  204. 
Lienhard,  Fritz  305. 
Linck  30. 
Lindsay,  J.  312. 

Linktestein  Filippo,  s.  Liechtenstein, 

-    Phil.  Jos. 

Linne,  Karl  von  303.  Die  angebliche 

Abhängigkeit    der    Goethischen 

Metamorphosenlehre  von  —  128 

bis  141. 
Lionardo  da  Vinci  220  fg.  222. 
Lips,  Joh.  H.   196. 
Lippmaiin,  E.  von  237.  257. 
List  &  Francke  292. 
Liszt,  Franz  263  fg. 
Little  Geo.  T.  31. 
Litzmann,  B.  293.  296  fg. 
Livingston,  R.  L.  25. 
Loder,    F.    J.    Christ,    von    243. 

Goethe-Feier  bei  —  in  Moskau 

244. 
Loiseau  249  (g. 
Lomazzo  Gio.  Paolo  220. 
Longfellow,  Henry  Wordsv^'orth  29. 
Loeper,  G.  von  21.  30.  226.  236. 
Lörcher  298. 
Lorentz,  A.  291  fg. 
Lorenz,  Ottokar  259. 
Low,  Lieut.  Col.  22. 
Loewe,  Karl  309. 
Loewe,  Ph.  303. 
Loyswell,  s.  Cogswell. 
Lucilius  260. 
Luck,    H.    G.   L.    von    55.    Seine 

Frau  s.  Kalb,  Augusta  Eleonora 

von. 
Ludecus,  Steuerrath  189. 
Luden,  H.  21. 
Ludwig,  Otto  261. 
Lukian  237. 
Lungo,  E.  de  303. 
Luther,  Martin  294. 
Lyman,  Th.  3.  5  fg.  24.    Brief  an 

Goethe  von,    6.    Anmerkungen 

dazu  26. 
Lynker,  K.  Friedr.  E.  von  75. 
Lyon,  O.  36. 


Personen-Register. 


321 


M.  A.  von  295. 

Mackall,  Leonard  L.,  3 — 37.  234— 

236.  253—256. 
Mackall,  L.  L.  248. 
Mackall,  T.  B.  7.  283. 
Maclise,  254. 
Maclure,  1 1  fg.  28. 
Madach  302. 
Madison,  James  5.  25. 
Malpighi  132, 
Mamontow,  A,  299. 
Mandrescu,  Simion  C,  292. 
Man/oni,  Aless.  280.  284.  303. 
Martius,  K.   Friedr.    Ph.  von    133. 
Martinsen,  IV.  246  fg. 
Masinissa  262. 
Mathevvs  28. 

Matthisson,  Friedr.  von  171. 
Maucler,  Freiherr  von  65. 
Maucroux,  236. 
Maupassant,  Guy  de  247. 
Medwin  279. 
Meglio,  Antonio  222. 
Mehring,  S.  (S.  M.)  294. 
Meißner,  A.  245. 
Mengs,  R.  205. 
Menzel  (Architekt)  285. 
Merck,  J.  H.  149.  161.  190.  208. 
Merimee,  Pr.  285. 
Meti,  Adolf  215.  238.  249  fg. 
Metz,  A.  305. 
Meurer,  Karl  301. 
Meyer,  C.  F.  271. 
Meyer,  Fr.  L.  Wilh.  221.  223. 
Meyer,  Heinrich  29.  32.  196.  220. 

287. 
Meyer,  Joh.  Fr.  Lor.  292. 
Meyer,  J.  J.  307. 
Meyer  (Lexicon)  23. 
Meyer,  Nik.  63. 
Meyer,  Richard  M.  258—262. 
Meyer,  Richard  M.  288.  291.  293. 
Meyer  von  Waldeck  121. 
Meyn,  Pastor  171. 
Michels,  O.  293. 
Mickiewicz,  Adam  302. 
Miesegaes,  23. 

Miller,  Filippo   s.  Möller,  Philipp. 
Mihon,  302. 

Miluhinowitsch,  Simeon  303. 
Minor,  J.  21.  291.  293.  295  fg. 
Mitchill,  S.  L.  28. 
Möbius,  P.  J.  300.  305. 
Mohr,  J.  J.  171. 
Moli^re,  266. 
Möller,  Phillipp  =  Goethe  191  fg. 

Goeth>-Jahrblch   XXV. 


Mommsen,  Th.  18.  268.  Nekrolog 

auf  258 — 262. 
Monroe,  J.   5.  25. 
Montaigne,  Mich,  de  44.  187. 
Montecatino,  Antonio  218. 
Mont^gut,  Emile  267. 
Monti,  Vinc.  197.  202.  204.  303. 
Moore,  Th.  26. 

Moors,  Stadtschultheiß  84.  86. 
Morf,  H.  265-268. 
Mörike,  Ed.  261. 
Moritz,  K.  Ph.  IQ4. 
Morris,  Max  65  fg.    89 — 115.   257. 
Morris,  Max  118  ig.  278.  280.  290. 

293.  301.  303. 
Moser,  Justus  227  fg.  231. 
Moser,  Tochter  d.  vor.  227  fg. 
Motley,  J.  L.  7.  53. 
Müller  (Holzschnitt)  254. 
Müller  (Uebersetzer  Plotins)  237. 
Müller  (Berichte  des  Hochstifts)  254. 
Müller,    Anngen,   Neujahrswunsch 

für  58. 
Müller,  Ad.  300. 
Müller,  Fr.  G.  58. 
Müller,  Gustav  Adolf  252  fg. 
Müller,  Gust.  Ad.  302.  307%.  310. 
Müller,  J.  G.  157. 
Müller,  Joh.  von  277. 
Müller,  Jos.  30. 
Müller,  K.  W.  253. 
Müller,  Kanzler    von    21.    27.    29. 

32.  49  ff.  53.  59.  149.  222.  239. 

243.  254  fg.  281. 
Müller,  Maler  193. 
Müller,  Wilhelm  311.   Seine  Frau 

311. 
Müller-Röder,  E.  298. 
Müller-Waldeck  E.  301. 
Müllner,  A.  288. 
Muncker,  Fr.  288.  303. 
Mungo  305. 
Murray,  John  255. 
Musäus,  J.  C.  A.  171. 
Musculus,  30. 
Musset,  Ä.  de  266. 
Muthesius,  K.  306. 

Napoleon  I.  40.  260.  270. 
Nauwerck,  L.  310. 
Neapel,  Königin  von  190. 
Necker,  Jacques  74. 
Needham  137. 
Nees  von  Esenbeck  287. 
Neroulos,  Rizo  282. 

21 


[22 


Personen-Register. 


Nerval,  Gerard  de  267. 
Neunieister,  G.  303.  305. 
Newman,  E.  312. 
Newton,  Th.  42.  227.  240. 
Niebuhr,  Barth.  G.  285.  288. 
Nietzsche,  Fr.  125.  261.  303. 
Noack,  Friedrich  185—207. 
Nodnagel,  E.  309. 
Nonnen,  Bürgermeister  63. 
Norton,  Andrews  22.  32. 
Norton,  Gh.  E.  253. 
Nostiz,     Johanne     Luitgard     von, 

Neujahrswunsch  für  57. 
Nowicki,  F,  299. 
Nusser  293. 


Obser,  Karl  68-81. 

Ofterdinger,  L.  F.  65  fg. 

Oehlenschläger,  A.  180. 

Oehquist,  Job.  290. 

Oldershausen  von  79. 

Oort,  H.  L.  294. 

Oppel,  Joh.  Siegm.  von  59. 

Oppel,  Tochter  d.  vor.,  Neujahrs- 
wunsch für  59. 

Orleans,  Charles  d'  266. 

Oertel  Chr.  L.  von  60. 

Oertel,  Fr.  B.  von  60. 

Oertel,  Johanna  Karoline  von,  Neu- 
jahrswunsch für  60. 

Oertel,  Karoline  von  60. 

Osborn,  M.  290. 

Ossian  146. 

Oesterreich,  Josef  II.  Kaiser  von 
151.  185.  197  fg. 

Oesterried,  Joh.  Dan.  242. 

Oswald,  M.  236.  294. 

Oettingen,  Wolfg.  von  288. 


Page,  J.  W.  23. 
Palleske,  E.  180. 
Palmer,  A.  H.  311. 
Papadopulos  34. 
Paquelin,  Suzanne  299. 
Parodi,  Emma  299. 
Parsons,  Mr.  79. 
Paszkowski,  W.  305. 
Paul  III.,  Papst  190. 
Paulsen,  Fr.  250. 
Payer  von  Thurn,  Rud.  290. 


Pellandini  216. 

Peltzer,  A.  305. 

Pemberton  240, 

Perkins,  S.  H.  25. 

Perl,  Max  292. 

Perry,  T.  S.  24.  29. 

Perthes,  Julius  10.   15. 

Petersen  (Prinzenerzieher)  242. 

Petrarca,  Fr.  112. 

Petsch,  R.  293. 

Peucer,  H.  K.  F.  243. 

Pfülf,  O.  302. 

Phlegon  von  Tralles  237. 

Pickering,  J.  25  fg. 

Pieck,  Carlo  192. 

Pieck,  Federico  192. 

Pigna,  Giov.  Batt.  218. 

Pilon,  E.  298. 

Piloty  und  Loeble  254. 

Pindar  153.   161.  503. 

Pitcairn,  Brodies  and  Co.  11. 

Pizzi,  Gioacchino  206  fg. 

Platen,  A.  von  175  fg.  503. 

Piaton  237.  292.  303. 

Plessing,  Fr.  V.  Lebrecht  224. 

Plotinus  237. 

Plutarch  285. 

Pniower,  O.  21.  288.  293. 

Pochhammer,  Paul  116 — 127. 

Poe,  Edg.  A.  267. 

Pogwisch,  Frau  von  33.  282. 

Pogwisch,  Ulrike  von  29. 

Ponickau,  Joh.    Fr.  von  60,  seine 

Frau  s.  Oertel  Karoline. 
Poppe  179. 
Popper,  J.  291. 
Pospischil,  Maria  213  fg. 
Pospischil,  Maria  294. 
Potonie  128. 
Potorianus  227. 
Pougens,  Buchhändler  303. 
Preller,  Friedr.  285. 
Preuß  253. 
Preußen,  Friedrich  IL,  König  von 

125.  154.  228.  261.  277. 
Preußen,  Prinzessin  Karl  von  288. 
Properz  76. 
Presch,  Fr.  304. 
Pückler,  Fürst  254. 


Person'ex-Register, 


323 


Quincy  55. 

Qjuinet,  Edg.  267.  280. 


R.  298. 

Raab,  Doris  508. 

Ramsav  21. 

Ranke,' L.  von  18.  258  ff. 

Rathgeber,  J.,  301. 

Rau,  A.  303.  305. 

Raumer,  Friedr.  von  282. 

Raveggi,  P.  302. 

Rav,  Geistlicher  135. 

Ray,  R.  22. 

Redlich,  C.  C.  223.  236. 

Rehbein,  Wilh.  288. 

Rehberg,  Fr.  195  fg. 

Reh-Carliga  309. 

Rehm,  Bürgermeister  252. 

Reich,   H.  295. 

Reichardt,  Fr.  219.  304.  510. 

Reichel,  E.  294. 

Reiff,  P.  303. 

Reiffenstein,  Rath  194. 

Reinbaben,  Fr.  L.  von  58. 

Reinbaben ,     Sophie     Bernhardine 

Friederike,   Neujahrswunsch  für 

58. 
Reinecke,  C.  309. 
Reizenstein,  Baronin  256. 
Renner,  Theob.  287. 
Rette  290. 
Reusslaer,  van  22. 
Rhesa,  L.  J.  282. 
Richmond,  J.  C.  22. 
Richter,  s.  Jean  Paul. 
Ricker,  J.  292. 
Riedesel,  Freiherr  von  307. 
Riemer,    F.  VV.    18.   40.   49  ff.  89. 

100    151.   222.  269.  280  ff.   286. 

Sein  Sohn  286. 
Riese,  A.  289  fg. 
Riese,  zu  dem  Brief  an,  238. 
Ringseis,  Frl.  B.  256. 
Rist  222. 

Ritter,  Const.  292.  295. 
Robbins,  J.  M.  25. 
Röber,  Ernst  310. 
Robert-tornow,  W.  183. 
Robertson,  John  G.  311. 
Robinson,  Edw.  22. 
Rogers  33. 
Rohling,  C.  308. 
Röhr  283. 


Roll,  J.  297. 

Rollett,  Herrn.  254. 

Rossi,  Antonio  191. 

Rousseau,  J.  J.  75.  125.  148. 

Rubens,  P.  P.  20. 

Rückert,  Fr.  175. 

Ruhberg,  Joh.  Chr.  295. 

Ruiand,   C.   25  fg.   235.   240.    257. 

300.  307. 
Riiss,  V.  244  fg. 
Russ,  V.  63. 


S.  L.  310. 

Sachow,  N.  500. 

Sachs,  Julius  128  fg.   136. 

Sainte  ßeuve,  C.  A.  de  298. 

Salani,  A.  299. 

Sales,  S.  Francesco  di  187  lg. 

Salgö,  Ford.  299. 

Salis-Sewis  v.  171. 

Sallet,  Friedr.  von  171. 

Salvandy,  Narc.  Ach.  de  284. 

Sand,  George  247    298. 

Sandvoss,  Fr.  256. 

Sänger,  S.  306. 

Saran,  F.  297. 

Sartorius  von  Waltershausen,  Georg 

4.  32. 
Sauer,  A.  297.  304. 
Sauer,  Componist  309. 
Sauppe,  H.  215. 
Savonarola,  Gir.  262. 
Scaurus  262. 
Schadow,  J.  G.   194. 
Schäfer,  Willy  308. 
Schaffer,  JoseV  241. 
Schaffer,  Lorenz  241. 
Schardt,  Geh.  Regierungsrath   68. 

75  ig- 
Schardt,   Briefe    der    Frau   Sophie 

von  —  an  den  Freiherrn  Christoph 

Albrecht  vonSeckendorfi"68— 81. 
Scheffauer,  Phil.  Jak.  von   194. 
Schenk,  Ed.  von  23. 
Scherer,  Wilhelm  89.  98.  100.  104. 

109.  226,  258.  261. 
SchiUer,  Charlotte  von   54.  47.  78. 

116  fg. 
Schiller,  Dr.  186. 
Schiller,  Ernst  von  47  ff. 
Schiller,    Fr.   von    23.  35.  59.  66. 

78.    102  fg.    HO.  112.  116.    118. 

21* 


324 


Personen-Register. 


120.  124.  143.  152.  154  ff.  168  ff. 

J71  fg.  179.  181.  250.  235.  243. 

262.  264.  269.  283.  291.  293.  295. 

303  fg.  307.  3 10  fg.  August  von 

Goethes  Rede  bei  Niederlegung 

des   Schillerschen   Schädels    auf 

der  Großherzoglichen  Bibliothek 

in  Weimar  46—52. 
Schlag  242. 
Schlegel,  A.  W.  von     248.  255  ff. 

296.  307. 
Schlegel,  Fr.  von  296.  307. 
Schieiden,  Matth.  Jak.  141. 
Schleiermacher,  F.  E.  D,  166. 
Schienther,  Paul  308. 
Schlichtegroll,  A.  H.  F.  von  7. 
Schlosser,  Chr.  275. 
Schlosser,   Cornelia  siehe  Goethe, 

Cornelia. 
Schlosser,  J.  F.  H.  305  fg. 
Schlosser,  Joh.  G.  44  fg.  252.  Brief 

an  Goethe  von  —  44. 
Schlözer,  A.  L.  27. 
Schmidkunz,  H.  294. 
Schmidt,  Erich  187%.  248.  254  fg. 

273.  288.  290. 
Schmidt,  Joh.  Chr.  73, 
Schmidt,  Karl  W.  302. 
Schmidt,  M.  310. 
Schmidt,  Nicolaus  86. 
Schmidt,  P.  304. 
Schmidt,  W.  306. 
Schmidt  301. 
Schmitz,  E.  309. 
Schmitz-Mancy  295. 
Schneider  (Sammlung)  312. 
Scholz,  W.  von  302. 
Schoen,  H.  298. 
Schönborn,  Carl  119. 
Schönborn,  G.  F.  E.    144.  208  fg. 
Schöningh,  F.  295. 
Schönkopf,  Familie  304. 
Schopenhauer,  A.  .304. 
Schoppe,  Amalie  177. 
Schrecker  242. 
Schreiber,  Ferdinand  288. 
Schreiber,  C.  F.  A.  287. 
Schröder,  G.  296. 
Schröder,  K.  J.  305. 
Schröder,  L.  290. 
Schröder,  R.  236. 
Schröder,   Schauspieler  216. 
Schröer,  K.  J.  293. 
Schröter,  Corona  257.     Neujahrs- 

wunsch  für  57. 
Schubart,  Chr.  Fr.  Dan.  149. 


Schubarth,  K.  E.  288. 
Schubert,  F.  303.  309. 
Schubert,  Franz  304. 
Schuchardt,  Chr.  21.  274. 
Schüddekopf,  C.  286—288. 
Schüddekopf,  C.  27.  81.  273  fg.  283. 

289.  296. 
Schultheß-Rechberg,  Gustav  255. 
Schulze,  E.  271. 
Schulze,  G.  E.  19.  35. 
Schure,  E.  296. 
Schuster,  Abraham  239  ff. 
Schuster,  Michael  239. 
Schütz,  Georg  191  ff.  195  fg. 
Schwabe,  Carl  L.  49  fg. 
Schwabe,  Julius  50  fg. 
Schweden,  König  Gustav  III.  von 

206. 
Schweinitz,  L.  D.  von  22. 
Schweizer,  Paul  295. 
Schweizer,  Viktor  289. 
Scott,  Walter  7.  285. 
Searle,  T.  23  fg. 
Seckendorff,  Chr.  Albr.  von,  Briefe 

der  Frau  Sophie  von  Schardt  an 

den  Freihern  von  68  —  81. 
Seckendorff,     Siegmund    von    69, 

Unbekannte    »Neujahrs-Possen« 

Goethes    und   —    von  1778/79. 

53—61. 
Seckendorff,  Leo  von  69. 
Seckendorff,  Sophie  Friederike  von 

s.  Kalb. 
Seelus,  von  285. 
Seidel,  Ph.  53  fg.  58.  61.  91.  185. 

189.  206. 
Seidler,  Luise  30.  285. 
Seiling,  Max  306. 
Seligmann,  A.  F.  256.  307. 
Serassi,  Pietro  Ant.  218. 
Seuffert,  B.  67.  273  ff.  298. 
Shakespeare    113.    143.    146.    153. 

159.  174.  i77ff  i83.277ff.298fg. 
Shelley  299. 
Sherard  131. 

Shumway,  Daniel  B.  312. 
Siebeck,  H.  306. 
Siehe,  S.  304. 
Silbermann,  A.  307. 
Simson,  Ed.  262. 
Singer,  S.  295. 
Sintenis,  F.  227 — 232, 
Slawa,  A.  K.  293. 
Sloane  131. 
Smiles,  S.  255. 
Smissen,  W.  H.  Van  der  310. 


Personen-Register. 


325 


SoUas,  H.  502. 

Solon  285. 

Sömmerring,  Sam.  Thom.  von  26. 

44- 

Sophokles  115.  153.  264. 

Spaldino;,  John  Lancaster  504. 

Spark,  Jared  25. 

Speck,  W'ilHam  A.  235, 

Spielhagen.  Fr.  291.  294. 

Spitteler,  Karl  291. 

Sprenger,  R.  295. 

Stael,  Frau  von  66.  156.  269.  304. 

Stange,  Max  309. 

Stargardt,  J.  292. 

Stassen,  Fr.  308. 

Steig,  R.  22.  292. 

Stein,  Charlotte  von  5  3  ff.  68.  91. 
187  fg,  193.  196.  202  fg.  206. 
225  fg.  228.  232.  238.  269.  274. 
304.  Neu  Jahrswunsch  für  57. 

Stein,  Charlotte  Freyin  von,  Neu- 
jahrswunsch für  55. 

Stein,  Ernst  von  232. 

Stein,  Fritz  von  91.  185.  189.  203  fg. 

22$. 

Stein,  Phil.  289. 

Steinel,  Oskar  306. 

Steni,  Alfred  66-68. 

Sternberg,  Graf  21.  30.'- 304. 

St.  Goar,  E.  307. 

Stieler,  K.  254. 

Stolberg,  Chr.  von  150. 

Stolberg,  Fr.  L.  von  45.  150. 

Storm,  Th.  261  fg. 

Strack,  Ad.  290. 

Strauß,  David  Fr.  148.  305. 

Strehlke,  Fr.  32  fg.  64.  71  fg.  238. 

Streuli  254. 

Struve  20. 

Sulzer,  Joh.  G.  163. 

Sumner,  Charles  254  fg. 

Süpfle,  G.  299. 

Suphan,  B.  276  fg.  284—286. 

Suphan,  B.  29.  36.  51.  89.  iio.  159. 

225.  254.  253.  257.  273  ig.   289. 

291.   306. 
Swammerdam  137. 
Sybel,  F.  L.  K.  von  243. 
Sybel,  H.  von  245. 
Sybel,  H.  Ph.  F.  von  245. 


Tacchi,  Abbate  202. 
Tasso,  Torqu.  221.  310. 
Tauscher,  Aug.  Mich.  288. 


Taxis,  Fürstin  256. 

Tettau,  von  69. 

Tete,  Jos.  266  fg. 

Teza,  E.  299. 

Thomas,  C.  19. 

Thorndike  6. 

Thümmel,  von  44  fg. 

Tickell  218  fg. 

Ticknor,  Anna  Eliot  26.  33. 

Ticknor,  George  4  fg.  18.  23  ff. 

Tieck,  Ludwig  154. 

Tilden-Stiftung  8. 

Tille,  A.  510. 

Tisben,  s.  Tischbein,  J.  H.  W. 

Tischbein,  Joh.  Fr.  A.  190. 

Tischbein,  J.  H.  W.  199.  201.  206 

und     der    Künsterhaushalt     am 

Corso  185  —  196. 
Tischbein,  Joh.  Val.  T.  190. 
Tombo,  Rudolf  310—512. 
Tournefort  133. 
Traumann,  E.  293  fg.  304. 
Trebrs,  Frau   von    71.  77  fg.     Ihr 

Mann,  ihre  Mutter  und  Schwester 

77- 
Trebra,  Fr.  W.  von  71. 
Treitlinger,  Joh.  Chr.  242. 
Treitschke,  H.  von  258. 
Treuter  244. 
Trinius,  A.  300. 
Trog,  H.  289. 
Trost,  K.   306. 
Trötscber,  ] .  2^^  ig.  241. 
Trötscher,  J.  300. 
Tschabuschnigg,  Ad.  Ignaz,  Ritter 

von  244. 


Uhland,  L.  172.  175  ig.  504. 
Ulbricht,  C.  309. 
Ulrich,  O.  82-86. 
Ulrich,  O.  302. 
Unger,  Joh.  F'r.  241. 
Unger,  Rud.  303. 
Unzelmann-Bethmann,     Friederike 
268,  304. 


Varnhagen   von  Ense,   K.  A.    56. 

250.  255.  283. 
Vassall,  Henry  R.   F.   s.  Holland, 

Lora. 
Veret  299. 


326 


Personen-Register. 


ViehoflF,  H.  136.  225. 
Viereck,  L.  3  fg.  22  ff.  28. 
Vinci  s.  Lionardo  da. 
Voecliting  141. 
Vogel,  Julius  297.  301. 
Vogel,  Maler  236.  254. 
Vogel,  Secretär  28. 
Vogel,  Theodor  306. 
Voigt,  Chr.  Gottl.  von  27. 
Volgstädt,    Carl  A.  von  58. 
Volgstädt,   Tochter    d.   vor.,  Neu- 
jahrswunsch für  —  58. 
Volkelt,  J.  294. 
Volkmann,  J.  J.  188.  205  fg. 
Vollmer,  F.  293. 
Voltaire  28.  259. 
Voß,  Heinrich  (d.  j.)  152. 
Voß,  J.  H.  44.  150.  154 


W.  F.  301. 

Wacker  173. 

Wagner,  Rieh.  24.  263  fg.  291. 

IVahle,  J.  9.  (Anm.)  15.  (Anm.) 
37—44.  274. 

Wähle,  J.    37.  80.  232.   235.   273. 

Wahlström,  Clara  301. 

Wahner,  J.  295. 

Waldeck,  Fijrst  von  190. 

Waldner,  Luise  Adelheid  von  80. 
Neujahrswunsch  für  —  55. 

Wallner,  A.  296. 

Walter,  Curt  L.  306. 

Walz,  John  A.  312. 

Walzel,  Osk.  F.  288. 

Warden,  D.  B.  13.  16.  21.  31. 

Warneke,  Alb.  289. 

Washington  5.  25. 

Wasielewski,  W.  von  305. 

Wasserzieher,  Ernst  297. 

Waetzold,  St.  291. 

Watson,  Mr.  James  O.  33. 

Weber,  Beda  244. 

Weber,  Robert  274.  289, 

Webster  4.  21. 

Wechsler,  A.   302. 

Wedel  von  61.  Seine  Mutter  61. 
Seine  Frau  s.  Wöllwarth,  Hen- 
riette von. 

Weddingen,  O.  308. 

Weimar,  Anna  Amalia,  Herzogin 
von  55.  57.  59.  70.  72.  78.  81. 
189.  196.  312. 


Weimar,  Augusta,  Prinzessin  s. 
Deutschland. 

Weimar,  Bernhard,  Herzog  von  7. 
21  fg.  23.  26.  28.  31. 

Weimar,  Carl  Alexander,  Groß- 
herzog von  265. 

Weimar,  Carl  August,  Großherzog 
von  7.  21.  35.  47.  49  ff.  53.  70  ff. 
79  ff.  118  fg.  121.  126  fg.  151. 
185.  189.  196.  220.  225  ff.  274. 
303.  Zu  einem  Briefe  Goethes 
an  —  238  fg. 

Weimar,  Carl  Friedrich,  Großher- 
zog von  278. 

Weimar,  Constantin,  Prinz  von  56 

Weimar,  Luise,  Großherzogin  von 

55.  59.  61.  71.  73ff.  8ofg.  118 fg. 
126  fg.  303.  Neujahrswunsch  für 

56.  Ihre  Kinder  80. 

Weimar,  Luise,  Prinzessin  von  56. 

Weimar,  Maria  Paulowna,  Groß- 
herzogin von  222.  244.  278.  288. 

Weimar,  Marie,  Prinzessin,  siehe 
Preußen,  Prinzessin  Karl  von. 

Weimar,  Sophie,  Großherzogin  von 
130.  265.  273. 

Weise,  Karl  297. 

Weise,  Oskar  291. 

Weißenfels,  R.  290. 

Weizsäcker,  P.  256. 

Weller,  Christ.  E.  F.  21.  27.  34. 

Welles  and  Williams  9.  12. 

Wells,  Benj.  2.  312. 

Werner,  Prof.  27.  30. 

Werner,  Richard   Maria    171  — 184. 

Werner,  Zach.  68. 

Werthern,  Amalia  von  72.  Neu- 
jahrswunsch für  56. 

Werthern-Beichlingen,  Ch.  F.  G. 
von  56.  72.  Seine  zweite  Frau 
geb.  von  Ziegesar  72. 

Werthern  -  Beichlingen ,  Christine 
von  79. 

Werthern-Beichlingen,  Joh.  G.  von 

19- 
Wetze),  H.  310. 
Wesley  311. 
White,  H.   S.   3  ff.    19.    21  ff.  26. 

29-  32  fg.  35%-  25  5- 
Whitney,  James  L.  22. 
Wieland,  Chr.  M.  45.  150.  208  fg. 

222.  276.  307.  311. 
Wigand  128. 
Wigglesworth,  E.  23. 
Wihl,  L.  177. 
Wilbrandt,  .'\d.  309. 


Goethe-Register. 


32: 


Wildenbruch,  E.  von  508. 

Wille,  N.  129.  151.  503. 

Willemer,  Joh.  Jak.  von  240. 

Willenbücher,  293. 

Wilmanns,  A.  305. 

Wilson,  J.  G.  35. 

Wilson,  H.  S.  312. 

Winckelmann,  J.  J.  186.  205. 

Winde ck,  G.  250  ff. 

Windischmann,  K.  J.  H.  282. 

Withier,    John   Greenleaf,   Ueber- 
setzung  des  Erlkönig  283  fg. 

Witkowski,  G.  293.  296.  301  fg.  307. 

Witzleben,  Fr.  H.  von  59. 

Witzleben,  Frau  d.  vor.,  N'eujahrs- 
wunsch  für  59. 

Wohlauer,  A.  294. 

Wolf,  C.  O.  H.  309. 

Wolf,  F.  A.  4.  24.  66. 

Wolff,  Casp.   Fr.  128  fg    152. 
135  fg.  140  fg. 

Wolff,  M.  502. 

Wöllwarih,    Henriette    von,   Neu- 
jahrswunsch für  61. 

Wolzogen,  Karoline  von  49. 

Wood  312. 

Woods,  L.  27.  29  fg.  32. 

Wülker,  Rieh.  297. 


Wustmann,  G.  300. 
Wychgram,  298. 
Wyer,  Consul  18.  54. 
Wyshing,  Signild   306. 


Zach,  von  65. 

Zahn,  J.  K.  W.  285. 

Zamboni,  Conte  203. 

Zarncke,  Fr.  254. 

Zeitler,  Julius  297. 

Zelter,  K.  F.  21.  133  fg.  219.  279. 

285.  304. 
Zicci,  s.  Schütz,  Georg. 
Ziegesar,    Aug.  Fr.  K.  von    72  fg. 

Seine  Frau  und  Kinder  72. 
Ziegesar,    Sylvia    von    72,     deren 

Schwester  s.  Werthern  Frau  von. 
Ziegler  208. 
Ziegler,  Th.  297. 
Zimmermann,  F.  G.  216. 
Zimmermann,  J.  G.  160.  163.  217. 
Zimmermann,  Rob.  244. 
Zschokke,  H.  171. 
Zucchi  194. 

Zumbini,  Bonaventura  291. 
Zumsteeg,  Joh.  Rud.  219. 


II.    Register  über  Goethes  Werke  und  Leben. 


I.  Biographische  Schriften. 

Annalen  4.  29  fg.  34.  44.  66.  149. 
219.  Neue  Ausgabe  288  (Bibl.). 

Belagerung  von  Mainz,  Neue  Aus- 
gaben 288  fg.  (Bibl.). 

Briefe  aus  der  Schweiz  167. 

Campagne  in  Frankreich  121,  Neue 
Ausgaben  288  fg.  (Bibl.). 

Dichtung  und  Wahrheit  144  fg. 
149.  157  fg.  181.  227.  255.  286. 
299.  310.  Zu  Clavigo  und  — 
2 1 8  fg.  Neue  Ausgaben  288.  (Bibl.) 
297  ^.  (Bibl.). 

Italienische  Reise  16  fg.  90  fg.  99. 
108  ff.  186.  189.  196.  199.  201  \o^. 
206.  250  fg.  273.  303.  Berichtüber 
die  Weimarer  Ausgabe  274.  Neue 
Ausgaben  289.  (Bibl.)  298.(Bibl.). 
Abhandlungen  über  298  (Bibl). 


Italien,  Vorbereitung  zur  zweiten 
Reise  nach  273.  Bericht  über  die 
Weimarer  Ausgabe  276  fg. 

Reise  am  Rhein,  Main  und  Neckar, 
aus  einer  275. 

Römischer  Aufenthalt,  zweiter  192. 
196.  203.  205  fg.  Aufnahme  in 
die  Gesellschaft  der  Arkadier 
205.  Neue  Ausgabe  289.  (Bibl.). 

Schweiz,  aus  einer  Reise  in  die 
273.  Bericht  über  die  Weimarer 
Ausgabe  276  ig. 

Tagebücher  4.  6.  18  ff.  26  fg.  45. 
49.  51.  53.  64.  89  ff.  HO.  18711. 
193.  196.  203.  205.  220  ff.  225. 
229  fg.  235  fg.  241.  257.  274  fg. 
283.  2S7.  290.  Zu  Bd.  8.  239  fg. 
Bericht  über  die  Weimarer  Aus- 
gabe 274.  284  ff. 

Tag-    und  Jahreshefte  s.  Annalen. 


328 


Goethe-Register. 


2.    Briefe  an: 

Bremen,  an  den  Senat  der  freien 
Stadt  62  fg.    Erläuterungen  dazu 

Cogswell,  J.  G.  9  fg.  12  fg.  15  tg. 

Anmerkungen  dazu  26  ff. 
?  208  fg.         

Amerikanern,  Briefwechsel  zwisch. 
Goethe  und  3  —  37  Neue  Aus- 
gaben und  Besprechungen  289  fg. 
311  (Bibl.). 

Riese,  zu  dem  Brief  an  238. 

Weimar,  Karl  Aua;ust  von.  Zu 
einem  Briefe  Goethes  an  —  238fg. 

Weimarer  Ausgabe  274.  Bericht 
286  ff. 


3.   Briefe  an  Goethe  von: 

Bancroft,  George  19.  Anmerkungen 

dazu  35. 
Calvert,  G.  H.  20.    Anmerkungen 

dazu  35  fg. 
Cogswell  J.  G.  8  fg.    II  fg.    1 3  ff. 

17.  Anmerkungen  dazu  26  ff. 
Everett,  Edward  5.  Anmerkungen 

dazu  24  ff. 
Frankenberg,  Frau  von  46. 
Gotha,  Prinz    August    von  40  ff., 

45%- 

Kestner,  Charlotte  82—85.  Er- 
läuterungen dazu  82.  85  fg. 

Kirkland,  John  T.  18.  Anmer- 
kungen dazu  54  fg. 

Lyman, Theodore  6.  Anmerkungen 
dazu  26. 

Sartorius  4. 

Schlosser,  Joh.  G.  44. 


Amerikanern,  Briefwechsel  zwisch. 
Goethe  und  3  —  37. 


4.  Dramen  und  dramatische 

Pläne  und  Entwürfe. 

Clavigo  113.  Zu  —  und  Dichtung 
und  Wahrheit  218  fg.  Neue  Aus- 
gabe 293  (Bibl.). 


Egmont  71.  74.  177  fg.  Neue  Aus- 
gaben und  Abhandlungen  über  — 
293  (Bibl.)  3 10  (Bibl.)  3 12  (Bibl.). 
Uebersetzung  299  (Bibl.). 

Epimenides,  des,  Erwachen  265. 
Selbstanzeige  278. 

Erwin  und  Elmire,  Neue  Abhand- 
lung über  293  (Bibl.). 

Faust  22  fg.  26.  102.  113.  119  fg. 
143  fg.  149.  153  fg.  161  fg.  165  fg. 
171  fg.  174.  177  fg.  182.  236  fg. 
245.  248.  255.  257  fg.  262.  270. 
286.  Helena  36.  65.  Zu  Faust  I. 
213.  (Walpurgisnacht)  214. 
(Walpurgisnachtstraum:  Fideler). 
Zu  Faust  II.  215.  (V.  7953  ff. 
8162  fg.  10943  fg.)  Zu  Gretchens 
Lied  im  Kerker  216.  Einfluß  auf 
Flaubert  246  fg.  Lassens  Musik 
zu  —  264.  Neue  Ausgaben  288. 
293  (Bibl.).  Abhandlungen  über 
—  293  ff.  (Bibl.).  312  (Bibl.). 
Uebersetzungen  299(Bibl.).  Com- 
positionen  309  fg.  (Bibl.).  Illu- 
strationen 310  (Bibl.). 

Fischerin,  die  239.  265. 

Geschwister,  die  243.  Neue  Aus- 
gabe 293  (Bibl.).  Abhandlung 
über  295  (Bibl.) 

Götter,  Helden  und  Wieland  150. 
208.  217. 

Götz  von  Berlichingen  67.  113. 
144.  147.  150.  152.  159.  167. 
174.  177.  200.  208  fg.  248.  Götz 
V.  B.  in  Hamburg  216.  Neue 
Ausgabe  und  Abhandlungen  über 
293  (Bibl).  295  (Bibl  ).  —  Com- 
positionen  319  (Bibl.). 

Groß-Kophta,  der8i. 

Hanswursts  Hochzeit,  Abhandlung 
über  295  (Bibl.). 

Jahrmarktsfest  von  Plundersweilern 
258.  265.  Abhandlung  über 
295  (Bibl.). 

Iphigenie  16.  34  fg.  95.  102.  109. 
112  ff.  154.  174.  202.  258.  304 fg. 
Neue  Ausgabe  und  Abhandlung 
über  293  (Bibl.)  295  (Bibl.). 
Uebersetzungen  299  (Bibl.). 

Künstlers  Apotheose  179. 

Laune,  die,  des  Verliebten.  Neue 
Ausgabe  293  (Bibl.).  Abhand- 
lung über  —   295  (Bibl.). 

Mädchen,  das,  von  Oberkirch, 
Abhandlung  über  295  (Bibl.). 


Goethe-Register. 


329 


Natürliche    Tochter,    die   66.  158. 

177.  276.   Anklänge  bei  Hebbel 

181  fg. 
Nausikaa  80—115. 
Pandora  265. 
Prometheus  164. 
Satyros,    Herder  das  Vorbild   des 

—  217. 
Stella  113.  177. 
Tasso    76.    102.    109.  113%.  167. 

183.  —  Tasso  und  Antonio  218. 

Neue  Ausgabe  und  Abhandlung 

über  293  (Bibl.)  295  fg.  (Bibl.). 
Triumph  der  Empfindsamkeit  265. 
Ungleichen  Hausgenossen,  die  226. 
Vögel,  die  265. 


Neue  Ausgaben  und  Abhandlungen 

293  ff. 
Singspiele,  Neue  Ausgabe  288. 


5.   Episches. 

Achilleis  107.  276  fg.  Neue  Aus- 
gabe 288. 

Hermann  und  Dorothea  6.  1 54. 157. 
183  (g.  Zu  —  227  -  232.  Neue 
Ausgaben  297  (Bibl.)  511  (Bibl.). 
Uebersetzungen  299  (Bibl.). 

Reineke  Fuchs.  Neue  Ausgabe  288. 


6.  Erzählendes. 

Märchen,  Auslegungen  des  37—44 
Goethes  —  116— 127  und  Hen- 
drichs  Bilder  310  (Bibl.). 

Novelle,  Abhandlung-en  über  —  298 
(Bibl.).  ^ 

Unterhaltungen  deutscher  Ausge- 
wanderten 37.  116.  Abhand- 
lungen über  2q8  (Bibl.). 

Wahlverwandtscliaften,  die  176  ff. 
183.  Selbstanzeige  278.  Neue 
Ausgabe  288.  Abhandlungen 
über  298  (Bibl.).  Uebersetzungen 
299  (Bibl.). 

"Werthers  Leiden  144.  i46fg.  154  fg. 
165  200.  227.  248.  2)5  fg.  Ab- 
handlungen über  —  298  (Bibl.) 
312  (Bibl.).  Uebersetzungen  299 
(Bibl.). 


Wilhelm  Meister  39.  177.  248. 
Lehrjahre  241.  Neue  Ausgabe 
289.  Wander  jähre  166.  177. 
Dankbriefe  für  dieUebersendung 
von  Wilhelm  Meisters  Lehrjahren 
44—46.  Zu  —  237.  Selbstan- 
zeige der  Wanderjahre  278. 
Mignon- Auszug  298  (Bibl.). 
Uebersetzungen  311  (Bibl.). 


7.  Gedichte. 

Alexis  und  Dora  103  fg.  120. 
Amerika,  du  hast  es  besser  21. 
Am  Fluße  309. 
An  Bernhard  von  Weimar  21. 
An  den  Mond  168.  223  —  226. 
An  die  Entfernte  226.  309. 
An  die  fünfzehn  Freunde  in  Eng- 
land 236. 
An    Frau    von   Stein    s.   Und   ich 

geh'  meinen  alten  Gang. 
An  Schwager  Kronos  147. 
Ballade  291. 
Bei     Betrachtung     von     Schillers 

Schädel  52. 
Bekehrte,  die  309. 
Braut,    die   von  Korinth  257.  247. 
Dine  zu  Coblenz  296. 
Ehre,   Deutscher,   treu    und    innig 

etc.   155. 
Elegieen  römische  195.  XV.  El.  195. 
Elysium  147. 

Epigramme  venetianische  127. 
Ergo  bibamus  226  fg. 
Erlkönig  181.  296.  30Q.  Englische 

Uebersetzungvon,Wnithier2  33fg. 
Erinnerung  309. 
Erster  Verlust  225  (g.  309. 
Ewige  Jude,  der  89  fg. 
Festgedichte  s.  Maskenzug  181 8. 
Fischer,  der  181. 
Geheimnisse,  die  281. 
Gesang     der     Geister     über     den 

Wassern  224. 
Haideröslein  509. 
Harfnerlied  309. 
Hoffnungslos  309. 
Höllenfahrt  Christi,  die  146. 
Mahomets  Gesang  224. 
Maskenzug  1818.  14.  16  fg.  32.  34. 

—  Selbstanzeige  279. 
Meeresstille  309. 
Mignon  100. 


330 


Goethe-Register. 


Nachtlied,  s.  Wanderers  Nachllied. 

Nähe  226. 

Neujahrs  -  Possen  ,       unbekannte  , 

Goethes  und  v.  Seckendorffs  von 

1778/79-. 53-61. 
Novemberlied  69. 
Rettung  223. 
Seelied  296. 

Sesenheimer  Lieder  180.  296. 
Sprüche  258. 
Tagebuch  183. 
Trost  in  Thränen  270. 
Und   ich  geh'  meinen  alten  Gang 

(An  Frau  von  Stein)  226. 
Untreue  Knabe,  der  218. 
Urworte,  orphisch  158. 
Vermächtniß  163. 
Wanderers  Nachtlied  286.  297.  509. 
Wanderers  Sturmhed  297. 
War  nicht  das  Auge  sonnenhaft  etc. 

165.  237. 
Wer  will,  nicht  kann  etc.  220  ff. 
Westöstlicher    Divan   257  fg.    261. 

Selbstanzeige  278  fg.  Neue  Aus- 
gabe 288  t'g.  (Bibl.) 
Xenien  258.  Abhandlungen  über  — 

296  fg.  (Bibl.)  Uebersetzung  299. 

(Bibl.). 
Zahme  Xenien  168.   Amerika  etc., 

s.  das  Liegt  dir  gestern  etc.  236. 
Zueignung  297. 


Abhandlungen296  (Bibl.)  3  i2(Bibl.). 

Aufklärende  Bemerkungen  zu  In- 
schriften, Denk-  und  Sende- 
blätter 66. 

Compositionen  309  fg.  (Bibl.). 

Neue  Ausgaben  288  (Bibl.)  296 
(Bibl.)  310  (Bibl.). 


8.   Kunst. 

Benvenuto  Cellini,  179.  Neue  Aus- 
gabe 288  (Bibl.). 

Häckert,i6fg.Selbstanzeige278.28o. 

Kunst,  Schriften  zur  279.  Neue 
Ausgabe  288  (Bibl.). 

Kunst  und  Aherthum  16  fg.  35. 
43.  220.  275.  Aufsätze  zur 
Literatur  in  273.  Bericht  über  die 
Weimarer  Ausgabe  277  (g.  284. 

Kunst  und  Aherthum  am  Rhein 
und  Main  273.  Bericht  über  die 
Weimarer  Ausgabe  271. 

Propyläen,  16  fg. 


9.  Naturwissenschaftliches. 

Böhmische  Gebirge  16  fg.  32. 

Farbenlehre,  16,  226  fg.  293.  305. 
Uebereinstimmung  mit  Giordana 
Bruno  237. 

Farbenlehre,    Geschichte  der  240. 

Metamorphose  der  Pflanzen.  Die 
angebliche  Abhängigkeit  der 
Goethischen  Metamorphosen- 
lehre von  Linne  128  — 141. 

Mineralogische  Gesellschaft  29. 

Morphologie,  zur  13.  32. 

Naturwissenschaft, zur  i6fg.  32.  34. 


10.  Sonstige  prosaische 
Schriften. 

Agnese,  Anzeige  der  Oper  283. 

Ankündigung  einer  neuen  Ausgabe 
von  Goethes  Werken,  Selbst- 
anzeige 278  ff.,  zweite  284. 

Ankündigungen  und  Geleitworte 
283. 

Aufklärung  279. 

Aus  dem  Französischen  des  Globe 
283. 

Bachantinnen,  die,  desEuripides282. 

Bvron,  Beitrag  zum  Andenken 
'Lord  —  s.  284. 

Cain,  a  mistery  by  Lord  Byron 
281  fg. 

Carmagnola,  il  conte  di  280. 

Charon  und  Charos  281. 

Classiker  und  Romantiker  in  Italien 
etc.  280. 

Cours  de  litterature  grecque  par 
Rizo  Neroulos  282. 

Dainos,  etc.,  herausgegeben  von 
Rhesa  282. 

Danz,  Lehrbuch  der  neueren  christ- 
lichen Kirchengeschichte  282. 

Deutsche  Sprache  220. 

Don  Alonzo  ou  l'Espagne  etc. 
284. 

Don  Ciccio,  277.  280. 

Einwirkung  der  neueren  Philoso- 
phie 1)8.  168. 

Einzelnes  279.  281. 

Francesco  Ruffa  280. 

Friedrichs  Ruhm  277.  280. 

Geheimnisse,  die,  von  Goethe  278. 
281. 


Goethe-Register. 


331 


Geschichtliche  Entwickelung  der 
Begrifte  von  Recht  etc.  (Raumer) 
282. 

La   Guzla,   poesics  illyriques   282. 

Id(^es  sur  la  philosophie  de  l'histoire 
de  rhumanite  par  Herder  etc.  280. 

IHas  279.  281. 

Indicatione  di  ciö  che  nel  1819  si 
e  fatto  etc.  280. 

Inschrift  von  Heilsbero;  284. 

Joseph  Haydns  Schöpfung  279. 

Litteratur,  Aufsätze  zur,  im  Morgen- 
blatt etc.  273.  Bericht  über  die 
Weimarer  Ausgabe  277  Ü'. 

Livre,  le,  des  Cent-et-un  282. 

Lob-  und  Spottgedicht  auf  König 
Rudolph,   Bericht  über  ein  285. 

Manzoni  an  Goethe  280.  284. 

Manzoni,  Aufsätze  über  284. 

Maximen  und  Reflexionen  279.  283. 

Monatsschrift  der  Gesellschaft  des 
vaterländischen  Museums  in 
Böhmen,  Besprechung  der   283. 

Oeuvres  dramatiques  de  Goethe  etc. 
279. 

Phaethon,  eine  Tragödie  des  Eu- 
ripides  etc.  281  fg. 

Recension  (Gedichte  eines  pol- 
nischen Juden)  298  (Bibl.). 

Recensionen  in  den  Frankfurter 
Gelehrten  Anzeigen  163. 

Rheingau,  Herbsttage  im  273. 
Bericht  über  die  Weimarer  Aus- 
gabe 271. 

Rochusfest  zu  Bingen  275.  Bericht 
über  die  Weimarer  Ausgabe  275. 

Serbische  Lieder  281. 

Serbische  Litteratur  282, 

Shakespearerede  164.  298. 

Shakespeare  und  kein  Ende  277  ft". 

Sprüche  in  Prosa  30.  261.  Es  ist 
ein  großer  Unterschied  etc.  118. 
Spr.  720.  556.  557—163.  Spr. 
903,  430 — 165.     Spr.  1049—166. 

Ueber   das   deutsche  Theater  278. 

Ueber  die  Entstehung  des  Festspiels 
zu  Ifflands  Andenken  278 

Volkslieder  der  Serben  282. 

Windischmann.  Ueber  etwas  das 
der  Heilkunst  Noth  thut  282. 


II.     Biographische     Einzel- 
heiten,    Lebensbeziehungen, 
Verhältnisse  (persönliche  und 
literarische)  zu: 

Amerikanern,  Brietwechsel  zwisch. 

Goethe  und  —  3  —  37- 
Arkadia,  Goethe  und  die  196-207. 
Autograph,  ein  Goethe  —    in  Eger 

242. 
Basedow  302  (Bibl.). 
Beethoven  502  (Bibl.). 
Berlioz,  302  (Bibl.). 
Bismarck  302  (Bibl.). 
Böhmische    Reise,    Goethes   letzte 

300  (Bibl.). 
Bonn,  Goethe  in  301  (Bibl.). 
Börne,  Ludwig  304  fg.  (Bibl.). 
Brentano,  Bettine  302  (Bibl.). 
Brion,  Friederike  302  (Bibl.). 
Carlyle    und    Eckermann,    zu    — 

248,  253  ff. 
Dichtungen,  Goethe  über  seine  290 

(Bibl.). 
Dumeix,  Propst  302  (Bibl.). 
Egerer  Gymnasium  300  (Bibl.). 
Eisenach.  Goethe  in  300  (Bibl.). 
Emerson  302  (Bibl.). 
Feuchtersieben  302  (Bibl.). 
Feuerbach  303  (Bibl.). 
Frankfurt  300  (Bibl.). 
Frauen,  Goethe  und  die  302  (Bibl.). 
Freimaurer,  Goethe  als  303  (Bibl. t. 
Funk  über  Goethe  307  (Bibl.). 
Glaser,    Rud.,    ein  österreichischer 

Verehrer  Goethes  244  ff. 
Goldsmith  302  (Bibl.)  312  (Bibl.). 
Goethe,  Catharina  Elisabetii  (Frau 

Rath)  301  (Bibl.). 
Goethe,  Christiane  302  (Bibl.). 
Goethe,  Cornelia  301  fg.  (Bibl.). 
Goesclien,  G.  J.  311  fg.  (Bibl.). 
Gries,  Goethe  und  220  —  225. 
Günther  502  (Bibl.). 
Harvard  University,    Goethes  Ge- 
schenk an  die  3  —  37. 
Hebbel  und  Goethe  171  — 184.  302 

(Bibl.). 
Helmholtz  302  (Bibl.). 
Heraldische     Episode     aus     G— s 

Leben   300  (Bibl.). 
Herder  und  Goetlie  156  —  170.  303 

(Bibl.). 
Holberg  305  (Bibl.). 
Humboldt,  W.  von  307  (Bibl.). 


332 


Goethe-Register. 


Jesus  und  Goethe  303  (BibL). 
Iken-Bremen    bei    Goethe    (1828) 

243  %• 
Ilmenau  einst  und  jetzt  300  (Bibl). 
Italien,  Goethe  und  303  (Bibl.). 
Kestner,  Charlotte  302  (Bibl.). 
Klopstock   und   Goethe  142—155. 
Kölner  Karneval,  Goethe  und  der 

300  (Bibl.). 
Kotzebue  307  (Bibl.). 
Langermann  257. 

Lavater,  ein  anticipirtes  physiog- 
nomisches  Urtheil  Lavaters  über 
Goethe  (Brief  an  Deinet)  66-68. 

Lebensführung,     Goethes     private 

301  (Bibl.). 

Leipziger  Student,  Goethe,  der  500 

(Bibl.). 
Linn6,  Goethe  oder  303  (Bibl.) 
Loder,  die  Goethe-Feier  bei  —  in 

Moskau  am  28.  August  1829,  244. 
Marienbad,  Goethe  in  300  (Bibl.). 
Meyer,  J.  J.  307  (Bibl.). 
Milatinowitsch,  Simeon  303  (Bibl.). 
Montblanc,     Goethes    Reise    nach 

dem    —   und  dem  St.  Gotthard 

301  (Bibl.). 
Monti,  Vincenzo  303  (Bibl.). 
Müller,  Wilhelm  311  (Bibl.). 
Neapel,  Goethe  in  301  (Bibl.). 
Nietzsche  303  (BibL). 
Notiz,    eine  eigenhändige  Goethes 

240. 
Oesterreich  304  (Bibl.). 
Pathe,  Goethe  als  301  (Bibl.). 
Pfalzburg     zur    Zeit    des     jungen 

Goethe  301  (Bibl.). 
Pindar  303  (Bibl.). 
Platen  303  (Bibl.). 
Plato  303  (Bibl.). 
Reichardt  304  (Bibl.). 
Riedesel  über  Goethe    307  (Bibl.). 
Rom  301  (Bibl.). 
Römischem   Kreise,    aus    Goethes 

185—207. 
Saarbrücken,  Goethe  und  30i(Bibl.). 

Goethes  Lili  in  301  (Bibl.). 
Schardt,    Frau   von,    über  Goethe 

68 — 81  passim. 
Schiller  304  (Bibl.). 
Schlosser,  Friedrich  304  (Bibl.). 
Schönkopf,  Familie  304  (Bibl.). 
Schopenhauer,  Arthur  304  (Bibl.). 
Schubert,  Fr.  304  (Bibl.). 
Statil,  Frau  von  304  (Bibl.). 
Stein,  Frau  von  304  (Bibl.). 


Sternberg,  Graf  304  (Bibl.). 

Straßburger  Matrikel,  Goethes  Ein- 
zeichnungen  in  die  242. 

Theater,  Goethe  im.  Kerbst  1779. 
245. 

Tischbein  und  der  Künstlerhaus- 
halt am  Corso  185 — 196. 

Uhland  304  (Bibl.). 

Walchensee,  die  Goethe -Gedenk- 
tafel am  250  ff. 

Weimar  301  (Bibl.). 

Weimar,  Großherzogin  Luise  von 
303  (Bibl.). 

Wesley  and  Goethe  311  (Bibl.). 


12.  Verschiedenes. 

Alkohol,Goethe  und  der  305  (Bibl.). 
Almosengeber,Goethe  als  305  (Bibl.). 
Archiv  d. Gesellschaft  f.  alt. deutsche 

Geschichtskunde,    Goethes    Bei- 
träge 283. 
Archiv  in  Weimar,    Mittheilungen 

aus  dem  3  —  52. 
Arzt,  Goethe  als  305  (Bibl.). 
Ausgabe  letzter  Hand  279.  283  fg. 
Autographen-Kataloge  292  (Bibl.). 
Betz,  Louis  P.,   Nekrolog  auf  266 

-268. 
Bibliographie  Jellineks  291  (Bibl.). 
Bibliothekar,  Goethe  als  305  (Bibl.). 
Bibhothekswesen,  Goethes  Verhält- 

niß  zum  305  (Bibl.). 
Bilder  307  fg.  (Bibl.). 
Böse,  Goethe  der  291  (Bibl.). 
Bücherkataloge  292  (Bibl.). 
Christenthum  305  (Bibl.). 
Compositionen  309  fg.  (Bibl.). 
Denkmäler  308  (Bibl). 
Descendenzlehre,  Goethe  und   die 

305  (Bibl.). 
Dichterfürsten,    Protest  gegen   die 

einseitige  Erhebung  Goethes  zu 

einem  291  (Bibl.). 
Ehevermittler,    Goethesche    Verse 

als  297  (Bibl.). 
Einfluß,  Goethe  und  der  deutsche 

290  (Bibl.). 
Einflüsse,  französische,  in  Goethes 

Sprache  292  (Bibl). 
Einsamkeit,  Goethes  305  (Bibl.). 
Erzieher,   Goethe    als    304  (Bibl.). 
Erziehung  und  Unterricht,  Goethe 

über  305  (Bibl.). 


Goethe-Registkk. 


333 


Ethische  Fragen   etc.   305    (Bibl.). 
Feinschmecker,    Goethe    als     305 

(Bibl.). 
Franzos,  K.  E.  Nekrolog  auf  268 

—  272. 

Frauen,  Goethe  und  die  305  (Bibl.). 
Freiheit,  Goethe  und  die  Idee  der 

305  (Bibl.). 
Fremdwortes,    Asylrecht   des   291 

(Bibl.). 
Gartenmauer,Goethes  3o8fg.(Bibl.). 
Gedanken,  einige  über  Goethe  etc. 

291     (Bibl.)     —     aus     Goethes 

Werken  291  (Bibl,). 
Gedenktafel,   Rede    bei    der    Ent- 

hiillung  einer  291  (Bibl.). 
Geisteswerk,     Goethes,      in     den 

Stimmen  unserer  Zeit  291  (Bibl.). 
Genius,  das  19.  Jahrhundert  im  Licht 

und  Schatten  von   Goethes  311 

(Bibl.). 
Geschlechter,  Goethe  und  die  305  fg. 

(Bibl.). 
Gesellschaft,  die  obdachlose  Goethe 

—  308  (Bibl.). 
Gespräche,  290  (Bibl.). 
Goethebuche,  aus  einem  290  (Bibl.). 
Goethe,   Catharina  Elisabeth,  eine 

französische  Stimme  über  Goethes 

Mutter  249  fg. 
Goethe,    Cornelia,    der    Todesakt 

über  Goethes   Schwester  252 fg. 
Göttlichen,   Goethe  und    die  Idee 

des  306  (Bibl.). 
Handschriften,     Mittheilung      aus 

65  fg.  ^ 
Herzog,  Goethe  unser  291  (Bibl.). 
Hochgebirge,  Goethe  und  das   306 

(Bibl.). 
Jahrbücher     für    wissenschaftliche 

Kritik,  Goethes  Beiträge  285. 
Jahresberichte  für  neuere  deutsche 

Literaturgeschichte   290    (Bibl.). 
Idealität,  geistige  302  (Bibl.). 
Jenaische    Allgemeine    Litteratur- 

zeitung,    Goethes    Mitarbeit    an 

der  277. 
Josephs  Geschichte  (Plan  Goethes) 

146. 
Irrenanstalten    und    Geisteskrank- 
heiten, Goethe  über  306  (Bibl.). 
iugendsprache  Goethes  291  (Bibl.). 
[inderfreund,  Goethe  ein  3o6(Bibl.). 
Kritische    Prediger  -  Bibliothek, 

Goethes  Beiträge  283. 


Künstlerkreis    seiner   Zeit,   Goethe 

und  der  292  (Bibl.). 
Lassen  Ed.,  >Jekrolog  auf  262  —265. 
Lebensbeschreibungen      etc.      300 

(Bibl.). 
Lebenskunst,   Goethes    306  (Bibl.) 

512  (Bibl.). 
Literatur ,     Goethe-Literatur     und 

Schriften  291  (Bibl.). 
Mannräuschlein  Goethes  292  (Bibl.). 
Materialismus,    Goethe     und     der 

306  (Bibl.). 

Matterhorn,  mit  Goethe  zum  301 
(Bibl.). 

Menschenbildung  und  Rassen- 
kreuzung, das  Gesetz  Goethes 
in  der  306  (Bibl.). 

Mommsen,  Th.,  Nekrolog  auf  258 
— 262. 

Morgenblatt,  Goethes  Mitarbeit  am 
277  ff. 

Museen,  aus  den  Großherzoglichen 

307  (Bibl.). 

Musik,  Goethe  und  die  306  (Bibl.). 
Nachdrucksprivilegien,  die,  Goethes 

vom  Jahre  1825,292  (Bibl.). 
Nachträge  und  Berichtigungen  253 

—257. 
Nationalkultur,    Goethes    Stellung 

zu    dem    Begriff   der    deutschen 

290  (Bibl.). 

Neue  Ausgaben  u.  Besprechungen 
derselben  288  fg.  (Bibl.). 

Neue  Schriften  über  Goethe  290  ff. 
(Bibl.). 

Okkultismus,  Goethe  und  der  306 
(Bibl.). 

Orient,  Goethe  und  der  306  (Bibl.). 

Pädagoge,  Goethe  als  306  (Bibl.). 

Park,  im  Weimarer  309  (Bibl.). 

Philisters,  der  Typus  des,  bei  Goethe 

291  (Bibl.). 

Philosoph,  Goethe  als  306  (Bibl). 

War  Goethe  ein  —   312  (Bibl.). 
Popularität  306  (Bibl.) 
Prometheus.     Goethe-Prometheus 

291  (Bibl.). 
Rath,   Goethes  bester   306  (Bibl.). 
Relativsatz,  Goethes  292  (Bibl.). 
Religion,  Stellung  zur,  u.  religiöse 

Bedeutung  306  (Bibl.). 
Romantik,  Goethe  u.  die  291  (Bibl.). 
Schiller,  der  malträtirte  291  (Bibl.). 
Schröer,  in  memoriam  305  (Bibl.). 
Sesenheim  308  (Bibl.).  3 10  (Bibl). 


334 


Goethe-Register. 


Sprache,  Goethe  und  die  deutsche 
291  (Bibl.). 

Sprachstatistik,  die,  Anwendung  auf 
Goethe  292  (Bibl.). 

Tod,  bis  zu  Goethes  291  (Bibl.). 

Trulle,  die,  und  Mundartliches  bei 
Goethe  292  (Bibl ). 

Uebersetzungen  299  (Bibl.). 

Urtheil  über  die  wichtigsten  Tages- 
fragen des  20.  Jahrh.  Goethes 
306  (Bibl.). 

Verurtheilte  Goethe,  der  292  (Bibl.). 

Weimar,  ein  Wort  über  308  (Bibl.). 

Weimar,  Anna  Amalia,  Groß- 
herzogin von  312  (Bibl.). 

Weimar,  Karl  August,  Großherzog 
von,  und   Pougens    303  (Bibl.). 


—   in  einer  Sitzung  der  Pariser 

Akademie  303  (Bibl.). 
Weimarer   Ausgabe,    130.    Bericht 

der  Redakteure  und  Herausgeber 

273—288. 
Weine,  Goethes  Stellung  zum  306 

(Bibl.). 
Weisheit  Goethes  306  (Bibl.). 
Weltbibel,    Plan  einer  306  (Bibl.). 
Weltlitteratur,  Goethes  Wirkung  in 

der  302  (Bibl.). 
Wiener   Goethe -Vereins,   Chronik 

des  290. 
Zeichner,  Goethe  als  307  (Bibl.). 
Zitate  Goethe-  292  (Bibl.). 
Zoologie,  zu  Goethes  243. 


ÜBER 

Goethes  Verhältniss 

ZUR 

Schauspielkunst. 


Vox 


Alfred  Freiherrn  von  Berger. 


Festvortrag 

GEHALTEN  I\  DER  I9.  GENERALVERSAMMLUNG  DER  GoETHE-GeSELLSCHAFT 

IN  Weimar  am  28.  Mai  1904. 


ÜBER  Goethes  VerhAltniss 
ZUR  Schauspielkunst. 


as  deutsche  Theater,  unter  welchem  Begriffe  die 
dichterischen  wie  die  darstellerischen  Potenzen, 
die  auf  der  Bühne  in  Eine  gemeinsame  Schöpfung 
zusammenfließen,  verstanden  werden  mögen,  befindet  sich 
heute  in  einem  Zustand,  der  mannigfaltige  Vergleichungs- 
punkte bietet  mit  jenem,  den  Goethe  vorfand,  als  er  im 
Bunde  mit  Schiller  mit  starker  erziehender  Künstlerhand 
in  seine  Entwickelung  eingriff. 

Wir  haben  eine  Periode  durchlebt,  in  welcher  mit  ein- 
seitiger Leidenschaftlichkeit  Natürlichkeit  im_  Sinne  von 
WirkHchkeitstreue  als  letztes  Ziel  der  dramatischen  Kunst 
verkündigt  und  angestrebt  wurde,  und  beginnen  nun  zu 
empfinden,  daß  diese  Art  Kunst  unser  durch  Theorien  und 
Schlagworte  auf  die  Dauer  unbeirrbares  seelisches  Bedürfniß 
nicht  mehr  befriedigt.  Eine  Sehnsucht  nach  neuer,  höherer 
Kunst  wandelt  durch  die  Geister,  und  da  diese  Sehnsucht 
vorläufig  in  neuen  Schöpfungen  ihre  Befriedigung  nicht 
findet,  greift  sie  mit  frisch  erwachender  Empfänglichkeit 
auf  die  Werke  unserer  Classiker  zurück,  welche  noch  vor 
Kurzem  der  übertreibenden  Vorhut  der  modernen  Bewegung 
als  überlebt  und  abgethan  gegolten  hatten.  Nicht  aus 
unsicheren  Muthmaßungen  und  Abschätzungen  des  geistigen 
Zustandes  der  Gegenwart  folgere  ich  diese  Thatsache,  sondern 
aus  den  nüchternen  Ziff'ern  der  Kassenrapporte.  Classische 
Werke  haben  im  ablaufenden  Spieljahr  an  Anzahl  der 
Wiederholungen  und  Höhe  der  Emnahmen  die  modernen 
Zugstücke  eingeholt,  und  dieß  dürfte  nicht  nur  in  dem 
in   literarischen    und    theatralischen   Dingen    conservativen 

Goetue-Jahkbucu    XXV.  22 


4*  Festvortrag  von  Alfred  Freiherrn  von  Berger. 

Hamburg,  sondern  in  allen  wichtigen  Centren  deutschen 
Geisteslebens  so  gewesen  sein. 

Allenthalben  aber  zeigt  sich  die  Erscheinung,  daß  das 
unter  dem  Einfluß  der  realistischen  Schule  herangewachsene, 
zur  vollendeten  Darstellung  ihrer  Schöpfungen  erzogene 
Geschlecht  von  Schauspielern  den  Werken  der  Classiker 
darstellerisch  nicht  gewachsen  ist.  Gesteigerte,  wohl  gar 
rythmisch  gegliederte  dichterische  Rede  im  höheren  Sinne 
natürlich,  wahr  und  eindringlich  vorzutragen,  diese  Kunst 
ist  den  deutschen  Schauspielern,  von  einigen  Ausnahmen 
abgesehen,  so  ziemlich  verloren  gegangen;  sowie  überhaupt 
die  mimischen  Ausdruckszeichen,  die  zur  Meisterschaft  in 
der  realistischen  Menschendarstellung  hinreichen,  sich  unzu- 
länglich erweisen,  um  die  großen  Gestalten  Schillers,  Goethes 
und  Shakespeares  lebendig  zu  machen. 

Diese  Verlegenheit  ist  nichts  Neues  in  der  Geschichte 
des  deutschen  Theaters.  Sie  ist  dem  Wesen  nach  die 
nämUche,  welche  die  Meister  der  alten,  von  Eckhoff", 
Schröder  und  Ackermann  abstammenden  Hamburger  Schule 
den  Aufgaben  gegenüber  empfanden,  welche  ihnen  die 
Versdramen  Schillers,  vor  allem  Wallenstein,  stellten;  wobei 
es  mir  selbstverständlich  ferne  liegt,  die  »natürhche«  Schau- 
spielkunst des  ausgehenden  achtzehnten  Jahrhunderts,  die 
ihre  Modelle  im  deutschen  Bürgerthum  jener  Tage  suchte 
und  fand,  zu  identifiziren  mit  der  modernen  realistischen 
Schauspielkunst  des  ausgehenden  neunzehnten  Jahrhunderts. 
Diese  meinte  die  unverfälschte  Menschennatur  in  andern 
Volksschichten  zu  entdecken,  wie  denn  überhaupt  der 
wechselnde  Geist  der  Zeiten  sich  in  nichts  treff"ender  selbst 
charakterisirt,  als  in  dem,  was  er  als  ursprünglichen  Natur- 
zustand empfindet.  Das  Zeitalter  Rousseaus  sah  etwas  ganz 
anderes  als  »Natur«  an,  als  das  Zeitalter  Darwins. 

Die  große  Leistung  Goethes  in  der  Entwicklung  des 
deutschen  Theaters  besteht  darin,  daß  er  eine  deutsche 
Schauspielkunst  zu  schafften  strebte,  die  zur  wirksamen 
Verkörperung  dramatischer  Werke  hohen  Styls  geeignet 
war,  einer  Schauspielkunst,  durch  welche  der  künstlerische 
und  geistige  Genalt  eines  »Wallenstein«,  eines  »Tasso« 
ebenso  voll  zu  sinnlicher,  szenischer  und  mimischer  Er- 
scheinung kam,  als  dieß  die  von  ihm  vorgefundene  deutsche 
Schauspielkunst  für  die  Stücke  Ifflands,  Kotzebues  und 
Schröders  zu  leisten  vermochte. 

Da  wir  uns  in  ähnlichen  künstlerischen  Nöthen  befinden, 
wie  jene  waren,  die  Goethe  als  Theaterleiter  zu  überwinden 
suchte,  dürfte  die  genaue  und  vorurtheilslose  Betrachtung, 
dessen,  was  Goethe  erstrebte  und  erreichte,  für  uns  im 
höchsten  Grade  anregend  und  fruchtbar  sein. 


Über  Gokthes  Verhältniss  zur  Schauspielkunst.  5* 

Freilich  fehlt  uns,  wie  dieß  in  der  Theatergeschichte 
nicht  anders  sein  kann,  die  unmittelbare,  sinnliche  Anschauung 
von  Aurtuhrungen  im  Weimarer  Hoftheater,  in  denen  Goethe 
seinem  Ideal  nahegekommen  zu  sein  glaubte.  Wir  sind 
daher  gezwungen,  uns  mit  Berichten  über  solche  Auf- 
führungen und  mit  Goethes  schriftlichen  Aeußerungen  über 
Schauspielkunst  zu  begnügen. 

Um  ganz  zu  begreifen  und  zu  würdigen,  was  Goethe 
als  Theaterleiter  gewollt  hat,  um  eine  lebendige  Anschauung 
der  Schauspielkunst  zu  gewinnen,  die  er  zu  schaffen  ver- 
suchte, darf  man  seine  theatrahsche  Thätigkeit  nicht  isolirt 
und  abgesondert  von  seiner  übrigen  schöpferischen  Geistes- 
thätigkeit  betrachten  wollen. 

Der  Theaterleiter  Goethe  ist  der  nämliche  Goethe,  / 
wie  der  Dichter  Goethe,  wie  der  Naturforscher,  wie  der  ' 
Mensch  Goethe.  Wenn  ihn  die  Natur  mit  einem  seinem 
dichterischem  Genie  ebenbürtigen  schauspielerischen  Talent 
begabt  hätte  und  mit  dem  unwiderstehlichen  Drange,  es 
ausübend  bis  zum  höchsten  Grade  des  Könnens  emporzu- 
entwickeln,  so  würden  die  Zeitgenossen  rein  geschaut  und 
empfunden  haben,  was  er  eigentlich  von  der  Schauspiel- 
kunst forderte.  Das  war  nun  nicht  der  Fall.  Er  war 
gezwungen,  bei  der  Durchführung  seiner  Idee  schauspiele- 
rischer Darstellung,  statt  sie  persönlich  so  zu  verwirk- 
lichen, w^ie  seine  Idee  der  Poesie,  sich  anderer  Menschen 
zu  bedienen,  die  er  systematisch  dazu  erzog,  daß  sie  in 
seinem  Geist  und  Sinne  spielten.  Mögen  wir  seine  päda- 
gogische, Geist  übertragende  Kraft  und  Wirksamkeit,  sowie 
anderseits  die  Fähigkeit  seiner  Schüler,  die  Intentionen 
des  Meisters  zu  erfassen  und  nachzuempfinden,  noch  so 
hoch  einschätzen,  so  war  doch  der  Weg  vom  schöpferischen 
Haupt  zur  thatsächUchen  Gestaltung  unterbrochen,  und  die 
Ausführung  konnte  von  der  Intention  nur  ein  höchst  un- 
vollkommenes Bild  geben.  Das  eigentlich  Goethesche, 
der  unnachahmliche  Zauber  Goetheschen  Wesens  und 
Geistes,  konnte  so  wenig  darin  sein,  als  er  etwa  in  den 
poetischen  Versuchen  eines  Eckermann  anzutreffen  ist,  der 
sich  anstrengte,  im  Goetheschen  Geiste  zu  dichten. 

Daher  bieten  uns  denn  auch  die  Documente,  die  uns 
von  Goethes  Bemühungen,  Schauspieler  in  seinem  Sinne 
heranzubilden,  Kunde  geben,  wie  etwa  die  18 12  verfaßten 
»Regeln  für  Schauspieler«,  weniger  eine  Vorstellung  des 
Goetheschen  Ideals  der  Schauspielkunst,  als  sie  uns  die 
Vorschriften  und  Regeln  aufbewahren,  in  die  er  seine 
künstlerische  Intention  umsetzen  mußte,  um  sie  überhaupt  , 
erst  mittheilbar  und  ihre  Ausführung  lehrbar  und  durch-  ! 
setzbar  zu  machen. 

22* 


6*  Festvortrag  vo\  Alfred  Freiherrn  von  Berger. 

Verstehen  wird  diese  Intention  nur,  wer  hinter  die 
Veranstaltungen,  mittelst  welcher  sie  durchgesetzt  werden 
soll,  in  das  Centrum  des  Goetheschen  Geistes  dringt,  dessen 
eigenartige  Ausstrahlung  sie  genau  so  ist,  wie  Goethes 
Naturbetrachtung  und  Poesie.  Dann  erscheint  sie  frei  von 
all'  dem  Pedantischen,  Absonderlichen  und  Künstlichen,  das 
dem  von  Goethe  verfaßten  kurzen  Katechismus  für  Schau- 
spieler anhaftet. 

Von  dem  Grad  des  Talents  und  der  Stärke  der 
Individualität,  welche  die  Schauspieler  mitbrachten,  an 
denen  Goethe  das  Experiment  künstlerischer  Erziehung 
vornahm,  kann  man  sich  heute  einen  lebendigen  Begriff 
nicht  mehr  machen.  Aber  es  ist  anzunehmen,  daß  unter 
ihnen  allen  eine  mächtige  schauspielerische  Persönlichkeit 
welche  die  Fähigkeit  besaß,  die  Goetheschen  Anregungen 
und  Anforderungen  aufzunehmen  und  mit  genialer  Origi- 
nalität zu  verarbeiten  und  völlig  in  die  Sprache  der  Schau- 
spielkunst zu  übersetzen,  sich  nicht  befand.  Eine  solche 
Persönlichkeit  hätte,  als  Goethe  mit  Schiller  das  Theater 
reformirte,  der  Dritte  im  Bunde  sein  müssen,  um  das  Recht 
der  Schauspielkunst  gegenüber  den  Anforderungen  des 
Dichters,  des  bildenden  Künstlers  und  des  Mannes  von 
höchster  ästhetischer  Kultur,  die  Goethe  vertrat,  kräftig  zur 
Geltung  zu  bringen. 


Mißverständniß  und  Ungerechtigkeit  beherrscht  oft 
genug  die  Darstellung  und  Beurtheilung  der  Goetheschen 
Theaterleitung  in  den  theatergeschichtlichen  Büchern  und 
Abhandlungen,  namentHch  in  jenen,  die  nicht  von  Literatur- 
gelehrten, sondern  von  Theater-Fachleuten  herrühren. 

Immer  wieder  werden  seine  Grundsätze  in  einen  ge- 
wissen Gegensatz  zu  den  Prinzipien  und  Bestrebungen  der 
Schröderscnen  Schule  gebracht,  als  ob  er  die  Naturwahr- 
heit der  schauspielerischen  Darstellung  durch  pathetische 
Declamation  und  plastische  Pose  habe  verdrängen  und  er- 
setzen wollen. 

Ist  es  schon  an  und  für  sich  unglaublich,  daß  ein 
Geist  wie  Goethe,  der  der  Natur  näher  stand  als  irgend 
ein  anderer,  in  solche  Abirrung  von  einem  dem  geringsten 
Kopf  einleuchtenden  und  selbstverständlichen  Grundgebot 
der  Schauspielkunst  gerathen  sein  sollte,  so  wird  man  diesem 
Vorwurf  in  den  zahlreichen  Stellen,  in  denen  Goethe  von 
seiner  Auffassung  der  Schauspielkunst  Rechenschaft  giebt, 
gründUch  und  entschieden  wiedersprochen  finden. 

Daß  es  in  allererster  Reihe  darauf  ankomme,  daß  der 
Zuschauer    durch    die    schauspielerische  Darstellung    den 


Über  Goethes  Verhältniss  zur  Schauspielkunst.  7 

Eindruck  lebendigster  Naturwahrheit  empfange,  »so  daß 
er  nicht  eine  Nachahmun«^,  sondern  die  Sache  selbst  zu 
sehen  glaube«  (»Ueber  Wahrheit  und  Wahrscheinlichkeit 
der  Kunstwerke«),  das  stand  Goethe  so  fest,  als  irgend 
einem  seiner  Widersacher.  Sogar  in  den  »Regeln  für  Schau- 
spieler« ist  diese  Forderung  in  dem  von  der  Declamation 
handelnden  §  20  aufs  Bestimmteste  ausgesprochen.  »Hier« 
(nämlich  in  der  Declamation)  »muß  ich  meinen  angebornen 
Charakter  verlassen,  mein  Naturell  verleugnen  und  mich  ganz 
in  die  Lage  und  Stimmung  desjenigen  versetzen,  dessen 
Rolle  ich  declamire.  Die  Worte,  welche  ich  ausspreche, 
müssen  mit  Energie  und  dem  lebendigsten  Ausdruck  her- 
vorgebracht werden,  so  daß  ich  jede  leidenschaftliche  Regung 
als  wirklich  gegenwärtig  mit  zu  empfinden  scheine.« 

Der  leidenschaftUchste  Verfechter  der  naturalistischen 
Richtung  könnte  nicht  anders  sprechen.  Ja,  Goethe  unter- 
läßt auch  nicht,  den  Schauspieler  gerade  vor  jenen  Fehlern 
nachdrücklich  zu  warnen,  welche  die  Gegner  der  schau- 
sp